{"id":67932,"date":"2019-01-13T22:29:35","date_gmt":"2019-01-13T21:29:35","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=67932"},"modified":"2019-01-13T22:29:35","modified_gmt":"2019-01-13T21:29:35","slug":"sophies-tagebuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=67932","title":{"rendered":"Sophies Tagebuch"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich ja in den letzten Wochen sehr mit den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/01\/09\/revolutionsworkshop-textueberarbeiten-und-romanlehrgangwebiniar\/\">Stationen des Romanschreibens<\/a> besch\u00e4ftigt, was, wie ich bei den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/01\/05\/korrigierretreat\/\">entsprechenden<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/12\/30\/ideen-fuer-das-romanjahr-2019\/\">Webinaren<\/a> h\u00f6ren konnte, zur Folge haben kann, da\u00df man dann beim Lesen seiner B\u00fccher daraufschaut und den Autoren sozusagen bei ihren eigenen Romanfahrpl\u00e4nen auf die Schliche zu kommen scheint.<\/p>\n<p>So ist es mir bei dem\u00a0 1948 geborenen Nicolas Remin gegangen, der in seinem k\u00fcrzlich erschienenen &#8220;Sophie Tagebuch&#8221;, glaube ich, das Ploten und Planen, sowie die spannungsb\u00f6gen so perfekt ausgebaut hat, da\u00df\u00a0 einiges fast \u00fcbertrieben und unglaubhaft erscheint.<\/p>\n<p>Es beginnt mit einem Prolog und im Jahr 1945, wo einer in den letzten Tagen des Krieges, eine Leiche in seinem Garten vergr\u00e4bt und dabei am Schlu\u00df der Szene von jemanden ertappt wird.<\/p>\n<p>Dann geht es los und in das Jahr 1989 hinein, nach Berlin, in den Oktober, wo im Osten der Stadt, der vierzigste Jahrestag der DDR gefeiert werden soll, dabei die B\u00fcrger schon davonrennen,\u00a0 beziehungsweise anfangen in Massen zu demonstrieren.<\/p>\n<p>Das r\u00fchrt jenseits der Mauer die f\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrige Franz\u00f6sischlehrerin Erika zur Linde, die eine dicke Brille, Parkas und Wanderschuhe tr\u00e4gt und immer sehr streng zu ihren Sch\u00fclern ist, sehr wenig. Hat sie doch andere Probleme und wird\u00a0 von der Sekret\u00e4rin aus dem Unterricht geholt. Die Haush\u00e4lterin ihres Vaters hat angerufen. Der alte Herr hat sich in seinem Arbeitszimmer erscho\u00dfen und sie soll schnell kommen.<\/p>\n<p>Nein, das sagt sie ihr nicht so direkt und etwas \u00c4hnliches, habe ich auch vor kurzem auch im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/10\/03\/ein-schoenes-paar\/\">&#8220;Sch\u00f6nen Paar&#8221;<\/a> so gelesen.<\/p>\n<p>Erika eilt also zu der Villa in Lichtenberg, findet den Vater, die Haush\u00e4lterin erz\u00e4hlt von einem Brief aus Amerika, den der Vater, ein alter Offizier aus Adelsgeschlecht, vor einiger Zeit bekommen hat und\u00a0 daraufhin ein paar Tage sein Bett nicht mehr verlassen hat.<\/p>\n<p>Erikas Beziehung zu ihrem Vater war nicht sehr gut, hat er sie doch nach dem Tod der Mutter in den F\u00fcnfzigerjahren, als sie gerade sechzehn war, in ein Internat gegeben und jetzt besucht sie ihn nur mehr alle paar wochen zu einem Mittagessen.<\/p>\n<p>Sie erbt trotzdem alles und begibt sich zuerst zum Notar, dann trifft sie seine Verlegerin, denn der Vater war Schriftsteller, hat in den Sechzigerjahren einen Kriegsroman geschrieben, sich dann aber pl\u00f6tzlich v\u00f6llig aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>Die Haush\u00e4lterin hat den Brief gefunden. Er stammt von einem Paul Singer und der schreibt, da\u00df er der Neffe eines Felix Auerbachs ist, einem Juden, von dem der Vater, seiner &lt;mutter geschrieben hat, da\u00df er 1943 deponiert wurde.<\/p>\n<p>Jetzt hat der aber eine J\u00fcdin getroffen, die ihn noch sp\u00e4ter gesehen haben will und die Schwester hat dem Vater auch kurz vor seinem R\u00fcckzug, einen Brief geschrieben, in dem sie nach einem Mansukript des Bruders fragte. Der Neffe will deshalb nach Berlin kommen und mit dem Vater dar\u00fcber zu sprechen.<\/p>\n<p>Hat sich Ulrich zur Linde deshalb umgebracht?<\/p>\n<p>Erika geht in die Villa, findet im versperrten Schlafzimmer ihrer Mutter ihre Tageb\u00fccher, die sie von 1939 bis 1945 geschrieben hat und beginnt darin zu lesen.<\/p>\n<p>Das ist sehr spannend und man erf\u00e4hrt darin wahrscheinlich sehr genau, wie es sich in Berlin in dieser Zeit abgespielt haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Mutter war 1939 ein neunzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen, Tochter eines Parteimigliedes und Schwester eines SS-Mannes. Sie will nach der Matura Journalistin werden. Darf das aber nicht. Deshalb heiratet sie den Ulrich, der nichts dagegen hat, obwohl er eigentlich nicht sehr attraktiv ist und der hat einen Freund, n\u00e4mlich jenen Felix Auerbach, einen Juden, der aber ein blonder blau\u00e4ugiger Traummannn ist, den alle f\u00fcr einen Schweden halten und das ist wahrscheinlich, die \u00dcberthese Nikolas Remin, seine Figuren ja nicht klischeehaft wirken zu lassen.<\/p>\n<p>Der blonde Felix entspricht dem Prototyp eines Nazis, will in den Krieg, eine Unform und das Ritterkreuz. H\u00e4lt Hitlers Feldz\u00fcge eigentlich f\u00fcr gut, ist also sehr unsympathisch und die sch\u00f6ne, wahrscheinlich ebenfalls blonde Mutter ist sehr naiv und verliebt sich sofort in den sch\u00f6nen J\u00fcngling. Sie sagt zwar noch sehr lange Dr. Auerbach zu ihm und geht mit ihm trotz aller Rassenverbote spazieren, ins Kino, in Luxusrestaurants und der Ehemann ist im Feld.<\/p>\n<p>Er bekommt das Ritterkreuz und sagt nichts dazu. Sehr unglaubw\u00fcrdig eigentlicht. Aber glaubw\u00fcrdig, erscheint mir die Naivit\u00e4t und Unbesorgtheit der Neunzehnj\u00e4hrigen, die das um sie herum nicht versteht und sich eigentlich mehr Sorgen, um ihre Sch\u00f6nheit, als um alles andere macht.<\/p>\n<p>Indessen, w\u00e4hrend sie all das liest, gehen auch in Erika Ver\u00e4nderungen vor. Sie legt ihre dicke Brille ab, kauft sich teure Jeans, geht zum Friseur , setzt sich Kontaktlisen ein und liest und liest, um all das, was die Mutter schreibt, zu verstehen, w\u00e4hrend sie Paul Singers Ankunft erwartet und w\u00e4hrenddessen wird jenseits der Mauer Weltgeschichte geschrieben.<\/p>\n<p>&#8220;Ich liebe euch doch alle!&#8221;, gesagt, Erich Honecker tritt zur\u00fcck, Egon Krenz tritt auf und die Grenzen werden gest\u00fcrmt, weil die Reisefreiheit, ob eines Versehens pl\u00f6tzlich f\u00fcr alle gilt.<\/p>\n<p>Erika ber\u00fchrt das alles nicht sehr, ist sie doch in ihrer Phantasie vierzig Jahre fr\u00fcher und hat die Frage zu kl\u00e4ren, ob der Kriegsroman nicht vielleicht von Felix Auerbach stammt, der besser schreiben konnte und der Vater ein Plagiator ist?<\/p>\n<p>Sie kommt aber noch zu anderen Erkenntnissen, denn der Bechsteinfl\u00fcgel, der in der Villa steht, geh\u00f6rte eigentlich Felix Auerbach. Gut, der hat ihn, um ihn nicht anderwertig arisieren zu lassen, beim Freund deponiert. Es gibt aber Porzellan und andere Sachen in der Villa, die der\u00a0 Vater Sophie schekte und die hat er vorher &#8220;g\u00fcnstig&#8221; einem ausreisenden Nachbarn abgekauft.<\/p>\n<p>Felix Auerbach wollte eigentlich noch 1939 mit seiner Schwester das Land verlassen, die sch\u00f6ne Sophie hindert ihn wohl daran. So bleibt er, kommt 1940 in eine Sammelwohnung, wo er jene Sarah Spielrein trifft, die sp\u00e4ter seinem Neffen von ihm erz\u00e4hlt. Er wird dann zwangsverpflichtet und mu\u00df sich sp\u00e4ter, das ist schon 1943, untertauchen. Das hei\u00dft, der arglose Ulrich besorgt ihm falsche Papiere und er zieht in die Villa, als Untermieter ein, w\u00e4hrend Ulrich an der Front ist und nur Stoffe und Kost\u00fcme schickt, die Erika sp\u00e4ter tr\u00e4gt, als sie zu ihren Treffen zu Paul singer geht.<\/p>\n<p>Erika wurde 1944 geboren. 1943 mu\u00dften Auersbach und Sophie in den Luftschutzkeller und pl\u00f6tzlich redet sie ihm in ihrem Tagebuch als Felix an und Ulrich kommt jetzt aus einem Sanatorium zur\u00fcck, hat sich ver\u00e4ndert, ist vielleicht eifers\u00fcchtig, es kommt zum Streit&#8230;.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch den Bruder Horst, den \u00fcberzeugten SS-Mann, der nach dem Krieg verschwunden ist, aber jetzt aus dem Osten als SED-Parteimitglied wieder auftaucht.<\/p>\n<p>Hat der Felix denunziiert, denn der wurde 1945 verhaftet. Kommt dann zwar nach ein paar Tagen wieder zur\u00fcck, wird aber angeblich von Russen verschleppt, w\u00e4hrend Ulrich wieder angeblich, einen ihm angreifenden Russen t\u00f6tet und vom Hausmeister beobachtet, im Garten vergraben hat, damit er nicht nach Sibirien mu\u00df.<\/p>\n<p>H\u00f6chst kompliziert und auch h\u00f6chst unglaubw\u00fcrdig, mit all den Wendungen und den Spannungsb\u00f6gen, von denen ich jetzt, um nicht zu sehr<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/09\/13\/ueber-das-spoilern\/\"> zu spoilern<\/a> noch einiges ausgelassen habe.<\/p>\n<p>Es ist aber, das will ich nicht bestreiten, sehr spannend zu lesen und scheint mir auch abgesehen von der zum Teil sehr widerspr\u00fcchlichen Handlung sehr gut recherchiert und die historischen Details zu stimmen.<\/p>\n<p>J\u00fcngere Leser k\u00f6nnen sich daher vielleicht wirklich ein gutes Bild dar\u00fcber machen, was in der NS-Zeit\u00a0 passierrt ist, obwohl mir der kriegsbesessene Dr. Auerbach, schon ein bi\u00dfchen zu \u00fcbertrieben scheint und da steht auch irgendwo etwas, von einem zu &#8220;plumpen Drehbuchplott&#8221;.<\/p>\n<p>Mir w\u00fcrde er als zu \u00fcberladen erscheinen und der gute Felix vielleicht zu unsymathisch. Gut das sind die Erika und die Sophie vielleicht auch. Das hei\u00dft die Naivit\u00e4t der neunzehnj\u00e4hrigen Parteimitgliedtochter, die nur ihrer Karriere wegen in die Partei eintritt und sich ansonsten ihren Spa\u00df mit dem gutaussehenden Juden macht, ist gar nicht so unglaubhaft, warum aber Erika pl\u00f6tzlich k\u00fcndigt, verstehe ich nicht so ganz. Oder doch, sie hat ja jetzt geerbt, mu\u00df also nicht mehr in die Schule gehen und eine Liebesgeschichte, das kann ich noch verraten, erlebt sie auch noch als \u00dcberdr\u00fcber oder weiteren Handlungspunkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich ja in den letzten Wochen sehr mit den Stationen des Romanschreibens besch\u00e4ftigt, was, wie ich bei den entsprechenden Webinaren h\u00f6ren konnte, zur Folge haben kann, da\u00df man dann beim Lesen seiner B\u00fccher daraufschaut und den Autoren sozusagen &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=67932\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[769,3167,3296,4288],"class_list":["post-67932","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-berlin-1989","tag-kindler","tag-kriegsroman","tag-nicolas-remin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67932"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67932\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}