Am Freitag und am Wochenende bin ich schön zu Hause gesessen und habe meine Vorsätze ausgeführt. Nämlich die “Mittleren-Lesung” vorbereitet, den 14. 3. als Vorbereitungstreffen fixiert, die Frauen eingeladen, das Einleitungsreferat zusammengestellt, das Flugblatt entworfen. Am Samstag habe ich mein “Schreiblernbuch” für meinen neuen Text, nämlich Angela Leinens “Wie man den Bachmannpreis gewinnt” gelesen und es interessant gefunden, nicht unbedingt ein Ratgeber für mein neues Projekt oder doch, denn Angela Leinen steht ja auf der Leserseite und ist eine, die von den Autoren hohe Sorgfalt fordert, damit sie sich nicht beim Lesen langweilt und das war ja ein Thema, das mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat.
Wie gut oder schlecht ich schreibe und ob ich für Qualität oder Quantität stehe? Daß ich in eine Schreibkrise geraten könnte, wenn ich an eine neue Arbeit denke und der Gedanken kommt, wozu tue ich mir das an oder worüber soll ich schreiben, wenn ohnehin schon alles gesagt ist?, darüber habe ich ja schon refektiert, bevor ich ins Literaturhaus zur “Praxis des Schreibens” gegangen bin und JuSophie kennenlernte, die mir eine Woche lang interessante Kommentare schickte.
Einerseits ist mir das Schreiben sehr wichtig, andererseits bringe ich es nicht zusammen, einen Verlag für meine Bücher zu finden und weil ich in den letzten siebenunddreißig Jahren so viel geschrieben habe, bin ich sicher schon ein wenig ausgeschrieben und die Ideen für Digitalbuch fünfundzwanzig, die in meinem grünen Notizbuch stehen, unterscheiden sich auch nicht sehr, von dem was schon geschrieben ist. Andererseits schaffe ich es nicht, nicht zu schreiben und will das auch nicht. Ein Übungsprogramm zum Nichtschreiben werde ich mir nicht entwerfen und denke auch, daß ich es kann und viel gelernt habe seit der Zeit, als die sehr schüchterne Studentin ihre erste Erzählung schrieb, jetzt auch einige der Kritikpunkte verstehe und sicher noch die nächsten zwanzig, fünfundzwanzig Jahre weiterlernen werde.
So habe ich in dem Leinen-Buch auch einige kritische Punkte gefunden. Meine Dialoge könnte ich mir anschauen, meine Figurenführung verbessern und sicher auch die Themen, denn es ist ja schon so viel geschrieben worden. Da ist eine büchersüchtige Zwillingsschwester, die sich vom Leben zurückzieht nicht so neu. Andererseits ist es vielleicht das, was ich zu sagen habe, wo ich mich auskenne und Expertin bin, aber die Idee mit dem Zeit lassen ist sicher gut und da hilft auch ein Übungssprogramm.
Was steht also in dem grünen Buch? Die erste Idee zum neuen Roman, ist schon im September oder Oktober gekommen, als ich Ulrich Bechers “Kurz nach vier” gelesen habe. Ich könnte eine Frauenfigur auf eine Reise durch Europa schicken, die erzählt dabei ihr Leben und liegt gleichzeitig im Hotelbett oder geht ins Museum etc. Die zweite Schwester ist die depressive Aussteigerin, die ihre Bücher liest und daraus Geschichten entstehen läßt. Ein Thema das mich interessiert und über das ich schon öfter geschrieben hat, denn man schreibt ja immer an einem Roman, ein ganzes Leben lang, das steht als Vorwort in einem meiner Bücher, ich habe das aber nicht erfunden.
Dem Ganzen fehlt sicher auch der Schwung, das habe ich am Donnerstag geschrieben, als ich über den Abschluß und den Neuanfang reflektierte. Es müßte mir also gelingen, etwas Neues aus dem bekannten Gerüst zu machen. Mittwoch Nacht sind mir zwei alte Ideen eingefallen, nämlich die Geschichte der Martha Binder, ein Kind aus einer sozial schwachen Familie, das in den Siebzigerjahren von der Jugendwohlfahrt von Linz in die Stadt des Kindes geschickt wird und von der Volksschullehrerin getröstet wird, dann kannst du ins Gymnasium gehen, sie wird in die Hauptschule geschickt und als sie sich darüber ärgert, tröstet sie der Freund ihrer Mutter mit einem Fern–Matura-Kurs, den sie buchen könnte, sie tut das und geht, während es mit der Friseurlehre nicht klappt, statt in den Jugend am Werk Kurs zum Knochenkolloqium, bekommt dann keine Gemeindewohnung, sondern einen Platz in einer Frauenwohngemeinschaft und lernt schließlich den Jugendamtsleiter kennen, der ihren Fall supervidieren soll.
Eine alte Geschichte, passt aber gut zu den Jugendwohlfahrtsmeldungen, die in der letzten Zeit zu hören waren, das wäre unter dem Titel “Martha, die Lügnerin”, interessant aufzurollen, dann habe ich noch ein anderes Szenario im Kopf, nämlich das der Lenka Riegler, die knapp vor der Matura eine Psychose bekommt, in einer betreuten WG verschwindet und als sie Jahre später von einem Psychiater schwanger wird, versucht herauszubekommen.
Der Besuch bei meiner Cousine Irmi am Donnerstag hat mich auf die Idee gebracht, den Zwillingsschwestern Lisbeth und Katharina eine Mutter zu geben, die sich, als die Kinder siebenundzwanzig sind, von ihnen trennt und verschwindet. Als sie mit Achtzig stirbt, hinterläßt sie ihrer Katze ihr Vermögen, die Schwestern, beide vielleicht vor kurzem in Pension gegangen, treffen sich beim Begräbnis, Katharina, die Sozialarbeiterin war, geht mit ihrem Bus auf Europa oder Österreichreise, Martha Binder und Lenka Riegler waren vielleicht ihre Fälle, an die sie sich erinnert. Lisbeth, die Bibliothekarin zieht sich zu ihren Büchern zurück.
Zum Schreiben habe ich noch nicht angefangen. Ich weiß auch nicht, ob und, wie sich das verbinden ließe. Wäre aber ein Szenario, das ich den Rest des Jahres entwickeln könnte, zumindest nehme ich mir das vor. Vielleicht mache ich es auch ganz anders, schreibe die zwei Geschichten linear und lasse die Zwillingsschwestern weg. Denn da hätte ich erst die Begräbnisszene im Kopf und was mache ich dann? Wie weit ist der Beginn der Anfang der Geschichte, wie weit ist das Muttertrauma relevant, das zur Martha Binder und der Lenka Riegler ja in keinem Zusammenhang steht?
Ein bißchen in meinen eigenen Büchern schmökern will ich auch noch, bevor ich mit was Neuem beginne. Es gibt auch die Idee, die Katharina in Linz auf die Fritzi Jelinek treffen zu lassen und die könnte ihre Beziehung zu Janusz Warszinski wieder aufnehmen, also eine Fortsetzung und die Idee, zuerst meinen Kopf ausleeren und dann neu von vorn zu beginnen, gibt es auch, auch wenn ich da ein wenig ratlos bin, ob und wie mir das gelingen könnte.
Author: jancak
Wie man den Bachmannpreis gewinnt
Angela Leinens Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben zum vorjährigen Bachmannpreis herausgekommen und vom Verlag, wie ich hörte, den Juroren zur Verfügung gestellt, verspricht sehr viel und wird daher von potentiellen Autoren, die das natürlich wollen, schließlich handelt es sich ja um einen sehr begehrten Preis, vermutlich fleißig gekauft und gelesen werden.
Wenn auch gleich auf Seite achtzehn steht “Sie werden es inzwischen ahnen: Das ist keine Anleitung zum Gewinnen eines Literaturpreises. Das im Titel angedeutete Versprechen wird im Buch nicht eingelöst.”
Da könnte man sich zwar als Leser und als Käufer verarscht fühlen und das Versprechen einklagen. Vermutlich würde man das auch bei jedem anderen Versprechen tun, bei der Literatur ist das natürlich anders und so fragt man vielleicht nur, was ist es dann?
“Keine Anleitung zum Schreiben, kein Creativ-Writing-Lehrgang, keine Stilfibel und es erklärt auch nicht die Mechanismen des Literaturbetriebs”
Für was hat man dann die 13 Euro 40 ausgegeben? Auch das wird erklärt.
“Wie man den Bachmannpreis gewinnt”, ist ein Buch für Leser, “markiert leicht erkennbare Anzeichen für gute und für schlechte Texte und zeigt, was passiert, wenn ein bestimmter Text auf einen bestimmten Leser trifft.”
Die Einlösung des zweiten Versprechen ist mir im Buch zwar nicht aufgefallen, obwohl ich mir alles genau angestrichen habe.
“Es ist auch ein Buch für Autoren”, wird weiter geschrieben, “die sich dafür interessieren, was sich die Leser wünschen”.
Verfasst wurde die Gebrauchsanweisung von der 1968 geborenen Angela Leinen, Anwältin, Mediatorin und Journalistin aus Bonn, die sich seit 2003 mit dem Wettlesen in Klagenfurt beschäftigt und darüber in ihrem Weblog “Sopran” und im Gemeinschaftsweblog lesemaschine.de schreibt. Da gibt es ja auch die aus diesen Blog entstandene Automatische Literaturkritik, die anhand vorher festgelegter Plus- und Minuspunkte, die eingereichten Texte bewertet und seit 2008 den Preis der Riesenmaschine vergibt.
2008 hat den der Bachmannpreisträger Tilman Rammstedt gewonnen, der auch noch den Publikumspreis bekommen hat, 2010 Dorothee Elmiger. Die Riesenmaschine ist Teil der zentralen Intelligenzagentur und in Klagenfurt sehr zentral vertreten, schließlich hat ja Kathrin Passig 2006 den Bachmannpreis bekommen und Aleks Scholz, der auch zu der Gruppe gehört, hat 2010 ebenfalls gewonnen.
Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Kathrin Passig und hat einige Gastbeiträge von Bachmannpreisgewinnern wie Clemens J. Setz, Juroren, wie Daniela Striegl und Lektoren, wie Joe Lendl, der auch Autor ist und, wie ich glaube in Leipzig studierte, die erzählen, was für sie ein guter oder schlechter Text ist, vor allem aber führt das Angela Leinen in den verschiedenen Kapitel aus Sicht der Bachmannpreisbeobachterin aus.
So hat sie die wichtigsten Stoffe der Bachmannpreisleser von A-Z zusammengefaßt, führt an, über was die Autoren so schreiben und gibt Tips mit den jeweiligen Reiz und Risken.
Weiter geht es mit wichtigen Fehlerquellen, die man auch in Schreibratgebern, wie zum Beispiel dem berühmten “Wie man einen verdammt guten Roman schreibt”, finden kann. Daß der Autor seine Figuren gut kennen soll, beispielsweise, aber auch, wie man die verschiedenen Perspektiven einsetzen soll, keine sprechenden Namen verwenden, sich in keine Schlüßelromane, wie Martin Walser in “Tod eines Kritikers” einlassen und auch die Kunst der Dialoge wird in einem Kapitel ausgeführt. Also kein zuviel “sagte er”, “sagte sie” und auch Synonyme wie “lachte, brüllte, flüsterte, keuchte, kicherte etc.” soll man nicht so oft verwenden. Der gute Dialog kommt ohne aus und niemand soll ihn nur wegen des Dialogs verwenden. Dann folgt im Kapitel Sex “Wenn in Büchern zwei Menschen aufeinanderprallen, droht Schlafgemach(Sexszene) oder Ungemach (Dialog). Beides mißlingt meist”, die Erkenntnis, daß sich die Autoren oft nicht an den Sex im Text herantrauen. “Feuchtgebiete”, Wolf Haas und Clemens J. Setz werden da als Gegenbeispiele angeführt.
Im Kapitel “Die Sorgfaltspflicht des Autors”, fordert Angela Leinen von den Autoren mehr Genauigkeit und verlangt, daß es stimmen muß, wenn man behauptet, daß der 24. November 2002 ein Montag war.
Ansonsten taucht wieder Altbekanntes aus, wie die Warnung vor den Adjektiven, die der Autor Philipp Tingler, 2001 in Klagenfurt offenbar so oft verwendete, daß ihm Robert Schindel empfahl, zwei bis drei Kilo davon hinauszuschmeißen.
Eigentlich alles altbekannte Sachen, die man inzwischen in jeden Ratgeber finden kann, die Angela Leinen von Kapitel zu Kapitel mit vielen Beispielen belegt.
“Denn der Autor kann zwar alles machen, drollige Katzengeschichten schreiben und seine Wörter mit dem Zufallsgenerator mischen oder Texte ohne Sätze verfassen, nur darf er sich nicht wundern, wenn der Leser das nicht lesen will!”
Da frage ich mich dann immer, woher weiß man das eigentlich so genau, was “der” Leser will und bei welcher Fehlerzahl er das Buch genervt ins nächste Eck schmeißt, gibt es da so viel ich weiß ja keine Untersuchungen, sondern eher Expertenmeinungen, die sich meist sehr selbstbewußt äußern.
Spannend auch, daß das, obwohl das wahrscheinlich ohnehin schon jeder weiß, der sich fürs Schreiben interessiert, offenbar noch oft passiert, wird man ja, um beim Bachmannpreis lesen zu dürfen, ausgewählt. Bekommen die Juroren ja hunderte Einreichungen und dürfen daraus je zwei Texte vorschlagen.Trotzdem ist Angela Leinen das Angeführte bei diesen Texten aufgefallen und sie führt das auch an vielen Beispielen aus. Richard David Precht hat 2004 in seinem Text “Baader braun”, zuviele Klischees verwendet und Helga Glantschnig 2002 im Text “Verschollen”, die Vorbereitungen einer Frau zu ihrem Selbstmord sehr breit geschildert, die diesen dann nicht ausführte, was die Juroren als fad und langweilig erlebten und natürlich wird auch angeführt, daß 2009 bei den meisten Juroren Linda Stifts Text durchfiel, der sich mit dem Flüchtlingselend befaßte, weil man das ja angeblich nicht kollektiv beschreiben darf. Mir hat zwar das Kollektive-Ich bei diesen Text sehr gut gefallen, weil ich den Eindruck hatte, daß ich dadurch erst verstanden habe, was da im doppelten Boden des überfüllten Lastwagens vor sich geht.
So werden die Fehler durchanalysiert, die aus einem unzumutbaren Buch ein lesbares Buch machen könnten und ich habe mir diesen “benutzerfreundlichen und sehr unterhaltsamen Leitfaden für alle Buchliebhaber”, wie auf der Rückseite steht, auch vom Alfred zum Geburtstag gewünscht.
Jetzt habe ich ihn gelesen und auch einige Fettnäpfchen gefunden, in die ich noch immer lustig trete und nehme mir natürlich vor, darauf zu achten, um, wie Robert Schindel beim Symposium für Sprachkunst sagte, in der Qualität besser zu werden, was natürlich wichtig ist.
Trotzdem bleibe ich ein wenig ratlos zurück, da diese Gebrauchsanweisung, auch ein Schritt zur Gleichmacherei ist, weil am Ende vielleicht, die nach den Krtierien der Riesenmaschine konstruierten Texte überbleiben könnten und wenn alle, die beim Bachmannpreis lesen wollen, ihre Texte nach diesen Kriteren durchsehen, fällt außer den Fehlern, vielleicht auch viel an Originalität heraus, was mir nicht gefallen würde.
Für den Leser ist es sicher interessant das Buch zu lesen, wenn man da auch aufpassen und vorsichtig sein sollte und in seiner Krealtivität sollte man sich auch nicht hemmen lassen.
Morrisons Versteck
Peter Henischs 1991 beim guten alten Residenz-Verlag erschienener Roman “Morrisons Versteck” handelt, wie ich der Beschreibung entnehme von legendären Sänger der Rockgruppe “The Doors”, Jim Morrison, der am 3. Juli 1971 in einer Pariser Badewanne mit siebenundzwanzig Jahren gestorben ist.
Da der Roman in einer Zeit geschrieben wurde, in der man offenbar nicht mehr so einfach vom Anfang bis zum Ende erzählen durfte, macht der 1943 in Wien geborene, Peter Henisch, der mit “Die kleine Figur meines Vaters” 1975 bekannt wurde, eine Mischung aus Vampirgeschichte und Rockbiografie bzw. einen Fleckerlteppich aus Anspielungen, Parodie, Ernst und Phantasie daraus. In kurzen oder auch längeren Szenen wird auf dreihundert Seiten das Leben des ebenfalls 1943 geborenen Jim Morrison erzählt und das auf so vielen Ebenen, mit Gedichten, Zitaten und einem Sprachgemisch von Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, daß es gar nicht einfach ist sich auszukennen, so daß sich der Autor auf Seite 237 sozusagen seiner Leser erbarmt und eine Beschreibung des bisher Geschehenen gibt:
“Der Journalist und mäßig erfolgreiche Schriftsteller Paul hat ziemlich merkwürdige Briefe von der Fotografin Petra erhalten, die ihn fast 20 Jahre früher erotisiert hat. An einem Ort, den sie vorsichtshalber verschweigt, will sie dem 1971 verstorbenen und / aber von diversen Legenden umrankten Rockstar Jim Morrison begegnet sein. Durch eine Einladung zu einer Lesereise und/ oder auch auf der Flucht vor Petras Briefen ist Paul nach Amerika geraten. Und nun sitzt er in einem Hotelzimmer in Los Angeles und versucht, der ihn immer ärger bedrängenden phantastischen Geschichte eine (seine) realistische Geschichte entgegenzusetzen:
Von einem Journalisten und mäßig erfolgreichen Schriftsteller namens Paul, der nach Amerika gereist ist. Und zwar anläßlich einer Lesereise, zu der man ihn überraschenderweise eingeladen hat, und das läßt sich mit seinen Morrison-Recherchen verbinden. Er will nämlich ein Buch über Jim Morrison schreiben, obwohl sich sein Freund Morgenrot, ein Musikjournalist, an den er sich wegen dieses Projektes gewandt hat, Jim Morrison nicht leiden kann. Und nun sitzt er in seinem Zimmer des Marina-Motels in L.A.; und den Nachmittag hat er verschlafen, weil er eine ziemlich anstrengende Nacht hinter sich gebracht hat, aber jetzt ist er wieder einigermaßen wach und schreibt ungefähr folgendes:…”
Er verläßt aber auch das Hotelzimmer und geht mit einem Video eines Door-Konzerts, das er verstaubt in einem Laden gefunden hat, in einen Sexclub, um es dort abzuspielen, da es im Motel keinen Videorecorder gibt. Dreimal geht er dorthin, bis es ihm gelingt, das Video zu Ende zu sehen, hat er dazwischen doch immer wieder Visionen, Petra und Jum Morrison tauchen dabei auf und versuchen ihn in ihre Liebesspiele einzubeziehen. Dann kauft er Knoblauch und Vampirphähle und bricht in der Nacht zum Friedhof auf, jetzt befinden wir uns wieder in Paris und beginnt, während ihn Paul Morgenrot noch abhalten will, schon zu schaufeln. Kurz darauf befindet sich der Schriftsteller im Zug, der gerade in den Zielbahnhof einfährt, schickt ein Telegramm “Mit Morrison” fertig und beschließt “sich von dem Vorschuß, den ihn der Verlag für die Zusendung des halben Manuskriptes gewährte, ein paar Tage Erholung in einer mit dem Roman in keiner Weise verbundenen Gegend zu gönnen”. So kommt er in eine kleine Ortschaft, nimmt ein Zimmer im einzigen Hotel und reißt am nächsten Morgen das Fenster auf: “Da sah ich die Mauer. Und dahinter den Garten.”
So endet der Roman und man hat, wenn man soweit gekommen ist, viel über den legendären Sänger, sein Leben und politische Situation Amerikas der sechziger Jahren gelernt. Und das Buch, ein Fund aus dem Bücherschrank, ausrangiert aus einer städtischen Büchereifiliale, das zufällig auf der Leseliste stand, passt auch ganz gut zu der Diskussion der letzten Tage, über das realistische Schreiben, ob man nach Auschwitz überhaupt noch so schreiben kann und, wie spannend es die Leser wollen. Vampirromane sind heute in, ob das 1991 schon so war, weiß ich nicht und auch nicht, ob der durch die heutigen AHS gegangene Durchschnittsleser, soviel Geduld aufbringt, um sich auf die dreihundert Seiten Anspielungen, Buchzitate und ständige Perspektivenwechseln einzulassen. Peter Henisch kommt mir vor refelektiert auch ironisch das Romanschreiben und macht immer wieder kleiner Einschübe, in dem er darüber schreibt. Das Lesen von Nichtlinearen ist anstrengend, erfordert Konzentration und Geduld, vor allem wenn man darüber rezensieren will. Man hat aber etwas davon und man hat eigentlich auch drei oder vier Romane gelesen, bzw. Stoff gefunden aus denen sich die locker machen ließen.
Ich bin eigentlich ein Fan von Peter Henisch, beziehungsweise habe ich schon einige Bücher von ihm gelesen.
“Bali oder Swoboda steigt aus”, “Baronkarl”, “Der Mai ist vorbei”, “Die kleine Figur meines Vaters”, “Eine sehr kleine Frau”, “Hamlet bleibt”, “Pepi Prohaska Phrophet”, “Steins Paranoia”, “Zwischen allen Sesseln”, um das jetzt so durcheinanderzumischen, wie es in meinem Bibliothekskatalog steht. In den Achtzigerjahren habe ich mir die bei Residenz erschienenen Bücher, regelmäßig gekauft und da ich in dieser Zeit meine Manuskripte “Zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt”, die “Hierarchien”, etc. selber an Residenz schickte und auch Ähnlichkeiten am “realistischen Stils” Peter Henischs zu meinem fand, kann ich mich erinnern, daß ich, beispielsweise nach dem Erscheinen von “Steins Paranoia” 1988, da war ich gerade in die GAV aufgenommen worden, dachte, jetzt müßte es mit meinen Sachen eigentlich auch klappen. Hat aber nicht, wie ich inzwischen weiß.
Ich habe Peter Henisch auch bei einigen Lesungen z.B. bei Rund um die Burg, aber auch in einer Grabenbuchhandlung 2000, während der Donnerstagsdemonstration, als gerade draußen die Demonstranten vorbei stürmten, er hat, glaube ich, aus dem “Schwarzen Peter” gelesen, erlebt und sehe ihn auch immer wieder als Publikum, z.B. bei der Lesung von Reinhard Wegerth im Oktober oder auch auf der Straße, wohnt er doch, glaube ich, in der Josefstadt.
Das neueste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war das 2007 bei Deuticke erschienene “Eine sehr kleine Frau”, das was mich am meisten beeindruckte “Der Mai ist vorbei”, weil es da um Wien 1968 und die Wespennest-Mitarbeit geht. Den zuletzt erschienenen Roman “Der verirrte Messias” habe ich nicht gelesen, sondern nur bei Rund um die Burg gehört.
Und wenn ich schreibe, daß ich ein Fan von Peter Henisch bin, übertreibe ich ein wenig, ich würde aber gern so wie er schreiben können, wenn “Morrisons Versteck” vielleicht auch besonders abgehoben war. Die anderen Romane scheinen mir linearer und einfacher lesbar zu sein.
Abschluß und Neuanfang
Nach dem intensiven Schreibcoaching der letzten zwei Wochen bin ich gestern überraschend schnell mit der “Absturzgefahr” fertig geworden. Jetzt liegts beim Alfred, damit er es durchsieht, die Rechtschreib- und Grammatikfehler korrektiert und es für die Druckerei vorbereitet. Ein Umschlagfoto brauchen wir auch. Da hätte ich an Wolken gedacht. Ein Flugzeug stürzt ja ab und auch sonst passiert den Protagonisten einiges was ganz gut dazu passt. Außerdem fotografiert der Alfred ja ganz gerne solche, als wir das vorletzte Mal in der hohen Tatra waren, kann ich mich erinnern, daß wir sehr lange zum Campingplatz brauchten, weil er immer wieder stehen geblieben ist, um das Spiel der Wolken einzufangen. Einen Beschreibungstext brauche ich auch und habe schon eine Idee, wem ich fragen werde, wenns der Alfred durchgesehen hat, bekomme ich den Text zur Schlußkorrektur, bevor wir es an den Digitaldruck schicken.
Ansonsten bin ich frei für den Neubeginn. Ich bin ja eine fleißige Schreiberin. Daß ich nur für Quantität statt für Qualität bin, glaube ich nicht, aber ich bin halt eine Schnelle und man lernt auch durch das viele Schreiben. Gar nicht zu schreiben halte ich wohl auch nicht aus und so haben sich schon ein paar Ideen in meinem grünen Notizbuch angesammelt. Allerdings sind die sehr vage. Da ist die Idee von zwei Zwillingsschwestern, eine könnte durch Österreich oder Europa fahren, die andere sich über ihre Bücher machen und dabei ihr Leben refektieren und die Handlung entwickeln. Nicht sehr originell, das gebe ich schon zu. Also werde ich nicht gleich morgen damit anfangen, sondern, ich weiß, das habe ich schon öfter geschrieben, mir diesmal wirklich viel Zeit für das Neue lassen.
Da ist ja auch die Idee erst einmal ein Monat oder auch ein halbes Jahr nichts zu schreiben, um mich für das Neue zu öffnen. Da bin ich zwar skeptisch, ob ich das zusammenbringe. Aber eine längere Ordnungsphase ist sicherlich gut. Ich habe auch meine Schreibabschluß- bzw. Anfangrituale. Fensterputzen gehört dazu, bzw. zum Friseur gehen. Das Letztere habe ich heute getan, am Rückweg vom Besuch bei meiner Cousine Irmi bin ich bei Fair hair vorbeigekommen. Das nächste wäre meine Schreibnotizen ordnen und langsam ein Gerüst erstellen. Mit Schreibbücher lesen fange ich inzwischen auch ganz gerne eine neue Arbeit an.
Vor der “Absturzgefahr” im Sommer kann ich mich erinnern, daß mir Louise Doughtys “Ein Roman in einem Jahr” sehr geholfen hat. Diesmal wartet Angela Leinens “Wie man den Bachmannpreis gewinnt”, daran kann ich eine weitere Themensuche für mein Grundgerüst anschließen. Zeitungslesen und Themen heraussuchen mit denen sich das auffüllen läßt und vielleicht eine Zeitlang Szenen sammeln, um zu verhindern, daß ich zu schnell fertig werde. Ein bißchen was ist ja daran, daß ich sehr schnell in ein manisches Schreiben gleite bzw. die eingefahrenenen Gleise nicht verlasse. Eine mahnende Stimme oder Hand, die mich festhält, wenn ich zu schnell voran will, wäre schon ganz gut. Mir auch meine Schwachstellen noch einmal bewußt machen und da kämen die Rechtschreib- und Grammatikfehler wohl an letzter Stelle.
Daß die Personenführung vielleicht zu flach ist und ich manches zu sehr von außen schildere, mag schon stimmen. Einen Spikzettel mit den Fehlerquellen machen und versuchen von einer anderen Sichtweise aus zu schreiben, wäre sicherlich nicht schlecht.
In der nächsten Zeit werde ich auch noch mit anderen beschäftigt sein. Die Steuererklärung wird in den nächsten Wochen zu machen sein und die Frauenlesung muß ich vorbereiten. Das wäre auch ein Ritual damit zu beginnen, bevor ich mich auf den neuen Text einlasse. Den Termin für das Vorbereitungstreffen vorschlagen, das Flugblatt machen und meinen Einleitungstext vorbereiten. Lesen, denke ich, werde ich aus der “Absturzgefahr” und das wäre auch das erste Mal, das ich daraus vortrage. Zwei Szenen könnte ich mir vorstellen, die wo die Margret von ihrer Traumatisierung erzählt und als zweite, die wo die Fritzi Jelinek mit dem Laptop im Burggarten sitzt, das Mail von Jan bekommt und die Kindergärtnerin beobachtet, die ihre Gruppe vom Taubenfüttern abhalten will “No food for birds, only food for kids!”
Und das Fremdlesen ist auch immer eine schöne Einstiegsübung. Da habe ich einmal bei den Bücherblogs von einem Lesemarathon gelesen und gedacht, das würde ich auch gern tun. Zwar bin ich mir nicht wirklich sicher, ob ich es aushalte, eine ganze Woche oder länger nichts zu tun, als zu lesen. Aber wenn der Alfred im März nach Spanien fährt, könnte ich mir das vornehmen. Da lenkt zwar leipzig liest.de, das ich mir heuer nur über das Internet geben werde, ein wenig ab. Aber es haben sich bei mir ein paar Chick Lit Romane angesammelt, die ich außertourlich gerne einschieben möchte und zwei Frühjahrsneuerscheinungen sind inzwischen auch zu mir gekommen.
Das wären schon einige Punkte für das Zeitlassen, um möglichst frisch und unverbraucht in das neue Schreibprojekt zu starten. Josef Winkler hat in der Sendung im Gespräch vorige Woche gesagt, daß ihn jeden neue Buch unter den Druck stellt, daß er sein letztes überholen muß. Da bin ich zwar nicht ganz so streng, aber von einer etwas anderen Warte einzusteigen, wäre schon sehr gut. Mal sehen, wie es mir gelingt. Meine Leser können es beobachten und zwei Meldungen kann ich zum Schluß auch noch machen. Die Erste ist erfreulich, bin ich da ja einmal mit einer Schätzung richtig gelegen. Meistens irre ich mich ja mit meinen Preisprognosen, aber diesmal hat meine Vermutung, daß Dorothee Elmiger den Rauriser Literaturpreis gewinnt, gestimmt.
Das zweite ist ein Artikel im literaturcafe.de, der mich ein wenig verwirrte. Nämlich der Bericht einer Autorin, die sich für O,7 bis 4 Cents pro Wort im Akord bei Internet-Content-Agenturen verdingt und dort Rezensionen, Lesermeinungen und Forendiagloge unter wechselnden Namen schreibt. Ich habe gar nicht gewußt, daß es so was gibt und auch nicht, daß angeblich ein Großteil der Internettexte nicht von Usern, Bloggern, angegestellten und freiberuflichen Juournalisten erstellt werden. Eine recht triste Sicht der prekären Tätigkeit einer erfolglosen Autorin. Mein Blog ist aber echt und wird von mir selbst geschrieben.
Erzählprobleme und Protagonistenmeinungen
Das Feedback zu “Mimis Bücher” hat mich auf einige Gedanken gebracht, die ich auch meine Leser wissen lassen möchte. Wer erzählt die Geschichte? Sind die Meinungen der Protagonisten, die des Autors und was ist, wenn der Protagonist eine andere Meinung hat, politisch unkorrekt ist, etc?
Auslöser war der Satz, den Mimis Bruder Günther, ein zweiundzwanzigjähriger Medizinstudent beim Mittagessen vor sich hin denkt “…wer interessiert sich für Literatur von Behinderten, wenn die Universitäten überlaufen sind und die überforderten Lehrer in den öffentlichen Schulen schon bei an sich normalen Migrantenkindern zwanzig Prozent Analphabeten produzieren?”, ein etwas flapsig formulierter Satz, den er vielleicht in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gehört hat, denn beide sind ja voll davon und die Zahlen stimmen auch. Analysiert man den Satz selbst, ist er vielleicht nicht ganz richtig, denn Kinder kommen meist als Analphabeten in die Schule, lernen dort schreiben und lesen und wie die Pisa-Studie zeigte, verlassen zwanzig Prozent der Kinder diese, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen. Korrekter wäre wohl zu schreiben, daß die Kinder in der Schule nicht gut lesen lernen. Aber Protagonisten haben nicht immer ein korrektes Deutsch, sprechen flapsig vor sich hin, verwenden Mundart etc. und sagen vielleicht auch manchmal etwas, das man nicht sagen sollte.
Was mich betrifft, so muß ich zugeben, daß mir, die ich auch manchmal Satiren schreibe, die flapsige Formulierung gefällt und zu dem Inhalt stehe ich, wie meine Leser wissen, auch, bin ich ja mit der derzeitigen Bildungspolitik nicht zufrieden. In diesem Fall vertritt der Protagonist meine Meinung und ich habe, wenn man so will, vielleicht ein bißchen Schleichwerbung betrieben, denn es geht in dem Buch ja nicht, um die Pisa Studie sondern, um das Schreiben und das Leben mit Downsyndrom.
Ein anderes Beispiel wäre das, was ich in meinem Kommentar schon anführte, was ist, wenn ich einen Roman über Neonazis schreibe und meinen Protagonisten sagen lasse, daß Hitler für ihn der größte ist? Dann sollten die Kritiker und Leser auch nicht wütend das Buch wegschmeißen, denn der Autor ist ja nicht der Ich-Erzähler, obwohl das oft verwechselt wird.
Einmal hatte ich ein ähnliches Problem bei der Lesung aus dem “Wiener Stadtroman”, der in Wien an einem Tag im Viertelstundentakt von acht Uhr früh bis Mitternacht spielt, wo verschiedene Personen ihren Weg kreuzen und ihn wieder verlieren. Eine davon, die ich sehr mag, ist ein sogenannter Stalker, ein geschiedener Mann, der die Trennung von seiner Frau nicht überwunden hat, sie daher ständig anruft, ihr Rosen vor die Türe legt und dabei von einer Frauenwohngemeinschaft beobachtet wird. Im Publikum waren einige Feministinnen, von denen ich später hörte, daß sie bei dem Text böse schauten. Dabei bin ich selber Feministin, konnte mich aber in den Werner Franthauser gut hineinversetzen und habe mir vorgestellt, wie es ihm nach der Trennung geht. Er lernt im Laufe des Tages auch eine Frau kennen und der Roman deutet an, daß es ihm gelingt mit Elizabeth, die er, weil sie keine Wohnung hat, in seinem Büro schlafen läßt, die Krise zu überwinden.
Wieder zurück zu “Mimis Bücher”, da gab es noch ein Erzählproblem. Nämlich die Frage, ob Menschen mit Down Syndrom krank, gesund, normal, behindert etc sind und ob man das diskutieren sollte? Das Down Syndrom ist eine Chromosomenanomalie ganz klar. Eine Erzählung aber kein Sachbuch. Da man üblicherweise nicht sehr viel über das Leben von Down Syndrom Betroffenen weiß, ist es sicher wichtig darüber zu informieren, aber nicht im Vortrag mit dem Zeigestaberl, sondern “Show not tell!”, wie das so schön heißt.
Um das zu können muß man einiges über die Betroffenen wissen. Ich habe einmal bei der Lebenshilfe gearbeitet, immer wieder behinderte Klienten in meiner Praxis und bin seit vier Jahren Jurorin beim Ohrenschmaus. Dann gibt es eine Website und auf der bin ich auf Texte, wie die von Michaela König gestoßen, die schon drei Bücher geschrieben hat und da habe ich gemerkt, daß sich die Betroffenen, als gesund und normal definieren und ihnen die Vermittlung dieses Inhalts ein großes Anliegen ist.
So fährt die Mimi zu Kongressen und hält auf diesen Vorträge über das Leben mit Down Syndrom, auch das ist ident und gibt es und weil die Mimi sensibel ist, merkt sie auch, daß ihre Mutter, das vielleicht, obwohl sie es nicht sagt, nicht so sieht.
Mütter halten ihre Kinder leicht für krank, die Nachbarn und die Menschen auf der Straße, die nicht viel Erfahrung mit Menschen mit Behinderung haben, sehen das wieder anders. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich einmal mit meiner kleinen Tochter mit einigen Arbeitskreisfrauen traf, eine hatte einen kleinen Buben mit Downsyndrom, der sehr kräftig war und die Anna an den Haaren riß. Die Mutter hat ihn weggezogen, die anderen Frauen haben nicht sehr verständnisvoll darauf reagiert und Sachen gesagt, die man eigentlich dem erdachten Nazi in den Mund legen könnte und mich den Kopf schütteln ließen. Auch das ist realistisch, auch wenn es nicht sein sollte.
Wenn ich also die verschiedensten Protagonistenstimmen sprechen lasse, habe ich das Leben mit Downsyndrom wohl am besten gezeigt, so daß man es sich nachher vielleicht ein bißchen vorstellen oder sich weiter mit dem Thema beschäftigen kann. Also habe ich den Günther, der seine Schwester sehr mag, auch in seiner Ambivalenz gezeigt und mit den Schwierigkeiten, die man vielleicht hat, wenn man als hochbegabter jüngerer Bruder einer behinderten Schwester aufwächst.
Um die Sprache der Mimi zu treffen, habe ich mich an den Texten Betroffener orientiert und den Text von meiner Tochter, die Behindertenbetreuerin ist und von Otto Lambauer, der bei der Caritas in diesem Bereich arbeitet, durchsehen lassen. Hundertprozentig wird es mir nicht geglückt sein, kann es wahrscheinlich auch nicht. Wie ich aber an den Texten merke, die ich Jahr für Jahr für den Ohrenschmaus durchsehe, ist die Sprache der Einreichenden auch sehr verschieden.
Das sind vielleicht die Ecken und die Kanten, die mir angeblich fehlen, was ich nicht so sehe, sondern denke, das Ende der “Mimi” ist nicht so wunderbar positiv, wie es Otto Lambauer in seinem Beschreibungstext formulierte, sondern alltäglich und normal.
Der dritte Kritikpunkt führt zu der Frage, wie genau man Dinge benennen kann und soll. Da ist das Beispiel das Honorar das Johannes Staudinger der Therapeutin Roswitha Horvath zahlt. Sie verlangt von ihm siebzig Euro, das ist der realistische Stundensatz vom Frühling 2010, als das Buch geschrieben wurde. Bücher haben aber kein Ablaufdatum, liest man es in zehn, zwanzig Jahren, wirkt der Preis veraltet, also kann man sicher diskutieren, ob es nicht professioneller ist, die Zahl wegzulassen. Das ist ein Tip, den ich mir mitnehmen kann, um in meiner Sprache genauer zu werden. Allerdings finde ich es wieder spannend in alten Büchern zum Beispiel in denen von Elisabeth Gürt zu lesen, daß ein Kaffee zwei Schilling und eine Semmel zwanzig Groschen kostet.
Man sieht, die Kritik, so harsch sie mir zuerst auch vorkam, hat viel in mir ausgelöst. Ich habe ja und meine Leser wissen es, mit dem Annehmen von Kritik, wie viele andere Autoren, Schwierigkeiten und kritisiere selbst nicht sehr. Ich bin auch eine, die Bücher meist zu Ende liest, es passiert mir aber öfter, daß ich in der Badewanne liege und mich über den Autor ebenfalls ärgere oder Schwierigkeiten mit seinem Sprachstil habe und denke, das kann ich nicht besprechen. Ich lese dann zu Ende und am Schluß kann ich darüber schreiben. Ich habe mir, da ich niemanden verletzen will und sicher etwas harmoniebedürftig bin, auch angewöhnt, nicht zu werten, sondern den Inhalt wiederzugeben, zu schreiben, wie ich das Buch empfunden habe und was ich über den Autor weiß. Auf Fehler weise ich natürlich hin, beispielsweise, wenn wieder jemand den Psychiater mit dem Psychologen verwechselt, wie es mir schon oft passierte.
Die Kritik, die ich beispielsweise beim Arbeitskreis schreibender Frauen erlebte, habe ich nicht als konstruktiv empfunden und ich glaube, sie war das auch nicht. Das hat sich inzwischen geändert. Inzwischen haben die meisten Schreibseminare ein Infoblatt, wo die Regeln des Feedbackgebens erläutert werden und die gleichen meist denen der guten Kommunikation. Also von seiner Meinung, seinem Erleben und davon, wie der Text auf einen wirkte, als “Das ist dir aber jetzt mißlungen!” oder von einem schlechten Text zu sprechen.
Die Autorin abholen, wo sie steht und sie ein wenig auf ihren Weg weiterführen, wäre ein Satz, der mir gefällt.
Denn konstruktive Kritik ist, wie ich an mir selber sehe, wichtig, habe ich jetzt aus den Kritikpunkten einen ganzen Artikel gemacht, von dem es mich freuen würde, wenn er einige meiner Leser beim Schreiben etwas weiterbringt. Wie weit ich selber genauer geworden bin, wird mein nächster Text zeigen, inzwischen korrigiere ich immer noch an der “Absturzgefahr” und bin damit in den letzten Tagen nicht weitergekommen.
eigenSINN&SINNESwandel
Nach einer heftigen Diskussion mit JuSophie, ob überforderte Lehrer schon zwanzig Prozent Analphabetenkinder produzieren und man schreiben darf, daß sich die Mimi für gesund und normal hält, ihre Mutter, die Nachbarn etc, das aber anders sehen, einen dichten Praxistag und einer noch nicht gemachten Abrechnung, war ich wieder in der Alten Schmiede.
Friedrich Hahn moderierte die Textvorstellungen, als ich eintraf, hat schon Friederike Schwab, die 1941 in Graz geboren, GAV-Mitglied Malerin und Autorin ist, aus ihrem bei Leykam erschienenen Buch “Die Insel im Maismeer” gelesen. Die Erklärung warum das Buch so heißt, habe ich versäumt, das Thema des Abends lautete eigenSINN&SINNESwandel und im Buch geht es um eine Frau um fünfzig, die aus ihrem Leben fällt. Friedrich Hahn hat es nach der Lesung ein Opus Magnum genannt, weil es eine ganze Epoche beschreibt. Die Szene von dem Großvater scheine ich versäumt zu haben, als ich ankam packte gerade eine Frau Sachen aus einem Auto in ein Zelt, dann ging es noch um eine Mutter mit Gehirntumor, die mit dem Rollstuhl aus einem Altersheim flüchten will und in der Nacht von Kindern besucht wird.
Danach folgte ein Schulroman, bzw. eine Novelle, des 1959 in Spittal an der Drau geborenen Klaus Ratschiller, der die letzten fünf Jahre als freier Schriftsteller und Philosoph lebte, jetzt aber wieder AHS-Lehrer ist. In dieser Zeit ist “Kollege M”, in der Edition Atelier erschienen. Er las eine Szene aus der Bibliothek, wo sich die Deutschlehrer einer Schule treffen, um ironisch den schulautonomen Kanon zu diskutieren, dabei führt ein junger Lehrer namens Flosse vor, wie er die Schüler mit auswendiggelernten Romanstellen aus “Mobby Dick” überzeugten will, während der ältere Lehrer Michael Mitterecker, genannt MM, der inzwischen nur mehr Anzüge trägt, weil sich die Schülerinnen vor seinem Kropf grausten, über seine Mittelmäßigkeit philosophiert.
Dann kam wieder ein jüngerer mir bisher unbekannter Autor, nämlich der 1978 in Graz geborene Martin Kolozc, der 2003 den Kyrene Verlag gegründet hat, sein Buch “Lange Abende” ist aber bei Skarabaeus erschienen und handelt von einem Aussteiger. Ein Nichtschwimmer ersteigert ein Boot, verläßt seine Freunde und zieht an einen See, dort befreundet er sich mit einem Kapitän, einer Frau und einer Katze, bringt sich aber, obwohl ihm eigentlich alles in seinem Leben gelingt, um. Martin Kolozs, der ebenfalls Philosophie studierte, begründete auf Friedrich Hahns Frage, daß er das deshalb tat, weil ihm das Leben, hier und dort nirgends befriedigte. Mich beeindruckte vor allem der Satz, daß die “Katze Moni eines Tages ohne etwas zu sagen einfach wegblieb”, da habe ich beim Autor nachgefragt, ob ich richtig gehört habe, worauf er begründete, daß dieser Christian eine sehr intensive Beziehung zu seiner Katze hatte.
Interessant habe ich gedacht, ein Satz den der Lektor offenbar nicht gestrichen und dem Autor das Buch auch nicht vor die Füße geschmissen hat, aber ungewöhnlich und infolgedessen einprägsam.
Das vierte Buch “Wer getragen wird, braucht keine Schuhe”, ist eindeutig das bekannteste, ist die 1976 in Innsbruck geborene Carolina Schutti ja für den Rauriser Debutpreis nominiert, der wie ich hörte, am 2.2. entschieden wird. Ich würde ja auf Dorothee Elmiger tippen, aber meine Schätzungen waren bis jetzt meistens falsch und von dem Buch habe ich schon in einer Ex-Libris Sendung und auf der Buch-Wien gehört. Es ist auch sehr poetisch und hat immer wieder ungewöhnlich dichte Sätze, wie “Wenn du einen schwarzen von einem weißen Faden nicht mehr unterscheiden kannst, dann treffen wir uns!
Die Hauptperson Anna trägt eine Schuld mit sich, offensichtlich hat sie als Kind die kleinere Schwester in den Swimmingpool geschmissen, sie verläßt jedenfalls mit achtzehn mit einer Tasche Kleider und ihren Stoffhasen das Haus, wo die Mutter einfach ein Gedeck weniger, zu dem nicht benützen (vierten) legt, fährt in die Stadt und betritt ein Lokal, das eine Serviererin sucht. Dort arbeitet sie zwei Jahre, bis sie Harald kennenlernt, sie scheint sich auch zu schneiden und versucht sich immer wieder umzubringen. Das Buch erzählte Carolina Schutti ist in drei Teilen und aus drei Perspektiven geschrieben, die die Handlung weitererzählen. Den ersten Teil erzählt Anna, den zweiten Harald, im dritten spricht Anna mit ihrer Schwester.
Carolina Schutti erzählte im interview, daß sie erst zu schreiben begann, als sie ihre Habil oder ihr Habilansuchen in den Mistkübel schmiß, jetzt wird sie beim Schreiben bleiben, sie trägt die Geschichte aber schon lang mit sich herum.
Als ich mich beim Büchertisch durch die Bücher schaute, kam Friedrich Hahn auf mich zu und erkundigte sich, ob ich wieder fleißig mitgeschrieben hätte?
Natürlich, antwortete ich. Ich schreibe immer mit und meistens auch sehr viel!
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
In der “Eine Stadt-ein Buch Aktion” von 2010, “Balzac und die kleine chinesische Schneiderin” von Dai Sijie mit der die Stadt Wien den Wienern das Lesen schmackhaft machen will, geht es, wie Bürgermeister Häupl in seinem Vorwort schreibt, ums Lesen in einer Zeit, wo es gefährlich und verboten war und um die Schilderung der chinesischen Kulturrevolution in heiteren, anekdotischen Ton.
Und der beginnt gleich auf der ersten Seite, als der Ich-Erzähler und sein Freund Luo, ein siebzehn und ein achtzehnjähriger Bursche, Kinder von Ärzten, die als Intellektuelle in Ungnade gefallen sind, zur Umerziehung aufs Land geschickt werden und ihr Gepäck in dem Bergdorf, in dem sie gerade angekommen sind, vom Ortsvorsteher untersucht wird. Der Ich-Erzähler hat eine Geige im Rucksack, ein Gegenstand, den die Dorfbewohner nicht kennen und “für ein typisch bourgeoises Spielzeug aus der Stadt” halten, das verbrannt werden muß.
Dem Ich-Erzähler fröstelt, aber Luo, Sohn jenes berühmten Zahnarztes, der Mao einst behandelt hat, erklärt dem Vorsteher, daß er, obwohl streng verboten, die Sonate “Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim großen Vorsitzenden Mao”, spielen wird.
Damit ist das Eis gebrochen, der Ich-Erzähler darf die Geige behalten, die beiden werden in ein Pfahlhaus einquartiert, in dem auch eine dicke Sau lebt und die Umerziehung beginnt. Auch die wird, wie ein Lausbubenstreich geschildert, hat Luo doch einen Wecker im Gepäck, der wie ein Hahn aussieht und ein sanftes Läutwerk hat, dieser Wecker hat nun eine fast reiligiöse Anziehungskraft für die Dorfbewohner. So kommen sie mit dem Vorsteher jeden Morgen zu dem Haus, um sein Läuten zu hören. Danach ist es Zeit für die beiden zur Arbeit auf das Feld zu gehen. Der kluge Luo versteht das jedoch zu manipulieren, so daß er die Weckzeit, um Stunde zu Stunde verstellt, daß die beiden in den Jahren ihrer Umerziehung nicht mehr wissen, wie spät es ist.
Sie sind auch begabte Geschichtenerzähler, so werden sie vom Vorsteher in die Kreisstadt ins Kino geschickt, wenn sie zurückkommen, müßen sie den Dorfbewohnern den Film erzählen. Im Nachbardorf gibt es einen Schneider und der hat eine wunderschöne analphabetische Tochter mit schwarzen Zopf und rosafarbenen Schühchen, die kleine Schneiderin und in die verliebt sich Luo, so er sie fast täglich, die beiden Dörfer sind durch eine Schlucht verbunden, was auch ganz schön gefährlich ist, besuchen geht.
Dann gibt es noch den Brillenschang, ein zur Umerziehung geschickter Schriftstellersohn und der hat von seinen Eltern einen Koffer streng verbotener Bücher mitbekommen, die die beiden, um in den kostbaren Besitz zu kommen, stehlen. Balzacs Bücher sind dabei, die von Dumas, Gogol, Melville und sogar von Roman Rolland.
Die beiden sind überwältigt und beginnen zu lesen. Luo liest den Balzac auch der kleinen chinesischen Schneiderin vor und sein Freund muß ihren Vater vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählen, er wählt dafür den “Graf von Monte Christo”, wird aber vom Vorsteher überrascht, der ihn wegen “der reaktionären Ferkeleien” ins Büro der Staatssicherheit bringen will, was für die “Feinde des Volkes Folter und Hölle” bedeutet. Es gibt aber einen Ausweg, der Vorsitzende hat nämlich Zahnweh, wenn ihm der Sohn des berühmten Zahnarztes den Zahn behandeln kann, wird dem Freund die Strafe erspart. So binden sie den Vorsitzenden ans Bett und werkeln mit Hilfe einer Nähmaschine in seinem Mund herum. Dafür bekommt Luo ein Monat Urlaub, weil er von seiner Mutter ein Telegramm bekommen hat, daß sie im Krankenhaus liegt.
Der Ich-Erzähler muß indessen auf die kleine Schneiderin, die auch von der Dorfjugend belagert wird, aufpassen, die ihm erzählt, daß sie Ärger hat, weil ihr ständig übel ist und sie seit zwei Monaten ihre Tage nicht mehr hatte. Der Ich-Erzähler hätte sie nun gern geheiratet, was aber unmöglich ist, da man das in diesem Lande erst ab fünfundzwanzig darf, die Diktatur des Proletariats aber auch die Abteibung verbietet.
So macht sich der Ich-Erzähler in das Krankenhaus der Kreisstadt auf, um dort nach dem Gynäkologen zu suchen, was aber schwierig ist, da ihn die schwangeren Frauen, die auf Behandlung warten, für einen Spanner halten. Er findet erst über einen alten Pastor, der wegen Bibelbesitz zum Straßenkehrer degradiert wurde, jetzt aber sterbend im Krankenhaus liegt, zum Gynäkologen, erzählt ihm von seiner Freundin und seinen berühmten Eltern, kann ihn aber erst zur Abtreibung überreden, als er ihm ein Buch von Balzac verspricht. Der Handel geht auf, die kleine Schneiderin verliert ihr Kind, das ein Mädchen geworden wäre, Luo kehrt zurück, am Ende veranstalten die beiden Freunde aber doch ein Autodafe, indem sie in betrunkenen Zustand ihren Bücherschatz verbrennen. Es ist nämlich etwas Schreckliches geschehen, die kleine Schneiderin hat sich von ihrem Vater weiße Tennisschuhe besorgen lassen und macht sich mit diesen auf, in die Stadt zu gehen, weil sie “Dank Balzac begriffen hat, daß die Schönheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist”.
Damit endet das Buch, das die Umerziehung Chinas während der Kulturrevolution als heiteren Anekdotenschatz erzählt, dabei mehrmals die Perspektiven und den Erzählstil wechselt, mit der der 1954 in der Provinz Sichuan und 1984 nach Paris emigrierte Dai Sijie 2000 schlagartig wurde. Dai Sijie ist ebenfalls ein Ärztesohn und der Enkel eines christlichen Priesters, die Familie galt seit Beginn der Kulturrevolution als Feind des Volkes, von 1971-1974 wurde er zur kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf geschickt.
Der Roman ist also ziemlich autobiografisch. Im Interview, das im Buch enthalten ist und in dem, das ich auf der Buch-Wien hörte, erzählte Dai Sijie, das die kleine Schneiderin in Wahrheit eine Bäuerin gewesen ist und die Geschichte mit der Zahnoperation nicht so stattgefunden hat.
Das Buch wirkt ein wenig ungewöhnlich, ist aber spannend zu lesen, die Geschichte der beiden Intellektuellen Söhne, die in einem Dorf, die Sexualität kennenlernen und verbotene Bücher lesen, was mich daran erinnerte, daß ich nach meiner Matura 1973, im Gartenhaus am Almweg eine ähnliche, aber viel harmlosere “philosophische Krise” durchmachte, mir viele Bücher kaufte und beispielsweise Musils “Mann ohne Eigenschaften” in vierzehn Tagen verschlungen, aber nicht verstanden habe. Meine erste Erzählung habe ich in dieser Zeit geschrieben und von der Kulturrevolution in China nicht viel gewußt.
Studentenlesung
Für den Hochschullehrgang der Sprachkunst habe ich mich ja seit Herbst 2009 interessiert, als Cornelia Travnicek auf ihren Blog beschrieb, daß sie als überqualifizierte Autorin dort nicht aufgenommen wurde, dann habe ich mir die Namensliste aus dem Internet ausgedruckt, Sandra Gugic als einzige gekannt, hat die doch mit “Einer kurzen Geschichte über eine lange Fahrt”, 2008 den 2. Exil-Literaturpreis gewonnen und war 2009 Stipendiatin beim Klagenfurter Literaturkurs, also auch ganz schön prominent, vielleicht hatte sie aber noch nicht so viele Veröffentlichungen, wie Cornelia Travnicek von der ja im Herbst 2009 schon das vierte Buch erschien. Im November 2009 habe ich mich im Rahmen des NANOWRIMO in meiner Phantasie mit dem Hochschullehrgang für Sprachkunst und den dort Aufgenommenen und Abgelehnten beschäftigt, eine Diskussionsrunde im Literaturhaus gab es aber vorher auch noch.
Hingekommen bin ich genau vor einem Jahr, zum Tag der offenen Tür am 28. Jänner 2010, wo Robert Schindel das Studium vorstellte und es eine Lesung der Studierenden des damaligen ersten Jahrgangs gab. Da habe ich Jan Braun, Elisabeth Mundt und Rhea Krcmarova gehört. Sandra Gugic hat im Mai bei den Textvorstellungen in der Alten Schmiede gelesen. Die Namen der Studierenden, die 2010 für den Lehrgang aufgenommen wurden, habe ich mir nicht mehr ausgedruckt oder im Internet nicht mehr gefunden. Im September gabs eine Diskussion mit Robert Schindel zum Thema “Lehrjahre” in der Werkstätte für Kunstberufe und die Lesarten der Sprachkunst im Literaturhaus, wo bisher Gerhard Rühm, Therezia Mora und Wilhelm Genazino lasen, bei den beiden letzteren war ich, habe die Studenten beim Gläschen Wein stehen sehen, immer nur Sandra Gugic gekannt und vorige Woche gab es das Symposium, wo ich die Studenten weiter kennenlernte und sie auch den Abschlußabend gestalteten. Jetzt gab es eine eigene Lesung der Studierenden, wo zwölf vom Jahrgang II, das heißt, die 2009 aufgenommenen, ihre Texte, die wie Robert Schindel in seiner Einleitung betonte, im Rahmen des Lehrgangs entstanden sind, vortrugen.
Ich habe vorher nach den Namen Barbara Dunst, Rosemarie Pilz, Nina Lucia Groß, Jakob Kraner, Jan Braun, Anna Gschnitzer, Irmgard Fuchs, Elisabeth Mundt, Rhea Krcmarova, Raphaela Edelbauer, Sandra Gugic und Matthias Vieida gegooglet und einige Überraschungen erlebt.
Bei Wikipedia konnte ich zwar keinen der zwölf finden, aber von Rhea Krcmarova habe ich schon außer, daß sie mich im Vorjahr in das Institut für Sprachkunst geleitete und dort las, etwas gehört, hat sie doch 2006 mit ihrem Stück “Staatenlos – Willkürliche Szenen zur Entwurzelung”, den Exil-Literaturpreis gewonnen und dort gehe ich ja meistens hin und wenn man im Internet nachschaut, findet man viel bei den Wiener Wortstätten von ihr. Rhea Krcmarova weiß ich jetzt, wurde 1975 in Prag geboren, kam mit 6 Jahren nach Wien hat Theaterwissenschaften, Schauspiel und Gesang studiert und bei den Wiener Wortstätten mehrere Texte erarbeitet. Heute hat sie im vollen Literaturhaus aus ihrem Gedichtzyklus “Kuchelböhmisch” gelesen, aber ich habe noch etwas anderes gefunden, nämlich, daß Matthias Vieider ein ziemlich bekannter Poetry Slamer ist, der schon einige Slampreise gewonnen hat. Im Literaturhaus hat er als letzter gelesen und zwar einen Text mit Weihnachtsstimmung, der “Ein Blick aus dem Fenster” heißt, dann noch zwei “Zuggedichte” und ein Elisabeth Mundt gewidmetes Tiergedicht. Von Elisabeth Mundt habe ich im Internet nicht viel gefunden, sie aber schon im Vorjahr lesen gehört, diesmal las sie etwas von einem “Ursprungszauber”, das mit “sich fallen lassen” begann und auch damit endete.
Begonnen hat Barbara Dunst, die Lesungen mit einigen Gedichten, von ihr weiß ich immer noch nicht sehr viel, hat Robert Schindel in seiner Einleitung ja nur die Namen erwähnt und die Biografien weggelassen, das gleiche gilt für Rosemarie Pilz, die mich mit einer sehr poetischen Geschichte von Hunden, Fallschirmspringplätzen und Infantinnen in schönen Kostümen sehr beeidruckt hat. Von Nina Lucia Groß habe ich im Internet mehr gefunden, wenn es diese Nina Lucia Groß, ist, die in der “Dorfzeitung” schreibt, in Wien liebt, lebt, studiert und feiert und davon in ihrem “Groß-Stadt-Blog” erzählt. Nach fünf Lesungen gab es eine Pause.
Da habe ich dann meine neue Leserin JuSophie kennengelernt, die einen ähnlichen Beruf, wie ich auszuüben scheint, literarisch aber, wie ich schon an ihren Kommentaren merkte, einen ganz anderen Zugang hat, über den wir lange sprachen. Ich habe über das Literaturgefüster schon einige Bekanntschaften gemacht, Cornelia Travnicek, Herwig Bitsche, Andrea Stift, E. A. Richter, Elisabeth von Leselustfrust, beispielsweise und das ist immer spannend und interessant.
Nach der Pause lasen außer den schon Erwähnten Irmgard Fuchs und Raphaela Edelbauer, die zum Einlesen eine Hommage aus ihrer Lieblingskronenzeitung “In den Wind gereimt” brachte und zum Auslesen auch noch sehr aktuell und politisch war, vorher habe ich noch Jakob Kraner, Jan Braun und Anna Gschnitzer gehört. Jan Braun hat schon im Vorjahr gelesen, diesmal erheiterte er das Publikum mit seiner Einleitung, daß er im Stehen lesen würde, weil er dann besser atmen kann und überraschte mit seiner Kurzprosa, die ein Haus vom Dach in den Keller und in den Garten beschreibt.
Nachher gabs Brötchen und Wein, interessant ist, was ich noch vom Hochschullehrgang der Sprachkunst, in dem offenbar sehr viele Gedichtzyklen geschrieben werden, hören werde und wann wer beim Bachmannwettbewerb liest. Den FM4 Preis hat noch keiner gewonnen, Anna Gschnitzer, die Scheibengedichte gelesen hat, hat, habe ich ergooglet, einen Südtiroler Studentenpreis gewonnen. Ebenfalls interessant, daß einige der Aufgenommenen Exil-Preisgewinnerinnen waren, ob die Studenten schon Texte in Literaturzeitschriften, wie Kolik haben, weiß ich nicht. Eine eigene Sprachkunst Literaturzeitung hat Sabine Scholl beim Symposium mitgeteilt mit Texten der Unterrichtenden und der Studenten soll es bald gaben. In Leipzig geben die Studenten jedes Jahr eine Anthologie namens “Tippgemeinschaft” selbst heraus und die Lesereihe “Hausdurchsuchung” gibt es auch. Die Lesarten der Sprachkunst mit berühmten Dichtern im Literaturhaus, soll, hat Robert Schindel angekündigt, weitergehen.
Transformationsfragen
Das Sprachkunstsymposium und die Diskussion, die sie auf diesen Blog auslöste, haben einige Fragen aufgeworfen, mit denen ich mich auseinandersetzen will. Irgendwie geht es ja immer um das schlechte Schreiben oder um die Frage, wieso es nicht gelingt in den Literaturbetrieb hineinzukommen, bzw. als Autor, Autorin wahrgenommen zu werden.
Es gibt sehr viele Leute, die sich schreibend verwirklichen oder auch damit berühmt werden wollen und immer weniger, die lesen. Dafür wahre Bücherberge, wenn man nach Frankfurt, Leipzig oder auch in die Buchhandlung Morawa, bzw. zum Thalia geht, sieht man sie in großen Stößen liegen und ich denke schon, daß es auch am bekannten Namen liegt, daß ein Buch gekauft wird. Das bemerke ich immer bei den blauen Sofa Diskussionen, wenn da Schauspieler oder andere Prominente ihre neuen Bücher präsentieren, die sie wahrscheinlich gar nicht selbst geschrieben haben. Bieten sich inzwischen ja genügend Autoren als Ghostwriter an und dann stoße ich auch immer wieder auf Autoren, die beim Bachmannpreis gelesen haben, ein Buch bei Suhrkamp oder sonst wo hatten und dann irgendwie vergessen werden.
Ludwig Roman Fleischer und Alfred Paul Schmidt, die ich beide diese Woche in der Alte Schmiede hörte, würde ich dazu zählen, aber auch Uwe Bolius, mit dem ich einmal in einer sehr leeren Alten Schmiede las oder Kurt Bracharz mit dem ich 2005 bei der Text und Kritikveranstaltung in Vorarlberg war und der gerade ein Portrait in den Tonspuren hatte.
Dann gibt es natürlich die Großen, die Frau Mayröcker beispielsweise, die den Bremer Literaturpreis aber auch erst gewonnen hat, als sie es nicht mehr schaffte, persönlich zur Preisverleihung zu kommen und die auch, glaube ich, immer ein bißchen im Schatten von Ernst Jandl, aber auch von Elfriede Jelinek stand und die jungen Talente, wie z.B. Dorothee Elmiger, Judith Zander und Verena Rossbacher und da bin ich schon beim Symposium für Sprachkunst, wo bei der Diskussion, um die kreativen Prozesse, die Klage aufkam, daß viele Leute, die sich für ein solches Studium interessieren, ihre Erlebnisse eins zu eins aufs Papier bringen, zuwenig verdichten und verfremden und daher schlecht schreiben würden, weil die guten Texte nicht durch das autobiografische Erleben, sondern am Schreibtisch entstehen. Daran füge ich meine Beobachtung, daß auf der einen Seite, das realistische, narrative Schreiben sehr scheel angesehen wird, obwohl es auf der anderen, das ist, was die Leser wollen. Den verdammt spannenden Roman, den Krimi oder die Fantasygeschichte, aber das gilt nicht für gute Literatur, daher bietet Leipzig ein solches Studium nicht an und über Josef Haslingers Bücher “Opernball” bzw. “Vaterspiel”, der ja wahrlich ein bekannter Autor ist, habe ich schon Rezensionen gelesen, die mich den Kopf schütteln ließen.
Als ich 2002 und 2003 in der Jury bei den GAV-Neuaufnahmen war, habe ich Kistenweise experimentelle Texte und beispielsweise Ritter oder Fröhliche Wohnzimmer-Bücher zum Beurteilen gehabt und mich gefragt, ob die wohl jemand außer Jurymitglieder liest und als ich bei einem der Feste für Ernst Jandl oder Gerhard Rühm in Mürzzuschlag und Neuberg an der Mürz war, habe ich Literaturkritiker, wie Jörg Drews über die vielen schlechten narrativen Romane schimpfen hören, was mich sehr gewundert hat, weil ich so ja schreiben will.
Ein Widerspruch, der sich nicht auflösen läßt, auch Reinhard Urbach ist bei seiner Einführung zu Alfred Paul Schmidt darauf gestoßen und hat darüber gesprochen, daß man die Wirklichkeit nie direkt in Sprache umformen kann und die Tricks angeführt, wie das Alfred Paul Schmidt gelingt.
“Warum eigentlich?”, habe ich mich gefragt, weil ich mir nicht so sicher bin, daß man das nicht doch kann und es die Autoren auch praktizieren.
Da lese ich ja sehr oft in Romanen von Helden, Protagonisten, Ich-Erzählern, die eine ganze ähnliche Entwicklung, wie der Autor haben. Wilhelm Genazino, wäre da ein Beispiel, das mir einfällt. Der ältere Intellektuelle, der in seinen Büchern seine Schwierigkeiten mit dem Leben, den Frauen und dem Älterwerden schildert und man denkt, wenn man im Lebenslauf des Autors nachsieht, das ist Autobiografie. Fragt man in der Diskussion danach, wird es der Autor verneinen.
Bei der Diskussion um das kreative Schreiben mit Thomas Klupp und Verena Rossbacher am Samstag im Literaturhaus, hat eine Frau gefragt, wie sehr sie entfremden muß, daß man sie in ihren Texten nicht erkennt? Interessanterweise hat ihr Thomas Klupp geantwortet, daß es Beispiele berühmter Bücher gibt, wo die Autoren ganz offen über sich geschrieben haben. In jünger Vergangenheit wäre mir dazu “Rabenliebe” von Peter Wawerzinek, dem letzten Bachmannpreisträger eingefallen. Thomas Klupp hat aber an “Axolotl Roadkill” gedacht und um wieder zur Transformation und dem realistischen Schreiben zurückzukommen. Ich schreibe schon siebenunddreißig Jahre realistisch und wenn man sich die “Hierarchien” hernimmt, den Roman, der 1990, in einem Kleinstverlag erschienen ist, so hat die Heldin Anna sehr viel mit mir zu tun, ist sie doch gerade von der Klinik weggegangen, wo sie als Soziologin sehr unglücklich war, ich habe ein paar Jahre vorher, die HNO Klinik verlassen und bin in die freie Praxis gegangen und die Mitglieder aus Annas Wohngemeinschaft hatten auch ganz reale Vorbilder. Heute würde ich das nicht mehr so schreiben. Im Laufe meiner Schreiberfahrung habe ich gelernt, zu verfremden, weiß, daß das Roman-Ich nicht unbedingt, das Autoren-Ich bedeutet oder wie ich es gern definiere, es ist alles autobiografisch und alles wieder nicht.
Um so weit zu kommen, braucht es aber Zeit. Das ist sicher ein Lernprozeß, bis man gelernt hat, das, was man in der U-Bahn, auf der Straße, im Kaffeehaus oder wo auch immer erlebt, so zu transformieren, das daraus ein literarischer Text entsteht, der in meinem Fall immer realistisch werden wird. Bei meinen früheren Texten haben mich manchmal die Rückmeldungen verwirrt, so habe ich in “Zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt” über den Prater und eine Ringelspielbesitzerfamilie geschrieben, die erfunden war und von Karin Jahn, damals beim Europa-Verlag erklärt bekommen, wie es mit den Ringelspielbesitzverhältnissen im Prater wirklich ist und, daß ich das, wenn ich realistisch schreiben will, berücksichtigen muß.
Dann schreibe ich vielleicht doch nicht so realistisch, denn natürlich fließt die Phantasie in meine Texten ein, das soll, darf und muß auch so sein und so war ich auch ein wenig von JuSophies Kommentar verblüfft, die meinte, daß es ihr zu fad wäre, etwas so niederzuschreiben, wie man es erzählen könnte.
Das ist vielleicht der Widerspruch, auf den man in der Diskussion, ob man jetzt realistisch oder experimentell schreiben soll, immer wieder stößt.
Den experimentellen Autoren ist die Wirklichkeit zu fad, sie wollen die schönen Sätze am Schreibtisch konstruieren, das narrative Schreiben wird nicht anerkannt, weil es zu einfach ist, obwohl es die Leser spannend haben wollen. Aber da darf es wieder phantasievoll sein, sind ja jetzt gerade Vampirromane in, obwohl die nicht für große Literatur gelten. Sie werden aber gekauft, auch wenn man sie vielleicht nicht öffentlich lesen darf, außer man ist sehr selbstbewußt.
Ich habe ja eine eher tolerante Einstellung, was das Lesen und das Schreiben betrifft, lasse alle lesen, was sie wollen und schreiben, so gut sie es können und würde beides fördern.
Für mich, das bemerke ich immer wieder, muß es außer der schönen Sprache, aber auch die Handlung geben und die sollte nicht zu sehr am Schreibtisch konstruiert sein, wenn es geht.
Die Regeln, habe ich letzte Woche wieder bei dem Symposium gehört, sind dazu da, um gebrochen zu werden. Man muß sie vorher nur beherrschen, mahnen die Sprachkunstlehrer. Daher ermuntere ich zur Transformation in realistische Romane und glaube, daß man das, was man erzählt, sowieso nicht eins zu eins umsetzen wird, wenn man ein bißchen Erfahrung hat.
Daß es, nachdem ja wirklich schon so viel geschrieben wurde, nicht leicht ist, seinen eigenen Stil zu finden, lehrt das Beispiel von Wolf Haas, der erzählt in Interviews immer, daß er einige unbrauchbare Romane geschrieben hat, bis es ihm bei seinen Brenner-Krimis gelungen ist, mit einer künstlichen Sprache, berühmt zu werden.
Es ist nicht leicht, man soll es aber trotzdem versuchen und durch Erleben und Erfahrung besser werden, was in der Reihe “Im Gespräch” auch Josef Winkler betonte. Er bezog sich allerdings auf das,”wie” des Schreibens und meinte, daß das “was” nicht so wichtig sei, was ja nicht nur Richtung Elfenbeinturm geht, sondern auch gefährlich sein kann, zitierte Handke und meinte, daß er den täglich lese und gern, wie er schreiben können würde.
Noch eine Transformation bzw. eine Beobachtung habe ich am Schluß anzumerken, die vielleicht nicht so erfreulich ist und auf die Rezensionsdebatte der Bücherblogs um Weihnachten zurückzuführen sein könnte. Habe ich bei den letzten drei Anfragen, die ich machte, zweimal keine Antwort und eine Absage bekommen, was vor einem halben Jahr nicht so war.
Schade denke ich, obwohl ich ja an keinen Büchermangel leide und genug aufzulesen habe, was ich auch will, schade nur, wenn das Schreiben und das Sprechen, die Situation verändert, es kann aber auch Zufall sein.
Einladung an die Waghalsigen
Auf dieses Buch war ich sehr neugierig, habe es zu meiner Weihnachtsempfehlung gemacht und es nach der Diskussion über das realistische Schreiben, die ich mit JuSophie in den letzten Tagen führte, bzw. dem Symposium und den Lesungen, bei denen es auch darum ging, begierig studiert. Roman steht darauf. Zitha Bereuter hat bei ihrer Einleitung in der Hauptbücherei bezweifelt, daß es einer ist, das Buch hat nur hundertvierundvierzig Seiten und mehrere bestehen aus wenigen Sätzen.
“Ich würde es Textsammlung” nennen, hat Dorothee Elmiger, glaube ich, geantwortet. Oder Erzählung, wie ich es nennen würde, bzw Novelle, denn ein bißchen ist der Tonfall etwas antiqiert, manchmal jedenfalls.
Aber die Verlage wollen alle Romane, weil sich das besser verkaufen läßt. Das Buch wird auf den Klappentexten und am Umschlag hoch gelobt.
“Dorothee Elmiger wagt das größte Abenteuer. Jenes der poetischen Weltverwandlung. Ein Wunderwerk der Intonation!”, schreibt etwa ein Peter Weber.
“Margarete und Fritzi sind die übrig gebliebene Jugend einer verschwundenen Stadt. Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen”, steht auf der Buchrückseite und damit ist der Inhalt schon erzählt.
Beim Bachmannpreis wurde über das Buch heftig diskutiert und mehrere kluge Theorien darüber aufgestellt. Es wurde auch gelobt, weil da eine Fünfundzwanzigjährige nicht ihr Leben erzählt und den ewig gleichen Weltschmerz schildert, sondern ganz ohne Biografie auskommt, obwohl das nicht stimmt.
Denn die Margarete ist ja eine Ich- Erzählerin und es geht sehr oft, um die verschwundene Mutter, die mit Hemingway verglichen wird und mit dem Vater, dem Polizeikommandanten der verschwundenen Stadt scheint es auch Spannungen zu geben.
Das Thema hat mich interessiert und weil mir bei dem, was ich bei der Bachmannlesung und dem Interview auf der Frankfurter Buchmesse hörte, einige Fragen offen blieben, habe ich mir das Buch besorgt.
Denn es gibt da ja die wunderschöne musikalische Sprache, die vielleicht, wie ich auf dem Symposium für Sprachkunst hörte, am Schreibtisch konstruiert wurde, vielleicht wurde sie auch mittels Recherche und Feldforschung erarbeitet. Ich weiß es nicht und habe vorige Woche Dorothee Elmiger nicht danach gefragt. Es ist aber originell über eine verschwundene Stadt zu schreiben, die ja trotzdem irgendwie besteht, denn die Schwestern Fritzi und Margarete Stein leben in ihr, in einer Wohnung über der Polizeistation, die diese Stadt, unter der im Bergwerk schon Jahrzehnte lang ein Feuer brennt, das nicht zu löschen ist, bewacht. Es leben auch noch ein paar andere Leute, außer den Schwestern und den Polizisten dort, zum Beispiel, die Hebamme Elisabeth Korn und dann gibt es die ehemalige Bibliothekarin Erika Gerste, die mit einem Taxi angefahren kommt, aber damit kommt sie nicht in das Sperrgebiet hinein, so nimmt sie das Fahrrad. Die Schwestern haben Auto und Motorrad. Wo sie zur Schule gegangen sind und schreiben lernten, erfährt man nicht, nur daß die abtrünnige Mutter sich nach der Geburt die Haare schneiden ließ und dann verschwand. Aber diese Rosa Stein ist ohnehin eine höchst interessante Person, wird sie doch einmal als ukrainische Diplomatin, ein anderesmal als junge Schottin bezeichnet.
“Außerdem war sie Abenteuerin, Großwildjägerin und Hochseefischerin, hat in Rußland das Ingenieurswesen und die Revolutionen studiert, in Reno ein Casino ausgeraubt und sich mit dem Geld einen Frachter gekauft.”
Ganz schön viel für eine einzige Mutter, aber wenn man in Betracht zieht, daß sie ihre Töchter nach der Geburt verlassen hat, läßt sich das schon wieder psychoanalytisch deuten.
Die Töchter wachsen jedenfalls über der Kommandatur auf und haben in der Wohnung einige Bücher gefunden, aus denen sie die Welt, das Leben und ihre Vergangenheit erforschen. Margarete tut das auf einer Schreibmaschine, die sie sich aus dem Polizeiwachzimmer holt, während Fritzi die Gegend erforscht. Die liegt aber auch gern in der Badewanne und beide Schwestern trinken viel Kaffee.
Die Namen der Bücher aus denen sie die Welt entdecken, werden aufgezählt, es wird auch in Kursivschrift daraus zitiert, auf der letzten Seite werden die Zitate dann benannt.
Deshalb hat Zitha Bereuter das Buch auch mit “Axolotl Roadkill” verglichen, obwohl es ja fast ein Westernthema zum Inhalt hat. Die Bücher, die immer schon in der Wohnung gestanden haben, sind größtenteils Fach- und Sachbücher. Montanwissenschaftliche Schriften, Bücher über die Schifffahrt, aber auch über den Grundriß der Geschichte der bürgerlichen Revolutionen, über Pflanzen, Meere, Vögel u.u.u.
Deshalb kommen die Schwestern auf die Idee nach dem Fluß Buonoventura zu suchen, der irgendwann verschwunden ist und denken, daß er in ihrer Gegend gefloßen sein soll. Sie finden auch ein Schluckloch und später noch Ferdinand Bruckners “Krankheit der Jugend”, aber da haben die Schwestern, die verwunschene Stadt, in der der Vater inzwischen ein Sicherheitsszenario aufgebaut hat, verlassen und sind mit einem weißen Pferd, daß sie ebenfalls gefunden haben, zu einem Hotel geritten, in dem sie sich einquartieren.
Ein Tankwart stößt auch noch zu ihnen. Dort schreiben sie Briefe und Einladungen an den Rest der Welt “um zu einer Konferenz, einem großen Fest einzuladen, wo sie nicht nur die Krankheit der Jugend aufführen, sondern auch in einem hölzernen Ruderboot auf dem Buenaventura bis nach China fahren wollen.”
Sie müßen die Briefe zwar am Grenzposten abgeben und es ist auch nicht ganz sicher, ob der Grenzwächter sie wegschicken wird. Die übrig gebliebene Jugend der Stadt hat die Einladung an die Waghalsigen aber doch ausgesprochen und die Kulturkritik war von dem Buch, das den Kelag Preis in Klagenfurt, den Aspekte Literaturpreis für das beste Debut gewonnen hat und auch für Rauris nominiert ist, begeistert.
“Einer jener herrlichen Fälle, bei denen aus dem Nichts eine Welt aus Worten entsteht, souverän und originell!”, wie Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau schwärmt und ich bleibe ein wenig ratlos zurück, wurden mir doch nicht alle Fragen beantwortet und als realistische Autorin und Verhaltenstherapeutin hätte ich ja gern den Halt und die Struktur.
Einiges weiß ich ja, die Sprache ist sehr schön und gleitet musikalisch dahin, manchmal wirkt sie etwas bedächtig und antiquiert und man denkt, das hat man schon gehört, aber das passt zum Thema, geht es ja um das Entstehen der Zukunft aus der Vergangenheit.
Den Einfall das aus Büchern zu konstruieren und in einer verschwundenen Stadt spielen zu lassen, finde ich immer noch originell. Dann fehlt mir wieder viel realistisches Wissen, beispielsweise die ganz banale Frage, wo haben die Schwestern das Lesen gelernt? Anderes erscheint mir wieder zu phantastisch, die Figur der Mutter beispielsweise und auch die Kapitelüberschriften, so kommt “Florida” beispielsweise in einem vor, “Grand Erg du Bilma”, “Las Vegas” und “China”, obwohl die Stadt, wenn ich es recht verstanden habe, in der Schweiz liegt. So haben die Orte der Umgebung, die die Schwestern erkunden, schweizerisch klingende Namen, aber die hat Dorothee Elmiger erfunden und darauf geachtet, daß es sie nicht gibt.
Dann scheint die Parabel “Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen”, wieder aufzugehen und ich kann mir vorstellen, daß sich eine Fünfundzwanzigjährige mit alten Büchern und Zitaten diese Parabel zusammenkonstruiert.
Insgesamt fehlt mir wahrscheinlich doch der realsitische Inhalt. Ich hätte es lieber einfacher und nachvollziehbarer und wahrscheinlich auch länger, die Kurzform liegt mir nicht so sehr und man bleibt mit vielen Fragen zurück. Über die habe ich vor einer Woche mit Otto Lambauer diskutiert, der nicht so begeistert war. Ich bin es auch nicht mehr so ganz. Der phantastische Entwurf hat aber den Vorteil, daß man ihn selber weiterdenken kann. Der Abenteuerroman liegt mir auch nicht so sehr, aber dann kann man das Ganze wieder ganz einfach, als den Aufbruch der Jugend in eine neue freie Welt deuten, die die “Krankheit der Jugend”, die ja auch nicht so ohne war, hinter sich läßt und die Biografie ist wieder da.
Die verschwundene Mutter, der autoritäre Vater und die beiden Schwestern, die alles anders machen wollen.
Toll, daß eine Fünfundzwanzigjährige das so perfekt beschreibt. Ich hätte das nicht zusammengebracht, aber ich habe auch nicht in Biel und Leipzig studiert, freue mich auf Dorothee Elmigers zweiten Roman und bin gespannt, was ich noch von ihr hören werde und natürlich auch, ob sie in Rauris gewinnt, aber da sind auch noch Anna Elisabeth Mayer, Ulrike Almut Sanding, Carolina Schutti und Judith Zander nominiert.