{"id":8500,"date":"2011-09-01T11:36:32","date_gmt":"2011-09-01T09:36:32","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=8500"},"modified":"2011-09-01T11:36:32","modified_gmt":"2011-09-01T09:36:32","slug":"sommerhaus-spater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=8500","title":{"rendered":"Sommerhaus, sp\u00e4ter"},"content":{"rendered":"<p>Der 1998 erschienene Erz\u00e4hlband &#8220;Sommerhaus, sp\u00e4ter&#8221;, der 1970 in Berlin geborenen Autorin Judith Hermann, hat diese zum &#8220;Fr\u00e4uleinwunder&#8221; der Literatur gemacht. Burkhard Spinnen, Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek loben auf der Buchr\u00fcckseite, die &#8220;neuen T\u00f6ne der neuen hervorragenden Autorin&#8221;, die den &#8220;Sound der neuen Generation&#8221;, zum Klingen brachte und laut Wikipedia, &#8220;das Lebensgef\u00fchl, der Ende 1990 in Berlin Lebenden K\u00fcnstler- Studenten-Arbeitslosen-Boheme&#8221; beschreibt und es sind in der Tat sehr eindrucksvolle  Geschichten in denen die Kiffer in &#8220;melancholisch gef\u00e4rbten kurzen S\u00e4tzen&#8221;,  die Liebe und das Leben erfahren.<br \/>\nDas beginnt schon in den &#8220;Roten Korallen&#8221;, in der die Erz\u00e4hlerin, die Frage stellt, ob &#8220;der erste und einzige Besuch bei einem Therapeuten, der sie um das rote Korallenarmband der Urgro\u00dfmutter und um ihren Geliebten brachte, die Geschichte ist, sie sie erz\u00e4hlen will?<br \/>\n&#8220;Ich bin nicht sicher. Nicht wirklich sicher:&#8221;<br \/>\nDann wird in einem  lakonisch distanzierten Ton vom Urgro\u00dfvater erz\u00e4hlt, der in Ru\u00dfland \u00d6fen baute, w\u00e4hrend die Urgro\u00dfmutter nicht aus dem Fenster des sch\u00f6nen Hauses am Malyj-Prospekt in die Fremde hinausschauen will. Weil sie sich einsam f\u00fchlt, empf\u00e4ngt sie Liebhaber und weil der Gro\u00dfvater ein Korallenarmband an ihr entdeckt, ruft er seinen Freund Isaak Baruw, um sich mit Nikolaij Sergejewitsch zu duellieren, der ihn  erschie\u00dft, worauf die sch\u00f6ne Urgro\u00dfmutter sieben Monate wartet, dann mit der kleinen Gro\u00dfmutter im Weidenkorb, die Nikolaij Sergejewitsch \u00e4hnlich sieht, nach Deutschland zur\u00fcckzufahren. Isaak Baruw nimmt sie mit und dessen fischgrauer Urenkel ist der Geliebte der Erz\u00e4hlerin, die an ihm leidet, weil er nicht spricht, sondern sein Leben nur seinem Therapeuten erz\u00e4hlt, so da\u00df die Protagonistin ein einziges Mal auch zu diesem geht, das Armband unter seinem Tisch zerrei\u00dft und der Geliebte im &#8220;wassernassen Bett&#8221; auch irgendwie verschwindet&#8230;<br \/>\n&#8220;War das die Geschichte, die ich erz\u00e4hlen wollte&#8221;, aber mein Geliebter konnte mich nicht mehr h\u00f6ren.&#8221;<br \/>\nEs wird \u00fcberhaupt nicht viel gesprochen in Judith Hermanns Erz\u00e4hlungen.<br \/>\nDie &#8220;biegsame&#8221; Sonja tut es jedenfalls nicht, die ein anderer Erz\u00e4hler im Zug kennenlernt, als er von seiner Freundin Verena kommend von Hamburg nach Berlin f\u00e4hrt. Sonja steht da und schaut ihn an, bzw. von ihm weg, dann folgt sie ihm in die U-Bahn, fragt &#8220;Soll ich warten&#8221; und dr\u00fcckt ihn ihre Telefonnummer in die Hand. Sp\u00e4ter ruft er sie an, trifft sie in einem Lokal, erz\u00e4hlt ihr sein Leben, w\u00e4hrend sie schweigt und verschwindet, um dann eine Zeitlang jede Nacht zu ihm zu kommen, ihm B\u00fccher zu bringen, die er nicht liest. Sex scheint es zwischen den beiden nicht zu geben, er wei\u00df auch nicht sehr viel von ihr, trotzdem sagt sie, da\u00df sie ihm heiraten und Kinder von ihm haben m\u00f6chte, was ihn so erschreckt, da\u00df er Verena heiratet, worauf Sonja verschwindet, was auch nicht passt.<br \/>\nEin seltsam altmodisches Lebensgef\u00fchl der Berliner Kiffer Generation eigentlich und Sonja tr\u00e4gt auch &#8220;ein &#8220;unglaublich altmodisches, rotes Samtkleid und st\u00f6ckelt in viel zu hohen Schuhen&#8221; auf den Erz\u00e4hler zu und in &#8220;Hunter-Tompson Musik&#8221; der einziges Geschichte, die nicht in Deutschland spielt, geht es um das &#8220;Washington jeffersen, das kein Hotel mehr, sondern ein Armenhaus f\u00fcr alte Leute und die letzte verrottete Station  vor dem Ende ist&#8221;.<br \/>\nIn diesem Geisterhaus wohnt Hunter und kommt mit seinen Eink\u00e4ufen aus dem Deli, fragt beim Portier nach Post, obwohl es l\u00e4ngst keine gibt, zieht sich in sein Zimmer zur\u00fcck, um seine Musik zu h\u00f6ren, &#8220;Glenn Gould&#8221;, w\u00e4hrend die alte Miss Gil drau\u00dfen singt. Da klopft pl\u00f6tzlich ein junges M\u00e4dchen an seine T\u00fcr, das nicht herpasst,  erz\u00e4hlt, das man ihr ihren Casettenrekorder gestohlen h\u00e4tte und will mit ihm am n\u00e4chsten Abend essen gehen. Sie kommt nicht oder zu sp\u00e4t und er ist auch nicht sehr erfreut dar\u00fcber, trotzdem hat er in einem Gesch\u00e4ft in dem ein alter Mann sitzt und nichts mehr verkauft, einen Rekorder besorgt, sich seinen Begr\u00e4bnisanzug angezogen und als sie um zw\u00f6lf Uhr doch klopft, dr\u00fcckt er ihr mit dem Rekorder auch seine Platten in die Hand.<br \/>\nDie Titelgeschichte ist \u00e4hnlich skurril, Stein ist ein Taxifahrer und hat sich durch die Bohemine gebumst und dann ein Haus entdeckt, zu dem er die Erz\u00e4hlerin bringt, es ist auch ein Geisterhaus, ganz verfallen ohne T\u00fcren, trotzdem hat er achtzigtausend Mark daf\u00fcr bezahlt und auch eine Frau mit Kind daraus vertrieben, die der Erz\u00e4hlerin einen Schl\u00fc\u00dfelbund in die Hand dr\u00fcckt. Zu einem Haus ohne T\u00fcren braucht man aber keine Schl\u00fc\u00dfel, so f\u00e4hrt sie nach Berlin zur\u00fcck und als sie sp\u00e4ter in Steins Taxi f\u00e4hrt, sieht sie, da\u00df er Baumaterial darin transportiert. Sie bekommt auch Karten Canitz, in dem er &#8220;..wenn du kommst&#8221;, schreibst und einen Zeitungsartikel in dem steht, da\u00df das ehemalige Gutshaus in Canitz, das der neue Berliner Besitzer wieder instandsetzte, abbrannte.<br \/>\n&#8220;Die Polizei schlie\u00dft Brandstiftung bisher nicht aus.&#8221;<br \/>\nUnd so weiter und so fort, ein paar Geschichten sind ein bi\u00dfchen weniger skurril, sondern drehen sich um Beziehungskrisen, in &#8220;Ende von Etwas&#8221; erz\u00e4hlt Sophie von der pflegebed\u00fcrftigen Gro\u00dfmutter, eine &#8220;Camera Obscura&#8221; und eine &#8220;Bali-Frau&#8221; gibt es auch und am Ende dankt die Autorin &#8220;der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin, der Stiftung Kulturfond, der Akademie der K\u00fcnste, dem Alfred-D\u00f6blin-Haus in Wewelsfleth und insbesondere Katja Lange-M\u00fcller, Burkhard Spinnen und Monika Maron f\u00fcr die Unterst\u00fczung an diesem Buch.&#8221;<br \/>\nJudith Hermann hat f\u00fcr &#8220;Sommerhaus, sp\u00e4ter&#8221;, auch ein paar Preise bekommen und laut Wikipedia lernen m\u00fc\u00dfen &#8220;mit dem Druck der Verlage, \u00d6ffentlichkeit, Medien umzugehen.&#8221;<br \/>\n2003 folgte der Erz\u00e4hlband &#8220;Nichts als Gespenster&#8221;, der schon nicht mehr so gelobt wurde und 2009 der Erz\u00e4hlband &#8220;Alice&#8221;, denn Judith Hermann schreibt offenbar nur Erz\u00e4hlungen.<br \/>\n&#8220;Nichts, als Gespenster&#8221;, habe ich mir von einem der Buchgutscheine ausgesucht, die ich beim &#8220;Luitpold Stern Preis&#8221; gewonnen habe, aber noch nicht gelesen, weil ich Erz\u00e4hlungen ja nicht so mag.<br \/>\n&#8220;Sommerhaus,sp\u00e4ter&#8221;, habe ich zu Ostern in der Wilhelmsburger B\u00fccher Abverkaufskiste gefunden und als letztes meiner <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/16\/hundert-bucher\/\">Harlander Listenb\u00fccher<\/a> gelesen und war beeindruckt, weil mir die Erz\u00e4hlungen gut gefallen haben und weil ich jetzt noch ein bi\u00dfchen mehr kapiere, wie der Literaturbetrieb funktioniert.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 1998 erschienene Erz\u00e4hlband &#8220;Sommerhaus, sp\u00e4ter&#8221;, der 1970 in Berlin geborenen Autorin Judith Hermann, hat diese zum &#8220;Fr\u00e4uleinwunder&#8221; der Literatur gemacht. 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