{"id":6278,"date":"2011-03-21T11:30:44","date_gmt":"2011-03-21T10:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6278"},"modified":"2011-03-21T11:30:44","modified_gmt":"2011-03-21T10:30:44","slug":"schmelzwasser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6278","title":{"rendered":"Schmelzwasser"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Schmelzwasser&#8221; von Sigfrid Maron ist, wie auf der Buchr\u00fcckseite steht &#8221; krumm und gebogen und frei erfunden, wie ja ein Gro\u00dfteil unserer Geschichte heute ver- oder zurechtgebogen, wenn nicht v\u00f6llig neu erfunden wird. Weder aus Sicht der K\u00fcnstler, noch aus Sicht der Musikindustrie bzw. deren Mitarbeiter, von der Putzfrau bis hinauf zum Konzernchef, habe ich die geringste Ahnung von mehr oder minder. Was ich schreibe, habe ich geh\u00f6rt, gelesen, getr\u00e4umt, fantasiert.&#8221;<br \/>\nUnter Autor und Titel auf der ersten Seite samt wei\u00dfrussischer \u00dcbersetzung von Sergej Iljitsch Mladowskowitsch, steht noch, &#8220;eine Assoziationskette m\u00f6glicherweise ein Roman keine Gebrauchsanweisung f\u00fcr eine Waschmaschine aber fast ein Kochbuch&#8221;, was sich wohl darauf bezieht, da\u00df es auf den letzten Seiten ein paar Rezepte, wie Gulasch, Sauerkraut, Semmelkn\u00f6del und Marillenkuchen gibt und beginnt, nach einigen Widmungen, einem Forwort (Achtung, bevor wieder eine Mahnung bez\u00fcglich meiner Rechtschreibung kommt, das ist im Buch so geschrieben und wird auch erkl\u00e4rt) und Erkl\u00e4rungen &#8220;mit quietschenden Reifen, Folgehorn und Blaulicht&#8221; und einer Fahrt des Notarztwagens in ein Krankenhaus und  endet fast, denn dann kommt noch eine Stellungnahme des \u00dcbersetzers, die Kochrezepte und auch schon die Rezensionen vom Schwarzataler Bezirksboten bis zur Furche und einer Seite Platz mit Gegendarstellungen, mit dem Erwachen aus der Narkose oder sonstigen Zust\u00e4nden.<br \/>\n&#8220;Schlecht getr\u00e4umt?&#8221;, fragt die Frau am Bett.<br \/>\n&#8220;Das war ein ganzes Buch, was macht nur solche Tr\u00e4ume?&#8221;<br \/>\n&#8220;Das Abendessen!&#8221;, sagt Schwester Erika und h\u00e4ngt eine Literflasche Fl\u00fcssignahrung an, &#8220;nur das Abendessen.&#8221;<br \/>\nDazwischen liegen zweihundertf\u00fcnfundachtzig Seiten, ein Paar Zeichnungen, in denen man beim russischen Finanzminister Alexej Kudrin, rein zuf\u00e4llig, weil das ja jede \u00c4hnlichkeit, wie darunter steht, sein soll, Karl Heinz Grasser erkennt und zwei Handlungsstr\u00e4hne. Die eine ist ein wirrer Monolog, des auf der Intensivstation liegenden mit wahrscheinlich ebenfalls nur zuf\u00e4lligen \u00c4hnlichkeiten zum Autor, Teile seiner Lebensgeschichte, wilde Fieberphantasien aber auch Betrachtungen zur politischen Lage, schwarz-blau, Asylpolitik, Kommunismus, Gott und die Welt etc, dann folgen Geschichten von seinem Taxi fahrenden Neffen, der ihm einen Werkzeugkasten verspricht und als Koch oder Kellner in einem seltsamen Hotel arbeitete. Der Ich-Erz\u00e4hler kocht auch Sauerkraut etc und schreibt vielleicht an einem Roman \u00fcber die Musikindustrie, in der er uns und das ist der zweite Strang, an dem Arsch bzw. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Mike Peschl der Priestwein AG, die Auswirkungen der Globalisierung erkl\u00e4rt. Will Peschl doch die beste aller Sekret\u00e4rinnen ficken und in der folgenden Mitarbeiterversammlung alle entlassen, einsparen, freisetzen, k\u00fcndigen oder wie das in Neu Deutsch-Englisch so sch\u00f6n hei\u00dft hei\u00dft. Er kommt dann nicht in seine Wohnung hinein, stolpert \u00fcber Leichen und einer seiner gek\u00fcndigten Mitarbeiter tarnt mit der besten aller Sekret\u00e4rinnen eine Geiselnahme und entkommt mit der ins Hotel Minsk in der Nezawisimosti-Alle 11.<br \/>\nWas es mit der wei\u00dfrussischen \u00dcbersetzung auf sich hat, der Ich-Erz\u00e4hler s\u00e4uft bzw. kommuniziert immer wieder mit dem \u00dcbersetzter Mladi, der das im Dialekt geschriebene Buch zuerst auf wei\u00dfrussisch und dann auf Hochdeutsch zur\u00fcck\u00fcbersetzt, habe ich nicht ganz verstanden, aber das kann man, wie ja schon im Vorwort steht, offenbar \u00fcberhaupt nicht.<br \/>\nDas Buch ist also ein gigantischer Monolog, eine Fieberfantasie und Weltabrechnung eines kritischen Denkers, der m\u00f6glicherweise oder auch nicht, gro\u00dfen Spa\u00df am Vorsichhinfabulieren hatte, des 1944 in Wien geborenen, sozialkritischen Lidermachers Sigi Marons, der 1956 an Kinderl\u00e4hmung erkrankte, sich 1997 aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden zur\u00fcckzog, einige Male f\u00fcr die KP\u00d6 kanditierte und 2010  mit dem Doppelalbum &#8220;Es gibt kan Gott&#8221; auf die B\u00fchne zur\u00fcckkehrte. Daraus habe ich ihm am Volksstimmefest singen und spielen geh\u00f6rt. Im November gab es in der Kunsthalle am Karlsplatz ein weiteres Konzert bzw. die Buchvorstellung, des in der Bibliothek der Provinz erschinenen &#8220;Schmelzwassers&#8221;, auf der Alfred war und mit das Buch zum Geburtstag schenkte<br \/>\nSigi Maron ist auch GAV Mitglied und so habe ich 1990 in einer von Georg Bydlinsky organisierten Lesung im Pfarrheim von Maria Enzersdorf, das Flugblatt  h\u00e4ngt noch am Harlander Klo, mit ihm gelesen.<br \/>\nEin interessantes Buch einer offenbar sehr selbstbewu\u00dften, kritischen Stimme, die offenbar keine Angst vor den kritischen Leserstimmen und deren Wutausbr\u00fcchen hat, sondern mit ihnen immer wieder direkt kommuniziert und gleich von vornherein feststellt, da\u00df man das Buch nicht lesen mu\u00df.<br \/>\nDenn &#8220;es besteht keine generelle Vorschrift \u00fcberhaupt B\u00fccher zu lesen, ganz besonders nicht dieses&#8221; und wie erw\u00e4hnt, die Rezensionen hat er sich auch schon angef\u00fcgt. So meint er, da\u00df der Schwarzataler Bezirksbote meinen w\u00fcrde &#8220;Das ist kein Krimi und kein Roman, das ist Pornografie der schlimmsten Art. Solchen Autoren sollte man die Bleistifte wegnehmen, die Bleistiftspitzer nat\u00fcrlich auch.&#8221;<br \/>\nTr\u00f6stlich f\u00fcr die Rezensentin, die ja auch schon h\u00f6rte, &#8220;da\u00df sie sich nicht als solche nennen und auch nicht glauben sollte, da\u00df sie schreiben darf weil sie es vielleicht ein bi\u00dfchen kann, weil sie damit ja Ressourcen klaue und dem Betrieb schaden w\u00fcrde, aber wie!&#8221;<br \/>\nDer Unterschied zwischen meinen und Sigi Marons Texten ist vielleicht, da\u00df ich es wom\u00f6glich ernster meine, unsicherer bin und mich auch bem\u00fche es meinen Kritikern recht zu machen oder auch nicht, was wei\u00df man schon genau?<br \/>\nEin interessantes Buch, da\u00df ich allzu strengen Kritikern zur Lekt\u00fcre sehr empfehlen kann. Man lernt dabei \u00fcber den Tellerrand hinaus zu schauen. Wem das nicht gef\u00e4llt, der kann sich ja an die Kochrezepte halten und &#8220;das und nicht der Gulasch&#8221; dabei essen. Ein Achterl rot oder einen gr\u00fcnen Vetliner sollte man vielleicht dazu trinken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Schmelzwasser&#8221; von Sigfrid Maron ist, wie auf der Buchr\u00fcckseite steht &#8221; krumm und gebogen und frei erfunden, wie ja ein Gro\u00dfteil unserer Geschichte heute ver- oder zurechtgebogen, wenn nicht v\u00f6llig neu erfunden wird. 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