{"id":9227,"date":"2011-10-09T23:13:39","date_gmt":"2011-10-09T21:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9227"},"modified":"2011-10-09T23:13:39","modified_gmt":"2011-10-09T21:13:39","slug":"nichts-als-eine-langweilige-blindschleiche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9227","title":{"rendered":"Nichts als eine langweilige Blindschleiche"},"content":{"rendered":"<p>Ruth Asp\u00f6cks Textmontage zu ihren Tageb\u00fcchern, die vor kurzem bei L\u00f6cker erschienen sind, verfolge ich schon  seit der Donau Rad Karawane, die 2007, von Wien nach Bamberg gezogen ist und mit der sie ihren literarischen Verlag &#8220;Die Donau hinunter&#8221; in die Pension verabschiedet hat. Die 1947, in Salzburg geborene, in Linz aufgewachsene und schon lange in Wien lebende Autorin, ist eine eifrige Tageuchschreiberin, so da\u00df eine ganze Menge Schreib\u00fccher, die man auch auf ihrer <a href=\"http:\/\/www.donauliteratur.at\/\">Homepage<\/a> sehen kann, entstanden sind.<br \/>\nAb 2006 oder so hat sie angefangen, die B\u00fccher zu ordnen und in ein Buchprojekt zusammenzufassen und so liegt jetzt &#8220;Die langweilige Blindschleiche&#8221;, das hei\u00dft f\u00fcnfhundert kleingeschriebene Seiten vor mir, beziehungsweise habe ich mich in den letzten Tagen durch das Leben Ruth Asp\u00f6cks gelesen und das war sehr interessant.<br \/>\nKenne ich sie ja schon sehr lange, ich wei\u00df gar nicht, wann und wo ich sie kennengelernt habe. Beim Arbeitskreis schreibender Frauen, meiner literarischen Sozilisation war sie nicht dabei, aber damals hat sich auch der Wiener Frauenverlag gegr\u00fcndet, den es ja leider leider nicht mehr gibt und da ist 1982 &#8220;Und der ganze Zauber nennt sich Wissenschaft&#8221; von ihr erschienen. Sie war oder ist auch AUF-Aktivistin. Wahrscheinlich habe ich ihren Namen da geh\u00f6rt. Pers\u00f6nlich werde ich sie durch die GAV kennen, da bin ich, 1987 aufgenommen worden und 1991 habe ich sie zu meiner ersten Frauenlesung nach St. P\u00f6lten eingeladen, da h\u00e4ngt das Einladungsblatt immer noch am Klo in Harland.<br \/>\nWir haben also ein sch\u00f6nes St\u00fcck gemeinsamer Literaturgeschichte und so war das dicke Buch auch sehr spannend zu lesen, obwohl ich, als sie es mir  bei der letzten <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/09\/25\/poet-night-2\/\">Poet Night<\/a> \u00fcbergab und sich ein wenig f\u00fcr die Dicke entschuldigt hat, gar nicht daran gedacht habe, da\u00df ich darin vorkommen werde. So war das Wiedererkennen ganz interessant, obwohl das f\u00fcr Au\u00dfenstehende gar nicht so leicht ist, denn Ruth Asp\u00f6ck verwendet, wie auf den ersten Seiten steht, bei vielen Personen, um ihre Privatsph\u00e4re zu sch\u00fctzen, andere Namen.<br \/>\nBei manchen nicht, so kommt Johann Barth beispielsweise namentlich vor, w\u00e4hrend sich Rolf Schwendter hinter einem Helmut Janko versteckt und SusiLeo mit der ersteren geht Ruth regelm\u00e4\u00dfig schwimmen und durchquerte sogar den Attersee, werden einmal von G\u00fcnter Vallaster begleitet. Soll ich jetzt das literarische Geheimnis aufdecken? Tue ich nicht, wird meinem Literaturgefl\u00fcster ja von manchen Geschw\u00e4tzigkeit vorgeworfen.<br \/>\nIch hei\u00dfe in dem Buch und das darf ich sagen, Maria und habe mich an meinen Geburtstagsfesten erkannt, bei der &#8220;Freiheit des Wortes&#8221; und noch an einigen anderen Stellen.<br \/>\nRuth Asp\u00f6ck hat, wie erw\u00e4hnt sehr lang an ihren Tageb\u00fccher gearbeitet, die sie danach, wie ich glaube,  vernichtet hat. In der vorliegenden Textmontage, gibt es zwanzig Kapitel, die wie auf der Buchr\u00fcckseite steht &#8220;eine Welt von Ernsthaftigkeit, Spannung, Humor und Selbstkritik er\u00f6ffnen.&#8221;<br \/>\nIch denke, es ist ein wichtiges St\u00fcck Geschichte eines Frauenlebens. Ein bi\u00dfchen schwer wird man sich beim Lesen vielleicht tun, weil die zwanzig Kaptiel, die von &#8220;Anfang und&#8221;,  zu &#8220;Sonntag und Werktag&#8221; &#8220;Sprechen und Schweigen&#8221; &#8220;Tr\u00e4ume und Sch\u00e4ume&#8221; &#8220;Blut und Tr\u00e4nen&#8221; &#8220;Poesie und  Brotberuf&#8221; &#8220;Leben und Tod&#8221; bis zu &#8220;Ende nie&#8221; gehen, immer in den Sechzigerjahren beginnen und da kurz das Kind bzw. das pubertierende M\u00e4dchen, \u00fcber die Studentin bis zu 2006, wo die Tageb\u00fccher enden, beschreiben.<br \/>\nAlso zwanzig Mal dieselbe Geschichte und manches bleibt trotzdem angedeutdet und geheimnisvoll. So z.B. die Namen der Liebhaber, manches wird durch die Wiederholung besonders klar. Vieles habe ich nicht gewu\u00dft, obwohl ich Ruth Asp\u00f6ck gut kenne und auch etliche ihrer B\u00fccher gelesen habe.<br \/>\nBeginnen tut es mit dem jungen M\u00e4dchen das zur Schule geht, das, wie Kinder das so tun, \u00fcber Gott und die Welt resumiert. Ruth Asp\u00f6ck scheint einmal sehr religi\u00f6s gewesen zu sein. Spannungen und Schwierigkeiten mit den Eltern und der Schwester tauchen auf. Dann kommt  die Begegnung mit Franz, das ist der erste Freund, den sie heiraten wollte, was, wenn ich es richtig verstanden habe, durch eine psychische Krankheit verhindert wurde.<br \/>\nRuth Asp\u00f6ck hat dann bald ihren Sohn geboren, der nicht Christoph hei\u00dft und in Wien, glaube ich, Theaterwissenschaft studiert. Spanisch wird sie wahrscheinlich auch gelernt haben, ist sie jedenfalls in den Sechzigerjahren nach Madrid gegangen und hat \u00fcber dieses Franco-Spanien das Buch &#8220;Ausnahmezustand f\u00fcr Anna&#8221; geschrieben. Sie hat, glaube ich, auch in einer SP\u00d6 nahen Institution gearbeitet. War das die Arbeiterkammer? Sich habilitieren wollen, was aber mi\u00dflang, was, wie man nachlesen kann, sehr schmerzte und bedauert wurde.<br \/>\nUngerechtigkeiten, Mi\u00dfgunst und Gewalt der M\u00e4nnerb\u00fcnde werden ihre Rolle gespielt haben. Dann folgten einige Aufenthalte in Kuba, auch dar\u00fcber gibt es ein Buch &#8220;Tremendo swing&#8221; und wenn ich es richtig verstanden habe, eine Liebe, die mi\u00dfgl\u00fcckte, weil die kubanischen oder auch \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden, das zu verhindern wu\u00dften, so ist Ruth Asp\u00f6ck in den Neunzigerjahren nach \u00d6sterreich zur\u00fcckgekommen und hat ihre &#8220;Edition die Donau hinunter&#8221; gegr\u00fcndet.<br \/>\nDa kann ich mich erinnern, da\u00df ich mit einigen der Arbeitskreisfrauen, mit denen ich mich noch jahrelang  getroffen habe, im Cafe Jelinek in der Otto Bauergasse gesessen bin und Elfriede Haslehner erz\u00e4hlte mir davon.<br \/>\n&#8220;Da k\u00f6nnen wir unsere B\u00fccher machen!&#8221;<br \/>\nSo habe ich auch meine Texte immer wieder hingeschickt oder ihr \u00fcbergeben, wie das auch eine &#8220;Margret&#8221; und wahrscheinlich viele andere hoffnungsvolle Autoren machten. Ruth Asp\u00f6ck hat einige genommen, andere nicht und, wie in den zwanzig Kapitel sehr eindrucksvoll nachzulesen ist, immer sehr unter ihrer Armut und ihrer Erfolgslosigkeit gelitten und auch darunter, vom Hauptverband des Buchhandels und anderen nicht richtig ernst genommen zu werden.<br \/>\nDabei sind  eine Menge sehr sch\u00f6ne B\u00fccher in dieser Edition entstanden. Begonnen hat es, glaube ich, mit einem &#8220;Theaterband&#8221;, dem &#8220;Donaugeschichtenbuch&#8221; und &#8220;Ganz sch\u00f6n fremd&#8221;.<br \/>\nDann hat sie Brunngrabers &#8220;Zucker aus Cuba&#8221; wiederaufgelegt, einen Band \u00fcber das &#8220;Wiener Lesetheater&#8221; hinausgegeben und einen \u00fcber &#8220;Polids Galeriecafe&#8221;, Irene Wondratschs Romane verlegt,  Doris Kloimsteins &#8220;Kleine Zehen&#8221;, Johann Barths Scheidungsgeschichte und nat\u00fcrlich auch sich selbst. Das gibts zum Beispiel die zwei erw\u00e4hnten B\u00fccher \u00fcber Kuba und Madrid, einen Gedichtband, einen Esseyband &#8220;Wo die Armut wohnt&#8221;, Das &#8220;Mutters\u00f6hnchenm\u00e4rchen&#8221;,&#8221;(S)trickspiel&#8221; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/12\/20\/kannitverstan\/\">&#8220;Kannitverstan&#8221;<\/a>,&#8221;Snaitheim&#8221;, aber auch Anthologien, wie das &#8220;Fl\u00fcssebuch&#8221; ect.<br \/>\nWenn sie 1992 damit angefangen und bis 2007 durchgehalten hat, ist das eine sehr lange Zeit und es sind sehr viele B\u00fccher entstanden, die sie alleine bzw. mit Hilfe ihres Sohnes, der eine Zeitlang bei ihr angestellt war, herausgegeben hat und  ist bewundernswert r\u00fchrig dabei gewesen. Kann ich mich doch an einige Buchwochen oder Buchmessen in Leipzig und Frankfurt erinnern, wo sie allein oder mit Sohn und Schwiegertochter in ihrem kleinen Stand gesessen ist. An die Feste im Literaturhaus oder auch bei der Poldi auf der Lerchenfelderstra\u00dfe. Dabei habe ich auch beobachten k\u00f6nnen, wie die erfolglosen Autoren zu ihr gekommen sind und ihr ihre B\u00fccher angetragen haben. Im Buch kann man nachlesen, wie sie sich durch den Verlag verschuldet hat, oft die Sozialversicherung und die Honorare nicht bezahlen konnte oder zum Buffet ein paar Kekse und Auschnittbrote mitgebracht hat, weil nicht mehr Geld da war und sich freute, wenn sie ein oder zwei B\u00fccher verkaufte.<br \/>\n2007 wurde das Verlagsfest sogar ausgelassen, weil sie f\u00fcr die Autoren, &#8220;Die zu geizig sind, ihr ein Buch abzukaufen&#8221;, keinen Wein hinstellen wollte.<br \/>\nWie schwer diese Zeit f\u00fcr sie gewesen sein mu\u00df, kommt in dem Buch so richtig heraus und man lernt auch viel \u00fcber das alternative und das literarische Leben der letzten vierzig Jahren und nat\u00fcrlich spielt auch die Besch\u00e4ftigung mit dem eigenen Schreiben eine gro\u00dfe Rolle. Das Ringen darum, aber auch die politsche Auseinandersetzung, die Schwiergkeiten einer alleinerziehenden Mutter, die Auseinandersetzung mit ihren K\u00f6rper und dem \u00c4lterwerden. So gibt es zum Beispiel, ein Kapitiel das sich mit ihrer Menstruation besch\u00e4ftigt und immer wieder sehr sch\u00f6ne S\u00e4tze, wie &#8220;Ich habe einen Linseneintopf gemacht, mit Appetit gegessen mit Zahnschmerzen bezahlt&#8221; oder &#8220;Gestern Abend war ich bei Maria und Heinz eingeladen. Wei\u00dfwein.  Heinz hat gekocht. Gebratene Sardinen. Lugenbraten mit Rotweinsauce und Scharlotten darin ged\u00fcnstet. Ein herrlicher Wei\u00dfwein. Solch eine Einladung ist eine feine Unterbrechung meines Alltags.&#8221;<br \/>\nDiese leisen, stillen S\u00e4tze fallen immer wieder auf und machen, glaube ich, die literarische Qualit\u00e4t aus, so da\u00df ich, die ich das ja mit dem Literaturgefl\u00fcster auch versuche, das Buch f\u00fcr ein sehr wertvolles literarisches Zeugnis und ein wichtiges St\u00fcck Zeitgeschichte halte.<br \/>\nIch wei\u00df zwar nicht, wie es auf jemanden wirkt, der vom Wiener Literaturleben keine Ahnung hat und Ruth Asp\u00f6ck nicht pers\u00f6nlich kennt, denke aber, da\u00df der Kampf mit dem Alltag, der Wunsch mit dem Schreiben ber\u00fchmt zu werden und es &#8220;trotzdem nicht in die erste Reihe zu schaffen&#8221;, auch da beeindrucken wird.<br \/>\nEinige Jahre hat Ruth Asp\u00f6ck, wie erw\u00e4hnt an ihrem Tagebuchprojekt gearbeitet und sich, das ist mein pers\u00f6nlicher Eindruck, seit sie mit ihren Verlag in Pension gegangen ist, ein wenig erholt. Schreibt sie jetzt ja an einem Buch \u00fcber Grillparzer, wo sie ihm an die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/07\/02\/reisen-auf-eigene-faust\/\">Orte, wo er Reisen unternahm, nachgereist ist<\/a> und sie hat auf der Donau Rad Karawane in Robert Eglhofer auch einen neuen Lebenspartner gefunden.<br \/>\nWas sie mit den &#8220;tausenden unverkauften B\u00fcchern&#8221;, machte, die sie in ihren Tageb\u00fcchern so sehr belasten, wei\u00df ich nicht oder doch, ein paar tr\u00e4gt sie immer in den offenen B\u00fccherschrank in die Zieglergasse.<br \/>\nEs ist also ein sehr interessantes Frauenleben und ein  wertvolles St\u00fcck Literaturgeschichte, da\u00df da beschrieben wird.<br \/>\nRuth Asp\u00f6ck tut das trotz aller Distanzierung, sehr ehrlich und sehr offen, so da\u00df ich dem Buch, das n\u00e4chste Woche, wie ich glaube, auch bei den IG-Autoren in Frankfurt vorgestellt wird, alles Gute und viele Leser w\u00fcnsche und in ihr auch eine gro\u00dfartige Schreiberin entdeckte, was mir bisher nicht so bewu\u00dft war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruth Asp\u00f6cks Textmontage zu ihren Tageb\u00fcchern, die vor kurzem bei L\u00f6cker erschienen sind, verfolge ich schon seit der Donau Rad Karawane, die 2007, von Wien nach Bamberg gezogen ist und mit der sie ihren literarischen Verlag &#8220;Die Donau hinunter&#8221; in &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9227\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-9227","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9227"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9227\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}