{"id":81465,"date":"2020-02-29T00:18:49","date_gmt":"2020-02-28T23:18:49","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=81465"},"modified":"2020-02-29T00:18:49","modified_gmt":"2020-02-28T23:18:49","slug":"fatma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=81465","title":{"rendered":"Fatma"},"content":{"rendered":"<p>Weil ich dem \u00fcber tausend Seiten W\u00e4lzer <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/02\/19\/preis-der-leipziger-buchmesse\/\">&#8220;Middlemarch&#8221;<\/a> noch nicht fertig bin, hier eine der vier Szenen, die ich im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/11\/27\/centropeworkshop-und-nanoabschlussbericht\/\">November<\/a>, dem &#8220;Fr\u00e4ulein No&#8221;, in einem Anhang anf\u00fcgte, um die gew\u00fcnschte <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/11\/14\/fertig-mit-dem-nanowrimo-2\/\">&#8220;Nanowrimo-Wortezahl&#8221;<\/a> zu erreichen, die ich aber anschlie\u00dfend aus dem Text genommen habe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Fatma Sayan stand im Badezimmer und war damit besch\u00e4ftigt ihr Kopftuch aufzusetzen. Es war ein sch\u00f6nes Blaues, das sie f\u00fcr heute gew\u00e4hlt hatte, das gut zu ihren Jeans und ihrem T-Shirt passte, auf dem &#8220;Fuck Moralists&#8221; stand und der Vater den Kopf gesch\u00fcttelt hatte, als sie damit in die K\u00fcche gekommen war.<\/p>\n<p>&#8220;Mu\u00df das sein, Fatma? Das sind sehr b\u00f6se Worte!&#8221;, hatte er gemahnt.<\/p>\n<p>&#8220;So spricht man doch nicht und zieht sich sowas auch nicht an!&#8221;<\/p>\n<p>Ihr lieber Papa, der selber Rechtsanwalt war und sich immer sehr bem\u00fchte, einen korrekten Eindruck zu machen, damit man ihm, was sicher nie gelingen w\u00fcrde, f\u00fcr einen echten Wiener hielt und ihm seine iranische Herkunft verzeihen w\u00fcrde. Die Mutter war da anders und aus anderen Gr\u00fcnden mit ihr unzufrieden. Da war es das Kopftuch, das sie seit einigen Jahren so beharrlich trug, weil sie es als Zeichen ihrer Selbstbestimmung betrachtete, das der &lt;mutter nicht gefiel. Denn, die war im Gegensatz zum Vater, der da konservativer war, eine fortschrittliche Frau. Hatte Soziologie studiert und arbeitete auch an der Universit\u00e4t als solche. Ansonsten hielt sie Deutschkurse f\u00fcr Migranten ab und betreute ehrenamtlich einen syrischen Fl\u00fcchtlingsbuben, der gegen ihr Kopftuch nichts hatte und sich eher dar\u00fcber wunderte, da\u00df Frau Zarah keines trug und die schien es,\u00a0 wie sie immer andeutete, nicht zu verstehen, da\u00df ihre einzige Tochter so vehement auf das Tragen eines solchen bestand.<\/p>\n<p>&#8220;Im Iran wirst du, seit dort die Mullahs herrschen, deshalb verfolgt, Sch\u00e4tzchen!&#8221;, sagte sie dann zu ihr und erkl\u00e4rte zum wiederholten Mal, da\u00df sie und der Vater deshalb aus Teheran nach \u00d6sterreich gefl\u00fcchtet waren. Aus dem sch\u00f6nen Teheran, nach dem die Mutter, trotz ihrer Fortschrittlichkeit Heimweh zu haben schien und das sie eigentlich nicht kannte, weil sie, soweit sie sich erinnern konnte, nur zwei oder dreimal in ihrem Leben in der Heimatstadt ihrer Eltern gewesen war. Die Gro\u00dfmutter lebte aber mit zwei Onkeln, einigen Tanten und einer Unmenge von Cousins und Cousinen noch immer dort und die weiblichen Mitglieder der Familie waren verpflichtet, ein solches zu tragen, w\u00e4hrend sie dieses Symbol der Unterdr\u00fcckung nie freiwillig aufsetzen w\u00fcrde, sagte sie dann immer mit einem Blick auf ihre T\u00fccher, um hinzuzusetzen, da\u00df sie nicht verstehe, wieso ihr das so wichtig sei und Fatma war eingefallen, da\u00df Gerti Schuster, als sie sich verwehrte, von ihr so angestarrt zu werden, ebenfalls gesagt hatte, da\u00df sie den Fetzen hinuntertun solle, weil er ein Symbol der Unterdr\u00fcckung w\u00e4re. Sie war aber nicht unterdr\u00fcckt. F\u00fchlte sich nicht so und hielt das Kopftuch, das sie nat\u00fcrlich freiwillig aufsetzte, f\u00fcr ein Symbol der Freiheit und w\u00fcrde sich dieses auch nicht von den Rassisten, von denen sie hier st\u00e4ndig umgeben war, verbieten lassen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde sie das nicht, auch wenn ihr ebenfalls bewu\u00dft war, da\u00df das im Iran, in Syrien, Afghanistan und anderen arabischen L\u00e4ndern anders war und sie nat\u00fcrlich auch gegen die Unterdr\u00fcckung der Frau und der Meinung war, da\u00df jede selbst entscheiden sollte, was sie auf ihre Haare st\u00fclpte und, da\u00df das im Iran, wo man dazu verpflichtet war, weil man sonst von der Sittenpolizei angep\u00f6belt wurde, mu\u00dfte, wie ihr die Mutter immer br\u00fchwarm erz\u00e4hlte und sie ihr auch immer die Videos zeigte, wenn sie schon wieder in der U-Bahn, wegen des Kopftuchs bel\u00e4stigt und beschimpft worden war, sehr wohl nicht durfte, wu\u00dfte sie ebenfalls und brauchte von der Mutter deshalb auch nicht dar\u00fcber diskutieren und sie verlangte auch nicht von ihr, da\u00df sie ein solches auf ihre\u00a0 sch\u00f6nen rotgef\u00e4rbten Haare st\u00fclpte. Nat\u00fcrlich nicht, sie wollte nur selber in Ruhe gelassen werden im Hause Sayan und auch in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln nicht st\u00e4ndig dar\u00fcber diskutieren, da\u00df sie das Kopftuch freiwillig trug und keine unterdr\u00fcckte Tussi, sondern eine engagierte, frauenbewegte Muslima war, die sp\u00e4ter Menschenrechtsaktivistin werden w\u00fcrde. Dabei hatte die Mutter vorhin beim Fr\u00fchst\u00fcck gar nicht soviel gesagt. Denn die Mutter hatte andere Sorgen. Die Gro\u00dfmutter war in Teheran gestorben, wie ihr ihr Onkel Hassan, in dessen Haus sie gelebt hatte, vorhin am Telefon mitgeteilt hatte und sie mu\u00dfte jetzt mit der Mutter, der Vater hatte berufliche Verpflichtungen und konnte sich nicht so schnell freimachen, nach Teheran fliegen. Der Flug war schon gebucht. In ein paar Stunden sollte er abgehen. Sie mu\u00dfte ihre Vorlesungen und die Antirassismusgruppe, in der sie heute ein Referat abhalten wollte, absagen. Denn im Iran gingen die Begr\u00e4bnisse viel schneller, als hier von sich und die Mutter w\u00fcrde sich, wie sie vorhin geklagt hatte, das verha\u00dfte Kopftuch aufsetzen, w\u00e4hrend man sie dort, da war sie sicher, deshalb nicht anp\u00f6beln w\u00fcrde oder doch vielleicht, weil sie es ja sehr nachl\u00e4\u00dfig trug und es eher als ein Symbol f\u00fcr ihre Freiheit, statt als religi\u00f6sen Zeichen verstand. Denn eine so strenge Muslima war sie zur Erleichterung ihrer Mutter, die das gar nicht war, nicht. Nur der Vater schien, wie sie merken konnte, immer mehr an seinen Glauben und seiner Herkunft festzuhalten, so da\u00df er sehr bedauerte, sich nicht freimachen und mitfliegen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die Mutter, wie sie sicher war, das als l\u00e4stige Pflicht betrachtete. &#8211; Das Kopftuch war gebunden. Jetzt noch einmal in die K\u00fcche gehen, sich vom Vater verabschieden und mit der Mutter und dem j\u00fcngeren Bruder, der sich dar\u00fcber, da\u00df er schulfrei hatte, mehr als \u00fcber die Zwangsverpflichtungen nach Teheran reisen zu m\u00fcssen, freute, mit dem Taxi zum Flughafen fahren und sie freute sich ganz heimlich, wieder nach Teheran zu kommen und die Stadt, die sie kaum kannte und die Familie zu sehen. Versprach dem Vater alle von ihm zu gr\u00fc\u00dfen und ihn wegen seiner Unabk\u00f6mmlichkeit zu entschuldigen und konnte es sich nicht verkneifen, die Mutter zu fragen, ob sie an das Kopftuch gedacht habe und sie ihr eines leihen solle? Die wurde ein wenig rot vor \u00c4rger. Sch\u00fcttelte den Kopf und murmelte etwas, das klang, da\u00df sie sie eines in der Reisetasche h\u00e4tte, es aber vor der Landung im flugzeug ganz bestimmt nicht aufsetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8220;Was du eigentlich auch nicht br\u00e4uchtetst!&#8221;, h\u00f6rte sie den kleinen Bruder, der gerade siebzehn geworden war und daher voll in der Pubert\u00e4t steckte, zu ihr sagen und sie sch\u00fcttelte den Kopf. Wollte eine ver\u00e4rgerte Antwort geben, wurde aber von der Mutter jetzt auch aufgefordert, vielleicht doch besser das T- Shirt zu wechseln.<\/p>\n<p>&#8220;Vielleicht nimmst du ein neutraleres Schwarzes, Fatma! Denn so kannst du nicht zum Begr\u00e4bnis erscheinen! Das w\u00fcrde nur die Familie erz\u00fcrnen!&#8221;<\/p>\n<p>Also schnell in ihr Zimmer huschen und das T- Shirt wechseln. Sie sah es schon ein, obwohl sie es auch im Flutzeug tun h\u00e4tte k\u00f6nnen, dachte sie ein wenig trotzig und\u00a0 daran, da\u00df sie nun selbst beobachten konnte, ob es richtig war, was ihre Freundinnen\u00a0 immer erz\u00e4hlten, da\u00df die Frauen mit kurzen R\u00f6ckchen und Kopftuchlos in Wien einstiegen und mit der Burka\u00a0 am Ziellort wieder aussteigen w\u00fcrden, was eigentlich auch ein wenig komisch, aber die Folge eines Doppellebens ihrer zwei Identit\u00e4ten war, was sie bisher nicht sehr gest\u00f6rt hatte, dachte sie und hatte inzwischen ein neutraleres Shirt gefunden und eine dunkle Jacke dar\u00fcber gezogen, weil man seine Arme in Teheran auch nicht zeigen durfte. Nahm die Reisetasche und nickte, als sie den Vater rufen h\u00f6rte, da\u00df sie sich beeilen sollte, weil das Taxi schon eingetroffen war.&#8221;<\/p>\n<p>So, das war die F\u00fcllszene. Drei weitere k\u00f6nnen noch folgen. Interessant ist dabei, da\u00df aus der Fatma bei mir inzwischen eine Pakistanierin geworden ist und eigentlich\u00a0 urspr\u00fcnglich\u00a0 anders gehei\u00dfen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil ich dem \u00fcber tausend Seiten W\u00e4lzer &#8220;Middlemarch&#8221; noch nicht fertig bin, hier eine der vier Szenen, die ich im November, dem &#8220;Fr\u00e4ulein No&#8221;, in einem Anhang anf\u00fcgte, um die gew\u00fcnschte &#8220;Nanowrimo-Wortezahl&#8221; zu erreichen, die ich aber anschlie\u00dfend aus dem &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=81465\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[451,2152,4165],"class_list":["post-81465","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","tag-ausgeschieden","tag-fraeulein-no","tag-nanowrimo"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=81465"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81465\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=81465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=81465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=81465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}