{"id":9731,"date":"2011-11-02T10:29:28","date_gmt":"2011-11-02T09:29:28","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9731"},"modified":"2011-11-02T10:29:28","modified_gmt":"2011-11-02T09:29:28","slug":"valerie-oder-das-unerzogene-auge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9731","title":{"rendered":"Valerie oder Das unerzogene Auge"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Valerie ist das Modell des Malers Franz und seine Geliebte. Franz aber lebt nur f\u00fcr seine Kunst, hinter der alles zur\u00fcckzustehen hat. Valerie erkrankt an Krebs. Statt ihr in ihrer Krankheit beizustehen, stellt Franz die Krankheit dar. Aber Valerie hat gelernt, mit eigenen Augen zu sehen. Sie will leben &#8211; mit anderen Augen, mit anderen Bildern&#8221;, steht in der Beschreibung \u00fcber Erica Pedrettis &#8220;Valerie oder Das ungezogene Auge&#8221;.<br \/>\nZu dem Text mit dem die 1930 in der CSR geborene und in der Schweiz lebende Erica Pedretti 1984, den Bachmannmannpreis gewonnen hat (Das Modell und sein Maler) gibt es eine reale Vorgeschichte. N\u00e4mlich den Expressionisten Ferdinand Hodler, der 1908, f\u00fcnfundf\u00fcnfzigj\u00e4hrig und in zweiter Ehe verheiratet, die zwanzig Jahre j\u00fcngere Valentine Gode-Darel trifft, die 1912 an Krebs erkrankt und ein Jahr sp\u00e4ter ein Kind von ihm erwartet, da\u00df dann von seiner Frau Berthe aufgezogen wurde. Die Bilder von der Krankheit und dem Sterben Valentines und der Ver\u00e4nderungen ihres K\u00f6rpers, sind die ersch\u00fctternsten Darstellungen des Sterbens, die in der Kunstgeschichte existieren.<br \/>\nErica Pedretti, die durch die 1976\/77 stattgefundene Hodler-Ausstellung  &#8220;Ein Maler vor Liebe und Tod&#8221; und durch Max Frisch zur dichterischen Gestaltung des Stoffes ermuntert wurde, hat die Geschichte in die Gegenwart verlegt, das Buch ist 1986 bei Suhrkamp erschienen, verwendet andere und doch sehr \u00e4hnliche Namen und beschreibt, die Krankheit Valeries in  eindrucksvollen Szenen, &#8220;mit tastend fragmentarischer Sprache, in der die verschiedenen Erz\u00e4hlebenen \u00fcbergangslos, bruchst\u00fcckhaft, in keiner erkennbar konstruierten Chronologie in einander montiert werden. Erinnerung, Dialogfragmente, Tagebuchnotizen, Phantasien, Berichte, Zitate scheinen wuchernd und unmotiviert zu folgen&#8221;, vom Gang durch die Ambulanzen, Bestrahlungen und Operationen, dann wird wieder von einer China-Reise, die die Protagonistin machen soll, bzw. in ihrer Phantasie erlebt, erz\u00e4hlt und die Beziehung zu dem Maler, der sie alleine l\u00e4\u00dft und &#8220;schon vier Monate nichts mehr von sich h\u00f6ren sehen oder h\u00f6ren hat lassen.&#8221;<br \/>\nVor allem die Krebsbehandlung, wie sie wohl in den Achtzigerjahren in den Schweizer Spit\u00e4tern passierte, wird trotz der kunstvoll sch\u00f6nen Sprache, sehr realistisch beschrieben und ganz behutsam in Frage gestellt.<br \/>\n&#8220;Nochmals r\u00f6ntgen? &#8211; Das ist ganz ungef\u00e4hrlich, sonst w\u00e4r ich selber ja nicht mehr da, sagt die R\u00f6ntgenassistentin. &#8211; Kein gesunder Beruf, meint Valerie. &#8211; Man mu\u00df halt optimistisch sein, sagt die Assistentin.&#8221;<br \/>\nOder &#8220;Ich w\u00fcrde aus dem Fenster springen, hatte eine Kollegin gemeint: mit vierzig schwanger, schon im f\u00fcnften Monat und von so einem Typ. Der ist mindesten sechzig. Und siehtst du denn nicht, was ihm seine Frau bedeutet?&#8221;<br \/>\nBzw. die Stelle, wo sich Valerie auf dem Weg zur Operation befindet. Sie wird durch die Spitalsg\u00e4nge &#8220;als w\u00e4rst du ein Gem\u00fcse und alles greift dich an&#8221; geschoben, in &#8220;gr\u00fcne Heinzelm\u00e4nnchenathmosph\u00e4re der Nakoseequipe, deren Unterhaltungen und Lachen im Vorzimmer, w\u00e4hrend alles zur ersten Operation vorbereitet wird- Schade, da\u00df du nicht geblieben bist, wir sind dann zu  Paul nach Hause gegangen &#8211; ja, wir waren zu viert bis heut fr\u00fch, ich hab kaum geschlafen &#8211; demonstratives G\u00e4hnen und Lachen, wie so so hilflos daliegt.&#8221;<br \/>\nEs gibt auch die Geschichte vom Vater, &#8220;der mit der Pistole drohte, jeden, der ihm sein durchschossenes Bein amputieren wollte, sofort, oder, falls das unm\u00f6glich ist, dann eben sp\u00e4ter zu erschie\u00dfen&#8221; und der dann &#8220;ein Jahr zuvor im selben Bett an Krebs gestorben ist &#8211; ohne Pistole.&#8221;<br \/>\nDie Trennung von dem Kind wird im zehnten Kaptiel mit zwei Zeilen auf der leeren Seite erz\u00e4hlt &#8220;Das Kind &#8211; Daran darf sie nicht denken&#8221; und der Maler Hodler mit den &#8220;gr\u00e4\u00dflich lila farbenen Zeichnungen der Toten oder sterbenden Valentine, werden vom Maler Franz immer wieder zitiert.<br \/>\n&#8220;Die D\u00fcrerscheibe, deren Hodler stets mehrere besessen und verwendet haben soll, erkl\u00e4rt Franz, besteht aus einer gerahmten Glasscheibe, die sich in den Fugen eines einfachen Holzgestells, leicht und transportabel, in senkrecher Richtung verstellen l\u00e4\u00dft.&#8221;<br \/>\nEs ist eine sehr beeindruckende Geschichte vom Leben und vom Sterben, der Gewalt am und im Leben und der Frauenemanzipation, mit der Erica Pedretti 1984 den Bachmannpreis gewonnen hat und sie erz\u00e4hlt wahrscheinlich von einer anderen Frau, als die es war, die 1915 gestorben ist, denn damals wird es wohl in den Spit\u00e4lern und Ambulanzen anders ausgesehen und Valentine Gode-Darel die als selbstbewu\u00dfte Frau beschrieben wird, wird wahrscheinlich keine solche Gespr\u00e4che mit den \u00c4rzten, die sich um 100 % der Strahlendosis versch\u00e4tzen und dann noch der Patientin zum Erfolg der Behandlung gratulieren, gef\u00fchrt haben. Eine sehr kunstvoll erz\u00e4hlte Geschichte, die dennoch nichts an der tragischen Realit\u00e4t ausl\u00e4\u00dft. Zwei Realit\u00e4ten, das Sterben mit und nach Krebsbehandlung in den heutigen Krankenh\u00e4usern und dem, wie es Maler und  Modell 1912 &#8211; bis 1915 wohl erging, die die Fragen aufwirft, ob es moralisch vertretbar und verantwortbar ist, mit den Bildern einer Sterbenden Kunstgeschichte zu machen und ob es Ferdinand Hodler damit nur um das Malen oder vielleicht doch auch um sprachlose Krisenbew\u00e4ltigung ging? Das Wort Traumatherapie hat man damals wahrscheinlich genausowenig gekannt, wie Strahlenbehandlungen und Chemotherapie.<br \/>\nEin interessanter Versuch, beides zu verbinden und ein leiser stiller Text, der mich, was ja nicht so oft geschieht, ob seiner Authenitizit\u00e4t sehr beeindruckt hat.<br \/>\nSchade, da\u00df das Suhrkamp Taschenb\u00fcchlein, das vor zwei Jahr bei &#8220;Buchlandung&#8221; in der Abverkaufskiste lag und wenn man f\u00fcnf St\u00fcck nahm, nur einen Euro kostete, so unbeachtet blieb. Ich habe, glaube ich, noch ein zweites Buch von Erica Pedretti, die auch bildnerisch t\u00e4tig ist und  mir ihren Namen wahrscheinlich seit  dem Bachmannpreis eingepr\u00e4gt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Valerie ist das Modell des Malers Franz und seine Geliebte. Franz aber lebt nur f\u00fcr seine Kunst, hinter der alles zur\u00fcckzustehen hat. Valerie erkrankt an Krebs. Statt ihr in ihrer Krankheit beizustehen, stellt Franz die Krankheit dar. 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