{"id":9114,"date":"2011-10-02T20:19:10","date_gmt":"2011-10-02T18:19:10","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9114"},"modified":"2011-10-02T20:19:10","modified_gmt":"2011-10-02T18:19:10","slug":"figuren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9114","title":{"rendered":"Figuren"},"content":{"rendered":"<p>Der 2011 in der Edition ch Textband &#8220;Figuren&#8221;, 32 Prosaskizzen von Manela Kurt beginnt mit einem Schachbrett als Inhaltsverzeichnis.<br \/>\nAuf zwei Feldern werden abwechselnd in schwarz-wei\u00dfen Quadraten, die Text\u00fcberschriften mit der Seitenanzahl vermerkt.<br \/>\nEinige Texte scheinen dem Schachspiel entlehnt. So gibt es  &#8220;Der L\u00e4ufer&#8221;, &#8220;Springen&#8221;, &#8220;Der K\u00f6nig&#8221;, &#8220;Ein wei\u00dfes Feld&#8221;, andere Texte scheinen wieder nichts mit den Schachfiguren zu tun zu haben, sondern dem realen Leben zu enspringen, seine Gef\u00fchle, Wirrnisse, Freuden und \u00c4ngsten in kurzen S\u00e4tzen mehr oder weniger poetisch zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nFotografien spielen in dem Band auch eine gro\u00dfe Rolle, nicht nur, da\u00df Fotografien von Michael Kurt aus seinen Paris-Zyklen den Texten beigef\u00fcgt sind. Die Texte sind auch sprachliche Fotografien und die Geschichten werden nicht nur in experimentellen Sprachstilen sondern oft sehr fotografisch erz\u00e4hlt.<br \/>\nDie 1982 in Karl-Marx Stadt, in der ehemaligen DDR, geborene Manuela Kurt, die in Wien vergleichende Literaturwissenschaft studiert, erz\u00e4hlt die Welt in kurzen Momentaufnahmen, geht dabei immer wieder von einer Ich-Erz\u00e4hlerin aus, wobei sie manchmal das, wovon der Text handeln soll, wie in dem Beispiel &#8220;K\u00fcssen&#8221;, gar nicht erz\u00e4hlt.<br \/>\n&#8220;Schau nicht nach unten, denn dort lauert ein L\u00f6we. Zwei Steinfiguren. Ich werde zu dir gezogen. Wei\u00dfe Stadt im Nebel. Ich kehre zur\u00fcck. Im Morgengrauen durch die Gitterst\u00e4be.&#8221;<br \/>\nWer von wem gek\u00fc\u00dft wird, wird zum Leser ausgelagert, der sich seine eigene Geschichte zu dem scharf skizzierten Szenario ausdenken und seine Phantaise entscheiden lassen kann, wie das mit dem &#8220;Windhauch&#8221; und dem &#8220;Stillstand&#8221; zu verstehen ist.<br \/>\nGef\u00fchle kommen in den Texten vor, \u00c4ngste, Freude, Verst\u00e4ndnislosigkeit und Unverstandenwerden, wie das im Leben so ist, aber auch der sehr reale Alltag, wie das U-Bahnfahren wird immer wieder skizziert. So hat sich der &#8220;L\u00e4ufer&#8221; im ersten Text &#8220;auf den Weg gemacht, klettert von den h\u00f6chsten T\u00fcrmen der Stadt hinunter, tr\u00e4gt einen Stab, den er kaum halten kann, zeigt uns durch die U-Bahn Scheibe sein Gesicht und fletscht die Z\u00e4hne&#8221; und wir haben das Schachbrett l\u00e4ngst verlassen und k\u00f6nnen uns unseren Reim zu machen versuchen, wie das mit den L\u00e4ufern in der U-Bahn ist.<br \/>\n&#8220;Du fehlst mir&#8221;, hei\u00dft es in dem sehr poetischen Text. &#8220;Winter&#8221;<br \/>\n&#8220;Die Stadt wird immer k\u00e4lter. Ich lehne mich gegen die Wand und du k\u00fcsst mich.&#8221;<br \/>\nW\u00e4hrend man in &#8220;Die Liebenden&#8221; in die Abgr\u00fcnde der menschlichen Beziehungen hineinschauen kann.<br \/>\n&#8220;Wie S\u00fcchtige greifen ihre H\u00e4nde nacheinander. Er ist der Bach, der rei\u00dft. Sie f\u00fchlt sich wie vor einem Gewehrlauf. Sie kocht \u00fcber vor Liebe. Die Weite zwischen ihnen wird eng. Sie k\u00e4mpfen.&#8221;<br \/>\nMan kann sich \u00fcber das alles viel l\u00e4ngere Geschichtenausdenken, sogar Romane mit tausend Seiten schreiben, die ich  gerne lese. Die Verdichtung und Vernknappung hat aber ihren Reiz, zwingt zum genau Hinschauen, um den Widerspr\u00fcchlichkeiten, die es in den Texten hin und wieder gibt, nicht auf dem Leim zu gehen und dann wird nicht nur mit den Bildern und den Fotografien, sondern auch mit Sprache gespielt.<br \/>\nIm &#8220;Am Boden&#8221; &#8220;schleicht sich von hinten das flinke B an mich heran. Das U (sein heimlicher Komplize) l\u00e4\u00dft nicht locker, bis das C mich so richtig an die Nagel nimmt und das H einmal kr\u00e4ftig gegen mein Schienbein tritt&#8221;.<br \/>\nEine sch\u00f6ne Visualisierung, die die Vorstellungskraft der realistischen Schreiberin schult und der Psychotherapeutin gef\u00e4llt nat\u00fcrlich die Selbsterkennung in &#8220;Bin ich es?&#8221;, w\u00e4hrend der Text &#8220;Fliegen&#8221; wieder R\u00e4tsel aufzugeben wei\u00df. Wer fliegt w\u00e4hrend des &#8220;Spaziergangs  durch die Herbsbl\u00e4tter&#8221; wohin? Die Fl\u00fcgel hat die Ich-Erz\u00e4hlerin zwar bekommen, dann verwandelt sie sich aber im Einkaufszentrum in einen Teddyb\u00e4r und &#8220;f\u00fchlt M\u00fcdigkeit in allen Gliedern&#8221;.<br \/>\nMan mu\u00df schon sehr aufpassen, um Manuela Kurts Figuren zu erfassen, dann kann man dem banalen Alltagsleben poetische Wendungen abgewinnen, was das Lesen interessant und spannend macht.<br \/>\n&#8220;Die T\u00e4nzerin&#8221; ist ein l\u00e4ngerer Prosatext, der in kurzen S\u00e4tzen sehr viel erz\u00e4hlt, wenn man sich in die sprachliche Verdichtung einlassen will, w\u00e4hrend der Text &#8220;Illusionen&#8221; nur aus drei Zeilen besteht.<br \/>\nMein Lieblingstext ist zweifellos &#8220;Unterwegs&#8221;, in dem Manuela Kurt sehr poetisch mit dem Wort &#8220;schon&#8221; zu spielen wei\u00df.<br \/>\nMan hat viel gelernt vom Leben, nach dem Lesen, was, wie schon beschrieben, wo anders in langen Romanen viel ausf\u00fchrlicher beschrieben wird, w\u00e4hrend man die &#8220;Figuren&#8221; der Manuela Kurt auf das Schachbrett stellen oder sie durch die Stadt schicken kann, aber auch Innehalten und die fotografischen Schnappsch\u00fc\u00dfe betrachten, dann kommt man den Figuren auf die Spur und kann sich ihr oder auch das eigene Leben erz\u00e4hlen.<br \/>\nManuela Kurt, entnehme ich dem Buch hat in verschienenen Anthologien und Zeitschriften wie &#8220;DUM&#8221; und &#8220;Wortwerk&#8221; ver\u00f6ffentlicht.<br \/>\nIch habe sie im Sommer <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/07\/14\/frauengeschichten\/\">2009 bei einer Lesung im Readingroom<\/a> geh\u00f6rt, da sind mir sch\u00f6ne Stellen in ihren Gedichten aufgefallen, im Internet ist nicht viel \u00fcber sie zu finden, nur <a href=\"http:\/\/www.literaturhaus.at\/index.php?id=9110\">zwei<\/a> <a href=\"http:\/\/www.gangway.net\/reviews\/kurt.html\">Rezensionen<\/a> \u00fcber das Buch, das am 14. 9. in der Buchhandlung tiempo nievo vorgestellt wurde. Manuela Kurt ist jedenfalls auch eine unter <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/07\/19\/unter-dreisig\/\">Drei\u00dfigj\u00e4hrige<\/a>. Mal sehen was ich noch von ihr h\u00f6ren oder lesen werde und ob ich sie in der Grazer Autorenversammlung treffen kann?<br \/>\nEine der oben zitierten Widerspr\u00fcchlichkeiten kann auch die Diskussion der Frage sein, ob es jetzt zweiunddrei\u00dfig oder dreiundvierzig Prosaskizzen sind?<br \/>\nZwei mal sechzehn Felder machen zweiunddrei\u00dfg, das Buch hat aber dreiundvierzig Seiten, da mu\u00df der Rezensent schon aufpassen, da\u00df er sich nicht verz\u00e4hlt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 2011 in der Edition ch Textband &#8220;Figuren&#8221;, 32 Prosaskizzen von Manela Kurt beginnt mit einem Schachbrett als Inhaltsverzeichnis. Auf zwei Feldern werden abwechselnd in schwarz-wei\u00dfen Quadraten, die Text\u00fcberschriften mit der Seitenanzahl vermerkt. 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