{"id":67460,"date":"2018-12-30T00:47:40","date_gmt":"2018-12-29T23:47:40","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=67460"},"modified":"2018-12-30T00:47:40","modified_gmt":"2018-12-29T23:47:40","slug":"leni-weint","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=67460","title":{"rendered":"Leni weint"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommen drei\u00dfig Essays, die der 1943 in Budapest geborene Peter Nadas\u00a0 zwischen 1989 und 2014 geschriebenen hat und die unter anderes von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/29\/die-allgemeine-tauglichkeit\/\">Akos Doma<\/a>,<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/04\/18\/zsuzsanna-gahses-stadtlandschaften\/\"> Zsuzsanna Gahse,<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/03\/langsamer\/\">Ilma Rakusa<\/a>, um nur die mir bekannten Autoren zu nennen, \u00fcbersetzt wurden.<\/p>\n<p>\u00dcber Peter Nadas habe ich ja zu Jahresbeginn ein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/01\/23\/parallelgeschichten-symposium\/\">ganzes Symposium<\/a> geh\u00f6rt und 2017 auch einmal im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/04\/29\/franz-werfel-stipendium-und-schmidt-dengler-lesung\/\">Literaturhaus<\/a>, wo er seinen neuen Roman vorstellte und im<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/03\/16\/vom-centrope-zu-peter-nadas-vorlesung\/\"> Literaturmuseum<\/a> hat er auch einen Vortrag oder einen Essay gehalten und die im Herbst bei &#8220;Rowohlt&#8221; erschienen Essays wurden auch in der letzten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/12\/18\/winter-lese-auslese\/\">Lese.auslese<\/a> in der &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; als leicht zu lesende, weil sehr erz\u00e4hlerische Essays empfohlen.<\/p>\n<p>Der gut Deutsch sprechende Autor ist, wie ich mich bei den drei Veranstaltungen, wo ich ihn erlebte, \u00fcberzeugen konnte, ein sehr sympathischer Mann. Eine Klientin hat mir auch einmal erz\u00e4hlt, da\u00df sie ihm ein Mail geschrieben und er ihr sofort geantwortet hat und die Essays, die sich sowohl mit Details, als auch mit sehr weltbewegenden Momenten besch\u00e4ftigen, sind trotz der angek\u00fcndigten erz\u00e4hlerischen Leichtigkeit, recht kompliziert.<\/p>\n<p>Springt Peter Nadas doch von Hunderste ins Tausendste und macht sehr gekonnte Assoziationen, die das Nachvollziehen nicht sehr einfach machen, wie auch die Lektorin Katharina Raabe in ihrem Nachwort \u00fcber die &#8220;Parallelgeschichten&#8221;, die ich nicht gelesen habe, schreibt, da\u00df man sie wohl mehrmals lesen mu\u00df um alles zu erfassen.<\/p>\n<p>Bei den Essays wohl auch, f\u00fcge ich mit Bedauern, da\u00df ich\u00a0 dazu wohl nicht die Zeit habe, hinzu und bin dann bei der &#8220;Behutsamen Ortsbestimmung&#8221;, gleich \u00fcber die &#8220;Betrachtung eines Wildbirnenbaums, der vor Peters Nadas Fenster steht, zu der Analyse des Dorfs, in dem Peter Nadas seit vierzig Jahren lebt, den Eigenheiten seiner Bewohner und ihr Verhalten w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs bis Jahrhunderte zur\u00fcck in die Zeiten des Prager Bischofs Adalbert, gekommen.<\/p>\n<p>&#8220;In der K\u00f6rperw\u00e4rme der Schriftlichkeit&#8221;, geht es um die Kunst des Schreibens und um Europa.<\/p>\n<p>Peter Nadas meint hier, da\u00df nicht jeder, der das Schreiben erlernte, das auch wirklich kann, obwohl es jeder von sich behauptet. Er \u00fcbt diese Kunst am Vormittag aus und am Nachmitttag, die des Nichtschreibens. Er mu\u00df auch mit der Hand schreiben, um die Sinnlichkeit der Buchstaben zu erfahren und davon ausgehend, kommt er zu Europa und macht sich Gedanken \u00fcber dessen Identit\u00e4t, w\u00e4hrend es im\u00a0 &#8220;Das gro\u00dfe weihnachtliche Morden&#8221; um die Gef\u00fchle geht, die die Fernseh\u00fcbertragung, die im Jahr 1989, die Hinrichtung des Ehepaares Ceausescus zeigte, in ihm ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Es geht dann in den &#8220;Kalten Krieg&#8221;. Danach wird eine &#8220;Skizze zweier psychoanalytischer Grenzf\u00e4lle &#8221; gegeben, in der Peter Nadas von einem jungen Mann erz\u00e4hlt, der ihm sagte &#8220;Da\u00df ihm die Kommunisten zugrunde gerichtet h\u00e4tten&#8221;, das aber weiter nicht sprachlich ausdr\u00fccken konnte, so da\u00df der Nichtanalytiker mit Hilfe einer Kinderpsychologin ihn erfolgreich mit paradoxer Intetion behandelt hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/18\/koenigsallee\/\">Thomas Manns Tageb\u00fccher<\/a> werden analysiert. Hier denke ich, die ich mich als Studentin durch seine Werke gelesen, aber wahrscheinlich nicht viel verstanden hat, ist es sicher besser sich zuerst die Prim\u00e4rliteratur zu besorgen, wie Tageb\u00fccher und Analysen daraus wahrscheinlich \u00fcberhaupt sehr vorsichtig zu interpretieren sind, um nicht zu falschen oder dilettantischen Schl\u00fc\u00dfen zu kommen.<\/p>\n<p>Thomas Mann hat auch seine fr\u00fchen Tageb\u00fccher verbrannt und die sp\u00e4teren sehr vorsichtig, vielleicht schon f\u00fcr die Nachwelt geschrieben, die von 1932 sind aber erhalten geblieben und vorsichtig oder nur unter Auslassungen ins Ungarische \u00fcbertragen worden und so stehen wir vor den Deutungen, aber wie gesagt, ich w\u00fcrde hier sehr vorsichtig sein.<\/p>\n<p>In seiner Dankesrede bez\u00fcglich des &#8220;Kafka-Preises&#8221; hat Peter Nadas eine Zugfahrt beschrieben in dem sich ein Mann und eine Frau gegen\u00fcber oder nebeneinandersitzen und in Kafkas &#8220;Proze\u00df&#8221; lesen und dann beschreibt er eine Reise mit dem Journalisten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/22\/vom-flohmarktleben\/\">Richard Swarzt<\/a> in das Ceauscescu-Rum\u00e4nien, wo man von Spitzeln bewacht wurde und es in den Hotel nichts zu essen gab. Die Kellner sich das aber nicht anmerken lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Sehr zu empfehlen die Essays, die die derzeitge politische Situation in Ungarn un den Weg dorthin, erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Um die Demokratie geht es auch, hier versucht\u00a0 Peter Nadas &#8220;Das\u00a0 Individuelle, das Kollektive, das Einzellne und das Allgemeine&#8221; zu analysieren\u00a0 und greift dann den Vorschlag auf den Vaclav Havel offenbar Madeleine Albright machte.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/09\/11\/gedanken-zu-nine-eleven\/\">elfte September<\/a> wird thematisiert, bevor es zu einer\u00a0 sehr beeindruckenden Geschichte kommt, die ich gar nicht so sehr als Essay bezeichnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Ich oder Peter Nadas baut ein Haus mit einem Handwerker und kommt ihm bei der k\u00f6rperlichen Arbeit, wobei ihm der andere nat\u00fcrlich \u00fcberlegen ist, n\u00e4her. Irgendwann beginnt der Arbeiter seinen Judenhass zu thematisieren, Nadas widerspricht. Ein paar Tage sp\u00e4ter geht es gegen die Zigeuner, die er so sehr hasst, da\u00df er sie am liebsten ermorden w\u00fcrde. Nadas beginnt zu schreien und als es dann gegen die Schwulen geht, schweigt er. Die Arbeit an dem Haus geht nat\u00fcrlich weiter und in der Endrunde kommen andere Arbeiter hinzu, die der Handwerker organisiert, w\u00e4hrend Nadas weiter hinten arbeitet und h\u00f6ren kann, da\u00df nun die Arbeiter gegen die Zigeuner hetzen und sein Freund zu schreien beginnt.<\/p>\n<p>So etwas w\u00fcrde ich mir bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/12\/16\/vorschau-auf-die-unsichtbare-frau\/#comments\">meinem Freund Uli w\u00fcnschen<\/a>, aber ich wei\u00df schon, das Leben ist kein Wunschkonzert und so einfach machen es einer die anderen nicht und auch Peter Nadas zieht weiter und kommt zur der &#8220;Walser-Bubis-Debatte&#8221;.<\/p>\n<p>Da hat Martin Walser ja 1998 den &#8220;Friedenspreis des deutschen Buchhandels&#8221; erhalten und diesbez\u00fcglich eine<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/16\/erfahrungen-beim-verfassen-einer-sonntagsrede\/\"> Rede<\/a> gehalten, die die Gem\u00fcter erregte. Es kam zum Streit mit Ignaz Bubis, dem 1999 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrates f\u00fcr Juden, Frank Schirrmacher, der 2014 verstorben ist, hat ein Buch dar\u00fcber geschrieben, \u00fcber das sich Peter Nadas Gedanken macht, bevor es zu dem Titelgebenden Essys kommt.<\/p>\n<p>Hat sich Hitlers Paradek\u00fcnstlerin Leni Riefenstahl \u00a0 ja auch schon sehr fr\u00fch als <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/12\/11\/frauen-schreiben-krieg\/\">Kriegsberichterstatterin<\/a> ausbilden lassen, um an der Front zu fotografieren. Dann kam es zu den ersten Massenerschie\u00dfungen und die Tr\u00e4nen kollerten, wurden wohl auch dokumentarisch festgehalten und von Peter Nadas gekonnt mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/30\/warum-soll-man-nicht-auf-bessere-zeiten-hoffen\/\">Viktor Klemperer,<\/a> seinem mitleidigen Brieftr\u00e4ger und der Sprache des dritten Reiches in Beziehung gesetzt.<\/p>\n<p>Es gibt Texte \u00fcber Camus, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/11\/19\/die-englische-flagge\/\">Imre Kertesz<\/a>, Alexander Solschenizyn, der vor kurzem seinen hundertsten Geburtstag gefeiert h\u00e4tte,\u00a0 den mir bisher unbekannten ungarischen Dichter und Universit\u00e4tsprofessor Milan F\u00fcst, sowie einen \u00fcber die Memoiren der Schwiegertochter von Milos Horthy, Ilona Edelsheim-Gyulai.<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber den 1933 in Budapest geborenen Maler Alexandre Hollans und seine gemalenen B\u00e4ume zur\u00fcck zum Wildbirnenbaum des D\u00f6rfchen Gomboszeg, wo Nadas au\u00dfer in Budapest auch noch wohnt, wo sich die m\u00e4nnlichen Dorfbewohner am Abend unter dem Baum versammeln und sich austauschen, w\u00e4hrend es auf der ganzen Welt noch andere Baumrituale und Mythen gibt.<\/p>\n<p>Mit dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/09\/30\/die-vier-weltteile\/\">Museum<\/a> geht es gleich weiter, dort steht Nadas\u00a0 l\u00e4nger, weil er den &#8220;Punkt sucht, von dem aus der Maler das Bild gemalt hat&#8221;, wobei er vom W\u00e4rter mi\u00dftrauisch beobachtet wird, er sich aber nur seine philosophischen Gedanken \u00fcber Monet und\u00a0 seine Malkunst macht.<\/p>\n<p>An Hand Klimts &#8220;Goldenener Adele&#8221;, besch\u00e4ftigt Nadas sich mit Skandalen und kommt erst recht sp\u00e4t auf den Ausgangspunkt der Geschichte.<\/p>\n<p>In &#8220;Ein zu weites Feld&#8221; geht er auf Grund Fontanes letzten Satz aus der &#8220;Effi Briest&#8221; noch einmal auf sein Schreiben, beziehungsweise das Schreiben eines Romanes ein, bevor es im letzten Text, um seine Nahtoderfahrung, die er 1993 nach einem Herzinfarkt hatte.<\/p>\n<p>Ein interessantes Buch in dem man sowohl in das Leben Nadas, als auch in die Geschichte Ungarns, seine politischen Entwicklung und noch viel mehr\u00a0 eintauchen und \u00fcber den Zustand der Welt und ihre Verkn\u00fcpfungspunkte philosophieren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommen drei\u00dfig Essays, die der 1943 in Budapest geborene Peter Nadas\u00a0 zwischen 1989 und 2014 geschriebenen hat und die unter anderes von Akos Doma, Zsuzsanna Gahse, Ilma Rakusa, um nur die mir bekannten Autoren zu nennen, \u00fcbersetzt wurden. \u00dcber &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=67460\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1851,4506,4950,5918],"class_list":["post-67460","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-essays","tag-peter-nadas","tag-rowohlt","tag-ungarische-gegenwartsliteratur"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67460"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67460\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}