{"id":8074,"date":"2011-08-10T08:37:53","date_gmt":"2011-08-10T06:37:53","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=8074"},"modified":"2011-08-10T08:37:53","modified_gmt":"2011-08-10T06:37:53","slug":"so-wie-du-kann-jeder-aussehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=8074","title":{"rendered":"So wie du kann jeder aussehen"},"content":{"rendered":"<p>Was nimmt man in den Urlaub nach <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/08\/11\/wieder-zuruck-aus-dem-urlaub\/\">Polen<\/a> als Reiselekt\u00fcre mit? Ich habe mich f\u00fcr den 2010 bei der Edition Exil erschienenen  Erz\u00e4hl- und Fotografienband &#8220;So wie du kann jeder aussehen&#8221;, des 1981 in Walbrzych geborenen Grzegorz Kielawski entschieden, ein auch gerade <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/07\/19\/unter-dreisig\/\">Drei\u00dfigj\u00e4hriger<\/a>, obwohl das Buch nicht viel mit Ostpreu\u00dfen zu tun hat und ich mich um das Lesen von Erz\u00e4hlungen meistens herumdr\u00fccke und ich war, kann ich mich erinnern, als ich das Buch von der letzten Buch-Wien mitgebracht habe, auch ein wenig entt\u00e4uscht, keinen Roman vor mir zu haben, aber den schreibt Grzegorz Kielawski, habe ich irgendwo gelesen, gerade und die autobiographischen Erz\u00e4hlungen lassen sich irgendwie auch als Fortsetzungen betrachten, obwohl in dem Wenigen, was sich \u00fcber das Buch im Internet finden l\u00e4\u00dft, von Studenten und Studentinnen als Protagonistinnen geschrieben wird, habe ich beim Lesen  das Ich des Autors vor mir gesehen und da ist vieles passend.<br \/>\nGrzegorz Kiewalski wurde in Walbrzych geboren, ich habe mir vom Alfred auf der Karte zeigen lassen, wo das liegt, in der N\u00e4he von Breslau habe ich mir gemerkt und eine Zugfahrt nach Breslau, um sich von dort Beethooven CDs zu holen wird auch beschrieben, wie lange Kielawski schon in Wien ist, kann ich jetzt nicht finden, er hat dort jedenfalls Germanistik studiert, ist Redaktionsmitglied des &#8220;zeitzoos&#8221;, das ist eine experimentelle Kunst- und Literaturzeitschrift um Nikolaus Scheibner, hat 2007 beim Exil-Literaturwettbewerb gewonnen, ist seit 2009 in der GAV und hat 2009\/2010 ein Staatsstipendium f\u00fcr Literatur bekommen. Ich kenne ihn seit der GAV Neuaufnahmelesung 2010, bzw. seit der Exil-Preisverleihung, 2009 habe ich seinen Lebenslauf nachgegooglet und 2010 hat er ich beim Tag der Freiheit des Wortes beim improvisierten Buffet den Wein ausgegeben.<br \/>\nDas Buch besteht aus acht Erz\u00e4hlungen und einen Fototeil, der Fotos aus Polen, Wien, \u00d6sterreich und dann noch welche zum Thema &#8220;Abbau&#8221; und &#8220;R\u00fccken&#8221; zeigen. Die Erz\u00e4hlungen haben immer ein Ich als Ausgang und sezieren, wie am am Buchr\u00fccken steht &#8220;in feinen Nuancen und genauen Zwischent\u00f6nen seine Protagonisten, zeigen sie uns in ihrem Alltag, und f\u00fchren uns in aufregend klarsichtiger Prosa voll sprachlicher Pr\u00e4zision und poetischer Kraft die Absurdit\u00e4t des Realen vor Augen&#8221;, das habe ich wie, bemerkt, gar nicht so empfunden, die sachlich distanzierte Darstellung schon und wenn man so will, kann man Zusammenh\u00e4nge in den Texten sehen.<br \/>\nSo wird in &#8220;Parallelen&#8221; auch der Achtzehnj\u00e4hrige im polnischen Wohnblock, dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen, der &#8220;schon wochenlang einen ausgeschossenen, \u00fcberbelichtigen Film mit sich herumtr\u00e4gt&#8221; gegen\u00fcbergestellt.  Da\u00df das Fotografieren f\u00fcr Kielawski wichtig ist, kommt auch in den anderen Texten, in denen er von seinen Eltern, seinen j\u00fcngeren Bruder mit dem er das Zimmer und manchmal auch die Freundin teilt, immer wieder vor. Da werden die Filme genau beschrieben, die er von seinen Eltern als Hauptdarstellern macht.<br \/>\n&#8220;Die Mutterphase beginnt mit einem Film, in dem meine Mutter eine Gem\u00fcsesuppe kocht. Sie schaut ab und zu in das Objektiv, r\u00fchrt im Topf und beginnt nach einigen Sekunden leicht zu tanzen&#8230;&#8221;<br \/>\nDie Angina an die der Jugendliche leidet, wird beschrieben und die Trennungen von den Freuninnen.<br \/>\nIn &#8220;Parallelen&#8221; geht es auch um das Schreiben eines Romans in dem &#8220;die erste Szene am Anfang stehen w\u00fcrde&#8221;.<br \/>\nKielawski experimentiert viel herum, macht sich Gedanken uber das Leben und beschreibt das Ganze sehr exakt. Die Absurdit\u00e4t des Lebens, habe ich wie erw\u00e4hnt, nicht so empfunden, mehr die Genauigkeit, wie da einer, fast, wie mit einer Kamera sein Leben nachzeichnet und die Lebensphasen immer wieder in Parallelen nebeneinanderreiht oder auch vermischt.<br \/>\nIn &#8220;Der \u00dcbertragene&#8221; geht es \u00fcber das \u00dcbersetzen und um die polnische Sprache, auch etwas das f\u00fcr Kielawski sicher autobiographisch ist.<br \/>\n&#8220;Das Verschwinden  in der Fremdsprache ist einfach und genauso ungeh\u00f6rt wie das Verschwinden in der Muttersprache. Am Anfang war die Frage nach meiner Herkunft nur eine Frage der Zeit. Um sie zu vermeiden, mu\u00dfte die \u00dcbersetzung meiner Person sehr gut werden, vielleicht sogar kongenial. Seitdem ich vielleicht kongial \u00fcbersetzt worden bin, h\u00f6re ich die Frage &#8220;Woher kommst du?&#8221; relativ selten.&#8221;<br \/>\nIn &#8220;Adagio affettuoso ed appassionato und Sidney`s Sizzler&#8221; geht es um Musik. Da beschreibt er wie erw\u00e4hnt, da\u00df er, nachdem er bei einem Freund ein  Streichquartett Beethovens h\u00f6rte, im Internet das Gesamtwerk bei einem Privatverk\u00e4ufer bestellt und es am Hauptbahnhof von Wroclaw abholt.<br \/>\n&#8220;Zweihundert Zloty f\u00fcr vierzig neuverpackte Compact Discs. Der Zug brauchte von Walbrzych nach Wroclaw zwei Stunden hin, zwei Stunden zur\u00fcck.&#8221;<br \/>\nIn &#8220;Ich w\u00fcnschte mir vor dem Einschlafen, die Nacht endet nie&#8221;, war der Handlungsfaden noch weniger, als in den anderen Texten zu finden, geht es da doch sehr abstrakt, um die Erinnerungen an die Sportstunden in der Schule, an die das Ich denkt, als es eine Ambulanz besucht. Sehr distanziert und genau, wird hier von der Schule erz\u00e4hlt. Die behauptete Absurdit\u00e4t findet sich vielleicht in S\u00e4tzen wie &#8220;In den Pausen wurde geredet, es wurden Hausaufgaben nachgeholt und schw\u00e4chere beziehungsweise untypische Sch\u00fcler gequ\u00e4lt.  Ich beteiligte mich nicht an diesen Torturen, weder als Mitt\u00e4ter, noch als Spa\u00dfverderber. Manchmal folgte auf die Sportstunde Chemie.&#8221;<br \/>\nIn &#8220;Silvester 2006&#8221; wird etwas konkreter mit &#8220;Alles ist melancholisch&#8221; ein Silvesterabend beschrieben, den das Ich mit  &#8220;Renate, Tomek und Gaja verbringt.&#8221;<br \/>\nSo geht es durch das ganze Buch, das man eigentlich beliebig von vorne nach hinten oder auch zwischendrin lesen kann.<br \/>\nAm Schlu\u00df gibt es eine Zusammenfassung &#8220;1980 begann der polnische Liebessommer und endete drei Jahtre sp\u00e4ter mit einer guten Geburtenrate. Wie viele Kinder hast du? Zwei. Ich drei. Alle hatten Kinder. Die Zukunftssorgen schienen \u00fcberschaubar. Es gab zwei Fernsehkan\u00e4le.&#8221;<br \/>\nErin interessantes Buch eines interessanten Autors, der zeigt, da\u00df man sein Leben auch sehr sachlich sezieren von hinten nach vorne erz\u00e4hlen kann. Ich habe das Buch, wie erw\u00e4hnt an der masurischen Seenplatte gelesen und freue mich schon auf das Fertigwerden des Romans.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was nimmt man in den Urlaub nach Polen als Reiselekt\u00fcre mit? 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