{"id":7078,"date":"2011-05-22T09:55:32","date_gmt":"2011-05-22T07:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=7078"},"modified":"2011-05-22T09:55:32","modified_gmt":"2011-05-22T07:55:32","slug":"der-windfisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=7078","title":{"rendered":"Der Windfisch"},"content":{"rendered":"<p>Die 1994 erschienene Erz\u00e4hlung, des 1953 geborenen Ralf Rothmanns, stammt aus der Thalia Abverkaufskiste vom Sommer 2008, in einem meiner ersten <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/07\/07\/bucher-bucher\/\">Literaturgefl\u00fcsterartikeln<\/a> habe ich dar\u00fcber geschrieben, der Titel bezieht sich sowohl auf ein Lied, das buntgkleidete Mulattinnen mit Muschelschmuck beim Kokusn\u00fc\u00dfe verladen in S\u00fcdamerika singen, als auch auf einen Privatdruck \u00fcbel zusammengeschusteter Sonette und Lieder eines SS Mannes namens  Karl Markus Streeler und ist, wie ich dem Klappentext entnehme, &#8220;eine stilistisch brillante, unterhaltsame, psychologisch wie politisch brisante und damit auf angenehme Weise un-deutsche Geschichte, die die spannende Erz\u00e4hlweise von B. Travens Mexiko &#8211; Romanen mit Albert Camus Philosophie und der vitalen Resignation Malcolm Lowrys Geoffrey Firmins verbindet.&#8221;<br \/>\nDie Geschichte beginnt in einem Flugzeug das \u00fcber Mexico-City aufsteigt. Guntram Lohser, ein Fotograf, der keiner mehr ist, wurde ihm doch seine Ausr\u00fcstung gestohlen, hat drei Monate  lang  f\u00fcr eine Bildbandreihe eines Zigarettenkonzerns, das wilde rauhe Mexico fotografiert, jetzt will er um den Berliner Winter zu umgehen noch ein paar Wochen Ferien in Ecuardor anh\u00e4ngen. Er schreibt Abschiedsbriefe an seine Freundin Lydia, erkundigt sich telefonisch bei seinem Freund Benno nach dem Zustand seiner Wohnung und l\u00e4\u00dft sein Zimmer k\u00fcndigen, dann beobachtet er, wie eine rotblonde Frau bestohlen wird, f\u00e4hrt mit einem Bus durch die Gegend, schl\u00e4ft mit einer Indianerin und will nach einem Ort namens Muisne, wo alle M\u00e4nner, die er in den Kneipen trifft, Br\u00fcder haben, die dort Polizisten sind.<br \/>\nEr landet in einem Sumpf am Meer, wo es kein Hotel gibt, aber Don Armando kleine H\u00fctten mit Duschen vermietet. Dort lernt er einen seltsamen alten Mann kennen, der einen t\u00e4towierten Arm und viele Ziegen hat, die ihm seine Uhren fressen und die er mit Namen nennt. Es gibt auch ein Spital mit einem versoffenen Arzt, dessen einziger Patient Don Armando ist, einen wei\u00dfen und einen schwarzen Polizisten und die rotblonde Frau, die vorgibt Journalistin zu sein, taucht auch wieder auf und erz\u00e4hlt Lohser, da\u00df sie, Franz\u00f6sin und Tochter eines deutschst\u00e4mmigen Juden ist, der mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde und dort seine erste Frau und den dreizehn Monate alten Sohn verlor. In Bolivien fand  seine 1955 geborene Tochter Jovita eine kleine deutsche Bibliothek, die in einem verstaubten Keller untergebracht war. &#8220;Ein Kinderstahlhelm, ein signiertes Foto von Marlene Dietrich und ein schmales spinnenwebverhangenes B\u00fccherregal&#8221;, wo neben Weinheber und L\u00f6ns sich auch der &#8220;Windfisch&#8221; von  Karl Markus Streeler befand, jenem SS Mann, der verantwortlich f\u00fcr den Tod vieler tausender Menschen aus Toulouse und Umgebung war, in Abwesenheit zum Tode verurteil wurde, aber in die gro\u00dfe weite Welt untertauchte. Dort sp\u00fcrt ihm nun Jovita auf, bzw. werden auf diesen Namen lautetende Papiere gefunden bzw. gestohlen.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag f\u00e4hrt Jovita ab, w\u00e4hrend Lohser Don Amando besucht, um ihm nach den Papieren zu fragen, der winkt ab, erz\u00e4hlt etwas von Pflicht und mangelnde Verantwortung,&#8221; weil man tun mu\u00df, was Gesetz ist, um seine Familie zu retten&#8221; und f\u00fchrt ihn in einen Schweinestall, dann bietet er Lohser an, dort Aufseher zu werden, aber  will wieder abreisen, vorher geht er aber am Meer spazieren, trifft dort Elvira, die Frau eines der beiden Polizisten und als er nachher in der Wirtschaft essen will, setzt sich der andere Polizist zu ihm und gibt ihm das Messer mit dem Perlmuttgriff, das Lohser mit f\u00fcnzig Dollar gestohlen wurde. Weil damit aber zuf\u00e4lligerweise gerade Don Armando ermordet wurde, ger\u00e4t Lohser in Bedr\u00e4ngnis, wird aber von der sch\u00f6nen Elvira gerettet und man erf\u00e4hrt auch, da\u00df nicht Don Armando der SS-Mann war, sondern seltsamerweise der verr\u00fcckte Ziegenhirt, denn den SS-M\u00e4nnern wurden, wie Lohser von seinem Vater, der ein harmloser  SS-Lastwagenfahrer war, die Arme t\u00e4towiert und Don Armando lief immer mit freien Armen herum und Lohser wird die Gegend, da die Stra\u00dfe wieder frei ist, bald verlassen k\u00f6nnen.<br \/>\nRalf Rottmann, den ich 2001 oder 2002 bei einer Literatur im M\u00e4rz Veranstaltung noch im unfertigen Museumsquartier lesen und diskutieren h\u00f6rte, erz\u00e4hlt diese Geschichte in einer sehr sch\u00f6nen Sprache und kommt vom Roadmovie wirklich excellent zu dem beschriebenen Politthriller. Immer wieder fallen sch\u00f6ne Wortwendungen, wie &#8220;die Schuhspitzen, die sich wie Hundeschnauzen durch den Sand schoben&#8221; oder  &#8220;Kopfschmerz in Flaschenform&#8221; auf.<br \/>\nDas Ganze wird auch sehr geheimnisvoll und meiner Meinung nach mehr lyrisch als philosophisch existentiell in drei Kapitel &#8220;Platz der Schweine&#8221; &#8220;Tangohammer&#8221; und &#8220;Altes Jahr&#8221; aufgebaut und von Ralf Rothmann habe ich schon <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/03\/29\/flieh-mein-freund\/\">&#8220;Flieh, mein Freund&#8221;<\/a> gelesen, das ich wahrscheinlich in Wien aus einer Ein-Euro-Kiste gezogen haben. 2009 wurde sein Roman &#8220;Feuer brennt nicht&#8221; intensiv besprochen, woran ich mich noch erinnern kann und am Donnerstag habe ich bei der Buchlandung in der Mariahilferstra\u00dfe wieder zwei Rothmann &#8211; Werke aus den Regalen bzw. aus der Kiste gezogen, n\u00e4mlich die erste Erz\u00e4hlung &#8220;Messers Schneide&#8221; und  &#8220;Kratzer und andere Gedichte.&#8221;<br \/>\nMan sieht, der in Schleswig geborene, der schon die verschiendensten Literaturpreise bekommen hat, ist nicht nur ein vielseitiger Dichter, der nur Travens Mexiko Romane nachzeichnet, sich  mit dem Leben von Bergarbeiterfamilien und Jugendcliquen auseinandersetzt, sondern seine bei Suhrkamp erschienenen Taschenb\u00fccher, landen auch sehr schnell und oft in den Abverkaufskisten und dann bei mir, wo ich sie langsam auflese und so das Werk eines Gleichaltigen kennenlerne, der sicher eine bessere Sprache als ich hat, aber auch nicht sehr verk\u00e4uflich zu sein scheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1994 erschienene Erz\u00e4hlung, des 1953 geborenen Ralf Rothmanns, stammt aus der Thalia Abverkaufskiste vom Sommer 2008, in einem meiner ersten Literaturgefl\u00fcsterartikeln habe ich dar\u00fcber geschrieben, der Titel bezieht sich sowohl auf ein Lied, das buntgkleidete Mulattinnen mit Muschelschmuck beim &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=7078\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-7078","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7078","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7078"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7078\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7078"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7078"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7078"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}