{"id":68546,"date":"2019-02-16T00:44:46","date_gmt":"2019-02-15T23:44:46","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=68546"},"modified":"2019-02-16T00:44:46","modified_gmt":"2019-02-15T23:44:46","slug":"der-traurige-gast","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=68546","title":{"rendered":"Der traurige Gast"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt die n\u00e4chste Neuerscheinung und wieder eine, die einen aktuellen Ausgangspunkt nimmt, n\u00e4mlich den Winter beschreibt, wo es auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt bei der Berliner Ged\u00e4chtniskirche gab, den ich im <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_fruehstueck.html\">&#8220;Bibliotheksgespenst&#8221;<\/a>\u00a0 auch beschrieben habe. Man sieht die Autoren, die sich mit dem Narrativ besch\u00e4ftigen und nicht blo\u00df experimentell vor sich her fabulieren, besch\u00e4ftigen sich mit dem Zahn der Zeit, obwohl es bei Matthias Nawrats &#8220;Traurigen Gast&#8221;, dann wieder nicht so tagepolitisch aktuell ist, wie es der Buchr\u00fccken beschreibt.<\/p>\n<p>Der 1979 im polnischen\u00a0 Opole geborene Matthias Nawrat, hat 201 beim &#8220;Bachmannpreis&#8221; gelesen und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/08\/den-bachmannpreis-gewinnen\/\">gewonnen<\/a>, daraus ist dann das Buch hervorgegangen, das ich mir bei einem der Literaturhausflohm\u00e4rkte gekauft habe und es auch auf meiner urspr\u00fcnglichen 2019 Leseliste hatte, dann habe ich die B\u00fccher dort aber heruntergestrichen und als ich die Liste wieder anlegte, ist das Buch offenbar zu weit hinten in meinen Regalen gestanden, das n\u00e4chste Buch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/12\/21\/die-vielen-tode-unseres-opas-jurek\/\">&#8220;Die vielen Tode unseres Opa Jureks&#8221;<\/a> habe ich aber gelesen, weil bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/10\/18\/frankfurt-und-viele-buecher\/\">&#8220;Buzzaldrins-Gewinnspiel&#8221;<\/a> gewonnen und jetzt die &#8220;Selbst und Weltbefragung von beeindruckender Qualit\u00e4t&#8221;, wie am Klappentext steht.<\/p>\n<p>Roman, was &#8220;Rowohlt&#8221; dazugeschrieben hat, ist wieder einmal \u00fcbertrieben, denn eine narrative spannungsaufgebaute Handlung, in der man sich der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/11\/22\/spannungsbogen-2\/\">Heldenreise<\/a> bedienen kann, hat das Buch eigentlich nicht, sondern drei Teile, wo der Ich-Erz\u00e4hler, ein namensloser Schriftsteller durch Berlin herumspaziert und dort seine Beobachtungen macht oder doch, eine Handlung gibt es vielleicht schon.<\/p>\n<p>So ist der erste Teil zum Beispiel mit &#8220;Die Architektin&#8221; beschrieben und da spaziert der Erz\u00e4hler durch Berlin, geht in ein Restaurant neben der polnischen Kirche in ein polnisches Restaurant essen, ist er doch ein Pole mit dem Geburtsort Opole, also hat er wahrscheinlich doch einen Namen und eine Frau namens Veronika und mit der, will er seine Wohnung renovieren und hat irgendwo, die Visitenkarte einer ebenfalls polnischen Architektin namens Dorota gefunden, die er anruft und die ihn dann zu sich bestellt, weil sie ihr Viertel nicht mehr verl\u00e4\u00dft, sondern von zu Hause arbeitet.<\/p>\n<p>Die besucht er dann ein paar Mal, i\u00dft ihren eher geschmacklosen gesunden Kuchen, weil er nur aus Eiwei\u00df besteht, zu der Wohnungsumplanung kommt es aber nicht, weil sie ihm stattdessen viel von ihrem Leben, ihrer Kindheit und den Kriegserfahrungen, ihrer Familie erz\u00e4hlt, die von dort herkommt, wo heute die Ukraine ist und, als er sie mit seinem Geburtstagskuchen besucht, trifft er nur den Vermieter in ihrer Wohnung, der ihm erz\u00e4hlt, da\u00df sich Dorota vor zwei Wochen erh\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Im zweiten &#8220;Die Stadt&#8221; genannten Teil, geht es um den Anschlag am Beriner Breitscheidplatz und um die Gef\u00fchle die der Erz\u00e4hler die n\u00e4chsten Tage hat, wenn er, der Anschlag ist in seiner N\u00e4he geschehen, das Haus verl\u00e4\u00dft, um Weihnachtsgeschenke f\u00fcr seine Eltern zu besorgen. Die Begegnung mit einem kleinen Jungen, der ihn fragt, ob er einbrachen will und, ob er ihn retten w\u00fcrde, wenn er ins Wasser springt und die Geschichte von einem eingesperrten rum\u00e4nischen Mann, kommen in dem Teil auch noch vor.<\/p>\n<p>Der dritte Teil &#8220;Der Arzt&#8221;, hat die dichteste Erz\u00e4hlstruktur, geht es hier doch nur um den ehemaligen Arzt Dariusz, der inzwischen an einer Tankstelle arbeitet und am Ende auch noch von dort entlassen wird, w\u00e4hrend es im\u00a0 ersten Teil neben der Begegnung mit Dorota immer noch, um andere Begegnungen geht und es im Mittelteil, wo\u00a0 der Anschlag am Weihnachtsmarkt stattfindet, \u00fcberhaupt keine Handlung gibt.<\/p>\n<p>Hier arbeitet der Erz\u00e4hler, der ja schon drei Erz\u00e4hlb\u00e4nde hat, an einer Tankstelle und Dariusz, ebenfalls ein Pole, erz\u00e4hlt ihm sein Leben, das von einer gescheiterten Beziehung zu seiner Frau Marzena, seinem verschollenen Sohn, den er bis nach S\u00fcdamerika nachgereist ist, Panikattacken, Alkohol und Medikamentenmi\u00dfbrauch bis zu einem Gef\u00e4ngnisaufenthalts, wegen eines angeblichen Raub\u00fcberfalls f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dariusz, ein von Leben gescheiteter, aber dennoch hochgebildet und einf\u00fchlsam, erz\u00e4hlt dem &#8220;Gast&#8221; sein Leben, begleitet ihm auf den Friedhof dabei und \u00fcber den Roman, der keiner ist, liegt eine seltsame Melancholie und Schwerm\u00fctigkeit, angefangen von der Selbstm\u00f6rderin Dorota, dem Terroranschlag bis zu dem am Leben gescheiterten Polen, etwas das in der Zeit der narrativen spannenden Romanhandlungen seltsam unstrukturiert wirkt.<\/p>\n<p>Mir, weil ich ja auch so schreibe, sehr sympathisch ist, weil\u00a0 ich das &#8220;Verlieren, Verdr\u00e4ngen, Neuankommen und das \u00dcberleben in aller Sch\u00f6nheit, trotz aller Schrecken&#8221;, die leisen T\u00f6ne in der Literatur\u00a0 f\u00fcr sehr wichtig halte und es sch\u00f6n finde, da\u00df es auch diese\u00a0 B\u00fccher gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt die n\u00e4chste Neuerscheinung und wieder eine, die einen aktuellen Ausgangspunkt nimmt, n\u00e4mlich den Winter beschreibt, wo es auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt bei der Berliner Ged\u00e4chtniskirche gab, den ich im &#8220;Bibliotheksgespenst&#8221;\u00a0 auch beschrieben habe. 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