{"id":9742,"date":"2011-11-03T23:27:47","date_gmt":"2011-11-03T22:27:47","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=9742"},"modified":"2011-11-03T23:27:47","modified_gmt":"2011-11-03T22:27:47","slug":"von-allen-anfang-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=9742","title":{"rendered":"Von allen Anfang an"},"content":{"rendered":"<p>Christoph Heins &#8220;Von Anfang an&#8221;, schildert das Leben eines pubertierenden Jungen in einer ostdeutschen Kleinstadt in den F\u00fcnfzigerjahren. Daniel ist ein Pfarrersohn, &#8220;Pfaffe&#8221; sagen die Kinder und die Lehrer in der DDR-Schule, der Vater ist streng aufrecht und korrekt und wenn der Sohn einen Tadel bekommt, schreibt er schon mal eine ironische Bermerkung in das Mitteilungsheft, so da\u00df sich Daniel ihm nicht mehr zu sagen traut, wenn ihn die Lehrer wegen seines politisch indifferentn Verhaltens h\u00e4nseln, er hat eine Schwester Dorle und vier, f\u00fcnf Br\u00fcder, das hei\u00dft der f\u00fcnfte kommt erst auf die Welt, als er schon in West-Berlin in die Ostklasse eines Gymnasiums geht und w\u00e4hrend die Mutter mit dem vierten schwanger ist, k\u00f6nnen die Geschwister erleben, da\u00df sie Monate lang nicht mit dem Vater spricht, offenbar die einzige M\u00f6glichkeit des Widerstands gegen unerw\u00fcnschte Kinderschaft, die die aufrechte Pfarrersfrau hatte, die vor dem Krieg Op-Schwester war und so eine gute, da\u00df der Chefarzt nur mit ihr operieren wollte.<br \/>\nDas Buch beginnt an dem Tag, an dem sich Daniel von seiner Tante Magdalena verabschiedet, weil er in den Westen geht und endet mit ihren Tod und dem Bedauern, da\u00df er nicht zum Begr\u00e4bnis fahren konnte, weil ihm der Schuldirektor und der dortige Pfarrer abriet, da er ja die Republik verraten hatte und auf der Liste stand&#8230;<br \/>\nDazwischen liegt eine Nachkriegskindheit in dem \u00fcberf\u00fcllten Pfarrerhaus, wo das Geld an allen Ecken und Enden fehlt und auch noch die Gro\u00dfeltern aufgenommen werden m\u00fc\u00dfen, weil der Gro\u00dfvater ein aufrechter Gutsverwalter sich weigerte in die Partei einzutreten und daher das Staatsgut nicht mehr verwalten konnte. Und der Zw\u00f6lf-Dreizehn-Vierzehnj\u00e4hrige beschreibt in der Nachkriegs-DDR haupts\u00e4chlich das Erwachsenwerden und die Erlebnisse mit dem M\u00e4dchen, obwohl ihn auch der Leipziger Wissenschaftler, den die Kreisschulbeh\u00f6rde schickte, um den Sch\u00fclern &#8220;fl\u00fc\u00dfige Luft&#8221; vorzuf\u00fchren&#8221; sehr beeindruckte, wenn auch weniger wegen der fl\u00fc\u00dfigen Luft, als durch die Ger\u00fcchte, da\u00df er schwul sei, die einer der Klassenkameraden ausstreut, so da\u00df der Herr Doktor von der Polizei einvernommen wird und keine Genehmigung mehr bekommt Sch\u00fcler zu unterrichten, was die Klassenlehrerin den neugierigen Sch\u00fclern am n\u00e4chsten Tag &#8220;mit hygienischen Ma\u00dfnahmen&#8221; erkl\u00e4rt.<br \/>\nIn sich geschlossenen Kapiteln wird diese DDR-Jugend erz\u00e4hlt. Der sommerliche Besuch bei den Gro\u00dfeltern am Gut Holzwedel, wo Daniel mit seiner Schwester in einer Kammer schlafen mu\u00df, wo es einen gro\u00dfen surrenden Elektrokasten gibt und er sich vor Spinnen f\u00fcrchtet, es gibt aber auch den \u00e4lteren Gutsarbeitersohn Jochen mit dem er an den Russensee fahren will, was verboten ist, weil es dort noch Mienen gibt, da sich aber Jochen dort mit Pille, einer Landarbeitertochter, die Krankenschwester werden will, trifft, ger\u00e4t Daniel vollends aus dem H\u00e4uschen, beschlie\u00dfen sie doch dort nakt zu baden, so da\u00df er ihre r\u00f6tlichen Schamhaare sieht und sp\u00e4ter noch zuschauen kann, wie sie Jochen in sich hineinl\u00e4\u00dft, was ihn so aus der Fassung bringt, da\u00df er auf ihren Fahrradsattel abspritzt und sich dann Sorgen macht, da\u00df er wom\u00f6glich der Vater von Pilles Baby ist, mit dem sie sich ihr Leben versaute.<br \/>\nDie Sommerferien sind aber ohnehin bald vorbei, die Eltern holen die Kinder wieder ab und Daniel kann miterleben, wie sich die Mutter mit der Gro\u00dfmutter streitet und als ein Zirkus auf der Nachbarwiese sein Gastspiel gibt, freundet er sich mit dem Artisten Kade an, der so gr\u00fcne Augen wie der Evangelist Lukas hat,  hilft ihm beim Aufstellen der Scheinwerferst\u00e4nder und f\u00fchrt ihn durch das langweilige St\u00e4dtchen, wo sie seine Geografielehrerin, eine verheiratete Frau und Mutter zweier Kinder treffen, die sich in den Artisten verliebt, so da\u00df Daniel, als er Kade im Wohnwagen besuchen geht, &#8220;Frau Bl\u00fcthgens nackten Hintern&#8221; sehen kann und weil er die Gedichte so sch\u00f6n deklamieren kann, schl\u00e4gt ihn die Deutschlehrerin f\u00fcr den dramatischen Zirkel vor, so da\u00df er nach Dresden zu einer Auff\u00fchrung fahren kann, dort spielt er den sch\u00f6nen Johnny, wo sich die sch\u00f6ne Mareike in ihn verliebt und erz\u00e4hlt, da\u00df sie am liebsten nackt tanzt, was die beiden gleich ausprobieren. Nur wird er von einem Klassenkameraden erwischt und der Lehrerin verpetzt und aus ist es mit der Empfehlung an die Oberschule.<br \/>\nAber Daniel will ohnehin nach West-Berlin, wo schon sein zwei Jahre \u00e4lterer Bruder ist und den darf er eines Sonntags, wo er sonst immer in die Kirche gehen mu\u00df, mit den Eltern und den ganzen Geschwistern besuchen und als sie von der Polizei angehalten und gefragt werden, in welches Berlin sie fahren, ist der Vater stolz, da\u00df er nicht l\u00fcgen mu\u00df, als er &#8220;in das demokratische&#8221; sagt. Bei der zweiten Polizeikontrolle  will der Polizist die Adresse wissen und da mu\u00df der Herr Pastor mit roten Kopf die Adresse eines Ostberliner Konsistoriums angeben, das er manchmal besucht und als die Familie in einer Konditorei am Kurf\u00fcrstendamm ein St\u00fcck Kuchen essen, erfahren sie \u00fcber eine Leuchtschrift von den Ereignissen in Budapest, wohin gerade die russischen Panzer rollen&#8230;<br \/>\nSo geht das Kinderleben dahin, leicht und locker erz\u00e4hlt und endet in der R\u00fcckschau mit dem Tod Tante Magdalenas und dem langen Brief, den der Vater schrieb, um zu tr\u00f6sten.<br \/>\nChristoph Hein wurde 1944 in Schlesien geboren und lebt in Berlin. Sein Roman &#8220;Drachenblut&#8221; hat, glaube ich in der DDR oder auch im Westen gro\u00dfes Aufsehen erregt. Ich habe ihn noch zu DDR-Zeiten gelesen und wahrscheinlich in der Zentralbuchhandlung gekauft oder ihn mir von der Gall Maria aus Budapest mitbringen lassen, weil es dort in den fr\u00fchen Achtzigerjahren sehr billige DDR-B\u00fccher zu kaufen gab. Zuletzt ist &#8220;Weiskerns Nachla\u00df&#8221; von ihm erschienen und wurde auf der Frankfurter Buchmesse am blauen Sofa vorgestellt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Heins &#8220;Von Anfang an&#8221;, schildert das Leben eines pubertierenden Jungen in einer ostdeutschen Kleinstadt in den F\u00fcnfzigerjahren. 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