{"id":9554,"date":"2011-10-24T12:54:32","date_gmt":"2011-10-24T10:54:32","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9554"},"modified":"2011-10-24T12:54:32","modified_gmt":"2011-10-24T10:54:32","slug":"ruhe-auf-der-flucht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9554","title":{"rendered":"Ruhe auf der Flucht"},"content":{"rendered":"<p>Die 1951 erschienene Erz\u00e4hlung &#8220;Ruhe auf der Flucht&#8221; von Lilly Sauter ist wieder ein Gustost\u00fcckerl aus dem B\u00fccherschrank, denn hier wird direkt und wahrscheinlich sehr authentisch vom Leben kurz nach dem Krieg erz\u00e4hlt.<br \/>\nDie Ich-Erz\u00e4hlerin Barbara, die sonst ziemlich biografielos bleibt, hat sich in das Tiroler Bergdorf Andorf zu ihrer Tante Irene und Onkel Ferdinand einem Arzt zur\u00fcckgezogen, der die meiste Zeit vor dem Radioapparat sitzt, w\u00e4hrend die Tante, die musische b\u00fcrgerliche Kultur aufrechtzuerhalten sucht und bereitwillig die Nachbarn, die von der amerikanischen Besatzung ausquartiert werden, bei sich aufnimmt und sich mit dem Dienstm\u00e4dchen Fanny herumbem\u00fcht, das alle Heiligen beschw\u00f6rt.<br \/>\nDas Buch springt rasant in die Handlung ein, einige Tage nach Kriegsende, wo noch die Hakenkreuzfahnen von den H\u00e4usern wehen, bzw. die Kreuze hinausgeschnitten und durch wei\u00dfe Leintuchst\u00fccke  zu rot wei\u00df roten Flaggen gemacht werden und am Bahnhof die Z\u00fcge zum Pl\u00fcndern bereitstehen, um die sich alle dr\u00e4ngen, vor allem aber die Jungen aus dem &#8220;Kinder-Land-Verschickungs-Lager&#8221;.<br \/>\nBarbara offensichtlich eine b\u00fcrgerliche junge Frau schlie\u00dft sich mehr oder minder freiwillig der Pl\u00fcnderung an und l\u00e4\u00dft sich Reis in ein Gef\u00e4\u00df sch\u00fctten, da Reis etwas ist, &#8220;das man sich nicht entgehen lassen darf&#8221; Frau Dr. Gruspaden mit den f\u00fcnf Kindern, deren Nazivergangenheit und stramme NS-Mutterschaft man sanft erahnen kann, zieht mit einem belandenen Handwagen an Barbara vor\u00fcber und schreit ihr stolz &#8220;Das ist schon die zweite Fuhre!&#8221;, entgegen. Barbara sieht einen Mann am Bahnhof stehen, der ihr noch einige Male begegnen soll, h\u00f6rt von Juden, die vor\u00fcbergetrieben wurden und die Typhus hatten und in einem Heustadel \u00fcbernachteten in dem sich schon eine Fl\u00fcchtlingsfamilie &#8220;verkrochen hatte. Mann, Frau und ein ganz kleines Kind.&#8221;<br \/>\nBarbara geht nach Hause zu Tante, Onkel und dem Dienstm\u00e4dchen und nimmt bereitwillig alle Nachbarn bei sich auf, nur als die fromme Fanny auch noch die Fl\u00fcchtlingsfamilie einquartieren will, weigert sich sich, wegen der Ansteckungsgefahr.  Es gibt die Frau Zarubin, offenbar eine russische Musikerin, die in dem kleinen Bergdorf Schwierigkeiten mit dem Musizieren hat, obwohl ihr die hilfsbereite Tante Irene ihr Klavier anbietet und als das Radio zusammenbricht, holt Barbara Karl aus dem Kinder-Verschickungslager, Sohn eines Elektroh\u00e4ndlers, der es ihr und den Toaster, der Brotr\u00f6ster genannt wird, wieder repariert, nachdem er die entsprechenden Dr\u00e4hte organisieren konnte.<br \/>\nEs gibt auch die Nachbarn Gish und Heini Brekker, offensichtliche Bundesdeutsche, die es irgendwie herverschlagen hat und Heini macht sich gleich beim amerikanischen Milit\u00e4rkommando unentbehrlich und heuert Barbara als Dolmetscherin an, da diese und die Tante nat\u00fcrlich perfekt Englisch sprechen.<br \/>\nInzwischen ist die Fl\u00fcchtilingsfamilie weitergezogen und weil die ebenfalls sehr gutm\u00fctige Frau Malllonder, die sehr damit hadert, da\u00df die Amerikaner ihrem Sohn in dem Krieg in den ihn die Nazis schickten, ein Bein weggeschossen haben, ihnen eine blaue Decke schenkte und sich die Frau darin einwickelte, werden sie von den Bauern f\u00fcr die &#8220;Heilige Familie&#8221; gehalten, weil sie so offensichtlich dem Grestener Altarbild sehr \u00e4hnlich sehen.<br \/>\nDas l\u00f6st eine Welle von Aktionen aus, das ganze Dorf, das Hoffnung sucht, pilgert hinauf und nimmt Konserven, Schokolade und alles andere, das sich von den Amerikanern bekommen l\u00e4\u00dft, mit, was allm\u00e4hlich auch Frau Dr. Gruspaden merkt und um die Milche f\u00fcr ihre Kinder f\u00fcrchten l\u00e4\u00dft, so da\u00df zuerst Klatsch und Tratsch entsteht, sp\u00e4ter soll die Familie von den Amerikanern abgeholt und ihres Heiligenscheins beraubt werden, was Barbara, die zwar kein &#8220;Schokolade-M\u00e4dchen&#8221; oder &#8220;Ami-Pupperl&#8221; ist, sich aber trotzdem in den musikalischen Ray Hartmann mit Vater aus \u00d6sterreich und Mutter aus Russland verliebt, zu einer Rettungsaktion veranla\u00dft.<br \/>\nRay wird daraufhin von seiner vor\u00fcbergehenden Kommandofunktion zwar enthoben, was aber nicht viel macht, da Barbara ohnehin die Bild seiner Braut Bessie in seinem Koffer entdeckte, so da\u00df am Schlu\u00df, als die Fl\u00fcchtlingsfamilie gerettet ist und alle mit dem seltsamen Mann am Bahnhof, um ein Lagerfeuer sitzen, das Leben in dem neuen \u00d6sterreich im Sinne der Menschlichkeit weitergehen kann&#8230;.<br \/>\nEin wenig kitschig mutet die Geschichte mit der heiligen Familie dem heutigen Leser vielleicht an, die Authentizit\u00e4t der nahvergangenen Kriegsereignisse macht das Buch aber sicher sehr empfehlenswert und ich habe von Lilly Sauter, die 1913 in Wien geboren wurde und 1972 in Innsbruck starb, das erstemal vor ein paar Jahren beim Christine Busta Symposium der Gesellschaft f\u00fcr Literatur geh\u00f6rt. Da war ihr ein eigener Vortrag gewidmet, sonst ist die Autorin, Kusthistorikerin, Kritikerin und Veranstalterin ziemlich vergessen, im Internet kann man aber ihren Nachla\u00df finden, der von der Universit\u00e4t Innsbruck verwaltet wird und das <a href=\"http:\/\/orawww.uibk.ac.at\/apex\/uprod\/f?p=20090202:2:1191236396800807::NO::P2_ID,P2_TYP_ID:709\">Lexikon &#8220;Literatur in Tirol&#8221;<\/a> hat ihr Leben auch sehr genau aufgearbeitet. \u00dcber &#8220;Ruhe auf der Flucht&#8221; das 1951 in der \u00f6sterreichischen Verlagsanstalt Innsbruck erschienen ist, kann man auch eine Beschreibung finden, die der Autorin psychologisches Einverst\u00e4ndnis und christlichen Humanismus zugesteht. Sonst hat Lilly Sauer noch Gedichte und Novellen geschrieben, die ebenfalls im Internet zu finden sind. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1951 erschienene Erz\u00e4hlung &#8220;Ruhe auf der Flucht&#8221; von Lilly Sauter ist wieder ein Gustost\u00fcckerl aus dem B\u00fccherschrank, denn hier wird direkt und wahrscheinlich sehr authentisch vom Leben kurz nach dem Krieg erz\u00e4hlt. 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