{"id":66777,"date":"2018-12-15T00:55:32","date_gmt":"2018-12-14T23:55:32","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=66777"},"modified":"2018-12-15T00:55:32","modified_gmt":"2018-12-14T23:55:32","slug":"anmut-und-feigheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=66777","title":{"rendered":"Anmut und Feigheit"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Erz\u00e4hlband, obwohl ich Erz\u00e4hlumgen ja gar nicht so gerne mag, da es mir immer schwer f\u00e4llt mich so schnell von einem Sujet auf das andere einzulassen, des 1956 geborenen Frank Schulz, einem deutschen Dichter, der mir bisher unbekannt war, der aber schon viel geschrieben und viele Preise gewonnen hat und die\u00a0 dreiundzwanzig Erz\u00e4hlungen, in denen es in allen Varianten um die Liebe geht, &#8220;Liebe ist nichts f\u00fcr Feiglinge -Frank Schulz\u00a0 blickt in einen Erz\u00e4hlungen hinauf zu Wolke 7 und hinab in die Abgr\u00fcnde der Seele&#8221;, steht am Buchr\u00fccken, sind auch genau datiert.<\/p>\n<p>Mit denen die im\u00a0 Jahr 2018 geschrieben wurden, f\u00e4ngt es an und geht bis in das Jahr 1955-1950 hinunter, wo der Autor noch ein Kleinstkind war. Und es beginnt in einer\u00a0 auff\u00e4llig sorgsamen Sprache, in der immer wieder f\u00fcr mich seltsame Worte, wie beispielweise das &#8221; voll krass&#8221; auftauchen, die die heutige Jugend offenbar gern verwendet, w\u00e4hrend man fr\u00fcher &#8220;echt geil&#8221; sagte.<\/p>\n<p>In &#8220;Szenen in beige&#8221; geht es um einen &#8220;Juniorsenior&#8221;, einen gerade sechzigj\u00e4hrigen, der aber schon einen Schlaganfall hatte und daher ein Langzeit-EKG ben\u00f6tigt, mit dem er durch die Stadt rennt, um sich mit seiner jungendlichen Betreuerin oder Gef\u00e4hrtin\u00a0 Yvonne zu treffen und sich mit ihr mit Worten zu duellieren.<\/p>\n<p>In &#8220;Rotkehlchen&#8221; geht es um das Sterben einer Mutter, der Erz\u00e4hlung ist ein langes Gedicht hineingepackt:<\/p>\n<p>&#8220;Jeden Morgen vier Uhr drei\u00dfig<\/p>\n<p>weckt die Mama einen Hahn,<\/p>\n<p>auf dass dann seinerseits der flei\u00dfig<\/p>\n<p>kr\u00e4hen und sie wecken kann&#8221;.<\/p>\n<p>Sehr originell und beeindruckend, die 2016 geschriebene Erz\u00e4hlung &#8220;Zwei Briefe in die Zukunft&#8221;, wo sich 1997 zwei Klassenkameraden, ein Mann und eine Frau ausmachen, einander Briefe zu schreiben, die man aber erst zwanzig Jahre sp\u00e4ter aufmachen und lesen darf.<\/p>\n<p>In &#8220;H\u00fcli mit F\u00fcll&#8221; geht es um die Leiden eines arbeitslosen Journalisten, der auf eine Verlagsparty seines ehemaligen Chefs eingeladen ist, mit dem er Schwierigkeiten hat, seit er ihm noch als Schulfreund einmal einen zigarillo verweigert hat. Jetzt ist der sein Vorgesetzter und einen Bestseller hat er au\u00dferdem auch noch geschrieben. Wieder auff\u00e4llig sorgsam mit vielen neuen Wendungen und Neusch\u00f6pfungen, die Sprache, in der es von Worten und Wendungen, wie &#8220;Neuranze&#8221; eine Mischung aus Roman und Neurose oder &#8220;Ein Schlittschuh f\u00fcr das gefroene Meer in uns&#8221; nur so kreucht und fleucht.<\/p>\n<p>Gruselig wird es dann wenn die zweiundsechzigj\u00e4hrige Unternehmerin Annelene Borsig zum Feiern ihres Ruhestand ein Luxusspa bucht und dort nicht schlafen kann, weil Gillenzirpen, sie hat eine Insektenphobie sie st\u00f6rt und der Horrortrip beginnt, lernt sie doch an der Bar einen \u00e4lteren und einem j\u00fcngeren Herrn kennen, dem j\u00fcngeren erz\u00e4hlt sie ihre Geheimnisse und eine weitere Alptraumnacht beginnt, die zu einer Horrorszene w\u00e4hrend eines Schneespaziergangs f\u00fchrt, bevor sie sich von ihren Alptr\u00e4umen und den jungen M\u00e4nnern l\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten zwei Geschichten f\u00fchren wahrscheinlich in das Heimatd\u00f6rfchen des Autors und hier hat sich Frank Schulz mit einem Nachla\u00dfredner, wenn ich mich nicht irre, selbst ein Grab gesetzt, w\u00e4hrend er in der n\u00e4chsten Geschichte wieder sprachgewaltig mit vielen sch\u00f6nen fast altert\u00fcmlichen Ausdr\u00fccken, das Leben und Sterben einer Ro\u00dfkastanie erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Es gibt Schnurren, Anekdoten,\u00a0 Farces und andere Textsorten in dem sch\u00f6nsprachlichen Liebesgesang durch die Jahrzehnte, die immer wieder durch ihre Aufarbeitung verbl\u00fcffen und gar nicht so einfach zu lesen sind.<\/p>\n<p>In &#8220;Flaschenpost f\u00fcr Ekke Nekkepen&#8221; geht es um eine Frau, die in einer Konditorei am der Nordsee drei Burschen, einer in einem Norwegerpulli, beobachtet, die sich \u00fcber die Flaschenpost belustigen, die sie beim Liebesspiel zu Silvester am Strand zur\u00fccklie\u00df und der &#8220;Korfiotische Kuss&#8221; schildert\u00a0 die Tragik, die durch das ma\u00dflose Saufen entstehen kann.<\/p>\n<p>Denn da quartiert sich ein Promipaar aus Hamburg auf einer Insel in Korfu ein, im Nebenappartement logiert ein langweiliges P\u00e4rchen. Hei\u00dft sie jetzt Martinia oder doch Mar- weil das Charlotte nicht langweilig genug ist. Jedenfalls kann sich Evchen ihr Gesicht nicht merken. Man i\u00dft aber mitsammen, bes\u00e4uft sich am Ouzo und ein Jahr sp\u00e4ter klingelt in Hamburg das Telefon und Char- oder Marlotte fragt unschuldig, ob Evchen mit ihrem Michael Oralverkehr gehabt hat und dann sitzt in einer anderen Geschichte einer am Balkon, stopft Cola und Schokoriegel in sich hinein und beobachtet in der Nebenwohnung, Vorh\u00e4nge kennt man in der Gegend nicht, eine sch\u00f6ne Frau, mit der allm\u00e4hlich alt wird.<\/p>\n<p>In&#8221;Die wei\u00dfe Fee von T\u00f6werland&#8221;, 1986-1990, steht dar\u00fcber, geht es um die Feriensommer von Lisa und Swante, wo Lisa un ter dem Namen&#8221;Arrassica&#8221;, &#8220;bei der Errettung der Welt mithelfen&#8221;, beziehungsweise, die &#8220;unendlichen Weiten des Planeten Fu erkunden&#8221; wollten, damit sie &#8220;ihre Puppe und Kuscheltiere dorthin evakuieren konnten, wenn die Welt unterging.&#8221;<\/p>\n<p>Eine abenteuerliche Fahrt von &#8220;Chalatanango nach San Antonio Los Ranchos &#8220;am &#8220;11.November 1989&#8221; gibt es in den &#8220;Ballistischen Augen&#8221;, und dann geht weit in eine vielleicht autobiografisch oder auch nur ausgedachte Kindheit und Jugend zur\u00fcck, n\u00e4mlich\u00a0 in &#8220;Drachen \u00fcber der Alster&#8221;, 1973- 1977, in die Lehrlingsjahre von Hans und dem Ich-Erz\u00e4hler, die sich, w\u00e4hrend sie arbeiten und zur Schule gingen, an manchen Bierchen in den Alsterstuben erfreuten. Dann gibt es noch die Geschichte vom &#8220;Sommer, in dem ich ein Zebra ritt&#8221;, 1972, da geht es um die ersten journalistischen Erfahrungen, die ersten Gedichte und nat\u00fcrlich um die ersten Begegnungen mit den Frauen&#8221;.<\/p>\n<p>Es folgt, 1968, ein &#8220;Tagebucheintrag&#8221; oder ein Schulaufsatz \u00fcber &#8220;Heiligabend, in dem sich der Schreiber \u00fcber die vier B\u00fccher, die neuen Schuhe und die S\u00fc\u00dfigkeiten freut, die es f\u00fcr ihn zur Bescherung gegeben hat und dann wird es ein wenig kryptisch, ist doch das &#8220;ausgemalte Memoir&#8221; &#8220;Mamapapamamapapa&#8221; mit 1950-1055 datiert. Der Autor aber erst 1957 geboren und so kann man sich \u00fcber die dichterische Freiheit wundern, den Kopf sch\u00fctteln, sie hinnehmen, den Erz\u00e4hler mit dem Autor oder was auch immer verwechseln und damit vielleicht den Autor \u00e4rgern.<\/p>\n<p>Die dreiundzwanzig Geschichten, beziehungsweise das &#8220;Prosa-Album \u00fcber Leidenschaft&#8221; und der Weg zur\u00fcck vielleicht in ein Erz\u00e4hlerleben war aber sehr spannend, obwohl ich, wie schon geschrieben, eigentlich keine Erz\u00e4hlungen mag, weil ich nicht so schnell von einem Sujet ins andere hin\u00fcberspringen will.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/07\/26\/schon-bekanntes-bei-den-o-toenen\/\"> Klaus Kastberger,<\/a> der Literaturprofessor, Literaturhausleiter und&#8221; Bachmann-Juror&#8221; hat aber auf Twitter vor einiger Zeit nach einem aktuellen Erz\u00e4hlband gefragt und im &#8220;Literaturcafe&#8221; gibt es auch einen Artikel, wo sich Vito von Eichborn mit den &#8220;Chancen von Kurzgeschichten&#8221; besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Man m\u00fc\u00dfte wahrscheinlich mehr Zeit haben, um sich in sie einzulassen. Daf\u00fcr d\u00fcrfte man wahrscheinlich nicht von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/11\/02\/eine-elendslange-buecherliste\/\">sovielen B\u00fccherbergen<\/a> umgeben sein, f\u00fcr die langsam und vor dem Einschlafen Leser w\u00e4re das Buch aber als <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/12\/01\/adventmonat-2\/\">Adventkalender<\/a> zu empfehlen, jeden Tag eine Geschichte\u00a0 und einen Freitag zum Verschnaufen h\u00e4tte man dann auch und die &#8220;Weihnachtsgeschichte&#8221; l\u00e4\u00dft sich vielleicht unter dem Christbaum lesen, damit sich die Kinder wundern k\u00f6nnen, was es 1968 so unter Christbaum gab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Erz\u00e4hlband, obwohl ich Erz\u00e4hlumgen ja gar nicht so gerne mag, da es mir immer schwer f\u00e4llt mich so schnell von einem Sujet auf das andere einzulassen, des 1956 geborenen Frank Schulz, einem deutschen Dichter, der mir bisher &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=66777\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1837,2082,2218],"class_list":["post-66777","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-erzaehlungen","tag-frank-schulz","tag-galiani"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66777","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=66777"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66777\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=66777"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=66777"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=66777"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}