{"id":9319,"date":"2011-10-16T00:32:51","date_gmt":"2011-10-15T22:32:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9319"},"modified":"2011-10-16T00:32:51","modified_gmt":"2011-10-15T22:32:51","slug":"die-nacht-der-lichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9319","title":{"rendered":"Die Nacht, die Lichter"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt habe ich wieder einen Erz\u00e4hlband gelesen, obwohl ich Clemens Meyers &#8220;Die Nacht, die Lichter&#8221;, ein Buch aus dem Flohmarkt von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin, f\u00fcr einen Roman gehalten habe. Stories steht aber schon am Einband und sie sind auch sehr zu empfehlen, stark und ungew\u00f6hnlich realistisch und auch der Lebenslauf des 1977 in Halle an der Saale geborenen Clemens Meyer, der in Leipzig lebt und mit &#8220;Die Nacht, die Lichter&#8221;,, 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, ist ungew\u00f6hnlich, ist er doch der Sohn eines Krankenpflegers und stie\u00df durch die Bibliothek seines Vaters auf B\u00fccher, nach dem Abitur jobbte er als Bauarbeiter, von 1998 bis 2003 studierte er am deutschen Literaturinstiut in Leipzig und finanzierte sich sein Studium als Wachmann, M\u00f6belpacker und Gabelstaplerfahrer, es gab einen Aufenthalt in der Jugendarrestanstalt Zaithain und das sind auch die Milieus in denen die Stories spielen.<br \/>\nHandeln sie doch von Arbeitslosen, alten M\u00e4nnern in einsamen D\u00f6rfern und anderen  Heruntergekommenen , aber auch vom kleinen Gl\u00fcck der Ausgeschlossenen und \u00dcbergebliebenen, von denen preisgekr\u00f6nte Romane und Erz\u00e4hlungen sehr selten erz\u00e4hlen. Ich habe den Namen Meyer und eine Beschreibung des Buchs, glaube ich, nach der Verk\u00fcndung des Buchmessenpreises geh\u00f6rt, da erschienen mir die Themen zu brutal und aggressiv. Jetzt hat mich die realistische  Schilderung sehr beeindruckt und sprachlich gen\u00fcgend abgehoben sind sie nat\u00fcrlich auch, sonst h\u00e4tte man ihm nicht im Leipziger Literatur Institut aufgenommen, den Buchpreis und noch einige andere Preise gegeben.<br \/>\nNoch etwas ist vielleicht ungew\u00f6hnlich, die Geschichten spielen in Leipzig oder sonst wo in Ostdeutschland und handeln nach der Wende, wo die \u00fcbergebliebenen Arbeitslosen aufs Arbeitsamt gehen, ihre ebenfalls arbeitslosen M\u00fctter besuchen und ihnen Geld in die Tasche stecken wollen und dann drei Briefe aus dem Postkasten nehmen, einem vom Arbeitsamt, eine Absage auf eine Bewerbung und einen aus Cuba, der vom alten Freund Wolfgang kommt, der in Cuba sein Gl\u00fcck machte und Frank davon schreibt.<br \/>\nIn &#8220;Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe&#8221;, rennt ein Mann mit einer Flinte in seiner Wohnung herum und spricht mit seiner Frau, die ihm Bett liegt und wie Mary Monroe ausschauen soll, nach und nach erkennt man, da\u00df sie tot ist und er sie ermordet hat.<br \/>\nSehr beeindruckend die Geschichte &#8220;Von Hunden und Pferden&#8221;, da ist auch ein Arbeitsloser, Geschiedener oder anderer Einsamer, der nichts hat als seinen Hund, den er zum Tierarzt bringt, weil er hinkt und den er durch eine Operationen retten kann, wenn er daf\u00fcr dreitausend Mark aufbringt. Die borgt ihm niemand, so kommt er auf die Idee, sie sich durch Pferdewetten zu verdienen, er gewinnt auch, nur als er in seiner Freude mit dem Geld nach Hause will, bemerkt er nicht, da\u00df ihm drei Gestalten folgen&#8230;<br \/>\n&#8220;Ich bin noch da&#8221;, hat mich vielleicht noch st\u00e4rker beeindruckt und auch pers\u00f6nlich betroffen, obwohl sie von einem schwarzen Boxer handelt, der die Zahlen 18 &#8211; 32 -3 hat, das hei\u00dft achtzehn Siege, zweiunddrei\u00dfig Niederlagen und drei Unentschieden, weil er, obwohl er sich sehr bem\u00fcht, immer nur f\u00fcr K\u00e4mpfe engagiert wird, wo klar ist, da\u00df er verlieren wird. Er stammt aus Rotterdam hat dort eine Frau und ein Kind und will ein kleines Boxstudio errichten, so kommt er nach Deutschland und gewinnt, obwohl er das offenbar nicht soll, mit dem Geld mu\u00df er sich dann vor einigen Angreifern verteidigen, darunter sind auch ein paar Neo Nazis, denen seine Hautfarbe nicht gef\u00e4llt, am Schlu\u00df schaut er noch ein bi\u00dfchen l\u00e4dierter aus, f\u00e4hrt aber mit 19 Siegen zum Bahnhof.<br \/>\nEine Geschichte, die, &#8220;Die Nacht, die Lichter&#8221; hei\u00dft, gibt es auch, aber die Lichter der Nacht spielen eigentlich in dem ganzen Buch eine Rolle, wie auch die jungen M\u00e4nner, die wegen irgendetwas im Knast landen, dann ihre Begegnungen mit Schwulen und mit anderen Typen haben und ihren T\u00f6chtern das ersparte Geld in die Freiheit bringen.<br \/>\n&#8220;Das kurze und gl\u00fcckliche Leben des Johannes Vettermanns&#8221;, ist ebenfalls sehr beeindruckend, obwohl es in der letzten Etage eines Leipziger Luxushotels spielt, Johannes Vettermann ist der Sohn eines Gem\u00fcseh\u00e4ndlers der durch die Wende zuerst aufstieg, dann wieder abst\u00fcrzte nachdem die Vietnamesen den Obst- und Gem\u00fcsehandel \u00fcbernahmen, er hat auch als Maler und Kunsth\u00e4ndler Karriere gemacht, dann ist er dem Rauschgift verfallen und sich zwei schicke Damen in seine Hotelsuite bestellt, damit sie ihm den letzten Schu\u00df setzen.<br \/>\nEbenso beeindruckend die Geschichte des Weinvertreters, der sich pl\u00f6tzlich mit billigen Fusel in einem Zug wiederfindet, nicht wei\u00df, wie er dorthin gekommen ist, dort die Bekanntschaft eines Zeugen Jehovas macht, der ihn zu Gott bekehren will und nach und nach erkennt er, da\u00df er offenbar Fahrerflucht begangen hat.<br \/>\nStarke Worte, ungew\u00f6hnliche Themen , schr\u00e4ge Geschichten, es wird schon viel geschlagen, gesoffen und gekifft dabei, es kommt aber immer auch immer wieder zu den starken Momenten des kleines Gl\u00fccks, etwa in der Boxergeschichte, obwohl die &#8220;Des alten Mannes der seine Tiere begr\u00e4bt&#8221;, mit der das Buch endet, nur beeindruckend depressiv ist, ist dem alten Mann doch seine Frau schon vor Jahren weggestorben, jetzt ist er der einzige Gast der Wirtin und Friseurin des Dorfes, die Gesch\u00e4fte haben schon l\u00e4ngst geschlossen, er hat nur mehr einen Hund, seine H\u00fchner hat er schon begraben, als er sich mit Schnaps betrinkt und sich vom letzten Freund die Pistole ausborgt, um den alten Hund zu erschie\u00dfen. Man ahnt, da\u00df er dabei zwei Kugeln brauchen wird und hat sehr viel von der Tristesse des ostdeutschen Lebens und der Einsamkeit seiner alten und auch jungen Menschen gelernt.<br \/>\n&#8220;Meyer wei\u00df wovon er schreibt&#8221;, schreibt die Welt am Sonntag und ich habe in Wikipedia gelesen, da\u00df die &#8220;Die Nacht, die Lichter&#8221; 2010 szenisch uraufgef\u00fchrt wurden.<br \/>\n2010 habe ich ihn, glaube ich, auch auf der Leipziger Buchmesse erlebt, als er da wahrscheinlich sein drittes Buch pr\u00e4sentierte,  heuer habe ich <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/20\/leipzig-in-den-wohnzimmern\/\">seinen Leipziger Buchmessenblog<\/a> in meinem Wohnzimmer sehr intensiv verfolgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt habe ich wieder einen Erz\u00e4hlband gelesen, obwohl ich Clemens Meyers &#8220;Die Nacht, die Lichter&#8221;, ein Buch aus dem Flohmarkt von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin, f\u00fcr einen Roman gehalten habe. 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