{"id":79375,"date":"2019-12-30T10:21:27","date_gmt":"2019-12-30T09:21:27","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=79375"},"modified":"2019-12-30T10:21:27","modified_gmt":"2019-12-30T09:21:27","slug":"ich-habe-grosse-staedte-gesehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=79375","title":{"rendered":"Ich habe gro\u00dfe St\u00e4dte gesehen"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich nun seit<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/08\/20\/die-neue-deutsche-buchpreisliste\/\"> Ende August<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/oesterreichischer-buchpreis\/\"> Buchpreis<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/schweizer-literaturpreis\/\">gelesen<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/bloggerdebutshortlist\/\"> habe<\/a> zwischen Weihnachten und Silvester eingepresst, ein paar Gedichte, nichts Besonderes oder doch vielleicht, denn &#8220;Naturgedichte wird man hier, wie Bj\u00f6rn Kuhligk in seinem Vorwort der &#8220;Diogenes-Gedichtgesammtausgabe&#8221; des 1944 geborenen und 1987 auf der Autobahn \u00fcberfahrenen J\u00f6rg Fausers schrieb, &#8220;werden Sie hier nicht finden!&#8221;, hat sich doch sein Leben zwischen Marokko, London , Paris, New York und M\u00fcnchen abgespielt und hat seine autobiografische Gedichte oft auch zu &#8220;konzentrierten Kurzgeschichten&#8221; gemacht, die auf der Stra\u00dfe, bei den Nutten von Alkohol und Drugs umgehen spielen.<\/p>\n<p>J\u00f6rg Fauser, der von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/04\/24\/uber-hilde-spiel\/\">Marcel Reich-Ranicki<\/a> als er einmal in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/07\/07\/letztes-bachmannpreiskolloquium\/\">Klagenfurt gelesen<\/a> hat, total fertiggemacht wurde &#8220;Dieser Autor hat hier nichts verloren!&#8221;, hat er gro\u00dfspurig gerufen und es wohl geglaubt und J\u00f6rg Fauser hat sich, glaube ich, auch eher als Journalist verstanden und sozialkritische Krimis geschrieben, von denen ich vor kurzem einen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/05\/31\/das-schlangenmaul\/\">gelesen habe<\/a>, scheint &#8220;Diogoenes&#8221; ja sein Gesamtwerk herauszubringen und ich habe einige seiner B\u00fccher auch noch in Harland und in Wien auf meinen B\u00fccherstapel liegen.<\/p>\n<p>Keine sehr <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/01\/27\/und-fliesst-die-zeit-wie-wasser-wie-wort\/\">\u00e4stetisch angehauchte Lyrik<\/a> sondern eine die von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/08\/23\/ueber-das-schreiben\/\">Charles Bukowski<\/a>, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/04\/28\/jack\/\">Jack Kerouac<\/a> und William S. Burroughs inspiriert sein k\u00f6nnte, sondern eine die das Leben von unten beschreibt und eine, die also mir, die ich zwar nicht so sehr von den Beat Poeten und den Drugs inspiriert bin, sehr sympathisch sein m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>Sie ist es auch, hatJ\u00f6rg Fauser doch, wie der ebenfalls dichtende\u00a0 Bj\u00f6rn Kuhligk\u00a0 in seinem Vorwort schreibt, den Satz gepr\u00e4gt, da\u00df &#8220;Dichter, die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/10\/18\/solo-lesung\/\">kein Publikum haben,<\/a> pathetische und sinnlose Figuren sind&#8221;, was auf mich zutreffen k\u00f6nnte und ich von mir <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/28\/ein-nicht-rechtschreibwollender-erfolgsfreier-buecher-messie\/\">genausowenig<\/a>, wie von J\u00f6rg Fauser glaube, der, glaube ich, mit den Drugs und dem Alkohol sein Problem hatte und deshalb vielleicht auch auf der Autobahn kurz nach seinem Geburtstag \u00fcberfahren wurde.<\/p>\n<p>Gehen wir sie also durch die gesammelten und neuherausgegebenen Gesichte von J\u00f6rg Fausers, die Roadlyrics, die auch in &#8220;London&#8221; beginnen<\/p>\n<p>&#8220;Jeden Tag eine neue Bombe. Und jeden Tag w\u00e4hlen die L\u00e4mmer den Metzger zum K\u00f6nig&#8221;<\/p>\n<p>In den Neunzehnsechzigerjahren geschrieben und trotzdem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/26\/gedanknen-zu-schwarz-blau\/\">hochaktuell<\/a> k\u00f6nnte man meinen, hat es Bj\u00f6rn Kuhligk in seinem Vorwort auch so geschrieben.<\/p>\n<p>Es gibt die &#8220;Abende eines Sommers&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Trink die Milch der Nacht<\/p>\n<p>der F\u00f6hn bl\u00e4st Gott voraus<\/p>\n<p>Asche in die T\u00e4ler&#8221;,<\/p>\n<p>die ein bi\u00dfchen an die<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/05\/18\/marlen-haushofer-trifft-paul-celan\/\"> &#8220;Todesfuge&#8221;<\/a> denken lassen k\u00f6nngten.<\/p>\n<blockquote><p>Und in &#8220;Das Fest ist aus&#8221;, schreibt Fauser &#8220;In der Stra\u00dfe zwischen Nacht und Morgen verbrenne ich meine Gedichte&#8221;, ja dieses Motiv gibt es auch, ebenso wie &#8220;Fauser schreibt wieder einmal unverst\u00e4ndliches Zeug, nicht tief, nicht kritisch, nicht deutsch genug, trister Typ, der kaum was bringt au\u00dfer abgekauten Erinnerungsfotos.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und in &#8220;Trotzki, Goethe und das Gl\u00fcck&#8221;, wie wohl auch einer seiner zu Lebzeiten herausgegeben Gedichtb\u00e4nde hei\u00dft, die der Vorworwortschreiber, wie er schreibt auch zu einem stolzen Preis in der Erstausgabe bei einem Antiquariar kaufte, schreibt Fauser von einer Louise die Revolution machen wollte, w\u00e4hrend er sich &#8220;suchen uns irgendeinen stillen Winkel wo ich in ruhe mein Bier trinken und zwischendurch mal`n Gedicht schreiben kann&#8221; sich w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>&#8220;Und Trotzki?, schrie Louise, und die Genossen im Knast? Dein bourgeoises Gl\u00fcck, pah! Bier und Gedichte, w\u00e4hrend die Revolutin organisiert wird!&#8221;<\/p>\n<p>Sie hat ihn dann verlassen und sp\u00e4ter in Paris einen Goetheforscher geheiratet, wie ihm ein Freund erz\u00e4hlt. Ja so ist das Leben und die Revolution.<\/p>\n<p>In &#8220;Liebesbriefe&#8221; wird er von einer Frau gefragt &#8220;Wann hast du deinen letzten Liebesbrief bekommen&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Der Bastard, denk ich, machts sichs verdamm leicht. Ich seh mich im Spiegel: unrasiert, verkatert, seit\u00a0 4 Jahren kein Liebesbrief, seit 4 Wochen kein Gedicht.&#8221;<\/p>\n<p>Und in &#8220;Dichter in New York&#8221; geht es mit einem Jack zu einer &#8220;Bukowski-Lesung.<\/p>\n<p>&#8220;Jack schief irgendwann ein. Bukowski las exakt eine Stunde, ohne sich zu betrinken und ausf\u00e4llig zu werden und ohne auf sie reinhzufallen, dann tat er den letzten Schluck, klappte das Buch zu, bummte &#8220;Thank you, good night&#8221;, gab Autogramme und verschwand.&#8221;<\/p>\n<p>Frankfurt am Main, wo H\u00f6rg Fauser glaube ich auch am Flughafen gearbeitet hat, sind zwei Gedichte gewidmet, bei einem reimt es sich sogar ein bi\u00dfchen:<\/p>\n<p>&#8220;Die K\u00e4lte ist schw\u00fcl in Frankfurt am Main Wer sich nicht umbringt Der tr\u00e4gt Gef\u00fchl.&#8221;<\/p>\n<p>Es gibt ein Gedicht von einer &#8220;Frau die kein Bier trinkt&#8221; und das &#8220;Karfreitag&#8221; genannte, endet mit den Zeilen &#8220;Ein Bier. Christus am Kreuz h\u00e4tte mehr gebraucht.&#8221;<\/p>\n<p>Sehr beeindruckend ist das Gedicht, wo die Frauen dem t\u00fcrkischen Hausmeister klagen, da\u00df sie kein &#8220;Warmes Wasser&#8221; h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&#8220;Der Hausmeister ist T\u00fcrke. Er hat die Ruhe weg. Er kenn sich mit dem modernen Ldeben aus und au\u00dferdem wozu braucht einer der einen K\u00fchlschrank hat Raki im Glas und einen hei\u00dfen Ofen im Bett auch noch warmes Wasser?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Berlin, Paris, New York&#8221; hei\u00dft das Gedicht, das dem Buch den Namen gegeben hat:<\/p>\n<p>&#8220;Ich habe gro\u00dfe St\u00e4dte gesehen und habe die gro\u00dfen St\u00e4dte immer geliebt, ihre Frauen, ihre Bars, ihre D\u00e4mmerungen vor dem Gebr\u00fcll der Maschinen und dem Sturm auf die Bastille.&#8221;<\/p>\n<p>In &#8220;Rote Fahnen&#8221; passiert ein alter Mann mit Schirmm\u00fctze in einem Rollstuhl den Checkpoint Charlie und J\u00f6rg Fauser dichtet &#8220;Alle Macht der Phantasie gewiss! Sch\u00f6nes Wort. Dachte man dabei auch an die Phantasie von Kerkermeistern? &#8211; Aber ja! Ich winke den Seelen der Anarchisten und trolle mich zur\u00fcck in meine Arena.&#8221;<\/p>\n<p>Und in &#8220;Geschichten&#8221; fragt er sich, was ich mich auch schon fragte:<\/p>\n<p>&#8220;Wor\u00fcber noch schreiben? Alle Geschichten sind l\u00e4ngst erz\u00e4hlt, die Novembergeschichten und die Fr\u00fchlingsgeschichten, und alle dazwischen.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber noch schreiben? Wir haben alle Geschichten geschrieben, der Regen, die Erde, die Frauen, die Dichter. Aber die Geschichten sind wie Gott: sie machen weiter.&#8221;<\/p>\n<p>Und im &#8220;Cafe Grabbe&#8221;, erz\u00e4hlt er von Christian Dietrich Grabbe,\u00a0 1801-1836, der die &#8220;Hermannnschlacht&#8221; geschrieben hat, w\u00e4hrend Balzak, wie er behauptet, einen &#8220;Neger&#8221; hatte,\u00a0 Charles Lassailly, ein verwahrloster Poet, der f\u00fcr ihn in der Nacht die St\u00fccke geschrieben haben soll, bis der ihn mit den &#8220;trostlosen Worten: Die ganze Nacht habe ich mich abgem\u00fcht, aber mir ist nichts eingefallen, was Wert gewesen w\u00e4re, niedergeschrieben zu werden&#8221;, verlassen hat und sich wieder in die &#8220;Kaschemmen, in die Dachkammern, in die Namenslosigkeit&#8221; zur\u00fcckbegeben hat.<\/p>\n<p>&#8220;Byrons Tod&#8221; wird beschrieben und die &#8220;Margariten&#8221;, die vielleicht nur &#8220;Pusteblumen&#8221; waren und in &#8220;Strangers In the Night&#8221;, erz\u00e4hlt eine beamtete Lehrerin, wie sie, w\u00e4hrend sie Sinatra h\u00f6rte, bei einem Penner h\u00e4ngen geblieben ist, der in den Kartoffelsalat pinkelt, endlos Krimis liest und sie jede Woche einen Hunderter an Schnaps kostete.<\/p>\n<p>&#8220;Thank you . J.F., steht unter dem Gedicht &#8220;Besuch bei Blettenberg, Bangkok 1986&#8221;, auf Seite dreihunderteinundvierzig und wir k\u00f6nnen nur &#8220;Thank you, J\u00f6rg Fauser, &#8220;Diogenes&#8221; und vielleicht auch Bj\u00f6rn Kuhligk, f\u00fcr die Zusammenstellung, die, wie wir erfahren, so weit, wie es m\u00f6glich war, chronolgisch erfolgte und ich f\u00fcge hinzu, da\u00df es sch\u00f6n war sich zwischen Weihnachten und Neujahr durch J\u00f6rg Fausers Lyrik zu lesen und wieder ein bi\u00dfchen in die Neunzehnsechziger-, neunzehnsiebziger und neunzehnachtzigerjahre einzutauchen und jetzt kommt ein bi\u00dfchen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/09\/26\/uebers-romane-schreiben\/\">Schreibtechnisches<\/a> und ein paar Cartoons aus dem &#8220;Holzbaum-Verlag&#8221;, bevor es mit<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/11\/29\/makabre-und-erste-lyrik\/\"> Dietmar F\u00fcssels h\u00f6chstwahrscheinlich schr\u00e4ger Lyrik<\/a> weitergehen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich nun seit Ende August Buchpreis gelesen habe zwischen Weihnachten und Silvester eingepresst, ein paar Gedichte, nichts Besonderes oder doch vielleicht, denn &#8220;Naturgedichte wird man hier, wie Bj\u00f6rn Kuhligk in seinem Vorwort der &#8220;Diogenes-Gedichtgesammtausgabe&#8221; des 1944 geborenen und 1987 &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=79375\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1534,2280,2899],"class_list":["post-79375","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-diogenes","tag-gedichte","tag-joerg-fauser"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79375","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=79375"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79375\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=79375"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=79375"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=79375"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}