{"id":7956,"date":"2011-07-22T10:25:55","date_gmt":"2011-07-22T08:25:55","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=7956"},"modified":"2011-07-22T10:25:55","modified_gmt":"2011-07-22T08:25:55","slug":"zitronenkuchen-fur-die-sechsundfunfzigste-frau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=7956","title":{"rendered":"Zitronenkuchen f\u00fcr die sechsundf\u00fcnfzigste Frau"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Seher Cakir schreibt Geschichten, in denen Frauen in der T\u00fcrkei oder in Mitteleuropa mit und ohne Migrationshintergrund in einer Welt, die ihnen viel abverlangt, St\u00e4rke und Entschlossenheit, Spontanit\u00e4t und Sensibit\u00e4t zeigen&#8221;, steht auf der Buchr\u00fcckseite und es sind starke Geschichte von starken und auch schwachen Frauen, von einer manchmal ganz gemeinen Bruatalit\u00e4t, Melancholie und Wehmut und noch vielem mehr. So beginnt es irgendwo in Anatolien oder anderswo, wo die schwarze Oma unterm Zwetschkenbaum vor der Schotterstra\u00dfe sitzt und ihrer Urenkeltochter, die Geschichte ihres Lebens erz\u00e4hlt und immer wenn es  besonders spannend wird, sie um Ayran schickt.<br \/>\nF\u00fcnfzehn oder sechzehn war sie, die alte Oma, als sie eines Morgens aufwachte und ihre Eltern und die elf Geschwister an der Pest verstorben in ihren Betten fand, so da\u00df sie sich aufmachen mu\u00dfte, um f\u00fcr das Begr\u00e4bnis zu sorgen und als sie auf der Stra\u00dfe einschlief, wurde sie von einem Mann aufgelesen, der f\u00fcnfundf\u00fcnfzig oder f\u00fcnfundvierzig andere Frauen hatte, der die Familie begrub und sie mitnahm in seinem Harem, wo sie dann den Gro\u00dfvater gebar, der nach dem Tod des Efendis von den drei \u00fcbergebliebenen Frauen aufgezogen wurde.<br \/>\nEs geht gleich weiter mit G\u00fcll\u00fc, was &#8220;die mit Rosen&#8221; hei\u00dft, aber gar nicht so idyllisch ist, denn G\u00fcll\u00fc wurde in das Nachbardorf verheiratet, wo sie jeden Morgen fr\u00fch aufstehen mu\u00df, obwohl sie doch so m\u00fcde ist, aber der Mann und die Schwiegermutter treiben sie aus dem Haus und der ganze K\u00f6rper tut ihr weh von dem Mann, der in sie eingedrungen ist und der sie schl\u00e4gt, obwohl sie sich doch nur nach einem Leben in der Stadt und der Liebe ihrer Freundin, die ebenfalls verheiratet wurde und nun die Arbeit machen mu\u00df, sehnt. Dann geht es in den Migrationshintergrund und da ist eine Frau aus Istanbul weggegangen, wo sie ihren Mann verlie\u00df und in Wien eine Tochter auf die Welt brachte, die nun von einem Ticket nach Paris tr\u00e4umt, w\u00e4hrend sie mit dem Taxi in ein Altersheim voller Schuldgef\u00fchle f\u00e4hrt, weil sie doch ihrer Mutter einmal versprochen hat, sie nie in ein Altersheim zu geben, nun f\u00e4hrt sie hin, um mit ihr dort spazierenzugehen,  aber auch, um ihr zu sagen, da\u00df sie weggehen wird.<br \/>\nIn &#8220;Fr\u00fchst\u00fcck mit einem Unbekannten&#8221;, f\u00e4hrt eine Frau in einem Zug nach Prag um dort ihren Freund zu treffen, w\u00e4hrend &#8220;Sevim und Savas&#8221; die Geschichte mit dem Romeo und Julia Motiv wieder besonders tragisch ist. Die Autorin bekommt sie in einem Cafe erz\u00e4hlt, die Geschichte der sunnitischen Sevim und deren alevitischen Freund Savas, die nicht heiraten d\u00fcrfen, sich das aber trotzdem schw\u00f6ren und auch, wenn es nicht gelingt, sich im Stadtpark gemeinsam aufzuh\u00e4ngen, nur dann mu\u00df Sevim mit dem Eltern in das Heimatdorf, wo sie verheiratet werden soll. Sie l\u00e4\u00dft sich nicht, sondern geht solange in den Hungerstreik, bis der Arzt mit den Eltern im Krankenhaus schimpft. So fahren sie wieder zur\u00fcck und Sevim wundert sich keine Antwort von Savas auf ihre SMS zu bekommen, ist er vielleicht doch untreu geworden\u00df, denkt sie w\u00fctend, aber er hat sich ohne sie im Stadtpark aufgeh\u00e4ngt, als der Anruf ihres Vater kam, da\u00df er sie vergessen soll&#8230;<br \/>\n&#8220;In Donnerstag bis Freitag&#8221; mu\u00df eine Frau ihrer Freundin, einer \u00c4rztin, deren Haushalt sie offenbar versorgt, sagen, da\u00df sie als K\u00f6chin in ein Hotel nach \u00c4gypten geht. Das homosexuelle Motiv und die Frauenliebe dringt \u00f6fter durch in den Texten, auch, da\u00df die Frauen bevor sie ins Flugzeug steigen, sich betrinken, ob das wohl die Flugangst der Autorin oder etwas anderes ist?<br \/>\nSch\u00f6ne, starke Geschichten und ein bi\u00dfchen fremd, die von Helen beispielsweise, die eigentlich H\u00fclya hei\u00dft und von der Mutter zum vierzehnten Geburtstag den r\u00f6testen Nagellack und Lippenstift geschenkt bekam, obwohl der Vater schimpfte. Helen ist eine moderne Frau mit einem leider schwulen besten Freund, die keinen Mann findet, weil sie Jungfrau bis zur Ehe bleiben will und er T\u00fcrke sein soll. Das geht solange, bis sie durch eine Zyste erf\u00e4hrt, da\u00df sie ohne Jungfrauh\u00e4utchen geboren wurde, worauf sie spontan beschlie\u00dft ihr Leben zu ver\u00e4ndern.<br \/>\nIm &#8220;Der Nu\u00dfbaum&#8221; schaut Selma teilnahmslos zu, wie ihre Mutter ihr neugeborenes Kind vergr\u00e4bt und dar\u00fcber einen Nu\u00dfbaum pflanzt, w\u00e4hrend die starke Zehra, die eigentlich Forscherin werden wollte, von ihrem Mann in Dorf verschleppt wird, weil er sie f\u00fcr eine Hure h\u00e4lt und sie dort im Kuhstall mit einem Gewehr erschie\u00dft. Nach all dem Elend und der Unterdr\u00fcckung gibt es aber auch in der T\u00fcrkei geborene und in Wien aufgewachsene Frauen, die &#8220;nur&#8221; an der Melancholie leiden, deshalb ihren Freund und ihren Job verlassen und &#8220;Ein Mal nach Lissabon und kein  Zur\u00fcck&#8221; fliegen, weil es dort den Fado und das richtige Wort f\u00fcr ihre Traurigkeit gibt.<br \/>\nSeher Cakir wurde 1971 in Istanbul geboren, kam 1983 nach Wien und hat das Schreiben wahrscheinlich auch in der Schreibwerkstatt von Christa Stippinger gelernt. Jedenfalls wurde sie 2005 Preistr\u00e4gerin des Literaturwettbewerbs &#8220;Schreiben zwischen den Kulturen&#8221;. Es gibt die &#8220;Mittwochgedichte&#8221;, ein Portrait in den &#8220;Tonspuren&#8221;, wo sie \u00fcber ihre austro-t\u00fcrkische Identit\u00e4t erz\u00e4hlt, ein Wiener-Wortst\u00e4tten-Stipedium, wo das Theaterst\u00fcck &#8220;Sevim und Savas&#8221; entstand und 2008\/2009 ein Staatsstipendium f\u00fcr Literatur.<br \/>\nDer Kurzgeschichtenband ist 2009 in der Edition Exil herausgekommen, wer wissen will, wie es jungen austro-t\u00fcrkischen Frauen gehen kann, sollte ihn unbedingt lesen und es ist wiederum sehr schade, da\u00df ich zwei Jahre zum Besprechen brauchte, aber ich lese ja nicht so gerne Kurzgeschichten und Sehr Cakir hat bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/06\/25\/bachmannpreislesungen-mit-zitronenkuchen\/\">Pr\u00e4sentation vor zwei Jahren<\/a> ohnehin die meisten Geschichten zumindestens angelesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Seher Cakir schreibt Geschichten, in denen Frauen in der T\u00fcrkei oder in Mitteleuropa mit und ohne Migrationshintergrund in einer Welt, die ihnen viel abverlangt, St\u00e4rke und Entschlossenheit, Spontanit\u00e4t und Sensibit\u00e4t zeigen&#8221;, steht auf der Buchr\u00fcckseite und es sind starke Geschichte &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=7956\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-7956","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7956"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7956\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}