{"id":6983,"date":"2011-05-15T00:55:16","date_gmt":"2011-05-14T22:55:16","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6983"},"modified":"2011-05-15T00:55:16","modified_gmt":"2011-05-14T22:55:16","slug":"6983","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6983","title":{"rendered":"Gold"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Gold&#8221; sammelt Sybille Bergs Reiseberichte, Portraits und Artikel, die von ihr Ende der Neunzigerjahre in verschiedenen Zeitschriften erschienen oder nicht erschieden sind. Der Umschlag des KiWi Taschenbuchs, ein Fund aus dem B\u00fccherschrank, tr\u00e4gt diese Farbe, deshalb hei\u00dft das Buch wahrscheinlich so. Einen anderen Grund w\u00fc\u00dfte ich nicht, es gibt aber ein Vorwort der Autorin, die schreibt &#8220;Das ist ein sch\u00f6nes Buch. Das \u00c4u\u00dfere ist dezent und wertig, und der Inhalt kann sich sehen lassen. &#8230;.Ein Buch, das Ihnen und Ihren Freunden bestimmt viel Freude schenken wird.&#8221;<br \/>\nDie 1962 in Weimar Geborene und in Z\u00fcrich Lebende ist also sehr selbstbewu\u00dft. Ich kenne ihren Namen, seit ich, ich glaube, das war in Leipzig, &#8220;Das N\u00e4hk\u00e4stchen des erfolgreichen Schreibens&#8221;, ein Schreiblernbuch der Cornelia Goethe Akademie von Claus Vainstain bekommen habe, denn der f\u00fchrt Sybille Bergs 1997 erschienenen Roman &#8220;Ein paar Leute suchen das Gl\u00fcck und lachen sich tot&#8221;, als positives Beispiel f\u00fcr das erfolgreiche Schreiben an.<br \/>\n2009 stand sie  mit ihrem Roman &#8220;Der Mann schl\u00e4ft&#8221; auf der Longlist des dBps. Da habe ich von ihr ein Interview in einer Talkshow gesehen, das mir sehr trivial vorgekommen ist und jetzt hatte ich einen  Reportagenband in der Hand, obwohl ich Kurzgeschichten ja eigentlich nicht so mag und  bin sehr beeindruckt, das war Lesen sehr interessant und der Eindruck, da\u00df Sybille Berg eine sehr ambivalente Autorin sein mu\u00df, hat sich best\u00e4tigt.<br \/>\nIn dem Buch geht es, k\u00f6nnte man sagen, um Gott und die Welt, um die Liebe, um St\u00e4dte, um Mode, um Gef\u00fchle, Tiere etc, um alles was Platz in Kolumnen des Zeitmagazins, Stern, Annabelle und anderer Zeitschriften hat und es sind zwischendurch immer wieder Leserbriefe abgedruckt, die als Fanpost bezeichnet werden.Hier zeigt sich wiedermal Sybille Bergs Ambivalenz, die Leserbriefe sind n\u00e4mlich durchaus negativ, beschimpfen die Autorin, meinen sie w\u00e4re trivial, h\u00e4tte die Sachen nicht verstanden, ein zu einfaches Weltbild, etc und f\u00fchlen sich durch den flapsigen  Ton verarscht. Da gibt es beispielsweise einen &#8220;Tanz den Goethe&#8221; genannten Artikel \u00fcber Weimar,  mit entsprechenden Leserbrief, in dem sie die Goethe Verehrung der kleinen Stadt schildert, die an jedem Haus eine Tafel hat &#8220;Hier hat der Meister gepinkelt oder einen Schuldfreund&#8221; etc und den Bussen mit den mittelalten Damen, die dort hingefahren wurden, die die Ossis mit &#8220;Wissen Sie, wie ich Sie beneide, da\u00df Sie in dieser Stadt leben d\u00fcrften!&#8221;, ansprachen, die sich nur dachten, wie gerne sie mit den Bildungstouristen tauschen w\u00fcrden. Da  ist mir erst klar geworden, da\u00df Sybille Berg aus Weimar stammt, ich hatte sie eigentlich f\u00fcr eine Schweizerin gehalten und diesen Artikel, wie sehr viele anderen excellent und gut beschrieben gefunden, ein bi\u00dfchen flapsig ja, aber ich habe verstanden, was sie meint und worum es geht. Dann kommt ein Artikel \u00fcber Wien, der mich nat\u00fcrlich interessierte und hier lese ich, da\u00df die Autorin an einem Bahnhof ankommt, mit einem Taxi f\u00e4hrt, alle Leute &#8220;Heil Hitler&#8221; sagen und sie ein esoterisches Gesch\u00e4ft betritt, sonst kommt nichts vor, keine Mozartkugeln, kein Stefansdom, etc, nun bin ich in Wien schon sehr oft in Gesch\u00e4fte gegangen, mit &#8220;Heil Hitler!&#8221;, hat mich noch niemand begr\u00fc\u00dft, mit &#8220;Gr\u00fc\u00df Gott!&#8221;, sehr wohl und das sage ich immer noch oft genug, obwohl ich es mir eigentlich abgew\u00f6hnen will, das mag einen Deutschen, wenn er nicht aus Bayern stammt, vielleicht ungew\u00f6hnlich vorkommen, ansonsten w\u00fcrde ich aus dem Artikel Wien nicht erkennen, das k\u00f6nnte irgendeine Stadtbeschreibung sein und Sybille Berg mu\u00df nicht hiergewesen sein.<br \/>\nEs gibt einen Artikel \u00fcber Gunilla von Bismark und die Reichen und die Sch\u00f6nen in Marbella, treffend beschrieben, obwohl ich noch nicht dort war, denke ich mir, das wird so sein, einen \u00fcber Kambodscha, der auch Widerspruch erregte. Ein Gl\u00fccksforscher hat behauptet, die Menschen in Bangladesch seien am gl\u00fccklichsten, Sybille Berg beschreibt, die Armut dort und macht sich \u00fcber den Gl\u00fccksforscher lustig, brillant, brillant. Die Sinnlosigkeit des Lebens wird meiner Meinung nach auch sehr gro\u00dfartig und beeindruckend geschildert. Ein Artikel macht sich \u00fcber den Jugendwahn lustig, einer \u00fcber blasierte Verk\u00e4uferinnen in Nobelboutiquen, die nichts tun, als ihre Kundinnen verscheuchen, Sybille Berg wirds erlebt haben.<br \/>\nEin paar Artikel habe ich nicht ganz verstanden, bzw. erschienen sie mir eher nichtssagend, wie zum Beispiel den \u00fcber Wien. Wieso so hat sie sich nicht \u00fcber die Morbidit\u00e4t und die Mozartkugeln etc lustig gemacht?<br \/>\nEinige Artikel sind Erstdrucke, weil sie vom Stern oder auch vom Suhrkamp abgelehnt wurden.<br \/>\n &#8220;Quietschende St\u00e4dte&#8221; beispielsweise, weil er als nicht modern genug empfunden wurde. Suhrkamp wollte &#8220;Hundert Worte des Jahrhunderts&#8221; von ihr haben, lehnte den erhaltenen Artikel &#8220;Faschismus&#8221; ab &#8220;weil er in keinster Weise den Leser und H\u00f6erererwartungen entsprechen w\u00fcrde&#8221;, bezahlt aber, da es eine Auftragsarbeit war, f\u00fcnfhundert Mark daf\u00fcr. Der Artikel beschreibt wieder etwas flapsig einen Kleinb\u00fcrger, der das Haus seines Nachbars, der ihm st\u00f6rte, abbrannte und dabei sein triviales  Leben schildert. Zahm w\u00fcrde ich sagen und schon hundertmal geh\u00f6rt, aber treffend im Bergschen Ton beschrieben und die mu\u00df \u00fcber viel Humor verf\u00fcgen, weil sie sich mit ihrer Fanpost und ihrem Vorwort \u00fcber sich selber lustig macht. Und das findet man nicht sehr oft, diese Ehrlichkeit und hat mich sehr beeindruckt, so da\u00df ich die schon etwas &#8220;antiquierten&#8221; Reise- und Lebensbeschreibungen der Neunzigerjahre sehr genossen habe, reist Sybille Berg ja beispielsweise mit Kanzler Schr\u00f6der auf Werbetour, wer war  das noch? Mit Mark oder Schillingen bezahlen wir auch nicht mehr. Es gibt auch ein paar Rezensionen, beziehungsweise Autorenbeschreibungen, die \u00fcber Amelie Frieds antifaschistischen Schutzwall im &#8220;Mann von nebenan&#8221;, das der Stern seltsamerweise auch nicht abdruckte und eine beinahe Liebeserkl\u00e4rung an Haruki Murakami, beispielsweise, den sie nach Tokio folgte.<br \/>\nK\u00f6stlich w\u00fcrde ich sagen, viel gelernt und Sybille Berg mu\u00df eine sehr intelligente Person sein, die mich irgendwie an Else Buschheuer erinnerte, die ja auch aus Ostdeutschland stammt und sehr selbstbewu\u00dft sein d\u00fcrfte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Gold&#8221; sammelt Sybille Bergs Reiseberichte, Portraits und Artikel, die von ihr Ende der Neunzigerjahre in verschiedenen Zeitschriften erschienen oder nicht erschieden sind. 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