{"id":83478,"date":"2020-04-18T00:08:17","date_gmt":"2020-04-17T22:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=83478"},"modified":"2020-04-18T00:08:17","modified_gmt":"2020-04-17T22:08:17","slug":"leben-mit-dem-stern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=83478","title":{"rendered":"Leben mit dem Stern"},"content":{"rendered":"<p>Ich interessiere mich ja sehr f\u00fcr Holocaustromane und habe auch schon viele von ihnen gelesen, so kann ich mich erinnern, da\u00df ich als Hauptsch\u00fclerin einen der &#8220;Sternkinder&#8221; hie\u00df in der Hand halte und jetzt hat mir &#8220;Wagenbach&#8221; sozusagen als Trost, da\u00df die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/07\/keine-buchmesse-wegen-corona\/\">Leipziger Buchmesse<\/a> nicht stattfand und ich auch nicht nach Berlin, um mir den Verlag anzusehen, fahren konntem Jiri Weils &#8220;Leben mit dem Stern&#8221; geschickt.<\/p>\n<p>Im Vorjahr habe ich ja schon <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/07\/keine-buchmesse-wegen-corona\/\">&#8220;Mendelssohn auf dem Dach&#8221;<\/a> gelesen und dadurch den 1900 geborenen und 1959 in Prag verstorbenen Tschechen Jiri Weil kennengelernt, der 1933 vom Kommunismus begeistert nach <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/02\/20\/metropol\/\">Moskau ging, bald aber von der Partei ausgeschlossen und nach Mittelasien<\/a> deportiert wurde. Nach seiner R\u00fcckkehr in die Tschechoslowakei entkam er den Nationalsozialisten in dem er seinen Selbstmord vort\u00e4uschte und das hat er vermutlich auch in dem Roman verarbeitet, in dem es wohl autobiografische Elemente geht, der\u00a0 mit einer sehr starken ironischen Distanz, die zeitweise an <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/09\/19\/franz-kafka-tagebucher-1910-1923\/\">Kafka<\/a> erinnert, geschrieben wurde.<\/p>\n<p>Da ist der ehemalige Bankbeamge Josef oder Josi\u00a0 Roubicek der w\u00e4hrend der deutschen Besatzung in einem besch\u00e4digten Haus lebt, friert, kein Geld und keine Marken hat, um sich Fleisch zu kaufen, so verheizt er die M\u00f6beln, ern\u00e4hrt sich von Blut- oder Knochensuppe und verbringt seine Zeit mit Lesen beziehungsweise sich mit seiner nicht anwesenden Geliebten Ruzena zu unterhalten, einer verheirateten Dame, deren Rat zu fliehen, er nicht gefolgt ist.<\/p>\n<p>Jetzt wird er von Boten aufgesucht, die ihm st\u00e4ndig kafkaeske und damals wohl reale Verordnungen bringen was er alles nicht machen und haben darf. Der Kater Thomas, den er auch nicht besitzen darf, ist ihm zugelaufen. Er unterh\u00e4lt sich auch mit ihm und wird dann einer Arbeit am Friedhof zugeteilt, wo er mit anderen, die Worte &#8220;Juden&#8221; und &#8220;Nazis&#8221; werden nicht verwendet, sondern nur von &#8220;unsere&#8221; und &#8220;denen&#8221; geschrieben, Gem\u00fcse anbaut und zusehen mu\u00df, wie einer nach dem anderen in die Festungshaft, wie Weil Therienstadt nennt oder in den Osten deportiert wird. Das geschieht auch seiner Tante und seinem Onkel, bei denen er offenbar aufgewachsen ist, die aber sehr geizig und unfreundlich zu ihm sind.<\/p>\n<p>Andere Bekannte geben ihm Geld und er lernt auch einen Arbeiter kennen, der offenbar eine Widerstandsgruppe aufgebaut hat, der er sich lange nicht anschlie\u00dfen will, sondern nur still neben den Treffen sitzt.<\/p>\n<p>Die Namen der Deportierten werden nach dem Alphabet erstellt. Als man beim Buchstaben\u00a0 &#8220;R&#8221; angekommen ist, wird sein Name nicht genannt. Ein anderer &#8220;Robitschek&#8221; steht aber auf der Liste, dem will er zum Abschied eine Zwiebel schenken, die dieser aber verweigert, weil er entschlo\u00dfen ist, sich umzubringen. Der Versuch, das mit Gas zu tun, mi\u00dflingt. Er kommt in ein Spital und wird f\u00fcr die Deportation gerettet. Als es\u00a0 soweit ist, springt er aus dem Fenster und stirbt und Josef Roubicek, der die Deportationen mit einer Zirkusvorstellung vergleicht, \u00fcberlegt lange, ob er untertauchen und sich verstecken soll oder, ob er nicht das moralische Recht hat, das zu tun?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wird ihm noch sein Kater erscho\u00dfen und er erf\u00e4hrt, da\u00df das auch Ruzena und ihrem Mann so passiert ist. Das l\u00e4\u00dft ihn sozusagen politisch erwachen\u00a0 und so endet das Buch,\u00a0 wie es begonnen hat, mit einem gespr\u00e4ch mit Ruzena.<\/p>\n<p>&#8220;Einer der heraussragenden Romane \u00fcber das Schicksal der Juden unter den Nazis. Ich kenne keinen vergleichbaren&#8221; hat <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/02\/mein-mann-der-kommunist\/\">Philip Roth<\/a> laut Buchr\u00fccken \u00fcber den Roman gesagt, schade, da\u00df er so unbekannt geblieben ist, f\u00fcge ich hinzu.<\/p>\n<p>Im Nachwort steht, da\u00df er 1949 in Prag erschienen ist, aber von den tschechischen Kommunisten verfemt und vernichtet kritisiert wurde.<\/p>\n<p>Ich finde den Tonfall mit dem es geschrieben wurde, sehr interessiant, es erinnerte mich ein bi\u00dfchen an <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/12\/jakob-der-lugner\/\">&#8220;Jakob der L\u00fcgner&#8221;<\/a> von Jurek Becker und auch an den &#8220;Pianisten&#8221;, wo ich aber nur den Film geshen habe und das Buch erst lesen mu\u00df und besonders\u00a0 makaber war es, das Buch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/29\/leben-im-dystopischen-raum\/\">in einer Zeit zu lesen<\/a>, wo man die selbstverst\u00e4ndlichsten Dinge, wie sich auf eine Parkbank setzen auch nicht darf und wenn man Pech hat mit f\u00fcnfhundert Euro bestraft wird, wenn man mit seinen Kindern Fu\u00dfball spielt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich interessiere mich ja sehr f\u00fcr Holocaustromane und habe auch schon viele von ihnen gelesen, so kann ich mich erinnern, da\u00df ich als Hauptsch\u00fclerin einen der &#8220;Sternkinder&#8221; hie\u00df in der Hand halte und jetzt hat mir &#8220;Wagenbach&#8221; sozusagen als Trost, &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=83478\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[2666,2929,5860,6100],"class_list":["post-83478","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-holocaustroman","tag-jirsi-weil","tag-tschechische-literatur","tag-wagenbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83478","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=83478"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/83478\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=83478"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=83478"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=83478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}