{"id":8760,"date":"2011-09-16T12:07:38","date_gmt":"2011-09-16T10:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=8760"},"modified":"2011-09-16T12:07:38","modified_gmt":"2011-09-16T10:07:38","slug":"kaff-auch-mare-crisium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=8760","title":{"rendered":"KAFF auch Mare Crisium"},"content":{"rendered":"<p>Wieder einmal herrscht Ratlosigkeit, denn kann ich ein Buch, das ich, als realistische Autorin und Nicht-Germanistin, nicht verstanden habe, besprechen?<br \/>\nArno Schmidt 1914 geboren, 1979 in Celle verstorben, gilt als gro\u00dfer der deutschen Nachkriegsliteratur, es gibt eine <a href=\"http:\/\/www.arno-schmidt-stiftung.de\/\">Arno Schmidt Stiftung<\/a> und auch eine &#8220;KAFF auch <a href=\"http:\/\/www.mare-crisium.de\/\">Mare Crisium&#8221;-Website<\/a>, die sich dem 1960 entstandenen Buch widmet.<br \/>\nSeit 1958 fand ich in Wikipedia, entwickelte Arno Schmidt seine theoretischen \u00dcberlegungen zu Prosa und Sprache, setzte sich mit James Joyce und Sigmund Freud auseinander und suchte diese \u00dcberlegungen in &#8220;KAFF auch Mare Crisium&#8221; umzusetzen, das formal als Bindeglied zwischen dem Fr\u00fch und dem Sp\u00e4twerk gilt.<br \/>\n&#8220;Drei Personen auf dem Lande in Betrachtung des Mondes. Ein Endspiel zwischen dem Alltag der f\u00fcnfziger Jahre und ihrer Futurologie. Angestelltentr\u00e4ume  im Kalten Krieg. Arno Schmidt als Realist und Phantast in einem&#8221;, steht auf der Buchr\u00fcckseite, also dort wo man sich Informationen holt, wenn man wissen will, was in dem Buch steht und vielleicht noch keine Informationen \u00fcber den Autor hat.<br \/>\n&#8220;Ein sechsundvierzigj\u00e4hriger macht mit seiner Freundin einer Designerin, einen Automobilausflug: mit der Isetta von Nordhorn nach Giffendorf in der L\u00fcneburger Heide. Dort bewirtet sie Tante Heete, die lebensfrohe, aber etwas vereinsamte Witwe. Das ist die ganze Geschichte. Sie erz\u00e4hlt vom Wirtschaftswunder, das an den kleinen Angestellten vorbeigeht, und von den erotischen Obsessionen unseres Alltags. In ihrem Kern birgt sie ein St\u00fcck-Science-fiction, eine Utopie, die auf den Ungeist des Kalten Krieges reagiert: &#8220;KAFF&#8221; ist ein literarisches Prisma der westdeutschen f\u00fcnfziger Jahre&#8221;, ist die weitere Buchbeschreibung.<br \/>\nDas Ganze spielt in zwei Handlungsebenen, die sich im Druck voneinander unterscheiden, aber inhaltlich verschr\u00e4nkt sind, entnehme ich Wikipedia.<br \/>\nDie Erste ist der Besuch bei Tante Heete, das zweite die utopische Geschichte, die 1980 auf dem Mond spielt, weil die Erde nach dem Atomkrieg unbewohnbar geworden ist.<br \/>\nSo weit so klar und auch verst\u00e4ndlich. Dann nimmt man das Buch, schl\u00e4gt es auf und hat diese zwei Ebenen auf dreihundertsechzig Seiten vor sich, die sich abspulen, wie ein gigantischer Monolog und noch dazu in einer Sprache, in der die Rechtschreibung v\u00f6llig aufgehoben ist, bzw. sich Arno Schmidt einer eigenen bedient, Satzzeichen, Ausrufungszeichen etc kommen vor und auch der Satz &#8220;Wer nach &#8220;Handlung&#8221; und &#8220;tieferen Sinn&#8221; schn\u00fcffeln oder gar ein &#8220;Kunstwerk&#8221; darin zu erblicken versuche sollte, wird erschossen.&#8221;<br \/>\nUnd der unbedarften Leserin, die verstehen will, kommt es trotz der Hintergrundinformationen vor, wie der Sprung in  eine gigantische Sprachspirale, die vom Hundersten ins Tausendste hinunterassoziiert.  Die deutsche Geschichte, der Kalte Krieg, Konrad Adenauer und auch das Nibelungenlied kommen vor. Das entnahm ich Wikipedia, aus dem Buch selber habe ich nur kapiert, da\u00df Krimhilde &#8220;Cream-hilled&#8221; geschrieben wird.<br \/>\nWas tut die unbedarfte Leserin, die gewohnt ist, aus dem Text die Handlung zu verstehen und versucht sie durch Strukturen zu erfassen?<br \/>\nMeistens geht das auch, bei Richard Obermayrs &#8220;Gef\u00e4lschen Himmel&#8221; vor ein paar Jahren, war es etwas schwierig, da habe ich ebenfalls dr\u00fcber gelesen, als ich bemerkte, da\u00df ich den Inhalt nicht erfassen kann, denn die Zeit mich eingehender mit Arno Schmid zu besch\u00e4ftigen, als mich in die Website einzuklinken habe ich oder nehme ich mir nicht.<br \/>\nSo habe ich gedacht, das ist ein interessanter Autor, der durch das Konstruieren der verschiedenen Handlungsebenen und dem Kreieren einer eigenen Sprachgewalt, wahrscheinlich ein Kriegstrauma und die Ereignisse in Westdeutschland um 1950 und die Angst vor dem Atomkrieg bew\u00e4ltigen will.<br \/>\nIch habe mir auch gedacht, da\u00df ich mir vorstellen kann, selbst ein solches System zu erfinden, die Science fiction Autoren, erschaffen ja auch eigene Welten, machen das nur vielleicht ein wenig verst\u00e4ndlicher.<br \/>\nDarum scheint sich Arno Schmidt nicht gek\u00fcmmert zu haben. Ich habe das Buch zu Ende gelesen, allerdings zunehmend schneller, nachdem ich begriffen habe, da\u00df ich nicht mehr wei\u00df, worum es geht.<br \/>\nGelesen hab ichs, weil ich das Buch vor einem Jahr im B\u00fccherschrank gefunden habe und mir der Name des Autors nat\u00fcrlich ein Begriff war. Es gab einmal eine Sendung in den Tonspuren \u00fcber ihn, voriges Jahr wurde, glaube ich, &#8220;Zettels Traum&#8221; neu aufgelegt und auf der Buchmesse dar\u00fcber berichtet und bei den Textvorstellungen, wo sich Michael Stavaric mit <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/09\/wilde-landschaften\/\">&#8220;Seelandschaft mit  Pocahontas&#8221;<\/a> besch\u00e4ftigt hat, was als H\u00f6rspiel diese Woche \u00fcbrigens in \u00d61 war, bin ich auch gewesen.<br \/>\nIch bin ja eine Leserin mit einem relativ weiten Literaturbegriff, obwohl mich das Realistische mehr anspricht, interessiert mich auch, wie andere Autoren schreiben. Kann Arno Schmidt mit einem &#8220;Interessant aber unverst\u00e4ndlich!&#8221;, stehen lassen und auch, da\u00df er ein gro\u00dfer Autor ist.<br \/>\nGenerell stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, f\u00fcr wen er geschrieben hat und wer ihn liest?<br \/>\nBucht man heute ein Schreibseminar, h\u00f6rt man als Erstes, man mu\u00df verst\u00e4ndlich und f\u00fcr seine Leser schreiben.<br \/>\nMu\u00df man nat\u00fcrlich nicht. Selbstverst\u00e4ndlich, aber wer wird Arno Schmidt lesen und ihn verstehen? Ich habe das Erste schon, das Zweite nicht getan, werde die KAFF Mare Crisium Seite also schlie\u00dfen und am Nachmittag zu &#8220;Rund um die Burg&#8221; gehen. Wahrscheinlich habe ich dann einige Kommentare von &#8220;JuSophie&#8221;, &#8220;Ich mach mir Gedanken&#8221; oder anderen kritischen Geistern, die mir erkl\u00e4ren, da\u00df man \u00fcber ein Buch, das man nicht verstanden hat, nicht schreiben darf!<br \/>\nDarf man es lesen, wenn man es findet und darf man, wie das Kind bei den neuen Kleidern des Kaisers sagen, &#8220;Das verstehe ich nicht?&#8221;, w\u00e4hrend die anderen, die sich nicht blamieren wollen, den Prunk und die Juwelen loben?<br \/>\nIm Internet habe ich gefunden, da\u00df Schmidts Werk bei Publizistik und Literaturwissenschaft r\u00fchmende Beachtung aber auch Zweifel gefunden hat. So hat Walter Jens seinen Stil einmal f\u00fcr &#8220;Bl\u00f6dsinn&#8221; gehalten. Ich finde das nicht und wei\u00df auch nicht, ob Arno Schmidt das Entwerfen seiner Welten Spa\u00df gemacht hat oder, ob es f\u00fcr ihn Traumabew\u00e4ltigung war? Bei Wikipedia habe ich auch etwas von Humor gefunden. Interessant auch, da\u00df seine B\u00fccher immer noch erh\u00e4ltlich sind. <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/18\/das-werk-der-marianne-fritz\/\">Marianne Fritz<\/a>, die ja eine \u00e4hnlich gigantische Literaturwelt hat, wird, wie ich im Februar in der Alten Schmiede h\u00f6rte, nicht mehr aufgelegt. Wer wird die B\u00fccher lesen? Die Studenten nat\u00fcrlich, die besuchen wahrscheinlich auch Proseminare und schreiben Diplomarbeiten und Dissertationen dar\u00fcber. Was macht der Durchschnittsleser, wenn er ein solches Buch findet? Legt er es weg, schimpft er dar\u00fcber, lobt er es, etc?<br \/>\nIch bin keine Durchschnittlsleserin, lese auch literarische Einzelg\u00e4nger und finde es spannend, wenn die ihre literarischen Welten und ihre Sprachkritiken erschaffen.<br \/>\nUnd da sich meine Leser immer daran sto\u00dfen, da\u00df ich mich beispielsweise nicht an die S-Schreibung und die Beistrichregeln halte, w\u00fcrde mich interessiere, was sie zu Arno Schmidts Orthografie sagen?<br \/>\nDann hat mich interessiert, was die Durchschnittleser zu Arno Schmidt meinen, wenn sie sich das trauen und  ein wenig nachgegooglet. Da gibt es nicht sehr viel, die Rezension von <a href=\"http:\/\/www.x-zine.de\/xzine_rezi.channel_.id_4568.htm\">Jens Fleischhauer<\/a> ist aber sehr interessant. Interessieren w\u00fcrde mich nat\u00fcrlich, wie der literarische Au\u00dfenseiter zu seinem Ruhm und seiner Stiftung kam? Unverlangt eingeschickt wird er seine Werke wahrscheinlich nicht haben, denn dann h\u00e4tte er h\u00f6chstwahrscheinlich keine Antwort oder Hinweise, da\u00df die Ortographie nicht stimmt und die Handlung unverst\u00e4ndlich ist, bekommen.<br \/>\nInteressant dazu ist, in einem ganz anderen Zusammenhang <a href=\"http:\/\/www.andreaseschbach.com\/schreiben\/phantastisch\/folge2\/folge2.html\">Andreas Eschbach Artikel<\/a> &#8220;Ich habe mein Roman fertig, wohin soll ich ihn schicken&#8221;, die Stelle, wo er von den vielen schlechten unverlangt eingesandten Texten, die sich bei einem Verlag sammeln, schreibt. In die w\u00fcrde ich auch gern einmal Einsicht nehmen und da sind wir bei der Frage, wie man die Spreu vom Weizen trennt?<br \/>\nWelche Kriterien es daf\u00fcr gibt und ob man das wirklich kann? Ich habe da meine Zweifel, obwohl ich Arno Schmidt f\u00fcr einen gro\u00dfen Autor halte. Anni B\u00fcrkl hat einmal von der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/07\/22\/sommerlocher\/\">Kompetenz des Kritisierens<\/a> gesprochen. Das Buch ist aber ver\u00f6ffentlicht, also der Rezeption freigegeben und ich h\u00f6re die Autoren immer sagen, da\u00df ihnen dann das Buch nicht mehr geh\u00f6rt und jeder seine Meinung \u00e4u\u00dfern darf.<br \/>\nIch lese, wie meine Leser wissen sehr viel, von Arno Schmidt bis zu Hera Lind, meistens ist Verst\u00e4ndliches darunter. Arno Schmidt war mein bisher schwierigster Fall, wenn ich so sagen darf. Den Ulysses habe ich nicht gelesen. Ich wollte es, als ich aber dazu kam, hat mir die Anna das Buch weggetragen.<br \/>\n\u00dcber Richard Obermayr, der sicher viel verst\u00e4ndlicher ist, habe ich schon geschrieben. Bei Theodor Sappers &#8220;Kettenreaktion Kontra&#8221;, der ein Onkel von Hilde Langthaler ist, ist es, glaube ich, \u00e4hnlich.<br \/>\nAuch ein literarischer Einzelg\u00e4nger, der den Krieg auf theoretische Art und Weise bew\u00e4ltigt hat, nicht so bekannt, wie Arno Schmidt, sondern in Wien Volkshochschullehrer auf der Urania, seine Nichte, hat die Herausgabe des Romans, 2006 durchgesetzt. Da ich damals in der Szene Margareten Thalia Buchgutscheine gewonnen habe, habe ich das Buch gelesen. Wieder viel zu schnell und es nicht verstanden, obwohl es viele Anmerkungen darin gibt. Damals gab es noch den Lesezirkel in der Hauptb\u00fccherei, wo man aufgefordert wurde, ein Buch vorzustellen. Ich h\u00e4tte es mir sogar vorstellen k\u00f6nnen, mich mit dem Buch mehr auseinanderzusetzen. Jessica Beer hat abgewunken, weil viel zu schwer f\u00fcr das Publikum!<br \/>\nDa sind wir immer noch bei der Frage, was soll, kann, darf man in Zeiten der Pisakrise und des wachsenden funktionalen Analphabetismus lesen?<br \/>\nAlles nat\u00fcrlich, ganz klar, nur, wie geht es einem Gastarbeiterkind oder einem Immigranten, wenn er Arno Schmidt im B\u00fccherkasten findet? Vor zwei Jahren gab es bei <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/29\/geheimbericht\/\">literaturcafe.de<\/a>, eine Aktion, wo drei Autoren einen &#8220;Schlechten Text&#8221; zusammenbastelten, f\u00fcr den Rest des Romans haben sie Kaptiel aus anderen Romanen genommen, (war Arno Schmidt dabei?) und das an die Zuschu\u00dfverlage geschickt.<br \/>\nWas passiert, wenn ich ein Kapitel von Arno Schmidt unverlangt an die Verlage schicke? Bleibt es im Keller liegen, schreibt mir die Praktikantin &#8220;Aber das ist doch &#8220;KAFF auch Mare Crisium&#8221;, ich habe meine Diplomarbeit dar\u00fcber geschrieben!&#8221; oder wollen die Zuschu\u00dfverlage zehntausend Euro daf\u00fcr haben?<br \/>\nOb Arno Schmidt-Spezialisten unter meinen Lesern sind, wei\u00df ich nicht. Wenn jemand das Buch gelesen hat und mir schreibt, wie es ihm dabei gegangen bin, finde ich das sch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal herrscht Ratlosigkeit, denn kann ich ein Buch, das ich, als realistische Autorin und Nicht-Germanistin, nicht verstanden habe, besprechen? 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