{"id":8712,"date":"2011-09-12T00:01:02","date_gmt":"2011-09-11T22:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=8712"},"modified":"2011-09-12T00:01:02","modified_gmt":"2011-09-11T22:01:02","slug":"grosses-finale-fur-novak","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=8712","title":{"rendered":"Grosses Finale f\u00fcr Novak"},"content":{"rendered":"<p>Peter Henisch ist mit seinem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/09\/07\/das-neue-buch-von-peter-henisch\/\">&#8220;Grossen Finale f\u00fcr Novak&#8221;<\/a>, die Beschreibung des Leidens des kleinen Mannes an der Sinnlosigkeit des Lebens, seiner Midlifie-Krise, beziehungsweise Fr\u00fch-Pensionsschock, in grandioser Opernmanier, bis an den Rand des Kitschs und einem Ende, das mir nicht gef\u00e4llt, gelungen.<br \/>\nEs geht, um Franz Novak, dem f\u00fcnfundf\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Postbeamten, der nicht besonders konfliktbereit ist, seit drei\u00dfig Jahren mit seiner Herta, einer Bi\u00dfgurn, die so denkt, wie es H.C.Strache, &#8220;Heute&#8221;, die &#8220;Krone&#8221; oder &#8220;\u00d6sterreich&#8221;, vorschl\u00e4gt und einen kleinen Frisiersalon im Nachbarort, mit Hilfe von zwei &#8220;Balkantussis&#8221; oder Lehrm\u00e4deln, betreibt, lebt und einen mi\u00dfratenen Sohn hat, der inzwischen in Kanada, das dritte Mal verheiratet ist.<br \/>\nAnsonsten gibt es noch die SP\u00d6, die ja auch den Bach hinuntersegelt, den Stammtisch und den Wunsch, vielleicht Amtsleiter zu werden, da haben Mittwoch im Theatercafe des Theaters an der Wien, die Leute gelacht, als das Cornelius Hell oder Kurt Neumann erw\u00e4hnte, obwohl ich nicht wei\u00df, was daran so lustig ist, denn so sind die Tr\u00e4ume der kleinen Leute eben und das wird ihnen von der Gesellschaft auch so eingebleut. Ansonsten gibt es keine besondere Bildung, denn Franz Novak ist, wie sehr selten in der Literatur, kein Intellektueller, weshalb Peter Henisch auch am Mittwoch vielleicht sagte, da\u00df er nicht viel mit seinem Helden gemeinsam habe, also keiner der, wie ich, die ja auch aus einer sozialistischen Arbeiterfamilie kommt, ab 1973, dem Jahr meiner Matura, jede Woche in die Oper ging, wo ich auch Klaus Khittl, dem damaligen Opernkritiker, der Presse kennenlernte.<br \/>\nIrgendwann in den Achtigerjahren habe ich damit aufgeh\u00f6rt und war inzwischen nur einmal in der Oper, in der Inszenierung, zu der Hermann Nitsch das B\u00fchnenbild machte, Alfreds oberer Mittelschichtfreund Martin hat mich dazu eingeladen.<br \/>\nBei Franz Novak kommt das aber erst in seiner versp\u00e4teten Midlifekrise. Hat er n\u00e4mlich kurz nach oder vor dem f\u00fcnfundf\u00fcnfzigsten Geburtstag einen Gallensteinanfall und mu\u00df ins Spital. Das hei\u00dft seine Frau Herta bringt ihm dort hin, ihm w\u00e4ren seine Schmerzen nicht aufgefallen, obwohl der Oberarzt meinte &#8220;Ein bi\u00dfchen sp\u00e4ter und sie h\u00e4tten daran geglaubt&#8230;.!&#8221;<br \/>\nUnd dann beginnt es, was sp\u00e4ter in das grandiose oder f\u00fcr mich unbefriedigende Finale m\u00fcdet. Novak liegt zwar in einem Klassezimmer, aber der Nachbar, ein gewisser Herr Kratky schnarcht trotzdem schrecklich und h\u00f6rt untertags  Volksmusik, so erbarmt sich die indonesische Krankenschwester Manuela seiner, bringt ihm Ohropax, Kopfh\u00f6rer und ihre Opernaufnahmen. Sie ist n\u00e4mlich eine Opernliebhaberin und Novaks zweiter Fr\u00fchling beginnt oder auch nicht. Er spricht zwar \u00f6fter in der Nacht auf der kleinen wei\u00dfen Bank im Krankenhaus mit Manuela, l\u00e4\u00dft sich von ihr die Opern, von denen er keine Ahnung hat, erkl\u00e4ren und tr\u00e4umt auch von ihr, aber, als er nach Hause entlassen wird, ist er besonders ger\u00e4uschempfindlich und die Post, die ja bekannterma\u00dfen inzwischen ihre unk\u00fcndbaren \u00e4lteren Beamten nicht mehr brauchen kann, schickt ihn in Fr\u00fchpension.<br \/>\nWas macht man in einer solchen Situation um keinen Pensionsschock zu bekommen? Novak geht ins Gasthaus Geiger und h\u00f6rt seine Opernarien oder vorerst das Opernkonzert im Radio auf das er zuf\u00e4llig st\u00f6\u00dft. In dieser Situation st\u00f6\u00dft Herta auf ihn, die sich Gedanken \u00fcber seine Ver\u00e4nderung macht, denn sie ist gar nicht so b\u00f6sartig, wie die Kritiker meinten, schmunzelte Peter Henisch am Mittwoch, sondern hat meiner meiner Meinung nach in der Stelle \u00fcber den H\u00f6rsturz ihren Autor zu einer der brillantesten Beschreibungen der Midlifekrise gebracht und ich mu\u00df es vielleicht wissen, habe ich ja schon 1978-1979 \u00fcber dieses Thema dissertiert.<br \/>\nHerta kommt also besorgt nach Haus und will Novak zum Arzt schicken, h\u00f6rt seine Opernarien, die sie nicht leiden kann und rastet aus. Wird eifers\u00fcchtig auf Manuela, die &#8220;Ausl\u00e4ndertussi mit dem Muttermal&#8221;, f\u00e4hrt ins Spital und will sie beim Oberarzt anschw\u00e4rzen. Novak f\u00e4hrt auch dorthin, obwohl ihm Herta, seit er einen Unfall hatte, das Autofahren verbot, findet aber Manuela nicht und so verl\u00e4\u00dft er Herta und siedelt sich in eine schmuddelige Pension irgendwo beim Meidlinger Markt ein und geht mit Opern CDs in der Tasche in Sch\u00f6nbrunn spazieren. Die Callas h\u00f6rt er da, die &#8220;Zauberfl\u00f6ste&#8221;, den &#8220;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8221; und &#8220;Hoffmanns Erz\u00e4hlungen&#8221;, die g\u00e4ngigen Opern eben, die ich in den Siebzigerjahren auch geh\u00f6rt habe, schreibt Briefe an Manuela, die er nicht abschickt und als er ihr doch einmal eine Karte schreibt, bekommt er sie mit &#8220;Empf\u00e4nger verzogen&#8221; zur\u00fcck. Er geht auch ein einziges Mal in die Oper, dort gibt es &#8220;Madame Butterfly&#8221;, zahlt hundert Euro daf\u00fcr und hat die Vision Manuela auf dem Stehplatz zu sehen, einen Schw\u00e4cheanfall bekommt er auch und als Herta ein paar Wochen oder Tage sp\u00e4ter die T\u00fcre der &#8220;Ausl\u00e4nderpension&#8221; aufbrechen l\u00e4\u00dft, liegt er im D\u00e4mmerzustand im Bett und starrt vor sich hin.<br \/>\nSo holt sie ihn nach Hause, beginnt ihn erst zu pflegen, sp\u00e4ter Vorw\u00fcrfe zu machen und weil die Gegend in der sie leben, immer unsicher wird und die Polizei oder das Fernsehen zur Vorsicht vor Einbr\u00fcchen warnt, dr\u00e4ngt sie ihn auch, sich eine Waffe zu besorgen.<br \/>\nDie findet er im Keller, im Zimmer seines Sohnes, neben einem Stahlhelm auf dem Per\u00fcckenkopf, denn Novak ist inzwischen in die Heavy- Mental Phase gekommen, w\u00e4hrend Herta zur Vers\u00f6hnung einen Urlaub nach Teneriffa bucht, daraus wird aber nichts, denn jetzt hat Novak Hertas Briefe gefunden und herausbekommen, da\u00df sie schuld an ihrem Verschwinden ist. Denn die Nachbarn streuen \u00fcber eine indonesische Krankenschwester mit einem freiberuflichen Lebenspartner und einem kleinen Kind, nat\u00fcrlich Ger\u00fcchte aus und siedeln sie in einen Massagesalon an und wenn Herta dann noch an das Innenministerium schreibt, kann es schon vorkommen, da\u00df fr\u00fch morgens die Polizei erscheint&#8230;.<br \/>\nMeine Kollegen, die unter dem L\u00e4rm und dem Vandalismus am Meiselmarkt oder sonst wo leiden, erz\u00e4hlen es zwar anders und meinen, da\u00df Beschwerden \u00fcberhaupt nichts bringen.<br \/>\nManuela ist jedenfalls verschwunden und Novak weigert sich mit Herta nach Tenariffa zu fliegen. So f\u00e4hrt sie allein, bereit es sich dort gut gehen zu lassen, kommt aber wegen Terroralarm nur zum Flughafen,  f\u00e4hrt sie mit dem Taxi zur\u00fcck, wo Novak wieder auf dem Sofa liegt und endlich seine Opernarien, ohne Kopfh\u00f6rer genie\u00dfen kann. Es ist die &#8220;Traviata&#8221;, als auch ein romantisches St\u00fcck. Herta zieht den Stecker heraus und Novak die Pistole&#8230;<br \/>\n&#8220;Gro\u00dfes Finale f\u00fcr Novak&#8221;, Cornelius Hell hat am Mittwoch von der Lebendigkeit gesprochen, die der Held im Laufe des Romans zur\u00fcckbekommen hat und ich habe die letzten zwanzig Seiten gedacht &#8220;Hoffentlich nicht!&#8221; Und genau dieses Gef\u00fchl hatte ich auch beim <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/06\/28\/klagenfurt-09\/\">Bachmannpreistr\u00e4gertext 2009<\/a>, der grandiosen Schilderung eines Mannes, der seine Freundin im Wachkoma betreut und auch nicht umhin kommt, sie am Ende zu erschie\u00dfen. Jens Petersen hat den Preis bekommen, ich bin unzufrieden zur\u00fcckgeblieben und jetzt bin ich das auch.<br \/>\n&#8220;Geht es wirklich nicht anders, Herr Henisch, auch wenn Novak, stilgerecht, wie Tosca, zwei Kerzen vom Weihnachtsbaum neben Herta stellt, bevor er mit seinem Rucksack mit den Opern-CDs, das Schrebergartenh\u00e4uschen verl\u00e4\u00dft?&#8221;<br \/>\nDie Literaturkritik wird verneinen, denn Spannung mu\u00df ja sein und ein Roman ist nur dann gut, wenn er in jeder Szene seine Maximalkapazit\u00e4t aussch\u00f6pft und das haben, sowohl Peter Henisch als auch Jens Petersen getan. Und auf der Opernb\u00fchne liegen, wenn der Vorhang f\u00e4llt, ja auch die Leichen, so gesehen, l\u00e4\u00dft es sich wieder als Ironie interpretieren oder sagen, das geh\u00f6rt halt dazu.<br \/>\nIch h\u00e4tte ein anderes Ende gew\u00e4hlt, da w\u00e4re die Waffe im Keller geblieben oder gar nicht dort gewesen und Novak w\u00e4re mit seinem Rucksack und seinen \u00c4pfeln, h\u00f6chstens zum Bezirksgericht oder in eine M\u00e4nnerberatungsstelle gegangen.<br \/>\nAber meinen Texten fehlt der h\u00f6here Kick, wie mir schon Karl Markus Gauss in den neunziger Jahren erkl\u00e4rte.<br \/>\nTrotzdem es ist ein grandioses Buch und ich bin dadurch zwar in keine Midlifekrise gekommen, habe aber meine Opernleidenschaft in den Siebzigerjahren, ich habe kein absolutes Geh\u00f6r und mich irgendwann in die Literatur verabschiedet, von der ich glaube mehr zu verstehen, noch einmal durchlebt. F\u00fcr E. T. A. Hoffmann habe ich mich auch einmal sehr interessiert und &#8220;Hoffmanns Erz\u00e4hlungen&#8221; gern geh\u00f6rt.<br \/>\nUnd f\u00fcr die, die mir jetzt vorwerfen, da\u00df ich im Literaturgefl\u00fcster immer soviel erz\u00e4hle und auch das Ende verrate, das ist schon am Umschlag abgebildet. Da gibt es n\u00e4mlich eine Pistole, eine Amsel und ein Cassettenband. Nur etwas habe ich nicht verstanden und w\u00fcrde ich gerne Peter Henisch oder seinen Lektor fragen. N\u00e4mlich die Stelle, wo Novak in den CD-Laden seines Ortes geht und Opernmusik der drei Ten\u00f6re findet.<br \/>\n&#8220;Stimmt, die Geschichte, die hier erz\u00e4hlt wird, liegt schon ein paar Jahre zur\u00fcck. Anna Netrebko war noch nicht im Bewu\u00dftsein der Diskont-Kunden angekommen.&#8221;<br \/>\nDas hat mich verwirrt, dachte ich doch, es ist in der Zeit der Postamtschlie\u00dfungen, des Vogelsterbens und der Terrordrohungen ein h\u00f6chst akutelles Buch. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Henisch ist mit seinem &#8220;Grossen Finale f\u00fcr Novak&#8221;, die Beschreibung des Leidens des kleinen Mannes an der Sinnlosigkeit des Lebens, seiner Midlifie-Krise, beziehungsweise Fr\u00fch-Pensionsschock, in grandioser Opernmanier, bis an den Rand des Kitschs und einem Ende, das mir nicht &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=8712\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-8712","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8712","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8712"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8712\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8712"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8712"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8712"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}