{"id":80472,"date":"2020-02-01T00:45:35","date_gmt":"2020-01-31T23:45:35","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=80472"},"modified":"2020-02-01T00:45:35","modified_gmt":"2020-01-31T23:45:35","slug":"ein-herrlicher-flecken-erde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=80472","title":{"rendered":"Ein herrlicher Flecken Erde"},"content":{"rendered":"<p>Die 1968 geborene\u00a0 Radka Denemarkova, die in Prag Germanistik und B\u00f6hemistik studierte, habe ich im Juni 2018 in der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/06\/11\/radka-denemarkova-vorm-glaesernen-vorhang\/\">&#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; kennengelernt<\/a>, als sie dort <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/06\/12\/uebersetzt-von-cornelius-hell\/\">Cornelius Hell<\/a> vor den &#8220;Gl\u00e4sernen Vorhang&#8221; holte.<\/p>\n<p>Damals gab es nur ein Buch auf Deutsch von ihr, n\u00e4mlich den &#8220;Herrlichen Flecken Erde&#8221;, das um zehn Euro verkauft wurde, so da\u00df ich es mir signieren lie\u00df und dann sozusagen auf meinen St. Nimmerleinstagstapel legte. Von dort im Vorjahr wieder hervorgeholt, denn da war ja Tschechien Gastland in Leipzig, was ich mir zwar nur von meinen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/03\/24\/buchmesse-mit-gips\/\">Zimmer<\/a> aus angesehen habe, aber Radka Denemarkova von der es inzwischen ein oder zwei neue B\u00fccher gibt, war in aller Munde, und von ihrem China-Buch, das auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/05\/16\/literarischer-lenz-statt-wildganspreis\/\">Stephan Teichgr\u00e4ber letzten Mai auf seinem Festival vorstellte<\/a> hat sie, glaube ich, auch in der &#8220;Gesellschaft&#8221; erz\u00e4hlt und das was dort vom &#8220;Flecken Erde&#8221; berichtet wurde, hat mich gar nicht so auf das Buch happig gemacht, ein M\u00e4dchen kommt vom KZ in das tschechische Dorf zur\u00fcck und wird von dort vertrieben und wurde beim Lesen wieder mal \u00fcberrascht, vor allem von der Sprache und der Art, wie Radka Denemarkova dieses f\u00fcr die Tschechen wohl sehr schwierige Thema darstellt.<\/p>\n<p>Sie versucht das Greuel und die Schrecklichkeit in einer sehr abgehobenen symbol- und metaphernreichen Sprache darzustellen, vermischt das immer wieder mit den realen Fakten und hat fast absurd wirkende Nebens\u00e4chlichkeiten dabei, wie die Linsen, die man in dem Laden, in dem Haus, das einmal ihren Eltern geh\u00f6rt, als geschenk bekommt, wenn man dort, um \u00fcber hundert Kronen einkauft oder die Erdnu\u00dfflocken die sich die alte Frau\u00a0 Stolarova immer wieder in den Mund steckt.<\/p>\n<p>Es beginnt im Sommer 1945, der Krieg ist aus, die sechzehnj\u00e4hrige Gita, die ihre Eltern und ihre Schwester Rosalie im KZ verloren hat, weil sie Juden waren, kommt von dort, in den Gutshof ihrer Eltern zur\u00fcck, sieht dort fremde Leute am Tisch sitzen und Linsen essen, es sind, glaube ich, die Angestellten ihres Vater Rudolf Lauschmanns, der Landmaschinen sammelte und ein Museum errichten wollte.<\/p>\n<p>Sie wird von drei nun in dem Dorf regierenden M\u00e4nnern zusammengeschlagen, in den Schuppen eingesperrt und soll dort wohl verhungern, die Schwester des Hausbeschlagnahmers rettet sie aber und veranla\u00dft sie in das Lager, wo die Deutschen aufgesammelt werden, um zur\u00fcckgeschickt zu werden,\u00a0 zu gehen.<\/p>\n<p>Sie ist aber keine Deutsche, weil hier geboren und ihr Vater war kein Nazi, sondern Jude, wie sie beteuert, so da\u00df sie zu ihrer Tante Ottla nach Prag gehen kann, dort studiert sie Medizin, wird Pathologin und kommt erst f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter, als ihre Eltern rehabilitiert wurden, mit einem Rechtsanwalt und ihrer Enkelin, die Jus studiert, in das Dorf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sie will\u00a0 eigentlich nur ein Denkmal ihres Vaters errichten lassen, die Dorfgemeinschaft richtet sich aber gegen sie und der B\u00fcrgermeister packt unappettliche Sachen aus, denn der Sohn, des damaligen Hausbesetzers, Denis ist auch Arzt in Prag, so bricht er seine Schweigepflicht und deckt auf, da\u00df Gita Lauschmannova schon ein erstes Mal verheiratet war und wurde auch in der Psychiatrie behandelt, ist also, aha, unzurechnungsf\u00e4hig, frohlockt der B\u00fcrgermeister.<\/p>\n<p>Mit dem sohn Denis hat es noch eine andere Bewandnis, er kommt n\u00e4mlich schon im Prolog vor, da ist er ein Kind, spielt im Garten und buddelt dort unter dem Baum einen Totensch\u00e4del auf, das ist der Bruder von Gita, der vor ihr aus dem KZ zur\u00fcckkam und in den Gutshof wollte und nach dem die alte Gita immer noch sucht und ihn lebend glaubt, jetzt deckt sie aber vor der Dorfversammlung, w\u00e4hrend Denis Schwester Natasa, die in Gitas Geburtshaus jetzt einen Laden hat und dort die Linsen in S\u00e4ckchen packt und sie von einem ber\u00fchmten Schauspieler, der auch in dem Dorf ein Haus hat, signieren l\u00e4\u00dft, eine Farce in dem Buch w\u00fcrde ich sagen, auf, da\u00df sie, als junge Frau in Prag das erste Mal verheiratet, w\u00e4hrend ihr vier Monate alter Sohn im Nebenzimmer schlief, von vier M\u00e4nnern vergewaltigt wurde, die dann auch dem &lt;kind den Kopf abhackten, das und ihre vorigen Traumatisierungen brachten sie auf die Psychiatrie und Denis Mutter kl\u00e4rt ihren Sohn nun auf, wie es damals war, was ihn die Seiten wechseln und zu ihr halten l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Gitas Tramatisierung,\u00a0 ihr Verh\u00e4ltnis zu ihrer Tochter aus zweiter Ehe und ihre Unf\u00e4higkei ihr ihre Liebe zu zeigen, wird sehr dicht beschrieben und die Linsen als Symbol, kommen auch wieder vor, wie auch Gitas Kinderstuhl in dem Haus in Puklice mit dem B\u00e4renmotiv, den sie sich eigentlich f\u00fcr ihr erstes Kind holen will und\u00a0 jetzt in einem Schuppen steht.<\/p>\n<p>Das Buch ist in einige Teile gegliedert, die immer wieder die zweite, dritte, bis sechste R\u00fcckkehr zum Titel vor.<\/p>\n<p>Absurde Stellen untermauern die Tragik, so kommt Denis mit Gita zum B\u00fcrgermeister, um ihm von dem Denkmal zu \u00fcberzeugen und der h\u00e4lt die Beiden, Denis ist ungef\u00e4hr sechzig, Gita \u00fcber siebzig, f\u00fcr ein Brautpaar und die alte Mutter soll jetzt statt dem Schauspieler, die S\u00e4ckchen signieren, verlangt die Tochter Natasa, die Kr\u00e4merin, die weigert sich, stopft ihre Erdnu\u00dfflocken in sich hinein und schreibt dann zu Natasjas Mi\u00dffallen &#8220;Zur Erinnerung herzlich ihre Gita Lauschmannova&#8221;, darauf.<\/p>\n<p>&#8220;Ein starkes Buch&#8221;, hat die Z\u00fcrcher Zeitung auf die R\u00fcckseite geschrieben.<\/p>\n<p>&#8220;Eine mutige Auseinandersetzung mit der deutsch-tscheischen Nachkriegsgeschichte&#8221;, steht noch dar\u00fcber und ich hebe vor allem die interessante Sprache, die manchmal irritiert und vielleicht auch verst\u00f6rt hervor, die mich an\u00a0 Radka Denemarkova und an dem Buch sehr \u00fcberraschte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1968 geborene\u00a0 Radka Denemarkova, die in Prag Germanistik und B\u00f6hemistik studierte, habe ich im Juni 2018 in der &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; kennengelernt, als sie dort Cornelius Hell vor den &#8220;Gl\u00e4sernen Vorhang&#8221; holte. 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