{"id":81479,"date":"2020-03-01T00:01:25","date_gmt":"2020-02-29T23:01:25","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=81479"},"modified":"2020-03-01T00:01:25","modified_gmt":"2020-02-29T23:01:25","slug":"sibylle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=81479","title":{"rendered":"Sibylle"},"content":{"rendered":"<p>Und noch ein weggestrichenes St\u00fcck, das urspr\u00fcnglich, glaube ich, die erste Anhangszene des<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/11\/01\/von-der-online-autorenmesse-zum-siebenten-nanowrimo\/\"> &#8220;Fr\u00e4ulein Nos&#8221;<\/a> werden sollte.<\/p>\n<p>&#8220;Hier geblieben, du Arsch!&#8221;, sagte Sibylle Neumayer und stellte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Salont\u00fcre, so da\u00df Moritz den Raum nicht verlassen konnte, ohne sie zur Seite zu dr\u00fccken und umzusto\u00dfen. Was er, wie sie sehr wohl wu\u00dfte, k\u00f6rperlich imstande war und seine physische \u00dcberlegenheit auch schon oft genug zum Ausdruck gebracht hatte, was ihr ein blaues Auge oder Bluterg\u00fc\u00dfe an den Armen eingetragen hatte, die sie dann m\u00fchsam vor ihren Freundinnen verbergen und Ausreden ersinnen hatte m\u00fcssen, die ihr diese, wie sie vermutete, ohnedies nicht glaubten. Aber heute war es anders. Da war sie\u00a0 sicher und das gab ihr die Kraft, sich noch ein St\u00fcckchen gr\u00f6\u00dfer aufzurichten, so da\u00df es jetzt sie war, die ihm bedrohlich gegen\u00fcberstand und es waren nicht nur die Schritte, der Haush\u00e4lterin, die im Flur zu h\u00f6ren waren und die sich gerade mit dem G\u00e4rntner und\u00a0 Chauffeur Umit unterhielt, da war sie\u00a0 sicher, da\u00df es die Kraft des Briefes war, den sie in ihrer Jackentasche trug. Der Brief eines Berliner Notars, der ihr mitgeteilt hatte, da\u00df irgendeine Tante, eine Hildegard Sibelinsky, die sie kaum kaum kannte und an die sie sich nur unscharf erinnern konnte, in einem Seniorenheim in Sch\u00f6neberg verstorben war und ihr, der offensichtlich einzigen Verwandten, ihr ganzes Verm\u00f6gen, das eine betr\u00e4chtliche Summe, sowie einige Schmuckst\u00fccke zu umfassen schien, vermacht hatte, was ihr die Kraft gab, sich endlich gegen Moritz aufzulehnen und, was sie bisher nie gewagt hatte, weil sie seine Schl\u00e4ge f\u00fcrchtete und auch von seiner Brieftasche abh\u00e4ngig war, Kontakt mit Fabian aufzunehmen, der den Schritt schon vor einigen Jahren unternommen hatte, was ihr fast einen Sch\u00e4delbruch eingetragen\u00a0 und es ihr viel M\u00fche gekostet hatte, die \u00c4rzte in dem Privatspital, in das Moritz sie dann doch unter den dr\u00e4ngenden Blicken der Haush\u00e4lterin einliefern hatte lassen, zu \u00fcberzeugen, da\u00df sie gestolpert und gegen eine Wand gefallen war und kein Fremdverschulden vorlag.\u00a0\u00a0 Das war jetzt vorbei. Die Wunde konnte heilen und sie, wie sie Dank des Briefes sicher war, eine freie Frau. Ein Koffer und eine Reisetasche waren gepackt und standen im Schlafzimmer bereit. Das Taxi war bestellt und w\u00fcrde in einer halben Stunde erscheinen und diese hatte sie Zeit mit Moritz abzurechnen und ihm endlich, das zu sagen, was sie vorher nicht gewagt h\u00e4tte. War sie doch, da hatte Fabian schon recht, noch von der alten Schule. Ein Heimchen am Herd, das in ihrer M\u00e4dchenoberstufe, die sie besucht hatte, zwar Franz\u00f6sisch und Klavierspielen, aber nicht einmal Buchhaltung und Stenographie gelernt hatte und zu einer pianistischen Karriere, die sie eigentlich anstreben wollte, hatte es nicht gereicht.\u00a0 Erstens waren dazu ihr Talent und ihr Durchsetzungsverm\u00f6gen nicht gro\u00df genug gewesen und dann war bei einem ihrer ersten B\u00e4lle, die sie mit ihren Eltern besucht hatte, die sie wahrscheinlich unter die Haube bringen hatten wollen, Moritz aufgetaucht und die Zwanzigj\u00e4hrige hatte sic h in den acht Jahre \u00e4lteren Burgschauspieler\u00a0 verliebt. Ein Jahr sp\u00e4ter war sie verheiratet .\u00a0 Kurz darauf wurde Fabian geboren und sie war\u00a0 fortan Hausfrau und Mutter gewesen. Hatte sich von Moritz betr\u00fcgen lassen, dem seine Verehrerinnen zu F\u00fc\u00dfen lagen, die ihm f\u00fcr einen charmanten Kerl hielten, w\u00e4hrend er zu Hause, in der Grinzinger Villa, wo es eine Haush\u00e4lterin, eine Putzfrau und einen G\u00e4rtner gab, von dem sich Moritz auch ins Theater chauffieren lie\u00df, die Sau herauslie\u00df, mit dem Haushaltsgeld sehr sparte, so da\u00df sie manchmal, wenn sie sich, wenn er auf den Proben war, sich mit ihren Freundinnen in einem Cafe traf, nicht einmal einen kleinen Braunen leisten hatte k\u00f6nnen. Das war jetzt endg\u00fcltig vorbei. Der Flug nach Berlin, um mit dem Anwalt alles zu besprechen und dem Begr\u00e4bnis beizuwohnen, war schon bestellt. Vorher w\u00fcrde sie aber den Kontakt zu Fabian aufnehmen, den sie, sie gab es zu, kaum anzurufen getaut hatte, weil Moritz auch ihr Handy kontrollierte und ihm sagen, da\u00df sie ihn in diesem Cafe gesehen hatte und da\u00df sie stolz auf ihn war.<\/p>\n<p>&#8220;Was soll das jetzt, du Hure?&#8221;, h\u00f6rte sie Moritz keuchen, der nun doch versuchte, sie wegzuschieben. Aber da gab sie sich einen Ruck und rief &#8220;Du h\u00f6rst mir jetzt einmal zu! Ich habe dir etwas zu sagen und wenn du das nicht freiwillig tust, werde ich den Umit und die Frau Danuta dazu holen, damit sie mir beistehen werden!&#8221; und dr\u00fcckte auf den Knopf der Fernbedienung, die sie in der Hand hielt.<\/p>\n<p>&#8220;Das wirst du dir jetzt ansehen! Es ist dein Sohn, den du immer so ver\u00e4chtlich Versager nennst, der aber, obwohl ich hoffe, da\u00df er nicht in deine Fu\u00dfstapfen steigen wird, ein gro\u00dfes Talent ist! Ich habe mit seinen Professoren am Reinhardt-Seminar gesprochen, die mir das versichert haben und stellt dir vor, er wird den &#8220;Faust&#8221; in der Abswchlu\u00dfvorstellung spielen! Das ist doch deine Rolle, von der du immer behauptet hast, da\u00df au\u00dfer dir, sie keiner zu spielen vermag! Der Fabian wird es aber sicher besser und morderner k\u00f6nnen!&#8221; sagte sie und blickte zu dem Bildschirm auf der jetzt die Auff\u00fchrung in dem Cafe zu sehen war, bei der sie heimlich gewesen war und die sie mitgefilmt hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Da ist dein Sohn, sieh dir ihn an!&#8221;, sagte sie noch einmal, dann drehte sie sich um und rief\u00a0 in den Gang hinaus, um die Haush\u00e4lterin anzuweisen, ihr doch bitte ihren Koffer und die Reisetasche zu holen, weil sie unerwartet zum Begr\u00e4bnis ihrer Tante nach Berlin reisen m\u00fc\u00dfe und l\u00e4chelte, den jetzt sehr verdutzt aussehenen Moritz fast mittleidig an, w\u00e4hrend am Bildschirm eine schreiende Kopftuchrau und ein Fabian mit Schal und Rollkragenpullober zu sehen waren, der sie genauso, wie es jetzt Moritz bei ihr tat, verbl\u00fcfft anzustarren schien.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und noch ein weggestrichenes St\u00fcck, das urspr\u00fcnglich, glaube ich, die erste Anhangszene des &#8220;Fr\u00e4ulein Nos&#8221; werden sollte. &#8220;Hier geblieben, du Arsch!&#8221;, sagte Sibylle Neumayer und stellte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Salont\u00fcre, so da\u00df Moritz den Raum nicht &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=81479\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[452,2152,4167],"class_list":["post-81479","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","tag-ausgeschiedene-textstelle","tag-fraeulein-no","tag-nanowrimo-2019"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=81479"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81479\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=81479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=81479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=81479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}