{"id":6558,"date":"2011-04-14T10:17:28","date_gmt":"2011-04-14T08:17:28","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6558"},"modified":"2011-04-14T10:17:28","modified_gmt":"2011-04-14T08:17:28","slug":"mittelmasiges-heimweh","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6558","title":{"rendered":"Mittelm\u00e4\u00dfiges Heimweh"},"content":{"rendered":"<p>Ein Mann verliert in einem Lokal, in dem er nach der Arbeit ein Bier trinken geht, ein Ohr und dann noch etwas sp\u00e4ter beim Schwimmen eine kleine Zehe, so geschiehts in Wilhelm Genazinos &#8220;Mittelm\u00e4\u00dfiges Heimweh&#8221;<br \/>\n&#8220;Das ist allerdings gar nicht so tragisch, denn ihm ist Wichtigeres abhanden gekommen: Seine Gef\u00fchle sind nur noch mittelm\u00e4\u00dfig&#8221;, steht auf der Buchr\u00fcckseite und das stimmt eigentlich nicht oder doch, von au\u00dfen betrachtet k\u00f6nnte man es so interpretieren. Der Mann ist der Vierzigj\u00e4hrige Ich-Erz\u00e4hler Dieter Rotmund, der als Controller in einer Pharmafirma arbeitet und sp\u00e4ter Finanzdirektor wird. Er hat eine Frau und ein Kind, die Frau ist ihm aber schon vor dem Ohr abhanden gekommen, bzw. mit Sabine in den Schwarzwald gezogen, so da\u00df er zwei Wohnsitze bezahlen mu\u00df und weil er sich das nicht leisten kann, am Wochenende schwarz zu Edith und Sabine f\u00e4hrt. Allerdings nicht lange, wirft ihn die Frau ja bald hinaus und wundert sich ein bi\u00dfchen, da\u00df er dann das Konto aufl\u00f6st und sich scheiden lassen will. Ansonsten geht der Mann von seinem sch\u00e4bigen Einzimmerappartement in sein B\u00fcro und betrachtet dort die kleinen Dinge, bzw. die Kolleginnen, Frau Grunewald, Frau Bredemeyer etc, refelektiert \u00fcber deren kleine Busen, l\u00e4\u00dft sich von Frau Grunewald ein St\u00fcck Wei\u00dfbrot antragen und z\u00f6gert dann doch zu lang, so da\u00df er sie  am Sonntag im Park mit einem anderen Kollegen sieht.Trotzdem setzt er dann erstaunlich gro\u00dfe Reaktionen, so setzt er die Hausbank seiner Firma unter Druck, da\u00df er drei Millionen des operativen Kapitals abziehen w\u00fcrde, wenn sie die \u00dcberweisungskosten nicht deutlich senkt, daraufhin steigt er in die F\u00fchrungsetage auf, bekommt eine eigene Sekret\u00e4rin und das Mittagessen von einem Cateringsservice zugestellt, was ihn nicht sehr gl\u00fccklich macht, denn er ist ja ein Mann der kleinen Beobachtungen und liebt es bei seinen mitt\u00e4glichen Spazierg\u00e4ngen oder auch sonst, Leute zu beobachten, neue Worte aufzuschnappen oder Geschichten zu erz\u00e4hlen. So erz\u00e4hlt er der kleinen Sabine die Geschichte, wie er einmal ein Hase war und beobachtet mit ihr wie Spinnen Fliegen fressen und kauft sich auch ein Vogelbuch, um den Bachstelzen auf die Spur zu kommen. Als er bef\u00f6rdert wird, kauft er eine Flasche Rotwein, l\u00e4\u00dft sie \u00f6ffnen und beschlie\u00dft die Nacht damit im Freien zu verbringen, allerdings kehrt er davon leicht besch\u00e4mt und beschmutzt schon um neun in sein Appartement zur\u00fcck, um die Beischlafger\u00e4usche seiner Nachbarn zu beobachten.<br \/>\nWo bleiben da die mittelm\u00e4\u00dfigen Gef\u00fchle? Denn eigentlich ist das Buch ja ein Orchesterkonzert der Beobachtungen, Ger\u00e4usche und Wortsch\u00f6pfungen.<br \/>\n&#8220;Zeitstrecke, Zeitachse, Zeitfenster&#8221;, die neumodischen B\u00fcrow\u00f6rter beispielsweise, die er nicht sch\u00e4tzt, aber dennoch gern verwendet oder die Gef\u00fchle der Einsamkeit, die ihm beim Baden beim Anblick einer Seife \u00fcberkommen, die ihn an das St\u00fcckchen Butter erinnert, das im Eiskasten seiner Kindheit lag, die Mutter lag depressiv im Bett und hatte nicht eingekauft, so da\u00df dort nur das Restchen lag und der Vater und die Schwester den B\u00e4cker aus seiner Wohnung herausl\u00e4uten mu\u00dften. Wenn er am Bahnhof flaniert und das tut er so oft, \u00fcberkommt ihm beim Anblick eines Pfirsich, eines nasenblutenden Mannes und einem eisleckenden Hund das Gef\u00fchl verr\u00fcckt zu werden und manchmal landet er in seiner Mittagspause auch in einem Bordell, um die als Braut gekleidete Hure zu fragen, wieviel sie f\u00fcr ihr die Zeit im Brautbett verlangt, er tut es dann mit einer anderen und reklamiert nicht, als sie ihm auf seinen Hunderterter statt zwei Zwanziger zwei F\u00fcnfziger herausgibt, denn schlie\u00dflich hat sie ihm beim Sex auch betrogen.<br \/>\nDann gibt es noch ein paar Schachteln in seinem Keller, die ihm nie aufgefallen sind und von seiner Vormieterin stammen, wie wegen nicht Bezahlen der Miete delogiert werden mu\u00dfte, diese Frau Schweitzer ruft einmal an und will sich ihre Schachteln holen, l\u00e4\u00dft sie dann doch im Keller stehen, trinkt mit  dem Einohrigen, der seinen Makel anfangs hinter einer Ohrenklappe verbirgt ein Glas Wein und f\u00fchrt ihn sp\u00e4ter in die routiniertesten Sexualpraktiken ein, wof\u00fcr er ihr immer behutsam einen Hunderter in die Handtasche legt. Er bekommt auch heraus, da\u00df Frau Schweitzer, die er alsbald Sonja nennt, in einem Obdachlosenheim wohnt und geniert sich daf\u00fcr. Sie darauf anzusprechen traut er sich genausowenig, wie er vorher nicht zu sprechen wagte, als ihm Edith erkl\u00e4rte, seine Stimme nicht mehr h\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Nur als sie nicht mehr erscheint, erkundigt er sich in dem Heim nach ihr, um zu erfahren, da\u00df sie wegen Kreditbetrug im Gef\u00e4ngnis sitzt. Ob er auch zu den Gesch\u00e4digten z\u00e4hlt? Das nein, die Karten sind alle noch da und auf dem Konto ist nichts abgebucht, so bringt er die Schachteln in das Heim zur\u00fcck, lernt dort die Pflichtverteidigerin und eine Schuldenberaterin kennen, die ihm auf eine Vernissage mitnimmt und ihm ihre Visitenkarten zusteckt. Vorher hat er noch in einem Park beobachtet, wie ein kleines M\u00e4dchen einen Daumen verlor und in der Zeitung dar\u00fcber gelesen. Auch das wird als harmlos beschrieben. &#8220;Aber immerhin , die Spur der Katastrophe ist in der Zeitung angekommen. Bis sie wirklich erkannt werden wird, werden noch Monate vergehen. Ich bin besch\u00e4digt, ich habe Zeit.&#8221;<br \/>\nEs ist ein Buch der gro\u00dfartig gekonntenen Beschreibungen der kleinen Gef\u00fchle, der mittelm\u00e4\u00dfigen Heimatlosigkeit eines mittelalterlichen b\u00fcrgerlichen Mannes, der seine Entt\u00e4uschungen mit den Frauen hatte, von ihnen ben\u00fctzt wird und sie auchselbst ben\u00fctzt, der sehr gut beobachten, aber offenbar nicht wirklich daran leiden, empfinden oder etwas \u00e4ndern kann. Oder auch das Klagen des B\u00fcchnerpreistr\u00e4gers Wilhelm Genazinos \u00fcber die Leiden des mittelalterlichen b\u00fcrgerlichen Intellektuellen an der Welt. Das tut er sehr gekonnt und gro\u00dfer Sprachgewalt.<br \/>\n&#8220;Ganz auf der H\u00f6he seiner Kunst&#8230; das volle Genazino Programm: Humor und Melancholie, Ironie und Alltag&#8221; schreibt Gerrit  Bartels im &#8220;Tagesspiegel&#8221;.<br \/>\nMir hat das Lesen Spa\u00df gemacht, die Genauigkeit mit der Wilhelm Genainzo die banalsten Begegenheiten ausf\u00fchrlich schildert, ist ja etwas, was ich auch sehr gern betreibe und das Leiden des mittelalten Mannes an der Prostata, beobachte ich als mittelalte schreibende Frau ja auch immer amusiert. Jetzt habe ich also auch ein Buch des 1943 in Mannheim Geborenen gelesen, geh\u00f6rt habe ich ihn ja schon im <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/12\/16\/die-liebe-das-gluck-die-blodheit\/\">Dezember im Literaturhaus<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann verliert in einem Lokal, in dem er nach der Arbeit ein Bier trinken geht, ein Ohr und dann noch etwas sp\u00e4ter beim Schwimmen eine kleine Zehe, so geschiehts in Wilhelm Genazinos &#8220;Mittelm\u00e4\u00dfiges Heimweh&#8221; &#8220;Das ist allerdings gar nicht &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6558\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-6558","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6558"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6558\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}