{"id":7444,"date":"2011-06-22T00:38:56","date_gmt":"2011-06-21T22:38:56","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=7444"},"modified":"2011-06-22T00:38:56","modified_gmt":"2011-06-21T22:38:56","slug":"vorhof-der-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=7444","title":{"rendered":"Vorhof der Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>In &#8220;Vorhof der Wirklichkeit&#8221; von Hannelore Valencak, geschrieben in den F\u00fcnfziger oder Sechzigerjahren, das vor mir liegende Buch ist eine Donauland Lizenausgabe aus 1972, in Wikipedia habe ich keine genaueren Angaben gefunden, spricht eine Frau zu sich selbst und erz\u00e4hlt dabei ihr Leben.<br \/>\nDas Leben einer namenlosen Ich-Erz\u00e4hlerin oder eines &#8220;dus&#8221;, das Neunzehnhundertsiebenundf\u00fcnfzig&#8221; neunundzwanzig Jahre ist. Das &#8220;du&#8221; ist in einer Eisenbahnersiedlung einer wohl steirischen Kleinstadt aufgewachsen und in den Krieg hineingekommen und seltsamerweise erinnert die Beschreibung der Schulzeit dieses M\u00e4dchens an die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/06\/14\/katharina-tiwald-bei-den-wilden-worten\/\">Sch\u00fclerin G. von Katharina Tiwald<\/a>, die zwar Anfang des Einundzwanzigsten Jahrhunderts in die Schule geht, aber trotzdem einige \u00c4hnlichkeiten hat. Ein Wunschkind ist es nicht, dieses kleine M\u00e4dchen, der Vater mu\u00dfte die Mutter heiraten und ist b\u00f6s auf sie, weil er ihretwegen nicht Zeichenlehrer sondern Eisenbahnbeamter in Uniform geworden ist. Deshalb zerrei\u00dft er auch die Zeichnung seiner Tochter, weil sie angeblich nicht sch\u00f6n genug geworden ist und dieses arme Leute Kind hat in der Schule, \u00e4hnlich wie Katharina Tiwalds Sch\u00fclerin einiges mitzumachen. So spielen die besseren Sch\u00fclerinnen &#8220;Ein Bauer ging ins Feld&#8221; und w\u00e4hlen sich die besseren Sch\u00fclerinnen aus, w\u00e4hrend das Eisenbahnerkind \u00fcbrig bleibt und nicht einmal als Maus genommen wird. Trotzdem ist sie eine gute Sch\u00fclerin, eine Streberin sogar und darf deshalb in die Oberschule, sie schreibt auch sch\u00f6ne Aufs\u00e4tze und liest gern B\u00fccher, dann kommt  der Krieg und der Mutter mu\u00df sie sowieso im Haushalt helfen und f\u00fchlt sich ausgen\u00fctzt, es kommt auch zu hei\u00dfen K\u00e4mpfen mit dem Vater und zu einer ersten Liebe, als sie im Spital liegt und d\u00fcnn und unterern\u00e4hrt, von einem Tierarztsohn gek\u00fc\u00dft werden soll. Sie st\u00f6\u00dft ihn weg und fl\u00fcchtet sich in ihre Phantasie, erlebt mit der wortkargen Mutter die Kriegsn\u00f6te und hilft ihr w\u00e4hrend einer Fehlgeburt. Als der Krieg vorbei ist, maturiert sie und beginnt Medizin zu studieren. Dort lernt sie den Physikstudenten Walter kennen, von dem man schon auf der ersten Seite des Buches erf\u00e4hrt, da\u00df er ihr Mann geworden ist und sie betrogen hat. Jetzt verlieben sie sich ineinander und ziehen zu einem alten Ehepaar in ein H\u00e4uschen, das sie aufnimmt und bekocht. Sie bricht mit ihren Eltern, nachdem ihre erste Geschichte in einer Zeitung erscheint, als sich das nicht fortsetzt, mu\u00df sie Walter heiraten und ihr Studium mu\u00df sie auch unterbrechen, weil kein Geld da ist und sie sich von ihm nicht aushalten lassen will. So geht sie wieder in das Stahlwerk arbeiten und kann nicht fertigstudieren, weil sich Walters Dissertation verz\u00f6gert, weil er von seinem Professor als billige wissenschaftliche Hilfskraft ausgen\u00fctzt wird. Sie wird also Metallographin, bekommt einen verst\u00e4ndnisvollen Chef, der ihr &#8220;Den kleinen Prinz&#8221; zu lesen bringt und nichts dagegen hat, wenn sie in der Dunkelkammer ein wenig schl\u00e4ft. Hat sie ja ihr Studium unterbrochen, um Walter zu ern\u00e4hren, den Haushalt mu\u00df sie aber trotzdem machen und Str\u00fcmpfe stopfen. Walter hilft ihr nicht und sie ist zu stolz, da\u00df sie ihn dazu auffordert. Sie f\u00e4ngt wieder zu schreiben an, ihre Gedichte werden in Anthologien und Zeitschriften gedruckt, sie schreibt auch einen Roman, der ihr aber nicht so gelingt, dazwischen gibt es eine Abtreibung, an der sie fast stirbt, weil sie wieder zu stolz war, Walter zu sagen, da\u00df sie Hilfe braucht. Die Ehe ist also nicht so gut und als ihr neuer Chef ihr verbietet, den Roman am Arbeitsplatz zu schreiben, tut sie das am Abend, so da\u00df sie Walter aus dem Haus und zu einer Freundin treibt. Den ungeliebten Arbeitsplatz kann sie auch nicht aufgeben, zwar hat sie es geschafft, da\u00df Walter sein Studium zu Ende bringt und er verspricht ihr auch, in zwei Jahren, wenn die Raten f\u00fcr die Wohnung bezahlt sind, kannst du aufh\u00f6ren, aber dann will er zuerst ein Motorrad, dann ein Auto, schlie\u00dflich bekommt die Freundin ein Kind und er mu\u00df die ersten drei Jahre f\u00fcr sie sorgen. Sie kann nach der Abtreibung nicht mehr schwanger werden. Trotzdem kommt es im &#8220;Vorhof der Wirklichkeit&#8221; zu einer Vers\u00f6hnung des Ehepaars, sie hat Schlaftabletten genommen und Walter hat sie gefunden und vielleicht auch zu einen Neubeginn und neuem Scheitern.<br \/>\nHannelore Valencak wurde 1929 in Donawitz geboren und ist 2004 in Wien gestorben. Im Klappentext steht etwas von &#8220;geh\u00f6rt zu den profiliertesten Talenten der j\u00fcngeren Literatur \u00d6sterreich&#8221;.<br \/>\nIch habe den Namen, glaube ich, im Sommer 1977 zum ersten Mal geh\u00f6rt, als im Radio, war es schon \u00d61?, das &#8220;Fenster zum Sommer&#8221; gesendet wurde, das mich sehr beeindruckt hat. Dieser Roman wurde 2006 bei Residenz neu aufgelegt. In Wikipedia steht noch etwas von Kinderb\u00fcchern. Das 1974 erschienene &#8220;Ich bin Barbara&#8221; habe ich vor kurzem ebenfalls im B\u00fccherschrank gefunden. Im Podium hat Hannelore Valencak, glaube ich, ebenfalls publiziert und  war auch im Pen Vorstand.<br \/>\nDer Roman war sehr interessant, erz\u00e4hlt er eine Kriegskindheit ja sehr authentisch nach und spricht auch sehr offen von den Irrungen und Wirrungen der jungen M\u00e4dchen damals und den Fallen, die sie sich selber stellten, die Entwicklung zur Schriftstellerin wird ebenfalls sehr offen und wahrscheinlich autobiografisch erz\u00e4hlt, obwohl das &#8220;du&#8221; ja scheitert und  es war interessant zu sehen, wie man in den F\u00fcnfzigerjahren literarische Karriere machte. Man schickte seine Erz\u00e4hlungen und Gedichte an Zeitchriften, wurde gedruckt, oder nicht. Man kaufte sich eine Schreibmaschine, las B\u00fccher, hatte m\u00e4nnliche F\u00f6rderer und an den eigenen M\u00e4nnern nat\u00fcrlich nicht die Unterst\u00fctzung, wie sie die m\u00e4nnlichen Schriftsteller wahrscheinlich viel selbstverst\u00e4ndlicher hatten. Irgendwo wird Hannelore Valencak als Feministin bezeichnet und der Haushofer Vergleich ist wahrscheinlich auch zutreffend. Ich habe diese weibliche Entwicklungsgeschichte als sehr interessant und spannend und irgendewie auch wieder befremdend und unfertig empfunden. Es gibt einen \u00fcberraschenden Schlu\u00df, der eigentlich abgebrochen wirkt, aber sehr viel Einblick in das Frauenleben unserer M\u00fctter und Gro\u00dfm\u00fctter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In &#8220;Vorhof der Wirklichkeit&#8221; von Hannelore Valencak, geschrieben in den F\u00fcnfziger oder Sechzigerjahren, das vor mir liegende Buch ist eine Donauland Lizenausgabe aus 1972, in Wikipedia habe ich keine genaueren Angaben gefunden, spricht eine Frau zu sich selbst und erz\u00e4hlt &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=7444\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-7444","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7444"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7444\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}