{"id":84335,"date":"2020-05-05T00:50:32","date_gmt":"2020-05-04T22:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=84335"},"modified":"2020-05-05T00:50:32","modified_gmt":"2020-05-04T22:50:32","slug":"rote-kreuze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=84335","title":{"rendered":"Rote Kreuze"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt der erste auf Deutsch erschienene Roman des 1984 in Minsk geborenen Sasha Filipenko, ein Buch das bei &#8220;Diogenes&#8221; erschienen ist und von dem ich schon glaubte, da\u00df ich es nicht bekommen werde, weil es <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/04\/26\/lesen-in-corona-zeiten\/\">Corona bedingt nicht \u00fcber die Grenze kam<\/a>.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es aber auch \u00f6sterreichische Auslieferer, so kam es doch zu mir und das Lesen war interessant, weil ich das Buch schon auf einigen Blogs entdeckt habe, dann aber vielleicht nicht wieder so etwas Neues und vielleicht auch nicht so ganz ungew\u00f6hnlich, wie die Nobelpreistr\u00e4gerin Swetlana Alexijewitsch auf dem Buchr\u00fccken schrieb &#8220;Sasha Filipenko ist einer der jungen Autoren, die sofort zu ernsthaften Schriftstellern wurden. Wenn Sie wissen wollen, was das moderne, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/03\/10\/fliegende-hunde\/\">junge Russland denkt<\/a>, lesen Sie Filipenko.&#8221;<\/p>\n<p>Oder vielleicht schon. Einer der beiden ineinander verkn\u00fcpften Handlungsstr\u00e4nge ist das wahrscheinlich schon, das andere die Stalin Repressionen habe ich schon \u00f6fte rgelesen und vor kurzem auch besonders bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/02\/20\/metropol\/\">Eugen Ruge.<\/a><\/p>\n<p>Da zieht ein junger Mann namens Sascha, also vielleicht so etwas wie ein Ich-Erz\u00e4hler in eine Wohnung in Minsk. Er hat ein Kind, aber keine Frau, erscheint traumatisiert oder trauernd und die Maklerin, die die Wohnung vermittelt, erz\u00e4hlt ihm etwas von einer alten Nachbarin, mit der er bald in Kontakt kommt.<\/p>\n<p>Die hei\u00dft Tatjana Alexejewa, ist \u00fcber neunzig, hat &#8220;Alzheimer&#8221; und erz\u00e4hlt ihm ihr Leben. Sie wurde in London geboren, hatte einen sehr aufgeschlossenen Vater, der mit ihr und den Kinderm\u00e4dchen nach Moskau zog. Sp\u00e4ter war sie noch in der Schweiz, bis sie beim Au\u00dfenministerium,\u00a0 als \u00dcbersetzerin t\u00e4tig wurde.<\/p>\n<p>Geheiratet hat sie auch und es gab eine Tochter. Dann kam der Krieg, ihr Mann geriet in rum\u00e4nische Kriegsgefangenschaft und auf einer der Listen, die sie \u00fcbersetzten sollte, stand sein Name, was sie in Gewissenskonfklikt brachte. Denn der Staat ging mit den Kriegsgefangenen nicht sehr gut um.<\/p>\n<p>So ersetzte sie seinen Namen, das hei\u00dft, sie strich ihn von der Liste und schrieb daf\u00fcr den folgenden zweimal hin. Das verst\u00e4rkte die Gewissensbisse, obwohl einige Zeit nichts geschah. Dann wurde sie verhaftet, verh\u00f6rt und mehrmals vergewaltigt, bis sie f\u00fcr zehn Jahre in ein Lager kam. Die Topchter kam in ein Kinderheim, wo sie kurz darauf starb. Ihr Mann wurde erscho\u00dfen und diese Geschichte erz\u00e4hlt sie nach und nach dem jungen Mann und sie fragt ihn auch nach seiner Frau oder Freundin und auch warum er nach Minsk gezogen ist?<\/p>\n<p>Der Grund war, bei der Frau wurde kurz nachdem sie schwager wurde, Krebs diagnostiziert, sie hatte nur noch\u00a0 wenig Zeit zu leben, wollte das Kind aber nicht abtreiben. So starb sie, als sie im f\u00fcnften Monat war, das Kind wurde aber ausgetragen und der Vater fl\u00fcchtet mit ihm aus der Stadt.<\/p>\n<p>Diese zwei Handlungsstr\u00e4nge sind ineinander verwoben. Ein wenig zu aufgesetzt k\u00f6nnte dann noch erscheinen, da\u00df er in der Nachbarin, die unter ihm wohnt, eine neue Freundin findet, das passiert vielleicht zu schnell.<\/p>\n<p>Ene Friedhofsbesetzung, wo die alte Dame, die schlie\u00dflich stirbt, gemeinsam mit ihrem jungen Freund verhaftet wird, gibt es auch und sie hat ein Jahr vor ihrem Tod auch noch den Mann aufgesucht, dessen Namen sie zweimal auf die Liste geschrieben hat.<\/p>\n<p>Dem ist nichts passiert, denn er hat sich mit der Sowetmacht arrangieren k\u00f6nnen, was vielleicht eine besondere Perfidie des Schicksals ist.<\/p>\n<p>Soweit so gut. Ungew\u00f6hnlich oder interessant k\u00f6nnten vielleicht noch die Gedichte erscheinen, die gemeinsam mit Vernehmungsprotokollen in dem Buch zu finden sind. Eines davon ist von der 1981 verstorbenen Kinderbuchautorin Agnija Barto und vielleicht besonders beeindruckend, weil man es als Methapher zu Tatjana Alexejewas Schicksal verstehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&#8220;Und ein Haus das uns geh\u00f6rt,<\/p>\n<p>schieben wir vom falschen Ort,<\/p>\n<p>wo es irgedwie uns st\u00f6rt,<\/p>\n<p>mit vereinten Kr\u00e4ften fort!&#8221;<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt wurde der Roman aus dem Russischen von Ruth Altenhofer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt der erste auf Deutsch erschienene Roman des 1984 in Minsk geborenen Sasha Filipenko, ein Buch das bei &#8220;Diogenes&#8221; erschienen ist und von dem ich schon glaubte, da\u00df ich es nicht bekommen werde, weil es Corona bedingt nicht \u00fcber &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=84335\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[26,1534,3027,5025],"class_list":["post-84335","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-neuerscheinung","tag-diogenes","tag-junge-russen","tag-sasha-filipenko"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84335"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84335\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}