{"id":63648,"date":"2018-08-07T00:10:50","date_gmt":"2018-08-06T22:10:50","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=63648"},"modified":"2018-08-07T00:10:50","modified_gmt":"2018-08-06T22:10:50","slug":"als-die-kirche-den-fluss-ueberwuerte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=63648","title":{"rendered":"Als die Kirche den Flu\u00df \u00fcberquerte"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder etwas Neues, am ersten August erschienen und schon der zweite Roman, der 1988 in Bratislava geborenen Didi Drobna, die seit 1991 in Wien lebt und auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/01\/20\/westhang-schattig-herb-im-abgang\/\">Sprachkunst<\/a> studierte. Der Erste &#8220;Zwischen Schaumstoff&#8221;erschien 2014 in der &#8220;Edition Exil&#8221;, Preistr\u00e4gerin oder Finalistin von &#8220;Wartholz&#8221; war sie, glaube ich, auch.<\/p>\n<p>&#8220;Als die Kirche den Flu\u00df \u00fcberquerte&#8221;, was hat dieser Titel, der erstmals absurd scheint und aufmerksam macht, zu bedeuten? Es ist eine Metapher f\u00fcr das Leben, beziehungsweise f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen durch Krankheit und Tod, die eine ist die Mutter, die geht oder Alzheimer bekommt, der zweite, der Sohn, der \u00fcberbleibt und die Geschichte erz\u00e4hlen mu\u00df.<\/p>\n<p>Der hei\u00dft Daniel, ist etwa zwanzig und alles f\u00e4ngt mit einem Urlaub an, danach trennen sich die Eltern, was den Sohn offenbar in tiefe Verwirrung st\u00fcrzt. Er f\u00fchlt sich f\u00fcr den Zusammenhalt der Familie verantwortlich, verliebt sich in die Schwester Laura, die schon in einer Bank arbeitet. Es kommt zu einer etwas verwackelten Inzestszene im Suff und die darauffolgenden Ohrfeigen, Auszug zum Vater und schon wieder Trennung.<\/p>\n<p>Inzest ist ein Tabuthebma, das eigentlich nur selten angesprochen und beschrieben wird, obwohl es in Zeiten von Kondomen, Abtreibungen und Pille, meiner Meinung nach keines mehr sein br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>Am Anfang hat das Buch mich verwirrt, beziehungsweise mir nicht sehr gefallen und es w\u00e4re wieder ein Beweis daf\u00fcr, da\u00df man den Wert eines Buches nicht erkennt, wenn man es nach f\u00fcnf Minuten mit den Worten &#8220;Mist, ich lasse mir meine Zeit nicht stehlen!&#8221;, zur Seite schmei\u00dft. Denn da war mir dieser Daniel zu unsympathisch und Didi Drobna zu lustig, der zweite <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/02\/09\/der-kaiser-von-china\/\">Tilmann<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/05\/07\/morgen-mehr\/\">Rammstedt<\/a> habe ich getdacht, dessen aufgesetzte Lustigkeit und heitere Nonsenseschreiben mir auch nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Dann, als die Mutter aber Parkinson und Alzheimer noch dazu bekommt, wird das Buch ber\u00fchrend und ich denke, es ist nicht nur etwas f\u00fcr junge Leute, die sich \u00fcber diese <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/07\/29\/bis-ans-ende-marie\/\">Coming out Comic der Zwanzigj\u00e4hrigen<\/a> am\u00fcsieren und es w\u00fcrde mich nicht wundern, wenn Didi Drobna, das bei einem Gro\u00dfvater oder Gro\u00dfmutter\u00a0 selbst erlebt h\u00e4tte? Wenn es die Mutter gewesen w\u00e4re, w\u00e4re es besonders tragisch. Und das kann ich nachvollziehen und scheint, die ich mich ja sowohl pers\u00f6nlich, als auch beruflich mit diesem Thema besch\u00e4ftigt habe, auch fachlich zu stimmen, obwohl so ganz wieder doch nicht.<\/p>\n<p>Denn die Mutter wird ja, als es dem Sohn, als der zuerst einmal die Pflege \u00fcbernimmt, von zwei vierundzwanhzig Stunden Heimhilfen, die sich abwechseln betreut. Als die Mutter dann doch einmal abb\u00fcchst, weil der Sohn nicht ausgehalten hat, da\u00df sie Stundenlang &#8220;Ich darf die Himbeeren erst essen,wenn&#8230;..!&#8221;\u00a0 und sie dann auf ihr entschuldigendes &#8220;Ich bin noch nicht ganz senil!&#8221;, ein emp\u00f6rtes &#8220;Doch bist du!&#8221;, ins Gesicht geschrieen hat, kommt der Vater, der ja eigentlich ausgezogen ist, auch das ist unlogisch, um sie zu suchen und sie rufen die Betreuerinnen an, ob die wissen, wo sie ist? Aber die eine sitzt wahrscheinlich in der Slowakei bei ihrem Kind und ihrer Mutter und die andere sollte eigentlich im Haus und dabei gewesen sein.<\/p>\n<p>Es gibt neben dem meiner Meinung nach wirklich sehr ber\u00fchrenden und lesenswerten Stellen, aber noch vieles anderes in dem Buch. So erscheint mir diese pl\u00f6tzliche Trennung der Eltern, Erstens nicht wirklich nachvollziehbar und Zweitens rei\u00dft es die Kinder, wie<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/07\/20\/abschied-von-christine-noestlinger\/\"> Christine N\u00f6stlinger und Vera Ferra- Mikura<\/a> zeigten oft empfindlich durcheinander. Ein Achtzehnj\u00e4hriger wird aber wahrscheinlich dr\u00fcber stehen und an die M\u00e4dchen denken, die er noch verf\u00fchren will und da gibt es\u00a0 auch noch einige so aufgesetzt komische Szenen in dem Buch, wie die, wo alle Sch\u00fcler zu Schulanfang in die Kirche gehen und Daniel ist gerade, noch bevor er sich in seine Schwester verliebt, in eine sch\u00f6ne Zugezogene vernarrt, die er dann beim Knutschen mit einem anderen erwischt und laut durch den Kirchensaal :&#8221;Sie wird geleckt verdammt!&#8221;, schreit, dann nach Hause in den Garten rennt und sich am Apfelbaum aufh\u00e4ngen m\u00f6chte, nur leider hat er das Seil zu schlampig gekn\u00f6pft &#8220;Ich st\u00f6hnte, sogar zum Sterben war ich zu bl\u00f6d!&#8221;, so da\u00df er von der herbeieilenden Schwester gerettet wird.<\/p>\n<p>Es gibt noch so eine wahnsinnig komische Szene mit einem Pfarrer. Denn er wird, das Buch erz\u00e4hlt, sowohl von der Gegenwart, als auch von der Vergangenheit, als er, weil er nicht singen m\u00f6chte, in Religion nur eine &#8220;zwei&#8221; bekommt, von der katholischen Gro\u00dfmutter Sonja zum Nachhilfeunterricht beim Pfarrer verdammt, der ist einerseits ein frommer strenger Mann, andererseits ist er leger und tr\u00e4gt Jeans und l\u00e4\u00dft von der Haush\u00e4lterin auch Tee und kleine Br\u00f6tchen servieren.<\/p>\n<p>Daniel rinnt das Wasser im Mund zusammen, nur leider wei\u00df er nicht, wie er sie essen soll. Der Pfarrer macht es ihm nicht vor. So wartet er, bis der von einem Gl\u00e4ubigen, ein Kuvert mit Geld f\u00fcr den Kirchenbau in die Hand gedr\u00fcckt bekommt, stopft die Br\u00f6tchen in sich hinein, kann sie dann aber nicht schnell genug hinunterschlucken, so da\u00df er sie dem Pfarrer am Ende ins Gesicht spukt.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu einem Lachanfall der Eltern, wie in dem Buch, wie ich anmerken kann, \u00fcberhaupt viel gelacht wird, denn als die Eltern heiraten, werden beide vorher von Gro\u00dfcousine Miriam, einer Bildhauerin, bei der Daniel sp\u00e4ter als Praktikant unterkommt, aufgefordert das nicht zu tun, sie biete ihnen viel Geld daf\u00fcr und als beide das emp\u00f6rt ablehnen und sich die Geschichten gegenseitig erz\u00e4hlen, fangen sie auch schallend zu lachen an.<\/p>\n<p>Nun ja, sp\u00e4ter haben sie sich wieder getrennt oder doch nicht so ganz. Die Schwester in die Daniel sich verliebt und einen Wutanfall bekommt, als er sie im Bett eines Prakitanten findet und dessen Skulpturen betrunken zerst\u00f6rt, entwickelt eine Magersucht oder eine Gastritis, i\u00dft nichts und kotzt alles aus sich heraus, denn das Leben und das Aufwachsen, das Coming in Age, ist hart und grausam.<\/p>\n<p>Wir wissen es und k\u00f6nnen es inzwischen in unz\u00e4hligen B\u00fcchern von Sprachkunstabsolventen nachlesen und ich habe manchmal gedacht, da\u00df ich vielleicht zu alt f\u00fcr das Buch bin. Dann war ich aber vor allem von den Alzheimerstellen wieder sehr beeindruckt und kann das Buch wahrscheinlich auch \u00e4lteren Lesern empfehlen. Im Herbst wird es auch im Wiener Literaturhaus vorgestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder etwas Neues, am ersten August erschienen und schon der zweite Roman, der 1988 in Bratislava geborenen Didi Drobna, die seit 1991 in Wien lebt und auch Sprachkunst studierte. 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