Schicksal

Tim Parks “Schicksal” könnte man auch “Auslöschung” nennen, ist es doch ein Endlosmonolog eines Mannes, der seinen Sohn verlor, ganz nach Vorbild des alten Meisters, die Sätze “Das ist die Wahrheit” kommen mehrmals vor, das Wort “Auslöschung” wird genannt, aber vielleicht ist nur die Übersetzerin ein Bernhard-Fan, ist der 1951 in Manchester geborene Tim Parks ja Engländer und lebt als Autor und Übersetzer, unter anderen hat er Italo Calvino und Alberto Moravia übersetzt, in Verona.
So geht es auch dem Ich-Erzähler Chris, der sich am Beginn des Romans in einem Hotel in London befindet, weil die Ärzte seines Sohnes ihn und seiner Frau geraten haben, Italien zu verlassen, damit sich dieser von seiner Schizophrenie erholen kann. In der Rezeption des Hotel Knighbridges kommt die Nachricht vom Selbstmord Marcos, worauf er mit seiner Frau nach Italien zurückfliegt.
Chris monologisiert dabei endlos vor sich hin, hört Stimmen, erzählt sein Leben und uns den Roman, während Mara mit einem roten Mantel, grünen Hut und rosa geschminkt, das Flughafenpersonal veranlaßt, sie ohne Ticket ins Flugzeug zu lassen, die Überstellung des Sarges nach Rom und das Begräbnis organisiert.
Chris, der ein Buch über den italienischen Nationalcharakter schreiben will und ein Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Andriotti organisiert, beschließt seine Frau zu verlassen, während er mit ihr im Flugzeug sitzt. Er ist herzkrank, hat keine Tabletten bei sich und auf dem Flughafen Schwierigkeiten zu urinieren und Stuhl zu lassen, dafür entdeckt er ein Buch über den italienischen Nationalcharakter im Flughafenshop, das sein Nebenbuhler geschrieben hat. Er hat seine Frau aber auch betrogen, im Hotel in Neapel, als seine Frau nach Rom zurückfuhr, weil der zehnjährige Marco nicht mit seiner Schwester Paola bei der Großmutter schlafen wollte.
Vielleicht ist das der Anfang der Geschichte, denn Mara hat Marco, der, wie ihr Vater heißt, sehr verwöhnt, nachdem sie glaubte keine Kinder bekommen zu können und daher die kleine Paola, die die Tochter einer Prostituierten ist, aus einem ukrainischen Waisenhaus holte.
Danach hat es, wie bei vielen Paaren geklappt, Marco wurde zum Muttersöhnchen, Paola war auf den Bruder eifersüchtig und begann ihre Adoptivmutter zu hassen. Chris wurde zum Starjournalist und begann in der Welt herumzureisen.
Der Anfang der Geschichte, als Marco die Mutter zurückholen wollte, weil die Großmutter, in deren Bett er schlafen sollte, gestorben ist oder erst nachdem sich dieser, vielleicht zehn Jahre später, mit seiner Mutter weigerte Italienisch zu reden und der Vater ihr, die nicht Englisch kann, alles übersetzen mußte.
Man sieht Tim Parks hat sich mit der Entstehungsgeschichte der Schizophrenie gründlich auseinandergesetzt, obwohl er seinen Christ zu einem biologischen Psychiater und keinen Psychotherapeuten schickt, der ihm, wofür er viertausend Lire in der Stunde verlangt, genau die biologischen Ursachen der Schizophrenie erklärt.
Marco hat sich jedenfalls mit einem Schraubenzieher erstochen, bzw. die Pulsadern aufgeschlitzt, obwohl die Ärzte, die dem Ehepaar rieten nach England zu ziehen, von einer Besserung überzeugt waren. Davor hat das Muttersöhnchen, der Mutter Schlamm, Paola Butter in die Haare geschmiert und das Geisterhaus zertrümmert.
Das alles geht Chris durch den Kopf, als er in der Totenkammer vor der Leiche seines Sohnes sitzt, Mara zu verlassen beschließt, nicht urinieren kann und keine Herztabletten hat. Er macht aber pflichtgetreu sein Interview mit Andriotti, wird nach dem Begräbnis von der Urologie weggeschickt, weil die kein Bett für ihn hat, hört die Stimme seines Sohnes und fährt ins Geisterhaus zurück, obwohl er Mara ja verlassen will. Die hat Kerzen für ihn aufgestellt und von ihrem Sohn geträumt, gesteht ihm aber ihre Liebe, so daß der Roman “Schicksal” doch nicht “Auslöschung” heißen kann.
Einen großartigen letzten Satz, hat es aber allemal.
“Morgen können wir anfangen, um unseren Sohn zu trauern.”
Es ist das erste Buch, das ich von dem englischen Schriftsteller gelesen habe. “Mimis Vermächtnis” wartet aber schon, denn das habe ich vor einiger Zeit im Bücherschrank gefunden.

Jugoslavija revisited II

Teil zwei war der längste, begann es doch um elf in der Alten Schmiede mit dem Werkstattgespräch Jugopalaver und zwar nicht so besonders gut, kam doch, kaum nach dem ich mich in die zweite Reihe setzte und ein Gespräch mit dem Sascha begonnen habe, Walter Famler und sagte, die sei reserviert, ich müße mich zurücksetzen, die erwarteten Gäste kamen indessen nicht, so daß er als er das Wort ergriff, die Leute aufforderte, sich doch hinzusetzen, nun gut,ich muß es nicht persönlich nehmen, außerdem setzte sich in die Reihe hinter mich der bosnische Schriftsteller neben dem ich am Freitag gesessen bin und mit dem habe ich ein interessantes Gespräch geführt. Er ist auch durch den Krieg nach Wien gekommen, veröffentlicht seine Gedichte im Internet, bzw. verschenkt er sie, wie er es genannt hat. Ich habe ihn zu meinen Lesungen eingeladen und meine Bücher gezeigt, worauf er mir anbot, sie ins Bosnische zu übersetzten. Das wäre ja was, auf Hindi bin ich es ja schon.
Walter Famler stelte das Podium vor, erklärte die Geschichte der alten Schmiede, die bis in den Siebzigerjahren als solche in Betrieb war, bevor das Haus zum Kunstverein wurde. Wieder interessant, denn so genau habe ich es nicht gewußt. Er erklärte dann noch, daß das Wort “Jugopalaver”, die liebevolle Bezeichnung der Wiener für die Ex-Jugoslawen sei, die im Augarten sitzen und diskutieren und das Jugopalaver in der Alten Schmiede befand sich in slowenischer bzw. kroatischer Hand, nämlich Drago Jancar, Ivana Simic Bodrozic, Svetlan Lacko Vidulic und Laura Marchig, die gehört der italienischen Minderheit in Rijeka an und studierte in Florenz und als ich schon nachschaute, ob das eine Veranstaltung unter Ausschluß der Serben ist, fragte schon jemand, wo sie sind und sie saßen auch in der ersten Reihe und traten am Samstagnachmttag bzw. am Sonntag auf.
Die ältere Generation empfindet Jugonostalgie und sieht in die Zukunft wie Drago Jancar, die Jüngere wie die 1982 in Kroatien geborene Ivana Simic Bodrozic leidet an den Traumen ihrer Kindheit und möchte die Vergangenheit aufarbeiten.
Es wurde dann noch die Ausstellung von Feda Klaric eröffnet, aber seine Fotos “Split in den Siebzigerjahren” hingen schon im Odeon bzw werden sie dort als Diashow gezeigt.
Am Nachmittag gings weiter mit Lesungen von Franjo Francic, Drago Jancar, Olja Savicevic Ivancevic und Slavenka Drakulic. Drago Jancar und Slavenka Draculic habe ich schon gekannt bzw. Lesungen von ihnen gehört. Von dem berühmten Slowenen, der einen ähnlichen Namen, wie ich hat, dabei kommt meiner, glaube ich, nicht von dort her, habe ich eine Leseprobe von “Katharina, der Pfau und der Jesuit” einmal nach Hause gebracht, war vor zwei drei Jahren bei einer Lesung in der alten Schmiede und wäre auch fast vor kurzem zur Präsentation des neuen Buches “Baum ohne Namen” in die Hauptbücherei gegangen. Aus diesem wurde gelesen.
Von Slavenka Drakulic habe ich “Das Liebesopfer” gelesen. Die hat einige sehr interessante Bücher mit Namen wie “Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten”, “Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht” oder “Leben Spenden – Was Menschen dazu bewegt Gutes zu tun” geschrieben und scheint eine interessante Frau zu sein, jedenfalls wurde sehr intensiv auf Englisch mit Erich Klein diskutiert. Das letzte Buch, das noch nicht auf Deutsch erschinenen ist, behandelt wieder die Aufarbeitung des Krieges bzw. des Kommunismus und zwar erzählen da Tiere über verschiedene Länder auch sehr interessant.
Dann kam noch ein Lyrikblock mit der jungen Ivana Simic Bodrozic und dem Bosnier Mile Stojic, der 1955 geboren wurde, zehn Jahre in Wien gelebt hat und daher gut Deutsch spricht. Bei ihm, dessen Gedichte mir sehr gut gefallen haben, hat mich beeindruckt, daß er von einer persönlichen Schuld gesprochen hat, er hat sich auch bei Wien bedankt und ein Gedicht, die “Randnotiz zu Celan” handelt von einer Weihnachtsfeier eines Pavillon am Steinhof, der zu einer Flüchtlingsstation umgewidmet wurde, da teilte eine Sozialarbeiterin Mozartkugeln an ein kleines Mädchen auf, die sie ihren Papa mitbringen will, nicht an Weihnachten sondern, an Allah glaubt und so mit der Zauberkugel in der Hand auf einen Gott wartet, der nicht kommt.
Dann gabs wieder eine Diskussion zum Thema “Jugoslawien revisited”, wer war schuld, war es ein Bürger oder ein Aggressionskrieg? Slavenka Drakulic erzählte von der kleinen Freiheit, die man in Jugolawien hatte, weil man in Triest Schuhe kaufen konnte oder in Griechenland Urlaub machen, jetzt haben die Leute ihre Sicherheit verloren und sehen sich zurück, sie wollen aber mehr Sicherheit und keine Diktatur.
Und am Schluß wurde es hoch erotisch. Gab es nämlich Lyrik und Jazz, eine szenische Lesung mit Laura Marchig auf Italienisch und Darko Jurkovic, der Gitarre spielte.
Ivana Simic Bodrozic hat vorher ein paar Gedichte gelesen und Asim Kujovic, der das auch tun wollte, konnte nicht kommen, weil irgendetwas mit dem Visum nicht geklappt hat, das man aus Bosnien noch braucht. Das wurde sehr beklagt, während sich alle wünschen, möglichst bald in die EU zu kommen.
Ich habe mir diesmal die Bücher am Büchertisch ansehen können und auch ein paar Gespräche geführt, am Freitag habe ich ja darunter gelitten, daß es mir nicht gelungen ist, die mir Bekannten zu grüßen bzw. von ihnen bemerkt zu werden und einen Stoß Bücher zur freien Entnahme gab es auch. Die meisten waren zwar in slowenisch, bosnisch, kroatisch oder Serbisch. Zwei Englisch bzw. Doppelsprachige habe ich aber doch erwischt, darunter einen Gedichtband von Boris A. Novak, das ist ein 1953 in Belgrad geborener slovenischer Poet, Dramatiker, Übersetzer und Essayist.

Jugoslavija revisited I

Am Freitag begann im Odeon Theater die dreitägige Literaturveranstaltung “Jugoslavija revisited”, das von der Alten Schmiede, bzw. Walter Famler seit einigen Jahren veranstaltet wird. Früher gab es die Literatur im März, dann eine Zeitlang beide Veranstaltungen, inzwischen ist nur mehr die Literatur im Herbst übergeblieben, die meistens einem bestimmten Land gewidmet ist, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Ukraine etc. Voriges Jahr gabs was zu den Veränderungen von 1989.
Eine Zeitlang ist die Veranstaltung an mir vorbeigegangen, da der Eröffnungsabend meistens zeitgleich meinem Geburtstagsfest war, dann gabs früher auch noch eine Weinverkostung zu der wir eingeladen waren, so daß ich erst ab Rumänien oder Bulgarien hingegangen bin und auch da erst ab Samstag. Bei der Eröffnung war ich heuer das erste Mal, da mein Fest erst eine Woche später stattfindet.
Und die war feierlich durch den Stadtrat Mailath-Pkorny, der erwähnte, daß inzwischen zweihunderttausend ehemalige Jugoslawen, also Serben, Slowen, Bosnier, Kroaten ect in Wien leben, fünfundvierzigtausen haben davon die Staatsbürgerschaft und das ist interessant, mein Jugoslawienbezug besteht auch aus den Hausmeisterinnen, bzw. der Tante Dora, die wir zweimal in Belgrad besuchten, einmal 1987 als wir aus der Türkei zurückgekommen sind, da zweite Mal 1998 kurz vor dem Kosovo Krieg, als die Lage sehr angespannt war und es kaum Touristen kam. Man brauchte ein Visum und eine Einladung und der Grenzer hat auch mehrmals versucht, mich auf serbisch ect. anzusprechen, weil er offenbar glaubte, daß jemand der Jancak heißt, diese Sprache können muß, dabei ist meine Großmutter, wie die Tante Dora aus Tschechien gekommen.
Das Odeon Theater war sehr voll. Das Interessante an der Veranstaltung ist ja immer, daß die jeweilige Sprachengemeinde, sowie die literarisch Interessierten kommen. Und man bekommt Autoren zu sehen, die man sonst kaum kennenlernen würde.
Dzevad Karahasan hat den Erföffnungsvortrag gehalten und war schon am Donnerstag im “Vom Tag zu Tag.”
Der 1953 in Bosnien-Herzegowina geborene, hat in Sarajewo Theaterwissenschaft und vergleichende Literaturwissenschaft studiert, 1993 hat er Sarajewo verlassen und ist nach Graz gegangen. Der Eröffnungsvortrag “Leben zwischen den Spiegeln” ist im Wespenheft Sonderheft und in der Alten Schmiede Zeitschrift “Hammer” abgedruckt, beschäftigt sich mit Melancholie und damit, wie sich ein Mensch verändert, der schon lange in einer anderen Stadt, als in seiner Heimat lebt. Das ist ja eine Erfahrung, die einige Autoren teilen und das große Thema der Veranstaltung, die von der Übersetzerin Alida Bremer mitkuratiert wurde.
In der Eingangshalle gab es wieder eine Diashow und eine Fotoausstellung, die Bilder der Siebzigerjahre zeigte, als Jugoslawien noch ein Vielvölkerstaat war, dann kam der Krieg und die Zersplitterung. Aus den Jugoslawen wurden Serben, Kroaten, Bosnier und Slowenen und in den Texten ist das große Trauma zu spüren. Im Vortrag von Dzevad Karahasan, wie bei der Lesung der Kroatin Ivana Salko einer, wie Alida Bremer betonte, Angehörigen der jüngeren Generation.
Ivana Salko ist 1975 geboren, als Dramatikerin sehr berühmt und schon in viele Sprachen übersetzt. Jetzt hat sie aus dem Roman “Rio Bar” gelesen, der sich von verschiedenen Seiten, in einem Ich-Monolog und großer Sprachgewalt mit dem Krieg in Kroatien auseinandersetzt. Alida Bremer hat den Roman übersetzt und betonte, daß ihr die Arbeit großen Spaß gemacht hat, weil eben die verschiedensten Facetten beleuchtet werden und neben den poetischen und dramatischen Elementen persönliche Anmerkungen zum Sprachprozeß, beziehungsweise dokumentarische Teile zu finden sind.
Zuletzt traten noch Edo Popovic und Svetlan Lacko Vidulic auf. Edo Populic wurde 1957 in Bosnien geboren, lebt seit 1968 in Zagreb hat vier Romane geschrieben. Seit Romanbebut “Mitternachtsboogie” aus dem er las, wurde zum Kultbuch der Achtzigergeneration. Er war auch Kriegsreporter.
Svetlan Lacko Vidulic ist etwas jünger, nämlich 1968 in Zagreb geboren, hat eine deutsche Mutter und in Zagreb und Wien Germanistik studiert. Er hat einen Essay im Wespennest zu den Gedächtnislandschaften und darüber gab es eine Diskussion.
Es gab auch einen Büchertisch mit all den vorgestellten Büchern und das Wespennest zu kaufen, aber zu dem bin ich kaum herangekommen, macht ja nichts, gabs ja beim offenen Bücherschränken einige tolle Amerikaner. Nämlich Louis Begley “Lügen in Zeiten des Krieges”, Don de Lillo “White Noise” und dann noch was Interessantes, ein signiertes Buch von Andrea Askowitz “My miserable, lonly, lesbian pregnancy”.
Jetzt muß ich das noch unterbringen, der grüne Erde 10% Geburtstagsgutschein für das Bücherregal ist schon da.

Frauen lesen Rosa

Die Lesenden

Die Lesenden

Frauen lesen Frauen des ersten Lesetheaters gestalteten im Amerlinghaus einen Abend aus Judith Gruber-Rizys Bücher “Über das Rosarückschauen in die Familienvergangenheit”, die Bruni hat den Abend verantwortet und die Einleitung gesprochen. Heidi Hagl, Elfriede Haslehner, Erika Parovsky, Angelika Raubek, Gabriele Schmoll und Hilde Schmölzer haben aus den Texten gelesen. Judith Gruber-Rizy, die am 1. November Geburtstag hatte, ist in der ersten Reihe gesessen und, wie sie erzählte, sehr nervös gewesen.
Vier Bücher hat sie geschrieben “Aurach”, “Zwischenlandschaft”, “Einmüdung”, “Drift” und eine Dissertation über Franz Kain.
Außer “Einmündung” habe ich alle gelesen. Das Besondere ist, daß bei den Romanen “Aurach”, “Einmündung” und “Drift”, die Protagonistin Rosa heißt. So daß ich noch immer nicht genau weiß, ob es sich dabei um eine Trilogie handelt oder ob, wie es, glaube ich, Judith Gruber-Rizy erklärt, dabei um die Urform der Weiblichkeit geht.
Es geht jedenfalls, um eine Mutter Tochter Großmutter Geschichte, in “Aurach” und “Drift”, in “Einmündung” kommt, glaube ich, nur die Tochter und die Mutter vor und, daß Rosa mit der Mutter und der Großmutter in einem Boot zum Fischen auf den See fährt, wird auch in mehreren Büchern erwähnt.
In “Aurach” ist die Mutter eine Hexe und Rosa wächst eine Drächinnenhaut, der Groß-oder Urgroßvater spielt auch eine Rolle.
“Einmündung” beginnt mit dem Satz “Die Wahrheit ist, daß Rosa immer gerne reiste”, sie tut das nach Grönland und in die Wüste Gobi bis sie an dem Fluß entlanggeht, wo sie als Kind war und zu dem Dorf kommt, in dem die Großmutter in der Nähe lebte und sich auf diese Art und Weise der Vergangenheit und der ihrer Mutter, die in der NS Zeit Karriere machte, stellt.
Bei den Wilden Worten im September 2008 habe ich die Lesung aus dem Buch gehört und “Drift” habe ich vor einem Jahr gelesen, wo die Rosa wieder mit der Mutter und der Großmutter mit der sie mit der Tante in einem Frauenhaus lebt, auf dem See zum Fischen fährt, bevor der Vater, der fremde Mann in der Mutter Bett, in dieses eindringt, die Mutter wegholt und der Großmutter, die Vogelköpfe von dem schönen Holzbett schneidet. Rosa also der Urbegriff des Weiblichen oder doch die Trilogie, in der Gegenüberstellung erscheint auch das plausibel und eine kurze Lesung aus den Landschaftstexten gab es auch.
Judith Gruber-Rizy, die 1952 in Gmunden geboren wurde, in Attnang und in Altmünster aufwuchs und in Wien Germanistik studierte, kenne ich schon lang. Arthur West hat sie mir einmal bei einer Lesung in dem berühmten Kirchwegerhaus vorgestellt, von der GAV und von der Frauen lesen Frauen Gruppe, die einmal Anita C. Schaub gründete.

Judith Gruber-Rizy

Judith Gruber-Rizy

2002 war das und ich bin am Anfang öfter hingegangen, erschien mir das ja als Möglichkeit meine Texte zu präsentieren. So habe ich auch 2003 und 2004 jeweils eine Lesung mit eigenenen Texten organisiert, im WUK und im Literaturhaus und bei den “Mittleren I” außer El Awadalla auch einige Frauen eingeladen, die damals dabei mitmachten. Judith Gruber-Rizy, Mechthild Podzeit Lütjen und Marlen Schachinger.
Da ich mir aber lieber Lesungen anhöre und darüber schreibe, als die Texte anderer zu lesen, gehe ich nicht mehr zu den Jour fixes, habe aber einmal noch unter Anita C. Schaub bei einer Lesung im Amerlinghaus, die Erika Parovsky verantwortete, mit Judith Gruber-Rizy, die ein Stück aus “Aurach” las, die “Die Verwechslung” gelesen, ansonsten war der Abend einer Frau aus Baku gewidmet, deren Texte Erika Parovskys Tochter, übersetzt hat und im little Stage hat einmal Rolf Schwendter einen Abend meiner Texte organisiert.
Es war ein interessanter Abend mit Blumen für die Lesenden und Judith Gruber Rizy, einem Buffet und ein paar Gesprächen.
Hilde Schmölzer mahnte wieder, nicht soviel vor mich hinzuschwatzen. So ganz gehaltlos ist das Literaturgeflüster aber, denke ich, nicht, vor allem schärft es die Erinnerung und man kann nachlesen, was man sonst vergißt. Ein bißchen werde ich auch frühere Artikel verlinken. Nicht vollständig, denn ich habe schon öfter über Judith Gruber- Rizy geschrieben, die auch auf den Volksstimmenfesten und bei den Poetnächten liest und bin sehr gespannt, ob es ein viertes oder fünftes Rosa Buch geben geben wird.

Michelangelo und Ernst Jandl Show

Das ist zwar ein ziemlicher Kulturkonstrast, aber genau das war heute los. Kam da doch vor einigen Wochen eine Einladung zu einer Facultas Sonderführung in die Albertina zu “Michelangelo Zeichnungen eines Genie”, keine Ahnung, wie ich zu der Einladung komme, aber ich habe mich angemeldet und bin daraufgekommen, daß ich noch nie im Leben in der Albertina war, höchstens einmal in der Schule im Rahmen eines Lehrausgangs. Aber heute war viel los. So schickte mir Haymon eine Einladung zur Buchpräsentation von Robert Schindels “Falkenstein” und dann hörte ich allenhalben von der Ernst Jandl Show, beziehungsweise dem Begleitprogramm im Radiokulturhaus ect.
Ernst Jandl ist zwar am am 1. August geboren und am 9. Juni gestorben, wäre jetzt fünfundachtzig Jahre alt und zehn Jahre tot ist er auch. Anlaß für eine Ausstellung im Wien- Museum, Ö1 berichtete den ganzen Tag davon. Die Ausstellung wurde heute eröffnet. Ich bekomme zwar keine Einladungen fürs Wien Museum, wenn ich aber ohnehin um achtzehn Unhr in die Albertina gehe, komme ich am Karlsplatz direkt vorbei. In der Albertina hat alles geklappt, die freundliche Dame im Foyer hackte den Namen ab, dann erschienen zwei junge Damen mit einem Körbchen, teilten Kopfhörer aus, führten eine Stunde durch die Ausstellung und erklärten ganz genau, was Michelangeno um 1500 gedacht und getan hat und erwähnten, daß es heute ganz besonders voll in der Albertina ist.
Ich rannte durch die Halle und dachte, ich gehöre ins Wien- Museum und traf dort auch um viertel Acht ein. Kein Mensch fragte nach einer Einladung, ich versuchte in den Saal zu kommen, wo die Eröffnung stattfand. Dort war alles blokiert. Vor mir stand Peter Kreisky, dann kam eine Stammbesucherin im blauen Kleid und blonden Zöpfchen, rief “Aha, Herr Kreisky, was machen Sie da?” und drängte sich nach vorn. Zehn Minuten später ist sie neben Friederike Mayröcker in der ersten Reihe gesessen. Bernhard Fetz hielt die Eröffnungsrede, hat er doch die Ausstellung mit Hannes Schweiger kuratiert. Ich versuchte es vorerst im ersten Stock, traf dort Robert Huez, als ich aber unten die blaue Dame sah, habe ich mich auch durch die Menge gedrängt. Ein paar Leute kannte ich ja. Toni Gruber hat mich böse bzw. konzentriert angeschaut. Die beiden Herren erkärten die Ausstellung, man kann dort wie Ernst Jandl dichten, es gibt verschiedene Stationen, wie ich schreibe mich frei, Kriegsstimmen, Jandls Schule der Literatur, Innovation und Experiment, ich sein Sprachkünstler, von der Schrift zum Bild, kommunzierende Gefäße Jandl-Mayröcker, Jazz me if you can, die Listen des Alltags – Leben und Schreiben, den Mund mach ich auf und zu und Jandl für alle. Ich drängte mich hinaus, um nicht zu spät zum Wein zum kommen und dachte über meinen Ernst Jandl Bezug nach. Bin ich ja, ich wiederhole es für alle, die es noch nicht wissen, eine realistische Schreiberin und Ernst Jandl ungefähr genau das Gegenteil.
So kann ich nicht genau sagen, seit wann ich ihn kenne. Im Deutschlehrbuch in der Straßergasse ist er zwar sicher schon gestanden, die Frau Professor Friedl interessierte sich aber mehr für Mell und Wildgans und teilte solche Leselisten aus. Irgendwann habe ich in der Zeit nach meiner Matura im Radio gehört, daß Ernst Jandl wieder zurück in die Schule gegangen ist, weil er vom Schreiben nicht leben kann. Dann war er auch GAV-Präsident, aber das war noch vor meiner Mitgliedschaft. Als ich aufgenommen wurde, war Josef Haslinger Generalsekretär, aber Ernst Jandl noch sehr aktiv, mit dreißig, mit vierzig, ect.
Als die Anna sehr klein war, sind wir einmal mit ihr am Nationalfeiertag ins Zwanzigerhaus gegangen, da hat Ernst Jandl gelesen, ein kleines Kind interessiert das nicht. Das rennt herum und stört, ohne es zu wissen den Autor, der klopfte auf den Tisch und äffte das Kleinkind nach, der Aufseher erschien und wir gingen hinaus, no na, ganz klar.
2000 ist Ernst Jandl gestorben, kurz vorher gab es im Literaturhaus einen großen Aktionstag zu schwarz-blau, da habe ich ihn, glaube ich, schon im Rollstuhl an der Seite von Friederike Mayröcker gesehen. Zu seinem Begräbnis bin ich nicht gegangen, habe ich ihn ja nicht persönlich gekannt. Wohl aber zu einigen Ernst Jandl Ausstellungen im Literaturhaus und da habe ich die Frau Millner getroffen, heute war sie auch da und hat sich intensiv mit Brigitta Falkner unterhalten und an eine Lesung bzw. Diskussionsveranstaltung im Literaturhaus kann ich mich auch erinnern, da saß Ernst Jandl am Podium und hat ziemlich gestört. Ob er betrunken oder sonstwie abwesend war, habe ich nicht herausgefunden und eine Ernst Jandl Leserin war ich eigentlich nie.
Aber in dem berühmten Jahr zweitausend, wo alles wegen schwarz blau Kopf gestanden ist, gab es im Theater in der Gumpendorferstraße Gratiseintritt zu den “Humanisten” und so habe ich mir dieses Stück angesehen und “lechts und rinks, das kann man leicht verwechseln”, ich schreibe das jetzt sicher falsch.
Der Alfred hat der Ute Hundertmark einmal ein Jandl Buch mitgebracht. Aber in Leipzig kann man den großen Sprachkünstler, diese österreichische Ikone nicht so besonders schätzen, also hat sie es am Flohmarkt verkauft und sich mit der Buchhändlerin den Gewinn geteilt. Aber “Otto Mops” ist berühmt und in den Neunzigerjahren, als ich mit der Betreuung meines Vaters überfordert war, gab es in Mürzzuschlag und Neuberg an der Mürz, das Fest für Ernst Jandl, das für Gerhard Rühm und für Friederike Mayröcker. Da bin ich dreimal dortgewesen und habe ein bißchen über Jandls Beziehung zum Jazz mitgekriegt und inzwischen gibt es dort den Ernst Jandl Preis, wo ich zweimal war und die berühmte Stimme von Wolfram Berger hören konnte, der hat heute auch gelesen und in der Ausstellung gab es viele Tonaufnahme und den berühmten Auftritt in der Royal Albert Hall als Film.
Ich bin herumgerannt, habe bei Bekannten Small Talk betrieben. Bin nicht ganz sicher, ob ich Andrea Winkler gesehen habe, der hätte ich ganz gern gesagt, daß ich die gestrige Veranstaltung gut verlinkt habe, Herr Lindner war da und kommt zum Fest. Toni Gruber und der pensionierte Lehrer, den ich manchmal sehe, haben sich über die Festreden mokiert, aber die gehören zu solchen Veranstaltungen dazu.
Die Dame, die gestern das Literaturhaus vor der Veranstaltung verlassen hat, hat sich alle Tonaufnahmen genau angehört, Franz Gross, Alfreds Schulfreund, habe ich zu meinem Fest eingeladen und bei einem Kulturbeamten versucht, eine Einladung zur Verleihung des österreichischen Staatspreises für Literatur an Paul Nizon zu bekommen, mal sehen, ob das klappt. Er kommt, hat er mir gesagt, ohne hinein, bei mir ist das sicher anders, aber auch darüber würde ich gerne flüstern, wie ich über die Ernst Jandl Show flüstere, denn das ist ein großer österreichischer Dichter und ich habe ihn noch persönlich gesehen.
Bei heute schon gejandelt habe ich den Satz “Das Leben ist schön!”, auf die Wand gepickt.
Bis 13. 2. 2011 kann man die Ausstellung besuchen. Jeden ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt frei.

Priessnitzpreis an Andrea Winkler

Der 17. Reinhard-Priessnitzpreis erging an Andrea Winkler. Seit 1994 wird der nach dem österreichischen Dichter benannten mit viertausend Euro dotierten vom Bundeskanzleramt intierten Literaturpreis an Leute mit herausragender Sprache und neuen Formen, wie es Gustav Ernst in seiner Laudation nannte, verliehen. Robert Schindel und Gustav Ernst sind die Juroren. Margret Kreidl war die erste Preisträgerin, dann kam Kathrin Röggla, Hansjörg Zauner und Sabine Gruber. Da war ich, glaube ich, das erste Mal im Literaturhaus zur Preisverleihung. Seltsamerweise war Lotte Podgornik, die ich vom Bund der demokratischen Frauen kenne, die nächste Preisträgerin, ansonsten lauter junge Sprachkünstler. Ich warte ja schon, daß Cornelia Travnicek ihn bekommt, aber vielleicht ist sie den Juroren nicht experimentell genug.
Barbara Hundegger, Heinz D. Heisl, Christoph W. Bauer, Birgit Müller-Wieland, die ich nicht kenne. 2003 bekam ihm Olga Flor, die bei der GAV ja Schwierigkeiten hatte, ab da war ich immer bei den Preisverleihungen und habe einige interessante österreichische Nachwuchsdichter kennengelernt. Xaver Bayer, Gerhild Steinbuch blutjung iund frisch vom Bachmannlesen, Thomas Ballhausen, den ich persönlich nicht für so einen Sprachkünstler halte, Ann Cotton, die sich in eine Kiste verstecken wollte, Angelika Reitzer auch frisch vom Bachmannlesen kommend und voriges Jahr Michael Hammerschmid, dessen Texte ich von der Zeitschrift Kolik kene und heuer eben Andrea Winkler, die Sprachkünstlerin, die spaltet und sicher in der Mayröcker Nachfolge anzusiedeln ist.
Ich kenne sie bzw. den Namen seit 2006 oder 2007. Die Stadt Wien ist ja immer so nett mir die Zeitschrift “Manuskripte” zuzuschicken, vielleicht habe ich da einen Text von ihr gefunden oder war bei einer Lesung im Literaturhaus. Das weiß ich nicht mehr so genau, im Literaturgeflüster habe ich sie aber bei meinem Namensartikel Andrea Winkler, Andrea Stift, Linda Stift, Andrea Grill, Evelin Grill erwähnt und sie bei “Rund um die Burg” aus “Hanna und “Ich” lesen gehört. Eine junge Experimentelle, habe ich wohl gedacht und mich nicht weiter interessiert.
2008 bekam sie auch den Förderungspreis der Republik, aber ich keine Einladungen mehr dazu.
Interessant wurde es 2009 beim Bachmannlesen, mit dieser Geschichte von in der Wiese liegen, dem kleinsten Bahnhof der Welt und der eigenen Hand oder so, die Juroren waren entsetzt und begannen für Caterina Satanik zu schwärmen, von der ich seither nicht mehr viel gehört habe, aber ich habe auch gedacht, da passiert ja nicht. Die Sprache ist aber wunderschön. Dann kam der Wettbewerb der Schreibwerkstatt und der “Wunderschöne Tintentraum” meine Andrea Winkler Parodie, seither spreche ich immer von der Verwinklerung der Sprache und schreibe im Literaturgeflüster, daß ich so schreiben will. Die Handlung brauche ich aber schon als realistische Autorin. Aus der Bachmannpreisgeschichte, den sie nicht bekommen hat und der mit der sie 2008 den Wartholz Literaturpreis gewonnen hat, wurden dann die “Drei, vier Töne, nicht mehr”, bei Zsolnay nicht mehr bei Droschl erschienen.
Sie hat daraus in der Alten Schmiede gelesen, bei der Lese.Auslese wurde das Buch auch vorgestellt, seither hat sich die freundliche junge Frau mit den schwarzen Haaren, die auch den Eindruck machte, als würde sie sich wirklich über den Preis freuen, bei mir eingeprägt und ich habe mich auf die Veranstaltung gefreut. Da ich um sechs eine Stunde hatte, bin ich mit dem Bus gefahren und erst zehn Minuten später ins Literaturhaus gekommen. Die Stammbesucherin neben der ich am Freitag im Radiokulturhaus saß, ist gerade die Stiegen hinaufgegangen und sagte, sie wolle nicht mehr warten, es waren auch nicht so viele Leute da, wie man erwarten hätte können. Aber Elisabeth Chovanec und Eveline Haas und die hätte ich nicht erwartet. Elisabeth Chovanec macht aber ein Lyrikstudium und da hat Andrea Winkler sie unterrichtet und sie hat sich nachher auch mit den beiden Teilnehmerinnen sehr freundlich unterhalten. Robert Huez hielt die Einleitung, dann erzählte Gustav Ernst ein bißchen was über den Preis. Manfred Müller von der Gesellschaft der Literatur hielt die Laudatio.
“Andrea Winkler beschreibt nicht und analysiert nicht, aber sie erzählt wenn auch ohne Handlung”, fing er an, um dann vermutlich die Bachmannpreisjuroren zu zitieren, die von Trüffelschweinen gesprochen haben und es wohl verächtlich meinten, Manfred Müller lobte aber Andrea Winkler erzieht zum aufmerksamen Lesen und man lernt viel, wenn man sich auf sie, ihre Sprache und den Ichs einläßt, die viel erleben, in dem sie auf der Schaukel sitzen, ein Palais beschreiben oder auf der Wiese liegen und das kann ich bestätigen.
Dann kam die Autorin und las einen unveröffentlichten Text mit dem sie einen Vortrag auf einem Symposium halten sollte.
“Ist Kreativität machbar?” und die Winklerische wippt mit den Füßen, gähnt, versteckt sich hinter dem Vorhang, bevor sich das du nach einem Fest auf den Fußboden setzt, schwankende Häuser beobachtet, von einem Nachbar gestört wird und man so in der wunderschönsten Sprache erfahren kann, wie der Kuß der Muse passiert und irgendwie hat sie es denen, die, da passiert ja nichts schreien, ganz lieb ausgewischt, weil man Sprache auch dazu verwenden kann, freundlich und nett.
Dann gabs wieder das Gläschen Wein, ich habe mich mit dem Sascha unterhalten, Gustav Ernst mein neues Buch gezeigt und erstaunt gehört, daß alle das Literaturgeflüster kennen. Michaela Falkner war da und sonst schon nicht sehr viel mehr Leute, die ich kenne. Schade, denn es war eine höchst interessante Veranstaltung und mit dem am 27. Oktober 1945 in Wien geborenen und am 5. November 1985 dort verstorbenen Reinhard Priessnitz sollte ich mich auch einmal beschäftigen.
Ein Buch habe ich ja von ihm, nämlich die” Texte aus dem Nachlaß” aus der edition neue texte, die der Droschl übernommen hat, aber vielleicht ist er mir zu experimentell…

Juli, August, September

Jetzt kommt die Besprechung des Tagebuchbandes Juli 1994, August 1995, September 1996 von Helmut Krausser.
“In diesen wunderbaren Skizzen aus dem Intellektuellenleben begegnet man alles was dieses Leben eben wunderbar macht”, schreibt “Die Welt” auf der Buchrückseite. Gefunden habe ich das rororo Taschenbuch im Juli 2008 in der Thalia-Abverkaufliste in der Kremsergasse in St. Pölten, zu lesen habe ich es noch am Ende dieser Sommerfrische begonnen, was die Besprechung ein wenig schwierig macht.
Denn die Monatstagebücher eines deutschen Schriftsteller, Dichter und Bühnenautors in dem unter Datum Wochentag mit Buchstaben abgekürzte Namen und dann die verschiedensten Gedanken, Ansichten und Ereignisse stehen, macht das Verständnis schwierig, wenn man die Biografie nicht gut kennt.
Wozu gibt es Wikipedia? Was hätte ich nur früher gemacht? In dem alten Büchergilde Lexikon aus dem Bücherkasten meiner Eltern hätte ich den Namen Krausser nicht gefunden. Also Helmut Krausser ist am 11. Juli 1964 in Esslingen am Neckar geboren, lebt heute in Rom und Potsdam. 1994-1996 dürfte er in München gelebt haben, zumindest habe ich es so verstanden, genauer ausgeführt war es, glaube ich, nicht. Seit 1991 ist er mit Beatrice Renauer verheiratet. Sehr wohl, eine Beatrice, Bea, B. kommt in den Eintragungen sehr oft vor. Es gibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Novellen, Bühnenwerke, Hörspiele, Cds, Vertonungen von Gedichten, Musikaufzeichnungen, die Monatstagebücher gibt es von 1991-2004 und ich kenne auch den Autor, zumindestens habe ich ihn 2009 bei Rund um die Burg aus “Einsamkeit und Sex und Mitleid” lesen gehört, ein Roman der mich sehr beeindruckt hat, weil er sehr offen über Sex,Crime und Drogen berichtet.
Im Sommer habe ich den ersten Monat, 1994 gelesen, dann das Buch liegengelassen, dieses Wochenende war der August und September daran und habe, würde ich sagen, einen Kurzeinblick in ein Dichter bzw. Intellektuellenleben bekommen. Der deutsche Dichter ist etwa zehn Jahre jünger als ich und schwebt schon in den höchsten Sphären, schimpft über die Mittelmäßigkeit, verteidigt aber, wenn ich es richtig verstanden habe, den Realismus gegenüber dem Experimentellen, er ist aber auch ein Schachspieler, interessiert sich für Fußball und Stierkämpfe, ißt gerne Fisch und quält sich mit den Kritikern und deren Borniertheit sehr herum.
In den ersten Jahren schreibt er den 1996 erschienenen Roman “Thanatos”, ärgert sich über einen Probeleser, der ihm das Manuskript nicht zurückgibt, weil er es für seinen Sohn aufbehalten will, das Finanzamt verlangt die Grundriße seiner Wohnung, Beatrice macht sich fluchend an das Ausmessen, das Arbeitszimmer wird dann nicht als solches anerkannt, weil es einen Durchgang gibt, im dritten Teil ist das Buch schon erschienen, Beatrice führt ein Buch über die Verisse, 16 % der Kritiken warens schlecht, Krausser ärgert sich sehr über den Spiegel, der Veriß ist schon vor Erscheinen des Buchs erschienen, dann wollten es die Buchhandlungen nicht mehr bestellen. “Das hat uns sicher 5000 Stück gekostet.”
Es gibt eine Zusammenarbeit mit dem Komponisten Moritz Eggert, der einige Krausser Gedichte vertonte, ” Ohne Vertrag und Bezahlung arbeite ich nie mehr, nicht einmal für Moritz”, im September 1996 kommt er von einem Wien Besuch zurück, darüber hat er vier morbid-moribunde Gedichtentwürfe geschrieben, zwei davon sind in dem Buch abgedruckt, es geht in diesem Monat noch weiter nach Italien und Frankreich. In Italien besucht er Moritz in der Villa Massimo, der dort offenbar mit dem” supersensiblen Suhrkampnachbar” Thomas Hettche ein Stipendium hat. In Frankreich vorher hat er das Ockermuseum in Roussillon besucht, fährt dort vorüber, wo Camus begraben liebt und schwärmt von “Pommes de Terre Romarin a la Sade”, der wilde Rosmarin, den er ausgräbt, schmeckt hier nämlich intensiver, als der auf seinem Balkon. In Lucca begeistert ihn das Geburtshaus von Giacomo Puccini und der Flügel auf dem Turandot komponiert wurde. Er drückt auch auf eine Taste, es kommt aber kein Ton heraus. Was er nicht mag ist Thomas Mann, über dessen Ikonisierung mokiert er sich mehrmals, er mag, glaube ich, aber auch nicht Schlafes Bruder:” Mittelmäßiges Buch, schlechter Film, beschissene Oper” und Franzzobel, schreibt er doch am Mittwoch den 16. August:” Einen Text wie Franzobels Siegertext in Klagenfurt schreibt man – an einer guten Bar – in 40 Minuten. Radek: Sowas haben wir mit 17 gemacht. Klagenfurt dieses Jahr bedeutete sowieso das Ende seiner selbst. Die wenigen guten Texte (von Händl, Oswald und Knapp) gingen (wie fast schon üblich) leer aus, man hat wohl beschlossen, in Kl.künftig experimentelle Nachwuchsliteratur zu machen, was anderes ist wohl auch nicht mehr möglich.”
Jetzt müßte ich im Bachmannpreisarchiv nachsehen, ob Helmut Krausser in diesem Jahr in Klagenfurt gelesen hat. Als ich 1996 dort war, habe ich von Margit Hahn oder war es jemand anderer, erfahren, daß Radek Knapp nicht gut weggekommen ist und darüber sehr enttäuscht war.
Helmut Krausser schrieb aber noch ein Monat weiter über die Lust und den Frust des Literaturbetriebes. 1996 geht es über den EU-Literaturpreis. Rushdie und Ransmayr haben ihn bekommen. “Letzteren müßte ich eigentlich von Herzen unterstützen, er erzählt, bemüht sich dabei um Stil und Sprache, achtet die Tradition , ohne rückständig zu sein. Aber wenn dabei so eine Krankheit entsteht, wie die Morbus Kitahara, dauernd stilistische Anfängerfehler, dazu diese Langeweile…Ich kam nur bis Seite 100, vielleicht wirds dann besser, schon möglich”
Dann bekommt er noch heraus, wer die diesjährigen deutschen Nominierten waren. “Das “Taschentuch” von Kronauer und die “Ringe des Saturn” von W.G. Seebald. Wo sie dies Zeug nur immer rausziehn?” Und kein Krausser, wo doch “Thanatos nach Walser das meistbesprochene deutsche Buch des Frühjahrs war.”
Dafür hat Felizitas den Aspekte-Preis gekriegt. Da kann ich nur raten, ob es um Felizitas Hoppe handelte oder bei Wikipedia nachsehen. Und “Die Behauptung nach Joyce könne nicht mehr auktorial erzählen, stammt von jenen, die weder auktorial noch sonstwie erzählen können.”
Außerdem gibts noch die Teletext Emnid-Umfrage über die beliebtesten deutschen Autoren: Grass, Simmel, Heidenreich, Konsalik, Lenz, Dörrie,ect. mit der Anmerkung “Merkwürdig, was da alles unter die Sparte Autoren gerechnet wird, bloß weil es seine Produkte auch in Buchform verkauft.”
Nun ja, man kann aber vielleicht schon Literaturgeschichte in Tagebuchform erfahren, für die psychologisch Interessierten ist es sicher spannend, die Meinungen des 1964 geborenen deutschen Dichters kennenzulernen. Man kann ja anderer sein und Krausser schließt am Montag den 30. September mit den Worten “Morgen abend beginnt schon wieder die Buchmesse. Werde hinfahren mit gemischten Gefühl, werde Freunde treffen, auch Feinde, die aber nicht tödlich genug. Werde, Toy, dem Teufel zuliebe, das elend-eitle Spiel mitspielen, um die Meisterschaft im Schattenvorauswurf.”

Korrigiermonat

In zwöf Stunden beginnt der Nanowrimo 2010. Jacqueline Vellguth von der Schreibwerkstatt berichtet schon seit einiger Zeit intensiv davon. Auf ihrer Seite haben sich inzwischen 135 Leute angemeldet, die mitmachen, eine Blogparade gibt es auch.
Ich weiß vom Nanowrimo seit drei Jahren. Da bin ich auf Judith Wolfsbergers “Writersstudio” gestoßen und die hat davon berichtet. Wahrscheinlich habe ich die Seite zunächst nicht gefunden, dann doch davon gehört und vor zwei Jahren, als es schon das Literaturgeflüster gab, diese amerikanische Initiative, wo sich inzwischen weltweit, tausende meist sehr junge Leute sammeln, um mit Unterstützung einer virtuellen Gruppe, sich ein Monat hinzusetzen und mindestens fünfzigtausend Worte zu schreiben, passiv verfolgt.
Das ist eine interessante amerikanische Idee, die motivieren soll. Man soll den inneren Zensor, das “Das kann und darf ich nicht!”, ausschalten und darauf losschreiben, auf die Quantität kommt es an, mahnen die Betreiber und ermuntern typisch amerikanisch “Mist” zu produzieren, was den Widerstand der deutschsprachigen Schreiber, die ja immer noch den Geniegedanken mit sich herumtragen, erregt. Was soll es bringen, hunderttausende zu ermutigen, einfach einen Roman zu schreiben, den man wahrscheinlich nicht veröffentlichen kann? Fünfzigtausend Worte sind auch zu wenig und da man dabei nichts verdienen kann, winken die Profiautoren ab, obwohl ein paar, wie zum Beispiel Petra Bauer mitmachen.
Ich habe das Ganze vor zwei Jahren über Nanowrimo.de und schriftsteller.werden.de verfolgt, denn da war ich beim Korrigieren der “Radiosonate” und hatte keine Zeit mich aktiv einzulassen.
Voriges Jahr war das anders. Zwar war “Sophie Hungers Krisenwelt” auch nicht fertig korrigiert, aber zumindest fast, so daß ich mich Ende Oktober entschlossen habe, es zur Seite zu legen und mit der “Heimsuchung” begann. Die gibt es inzwischen als Buch und es war für eine, die schon lange schreibt, nicht schwer das Ziel zu schaffen.
Über dieses Stadium bin ich eindeutig hinaus, obwohl ich, wenn ich es vor zwanzig oder dreißig Jahre probiert hätte, nicht sicher wäre, es geschafft zu haben. Beim ersten Anlauf wahrscheinlich nicht. Da hätte ich vielleicht auch seitenlang Blödsinn vor mich hingeschrieben, um freizuwerden. Auf irgendeine Art und Weise habe ich das damals auch so gemacht, nur nicht gewußt, was ein Nanowrimo ist
Ich habe auf meinem Blog und bei Jackys Blogparade darüber berichtet, in der Heimsuchung gibts ein Nachwort über den Schreibprozess und ich habe viel gelernt. Für mich war es, wie ein Schreiburlaub, obwohl der November in Wien literarisch intensiv ist und nicht nur die Buch- Wien ablenkt. Trotzdem war ich am 19. 11. fertig und habe am Ende des Monats wieder die “Sophie Hungers” korrigiert und ein bißchen was gelesen. Was ich dabei gelernt habe, war, mir genauer vorstellen zu können, wieviel fünfzigtausend Worte sind, seither schaue ich beim Schreiben immer nach, wieviel Worte ich schon habe.
So waren “Mimis Bücher” und “Die Absturzgefahr” ein eigener Nanowrimo für mich. Vor allem beim letzteren habe ich viel daran gedacht und da das als Monsterprojekt angelegt war, hatte ich geplant, im November den letzten Teil bei Nanowrimo.org angemeldet, daran zu schreiben. Das ging dann nicht, weil ich Ende des Sommers mit der Rohfassung fertig war. Jetzt bin ich beim Korrigieren in einem ähnlichen Status, wie vor zwei Jahren bei der “Radiosonate”.
Derzeit korrigiere ich jede Szene so lange, bis sie sitzt. Bin bei Szene 13 und Seite 53. Da ich inzwischen einen neuen Computer habe, hat sich meine Seitenzahl vergrößert. Es sind jetzt 121 Seiten und 61.984 Worte. Ob ich die im Laufe des Korrigiermontas auf die fünfzigtausend hinunterbekomme, glaube ich nicht und das soll es auch nicht sein.
Aber ich habe mich entschloßen, den November als Korrigiermonat zu nützen. Ein bißchen Motivation kann ich gebrauchen, habe ich in den letzten Wochen ja sehr vor mich hingetümpelt. Jetzt wird es, glaube ich, besser. Also fleißig korrigieren und schauen, wie es am dreißigsten November damit aussieht.
Die Statistikseite der Schreibwerkstatt kann ich trotzdem verfolgen und den Nanowrimoschreibern alles Gute wünschen. Habe ich ja einen weiten Schreibbegriff und lasse jeden schreiben, der das will und schreie auch nicht auf, wenn er sich damit schwer tut, sondern finde interessant, daß da unter Ausschluß der Öffentlichkeit und der Presse hunderttausend Leute einen Roman schreiben.
Ein bißchen kindisch ist das vielleicht bei den Scrapbooks und der Kaffeestatistik. Daß ein Notizbuch aber gut ist, habe ich an mir selbst erfahren, ich muß es ja nicht selber basteln und kitschige Sticker hineinkleben und beim Kaffeetrinken würde ich inzwischen auch aufpassen und denke, daß ich mir, um mitzumachen, nicht unbedingt ein paar Kilo anessen muß. Mit zwanzig habe ich aber auch weniger auf meine Gesundheit geachtet und hätte vielleicht gedacht, daß das hilft und ich bin im vorigen Jahr viel herumgerannt, was auch nicht so gesund ist.
Das wird auch so bleiben, habe ich von der Buch-Wien ja erfahren, daß meine Eintrittskarten am Autorenstand bereitliegen und Einladungen für die Eröffnung und für den Toleranzpreis wollen sie mir auch schicken, wenn ich für sie blogge. Es wird also nicht weniger dicht werden, auch wenn ich alleine für mich korrigiere und am Ende des Monats oder zwischendurch bekanntgebe, wie weit ich damit gekommen bin.
Mein Ziel ist meine Sprache zu verbessern, das einen Verlag zu finden, hat sich inzwischen aufgegeben, was natürlich schade ist, diese Chance nicht zu haben, meine Bücher sind aber trotzdem schön.
“Die Absturzgefahr” wird das vierundzwanzigste werden. Dann kann es wieder losgehen mit dem Nanowrimoschreiben. Vielleicht im Frühjahr für mich allein oder im November offiziell angemeldet, mal sehen wie es wird.

Weltspartag, Ohrenschmaus und Reisereportage

Alles in einem Tag und dazwischen gabs noch die Abrechnung zu machen. Zwischen den WGPV-Honorarnoten und denen an die WGKK bin ich in die Bank gegangen, um mich ein Viertelstündchen mit meinem Bankfreund zu unterhalten, eine Weinverkostung gabs am Weltspartag auch, allerdings keine Geschenke mehr für Erwachsene. Die Künstlerin, die mich vor zwei Jahren zu einer Lesung eingeladen hat, die nie stattfand, habe ich dort getroffen und um fünf war Ohrenschmaus Jurysitzung im Albert Schweitzerhaus.
Vorher habe ich versucht meine Rechnungen an die Sozialversicherung zu schicken und meine Juryvorschläge durchgeschaut. Eva Singer schickte, die von Kurt Palm und Ludwig Laher, die sich entschuldigen ließen und da habe ich neue Jurymitglieder vorgeschlagen, von denen ich gerne hätte, daß sie zu den Sitzungen kommen. Ludwig Laher ist aber in Japan auf Lesereise. Andrea Stift war da, ebenso Heinz Janisch und Barbara Rett.
Die Entscheidung zu den neuen Prosa, Lyrik und Lebensberichtsiegern ist relativ schnell erfolgt. Am 30. November ist die Preisverleihung, bis dahin werde ich die Laudatio für den Lyrikpreis schreiben. Es gibt schon einen Ablaufplan, Michaela König wird mitmoderieren und eine Stepeinlage gibt es, glaube ich, auch.
Sehr spannend und man kann sich schon darauf freuen.Vorerst war ich einmal froh, daß es so schnell gegangen ist, wollte ich am Abend doch ins Radiokulturhaus gehen, denn da wurden die literarischen Reportagen auf den Spuren Joseph Roths “Mit Sprache unterwegs” vorgestellt und das ist ein Projekt über das ich schon geflüstert habe.
Christiane Zintzen hat es Anfang des Jahres in ihrem Blog vorgestellt und die Vorberichte der Autoren gebracht. Christoph W. Bauer, Clemens Berger, Anna Kim, Radek Knapp, Lydia Mischkulnig, Martin Pollak, Doron Rabinovici, Peter Rosei und Sabine Scholl haben ein Reisestipendium bekommen, sich damit eine Gegend ausgesucht und darüber berichtet. Eugenie Kain hätte auch mitmachen sollen, ist im Jänner aber verstorben.
Die Endfassung gibt es als Buch der Edition Atelier, herausgegeben von Kurt Neumann und Manfred Müller, was noch bei diesem Projekt zu erwähnen ist, ist, daß es offenbar in Kooperation aller österreichischer Literaturhäuser, der Gesellschaft für Literatur und der Alten Schmiede durchgeführt wurde und wird dort auch auf Tournee gehen und im Sommer sendet der ORF die Texte im Literaturprogramm. Günter Kaindlsdorfer hat mit Ilija Trojanow moderiert, sieben Autoren waren anwesend und wurden in drei Runden vorgestellt, dazwischen gab es Proben vom Josephs Roths Reportagen.
“Da müssen sich die zehn sehr anstrengen, ihr Vorbild zu erreichen!”, hat der Joseph Roth Verehrer Otto Lambauer kommentiert, als ich im Jänner davon berichtet habe.
Sie haben sich angestrengt und es sind interesante Texte herausgekommen. So ist Clemens Berger den Burgenländern nachgefahren, die um die Jahrhundertwende nach Amerika auswanderten, während Christoph W. Bauer, Joseph Roth nach Paris, aber auch nach Lemberg und in seinen Geburtsort nachgefahren ist.
Doron Rabinovici hat es nach Sri Lanka verschlagen, wo die jungen Israeli nach drei Jahren Militärdienst die große Freiheit suchen, dort aber von verschienenen Rabinern missioniert werden. Bei der Shortlistenlesung in der Hauptbücherei hat er darüber berichtet. Peter Rosei war mit seiner Reportage, glaube ich, in Ungarn, hat Günther Kaindlsdorfer aber viel von seinen früheren Reisen erzählt. So ist er mit H. C. Artmann mit dem Motorrad durch Italien gefahren, mit Kurt Neumann war er in der hohen Tatra und in Wien läuft er auch sehr viel herum.
Runde drei bestand aus Martin Pollack und Anna Kim. Martin Pollack hat sich auf die Spuren der burgendländischen Roma gesetzt, die im zweiten Weltkrieg in Polen ermordet wurden und wollte wissen, ob es in den Dörfern Erinnerungspunkte an sie gibt. Es gibt aber keine Gedenksteine und Tafeln und über die Meldelisten kann man auch nicht herausbekommen, wieviel Romafamilien heute dort leben.
Sabine Scholl habe ich vergessen, die war in Siebenbürgen und hat die deutsche Kultur gesucht und soweit passen die Ziele auch zusammen und zu Joseph Roth. Anna Kim fällt mit ihrer Grönlandreise aus der Reihe, aber dort spielt ihr neuer Roman spielen und Grönland ist für eine literarische Recherche sicher interessant, auch wenn Joseph Roth nicht dort gewesen sein wird. Der hat in den Neunzehnzwanzigerjahren die junge SU bereist und ist in Paris elend verstorben und von Radek Knapp, der nicht anwesend war, habe ich in Christiane Zintzens Blogs gelesen, daß er sich mit dem Flugzeugabsturz in Smolenz beschäftigt hat.
Das hat mich interessiert, habe ich es ja für die “Absturzgefahr” gebraucht. Wo Lydia Mischkulnig gewesen ist, weiß ich jetzt nicht, kann es aber bei Christiane Zintzen nachlesen, im Buch steht auch einiges über Eugenie Kains Reisepläne.
Das Buch ist also interessant und das Radiokulturhaus war sehr voll. Marianne Gruber, Silvia Bartl, Julya Rabinowich, Semier Insayif und noch viele andere habe ich gesehen und die Diskussion war sehr vielschichtig, wurden die Autoren ja nicht nur nach ihren Reisen befragt, es wurde auch diskutiert, was sich seit Joseph Roths Zeiten verändert hat?
Daß man von Innsbruck nach Wien in fünfundvierzig Minuten und achthundertfünfzig Stundenkilometern gelangen kann, war Christoph W.Bauers Antwort. Man braucht also keine Automaten mehr, wo man sich die Reiselektüre für die lange Fahrt am Bahnhof ziehen kann, wie es Joseph Roth Anno 1920 beschrieb.
Wozu braucht man überhaupt Reisereportagen, wenn jeder selber an die Orte fahren kann, war die nächste Frage?
Dazu fällt mir ein, daß ich beim Writersstudio Eröffnungstag einen Schnupperkurs in “Travel Writing” besucht und die hohe Tatra mit allen Sinnen beschrieben habe und als ich im Jänner das Projekt beflüsterte, habe ich dem Otto geantwortet, daß ich auch mit Sprache unterwegs sein werde. Ich war es inzwischen auch, in Leipzig, auf der hohen Tatra, in Krakau und in Harland in der Sommerfrische und natürlich komme ich fürs Literaturgeflüster auch ohne Reisestipendium viel herum an den literarischen Orten Wiens, die ganz ohne Stipendium für mich und die, die es interessiert, beschreibe. Eines der nächsten Projekte wird die Buch-Wien sein und dafür habe ich inzwischen eine Einladung bzw. eine Empfehlung bekommen.

Anima Mundi

“Anima Mundi” von der 1957 in Triest geborenen Großnichte Italo Svevos Susanna Tamaro, die mit ihrem Liebesroman “Geh wohin das Herz dich trägt”, berühmt geworden ist, ist ein Entwicklungsroman, so einer wie Siddharta oder Ruth Aspöck “Kannitverstan”.
Er beginnt mit einer philosophischen Einführung, ist in drei Teilen “Feuer – Erde – Wind” gegliedert und man muß erst zwei Seiten lesen, bis man auf den Ich-Erzähler Walter stößt, der zum Begräbnis seines Vaters in das Dörfchen im Karst zurückgekommen ist, bei dem drei alte Männer soetwas wie die Internatione singen und kein Pfarrer erwünscht ist.
Nach und nach erfährt man von Walters Leben. Der Großvater war im ersten Weltkrieg, der Vater bei den Partisanen, ist dabei zum Trinker geworden, die Mutter eine ehemalige Lehrerin glaubt an Gott, der Vater an den Teufel und man denkt, das schließt direkt an den Konformisten an und dieser ist ein Sohn desselben, obwohl Walters Vater auf der anderen Seite kämpfte.
Walters Kindheit verläuft unglücklich, wie die Pubertät eben verlauft. Die ersten Jahre seines Lebens ist er ein Musterschüler, dann macht er eine Wandlung durch, beginnt zu trinken, läuft von zu Hause weg, schließt sich einem Wanderzirkus an, gerät schließlich in die Psychiatrie, wo er seinen einzigen Freund Andrea kennenlernt.
Im zweiten Teil ist er nach Rom gezogen, arbeitet dort als Tellerwäscher, wohnt in Untermiete mit einem Studenten, schreibt einen Roman, der sich nicht gut verkauft und, um nicht zu verhungern Texte für Pornofilme, obwohl er gar keine Erfahrung damit hat, wird der Geliebte einer verheirateten Frau und verliert die Mutter an Krebs, bevor er zehn Jahre später zurück in das Dorf kommt, in dem der Vater im Sterben liegt. Walter haßt den Vater, doch der bittet ihn um Verzeihung und einen Brief von dem Jugendfreund findet er auch.
Im dritten Teil geht er zu ihm in ein Kloster, findet dort aber nur eine alte Nonne vor, die ihm zu seinem Grab führt, der sich inzwischen umgebracht hat.
In dessen Zimmer findet er wieder Briefe, in dem Andrea ihm von der Schuld seines Vaters, der im Krieg seinen Freund tötete und dann nicht mehr gesprochen hat und der eigenen in der Fremdenlegion erzählt. Und während Moravias “Konformist” damit beginnt, daß der kleine Marcello Eidechsen tötet, steht hier auf Seite dreihundertneun der Satz “Schon die Kinder töten gern, sie töten Ameisen, Vogeljunge im Nest und, wenn sie können, sogar Kätzchen Warum soll man als Erwachsener damit aufhören? Warum ist uns nur die Möglichkeit gegeben worden, Leben auszulöschen, nicht aber etwas zu erschaffen?”
“Was ist das Böse?”, fragt Walter die alte Nonne, die ihm die entsprechende Antwort gibt. Er bleibt bei ihr, bis sie stirbt, um sie zu begraben und ihr, nach ihrem Wunsch das Friedensgebet des heiligen Franziskus vorzulesen.
Beim Lesen dieses Bücherschrankbuchs ist es mir ein wenig seltsam gegangen. Denn einerseits passt es exakt zu der Lektüre des “Konformisten”.
Moravias Bilder mit denen er den Faschismus erklärt sind stärker und sie sind auch sehr erotisch. Susanna Tamaro liest sich leicht dahin. Die Philosophie, der Buddhismus fallen auf. Dann denkt man, das hat man doch schon alles gelesen. Ich war zwar nie eine besondere Hesse-Freundin und habe Siddharta auch nicht als das Kultbuch gelesen, doch die Idee, das Leben als Gleichnis zu erzählen, erscheint einleuchtend und tröstlich ist es auch.
Im zweiten Teil mußte ich ein bißchen passen, da erschien mir die Künstlerparabel doch ein wenig zu klischeehaft. Die Idee, das Ganze aber auf den Krieg und den Faschismus zurückzuführen, ist wieder interessant. Das Leben geht weiter, lautet die Botschaft und die Kinder der Konformisten bzw. der Partisanen, haßen später ihre Väter, werden Alkohol- oder Drogensüchtig, versuchen sich als Künstler zu verwirklichen und werden dabei ausgenützt…
Ob am Ende alle die Erleuchtung finden und, ob die in einem Kloster verborgen ist, weiß ich aber nicht.