In der Alten Schmiede gings gleich weiter mit einer Bestandsaufnahme in die gültigen Register der Literatur und zwar wurde als souveräner Jongleur literarischer Muster Alfred Paul Schmidt vorgestellt und der 1941 in Wien als Alfred Schmidt geborene und in Graz lebende, begleitet mich seit der Zeit, seit der ich mich für Literatur interessiere, als einer im Schatten der Grazer Szene stehender, so hat es sich zumindest bei mir eingeprägt.
Hin und wieder habe ich etwas über ihn gehört, aber nicht wirklich viel gelesen, obwohl ich in Harland, das 1982 bei Hannibal erschienene “Doppelte Totgeburt” habe und ich habe auch zugegriffen, als ich im Bücherschrank, den im Europaverlag erschienenen Roman “Fünf Finger im Wind” sah, das Buch ist Reinhard Urbach gewidmet und der hat den Schriftsteller in der Alten Schmiede auch portraitiert. Eingeleitet hat Kurt Neumann und davon gesprochen, daß sich Alfred Paul Schmidt im kollektiven literarischen Unterbewußtsein befinden würde und als ich gerade dachte, daß das auch bei mir zutrifft, hat er dazu erklärt, daß Alfred Paul Schmidt zwanzig oder dreißig Drehbücher für Fernsehserien geschrieben hat. Aber die habe ich als Nichtfernseherin wahrscheinlich nicht gesehen, also ist er in meinem Unterbewußtsein immer noch der neben Gerhard Roth stehende experimentelle Grazer Autor, obwohl er, wie Reinhard Urbach erklärte, das nicht mehr ist, weil er seine Stile als Jogleur inzwischen souverän gewechselt hat. Aber angefangen als Sprachkritiker, denn das hat man in den frühen Siebzigerjahren, das hat der Handke, die Barbara Frischmuth und der Gert Jonke, das haben alle, die der von den Nationalsozialisten besetzten Sprache nicht mehr trauten und so ist Alfred Paul Schmidts erstes Buch “Bester jagt Spengler” 1971 bei Suhrkamp erschienen, allerdings noch unter dem Namen Alfred Schmidt. Zu einem Paul hat ihn erst Reinhard Urbach gemacht, der ihn in die Gesellschaft für Literatur zu einer Lesung eingeladen hat. Dort sind die Bücher eines anderen Alfred Schmidts gelegen, so ist aus dem Alfred ein Alfred Paul geworden, aber eigentlich würden ihn seine Freunde ohnehin nur Goofy nennen.
Reinhard Urbach hat Alfred Paul Schmidt auch 1975 in die Alte Schmiede eingeladen. Es sind dann nach und nach zwanzig Bücher erschienen, die alle irgendwie mit der Sprache spielen, beziehungsweise sich ihr vorsichtig annähern, so heißt das zweite auch “Als die Sprache noch stumm war”.
Reinhard Urbach zog souverän immer die jeweiligen Exemplare aus seiner Jackentasche, alle lachten und ich dachte, wie wird er das bei zwanzig Bücher machen? Das sieht man ihm gar nicht an, daß er in seinem Anzug zwanzig Bücher versteckt. Dann kamen schon die Krimis und die Entwicklungsromane.
“Fünf Finger im Wind” ist, weiß ich nun, ein solcher und handelt von gescheiterten Studenten, die in einer WG landen und die Krimis sind irgendwie auch experimentell, so verliebt sich die Kommissarin beispielsweise in den Mörder und verrät ihn dann nicht oder einer mordet, um bedeutend zu werden, aber keiner merkt es, so daß er den Kommissar zum Mörder machen muß. Ein Theaterstück im Akademietheater, das zu der Zeit aufgeführt wurde, als Reinhard Urbach Dramaturg im Burgtheater war, gab es auch und die Krimidrehbücher für die Serien “Tatort”, “Soko Kitzbühel”, “Stockinger” etc. Auch da war Alfred Paul Schmidt, erklärte Reinhard Urbach immer experimentell und ließ seine Protagnonisten zum Teil in Aphorismen reden oder teilte ihnen besonders schöne Sätze zu. Außerdem hatte er immer Texte in den “Manuskripten” und in den letzten zwanzig Jahren jede Woche Aphorismen für die Kleine Zeitung in Graz geschrieben.
Jetzt gibts ein neues Buch, das 2010 erschienene “Das andere Gestern”, bzw. zwei, aus denen der Autor las, die anderen, kam in der Diskussion heraus, sind vergriffen und es wird auch nicht daran gedacht, sie wieder aufzulegen.
Nur im Antiquariat bedauerte der Autor kann man sie bekommen und Reinhard Urbach, der ja einige aus seinen Taschen zog, ist einer der wenigen, der alle besitzt.
Und im Bücherschrank, füge ich hinzu und habe die “Fünf Finger” inzwischen zu meinem Badezimmerstapel gelegt. Das Buch aus dem der Autor las, ist auch ein aphoristischer Roman und zwar geht es da, um einen Drehbuchautor der zwanzig Jahre Fernsehkrimis geschrieben hat und sich als gescheiterter Schriftsteller sieht, die Autobiografie ist nah, der vor einem Schaufenster eine Frau kennenlernt, sie anspricht und mit ihr, obwohl sie mit einem anderen Mann verabredet ist, ein Glas Wein trinken geht. Das andere Buch ist ein Hundekrimi, heißt “Die Spur der Sonne” und ist aus ein Roman, der sich aus drei Kurzgeschichten zusammensetzt. Held ist ein Hund namens Alessandro, der einmal Polizeispürhund war, jetzt einer Frau namens Andrea gehört und mit ihrer Hilfe einen bzw. drei Fälle aufklärt. Der Hund kann auch sprechen, schreiben und lesen. Er kommuniziert im Dialog mit dem Leser, verspricht ihm auch zu erklären, wieso er das kann und bezeichnet sich als verwunschener Prinz. Löst sein Versprechen aber dann nicht ein, was zur Spurenverwischung des Autors gehört.
Ein interessanter Abend über einen fast Vergessenen. Irgendwie wird es ja viele Autoren geben, die ein Buch bei Suhrkamp haben, mehrere Preise bekamen und dann irgendwie verschwinden. Es ist bei der Lesung bzw. dem Gespräch auch herausgekommen, daß Alfred Paul Schmidt darunter leidet und eine solche Diskussion habe ich in den letzten Tagen auch mit einer meiner Leserinnen geführt, die sich auf meinen Artikel über das Symposium zur Sprachkunst gemeldet hat. Und während es hier und dort um das übersehene Schreiben geht, wird in Bremen einer der bedeutensten Literaturpreise an Friederike Mayröcker und Andrea Grill vergeben. An Friederike Myröcker allerdings so spät, daß sie ihn nicht mehr persönlich abholen kann, was ja auch sehr schade ist.
Author: jancak
Von seltsamen Phänomenen
Renate Zuniga hatte diesmal für die Textvorstellungen drei sehr unterschiedliche Autoren, beziehungweise Texte ausgewählt, die auch in sehr unterschiedlichen Verlagen erschienen sind. So begann bei dem Abend über die seltsamen Phänomene, der mir bisher unbekannte Udo Kawasser und stellte sein Ritter-Buch “Einbruch der Landschaft: Zürich – Hawanna” vor, das, wie der 1965 geborene Dichter, Übersetzer, Tänzer und Coreograph erklärte, eigentlich “Fabula Rasa” heißen sollte, da Brigitta Falkner aber ein gleichamiges Buch hat, hat er es auf “Einbruch der Landschaft” umbenannt. Es ist ein Mosaik aus Fragmenten und kurzen Kapiteln, die jeweils mit demselben Wort beginnen und enden. Es gibt zwei Teile und eine Ouvertüre, denen jeweils ein Zitat vorangestellt ist und das Ganze schildert die Geschichte eines Mannes, der nur mehr in der Gegenwart leben will, von Zürich nach Kuba fährt und dort eine Frau namens Viva kennenlernt. Ein sehr poetischer Text, der 2007 herausgekommen ist. Es gibt dann noch einen Gedichtband entnehme ich Wikipedia, bzw. habe ich in der Alten Schmiede diesen kurz durchblättert, zweimal das Staatsstipendium und drei Preise hat der Autor auch bekommen.
Der zweite Autor Ludwig Roman Fleischer, der seinen in seinem Sisyphus Verlag erschienenen Erzählband “Neue Einfälle des Kauzes” vorstellte, war mir dagegen bekannter, habe ich von ihm doch schon einige Bücher gelesen und im Badezimmer, den 1999 erschienenen Roman “Aus der Schule”, den ich nach Weihnachten im Bücherschrank gefunden habe, liegen, das habe ich ihm vor der Lesung erzählt und nach der Lesung das neue Buch mit seiner Frau getauscht, als die “Mimis Bücher” kaufen wollte.
Ludwig Roman Fleischer wurde 1952 geboren, ist GAV-Mitglied, hat 1990 beim Bachmannlesen den Ernst-Willener-Preis bekommen und seit den Neunzehnhundertachtziger Jahren den Sisyphus Verlag, wo er seit 1990 als fiktiver Chronist jedes Jahr ein eigenes Buch herausgibt, das sich als Sittenbild der österreichischen Gesellschaft lesen und interpretieren läßt. Von Beruf ist Ludwig Roman Fleischer Lehrer, deshalb sind oft Lehrer seine Protagnoisten, meistens trinken sie zuviel Alkohol und sind auch oft seltsame Käuze. Ludwig Roman Fleischer hat auch eine sehr direkte Sprache und eine sehr prägnante Art seine Texte vorzutragen.
Wenn ich mich nicht irre, habe ich “Rakontimer”,”Hellebard der 68 oder Die Biegung der ersten Person”, die anderen Weihnachtsgeschichten “Herbergsuche” und “Der Castellaner” gelesen. Ich war auch öfter bei seiner Verlagspräsentation, die lange Zeit vor Weihnachten im Literaturhaus stattgefunden hat. Jetzt hat Ludwig Roman Fleischer aus seinen dreiundzwanzig Erzählungen, die von “Morbus Scheuermann” gelesen und zwar erzählt da der Polizist, Akademiker und Hofrat Oberstleutnant Franz Josef Holler, die Geschichte von einem grün alternativen Makrobiotiker und linken Vollwertnarr, namens Andreas Scheuermann, der eine Hofratswitwe mit getrockeneten grünen Knollenblätterpilzen versorgt, die in kleinen homöopathischen Dosen als Breitbandstimulus für gesteigertes Lebensbewußtsein gelten, worauf sie an Organversagen stirbt und der sanfte Alternative erbt.
Danach gabs wieder eine Stilschwenkung, kam da doch der ebenfalls 1952 geborene Chemiker, Wissenschaftsredakteur und Schriftsteller Christian Mähr an die Reihe, der fantastischen Romanen und Hörspielen geschrieben hat. Von “Simon fliegt” habe ich einen Auszug in einer Dumont-Verlagsvorschau gelesen,mit “Semmlers Deal” war der Autor bei “Rund um die Burg”, jetzt hat er einen dicken Roman geschrieben, der sich “Karlitos Reich” nennt und zwar schlüpft da ein Journalist in den Körper von Karl III und damit ins neunte Jahrhundert, während der wieder in dessen Körper ins einunzwanzigste Jahrhundert kommt. Der eine will die Aufklärung und den Fortschritt ins Mittelalter bringen, der andere bekämpft den Sittenverfall unserer Zeit und beide scheitern. Es ist aber noch viel komplizierter, denn am Heldenplatz findet, so entnahm ich dem Stück, das der Autor las, eine Demonstration statt, wo Tausende erschossen wurden, ein paar Polizisten flüchten in die Schatzkammer, wo sich Karl III gerade von der Kustodin die Krönungskleider und die Krone aus den Vitrinen holen läßt. Er spricht nur lateinisch und einer der Polizisten entdeckt, daß er das plötzlich versteht, obwohl er es nie gelernt hat und alle stapfen über die Leichen zum Stefansdom die Krönung findet aber wo anders statt.
Nachher gabs eine rege Diskussion über diesen Roman, den Kurt Neumann als besonders interessant erwähnte. Christian Mähr erzählte sehr launig aus der Entstehungsgeschichte, daß er sich Karl III deshalb ausgewählt hat, weil der ständig scheiterte und das Material über das neunte Jahrhundert über das man nicht sehr viel weiß, hat er sich aus einem dreiteiligen vergriffenen Geschichtsband aus dem neunzehnten Jahrhundert zusammengesucht. Das Buch wurde natürlich auch gekauft und Irene Wondratsch erzählte mir, daß in David Safirs “Plötzlich Shakespeare” ein ähnliches Thema behandelt wird. Da steigt eine Frau in Shakespeares Körpers, es wurde gerätselt, ob Christian Mähr dieses Buch wohl kennt?
Denn am Sabbat sollst du ruhen
“Denn am Sabbat sollst du ruhen”, von Batya Gur, 1993 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, spielt in der Jerusalemer Psychoanalytiker Szene bzw. in dem Institut, das vom 1933 aus Wien emigrierten jungen Analytiker Ernst Hildesheimer gegründet wurde. Inzwischen gibt es drei Kontrollanalytiker, eine Ausbildungskommission, viele Kanditaten und Vorlesungen am Samstagmorgen, bei denen einmal der Analytiker Schlomo Gold, die Kontrollanalytikerin Erva Neidorf, die einen Vortrag über “Ethische und forensische Aspekte bei der psychoanalytischen Behandlung” halten will, erschoßen auffindet.
Langsam und bedächtig führt die 1947 in Tel Aviv geborene und 2005 in Jerusalem gestorbene Autorin in den Roman und das Sujet ein. Aufklärer ist Inspektor Michael Ochajon, der eigentlich Geschichte studierte und sehr unkonventionelle Methoden hat, hört er doch ähnlich, wie die Psychoanalytiker sehr gut zu und so bekommen wir in den ersten Kapiteln eine Einführung in die Psychoanalyse, erfahren was sie von der Psychotherapie unterscheidet, jedenfalls stellt Inspektor Ochajon Ernst Hildesheimer diese Frage und, daß als Kanditaten üblicherweise nur Ärzte und Psychologen angenommen werden, einmal war zwar ein Veterinärmediziner dabei, aber der blieb ewig Außenseiter und zum Kontrollanalytiker wird er sicher auch nicht gewählt. Erfahren, wie lange Psychoanalysen dauern, wie streng die Regeln sind und sehr genau und streng ausgewählt wird, um die Konkurrenz nicht zu groß werden zu lassen.
Eva Neidorf, die kurz vor ihrem Vortrag, wo auch einige neue Mitglieder aufgenommen werden sollten, aus den USA, wo ihr Enkelkind geboren wurde, zurückgekommen ist, wird von allen sehr verehrt und als genaue, moralische, strenge Analytikerin beschrieben, die einmal Ernst Hildesheimer in der Institutsleitung ablösen soll. Sie wurde auf einem Sessel sitzend im Institut erschoßen, die Tatwaffe, ein alter Revolver, der dem Außenseiter Joe Linder gehört, wird im Garten des gegenüberliegenden Krankenhauses gefunden, der arabische Gärtner, der am Sabbat arbeiten darf, gerät in Verdacht und Eva Neidorfs Wohnungschlüßel ist verschwunden. Außerdem wurde in ihrer Wohnung eingebrochen, Unterlagen zu ihren Patienten und der Vortrag sind verschwunden. Die Polizei befragt alle Analytiker und versucht Eva Neidorfs Stundenplan zu rekonstruieren, als sie aber die Namen der Patienten beim Steuerberater holen will, ist dort jemand zuvorgekommen, so müßen die Bankkonten geöffnet werden. Beim Begräbnis erscheint ein sehr schöner junger Mann, der sich etwas seltsam gebärdet und seine Analytikerin Dina Silber verfolgt, die in Joe Linders Praxis arbeitet und auch die Kanditatin ist, die nach der Vorlesung aufgenommen werden sollte.
Joe Linder hat auch einen Freund, Oberst Joav Alon und der, stellt sich heraus, hat mit seiner Arbeit als Militärgouverneur, wo er nichts tut, als Genehmigungen zu erteilen, Probleme, so daß er in Depressionen verfiel, seine Frau mit seiner Sekretärin betrog und als es nichts wurde im Bett, in Eva Neidorfs Praxis landete. Aber ein Oberst darf keine psychischen Probleme haben und sich in Therapie begeben, so gerät er in Mordverdacht und wird von Inspektor Ochajon sehr lang verhört. Seiner Karriere wird das genauso schaden, wie das Leben des arabischen Gärtners, der die Waffe fand, zerstört sein wird, der aus Angst am Montag nicht mehr zur Arbeit kam und daraufhin verhaftet wurde.
Batya Gur übt auch Kritik an ihrem Heimatland und läßt Michael Ochajon Fehler machen. Er versagt als Vater bei seinen Sohn, vergißt ihn zu treffen, arbeitet zuviel und trinkt zuviel Kaffee und die schöne Mörderin wird am Schluß auch auf sehr unkonventionelle Weise, nämlich durch Ernst Hildesheims Hilfe, der damit seine heiligsten Prinzipien bricht und das, um den Mord aufzuklären auch gerne tut, überführt.
Batya Gur, die Literaturwissenschaftlerin und mit einem Psychoanalytiker verheiratet war, ist durch ihre Ochajon-Romane berühmt geworden.
Man bekommt einen genauen Einblick in die israelische psychoanalytische Gesellschaft, die Spannungen und Konklikte, die beschrieben werden, werden auch in Wien nicht anders sein, das Thema Sex mit einem Patienten, erscheint heute vielleicht nicht mehr als der große Tabubruch, sondern eher als Klischee.
Der Holocaust, wie Israel zu Israel wurde und mit welchen Problemen es zu kämpfen hat, wird kurz geschildert, originell, daß Inspektor Ochajon der Aufklärung im Kino, als er dort mit seinem Sohn einen Science Fiction Film sieht, näherkommt.
Interessant ist auch, daß ich während der Lektüre, sowohl bei einem Vortrag im Sigmund Freud Museum über Anna Freuds “Jackson Kinderkrippe” und bei der Feier “Zehn Jahre Psychotherapie auf Krankenschein war”, so daß ich den Roman mit dem psychotherapeutischen Wien von 2011 vergleichen konnte.
Die Praxis des Schreibens
Das Literaturhaus hat seit Herbst eine Zusammenarbeitungsschiene mit dem Institur für Sprachkunst, so gabs bis jetzt Lesungen drei bekannter Autoren, am 28. Jänner sind Texte der Studenten zu hören und jetzt das Symposium “Die Praxis des Schreibens”, mit dem das Institut offenbar in die Öffentlichkeit geht und von seiner Arbeit berichtet.
Ich habe zwar den Zweck der Zusammenarbeit nicht so recht verstanden, wenn sich aber das Institut in seine Karte schauen läßt und man im Literaturhaus ein bißchen mitschnuppen kann, wie das Schreibenlernen passiert, söhnt es mich mit den Aufnahmebedingungen, von dreihundert, vierhundert oder wieviel auch immer Bewerbern werden fünfzehn ausgewählt, ein wenig aus und das Literaturhaus war auch immer sehr voll.
Gestern gings in das “Handwerk des Schreibens” und so berichteten im ersten Block Olga Flor, Josef Haslinger und Katrin Zimmermann, wie sich Prosa zwischen Laissez Faire und Formalisierung lehren läßt. Daß ein solches Unterfangen im deutschen Sprachraum immer noch mit den Vorurteilen des sogenannten Genieparagraphen zu kämpfen hat, hat Robert Schindel schon in seiner Eröffnungsrede oder im Kulturjournal- Interview erläutert, es war auch in den Pausengesprächen immer wieder das Thema.
Aber natürlich muß man das Schreiben lernen und der, der es betreibt, hat das auch einmal. Josef Haslinger, wie er sagte in der Redaktion der Zeitschrift “Wespennest”, sein Mentor war Gustav Ernst, obwohl sich der damals vielleicht nicht so nannnte und sich nicht als solcher sah.
In den Schreibschulen wird es so genannt und auch ausprobiert, ob das in der Gruppe oder einzeln geschehen soll und natürlich muß man für seine Arbeit irgendeine Form der Benotung bekommen, weil das das Hochschulsystem so verlangt und es ist auch hart, wenn die Kollegen über die Texte herfallen und sie zerlegen, wenn das in einer konstruktiven Art und Weise passiert, läßt sich aber daraus lernen und manchmal passiert es in Leipzig auch, in Wien wird man noch nicht so weit sein, wie Josef Haslinger erzählte, daß der Markt die Studenten, wie das bei Sasa Stanisic mit seinem Roman “Wie der Soldat das Grammafon reparierte” passierte, vom Institut wegholt, der dann mit seinen Lesereisen etc so beschäftigt ist, daß er das Studium nicht mehr fertig machen kann. Im Allgemeinen werden die Studenten aber davor gewarnt mit ihren Texten zu früh an die Öffentlichkeit zu gehen und, daß sehr viele, die in Leipzig studieren, später beim Bachmannpreis lesen, ist bekannt und war im Publikum auch zu sehen. Eine sehr interessante Diskussion, in die ich Einiges einbringen hätte können, während ich beim zweiten Block “Figuren im Raum”, unbeleckter war, schreibe ich ja nicht dramatisch, obwohl ich vor Jahren einmal bei einem Symposium der IG Autoren über das Szenische Schreiben war. Gustav Ernst, der ja schon viele Stücke hat, hat moderiert und zwei interessante dramatische Schreiber vorgestellt. Den Engländer David Spencer, der im Schauspielhaus , am Burgtheater, in Hamburg und in Berlin szenisches Schreiben unterrichtet und Ewald Palmetshofer, 1978 geboren, der Hausautor am Schauspielhaus war, dort einige Stücke erarbeitet und herausgebracht hat. von “tier. man wird doch bitte unterschicht”, habe ich vor kurzem erst im Radio etwas gehört. Am Nachmittag ging es mit der Lyrik weiter. “Stimmen finden” hat der Block geheißen. Robert Schindel hat mit Evelyn Schlag, Barbara Hundegger und Dagmar Leupold diskutiert und wollte etwas darüber wissen, wie der Lyriker zu seiner eigenen Stimme finden kann. Die Diskussion war heftig, denn es schreiben, wie ich wieder hören konnte, inzwischen mehr Leute Gedichte, als gelesen werden. So sind die Auflagen skandalös klein und Gedichte werden wohl auch deshalb so oft geschrieben, weil man glaubt, das geht leicht, da brauche ich nur ein paar Zeilen, breche die Sätze ab und schon bin ich berühmt. Barbara Hundegger, die von vielen, als eine der bedeutensten österreichischen Gegenwartslyrikerinnen bezeichnet wird, hatte da viele strenge Einwände, beklagte die schlechte Sprache, “da beherrschen dreifache Doktoren die Grammatik nicht richtig” und riet zur Lektüre von Wörterbüchern. Einwände aus dem Publikum, die vielleicht zu nah an das therapeutische Schreiben kamen, wurden zurückgewiesen, das Gedicht muß nicht mir, sondern den anderen etwas geben, was wieder schwierig ist, wenn die Leute sie nicht lesen….
Ich habe da ja eine etwas weniger rigide Meinung und rate auch zum Schreiben, wenn die Grammatik nicht hundert Prozent stimmt. Allerdings lese ich Gedichte, schreibe aber keine und gehöre wohl zu den wenigen Autoren, die nicht mit Gedichten angefangen haben, sondern eigentlich immer Romane schreiben wollten. Das narrative Schreiben ist aber auch nicht so anerkannt, obwohl es das ist, was die Bücherblogger lesen und die großen Auflagen bringt und da habe ich noch Josef Haslinger vergessen, der von Vampirromanen sprach und davon, das Leipzig das Schreiben solcher nicht anbietet, obwohl die Leute, die sich dort bewerben, sie offenbar das schreiben, wobei ich auf mein “Nanowrimonovel” hinweisen kann, denn das gibt es ja eine Studentin des Hochschullehrgangs für Sprachkunst, die einen Fantasywettbewerb gewonnen hat. Es ging aber mit den transmedialen Formen der Literatur weiter, bei der man die Grammatik auch nicht so braucht. Diskutierte Michael Lentz ja mit Michaela Falkner und Ide Hintze und die eine macht ihre Manifeste, geht in Museen, läßt sich dort erschießen und liegt dann drei Tage lang in ihrem Kunstblut am Boden, während Ide Hintze vom Filmen und den Zettelkästen hergekommen ist, die Schule für Dichtung gegründet hat und die Poesie auch auf eine höchst unkonventionelle Art und Weise betreibt. Danach gab es es eine Poetikvorlesung von Ferdinand Schmatz und eine Performance von Michael Lentz, die ich beide versäumte, da der WGPV “Zehn Jahre Psychotherapie auf Krankenschein” feierte, wo es bei einem ein gutes Buffet gab und Agnes Palmisano schöne Lieder sang.
Am Samstag gings mit den kreativen Prozessen weiter und zwar mit der Studie von Claudia Dürr und Tasos Zembyas über die Entwicklung des Texts von der Idee zur Fertigstellung. Darüber wurde mit Verena Roßbacher und Thomas Klupp diskutiert, die beide an Literaturinstituten studierten, ihre Debutromane herausbrachten und jetzt, obwohl sie erst Anfang Dreißig sind selber unterrichten, Thomas Klupp tut das in Hildesheim, Verena Roßbacher betreut fünf Studenten in Biel. Dagmar Leupold beklagte in der Diskussion wieder, daß es so viele Texte mit abgelutschten schiefen Metaphern gäbe, wo statt der Transformation nur einen Transfer des Erlebten stattfindet. Da müßte man kritisch sein, sagten die Lektoren und lobten das Bücherlesen, weil man dabei am sehr viel lernt. Danach ging es um Literatur und Erfahrung. Elfriede Czurda definierte die Definitionen aus dem Wörterbuch der Brüder Grimm. Marie Caffari vom Schweizer Literaturinstiut erzählte vom Mentoring, der 1 zu 1 Betreuung, die dort betrieben wird und Kerstin Preiwuß, die in Leipzig studierte und lehrt, erzählte von ihren Poetikvorlesungen und meinte, die Leute sollten mehr Lyrikbände kaufen. Danach wurde es kompliziert und unverständlich, das Thema hieß Experiment und Welt. Ferdinand Schmatz diskutierte mit Franz Schuh, Samuel Moser, Monika Rinck und Ulf Stolterfoht, die weder die Welt noch die Erfahrungen gelten ließen und meinten, daß Texte am Schreibtisch entstehen, deshalb hätte es keinen Sinn, wie es Sibylle Lewirtscharoff in Leipzig mit den Studenten macht, in Gefängnissen auf Recherche zu gehen. Am Ende war es dann so mit Theorien vollgepfropft, daß Franz Schuh anmerkte, daß die die Dichter nun mit ihren Werken widerlegen würden, Ferdinand Schmatz lachte dazu.
Danach hielt Dagmar Leupold ihre Poetikvorlesung, die sich als Text mit dem Titel “Mundart” entpuppte, wo es um das rollende “r” der Ostpreussen und Vormundschaften ging.
In der langen Pause machte ich einen Spaziergang zum Bücherschrank und zog dort den Bestseller des Jahres, der immer noch in großen Stößen beim Morawa liegt, nämlich Dirk Stermanns “6 österreicfher unter den ersten 5”, ein eindeutiges Weihnachtsgeschenk, weil es über den Preis ein Sternchengibt, heraus, unterhielt mich mit einem jungen Mädchen, das aus Deutschland zum Symposium anreiste und sich an der Hochschule bewerben will, hoffentlich hat sie keine schiefen Metaphern, traf E. A. Richter beim Büchertisch und habe mit einigen Frauen gesprochen, die Romane schreiben für die sie einen Verlag suchen. Mit Christl Greller und Marietta Böning habe ich mich auch unterhalten, bevor die Lesung des Büchner-Preisträgers Josef Winkler begann, der zwei Szenen aus “Roppongi”, wo es um das Sterben seines Vaters ging und dann zwei Geschichten aus dem Band “Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot”, las. Eine hieß “Lufthoheit der toten Kissenschlacht”, wobei Josef Winkler bemerkte, daß er es Polsterschlacht nennen wollte, worauf ihn der Suhrkamp Lektor fragte, was ein Polster sei? Damit die Deutschen die Pointe verstehen wurde es beim Kissen belassen.
Dann wurde das Buffet für alle frei zugänglich, vorher mußte man pro Kuchen oder Saft einen Euro spenden, Robert Schindel hielt das Schlußwort bevor die Studenten, von denen ich schon einige kannte, den Abschluß gestalteten, ein paar Filme zeigten, die bei den transmedialen Formen mit Orhan Kipcak entstanden sind, einen Wortchor veranstalteten und ihre Texte in verschiedenen Performances zur Geltung brachten.
Verpatzte Werbefahrt, Symposiumeröffnung, Dorothee Elmiger
Für die, die mich für einen langweiligen Menschen halten, ich bin am gestern fünfundneunzig Kilometer über die slowakische Grenze zu einem allerdings sehr guten Frühstück gefahren und danach gleich wieder zurück. Richtig, eine Werbefahrt mit diesmal nur sehr wenigen Teilnehmern in die Strickwarenfabrik Nitra mit einem angeblich sehr günstigen Abverkauf ist angestanden, einen Schal sollte es gratis auch noch geben. Deshalb bin ich um halb sechs Uhr aufgestanden, zum Westbahnhof marschiert und mich gewundert, daß der Bus mit vierzehn Personen gefahren ist. Denn einmal bin ich da ja schon ausgestiegen, diesmal ging es aber los und sogar sehr weit in die Slowakeit hinein, der Buschauffeur erklärte alles sehr genau. Herr Mark war angefressen und deutete den Vierzehn das Einladungsschreiben “Alle versprochenen Leistungen werden von uns garantiert!” um, nur war die Gruppendynamik interessanterweise so, daß die Leute widersprochen haben und sich Herr Mark verarscht vorgekommen sein dürfte. Er brach jedenfalls die Show ab und es ging ohne Schal, Mittagessen und Strickfabrik zurück, macht ja nichts, ich habe ohnehin zu korrigieren. Außerdem sind mir die Bus die einige Einfälle gekommen und ein vorläufiger Arbeitstitel “Bis nach vorn”.
Elisabeth und Katharina sind Zwillingsschwestern und strukturieren beide ihre Leben nach dem sechzigsten Geburtstag um. Die eine will ihre Bücher lesen, die Andere fährt mit einem alten Bus durch Europa oder Österreich. Sie erzählen dabei ihr Leben und erleben ihre Konflikte. Etwas Außergewöhnliches sollte auch noch vorommen. Was originelles, noch nie Geschriebenes..
Wieder zurück kam ich darauf, daß ich, wenn ich um sieben in die Hauptbücherei zu der Lesung von Dorothee Elmiger will, am Literaturhaus vorbeigehen könnte, denn da wurde um sechs das Symposium “Die Praxis des Schreibens” mit einem Festvortrag von Robert Schindel eröffnet. Ganz sicher war ich mir ja nicht, ob diese Veranstaltung der Hochschule für Sprachkunst wirklich öffentlich zugängig ist, es wurde aber im Kulturjournal darüber berichtet und da sagte Robert Schindel etwas Bahnbrechendes, nämlich, daß die Schreibschulen, das gute Handwerk vermitteln, die tollen Ideen würden aber denen, die damit nach Klagenfurt kommen, oft fehlen. Eh ganz klar, ist das, nachdem doch schon so viel geschrieben wurde, nicht mehr so leicht.
Das Literaturhaus war, als ich es vor sechs Uhr erreichte bummvoll. Die gesamte literarische Prominenz hat sich da getummelt. Christl Greller, Ruth Aspöck, Ferdinand Schmatz, Olga Flor, Gustav Ernst, Klaus Kastberger, Alexandra Millner, Christel Fallenstein und viele junge Leute.
Vielleicht, weil um sieben Friederike Mayröcker gelesen hat, vielleicht auch, weil sich doch einige für die Praxis des Schreibens interessieren. Einige sind, wie ich auch bald gegangen, so wollte Ruth Aspöck eigentlich ins Theater und hat nur kurz vorbei geschaut.
Es waren zwei zusätzliche Sesselreihen aufgestellt und eine Videoübertragung in den Nebenraum gab es auch. Die Frau Minister Karl wurde begrüßt, Rektor Bast hat eröffnet und Sabine Scholl, dann hielt Robert Schindel seine Rede über den “Werkzeugkasten des Schreibens” und der hat von schönen Worten nur so gewimmelt.
“Wenn einem nichts einfällt am frühen Morgen, zwischen dem Wortgesims und dem Schweigepropfen, aber ja, es geht schon, denn Einfälle kommen immer, auch wenn es schwer ist, sie mit den Flossen aufzuschreiben, um zu der Dichterin im Kaffeehaus hinüberzuschwenken, die sitzt und schaut, dann aufschreibt, wie der Kellner den Kaffee serviert und schließlich wartet, ob sie auf die Longlist des deutschen Buchpreises kommt!”
Dann wars dreiviertel sieben, Robert Schindel beendete seine Rede, ich bin in die Hauptbücherei gegangen, denn dort habe ich mit dem Alfred und Otto Lambauer verabredet, las Dorothee Elmiger doch zum ersten Mal nach Klagenfurt in Österreich und die halte ich für eine sehr talentierte Schriftstellerin, in der Mayröcker Nachfolge, wenn man soetwas von einer jungen Schweizerin sagen kann. Eine, obwohl mir Otto Lambauer widersprach, die nicht nur mit wunderschönen Worten spielt, sondern auch ein originelles Thema beschrieben hat.
“Die Einladung an die Waghalsigen” ist bei Dumont herausgekommen und war, wie Dorothee Elmiger im Gespräch mit Zita Bereuter, erzählte, schon fertig, als sie damit beim Bachmannpreis angetreten ist und gleich drei Preise gewonnen hat. Den Aspekte Literaturpreis für den besten Debutroman hat sie auch bekommen, jetzt ist sie für Rauris nominiert.
“Vom Geheimtip zum Kultroman”, steht im Büchereiprogramm. Zitha Bereuter hat den Roman mit “Axolotl Roadkill” verglichen, weil er auch mit Montagen und Zitaten arbeitet. Es geht aber um ein weniger brisantes Thema. Eine Stadt ist durch einen Bergwerkbrand verschwundet. Zwei junge Frauen, die in einer Polizeiwachstelle wohnen, versuchen aus Büchern die Vergangenheit zu rekapitulieren und einen Fluß zu finden. Die Bachmannpreislesung im Juni habe ich gehört und auch ein Interview bei der Frankfurter Buchmesse. Ein Ton der mir als interessant und neu erschienen ist, so daß ich mir vom Alfred das Buch kaufen ließ. Die junge Frau, schwarzhaarig und schwarzgekleidet, wie Friederike Mayröcker wirkt sehr sympathisch und hatte wegen der Kultveranstaltung im Literaturhaus wenig prominentes Publikum. Der Sascha hat allerdings fotografiert. Markus Köhle und Mieze Medusa habe ich gesehen und die haben mich sogar gegrüßt. Es ist schon interessant an einem Abend zwei literarische Highlights zu erleben. Auf der einen Seite ein Symposium des Schreibens, auf der anderen eine junge Autorin, die in Wien vielleicht noch als Geheimtip gilt.
Dorothee Elmiger wurde 1985 in der Scweiz geboren, hat ihr Philosophiestudium abgebrochen, zuerst am Schweizer Literaturinstitut studiert, bevor sie nach Leipzig gegangen ist. Jetzt lebt sie in Berlin, schreibt noch nicht am zweiten Roman und hat vorher nur ein paar Erzählungen veröffentlicht. Mich hat es sehr beeindruckt, Otto Lambauer war viel kritischer und wir sind lange in dem Cafe, das jetzt glaube ich nicht mehr “Canetti” sondern “Oben” heißt gesessen und haben diskutiert und Gutschein verkonsumiert, den es als Beilage zum Programm gegeben hat.
Schreibkrisen und Lesestress
Die letzten Tage bin ich fast wieder in eine kleine Schreibkrise hineingekommen, verleiten die Diskussionen über die schlecht lektorierten Bücher und die vielen Blogs, die es schon gibt, doch leicht zu den Gedanken “Das schafftst du nie, wozu tust du dir das an? Es ist sowieso aussichtslos und wenn du dich noch so sehr bemühst!”, das hat mir ja schon Tränen in die Augen getrieben. So kann ich mich an eine Exilpreisverleihung erinnern, wo das geschehen ist. Mehr als einmal bin ich schon fast weinend aus dem Literaturhaus gekommen und am letzten Wochenende hat mich Ann Cotten auf der Margaretenstraße auch in einer solchen Stimmung erwischt. Die geballte Ladung der Wiener Experimentellenszene, der Andrang um Friederike Mayröcker…
Dann gehe ich nach Hause, suche endlos Fehler in meinem vierundzwanzigsten Digitalbuch in spe und weiß natürlich, daß ich mir das antun will, sehr viel Sinn hat es aber nicht und so weiter uns so fort.
Da lobe ich mir Blogs, wie den von Thomas Wollinger, der täglich ziemlich offen über das Schreiben spricht. Der ist eine Ausnahme im österreichischen Literaturbetrieb, wo dir die Kolleginnen ja oft noch immer nicht sagen, woran sie schreiben, aus Angst, du könntest es ihnen stehlen und ich mehr als einmal hörte, wenn der oder die liest, lese ich nicht, denn das schadet meinen Ruf oder wenn du mit mir in der Autorensolidarität abgebildet bist, klage ich dich, ich will nicht mit einer auf einem Foto sein, die ihre Bücher selber macht.
Aus Amerika kommt Töstlicheres, wie der Nanowrimo oder Sätze, der erste Entwurf muß nicht unbedingt den Nobelpreis bekommen, du darfst und mußt auch Fehler machen, nur so kannst du weiterkommen. Da hat Thomas Wollinger kürzlich ein sehr ermutigendes Video in seinen Blog gestellt, wobei ich mir allerdings auch dachte, bei mir gilt das nicht.
Während ich das dachte, habe ich natürlich weiter an der “Absturzgefahr” korrigiert und bin jetzt schon in der Phase, wo ich glaube, jetzt werde ich fertig und wieder einen Fehler finde. Erfahrungsgemäß braucht es dann dann noch einige Wochen.
Die “Schreibkrise” hat mich fast dazu gebracht, die Aufforderung für die Zeitschrift “Landstrich”, einen Text zu schreiben, zu ignorieren. Früher habe ich ja viel auf “Auftrag” geschrieben, da gab es beispielsweise den Siemens-Literaturpreis, den allerdings auch meistens experimentelle Autoren, wie Birgit Schwaner oder die Grauenfruppe gewonnen haben und den Alfred Stern-Preis der Gewerkschaft, den der Bawag-Skandal beendet hat.
Dafür habe ich Jahr für Jahr einen Text geschrieben, die meisten sind in meinen “Best of” Büchern abgedruckt. Beim Stern-Preis habe ich dreimal gewonnen, beide Preise gibt es nicht mehr. Ich schreibe kaum mehr kurze Texte und habe schon lang aufgehört, Auszüge aus meinen Romanen an Kolik, Wespennest und Manuskripte zu schicken. So habe ich den Herrn von Landstrich am Samstag auch gesagt, daß mir zu diesem Thema nichts einfällt, danach Ann Cotten auf der Straße getroffen und am Sonntag nicht, wie geplant, die “Absturzgefahr” korrigiert, sondern einen Text mit dem Titel “Verbindliche Vorschläge zum höchsten Wertkanon” geschrieben, mal sehen, was es bringt.
Am Montag habe ich vom Zweiten, der mich bei den Textvorstellungen am 6. 12. angesprochen hat, eine Kritik auf die “Sophie Hungers” bekommen und das war ein langer fundierter Brief mit vielen Fragen, Gedanken und Überlegungen. Eine Rückmeldung, wie man sie sich nur wünschen kann. Christian M. hat mir geschrieben, daß er die Sendung “Texte” in Ö1 gehört hat und deshalb in die Alte Schmiede gekommen ist, weil ihn unkonventionell entstandene Bücher interessieren. Er hat das Buch auch wirklich sehr genau gelesen. Ich würde mir ja für das Literaturgeflüster eine lebendigere Diskussion wünschen, leider sind meine eifrigsten Kommentierer inzwischen verschwunden, aber eine Literaturdiskussion über Blog ist eine spannende Sache, die zumindestens ich manchmal betreibe und auf meine Lieblingsblogs Kommentare stelle.
Dazu passt die Nachricht, daß Manfred Chobot, wie ich heute im Leporello hörte, den ersten SMS-Roman geschrieben hat.
Vom Schreiben komme ich nun zum Lesen, das ja eine Gefahr bzw. eine Ablenkung sein kann. Deshalb lesen manche Autoren nichts oder nur wenig. Ich tue das dagegen intensiv, wenn ich es zu lang betreibe, bekomme ich Schuldgefühle und denke, daß ich jetzt wieder etwas schreiben sollte…
Aber jetzt habe ich durch das neue Bücherregal und meine lange Leseliste den Ehrgeiz bekommen, all das auch zu lesen. Es gibt ja auch Phantasien darüber zu schreiben. Einen Roman, der aus lauter ungelesenen Bücher besteht, zu schreiben, schwebt mir schon lange vor. Ein paar Ansätze dazu gibt es auch schon und der Bücherstoß im Badezimmer ist inzwischen auf vierzig Stück angewachsen. Da muß ich aufpassen, daß nicht mehr als höchstens ein Buch pro Woche dazu kommt, um meine Vorsätze einigermaßen zu schaffen. Eine interessante Selbstbeschränkung, denn Bücher faszinieren mich ja sehr. Das Schreiben und das Lesen, ich bleibe dran an beiden und werde darüber berichten…
Prada, Pumps und Babypuder
“Prada, Pumps und Babypuder” von Sophie Kinsella ist ein Fund aus dem offenen Bücherschrank und der fünfte Band der Shopaholic-Serie mit der Heldin Rebecca Boomwood bzw. Brandon. Den ersten Band, die Schnäppchenjägerin hat mir Alfred im Hardcover 2000 oder 2001 geschenkt, weil er meinte, daß es zu mir passt und ich habe das Buch als eine psychologische Studie des Kaufrausches gelesen, die zwar ein bißchen in der Upper Class Londons spielt und ein paar Klischees bedient, ein Adeliger kommt auch darin vor, aber köstlich und ungefähr das Gegenteil von dem ist, was ich unter Schnäppchen verstehe. In den Romanen sind immer Briefe eingeschoben, bei der “Schnäppchenjägerin”, die von Banken, die die verschuldete Becky mahnen, doch ihr Konto auszugleichen und ihre Antworten, in denen sie sich dreht und windet und die Wirklichkeit verkennt.
Als ich “Das literarische Leben der Dora Faust” geschrieben habe, habe ich mich ein bißchen an dem Schreibstil orientiert und Verlagsbriefe in den Roman integriert. Dann habe ich lange von Sophie Kinsella nichts mehr gehört, als ich einmal von einer Supervision heimgegangen bin, habe ich in einer der Bücherkisten des Bücherzentrums gesehen, daß es Fortsetzungsbände gibt, aber ich kaufe mir ja keine Bücher, die mehr als einen Euro kosten…
2006 habe ich beim Literaturwettbewerb in der Pannaschgasse einen Thalia-Gutschein über zweihundertfünfzig Euro gewonnen, “Fast geschenkt” und “Umtausch ausgeschlossen” entdeckt und beide Bücher in einem Zug gelesen.
Sie waren spannend, aber schon im Stil der Erfolgsserie geschrieben. Becky kauft weiter lustig ein, zerstreitet sich mit ihrem Luke, den sie im ersten Teil findet, gerät in allerhand Schwierigkeiten, die sie am Schluß mit Bravour löst. Im dritten Teil “Hochzeit zu verschenken”, den ich nicht gelesen habe, heiratet sie Luke, im vierten taucht eine geizige bzw. umweltbewußte Schwester auf.
Inzwischen gibt es einen sechsten Band “Mini-Shopoaholic”, 2010 herausgekommen, der gerade von den Bücherblogs eifrig gelesen und besprochen wird und andere Erfolgsromane, wie etwa “Charleston Girl”, hat die 1969 in London geborene Autorin, die eigentlich Madeleine Wickam heißt und Wirtschaftsjournalistin war, auch geschrieben.
Jetzt habe ich “Prada, Pumps und Babypuder”, gelesen, in dem Becky Brandon, ein Jahr verheiratet und schwanger, mit ihrem Mann zur Ultraschalluntersuchung geht, der ja ein erfolgreicher Geschäftsmann und ziemlich autoritär ist, so schleppt er sie zu einem alten Frauenarzt, der ihn schon zur Welt brachte und weigert sich das Geschlecht des Kindes zu erfahren, obwohl Becky das unbedingt wissen will. Sie tröstet sich indem sie in einen Nobelkinderladen geht und dort die unsinnigsten Sachen in ihren Einkaufswagen schmeißt, zufällig hört sie ein Gespräch zweier Nobelkundinnen, die von einer wahnsinnig tollen Frauenärztin erzählen, wo man Lotuswassergeburten machen kann, zu der alle Models gehen. So will sie natürlich auch hin, verspricht der Assistentin alles, damit sie einen Termin bekommt und schleppt auch ihren Luke mit. Was nicht gut ist, denn der war der ehemalige Liebhaber, der schicken rothaarigen Ärztin, die Markenklamotten, statt einen weißen Mantel trägt, ganzheitliche Betreuung anbietet und jeder ihrer Patientinnen eine persönliche Beziehung verspricht. Aber die scheint sie eher mit ihrem verflossenen Liebhaber aufzubauen, der wieder geschäftliche Schwierigkeiten hat, Becky hat sie ebenfalls, ist sie doch inzwischen Einkaufsberaterin in einem Kaufhaus, das vor der Pleite steht und aus der Wohnung müßen sie auch hinaus. Was aber nichts macht, haben sie ihr Traumhaus schon gefunden, das zwar schon verkauft wurde, aber Becky verspricht Fabia Paschalli ihre tollen Markenstiefeln und alles scheint in Ordnung oder doch nicht ganz, denn die Anzeichen häufen sich, daß Luke etwas mit der schönen Geburtshelferin hat und die ist sehr gemein zu Becky, zwingt sie in häßliche Stützstrümpfe, nimmt ihr ihre Markentaschen weg und als Becky mit einem T-Shirt auftaucht, auf dem “Sie ist eine rothaarige Hexe und ich hasse sie”, steht, auftaucht, das eigentlich die Geschäftsidee ist, um das Kaufhaus zu retten, erzählt sie ihr, sie und Luke wären ein Paar und Becky ist wieder einmal niedergeschlagen.
Am Ende waren es doch nur Lukes Geschäftsprobleme, die ihn so oft das Haus verlassen ließen, das hatten wir schon in Roman zwei oder vier, es kommt zu einer fulminanten Szene in der Entbindungsklinik, die kleine Minnie wird geboren, Becky hat für sie inzwischen auch ein bißchen Geld gewonnen, nur das Traumhaus mit den vielen Luxuseinrichtungen und Kinderzimmern bekommen sie nun doch nicht. So wohnen sie vorübergehend bei Beckys Eltern und geben auch ein paar der eingekauften Kinderwägen zurück. Daß die Geschichte gut ausgeht war zu erwarten, habe ich inzwischen doch bei libromanie schon die Besprechung von Mini-Shopaholic gelesen. Spannend ist es immer noch geschrieben, obwohl Muster und die Klischees deutlich zu erkennen sind und sich Luke und Becky vieleicht noch einige Male streiten und versöhnen werden und Becky munter einkaufen geht. In Band sechs habe ich bei libromanie gelesen, kommt auch noch die Wirtschaftskrise vor.
Blaubarts Kinder
Renata Serelytes 2010 bei Wieser in der Edition Zwei erschienener Roman “Blaubarts Kinder”, ist, wie ich der Verlagshomepage entnehme “Ein Schlüssel zur kommunistischen und postkommunistischen Welt abseits der großen Politik – weit über Litauen und Russland hinaus” und ich habe mich beim Lesen des Buches der 1970 in Litauen geborenen und dort lebenden Schriftstellerin, die mit “Blaubarts Kinder”, den Bank Austria Literaris Preis für Literatur aus dem Osten und Südosten Europas, nicht sehr leicht getan, obwohl ich ja im November bei der Preisverleihung im Radiokulturhaus gewesen bin, denn dem Buch ist leider, was heute zum Glück sehr selten ist, weder ein Lebenslauf der Autorin noch ein paar Zeilen zu Buch und Inhalt beigefügt und im Internet habe ich zuerst auch nur wenig gefunden. Cornelius Hell hat das Buch übersetzt und es, wie ich mich zu erinnern glaube, bei der Veranstaltung als einen der besten Romane der litauischen Gegenwartsliteratur bezeichnet und Cornelius Hell war auch vorige Woche in der Sendung Ex Libris und hat dort den Roman des Litauers Romualdas Granauskas “Das Strudelloch” besprochen, wo er über die schlechte Übersetzung und das fehlende Lektorat klagte.
“Blaubarts Kinder” sind sicherlich viel besser übersetzt, gestöhnt habe ich beim Lesen trotzdem, scheint mir doch die Kapitelbezeichnung unvollkommen bzw. fehlerhaft zu sein. Denn es beginnt bei eins, geht bis drei um dann mit zwei fortzufahren und so weiter und so fort, durch die gesamten 337 Seiten. So daß ich bei dem Roman, über den ich nicht viel weiß, der die Geschichte des Kommunismus mit Mythen, Märchen, Bildern und auch noch mit wechselnden Ich-Erzählern aufarbeitet, sehr unsicher wurde, noch dazu, da ich ja von der Geschichte Litauens nicht wirklich viel weiß.
Cornelius Hell macht zwar ein paar Anmerkungen, erklärt einige Nationalspeisen und auch einige litauische oder russische Autoren, ein paar Wörter, die mir nicht ganz Deutsch erscheinen, wie z.B. Diphtong, verwendet er aber doch und es beginnt auch gleich mit einer Toten, die begraben wird und in sehr drastischen Worten ihr Leben erzählt. Es ist also auch für eine vielleicht nicht so geübte Leserin, wie ich es sicher bin, nicht leicht das Buch zu verstehen, deshalb habe ich Cornelius Hell ein Mail mit Fragen geschickt und es zurückbekommen. Als ich es dann beim Wieser Verlag versuchte, habe ich auf der Homepage eine Erklärung zu dem Buch gefunden und ein paar Zeilen Lebenslauf zu Renata Serelyte hatte ich schon. Zu “Blaubarts Kinder” scheint es noch keine Rezensionen zu geben, es gibt aber ein paar Fotos und sogar Videos von Renata Serelyte im Internet.
Nun denn, ich habe mir die Geschichte als Aufarbeitung des Kommunismus der Sowetunion bzw. Litauens interpretiert. Das Buch beginnt in einer sehr starken Sprache mit dem Begräbnis der Mutter, einer überzeugte Kommunistin, die der Liebe wegen, ihren trinkenden Mann verlassen hat und aus dem litauischen Dorf dem Russen Anatolij nach Russland folgte. Dort hatte sie es schwer mit den Parteihierarchien und wird auch von ihrem jähzornigen Mann mit einem Bügeleisen erschlagen bzw. verbrannt. Drei Kinder bleiben zurück, der Sohn und die Tochter des litauischen Vaters, die wieder nach Litauen gebracht werden und der Sohn des Russens, der in ein Kinderheim kommt. Es gibt, wie erwähnt vier Erzählerstimmen, die Mutter und die drei Kinder, was das Verstehen nicht leichter machte, trotzdem erfährt man nach und nach die Geschichte, die dann von der Tochter und dem Bruder weitererzählt wird. Namen gibt es in dem Buch nicht sehr viele, was es auch nicht leichter macht. Blaubarts Kinder wachsen jedenfalls bei der Großmutter und dem trinkenden Vater auf, gehen in den kommunistischen Zeiten zur Schule und sollen dort zu besseren Sowetmenschen gemacht werden, der Bruder liest aber gerne in den Büchern von Jack London, die Großmutter scheint fromm zu sein und erzählt von ihrer Jugend, als es noch keinen Kommunismus gab, die Not daher viel größer und sie viel ärmer waren. Aber richtig reich ist man in dem Haus auch nicht, wo die Stiegen von einem wahrscheinlich ebenfalls betrunkenen Architekten so geplant wurden, daß man sehr aufpassen muß, um nicht in den Keller zu fallen. Gewalt und Alkohol spielen eine große Rolle, vor allem die Gewalt der Männer gegen die Frauen, die sie treten und schlagen und die gegen sie keine Chance haben und die Gewalt des Kommunismus bzw. die des Vorsitzenden, der Lehrer etc…
Alpträume kommen vor und eine sehr drastische Sprache, die uns all das erzählt. Denn inzwischen hat sich ja das System verändert, den Kommunismus gibt es nicht mehr, der Rubel fiel und es wird, als es die Schwester nach Vilnus zum Studium schafft, litauisches Geld verwendet. Die Schwester wird Schriftstellerin, bekommt aber auch einen gewalttätigen Mann und ihre Kinder, ein Mädchen und ein Bub, hier kommen Namen vor, werden es wohl trotz fehlenden Kommunismus auch nicht viel besser haben. Sperrt der Mann, die Schwester doch ein und die kleine Lügne nimmt der Mutter die Flasche weg und schimpft sie “Alkoholikerin”, während der Bruder, der offenbar selbst viel sensibler, als die gewalttätigen Schulkameraden ist, wie schon beschrieben, die Bücher von Jack London liebt, aber schlechte Träume hat, in der Psychiatrie behandelt wird und sich schließlich das Leben nimmt. Der andere Bruder, der im soweitischen Kinderheim aufgewachsene, tritt am Schluß auch noch auf, auch er schafft es weder im kommunistischen noch im postkommunistischen Leben, wird aber fromm und gläubig und nimmt den Kontakt zu den litauischen Halbgeschwistern auf.
Ein beklemmender Roman, der uns in seiner starken Sprache, viel von einem uns unbekannten Leben erzählt, wo die Männer die Frauen mit Bratpfannen und Bügeleisen schlagen und die Desinfektionsmittel giftgrün sind, so daß man sich, wenn man damit gewaschen wird, fürchten muß, auf die Straße zu gehen, sieht man so doch, wie ein Frosch oder ein Marschmensch aus, die Kinder sich vor der Greisslerei die Nasen plattdrücken, weil sie kein Geld für Bonbons haben und die Lehrer zwar von Lenin und Engels schwärmen, ihren Schülern aber auch nicht viele Perspektiven anbieten können. Ein wenig versucht das zwar die Theatergruppe des Kulturhauses, was ihr, da der Kommunismus am Verfallen ist, aber nicht wirklich gelingt, so daß wir nach der Lektüre des Buches ein beeindruckendes Panorama von einem Land bekommen, über das die meisten von uns wohl nicht viel wissen.
Kulturkontakt und die Edition Zwei versuchen da ein wenig abzuhelfen, obwohl das Buch auch seinem Namen nicht ganz gerecht wird, denn in den anderen Büchern, die ich von dieser Edition habe, kann man es auf der einen Seite in Deutsch, auf der anderen in der Originalsprache lesen. Hier ist es fast nur auf Deutsch, nur hinten gibt es zwei Kapitel auf Litauisch und wie erwähnt, die Erklärungen haben mir gefehlt, weil ich mir ganz allein ins kalte Wasser geworfen, ein wenig verloren vorkam.
Jetzt bin ich aber doch zu einer Besprechung gekommen, es war auch ein interessantes Buch und ich habe das Lesen trotz allem sehr genossen. Wenn ich nun noch von Wieser eine Antwort bekomme, wird mich das besonders freuen.
Ein Fest für Ernst Jandl
Gabs am Samstag im Wien Museum im Rahmen der Ernst Jandl Ausstellung ab sechzehn Uhr und im Radio wieder eine Jazznacht mit der Jandlschen Plattensammlung, die sich, wie ich gerade hörte, im Literaturarchiv befindet. Ernst Jandl hatte ja im Jahr 2010 den 85. Geburtstag und 10 Todestag, deshalb die Ausstellung. Warum dieses Wochenende das Fest gefeiert wurde und im Radio soviel Jandlnächte zu hören sind, weiß ich nicht, es war aber interessant in der Kombination mit den beiden Alte Schmiede Abenden, bei denen ich diese Woche war und ich habe auch viele Bekannte getroffen. Zuerst gabs Lesungen von sechs experimentellen Lyrikern, die ihre und Jandls Texte zur Geltung brachten.
Der 1965 geborene Semier Insaif hat begonnen und Gedichte vorgetragen, die später noch zu hören, bzw. auch in der Ausstellung zu finden waren. Das vom Faulseinsein beispielsweise “ein faulsein ist nicht lesen ein buch, ist nicht lesen keine Zeitung, ist überhaupt nicht kein lesen….”, das in unserer derzeitigen Bildungsdebatte ja eine besondere Bedeutung bekommt, das Gedicht vom “Schützengraben” und das vom “Mund”, wo man schon einen gewissen Einblick in die Lyrik Jandls bekam. Die Priessnitzpreisträgerin von 2007 Ann Cotten folgte und überraschte, daß sie ausgerechnet die kleinen biligen DDR-Poesiealben, die ich erst in der Hand hatte, erwähnte und Texte aus dem Ernst Jandl gewidmeten Heft 278 las. Sie erwähnte auch, was ich nicht, wußte, daß das Heft erst deshalb in der DDR Nachfolgezeit erscheinen konnte, weil sich die DDR geweigert hat, Jandl zu drucken, dann folgte Ferdinand Schmatz, der der letzte Ernst Jandl Preisträger ist.
In der Pause kam ich mit Christel Fallenstein ins Gespräch, die mich einigen Leuten vorstellte, darunter dem Herrn, den ich einen Text für die Zeitschrift Landstrich schicken soll und mir einen russischen Dichter zeigte. Friederike Mayröcker erschien, den zweiten Lesungsteil begann Brigitta Falkner, die Jandls Texte an die Wand projizierte und dabei das Inserat zeigte, in dem der Dichter und Lehrer eine ruhige private Zweitwohnung suchte, dann kamen noch Texte aus ihrem “Prinzip I”.
Bodo Hell las einen Jandl Prosatext der in Rohrmoos, dem langjährigen Sommerfrischenort von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker entstanden ist und erzählte, daß er vor kurzem dort gewesen ist um sich das Haus anzuschauen. Friederike Mayröcker las drei Jandl Gedichte und Texte aus “Dem Vogel Greif”. Christel Fallenstein hat mir die Texte inzwischen geschickt, so daß ich ein bißchen zitieren kann.
Da war z.B. “das hundelvieh”, das Friederike Mayröcker gewidmet ist.
“gar traurig geht das hundelvieh, auf einer zeh und einem knie, verloren leckt das hundelvieh, am roten fleck der masturbie…”
Nachher wurde die Dichterin mit Autogrammwünschen bestürmt, da ich in der Nähe saß konnte ich sehen, daß einige Leute gleich zehn Fotografien oder mehr signieren ließen und der russische Dichter übergab ein Buch.
In dieser Pause ging ich nochmals durch die Ausstellung, nachher gabs den Film von Peter Whitehead von dem legendären Poetry Festival 1965 in der Royal Albert Hall mit Allen Ginsberg, wo Ernst Jandl mit seinen Lautgedichten “Am Anfang war das Wort”, “Schützengraben” und “Ode an N”, das Publikum überzeugte und in England sozusagen über Nacht zum Popstar wurde. Er hat sich mit Allen Ginsberg befreundet und einem Freund geschrieben, daß er wieder nach Wien, als Lehrer zurückmüße, weil man vom Dichten nicht leben kann, aber in Wien ist leider so gar nichts los….
Danach kam eine audiovisuelle Performance, wo aus Stempelzeichnungen Ernst Jandls und seiner Stimme “viele köpfe aber auch Os” durcheinandergeworfen wurden. Das hat aber leider erst angefangen, als schon der Poetry Slam mit Mieze Medusa und friends beginnen sollte und das war auch sehr lang. Mieze Medusa konnte sechs Personen einladen und hat Markus Köhle, Yasmin Hafdeh, Christian Reiner, Didi Sommer, Jörg Semmler und Tobi Kunze ausgewählt, die sowohl ihre, als auch Jandls Texte in zwei Durchgängen jeweils Minuten slamten. Es gab eine Jury, die Tafeln zwischen 1 und 5 hochhielten und sogar Preise für die Sieger. Tobi Kunze und Yasmin Hafdeh haben gewonnen, den Text über die Ziele der zwanzigjährigen Yasmin Hafdeh “Mein Weg führt nicht nach Rom”, den sie nach Jandls “Viele Wege” slamte, war sehr beeidruckend, weil er die ganze Ausweglosigikeit und auch das Selbstbewußtsein der prekären Studenten von heute zeigte.
“Nach links, nach rechts abbiegen und wählen Sie Ihre Ziel neue, Sie haben Ihr Ziel verfehlt, warum hat sich Thomas Bernhard wiederholt und warum ist das Studium der Theaterwissenschaft so theoretisch, aber ich gehe meinen eigenen Weg, ein Nobelpreis ist sicher auch dabei, ob ich mich über den dann freuen kann…?”
Didi Sommer habe ich schon von der Augustin Schreibwerkstatt gekannt, er begann mit Jandls Gedicht über seinen Vater, der im Krieg geschossen hat und gefallen ist und lenkte dann zu seinem Opa über, der nach dem Krieg, die Oma heiratete und schließlich an Krebs starb. Nur der Witz, daß die Oma in die Oper, der Opa aber in die Oma will, hat mir nicht so gut gefallen, aber den hat, glaube ich, ein anderer vorgetragen.
Nachher war ich sehr müde und erschöpft und habe beim Nachhausegehen wieder einmal niedergeschlagen “Ich schaffe es nicht, ich schaffe es nicht!”, vor mich hingedacht, als auf einmal Ann Cotten die Quergasse hinuntergekommen ist, die Straße überquerte, umdrehte und mich ansprach, ob ich traurig wäre?
Allerhand habe ich gedacht, sie muß sehr sensibel sein, daß sie das bemerkt. Durch ihre originellen Kommentare und trockenen Bemerkungen ist sie mir aber schon früher aufgefallen.
Lyrik in der Alten Schmiede
Die Lesung Ludwig Fels in der Alten Schmiede hat sich bei mir eingeprägt, obwohl ich noch gar nicht so viel von dem Autor gehört oder gelesen habe. Ein Buch habe ich mir einmal im Abverkauf gekauft und eine Lesung versäumt, die ich heute nachholen wollte. Dann kam ich darauf es gibt noch vorher einen Lyrikblock ohne die Ankündigung besonders zu studieren und am Vormittag wurde ich panisch, weil wieder klinisches Fallseminar sein sollte und dann wäre ich mit meinem “Absturzgefahr”- Pensum nicht fertig geworden. Hingehen oder nicht, lautete die Frage und als ich zu Mittag das AKH erreichte, kam mir die Stimmenhörererin entgegen und sagte “Die Veranstaltung” fällt aus, so daß ich über den Bücherschrank zurückging, wo es einen der Shopaholic Bände der Sophie Kinsella gab, den ich noch nicht hatte und ein Buch, das ein Deja vue Erlebnis bei mir auslöste, nämlich die uralte Jugend und Volk Anthologie zur Arbeitswelt “5 Tage hat die Woche”, die ist im Jahr 1983 herausgekommen und 1982, das Buch gegen die geschlechtsspezifische Kindererziehung “Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen”, wo ich ja gewonnen hatte, so daß ich “Die freundlichen Stimmen oder auf einen Anruf warten!”, hinschickte, die Lektorin wollte es nicht, hat es aber an den Wiener Frauenverlag weitergeschickt, wo der Text in “Arbeite Frau, die Freude kommt von selbst”, erschienen ist.
Die Jugend und Volk Anthologie hatte ich bis heute nicht gesehen, viele bekannte Namen am Umschlag, die Arbeitswelt wird inzwischen höchstwahrscheinlich ein wenig veraltet sein. Dann habe ich mich intensiv über mein Manuskript gesetzt, so daß ich es rechtzeitig zur ersten Veranstaltung in die Alte Schmiede schaffte und die war ein Gewinn, ging es doch um die Lyrikreihe “Poesiealbum” die von 1967 bis 1990 im DDR Verlag “Neues Leben” herausgegeben wurde und seit 2007 im “Märkischen Verlag” wiederaufgestanden ist. Richard Pietrass, der jetzige und auch damalige Herausgeber war schon im Werkstattraum und hat sich mit Kurt Neumann eifrig unterhalten, im Zeitschriftensaal lagen die Hefte auf, die mir bekannt erschienen sind. Kurt Neumann begrüßte und sagte Richard Pietrass würde zum dritten Mal in der Alten Schmiede lesen. Das erste Mal war beim DDR Schwerpunkt im April 1979, damals hatte er erst eine Veröffentlichung, nämlich sein 1974 herausgekommenes Poesiealbum. Danach im Jänner 1991 zum zweiten geplanten DDR Schwerpunkt, nur hat es zu diesem Zeitpunkt, die DDR nicht mehr gegeben, hatte die Veranstaltung doch eine lange Vorlaufzeit. Dann kam der sehr gesprächige Autor, der auch klinischer Psychologie ist oder das studiert hat und erzählte, daß die Reise 1979 nach Wien bzw. Österreich sein Leben sehr verändert hat. Er hat danach zwei Wien Gedichte geschrieben, eines trug in der ersten Fassung den Titel “Gassi”, was den Ausgang aus der DDR hinaus bedeuten soll, das zweite hat die Zeilen “Mit Ring und Graben und Läden, die haben”, dann wurde er noch nach Salzburg eingeladen, wo ihn H.C. Artmann mit seinem Fanpublikum erwartete, nach Innsbruck ging es auch, wo ihn die Berge sehr beeindruckten. Richard Pietrass war auch Lektor bei “Jugend und Welt” und die Reihe “Poesiealbum” wurde im Oktober 1967 zum fünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution von Bernd Jentzsch begründet, der allerdings in die Schweiz immigrierte, so daß der Büchermensch und Lyrikkenner Richard Pietrass sein Nachfolger wurde, nach drei Jahren wurde er allerdings entlassen. Es entstanden bis 1990, 276 Hefte, sowohl Sowetautoren, als auch Klassiker und junge DDR-Dichter, eine ausgewogene Mischung von allem. In den zweiunddreißig Seiten starken Heftchen gab es ein Portrait und eine Grafik in der Mitte. Ein Monat nach der Währungsreform wurde die Reihe eingestellt, 2007 zuerst wieder mit Bernd Jentzsch vom Märkischen Verlag wieder aufgenommen, inzwischen macht sie wieder Richard Pietrass. Das erste Heft war Bert Brecht gewidmet, das zweite der SU, dann kamen aber auch Goethe, Heine, Reiner Kunze, Volker Braun, Eva Strittmacher, die vor ein paar Wochen gestorben ist, etc dazu. In der neuen Reihe wurden Peter Huchel, Ezra Pound, Seamus Heany, Wolfgang Hilbig, Thomas Rosenlöcher, Nelly Sachs, Christoph Meckel etc herausgegeben. Fünf Österreicher wurden auch verlegt, nämlich Ernst Jandl, Karl Kraus, Konrad Bayer, Christine Lavant und Theodor Kramer. Um das Christine Lavant Heft herauszugeben ist Richard Pietrass nach Kärnten gefahren und wurde enttäuscht, als das Musil Museum geschlossen war und “Wir freuen uns, Sie am 7. Jänner zu begrüßen!” an der Tür stand, was er als zynisch erlebte. Er ist dann ins Lavanttal gefahren, wo ihn die freundlichen Nachbarn das Wohnhaus der Lavant zeigten und ihm sehr viel erzählten. Es gab auch Tonbeispiele, nämlich von der Lavant und von Seamus Heaney, der 1995 den Nobelpreis bekommen hat, wo Richard Pietrass es durchsetzte eine Einladung zu bekommen und als einer der wenigen im normalen Anzug an der Veranstaltung teilnahm. Die Stimme von Boris Pasternak, der seinen Nobelpreis nicht annehmen konnte, war auch zu hören, dann noch Beispiele der DDR Autoren Christoph Meckel und Thomas Rosenlöcher, dessen “Dresdner Kunstauffassung”, habe ich allerdings schon von meinem lieben Psychologiekollegen Wolfram Huber, der von Dresden nach Österreich gekommen ist, bekommen.
Eine Reise in die Vergangenheit, zu der ich meine Beziehungen habe, gibt es in den Harlander Bücherregalen doch mehrere der alten Aufbau Ausgaben und die DDR Jubelbroschüren “Gesundheit”, “Kunst und Kultur” etc, die immer auf den Volksstimmefesten zu finden waren, gibt es auch und Ausgaben der Zeitschrift DDR-Revue oder so gibt es auch und zumindestens dort habe ich die Poesiealben gesehen, wenn ich nicht selbst ein paar davon habe. Vor allem aber hat Richard Pietrass eine sehr unkonventionelle Art zu erzählen, dann ging es in den Keller zur Präsentation des bei Jung und Jung erschienenen Gedichtbands “Egal wo das Ende der Welt liegt”, des ebenfalls 1946 geborenen Ludwig Fels. Kurt Neumann hat wieder eingeleitet und die Texte sehr gelobt. Ludwig Fels sei einer, der das Unrecht der Welt anklagt und sich nicht scheut, Herz auf Schmerz zu reimen, es aber auf eine vollkommene Art und Weise tut und empfahl drei Hauptstücke aus dem Band. Dann kam der Autor und las zur Einleitung einen Prosatext aus der Festschrift zehn Jahre “Jung und Jung”. “Über die Schönheit”, die schon sehr poetisch war. Die nachfolgenden Gedichte handelten, wie beschrieben von der Liebe, vom Leben und von der Flucht mit einem Boot in eine bessere Welt und dem Sterben im Meer, während wir nur Gesetze erfinden, um diese Fluchten zu verhindern. Geballte Poesie, die noch weiter geht, gibt es in Ö1 doch gerade eine dreistündige Jazznacht zum Thema Ernst Jandl und morgen geht es im Wien Museum mit einem Fest für ihn weiter, über das ich noch berichten werde.
