{"id":86914,"date":"2020-07-25T00:56:28","date_gmt":"2020-07-24T22:56:28","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=86914"},"modified":"2020-07-25T00:56:28","modified_gmt":"2020-07-24T22:56:28","slug":"monster-wie-wir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=86914","title":{"rendered":"Monster wie wir"},"content":{"rendered":"\n<p>Als N\u00e4chstes kommt der Debutroman der 1979 in  Sachsen geborenen Pfarrerstochter Ulrike Almut Sandig, die auch als Lyrikerin t\u00e4tig istund die ich einmal in<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/16\/leipzig-gebloggt\/\"> Leipzig <\/a>lesen h\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer sehr dichten Sprache wird hier \u00fcber die Gewalt erz\u00e4hlt, der Kinder in Wahrheit hoffentlich nicht so oft, wie in den Romanen ausgesetzt ist. Von Gewalt, Kindesmi\u00dfbrauch und den Ohrfeigen, die man auch in einem Pfarrerhaushalt bekommen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist Ruth, die Pfarrerstochter, die sp\u00e4ter Musikerin wird, bei einem Konzert ihrem Freund Viktor wiedertrifft und einem Voitto sehr metaphernreich, die wohl die Diszzoziationen verdeutlichen sollen,  ihre Geschichte erz\u00e4hlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Da beginnt es gleich, da\u00df sie als Embryo im Bauch der Mutter geschwommen ist und dann von ihrem Bruder Fly verlassen wurde, der als Erster auf die Welt kam. Sie erz\u00e4hlt ihm das Geschichte und er sch\u00fcttelt den Kopf, kann sie sich doch nicht daran erinnern k\u00f6nnen, ist er doch vier Jahre \u00e4lter als sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater ist ostdeutscher  Pfarrer und hat die Kinder nie geschlagen oder doch, ein paar Ohrfeigen hat es gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p> Jedenfalls erz\u00e4hlt Ruth Voitto von den vier ihres Leben. Die Mutter eine Apothekengehilfin, ist sehr liebevoll zu den Kinder, erkennt aber in den Vampirbissen von denen Ruth ihr erz\u00e4hlt, die vom Gro\u00dfvater stammen, nur Bremsenstiche und geht dann, als sie sich vom Vater trennen will, mit dem Kind zum Gro\u00dfvater, der ihr vorwirft, da\u00df eine Pfarrersfrau ihren Mann nicht  verl\u00e4\u00dft und Ruth, die inzwischen Geige spielen lernt und es beim Gro\u00dfvater nicht aush\u00e4lt, sie wieder zur R\u00fcckkehr bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Viktor, den halbrussischen oder kleinen Russen, wie Ruths Vater sagt, Offizierssohn, lernt Ruth im Kindergarten kennen, besucht mit ihm sp\u00e4ter dieselbe Schule und er erz\u00e4hlt ihr vom Mi\u00dfbrauch, die der Schwager, der Mann der \u00e4lteren Schwester, die auf ihm aupassen soll,  an ihm aus\u00fcbte, w\u00e4hrend sonst, was Ulrike Almig Sandig in einem Interwiev thematisierte, dar\u00fcber der Mantel des Schweigens gelegt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Viktor genannte Teil ist der packenste. Da ist die DDR vorbei, Viktor erwachsen und in Springerstiefel, wie ein junger blonder Nazih\u00fchne wirkend, auf dem Weg nach Frankreich, wo er sich als Au Pair beworben hat, damit er genommen wird, hat er seinen Namen in Viktoria umgewandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Madame nennt ihn Victoire erkl\u00e4rt ihm, da\u00df er nicht nur die Kinder betreuen und Franz\u00f6sisch lernen, sondern auch ihre Unterhosen b\u00fcgeln, staubsaugen und kochen soll. Daf\u00fcr darf er das alte Brot, das nicht weggeworfen werden darf, in den Kaffee tauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder hei\u00dfen Maud und Lionel, es gibt wieder ein paar poetisch surreal anmutende Szenen, wo Maud die Dinge aus ihrer Sicht erkl\u00e4rt. Maud liegt im Bett der Maman, Lionel in dem des Papas, der nicht sein Vater ist und als Viktor das bemerkt, schl\u00e4gt er ihn zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p> Er wird nicht angezeigt, aber hinausgeworfen und das Aupair-M\u00e4dchen im Nachbarhaus, die Ukrainerin Julija, die wie der Gro\u00dfvater, ein alter Frankreichk\u00e4mpfer, in dem durch Codes gesicherten Haus ein- und ausgeht, um nach dem Rechten zu sehen, bedauert das sehr, denn nun ist Lionel wieder allein und Maud h\u00e4tte Viktor, wenn er geblieben w\u00e4re, sogar ihre Schnecken geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fand ich packender und \u00fcberzeugender, als den ersten Teil, wo Ruth, den Gro\u00dfvater in eine Vampirangst dissoziiert, das erscheint mir ein bi\u00dfchen zu sehr dem Lehrbuch nachempfunden und wie auch anderes poetisch \u00fcberfrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch noch einen Schlu\u00df- oder dritten, Voitto genannten Teil, in dem Ruth, die offenbar doch Pianistin gerworden ist, w\u00e4hrend sie vorher die verschiedensten Instrumente ausprobierte, ihrem Freund erz\u00e4hlt, was nach dem Fall der DDR aus dem Pfarrhaus und ihrem Bruder, dem Aktivisten und Filmer geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant wahrscheinlich, die Verbindung zwischen DDR und Kindesmi\u00dfbrauch, interessant auch, das in einer sehr lyrischen Sprache zu erz\u00e4hlen, da\u00df ich damit meine Schwierigkeiten habe, habe ich ja schon \u00f6fter geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein interessantes Buch, schade, da\u00df es nicht beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/06\/21\/bachmannlesen-in-corona-zeiten\/\">&#8220;Bachmannpreis&#8221; <\/a>vorgestellt wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als N\u00e4chstes kommt der Debutroman der 1979 in Sachsen geborenen Pfarrerstochter Ulrike Almut Sandig, die auch als Lyrikerin t\u00e4tig istund die ich einmal in Leipzig lesen h\u00f6rte. 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