{"id":65995,"date":"2018-11-06T00:01:29","date_gmt":"2018-11-05T23:01:29","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=65995"},"modified":"2018-11-06T00:01:29","modified_gmt":"2018-11-05T23:01:29","slug":"lass-dich-heimgeigen-vater-oder-den-tod-ins-herz-mir-schreibe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=65995","title":{"rendered":"La\u00df dich heimgeigen Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt\u00a0 am Vorabend der Buch-Wien geht es ans <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/oesterreichischer-buchpreis\/\">\u00f6st Buchpreisauflesen<\/a>, denn da hatte ich ja schon f\u00fcnf B\u00fccher gelesen, als die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/09\/05\/die-dritte-oesterreichische-buchpreisliste\/\">Liste bekannt gegeben wurde<\/a>, dann habe ich den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/09\/30\/die-vier-weltteile\/\">Millesi<\/a> und den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/09\/21\/all-die-nacht-ueber-uns\/\">J\u00e4ger,<\/a> die ich als PDF bekommen habe, gelesen und beim Rest, was zuerst nur der Josef Winkler und der David Fuchs war, gedacht, das mache ich sop\u00e4ter, ich habe ja mit dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/deutscher-buchpreis\/\">dBp<\/a> und den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/08\/26\/has-herbst-lesen\/\">anderen Neuererscheinungen<\/a> genug zu tun.<\/p>\n<p>Also jetzt der gro\u00dfe Favorit und &#8220;B\u00fcchnerpreistr\u00e4ger&#8221;, der 1953 in K\u00e4rntnen in dem D\u00f6rfchen Kamering geborene Josef Winkler, das inzwischen wohl wahrscheinlich\u00a0 Ber\u00fchmtheit erlangte und zumindestens allen Deutschlehrerinnen bekannt sein wird, denn Josef Winkler ist ja auch einer, der \u00e4hnlich wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/04\/29\/zweisprachige-lesung-mit-florjan-lipus\/\">Florjan Lipus<\/a> und wahrscheinlich noch einige andere, sein Leben aufschreibt und sich dabei wiederholt in endlos Schleifen das Aufwachsen in einem katholischen Bauerndorf der Nachkriegszeit und die Gewalt, die er dort erlebte, beschreibt und er tut es in einer sprachlich sch\u00f6nen Form, so da\u00df die Germanisten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/11\/die-entsetzungen-des-josef-winkler\/\">Symposien<\/a> dar\u00fcber abhalten und die Leser f\u00fcr die der Buchpreis ja eigentlich oder urspr\u00fcnglich da ist, vielleicht sagen werden &#8220;Was interessiert uns das? Das ist uns zu schwer und hochgestochen, wir wollen lieber was Unterhaltsames, nach unserem schweren Arbeitstag!&#8221; und werden vielleicht zum Krimi greifen, der nicht auf den Buchpreislisten steht.<\/p>\n<blockquote><p>Ich kenne Josef Winkler zumindest vom Namenseit seinen Anf\u00e4ngen, hat er doch, als ich mich noch sehr daf\u00fcr interessierte und glaubte, da\u00df ich das auch einmal k\u00f6nne, beim Bachmannpreis gelesen und mit &#8220;Menschenkind&#8221; gewonnen, das inzwischen ein Teil der Trilogie &#8220;Das wilde K\u00e4rntnen&#8221; ist.<\/p>\n<p>Das Buch habe ich, glaube ich, vor Jahrzehnten gelesen und wahrscheinlich nicht sehr verstanden, dann war ich\u00a0 1996 auf eigene Kosten und als Publikum im Klagenfurt, wo er mit einem Kind am Arm herumgelaufen ist und, ich glaube, aus &#8220;Domra&#8221;, den Bericht seiner Indienreise gelesen, aber nicht gewonnen hat. Das Buch habe ich dann auch vom Karli zum Geburtstag bekommen und die Dramatisierung seiner &#8220;R\u00f6mischen Novelle&#8221; habe im im MQ, ich glaube, im Rahmen der Festwochen gesehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da ist mir also der sich um sein Kindheit kreisende Josef Winkler ein wenig verloren gegangen, k\u00f6nnte man so sagen, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/01\/25\/josef-winklers-abschiede\/\">stimmt nicht ganz<\/a>, denn ich war beim Symposium in der &#8220;Alten Schmiede&#8221; und da hat er, glaube ich, aus seinem &#8220;Abschied von Vater und Mutter&#8221; gelesen und jetzt das \u00f6st Buchpreis Buch, das im Fr\u00fchjahr bei &#8220;Suhrkamp&#8221; erschienen ist und da an mir ohne die Nominierung vorbeigegangen w\u00e4re, obwohl es, glaube ich, im Vorjahr im &#8220;Casino am Schwarzenbergplatz&#8221; aufgef\u00fchrt wurde, bin ich wieder in die Winklerische Welt des Grauens und des Lamatierens eingetaucht und ich mu\u00df sagen, er versteht es ausgezeichnet, das in eine kunstvolle Form zu fassen, obwohl die Inhalte, wie man auch bei &#8220;Amazon&#8221; lesen kann, schon sehr bekannt sind.<\/p>\n<p>Neu f\u00fcr mich war, da\u00df der kleine Josef oder Sepp schon als einj\u00e4hriger mit einem Bleistift, um auf seine sp\u00e4tere Profession hinzuweisen, herumgelaufen ist, aber, da\u00df die schweigsame oder im Schmerz verstummte, sp\u00e4ter Psychopharmaka nehmende Mutter ihre drei Br\u00fcder im Krieg verloren hat, habe ich schon gelesen oder geh\u00f6rt, auch da\u00df er beim Tod des Vater in Tokio war, daher nicht zu seinem Begr\u00e4bnis kommen konnte oder auch nicht wollte, weil der Vater ihm das verboten hat, weil sich das Dorf naturgem\u00e4\u00df wahrscheinlich nicht dar\u00fcber freute vomJosef oder Sepp in den &#8220;Dreck&#8221; gezogen zu werden.<\/p>\n<p>Das Buch, die sich immer wieder wiederholenden Inhalte der Gewalt, die das Kind wohl in der muffigen Bauernstube erlebte, das Blauschlagen des Hinters beispielsweise &#8220;Er hat blaue W\u00fcrste am Arsch!&#8221;, ist, mu\u00df ich sagen, in eine wirklich k\u00fcnstlerische Form gebracht und darin eingerahmt.<\/p>\n<p>Eingerahmt durch die Gedichte de jiddisch schreibenden Rajzel Zychlinski, die in Polen geboren wurde und 2001 in den USA gestorben wird und dann gibt es noch das Gedicht &#8220;Der Herr, der schickt den Jockel aus:\/ Er soll den Hafer schneiden&#8221;, das, glaube ich, von Fontane ist, das vor jedes Kapitel gestellt wird und daher von Kapitel zu Kapitel immer l\u00e4nger wird, bis es schlie\u00dflich in &#8220;Da geht der Herr nun selbst hinaus\/ Und macht gar bald ein End daraus\/ Der Teufel holt den Henker nun, \/ Der Henker h\u00e4ngt den Schl\u00e4chter nun, \/Der Schl\u00e4chter schlacht&#8217;den Ochsen nun, \/ Der Ochse s\u00e4uft das Wasser nun,\/ Das Wasser l\u00f6scht das Feuer nun,\/ Das Feuer brennt den Pr\u00fcgel nun,\/ Der Pr\u00fcgel schl\u00e4gt den Pudel nun,\/Der Pudel bei\u00dft den Jockel nun,\/ Der Jockel schneidt den Hafer nun,\/ Und kommt auch gleich nach Haus.&#8221;<\/p>\n<p>Jockel ist, glaube ich, die Abk\u00fcrzung von Jakob und so hei\u00dft Josef Winklers Vater und das Buch ist eine Ltanei, ein Zwiegespr\u00e4ch mit ihm in dem all das, was wir, wenn wir ein bi\u00dfchen Winkler gelesen haben, schon wissen, aber noch etwas anderes, das der Aufh\u00e4nger f\u00fcr das Buch ist, enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Den Josef Winkler, steht am Klappentext, hat erst vor wenigen Jahren erfahren, da\u00df in den &#8220;Sautratten&#8221;, wo die Gerste wuchs, die in der v\u00e4terlichen M\u00fchle gemahlen und auch das ganze Drautal mit Mehl belieferte, die Leiche des sich 1945 selbst vergiftet habenden, weil die Engl\u00e4nder ihn gefangene nahmen, Odilo\u00a0 Globocnik, der als Leiter der Aktion Reinhart f\u00fcr die Vernichtung von\u00a0 Juden in Treblinka Belzek und Sobibor verantwortlich war.<\/p>\n<p>&#8220;Zwei Millionen ham`ma erledigt!&#8221;, wird immer wieder litaneiartig wiederholt und nun klagt der Sohn, den Vater an, wieso er ihm, der doch sonst soviel vom Krieg erz\u00e4hlte, das nicht gesagt hat und so er und der Rest des Drautals jahrelang, wie er schreibt verseuchtes Brot essen mu\u00dften.<\/p>\n<p>Der Lebenslauf des jungen Josef, der mir aus Lesungen schon bekannt war und der auch ziemlich genauso\u00a0 beschrieben in &#8220;Wikipedia&#8221; steht, wird erz\u00e4hlt. Die kleinen bunten Soldatenfiguren, die dieKinder aus den &#8220;Linde-Kaffeebohnenschachteln&#8221; sammelten, die die Verwandten bei den Besuchen mitbrachten. Die katholischen Rituale und Aufbahrungen, das Lesen der<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/05\/04\/may-im-mai\/\"> Winnetou-B\u00fccher<\/a>, die ihm aus der Sprachlichkeit und der Dumpfheit des Dorfes herausbrachten. Er hat dazu auch Geld aus der B\u00f6se seiner Mutter, die er und das finde ich ein bi\u00dfchen seltsam, obwohl ich den dramaturgischen Effekt nachvollziehen kann, in dem Buch &#8220;Mame&#8221; und den\u00a0 Vater &#8220;Tate&#8221; nennt und denke, da\u00df er\u00a0 als Kind seine Eltern sicherlich nicht so genannt hat, gestohlen.<\/p>\n<p>Hat sp\u00e4ter auch Camus und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/07\/24\/madame-hemingway\/\">Hemingway<\/a> gelesen, ist nach Klagenfurt auf dieHandelschule gegangen und hat sp\u00e4ter an der damaligen Hochschule f\u00fcr Bildungswissenschaft, als Schreibkraft gearbeitet. Dann sind seine erste drei B\u00fccher erschienen, die das D\u00f6rfchen\u00a0 wohl erregten und er verstummte. Sp\u00e4ter kehrte er wieder in sein Elternhaus zur\u00fcck, um und das mag auf dem ersten Blick seltsam erscheinen, wieder schreiben zu k\u00f6nnen. Aber ich finde gerade diese Ambivalenz das Wandern zwischen Gut und B\u00f6se, das Josef Winkler auch bei sich selbst beschreibt, diese Ha\u00dfliebe, das nicht loskommen und sich immer wieder fortan wiederholen, als das Bemerkenswerte an dem Buch und an Josef Winkler literarischen Schaffen.<\/p>\n<p>Ein Buch, das wahrscheinlich, wie schon beschrieben an mir vorbeigegangen w\u00e4re, ich aber sehr froh bin, da\u00df ich es gelesen habe, denn ich habe dadurch sehr viel von Josef Winkler und seinem Schreiben\u00a0 gelernt und f\u00fcge ich noch hinzu, da\u00df als ich 2000, zu Zeiten von s<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/10\/widerstand-im-haiderland\/\">chwarz blau eins<\/a>, was allerdings ein Zufall ist, in Klagenfurt war, wurde dort gerade das St\u00fcck des\u00a0 20011 verstorbenen Werner Kofler &#8220;Tanzcafe Treblinka&#8221; aufgef\u00fchrt, denn Odilo Globocniks Adjutant Ernst Lerch hat sich nicht umgebracht, sondern bis in die Siebzigerjahre in Klagenfurt ein Tanzcafe gef\u00fchrt, in dem Josef Winkler, als es allerdings kein solches mehr war,\u00a0 \u00f6fter war, bevor er von der Abendhandelsakademie nach Hause gefahren ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt\u00a0 am Vorabend der Buch-Wien geht es ans \u00f6st Buchpreisauflesen, denn da hatte ich ja schon f\u00fcnf B\u00fccher gelesen, als die Liste bekannt gegeben wurde, dann habe ich den Millesi und den J\u00e4ger, die ich als PDF bekommen habe, gelesen &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=65995\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,5],"tags":[2962,571,5289,5603],"class_list":["post-65995","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","category-buchpreisbloggen","tag-josef-winkler","tag-oestbp-2018","tag-shortlist","tag-suhrkamp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65995","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65995"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65995\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65995"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65995"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65995"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}