{"id":88821,"date":"2020-09-22T00:57:57","date_gmt":"2020-09-21T22:57:57","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=88821"},"modified":"2020-09-22T00:57:57","modified_gmt":"2020-09-21T22:57:57","slug":"dresden-die-zweite-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=88821","title":{"rendered":"Dresden. Die zweite Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Jens Wonnebergers Buch \u00fcber den Niedergang der ostdeutschen D\u00f6rfer bleibe ich in der Ex-DDR und komme nach Dresen, beziehungsweise zum 1956 in Henigdorf geborenen Kurt Drawert, der in Darmstadt lebt, dort ein Zentrum f\u00fcr junge Literatur leitet, beim &#8220;Bachmann-Preis&#8221; gelesen hat und 2018 Stadtschreiber in Dresden war.<\/p>\n\n\n\n<p> Da wieder in die Stadt gekommen ist, in der er aufwuchs, seine Mutter lebt und er famil\u00e4re Wurzeln hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Roman steht nat\u00fcrlich auf der ersten Seite und es ist nat\u00fcrlich keiner, wie auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/09\/09\/aus-der-zuckerfabrik\/\">Dorothee Elmigers Recherchen &#8220;Aus der Zuckerfabrik&#8221;<\/a> keiner ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist es aber dann das Stadtschreiberbuch? Ein Memoir? Eine vorsichtige Ann\u00e4herung an die Stadt in der jetzt Pegida herrscht? Eine Abrechnung mit seiner Familie? Mit dem dritten Reich, der Welt seiner Gro\u00dfv\u00e4ter, der DDR, des Vaters, ein Polizist, der sp\u00e4ter dement wurde, mit der ordnungliebenden putzs\u00fcchtigen Mutter zu der er ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis hat? <\/p>\n\n\n\n<p> Es ist alles davon und das schwierige daran ist der abgehackte Stil. Da\u00df dieser &#8220;Roman&#8221; in Kapitel aufgegliedert ist, die &#8220;Heimat.Ankunft (2)&#8221;, &#8220;Vaters Buch (2)&#8221; oder &#8220;Kolumne SZ&#8221;. hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig, Zeitungsartikel, Fotos gibt es auch und ganz am Anfang, den \u00c4rger als er in die Stadtschreiberwohnung kommt, dort seine B\u00fccher, die er f\u00fcr seine Arbeit braucht und die die er bei Besuchen verschenken will, ausr\u00e4umt, merkt, da\u00df die fremde Wohnung Ger\u00e4usche hat, die ihn bei der Arbeit hindert und als er sich dar\u00fcber beschweren will, ist die freundliche Dame erstaunt, denn das hat sie noch nie geh\u00f6rt und es melden sich auch alle, die eine Interview von ihm wollen, ihn zu einer Lesung einladen oder etwas anderes von ihm m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er geht durch die Stadt kommt in eine Ausstellung \u00fcber  die &#8220;Ostdeutsche Malerei und Skulptur von 1949 -1990&#8221; , wo ihn ein Bild an eines erinnert, das in seinem Schulbuch war.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kommt in die Stra\u00dfe, wo er als junger Pionier stand, um den Soldaten zuzujubeln, die in die Tschechei rasselten, um den Prager Fr\u00fchling aufzuhalten und er wird daran erinnert, wie er als kleiner Junge mit seiner Gro\u00dfmutter in die B\u00e4ckerei ging und dort ein M\u00e4dchen ein St\u00fcck Pflaumenkuchen essen sah. Das wollte er auch. Aber man darf nicht darum betteln und keine W\u00fcnsche und Gef\u00fchle haben, deshalb bekommt er ihn nicht, obwohl ihm die Gro\u00dfmutter sonst ein St\u00fcck gekauft hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Br\u00fcder Andre und Ludwig, den Steinespezialisten und offenbar autistisch, der starb, weil er beweisen wollte, da\u00df man mit offener T\u00fcre im Lift fahren kann, die schon erw\u00e4hnte ordnungsliebende Mutter und den Vater, der eingegliedert in die DDR, mit seinem aufm\u00fcpfigen Sohn Schwierigkeiten hatte, deshalb ein West T-Shirt zeri\u00df, das eigentlich einem Freund geh\u00f6rte, der Sohn heiratete mit Achtzehn und ver\u00e4ndert seinen Namen. Er nennt seinen Sohn auch nicht Karl, wie der Vater, der Gro\u00dfvater etcetera hie\u00dfen, sondern Leo und schreibt in seinem Buch &#8220;Spiegelland&#8221; \u00fcber den Vater. Der revanchiert sich mit autobiografischen Schriften, wird dement und stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter ist aber da, die er an den Sonntagen besucht, verspricht den Kuchen mitzubringen, dann darauf vergi\u00dft und als er auf die eisige Stra\u00dfe geht, um ihn doch zu holen, rutscht er aus, zerkugelt sich die Schulter und wei\u00df nun nicht, ob er operieren soll oder nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Er l\u00e4\u00dft sich dann doch. Die Operation mi\u00dflingt und so mu\u00df er fortan den K\u00f6rper verrenken, wenn er eine Tasse zum Mund f\u00fchren will und in die Fabrik mu\u00df er nach der Schule, weil er nicht unterschreiben will, da\u00df er in die &#8220;Freie deutsche Jugend&#8221; eintritt. Dort gibt eine paramilit\u00e4rische Ausbildung und dort kommt der &#8220;Dicke Heinrich zu Tode, weil er zu dick ist, um in den Fuchsbau zu springen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Satz, der Drawert veranla\u00dft Schriftsteller zu werden, sp\u00e4ter klopft dann die Stasi an seiner Wohnungst\u00fcre an, um ihm eine zweite Chance zu geben. Er sagt zu dem Mann &#8220;Auf Wiedersehen!&#8221; und verl\u00e4\u00dft 1985 offenbar Dresen, um 2018 als Stadtschreiber zur\u00fcckzukommen,  seinen &#8220;Roman&#8221; zu schreiben und \u00fcber die Stadt und sein Leben zu befinden<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Dresden ist mir eine Metapher daf\u00fcr, da\u00df es keine Gegenwart gibt, die nicht von den Insignien der Erbschaft durchdrungen w\u00e4re. Und jede Erbschaft ist zugleich ein R\u00e4tsel, das seine Spuren in die Zukunft legt.&#8221;, steht am Buchr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein interessantes Buch, das ich zuerst f\u00fcr ein literarisches Sachbuch gehalten habe.  Von der Stadt in der ich mit dem Alfred und der kleinen Anna zwei Tage gewesen bin und dann, weil ich f\u00fcr eine DDR-Zeitschrift einen Reisetext geschrieben habe, ein Dresden-Buch als Dank erhalten habe, habe ich  zwar nicht  viel erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dahin kann ich ja, wenn<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/29\/leben-im-dystopischen-raum\/\"> Corona<\/a> und die Reisewarnungen vor\u00fcber sind, wieder fahren und mir ansehen, was sich seit 1985 alles ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Jens Wonnebergers Buch \u00fcber den Niedergang der ostdeutschen D\u00f6rfer bleibe ich in der Ex-DDR und komme nach Dresen, beziehungsweise zum 1956 in Henigdorf geborenen Kurt Drawert, der in Darmstadt lebt, dort ein Zentrum f\u00fcr junge Literatur leitet, beim &#8220;Bachmann-Preis&#8221; &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=88821\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1012,1605,3368],"class_list":["post-88821","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-c-h-beck","tag-dresden","tag-kurt-drawert"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88821","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88821"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88821\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88821"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88821"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88821"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}