{"id":89657,"date":"2020-10-02T00:42:42","date_gmt":"2020-10-01T22:42:42","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=89657"},"modified":"2020-10-02T00:42:42","modified_gmt":"2020-10-01T22:42:42","slug":"noahs-fest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=89657","title":{"rendered":"Noahs Fest"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8220;<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/09\/25\/abgesagt-abgesagt\/\">Einen  Text k\u00f6nnte ich dar\u00fcber schreiben!&#8221;<\/a>, dachte Mathilde und seufzte vor sich hin. Sie seufzte tief, nahm einen Schluck Kaffee und blickte auf das vor ihr liegende Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arche Noah und den Einzug der Tiere in das Schiff, da\u00df sie und die Menschheit vor der Sinflut in die sicheren Gefilde des anderen Ufer retten sollte, stellte es dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6nes Bild und leicht dar\u00fcber eine Geschichte zu schreiben, sehr leicht sogar.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Noahs Fest&#8221;, k\u00f6nnte die Geschichte hei\u00dfen und die Freude, die nach der Rettung herrschte, den Tanz und die Musik,  war leicht vorstellbar. Gar nicht schwierig sich, die zu den Schalmeien- und die  Fl\u00f6tenkl\u00e4nge und die sich dazu tanzenden Geretteten vorzustellen.  Statt der Tier k\u00f6nnte man auch Menschen imaginieren. Sich zum Walzer drehende Paare auf dem Wiener Opernball beispielsweise. Die Mitternachtsquadrille oder der Einzug der Debutanten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jungen M\u00e4dchen mit den sch\u00f6nen wei\u00dfen Kleidern und den glitzernden Kr\u00f6nchen in den hochgesteckten Haare an der Seite ihrer Frack tragenden aufgeregten Partner mit den wohlpolierten Schuhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht schwierig sich das vorzustellen oder doch nat\u00fcrlich, ganz klar. Und da gab es auch einen Schnitt zu dem Arche Noah Bild und den geretteten Tieren, die das sch\u00f6ne freuderf\u00fcllte Weiterleben garantieren sollte, denn der Opernball war vor ein paar Tagen abgesagt worden. Es w\u00fcrde in Folge der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/15\/hassposting-an-corona-oder-veranstaltungsstop-ii\/\">Covid 19 Pandemie<\/a>, der sogenannten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/29\/leben-im-dystopischen-raum\/\">Corona-Krise<\/a> im n\u00e4chsten Fasching keinen Opernball geben und die Rettung war noch nicht erfolgt. Noch lange kein Freudensfest angesagt und daher kein Grund einen solchen Text zu schreiben. Denn ganz im Gegenteil verzeichnete die Wiener Polizei derzeit t\u00e4glich oder besser n\u00e4chtens \u00fcber hundert Eins\u00e4tze, um in den Lokalen und Diskotheken, die unerlaubten Parties zu kontrollieren und Strafen auszustellen, wenn die geforderten Corona-Ma\u00dfnahmen nicht eingehalten wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rettung war noch nicht erfolgt und Freudesfeste deshalb nicht angesagt. Ganz im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Alles was sch\u00f6n ist, ist gef\u00e4hrlich und geh\u00f6rt verboten!&#8221;, hatte doch der junge und ebenfalls recht attaktive <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/05\/15\/sebastian-ferien-im-kanzleramt\/\">Bundeskanzler<\/a> vor ein paar Tagen gesagt, als er die<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/07\/20\/wiedereinfuhrung-der-maskenpflicht\/\"> neuen versch\u00e4rften Coronaregeln,<\/a> angesichts der angestiegenen Infektionszahlen verk\u00fcndet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Es ist ganz einfach und kinderleicht zu merken!&#8221;, hatte er gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p> &#8220;In den Innenr\u00e4umen ist die Maske der sogenannte Mund-Nasenschutz zu tragen und private Feiern d\u00fcrfen zehn Personen nicht \u00fcbersteigen! Ganz gleich, ob es sich dabei um Geburtstagsfeste, Hochzeiten oder Weihnachtensfeiern handelt und in M\u00fcnchen gibt es das Alkoholverbot auf den belebten Pl\u00e4tzen. Kein Oktoberfest und kein Bierausschank auf der Theresienwiese, denn kommt man sich zu nahe steigt die Infektionsgefahr und wir werden demn\u00e4chst t\u00e4glich positiv Getestete haben! K\u00f6nnen die Zahlen dann nicht mehr kontrollieren und die Infektionsausbreitung nicht mehr r\u00fcckverfolgen! Deshalb werden und m\u00fc\u00dfen wir sch\u00e4rfere Ma\u00dfnahmen setzen und die Lokale ab zweiundzwanzig Uhr schlie\u00dfen, damit die Reisewarnungen vielleicht aufgehoben werden und wir im Winter schifahren k\u00f6nnen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Uje, uje!&#8221;, dachte Mathilde und griff nach der vor ihr stehenden Tasse,  um einen tiefen Schluck nehmen und dann auf das vor ihr liegende Bild zu schauen, da\u00df sie zu ihren  h\u00f6chstpers\u00f6nlichen Freudensfest inspirieren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Uje, uje, denn noch war die Arche nicht abgefahren, der Sinftlut nicht entkommen, das Licht am Ende des Tunnes, das der Kanzler seinen Sch\u00e4fchen vor einigen Wochen ebenfalls versprochen hatte, nicht erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels!&#8221;, hatte der Kanzler gesagt und im M\u00e4rz hatte er von der Auferstehung zu <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/04\/05\/ostern-in-coronazeiten\/\">Ostern<\/a> gesprochen, die es da zu feiern g\u00e4be. Dann war aber der Besuch der Gro\u00dfeltern von ihren Enkelkindern und das Eiersuchen verboten gewesen. Der Lockdown angesagt, der die verdammten Covidzahlen auch sehr schnell zum Sinken brachte. Aber dann waren die positiven Testergebnisse wieder angestiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Testen, testen, testen!&#8221;, hatte der Kanzler gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p> &#8220;Wir m\u00fcssen t\u00e4glich die Zahl f\u00fcnfzehntausend erreichen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war das erfolgt und die Zahl der positiv Getesteten auf sechs- sieben- oder sogar achthundert t\u00e4glich angestiegen, wenn das auch vorwiegen junge Leute waren, die sich vorher auf den ber\u00fchmten illegalen Parties am Donaukanal und auch am Schwedenplatz getroffen hatten, um schon ihre Auferstehung, ihr Licht am Ende des Dunkels, ihr pers\u00f6nliches Freudensfest zu feiern, obwohl die Rettung noch nicht erfolgt war. <\/p>\n\n\n\n<p>Oder doch vielleicht, da ja nur ein kleiner Teil der positiv Getesteten tats\u00e4chlich krank wurde und das Virus vielleicht gar nicht so gef\u00e4hrlich war, wie man am Anfang glaubte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht lag die  Auferstehung in dieser Erkenntnis und gar nicht so sehr in der Erwartung auf eine erfolgte Impfung, die die Rettung bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht brauchte man sich nur auf die tats\u00e4chlich Erkrankten konzentrieren und ihnen die beste Behandlung garantieren und konnte das zwanghafte Testen an den Grenzen bei den Urlaubsr\u00fcckkehrern und in den Schulklassen bei den hustenden Kindern unterlassen. Vielleicht war damit das Ende des Tunnels erreicht und die Rettung erfolgt, dachte Mathilde hoffnungsvoll und wollte schon diesen Satz in ihr Notizbuch schreiben, als sie zusammenzuckte und den Stift erschrocken fallen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, stop und halt und gro\u00dfes Ungewitter! Das ging doch nicht! Denn das waren vielleicht nur Fake News, die ihr da eingefallen waren. Obwohl es die Stimmen einiger gar nicht so unbekannter Virologen waren, die das schon vor ihr sagten. Aber das waren die Verschw\u00f6rungstheoretiker, die Aluhuttr\u00e4ger und  Coronaleugner, die solches dachten, denn &#8220;Testen, testen, testen!&#8221;, hatte der junge Kanzler gesagt und wollte offenbar nicht darauf h\u00f6ren, da es ja auch hie\u00df, da\u00df der, der sucht, auch finden w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Nadel im Heuhaufen und das Virus im Nasenschleim.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Wir testen uns die Pandemie vielleicht herbei!&#8221;, hatte ein solch kritischer Experte ja gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Sollten uns stattdessen auf die wirklich Kranken beschr\u00e4nken und k\u00f6nnten dann vielleicht auch mit dem Virus leben, statt ihm, in der Hoffnung es auszurotten, davonlaufen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>So hatte der Satz wohl nicht gelautet und die Arche des Noahs hatte das rettende Ufer erreicht. Noah war mit seiner Bamubusfl\u00f6te den Tieren forangeschritten, hatte auf der Wiese halt gemacht und die hatten  in ihrer Freude, das rettende Licht erreicht zu haben, angefangen Walzer und Polka zu tanzen. Vielleicht wurde dazu auch ein G\u00e4schen Wein oder Bier getrunken, w\u00e4hrend sie sich, wenn sie ins Gasthaus gehen wollte, um ihren Liebsten zum Nachmahl zu treffen, sich in eine Liste eintragen und ihren Namen und ihre Adresse angeben mu\u00dfte und eine Maske mu\u00dfte sie sich auch aufsetzen, um sich und die anderen vor Ansteckung zu sch\u00fctzen, w\u00e4hrend man fr\u00fcher bei den j\u00e4hrlichen Schnupfenviren auf die Abwehrkr\u00e4fte, den t\u00e4glichen Apfel und den Tee mit Zitrone vertraut hatte und wieder gesund geworden war. Aber das war jetzt vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Lang lang ists her!&#8221;, dachte Mathilde traurig und blickte auf die Zahlen, der aktiv Erkrankten, um es als tr\u00f6stlich zu empfinden, da\u00df die Krankenh\u00e4user doch nicht so \u00fcberf\u00fcllt  waren, so da\u00df man vielleicht  an die Rettung glauben und ein kleines Fest feiern konnte, wenn es auch nur das Gl\u00e4schen Wein zu Hause  war, denn die Freude hatte sie einen Experten sagen geh\u00f6rt, z\u00e4hlten auch zur den Faktoren, die die Abwehrkr\u00e4fte st\u00e4rken konnten und daher besser waren, als Angst zu haben und sich zu \u00e4rgern, da\u00df die B\u00e4lle und die Weihnachtsm\u00e4rkten abgesagt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p> Und das, dachte Mathilde, konnte sie in ihren Text schreiben und griff wieder zum Stift.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Einen Text k\u00f6nnte ich dar\u00fcber schreiben!&#8221;, dachte Mathilde und seufzte vor sich hin. 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