{"id":74911,"date":"2019-09-29T00:34:22","date_gmt":"2019-09-28T22:34:22","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=74911"},"modified":"2019-09-29T00:34:22","modified_gmt":"2019-09-28T22:34:22","slug":"miroloi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=74911","title":{"rendered":"Miroloi"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/07\/19\/winterbienen\/\">Nun<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/09\/21\/flammenwand\/\">kommt<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/09\/14\/cherubino\/\">Buch<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/09\/15\/nicht-wie-ihr\/\">sieben<\/a> des <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/08\/20\/die-neue-deutsche-buchpreisliste\/\">dBps<\/a> und ein Kontrast zu Gertauds Klemms <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/08\/17\/hippocampus\/\">&#8220;Hippokampus&#8221;<\/a> und Marlene Streeruwtz &#8220;Flammenband&#8221;, n\u00e4mlich\u00a0 ein Pl\u00e4doyer gegen die Unterdr\u00fcckung der Frau.<\/p>\n<p>Nur ganz\u00a0 anders geschrieben. Nicht so elit\u00e4r abgehoben, akademisch, sondern, was ist es? Eine Dystopie, ein Jugendbuch und was hat das dann auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/deutscher-buchpreis\/\">deutschen Buchpreisliste<\/a> verloren?<\/p>\n<p>Das haben sich, glaube ich, manche Kritiker gefragt und einen Skandal daraus gemacht. Auf der anderen Seite werden die Buchh\u00e4ndler wieder dar\u00fcber jubeln und &#8220;Endlich ein gut lesbaren Buch, das die Leute haben wollen!&#8221;, sagen.<\/p>\n<p>Aber wieder sch\u00f6n der Reihe nach. Die 1974 geborene Karen K\u00f6hler h\u00e4tte vor ein paar Jahren in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/06\/klagenfurter-wettlesen\/\">Klagenfurt<\/a> lesen sollen, konnte das dann aber nicht, weil sie, glaube ich, Windpocken hatte.<\/p>\n<p>Ihren Erz\u00e4hlband &#8220;Wir haben Raketen geangelt&#8221;, habe ich vor kurzem im Schrank gefunden aber noch nicht gelesen. Ich h\u00e4tte ihn auch vor ein paar Wochen bei einem &#8220;Kuppitsch-Abverkauf&#8221; kaufen k\u00f6nnen und &#8220;Miroloi&#8221; ist ihr Debut.<\/p>\n<p>Der erste Roman also und auf der heurigen dBp-Liste standen ja sechs oder sieben Debuts und das Buch ist eigentlich keine Dystopie, denn wenn man genau hinschaut, gibt es alles, was es beschreibt in der einen oder anderen Form, nur nicht alles zusammen auf einen Platz.<\/p>\n<p>Es gibt den Berg Athos, mit einem Kloster, wo\u00a0 Frauen, glaube ich, nicht einmal aufs Klo gehen d\u00fcrfen. Es gibt das Z\u00f6libat, das M\u00e4nnern, die Priester werden oder sind, die Sexualit\u00e4t verbieten und es gibt nat\u00fcrlich die Unterdr\u00fcckung der Frau, die ihnen vorschreibt, sich zu verschleiern, weil die M\u00e4nner sie sonst vergewaltigen. Es gibt den sexuellen Mi\u00dfbrauch und auch die Kinder, die andern Kindern in der Schule &#8220;Hurensohn!&#8221; oder &#8220;Fettsack&#8221; nachschreien.<\/p>\n<blockquote><p>Und Miroloi ist ein griechisches Klagelied, das die Frauen singen und das ganze Buch, was auch einigen Kritikern nicht gefallen hat, ist ein Klagegesang in hundertachtundzwanhzig Strophen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Protagonistin ist ein namenloses Findelkind, das auf einer Insel, es k\u00f6nnte in Griechenland sein, aber auch etwas ganz anderes, Karen K\u00f6hler hat sich hier nicht festgelegt, lebt, weil sie vor sechzehn Jahren dort gefunden wurde.<\/p>\n<p>Deshalb ist sie namenlos und darf keinen Besitz haben und das Dorf, das sch\u00f6ne, wird es genannt, lebt in einer seltsamen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit. Die Frauen d\u00fcrfen nicht lesen, die M\u00e4nner nicht singen und tanzen. Es gibt keinen Strom. Einmal im Monat kommt ein Schiff auf die Insel, um den Leuten, die Sachen, die es dort nicht gibt, zu bringen.<\/p>\n<p>Der \u00c4ltestenrat entscheidet, was man nehmen darf und was nicht. So gibt es Bananen und Kaffee, aber keinen Fernseher und als der Strom verlegt werden soll, wehren sich die \u00c4ltesten. Die Frauen aber sind daf\u00fcr, denn dann m\u00fc\u00dften sie weniger arbeiten, wenn sie beispielsweise Waschmaschinen oder Staubsauger h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Das namenlose M\u00e4dchen wurde vom Betvater gefunden, der hat sie mit Hilfe von Mariah aufgezogen, so ist sie seine Gehilfin, gibt die Signale, damit das Dorf wei\u00df, wie sp\u00e4t es ist und lernt von ihm auch, was ja verboten ist, das Lesen. Sie wurde als Kind vom Lehrer mi\u00dfbraucht und auch an den Pfahl gebunden, das ist die Dorfstrafe, als sie sich gegen die Unterdr\u00fcckung wehrte und weglaufen wollte, deshalb hinkt sie auch.<\/p>\n<p>All das wird in den Strophen nach und nach erz\u00e4hlt, das Dorfleben, die Regeln, es gibt die Betsch\u00fcler und die Khorabel, den Wunschbaum, wo die M\u00e4nner, die das k\u00f6nnen, ihre W\u00fcnsche aufschreiben, die vom Betvater dann gelesen werden.<\/p>\n<p>Die erste Wendung kommt, als sich das M\u00e4dchen in den Betsch\u00fcler Yael verliebt und sich mit ihm in den Vollmonden trifft, was nat\u00fcrlich streng verboten ist.<\/p>\n<p>Er gibt ihr auch einen Namen, Alina. Das wird dann in den Buch in Ich-Szenen und Alina-Szenen unterteilt, was wohl genauso schwierig, wie Karen K\u00f6hlers Sprache ist,\u00a0 die Langatmigkeit und auch der Stil, wo Sachen erkl\u00e4rt werden, wie sie vielleicht f\u00fcr eine Sechzehnj\u00e4hrige cool, aber nicht f\u00fcr die ge\u00fcbte Leserin, ist, die dar\u00fcber vielleicht ein bi\u00dfchen genervt ist.<\/p>\n<p>&#8220;Beim Kochen soll man nur kochen&#8221;, beispielsweise oder es gibt auch Wortsch\u00f6pfungen, wie &#8220;Angstmann&#8221;, etcetera, das st\u00f6rt vielleicht ein wenig den elit\u00e4ren Lesekanon.<\/p>\n<p>Mir w\u00fcrde es gefallen, wenn es k\u00fcrzer w\u00e4re, denn es passiert wieder viel zu viel in dem Buch, in Karin K\u00f6hlers Versuch die Welt auf f\u00fcnfhundert Seiten darzustellen.<\/p>\n<p>Die Zweite und eigentliche Katastrophe kommt mit dem Tod des Betvaters, denn da \u00e4ndern sich die Zeiten. Der neue Betvater oder seine Gemeinde\u00a0 l\u00e4\u00dft die Khorabel umschreiben. Die Frauen m\u00fcssen jetzt sowohl ein Kopftuch, als auch einen Mundschutz tragen. Sie d\u00fcrfen Nachts nicht mehr aus dem Haus, die M\u00e4nner keinen Alkohol trinken, was das Dorf komplett durcheinanderbringt, denn jetzt k\u00f6nnen die Frauen weniger arbeiten und die M\u00e4nner sind mehr zu Hause st\u00f6ren oder mi\u00dfhandeln sie.<\/p>\n<p>Alina beginnt dagegen aufzubegehren, schneidet sich die Haare ab, dringt Nachts in M\u00e4nnerkleidung, sowohl in das \u00c4ltsten-als auch in das B\u00fccherhaus ein. Wird schlie\u00dflich schwanger, das Schwimmen hat sie sich auch noch angeeignet, um mit Yael von dem Dorf wegzukommen. Das geht aber nicht, Karen K\u00f6hler ja ja auch noch alle <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/11\/22\/spannungsbogen-2\/\">Spannungselemente<\/a> eingebaut. Die Beiden werden beim V\u00f6geln erwischt und kommen an den Pfahl. Yael wird gesteinigt und Alina findet die Kraft f\u00fcr ihr Baby zu fl\u00fcchten und davonzuschwimmen.<\/p>\n<p>Spannend eigentlich und interessant, wenn auch wie schon erw\u00e4hnt ein wenig langatmig und vielleicht auch etwas zu belehrend und nat\u00fcrlich nicht wirklich neu. Ich h\u00e4tte aber nichts dagegen gehabt, wenn das Buch auf die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/09\/17\/deutsche-shortlist\/\">Shortlist<\/a> gekommen w\u00e4re und den neuen Literaturskandal sehe ich darin nicht.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte ja wenn es in den Gymnasien noch Literaturunterricht g\u00e4be, die B\u00fccher der Klemm, der Streeruwitz und der K\u00f6hler miteinander vergleichen und herausfinden, wo der Feminismus am besten ausgedr\u00fcckt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommt Buch sieben des dBps und ein Kontrast zu Gertauds Klemms &#8220;Hippokampus&#8221; und Marlene Streeruwtz &#8220;Flammenband&#8221;, n\u00e4mlich\u00a0 ein Pl\u00e4doyer gegen die Unterdr\u00fcckung der Frau. Nur ganz\u00a0 anders geschrieben. Nicht so elit\u00e4r abgehoben, akademisch, sondern, was ist es? 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