{"id":6354,"date":"2011-03-26T10:27:42","date_gmt":"2011-03-26T09:27:42","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6354"},"modified":"2011-03-26T10:27:42","modified_gmt":"2011-03-26T09:27:42","slug":"funf-finger-im-wind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6354","title":{"rendered":"F\u00fcnf Finger im Wind"},"content":{"rendered":"<p>Alfred Paul Schmidts  1978 im Europaverlag erschienener,  Reinhard Urbach gewidmeter Roman &#8220;F\u00fcnf Finger im Wind&#8221;, wird auf der Buchr\u00fcckseite als &#8220;Geschichte von f\u00fcnf jungen Leuten, die zum Countdown der Kultur wird: Anpassen oder Verrecken, das ist hier die Frage&#8221;, beschrieben, was sich als Geschichte einiger verbummelter Studenten entpuppt, die in Graz zu Hause sind, aber typisch f\u00fcr die Siebzigerjahre ihre Sommer zum Geldverdienen in Schweden verbringen. So beginnt der Roman auch dort. Prado, Slobodin und Brandl wohnen als Hausmeister in einer Wohnung in der Malmstensgatan 5, die einer Hausbesitzerfirma geh\u00f6rt, die bauf\u00e4lligen Bretterbuden in der G\u00f6teborger Innenstadt bald abrei\u00dfen will. Aber Prado Schulmann h\u00e4lt es ohnehin nicht lang dort aus, bekommt er doch einen Brief von seiner Freundin Lena, die ihm mitteilt, da\u00df sie sich in seinen Freund Rankerl verliebte, was Prado veranla\u00dft schleunigst, das hei\u00dft \u00fcber Hamburg und M\u00fcnchen zur\u00fcckzufahren, wobei er die Pausen auf den Bahnh\u00f6fen, bis er den n\u00e4chsten Zug bekommt, mit Saufgelagen \u00fcbersteht, wo es zu interessanten und vor allem feuchtfr\u00f6hlichen Bekanntschaften kommt.<br \/>\nDas Saufen, Ficken und das Raufen, mit denen sich die Grazer Szene in den Siebzigerjahren, wie man h\u00f6rt, besch\u00e4ftigt haben soll, geht in der steirischen Metropole munter weiter. Prado wird endg\u00fcltig von Lena verlassen, die sich schlie\u00dflich als Ehefrau Reinhard Renkendorfers wiederfinden wird. Bis es soweit ist, stoppt die sechszehnj\u00e4hrige Hemma, deren Leidenschaften aus Sex und Sandeln besteht, von Voitsdorf nach Graz, weil ihr das Leben dort zu langweilig ist.  In ihrer Unicef Handtasche f\u00fchrt sie ein verschmuddeltes Taschenbuch mit sich auf dessen Titelseite &#8220;Deutsche Erz\u00e4hler&#8221; steht, worauf sie von dem fetten Radioh\u00e4ndler, der sie mitnimmt, den Rat bekommt, doch etwas Gescheiteres zu lesen. &#8220;Trotzkopf&#8221; oder &#8220;Mit beiden F\u00fc\u00dfen in der Luft&#8221; von Alfred Paul Schmidt, vielleicht&#8221;, der ihr schlie\u00dflich anbietet &#8220;ihm f\u00fcr einen Hunderter einen runterzublasen&#8221;. Hemma tuts aus Verlegenheit f\u00fcr Dreihundert,geht dann in den \u00f6rtlichen Jazzkeller, wo sie den Trompeter Matth\u00e4us sucht, vorl\u00e4ufig ist aber nur die Kellnerin Martha da, mit der Hemma in der K\u00fcche erhebende Momente erlebt, um schlie\u00dflich den Frauenheld Slobodin zu treffen, der sp\u00e4ter f\u00fcr f\u00fcnf Monate in Untersuchungshaft kommt, weil er bei einer Lesung des Dichters Billy Pirkners (Wer steht f\u00fcr den nur Pate?) im Zentrum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Zersetzungskultur einen Vorhang angez\u00fcndet und damit ein Happening veranstaltet haben soll. Als Hemma f\u00fcr Slobodin die Mite zahlen soll, verschwindet sie als Saisonarbeiterin nach Tirol, wo sie zuerst ihren Trompeter findet, um schlie\u00dflich als Maitresse eines Zahnarztes ihr Leben zu beenden.<br \/>\nMan sieht das geschlechtsspezifische Frauenbild der Siebzigerjahre oder das von Alfred Paul Schmidt. Kommen Frauen ja nur als Aufri\u00dfe vor, oder wie bei den beiden Frauenfiguren, die etwas deutlicher beschrieben werden, als durchaus sexuell aktiv, um dann als Gattinnen oder Geliebte zu verschwinden. Die M\u00e4nner machen inzwischen Karrierre oder auch nicht. Denn die f\u00fcnf Finger im Wind, von denen mindestens drei m\u00e4nnlich sind, sind ja Aussteiger und haben sich wahrscheinlich, bevor sie in den Hofrats- oder Beamtenstand kommen, schon l\u00e4ngst zu Tode gesoffen. Nach den f\u00fcnf Monaten die Slobodin  in Untersuchungshaft verbringt, denn er kann sich, da er zum Tatzeitpunkt betrunken war, an nichts erinnern, verschwinden die Freunde wieder nach Skandinavien, wo zumindestens Prodo in den Armen einer dicken, schwangeren Aushilfelehrerin h\u00e4ngen bleibt. Was seine Freunde Slobodin und Frank Mohacs, der zeitweise als Versicherungsvertreter arbeitet, machen werden, bleibt ungewi\u00df.<br \/>\nSie werden aber wahrscheinlich weitersaufen, die \u00f6rtlichen Grazer Lokalit\u00e4ten aufsuchen, mit VWs, Volvos und anderen damals \u00fcblichen Autos herumkutschieren und dabei schaurig sch\u00f6ne Dinge erleben, die Alfred Paul Schmidt immer wieder in die Geschichte vom Sinn des Lebens, das  keinen rechten Sinn zu haben scheint, einzuflechten wei\u00df, wie die von dem, &#8220;der sein Geld damit verdient, da\u00df er auf der Kungsportsavenue, der G\u00f6teborger Prachtstraa\u00dfe, neue Zeitungen zu unlesbaren Fertzen zerri\u00df. Von dem Geld das er daf\u00fcr in seinen Hut bekommt, kauft er neue Zeitungen am Kiosk, ein Verfahren, das folgende Vorteile hat: Die Zeitungen wurden umgesetzt, Arbeitspl\u00e4tze bleiben erhalten, niemand braucht den Schund zu lesen, man konnte die gewonnene Zeit mit Langeweile, Schlaf oder anderen Hobbies ausf\u00fcllen&#8230;&#8221;<br \/>\nAu\u00dferdem gibt es eine F\u00fclle von literarischen Anspielungen und es tauchen immer wieder sch\u00f6ne S\u00e4tze und Zitate, wie &#8220;Alle St\u00e4dte sind gleich, nur Venedig ist anders! (F.Torberg)&#8221; oder &#8220;Da die Leute ihren Nachbarn nichts, dem Fernsehen aber alles glauben (Urs Widmer) sei es von \u00fcberaus gro\u00dfer Wichtigkeit, da\u00df&#8230;&#8221;<br \/>\nEin interessanter R\u00fcckblick in die politisch so bewegten und auch hoffnungsvollen Siebzigerjahren, wo in Graz, die Autoren (heute auch Autorinnenversammlung) gegr\u00fcndet wurde, Wolfgang Bauer und Peter Handke spazierengingen und wahrscheinlich auch ihre Achterln tranken, des 1941 geborenen Alfred Paul Schmidt, der am 31. M\u00e4rz seinen siebzigsten Geburtstag feiert, zu dem ich sehr herzlich gratuliere.<br \/>\nIm J\u00e4nner gab es diesbez\u00fcglich schon eine <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/26\/ein-souveraner-jongleur\/\">Festveranstaltung in der Alten Schmide<\/a>, die Rainhard Urbach, ein Alfred Paul Schmidt Spezialist, moderierte, die mich zu der Lekt\u00fcre, des im B\u00fccherschrank gefundenen Romans bewegte, der mich an meine Wiener Studentenzeit in der Otto Bauergasse, die etwas weniger feucht fr\u00f6hlich war, erinnerte.<br \/>\nVon Alfred Paul Schmidts vielen Romanen sind, wie Kurt Neumann und Reinhard Urbach bei der Veranstaltung bedauerten, die meisten vergriffen, eine gute Gelegenheit die B\u00fccherschr\u00e4nke aufzusuchen, denn es ist sehr interessant Romane aus den Siebzigerjahren wiederzulesen, an denen man sehr deutlich sehen kann, wieviel sich inzwischen ver\u00e4ndert hat, wird doch beispielsweise sehr viel und ungeniert geraucht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfred Paul Schmidts 1978 im Europaverlag erschienener, Reinhard Urbach gewidmeter Roman &#8220;F\u00fcnf Finger im Wind&#8221;, wird auf der Buchr\u00fcckseite als &#8220;Geschichte von f\u00fcnf jungen Leuten, die zum Countdown der Kultur wird: Anpassen oder Verrecken, das ist hier die Frage&#8221;, beschrieben, &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6354\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-6354","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6354","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6354"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6354\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}