{"id":63130,"date":"2018-07-20T00:28:16","date_gmt":"2018-07-19T22:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=63130"},"modified":"2018-07-20T00:28:16","modified_gmt":"2018-07-19T22:28:16","slug":"abschied-von-christine-noestlinger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=63130","title":{"rendered":"Erinnerungen an Christine N\u00f6stlinger"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe ja in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/20\/erinnerungen\/\">den Sechzigerjahren zu lesen angefangen<\/a> und als Tochter eines engagierten Sozialisten zu Weihnachten immer ein Buch der Kinderfreunde unter dem Christbaum gefunden.<\/p>\n<p>Damals hie\u00dfen die Autoren Vera Ferra-Mikura und Friedrich Feld und was die Ferra-Mikura betrifft, sind mir da &#8220;Meine Freundin Rosine&#8221; und &#8220;Peppis doppelte Welt&#8221; und nat\u00fcrlich die &#8220;Stanisl\u00e4use&#8221; im Ged\u00e4chtnis geblieben und sie war, da bin ich mir sicher, ein Vorbild von Christine N\u00f6stlinger, die mir als Kinderbuchautorin irgendwie verlorengegangen ist, weil ich, als sie in den Siebzigerjahren zu publizieren begann,\u00a0 schon erwachsen war.<\/p>\n<p>Trotzdem war sie damals in aller Munde und hat die Kinderbuchliteratur erstaunlich reformiert. Der &#8220;Wischer&#8221; ist in den Siebziger- oder Achtzigerjahren in \u00d6-3 gelaufen, dann gab es das &#8220;Austauschkind&#8221; und mit dem habe ich mir oder die anderen Autoren der &#8220;Die M\u00e4dchen d\u00fcrfen pfeifen, Buben d\u00fcrfen weinen- Anthologie&#8221;, den Kinderbuchpreis von 1982, glaube ich, geteilt habe.<\/p>\n<p>Denn, die 1936 in Wien-Hernals, ein Bezirk, in dem ich ja auch aufgewachsen bin, geborene Autorin, war in der Jury, als Johanna Dohnal vom Staatssekretariat f\u00fcr Frauenfragen, einen Wettbewerb f\u00fcr ein nicht rollenkonformes Kinderbuch aufgerufen hat.<\/p>\n<p>Ich habe eine Szene aus einem Projekt, an dem ich damals gearbeit habe, als &#8220;G\u00fcler will kein Kopftuch mehr&#8221;, umgearbeitet und eingereicht und ich bin fast sicher, da\u00df ich den Preis den ich damit gewonnen habe, ihr verdanke.<\/p>\n<p>Gelegenheit zu fragen oder mit ihr dar\u00fcber zu sprechen, gab es keine, obwohl das Buch prominent\u00a0 aufgenommen wurde, ein paar Auflagen hatten, den besagten Kinderbuchpreis gewonnen hat, als Taschenbuch aufgelegt wurde und und und am vorigen Freitag, als ich in Harland auf der Terrasse sitzend ein wenig herumgegooglet habe, habe ich erfahren, Christine N\u00f6stilinger ist im einundachtzigsten Lebensjahr gestorben.<\/p>\n<p>Das ist, wie mir &#8220;Wikipedia&#8221; mitteilte, schon am achtundzwanzigsten Juni geschehen. Bekanntgegeben wurde es aber offenbar erst am letzten Freitag und hat nat\u00fcrlich gro\u00dfe Betroffenheit ausgel\u00f6st, obwohl ich in einem Interview lesen konnte, da\u00df die Autorin sich zuletzt geweigert hat, weiter Kinderb\u00fccher zu schreiben, weil sie meinte, diese mit Achtzig nicht mehr zu verstehen.<\/p>\n<p>Nun, die Kinder haben sich inzwischen sicherlich ge\u00e4ndert, die Anna ist aber mit ihren B\u00fcchern aufgewachsen und w\u00e4hrend mich als Kind Vera Ferra-Mikura &#8220;Peppis doppelte Welt&#8221; als eine der ersten Schilderung eines Scheidungskindes sehr beeindruckt hat und ich bedauere, das Buch, das man inzwischen wahrscheinlich nur mehr gebraucht bekommen kann, nicht zu besitzen. Denn ich habe als Kind ja viel aus der B\u00fccherlade meiner Hauptschulklasse gelesen, hatte die Anna, glaube ich, mit dem Scheidungsbuch, der N\u00f6stlinger, wo die Welt eines Kindes offenbar viel brutaler durchgeschnitten und zerteilt wurde, mehr Schwierigkeiten, als ich mit dem Peppi, dem halt nach den W\u00fcrsteln beim Papa schon schlecht war und sich trotzdem nicht traute, das Mittagessen der Mutter, das sie ihm hinstellte, als er von dort zur\u00fcckkam, zu verweigern. Sie hat es aber verstanden und ihm kleine Portionen hingestellt. Heute w\u00fcrde man das Mittagessen wahrscheinlich ganz weg lassen. Es hat sich aber sicher als tolle Szene erwiesen, das Problem von Scheidungskindern aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Vera Ferra-Mikura hat sehr sozialkritisch geschrieben, Christine N\u00f6stlinger ist ihren Spuren gefolgt und hat die &#8220;Feuerrrote Friederike&#8221;, glaube ich, auf dem K\u00fcchentisch geschrieben.<\/p>\n<p>Ich war ja, wie schon erw\u00e4hnt, f\u00fcr ihre Kinderb\u00fccher zu alt und bin wahrscheinlich auf Christine N\u00f6stlinger durch das Buch von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/25\/geburtstagsfeier-fuer-hilde-schmoelzer\/\">Hilde Schm\u00f6lzer<\/a> &#8220;Frau sein und schreiben&#8221; aufmerksam geworden, die ein Interview mit ihr brachte. Das hei\u00dft so ganz wird das nicht stimmen, Christine N\u00f6stlinger war in den Siebziger- und Achtigerjahren sehr popul\u00e4r und hat wahrscheinlich, sowohl in der Arbeiterzeitung, als auch in der sozialistischen Frau, die Frauenzeitschrift, die meine Mutter gelesen hat, regelm\u00e4\u00dfig publiziert.<\/p>\n<p>Es sind dann auch bald die Gedichtb\u00e4nde \u00fcber die ganz armen Kinder, die ganz armen Frauen und sp\u00e4ter, glaube ich, auch \u00fcber solche M\u00e4nner herausgekommen.<\/p>\n<p>Die &#8220;Geschichten vom Franz&#8221; habe ich der Anna vorgelesen und noch fr\u00fcher, war ich mal auf einer Veranstaltung, wo Christine N\u00f6stlinger gelesen hat und ein bi\u00dfchen verwirrt dar\u00fcber war, da\u00df die wahrscheinlich antiautorit\u00e4r erzogenen und sehr selbstbewu\u00dften Kinder ihr nicht so recht zuh\u00f6ren wollten. Da hatte sie es als Autorin nicht so leicht, obwohl sie wahrscheinlich selber dazu beigetragen hat, die Kinder so zu erziehen und rotzfrech, hat sie ja in Interviews \u00f6fter\u00a0 gesagt, ist sie als Kind auch gewesen.<\/p>\n<p>Ihre ersten Geschichten hat sie, glaube ich, am K\u00fcchentisch geschrieben und ist, glaube ich, auch \u00fcber das Zeichnen zum Schreiben gekommen. Ihre Literatur hat aber eingeschlagen. Die Kinder der Siebziger- und achtzigerjahre selbstbewu\u00dft gemacht und jetzt fehlt in den neobliberalen Zeiten wahrscheinlich ihre rotzfreche emanzipatorische Literatur und hat, obwohl ich mich bei den heutigen Kinderbuchtrends nicht so auskenne, weil ich ja keine Enkelkinder habe, denen ich B\u00fccher vorlesen k\u00f6nnte, eigentlich auch keine richtige Nachfolger gefunden, die in ihrem Sinne die Emazipation in die Kinderzimmer weitertragen k\u00f6nnten und dort wird, h\u00f6re ich ja immer, ohnehin immer weniger gelesen und immer weniger Kinder lernen das und die Lust dazu, auch in der Schule.<\/p>\n<p>So ist der Tod der gro\u00dfen Kinderbuchautorin nat\u00fcrlich ein gro\u00dfer Verlust f\u00fcr die Kinderzimmer, obwohl man ihre B\u00fccher ja weiter kaufen und lesen kann und das nat\u00fcrlich auch sollte.<\/p>\n<p>Und an noch ein Bonmot der gro\u00dfen alten Dame kann ich mich erinnern. Als Johanna Dohnal gestorben bin, bin ich zu einer Gedankveranstaltung auf den Ballhausplatz gegangen. Da ist sie aufgetreten und hat gesagt, da\u00df sie den Feminismus nie aufgegeben und ihn, wenn n\u00f6tig auch noch mit der Kr\u00fcke verteidigen wird. Was mich in Zeiten, wo ja die jungen rechten Frauen sehr energisch dagegen ank\u00e4mpfen, sehr beeindruckt hat.<\/p>\n<p>Jetzt kann sie das weder mit noch ohne Kr\u00fcken tun, so da\u00df wir, die wir den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/30\/frauenpower-beim-bachmannpreis\/\">Feminismus<\/a> wollen, ihn wohl selber verteidigen m\u00fcssen und mit Vera Ferra-Mikuras und Christine N\u00f6stlingers B\u00fcchern gehet das wahrscheinlich immer noch sehr gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe ja in den Sechzigerjahren zu lesen angefangen und als Tochter eines engagierten Sozialisten zu Weihnachten immer ein Buch der Kinderfreunde unter dem Christbaum gefunden. 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