{"id":82398,"date":"2020-03-25T00:24:20","date_gmt":"2020-03-24T23:24:20","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=82398"},"modified":"2020-03-25T00:24:20","modified_gmt":"2020-03-24T23:24:20","slug":"tagtraum-und-trunkenheit-einer-jungen-frau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=82398","title":{"rendered":"Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/03\/middlemarch\/\">Buch<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/16\/der-spleen-von-paris\/\"> vier<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/17\/oreo\/\">der \u00dcbersetzerschiene<\/a> der zum<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/02\/19\/preis-der-leipziger-buchmesse\/\"> &#8220;Leipziger Buchpreis&#8221;<\/a> 2020 nominierten, den ersten Band der s\u00e4mtlichen Erz\u00e4hlungen der 1929 geborenen brasilanischen Autorin Clarice Lispector, die in der Ukraine geboren wurde\u00a0 und 1977 mit sechsundf\u00fcnzig Jahren verstorben ist und von Clarice Lispector habe ich, glaube ich, vor einigen Jahren in der Sendung Ex Libris zum ersten Mal etwas geh\u00f6rt und dann auch sp\u00e4ter immer wieder ihre B\u00fccher in Buchhandlungen liegen gesehen.<\/p>\n<p>Jetzt habe ich das erste Mal etwas von ihr gelesen und bin \u00fcberrascht, denn der Schreibstil ist wirklich ungew\u00f6hnlich, obwohl ich Erz\u00e4hlungen, wie ich immer schreibe, eigentlich nicht so mag.<\/p>\n<p>Nominiert wurde nat\u00fcrlich nicht die Autorin, sonder der 1970 in M\u00fcnchen geborenen Luis Ruby, der das Buch \u00fcbersetzt hat, das von dem\u00a0 1976 in Texan geborene Benjamin Moser, herausgegeben wurde.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlungen sind in mehrere Abteilungen gegliedert und am Schlu\u00df gibt es einen Anhang, wo unter anderen Clarisse Lispector dar\u00fcber schreibt, wie ihre Erz\u00e4hlungen entstanden sind.<\/p>\n<p>Die erste Abteilung sind die ersten Geschichten und fielen mir schon am Anfang durch die ungew\u00f6hnliche Themengestaltung auf, so erz\u00e4hlt in &#8220;Triumpf&#8221; eine Frau, da\u00df sie von ihrem Mann verlassen wurde, weil der sich von ihr beengtf\u00fchlte. Der ist Schriftsteller und sie liest ein zur\u00fcckgelassenes Notizblatt, was sie mit Triumph erf\u00fcllt, weil sie danach wei\u00df, da\u00df er zur\u00fcck kommt, weil sie die St\u00e4rkere ist, was man als Widerstand, der vor f\u00fcnfzig oder siebzig Jahren unterdr\u00fccken Frauen gegen die M\u00e4nner interpretieren kann. Die St\u00e4rke und die Schw\u00e4che ist ein wichtiges Thema und auch der Widerstand gegen das Mittelma\u00df.<\/p>\n<p>Das kommt auch in &#8220;Obsession&#8221; so vor, wo eine Frau von ihrer unauff\u00e4lligen Kindheit erz\u00e4hlt. Sie heiratet dann einen Mann, ist eine Weile mit ihm gl\u00fccklich, bis sie erkrankt und zu Erholung auf Kur in eine Pension geschickt wird. Dort lernt sie einen Mann kennen, zu dem eine seltsame Obsession beginnt und bei ihr wie sie schreibt &#8220;Ihr Erwachen als Mensch\u00a0 und Frau&#8221; beginnt.<\/p>\n<p>Sie verl\u00e4\u00dft, was zu erwarten war, ihren Mann. Sp\u00e4ter dann den Liebhaber, der sie sie ja sehr herablassend behandelt, kehrt zu ihrem Gatten zur\u00fcck und trotzdem ist nachher nichts mehr wie es vorher war.<\/p>\n<p>Zehn mit Ausnahme der &#8220;Obsession&#8221;, eher kurze &#8220;Erste Geschichten&#8221;, die von den unterschiedlichsten Beziehungsmustern handelt, da geht es um einen &#8220;Fiebertraum&#8221;, um eine Frau, die ihren Mann schlie\u00dflich doch nicht verl\u00e4\u00dft, &#8220;Briefe an Hermengardo&#8221; geschrieben von einer Idalina und von einem\u00a0 jungen M\u00e4dchen, namens Tuda, das sich ratsuchend in die Sprechstunde einer Dr. B. begibt.<\/p>\n<p>Auch in der n\u00e4chsten Abteilung, der, der &#8220;Famil\u00e4ren Verbindungen&#8221; geht es weiter mit den kleinen feinen,\u00a0 oft auch sehr r\u00e4tselhaften und \u00fcberraschenden psychischen Ver\u00e4nderungen, die vor allem die wahrscheinlich unterdr\u00fcckte Mittelschichtfrau der damaligen Gesellschaft betrifft.<\/p>\n<p>So bleibt die namensgebende Heldin in ihrem Tagtraum pl\u00f6tzlich im Bett liegen, worauf sich ihr Gatte ihre Ver\u00e4nderung mit einer Krankheit erkl\u00e4rt. Als sie dann mit ihm und einem Gesch\u00e4ftsfreund in ein Restaurant essen geht, betrinkt sich sich unm\u00e4\u00dfig, w\u00e4hrend der Gesch\u00e4ftsfreund unterm Tisch zuf\u00e4llig oder nicht ihr Bein Ber\u00fcht.<\/p>\n<p>Eine andere Dame f\u00e4hrt mit ihren Eink\u00e4ufen in der Stra\u00dfenbahn nach Hause, sieht da einen Blinden Kaugummi kauen, was sie in einen seltsamen Ausnahmezustand versetzt, so da\u00df das Netz hinunter f\u00e4llt, die Eier, die damals noch in Papier verpackt wurden, zerbrechen und sie auch die Station, wo sie eigentlich aussteigen sollte, verpa\u00dft.<\/p>\n<p>Eine Henne, die f\u00fcr das Mittagessen des Hausherrn bestimmt war, fliegt davon. Die K\u00f6chin schaut ihr verdutzt nach und wir erinnern uns, da\u00df das Buch in Zeiten geschrieben wurde, wo jeder bessere Haushalt noch ein Dienstm\u00e4dchen hatte.<\/p>\n<p>Dieses soll in einer anderen Geschichte, der Freundin ihrer Hausfrau die Rosen \u00fcberbringen, die diese vorher am Markt kaufte, dann aber dar\u00fcber hadert, ob sie sie nicht besser f\u00fcr sich behalten h\u00e4tte sollen?<\/p>\n<p>Und ein Geburtstagsfest gibt es auch, wo die S\u00f6hne und die Schwiegert\u00f6chter samt ihren Kindern zu einer neununachtzigj\u00e4hrigen Jubilarin kommen und dann nicht so recht wissen, was dabei anfangen sollen, was diese mit feinen Humor kommentiert.<\/p>\n<p>Makaber die Geschichte von der &#8220;Kleinsten Frau der Welt&#8221;, in der auch von Kindern erz\u00e4hlt wird, die mit einer Toten spielten, weil sie keine Puppen hatten.<\/p>\n<p>Die kleinen feinen Beobachtungen, der seelischen Zust\u00e4nde des Menschens k\u00f6nnen schon manchmal skurille Z\u00fcge annehmen. Bleiben wir also bei den famili\u00e4ren Verbindungen, die, f\u00fcge ich hinzu, auch manchmal etwas surreal und seltsam sind.<\/p>\n<p>Ein Abendessen in einem Restaurant beschrieben, von den &#8220;Anf\u00e4ngen eines Verm\u00f6gens&#8221;, sowie von dem &#8220;Verbrechen des Mathematiklehrers&#8221;, erz\u00e4hlt, bevor es in die dritte Abteilung, in die &#8220;Fremdenlegion&#8221; geht.<\/p>\n<p>Das sind schon einmal &#8220;Sofias Dramen&#8221;, eine umgekehrte <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/06\/13\/lolita\/\">&#8220;Lolita-Geschichte&#8221;<\/a> sehr beeindruckend, man sieht Clarisse Lispector hat ein Talent alles umzudrehen und mit der Absurdit\u00e4t zu spielen, was auch noch sp\u00e4ter vorkommen kommen wird.<\/p>\n<p>Hier ist ein neunj\u00e4hriges M\u00e4dchen in ihren Lehrern verliebt und will ihn, nicht ganz leicht zu verstehen, dadurch retten, in dem sie ihm ihren Ha\u00df ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>&#8220;Im Brechen der Brote&#8221;, geht es, wie schon der Titel vermuten l\u00e4\u00dft, um das &#8220;Essen und in den &#8220;Affen&#8221;, die \u00fcbrigens wahrscheinlich Brasilien bedingt, in dem ganzen Buch \u00f6fter vorkommen. Hier kauft einer eine \u00c4ffin, &#8220;Lisette&#8221;, genannt, wie das damals offenbar \u00fcblich war,\u00a0 mit Rock und Ohrringen ausger\u00fcstet f\u00fcr sich und seine Kinder und mu\u00df sie dann in der Tierklinik mit Sauerstoff behandeln, beziehungsweise verenden, lassen.<\/p>\n<p>&#8220;Die Henne und das Ei&#8221;, ist noch einmal extra hintergr\u00fcndig, mutet doch die sehr lange Geschichte, zuerst fast, wie ein philosophischer Dialog, etwa, was zuerst da war oder wichtiger ist, an, bevor es sich wieder, um den Ausdruck einer menschlichen Seele oder fast, um ein psychotisches Geschehen, dreht, wie die Psychologin deuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der &#8220;Reise nach Petropolis&#8221; wird eine obdachlose Frau hin- und hergeschoben.<\/p>\n<p>&#8220;Die L\u00f6sung&#8221; ist eine Geschichte \u00fcber zwei Freundinnen, wo die eine auf die andere mit einer Gabel sticht, nachdem sie sie&#8221;Fette Kuh!&#8221;,\u00a0 genannt hat und in der f\u00fcnften Geschichte wird fast spielerisch \u00fcber das Geschichtenschreiben erz\u00e4hlt, w\u00e4hrend ich auch nach zweimaliger Lesung die Namensgegebung der titelgebenden Geschichte nicht ganz verstanden habe, in der es\u00a0 um eine Beziehung zwischen einem M\u00e4dchen und einem K\u00fcken geht, aber ja, Tiere spielen in den manchmal\u00a0 sehr surreal anmutenden\u00a0 Geschichten eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch ein paar Texte, die mit &#8220;Ganz hinten in der Schublade&#8221; \u00fcbertitelt sind. Da ist ein Drama dabei und eine Er\u00f6ffnungsrede und ich kann sagen, da\u00df ich \u00fcber manche Geschichten eher hinweggelesen habe, w\u00e4hrend mich manche\u00a0 wegen ihres ungew\u00f6hnlichen Tons und ihrer ungew\u00f6hnlichen Erz\u00e4hlweise sehr beeindruckt haben.<\/p>\n<p>&#8220;Clarisse Lispector ist eine Ikone weiblichen Schreibens. Diese vierzig Erz\u00e4hlungen neu und teilweise erstmalig ins Deutsche \u00fcbertragen, zeigen ausdr\u00fccklich Virtuosit\u00e4t, Poesie und Humor &#8220;einer der geheimnisvollsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts&#8221;, hat <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/16\/schnee\/\">Orhan Pamuk<\/a>, der Nobelpreistr\u00e4ger von 2006 am Buchr\u00fccken geschrieben und ich f\u00fcge hinzu, Clarisse Lispektor ist f\u00fcr mich eine unbedingte Entdeckung, so da\u00df ich \u00fcber die Buchpreisnominierung, ohne die das Buch vielleicht nicht zu mir gekommen w\u00e4re, sehr dankbar bin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buch vier der \u00dcbersetzerschiene der zum &#8220;Leipziger Buchpreis&#8221; 2020 nominierten, den ersten Band der s\u00e4mtlichen Erz\u00e4hlungen der 1929 geborenen brasilanischen Autorin Clarice Lispector, die in der Ukraine geboren wurde\u00a0 und 1977 mit sechsundf\u00fcnzig Jahren verstorben ist und von Clarice Lispector &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=82398\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1131,1837,4481,4639,545],"class_list":["post-82398","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-clarisse-lispector","tag-erzaehlungen","tag-penguin","tag-preis-der-leipziger-buchmesse","tag-uebersetzung"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82398"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82398\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}