{"id":9098,"date":"2011-09-30T09:40:29","date_gmt":"2011-09-30T07:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9098"},"modified":"2011-09-30T09:40:29","modified_gmt":"2011-09-30T07:40:29","slug":"wie-der-soldat-das-grammofon-repariert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9098","title":{"rendered":"Wie der Soldat das Grammofon repariert"},"content":{"rendered":"<p>Sasa Stanisics &#8220;Wie der Soldat das Grammofon repariert&#8221;, ist ein Buch aus dem Abverkauf von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin, hat mehrere Literaturpreise bekommen, wurde im Schauspielhaus Graz auf die B\u00fchne gebracht und war 2006 bei den Finalisten f\u00fcr den dBp.<br \/>\nSasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und kam als Vierzehnj\u00e4hriger nach Heidelberg. 2004 begann er am Leipziger Literaturinstitut zu studieren, 2005 hat er mit einer Geschichte aus dem Buch &#8220;Was wir im Keller spielen&#8221;, beim Bachmannlesen gewonnen. Ich habe den Shootingstar lange mit Michael Stavaric verwechselt und 2006 oder 2007  in Leipzig aus dem Buch lesen h\u00f6ren, im J\u00e4nner sagte Josef Haslinger beim <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/22\/die-praxis-des-schreibens\/\">Symposium der Sprachkunst<\/a>, da\u00df er verstehen kann, da\u00df Sasa Stanisic, sein Studium nachdem er ber\u00fchmt geworden ist, nicht wieder aufnahm, als ich jetzt bei Wikipedia nachschaute, sah ich, da\u00df die Werkliste von 2001 bis 2007 geht, obwohl die Seite im Juli 2011 das letzte Mal ge\u00e4ndert wurde. Interessant also, was der Autor jetzt so macht, ob und was er schreibt, ich habe seit dem &#8220;Grammofon&#8221; jedenfalls nichts mehr von ihm geh\u00f6rt?<br \/>\nIn dem Buch beschreibt er die Erlebnisse des kleinen oder auch gr\u00f6\u00dfer gewordenen Aleksandar, der in dem kleinen St\u00e4dtchen Visegrad an der Drina, wo der ber\u00fchmte Roman des Nobelpreistr\u00e4gers Ivo Andric spielt, dessen Denkmal w\u00e4hrend des Krieges in die Drina geworfen wurde und jetzt, wie ich h\u00f6rte, wieder steht. Das Buch beginnt aber ganz am Anfang, wo der Gro\u00dfvater Slavco des Ich-Erz\u00e4hlers stirbt, der sich als F\u00e4higkeitenzauerer bezeichnet, gerne an der Drina fischt und Fu\u00dfball spielt. Er hat noch einen anderen Gro\u00dfvater namens Ravik, der war ein Eisenbahnner und begann zu trinken, nachdem die Bahnlinie eingestellt wurde und Aleksandar ist ein begnadeter Geschichtenerz\u00e4hler. So wird der Bosnienkrieg aus der Sicht eines Kindes aus Kinderaugen und mit Kindermund, in unz\u00e4hligen kleinen oder auch gro\u00dfen Geschichten erz\u00e4hlt und das Buch ist in Kapitel gegliedert, die an E.T.A Hoffmann bzw. an die Romantiker erinnern, wie &#8220;Wie lange ein Herzstillstand f\u00fcr hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat.&#8221;<br \/>\nAber Sasa Stanisic oder Aleksandar sind keine Romantiker, sondern in Visegrad zur Schule gegangen, als dort noch das Titobild im Klassenzimmer hing, obwohl der schon lang gestorben war und Opa Slavko war auch ein treuer Kommunist und Partisane.<br \/>\nDas dr\u00fcckt sich auch in dem Schelmen und Geschichtenerz\u00e4hler Aleksandar aus, der mit den strengen Mathematiklehrern zu raufen hat, die sich &#8220;Genossen&#8221; oder &#8220;nicht mehr Genossen&#8221; nennen lassen, kommt zu sp\u00e4t mit der Pionieruniform zur Schule und erz\u00e4hlt im ironisch abgehobenen Ton von den vielen Toden des Genossen Tito.<br \/>\nDann gibt es aber auch f\u00fcr den Vierzehnj\u00e4hrigen, die M\u00e4dchen, die zu erobern sind und die Geschichten, die die Freunde erleben, wenn sie mit ihren V\u00e4tern nach Hause kommen und die M\u00fctter im Bett mit dem Trafikanten vorfinden.<br \/>\nDann kommt der Krieg, f\u00fcr Kinder nicht leicht verst\u00e4ndlich oder auch besser mit Ironie im leichten lockeren Plauderton zu erz\u00e4hlen, wo die Familien ganz schnell ihre Yugos packen, w\u00e4hrend Pferde in die Drina geschmissen werden und sich die kleine Asija mit dem falschen Namen auf dem Dachboden versteckt.<br \/>\nNach ihr wird Aleksandar, als er mit seinen Eltern und der Oma schon nach Essen gefl\u00fcchtet ist, suchen und sie nicht finden, weil er ihren Namen nicht mehr wei\u00df und weil Traumatisierungen sich auch in Wiederholungen \u00e4u\u00dfern, ist der Roman des jungen Mannens auch in diesem Muster gestrickt.<br \/>\nEs beginnt mit der Kindheit und der Schule, dem scheinbar gl\u00fccklichen Leben und dem Festessen bei den Urgro\u00dfeltern w\u00e4hrend des Begr\u00e4bnisses des Gro\u00dfvaters, dann ist Aleksandar schon in Essen,die Eltern sind  in Amerika, die Gro\u00dfmutter ist zu dem toten Gro\u00dfvater nach Visegrad zur\u00fcckgegangen, Aleksandar sucht nach Asija und schreibt in der Mitte des Romanes auch einen Roman, in dem sich die schon angeschnittenen Themen wiederholen und gegen Ende des Buches kommt er, zehn Jahre sp\u00e4ter nach Sarajevo, dorthin soll Asija gegangen sein, nach Visegrad und nach Veletovo, das ist das Dorf, wo die Urgro\u00dfeltern leben, zur\u00fcck um nachzusehen, was von seiner Heimat und seinen Erinnerungen \u00fcbergeblieben ist?<br \/>\nDas Buch lebt von seinen Geschichten, der, wie Aleksandar mit seinem Freund die Fische mit Spuke f\u00fcttert, aber auch der von dem Fu\u00dfballspiel in einer Kampfpause zwischen den verfeindeten Serben und Bosniern und der Musikprofessor ein Freund des Gro\u00dfvaters, hat sich, als ihn Aleksandar wieder besucht in seine Erinnerung zur\u00fcckgefl\u00fcchtet, ist freundlich, erz\u00e4hlt vom Vergangenenen und fragt alle f\u00fcnf Minuten, wer Aleksandar ist, worauf ihm der die Hand gibt und sich erneut vorstellt.<br \/>\nSo kann man Alzheimer aber auch ein Trauma beschreiben, Sasa Stanisic tut das gekonnt und vielleicht auch ein bi\u00dfchen intuitiv, so da\u00df ihm die Gro\u00dfkritiker Kitsch vorwarfen und meinten, da\u00df das Buch, trotz der vielen Preise, die es bekommen hat, nicht wirklich gut gelungen ist.<br \/>\nMir hat es die Geschehnisse der fr\u00fchen Neunzigerjahren, wo ich mich in einer pers\u00f6nlichen Krise befand, meine Mutter gestorben war und ich t\u00e4glich von Harland nach Wien pendelte, um meine Praxis zu machen, meinen Vater zu betreuen und Anna in die freie Schule Hofm\u00fchlgasse zu bringen und die bosnischen Fl\u00fcchtlinge vielleicht im Zug traf und damals nicht verstand, da\u00df die beleidigt waren, wenn man seine F\u00fc\u00dfe auf den leeren Sitz gegen\u00fcber legte, sehr deutlich visualisiert, so da\u00df ich mir vorstellen kann, wie es den Kindern, die ihre Heimat verlassen mu\u00dften und in Fl\u00fcchtlingslagern Deutsch lernten, gehen mu\u00dfte. Ein sehr beeindruckender Roman des sehr jungen Mannes und interessant, da\u00df er literarisch inzwischen verschwunden ist und zumindest ich und Wikipedia nicht wissen, ob und was er jetzt schreibt.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sasa Stanisics &#8220;Wie der Soldat das Grammofon repariert&#8221;, ist ein Buch aus dem Abverkauf von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin, hat mehrere Literaturpreise bekommen, wurde im Schauspielhaus Graz auf die B\u00fchne gebracht und war 2006 bei den Finalisten f\u00fcr den dBp. 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