{"id":8665,"date":"2011-09-09T09:44:06","date_gmt":"2011-09-09T07:44:06","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=8665"},"modified":"2011-09-09T09:44:06","modified_gmt":"2011-09-09T07:44:06","slug":"winterquartier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=8665","title":{"rendered":"Winterquartier"},"content":{"rendered":"<p>Evelyn Grills 1993 zuerst in der Bibliothek der Provinz erschienene Erz\u00e4hlung &#8220;Winterquartier&#8221;, k\u00f6nnte man, wie auch andere ihrer B\u00fccher als Provinzsatire oder Farce bezeichnen. Von Evelyn Grill habe ich ja schon <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/10\/24\/ins-ohr\/\">\u00f6fter<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/15\/das-antwerper-testament\/\">geschrieben<\/a> und auch einiges gelesen. 1942 ist sie in Garsten, \u00d6O geboren, hat Jus studiert und 1985 im Wiener Frauenverlag, den Roman &#8220;Rahmenhandlungen&#8221; herausgebracht, der auch in der sozialistischen Frau abgedruckt war. Dann kam &#8220;Winterquartier&#8221;, 1994 &#8220;Wilma&#8221;, schon bei Suhrkamp erschienen, das auf meiner <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">Lesteliste<\/a> f\u00fcr 2012 steht, die &#8220;Sch\u00f6nen K\u00fcnste&#8221; habe ich auch gefunden. Den &#8220;Sammler&#8221; noch nicht, obwohl ich dieses Buch sehr gerne lesen m\u00f6chte, da ich mich ja auch mit dem Messie-Thema <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_hunger.html\">besch\u00e4ftigt<\/a> habe. Man sieht Evelyn Grill hat Karriere gemacht. Seit 1986 lebt sie in Freiburg im Breisgau, ist mit einem Literaturwissenschaftler verheiratet, ich sehe sie manchmal bei Veranstaltungen und Lesungen. Zu &#8220;Rund um die Burg&#8221; kommt sie n\u00e4chste Woche, glaube ich, auch und liest aus dem &#8220;Antwerpener Testament&#8221;.<br \/>\n&#8220;Winterquartier&#8221; ist h\u00f6chst beeindruckend, wenn vielleicht nicht so sehr im Bernhardschen Stil, wie &#8220;Ins Ohr&#8221;, die bedr\u00fcckende Ende der Provinz, die sich zur Farce steigert, ist trotzdem sehr beklemmend zu bemerken. Es geht um die \u00c4nderungsschneiderin Roswitha, zweiundvierzig Jahre alt, eine alte Jungfer und durch eine Kinderl\u00e4hmung behindert, sie hinkt, dadurch hat sie einen Beruf lernen d\u00fcrfen und lebt nun, nachdem ihre Eltern bei einem Unfall verstorben ist, in einem Pfarrhaus neben dem Gef\u00e4ngnis des Ortes, was  schon eindrucksvoll die Athmosph\u00e4re schildert. Zur Hundert oder Tausendjahrfeier wird das Haus einger\u00fcstet und der Putz abgetragen, was Roswitha in der Arbeit, die sie gewissenhaft erledigt und auch in ihrer Werkstatt, nicht im ehemaligen Schlafzimmer der Eltern schl\u00e4ft, behindert. Sie lernt aber auch einen der Arbeiter kennen, der ein &#8220;Winterquartier&#8221; zu suchen scheint und dem Fr\u00e4ulein daher so etwas, wie einen Heiratsantrag macht. Roswitha ist entz\u00fcckt und so zieht er bei ihr mit seinem Koffer ein, macht ihr das Linoleum dreckig und sie kocht und putzt f\u00fcr ihm und schl\u00e4ft vorerst weiter in der Werkstatt. Erst als sie mit ihm am Sonntag an den Schienen spazieren geht, er war fr\u00fcher Schwellengeher, Messerwerfer ist er auch, kommt es zum sexuellen Kontakt, das hei\u00dft, er nimmt sie brutal, was sie aber nicht nur entsetzt, sondern auch ein wenig entz\u00fcckt. Ansonsten lebt sie, obwohl sie sich zur Jause immer eine Mohnkrone kauft, sehr bescheiden, das hei\u00dft ohne Bad, den Bretterabort am Gang, Telefon und Radio gibt es auch nicht, daf\u00fcr eine \u00e4ltere Schwester zu der sie fr\u00fcher baden ging, aber die hat eigene Sorgen, n\u00e4mlich Krebs und einen Mann, der sie mit der Pfarrbiblothekarin Grete, auch eine von Roswithas Kundinnen, betr\u00fcgt und sie wird auch von ihrer Freundin Lotte nicht verstanden, denn die wurde vom pensionierten Schuldirektor als Hauptdarstellerin f\u00fcr das Weihespiel, das zum Jubil\u00e4um aufgef\u00fchrt werden soll, auserkoren, Roswitha soll die Kost\u00fcme n\u00e4hen, daf\u00fcr k\u00fc\u00dft ihr der Schulrat die Hand. Sie hat n\u00e4mlich sehr sch\u00f6ne H\u00e4nde und ist stolz darauf. Durch Maxs Brutalit\u00e4t werden sie aber in Mitleidenschaft gezogen. Er kommt und geht wann er will, s\u00e4uft, bringt seine Freunde mit, veranstaltet in Roswithas Wohnung Messerwerfen, die sich nicht wehren kann oder nicht wehren will, auch keine wirkliche Hilfe an den Dorfbewohnern hat, obwohl sie gut inegriert ist und es von ihrem Vater auch nicht anders gelernt hat, stammt sie doch noch aus der Zeit, wo unterm Hitler alles besser war und das zeigt sich auch, als aus dem Gef\u00e4ngnis nebenan zwei M\u00e4nner entweichen.<br \/>\nDa quartieren sich n\u00e4mlich alle in Roswithas Wohnung ein, um mit dem Feldstecher auf das Spektakel zu schielen und sich zu emp\u00f6ren, da\u00df den Verbrechern Backhendel und Schweinsbraten mit Kn\u00f6del serviert wird. Die Werkstatt wird verw\u00fcstet, der Schulrat und Lotte wenden sich emp\u00f6rt von den messerwerfenden Saufbolden in Roswithas Wohnung ab, die Schwester hat sich am Dachboden erh\u00e4ngt, die beiden Ausbrecher &#8220;klettern indessen auf der Strickleiter in die Luke hinein&#8221; und Roswitha hat ihren Max inzwischen auch mit der Zuschneideschere erstochen&#8230;<br \/>\nEs ist wirklich eine Farce das sch\u00f6ne Leben in der Provinz vierzig Jahre nach dem Damals, wo alles doch  besser war.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evelyn Grills 1993 zuerst in der Bibliothek der Provinz erschienene Erz\u00e4hlung &#8220;Winterquartier&#8221;, k\u00f6nnte man, wie auch andere ihrer B\u00fccher als Provinzsatire oder Farce bezeichnen. 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