{"id":6386,"date":"2011-03-29T00:36:20","date_gmt":"2011-03-28T22:36:20","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6386"},"modified":"2011-03-29T00:36:20","modified_gmt":"2011-03-28T22:36:20","slug":"grundbuch-die-tante-jolesch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6386","title":{"rendered":"Zum Untergang des Abendlands"},"content":{"rendered":"<p>Grundb\u00fccher nach 1945, so hei\u00dft die Reihe in der Alten Schmiede, die gemeinsam mit dem Adalbert Stifter Institut in Linz durchgef\u00fchrt wird, bei der ich, obwohl am Montag das 37. Buch oder so vorgestellt wurde, noch nicht so oft war, gerade einmal bei Fred Wanders &#8220;Siebenten Brunnen&#8221;, glaube ich mich zu erinnern.<br \/>\nDiesmal wurde Friedrich Torbergs &#8220;Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes&#8221;, vorgestellt, eine wahrhaft bekannte Anekdotensammlung &#8220;Gott soll mich vor allem h\u00fcten, was noch ein Gl\u00fcck ist&#8221; bzw. &#8220;Alles was ein Mann sch\u00f6ner ist, als ein Aff ist  ein Luxus&#8221;, das ich  nicht gelesen habe,  mag ich ja keine Witze. Jetzt habe ich es aber im B\u00fccherschrank gefunden.   Vielleicht \u00e4ndert sich meine Meinung und ich revidiere  meine Vorurteile, habe ich gedacht und dem Mann so erz\u00e4hlt, neben dem ich Platz genommen habe. Der hatte, die von David Axmann geschriebene Torberg-Biografie zur Unterschrift mitgebracht, denn David Axmann, der Torbergkenner, Herausgeber und Nachla\u00dfverwalter hielt ein Referat \u00fcber das &#8221; Vorleben der Tante Jolesch&#8221; und der 1966 in Leningrad geborene Vladimir Vertlib eine kommentierte Lesung. Das hei\u00dft er las aus dem Kapitel &#8220;Kaffeehaus ist \u00fcberall&#8221;,  in dem es um das Cafe Herrenhof ging, in dem Torberg Stammgast war und das zwei Zimmer hatte, ein hinteres und ein vorderes, in dem man entweder am Nachmittag oder am Abend seinen Stammplatz hatte, in dem es eine Literatenrunde gab und das noch bis 1960 existierte, dann hatte es nur mehr zwei G\u00e4ste,  Leo Perutz und einen anderen Dichter, die sich nicht leiden konnten, so da\u00df sie nicht miteinander sprachen und dann einen eigenen Text mit dem Titel &#8220;Die Wiederauferstehung des Abendlandes&#8221;, in dem er erkl\u00e4rte, da\u00df er mit zweiundzwanzig das erste Mal in einem Kaffeehaus war, weil man um das Geld f\u00fcr einen kleinen Brauen zu Hause ja zehn Kaffees bekommt und seine Freunde kann man dort auch treffen, wer das so sieht, hat von der Wiener Kaffeehauskultur keine Ahnung, so nahm Vladimir Vertlib &#8220;Die Tante Jolesch&#8221; ins Cafe Eiles mit, seither ist er auch ein \u00d6sterreicher. Dann folgte David Axmann und war konsterniert, da\u00df er sich zwar Vladimir Vertilbs Text schicken lie\u00df, aber nicht fragte, weilche Stellen er lesen w\u00fcrde, es waren genau die, die auch der Biograf ausgew\u00e4hlt hatte, so erz\u00e4hlte er ein bi\u00dfchen, wie es zu dem Buch gekommen ist, das 1975 erschienen ist.<br \/>\nTorberg war da mit seinem Lebenswerk &#8220;S\u00fcsskind von Trimmberg&#8221; gerade fertig, der Verlag wollte etwas Lustiges und Wienerisches, denn das kommt in Deutschland immer gut an und bewarb es  als Satirensammlung, was Torberg sehr erbitterte.<br \/>\nFriedrich Torberg hatte aber viele Anekdoten auf Lager, so da\u00df er von seinen Freunden und Feinden als &#8220;Anekoteles&#8221; bezeichnet wurde, was ihn ebenfalls erz\u00fcrnte und die Geschichte von dem untergegangenen Wien, das es 1975 nicht mehr gab, weil zw\u00f6lf Millionen Juden verschwunden sind und im Cafe Herrenhof nur noch zwei sa\u00dfen, haben die Wiener verstanden und, wie Vladimir Vertlib meinte, auch die Antisemiten unterhalten. Ich denke, da\u00df ich, wenn ich das Buch 1975 gelesen h\u00e4tte, wahrscheinlich nicht sehr viel davon mitbekommen h\u00e4tte, weil ich von der Geschichte damals nicht viel wu\u00dfte habe, bin aber durch die Lesung und  Diskussion neugierig geworden, so da\u00df ich es bereits auf meiner Leseliste habe, f\u00fcr 2011 wird es sich zwar vielleicht nicht mehr ausgehen, aber dann nehme ich es mir vor, denn man erf\u00e4hrt, wie Klaus Kastberger, der die anschlie\u00dfende Diskussion leitete, darin nicht nur \u00fcber das Wiener Kaffeehaus, sondern auch \u00fcber das Prager Abendblatt und so weiter und so fort und ich denke, da\u00df ich mit dem Literaturgefl\u00fcster eigentlich auch so etwas will. Anekdoten \u00fcber meine literarische Begegnungen sammlen und aufschreiben, was Erika Mitterer, Andreas Okupenko usw. zu mir sagten, als ich sie das letzte Mal gesehen habe.<br \/>\nViele Anekdoten sind inzwischen vergessen, weil wir das Wissen dar\u00fcber nicht mehr haben, wurde in der Diskussion er\u00f6rtert und David Axmann meinte auf Kurt Neumanns Frage, da\u00df es nicht das beste Buch von Friedrich Torberg w\u00e4re. Torberg selbst hielt den &#8220;S\u00fcsskind&#8221; f\u00fcr sein bestes, seine Theaterkritiken und Essays w\u00e4ren besser, als die Anekdoten, aber lange nicht so bekannt und das Buch ist sehr erfolgreich geworden und hat sehr viele Auflagen erlebt. Es war auch sehr voll in der Alten Schmiede, viele sind gekommen, die etwas \u00fcber die Entstehung und die Geschichte der &#8220;Tante Jolesch&#8221; h\u00f6ren wollten. So ist hinter mir Norbert Leser gesessen und mit Margit Heumann, die mir heute einen Kommentar geschrieben hat, habe ich auch gesprochen.<br \/>\nKlaus Kastberger beendete mit den Worten, da\u00df wir jetzt nach Hause gehen sollten, um das  Buch zu lesen, aber ich hatte von Christiane Zintzens <a href=\"http:\/\/www.zintzen.org\/2011\/03\/28\/in-memoriam-elfriede-gerstl-ausstellung-musikprogramm-spieltraeume\/\">In\/ad\/ae\/qu\/at<\/a> erfahren, da\u00df es in der Galerie Splitter eine Ausstellung zum zweiten <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/04\/09\/osterferien-und-gerstl-nachruf\/\">Todestag<\/a> von<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/04\/21\/gerstl-begrabnis\/\"> Elfried Gerstl<\/a> gibt,  Graphiken nach ihren grit-texturen und Renald Deppe hat einen Text von ihr gespielt. Das war, als ich gekommen bin aber schon vorbei, so habe ich mich nur kurz mit einer ehemaligen Lehrerin  Annas unterhalten und zu dem 1908 geborenen Friedrich Torberg, der 1930 mit seinem &#8220;Sch\u00fcler Gerber&#8221; ber\u00fchmt wurde und der in den Siebzigerjahren sehr das Kulturlebens Wien pr\u00e4gte, kann ich ich aus meiner Anekdoten-bzw. Literaturgefl\u00fcstersammlung auf die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/09\/17\/die-gefahren-der-vielseitigkeit\/\">Ausstellung zum hundertsten  Geburtstag <\/a>verweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grundb\u00fccher nach 1945, so hei\u00dft die Reihe in der Alten Schmiede, die gemeinsam mit dem Adalbert Stifter Institut in Linz durchgef\u00fchrt wird, bei der ich, obwohl am Montag das 37. 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