Am Grinzinger Friedhof

Mein geplanter Recherchetag hat mich auf den Grinzinger Friedhof geführt, denn da fand am Mittwoch das Begräbnis von Andreas Okopenko statt. Vorher habe ich in Richard Miklins “Literarische Spaziergänge” nachgesehen und bin seltsamerweise auf ein Andreas Okopenko Spontangedicht “Mei Wienerlied” gestoßen, der beim Heurigen so gern das tut, was man angeblich nicht soll, nämlich Bier trinken und die letzte Strophe führt auch noch auf den Friedhof hinaus.
“Die gstööde Wirtin pfnaust “Geh, sei net frech”
der lieabe Herrgott zahlt für mi die Zech
Und im Dusel siech i glech
meine wunderschöne Leich…”
“Bei einem Rundgang durch den Grinzinger Friedhof kann man sich davon überzeugen, wie viele “Geistesmenschen” dort begraben sind”, schreibt Richard Miklin, Thomas Bernhard, Heimito von Doderer und nun auch Andreas Okopenko, das steht natürlich noch nicht in dem Buch, ein weiterer Beweis, warum Google dem Gedruckten vielleicht vorzuziehen ist. Den Friedhof kannte ich auch schon, obwohl ich nie hineingegangen bin. Wohnte doch Valerie Szabo-Lorenz, bei der ich mich mit Hilde Langthaler und Elfriede Haslehner ja sehr lange traf, in einer Nobelgemeindebausiedlung in der Wenckebachgasse, die direkt beim Friedhof liegt, ist selber aber im Ehrengrab von Wilhelm Szabo am Zentralfriedhof begraben, beim Gerstl und beim Pataki Begräbnis habe ich jeweils hingeschaut, ist das Grab ja leicht zu finden, da es neben dem von Hermann Schürrer liegt.
Also bin ich trotz Hitze mit meinem schwarzen Notizblock und einer Wasserflasche aufgebrochen und gemächlich in Richtung Grinzing marschiert. Beim Thalia auf der Mariahilfer Straße habe ich endlich einmal in die “How I fucked Jamal”-Anthologie hineingeschaut und in Clemens Berger “Streichelinstitut”. Das dicke Buch von Oswald Egger gibt es dort auch. Am Westbahnhof sollte laut den Gratiszeitungen Eistee verteilt werden, damit die Reisenden nicht wegen der Hitze kollabieren. Ich war zu früh daran, bin also ich weiter über die Brunnengasse, der Bücherschrank ist im Augenblick wieder abgebaut und der Yppenplatz habe ich im Leporello gehört, soll zu einem neuen Soho werden, mit Neubauten und üppigen Mieten.
“Wieso sind die Mieten so hoch?”, stand schon an den Wänden gesprayt.
Das Begräbnis fand in der größten Hitze um zwei Uhr Nachmittag stand. Hauptsächlich Autoren und Literaturbeamte. So habe ich Silvia Bartl, Robert Huez, Gerhard Ruiss, Dine Petrik, Christian Katt, Hermann J. Hendrich, Mechthild Podzeit-Lütjen ect. gesehen. Die Frauen in dünnen schwarzen Kleidern und Strohhüten mit dunklen Bändern, die sich verzweifelt mit Fächern Luft zufächelten, die Männer in kurzen weißen Hemden. Christine Huber hat mit einem Nachruf Andreas Okopenkos auf sich selbst begonnen und dann Rolf Schwendters Abschiedsbrief verlesen, der sich in Kassel befindet. Nach einer literarischen Wüdigung wurde am Grab der Sarg ruckweise hinuntergelassen, dazwischen gab es Okopenko-Texte von Herbert J. Wimmer, Ralph Klever, Karin Ivancsics und Kurt Neumann zu hören. Eine Sängerin hat ein Wiegenlied gesungen.
Zum Heurigen bin ich nicht mitgegangen, sondern habe die Gruppe einundzwanzig, Reihe sechs, den Geheimtip zu finden versucht, was mir aber nicht gelungen ist, so daß ich, weil auch niemand anderer dorthin wollte, zur Straßergasse hinuntergegangen bin, wo ich 1973 in der HBLA maturiert habe, die jetzt renoviert wird. Danach habe ich beim Mc Donald einen Kaffee getrunken und ein Eis gegessen, die Kinder beim Baden im Währinger Park beobachtet, koreanische Schüler aus Bussen klettern gesehen und bin vor dem Karlsplatz noch mit Friederike Mayröckers “Und schüttelte einen Liebling” in die Badewanne gestiegen, wo es um den Tod von Ernst Jandls geht. Am Karlsplatz gab es am Mittwoch in den USA gedrehte Wien Filme von Josef von Sternberg. Ein kürzlich gefundenes Stummfilmfragment über den Prater und “Dishonored”, wo Marlene Dietrich eine Spionin aus dem ersten Weltkrieg auf eine Art und Weise spielt, die wohl als Parodie zu betrachten ist und am Dienstag gabs “Wienfilm 1896-1976” mit altem Filmmaterial und neueren Texten von Artmann bis Jandl und Mayröcker, dazwischen erkundigte sich Peter Weibl, wem Wien gehört und Joe Berger ging mit einem Affen spazieren.
Ob ich Donnerstag und Freitag, wie geplant auch in Wien herumspaziere, glaub ich eher nicht. Das Schreiben lockt, Material habe ich vorläufig genug, außerdem ist es sehr heiß.

Mit leeren Händen

Wieder ein Sommerkrimi aus dem Kasten, nämlich Valerio Varesis “Mit leeren Händen”, der hervorragend zur Jahreszeit passt, spielt er doch in der brütend heißen Sommerhitze der Stadt Parma und in dieser verändert sich alles und geht den Bach hinunter.
So zumindest empfindet es Commissario Soneri beim Spurenverfolgen, denn es tut sich viel in der Stadt. Da wird zuerst einem alten Bettler sein Akkordeon gestohlen, der damit, obwohl Soneris Partnerin, die Anwältin Angela sofort für ein Neues zu sammeln beginnt, der Lebensgrundlage beraubt wird und die Anwältin weiß auch viel über die geheimen Machenschaften der Mächtigen in Parma und kann ihren Commissario wertvolle Hinweise geben, denn der Mord folgt sehr schnell und zwar wird der Geschäftsmann Francesco Galluco in seiner Wohnung tot aufgefunden.
Der war, findet der Commissario schnell heraus, homosexuell und Kokain wurde in seinen Auto auch gefunden. Außerdem hatte er, wie alle Geschäftsleute Schulden und Angela führt ihren Commissario zu Roger Garlando, dem charismatischen Wucherer, der die ganze Stadt in seinen Händen hat und außerdem noch das Nobelrestaurant Nabucco betreibt, dort hält er dem Commissario eine Standpauke, a la dem Tüchtigen gehört die Welt und wenn einer Schwäche zeigt, darf er sich nicht wundern, wenn er übers Ohr gehaut wird….
Allerdings fängt Garlandos Restaurant dann auch an zu brennen, die Gläubiger beginnen gegen ihn auszusagen und er verkauft seine Fabriken, da sich inzwischen Stärkere gefunden haben, die mit Kokain handeln, den Baugrund zusammenkaufen, Häuser und Geschäfte aufbauen, sich die Politiker unterwerfen und aus den letzten Buchgeschäften Handyverkaufsstellen machen.
Ein Rotlichtlokal gibt es auch, das von der albanischen Mafia kontrolliert wird und dort hat sich Galluco seinen jungen Liebhaber, den Moldawier Nikolai Tudor aufgelesen, der dessen Rolex verkauft, daurch in Mordverdacht gerät, flüchtet, beseitigt werden soll und dem Commissario, der, obwohl seine Vorgesetzten das gar nicht wollen, den ganzen Sumpf aufdecken will, die heiße Spur verspricht.
Die Familie Centazzo kann es sich aber richten, so nehmen die albanischen Drogenschmuggler den Totschlag auf sich, Tudor geht nach Moldawien , seine Geliebte versucht über eine Versicherungspolizze zu Geld zu kommen und der Commissario bleibt resigniert in der heißen Stadt zurück, in der wenigstens die Gewitter inzwischen eingezogen sind.
Eine bedächtig erzählte Geschichte vom Elend der Welt und der italienischen Mafia gegen die der einsame Held verzweifelt kämpft, aber, wie das in den modernen Krimis so ist, auch gern essen geht und sich mit seiner Angela meistens irgendwo zum Essen trifft. Gnocchi al Gorgonzola und Rinderfilet a la Robespierre gehören zu seinen Favoriten. Ein Handy hat er auch, mit dem er mit seinen Inspektoren zu telefonieren pflegt und die Soneri Romane, des 1959 in Turin geborenen und in Parma lebenden Valerio Varesi wurden offenbar auch verfilmt und scheinen zu den Vorlieben der Pasticcio Redakteurinnen zu gehören, weiß ich doch von dort, daß Soneri zwischen Krimi eins und drei den Handyton von Verdis Aida zu Verdis La Traviata gewechselt hat. Im Buch werden die Klingentöne nicht erwähnt und ich denke, daß wir mit den Sommerkrimis, die wir alle lesen sollen mit wahren Welten von Gewalten, Mafia- Drogen- und Geldwäschernetzen zugeschüttet werden, obwohl wir uns doch erholen sollen. Es gibt unzählige Serien, die sich gut zu verkaufen scheinen. Das letzte Ex Libris war voll mit Empfehlungen für den heißen Sommer und Anni Bürkls neuer Kriminalroman “Ausgetanzt” ist gestern auch erschienen. Bei ihrem Gewinnspiel konnte man ihn gewinnen. Mal sehen, ob ich Glück habe, sie ist aber, glaub ich, bös auf mich, dafür sind die Poeme von Michael Arenz, die ich bei Fix Poetry gewonnen habe, jetzt gekommen. Waren sie doch mit “Korngasse” adressiert, früher hätte ein Post Sondersortierer den Irrtum festgestellt und ich hätts zwei Tage später bekommen, jetzt sitzen die Sondersortierer im Pool und die Post schickt falsch Adressiertes zurück und man muß hin und hermailen, wenn man zu seinen Sachen kommen will, auch ein Thema für einen Sommerkrimi.

Froschfest und Schwitzkasten

Heute wars am Karlsplatz literarisch, ging es doch um den von dem Canadier John Cook, 1978 gedrehten Film “Schwitzkasten” nach der Romanvorlage “Das Froschfest”, von Helmut Zenker, die, wie Gustav Ernst, der im Vorprogramm auftrat aus dem Roman las und etwas über den Film erzählte, parallel entstanden ist.
Gustav Ernst hat nämlich in dem Film mitgespielt, gemeinsam mit Helmut Zenker je einen Polizisten, die die Hauptfigur Hermann Holub verhaften. Er hat auch sonst schon in drei Filmen einen Polizisten gespielt, hat er verraten und das ist eine klasse Sache, denn dann wird man von wirklichen Polizisten gegrüßt, wenn man in Uniform über die Straße geht. Der Canadier John Cook, der wie Helmut Zenker auch schon verstorben ist, hat den Blick auf Wien von außen auf den Film gebracht, der wie Gustav Ernst meinte, dem Film sehr gut tat.
Ansonsten scheinen Buch und Film sehr verschieden zu sein. Die Hauptdarsteller haben verschiedene Namen, Gustav Ernst hat aus dem Buch auch einige Stellen vorgelesen, die im Film nicht vorkommen und es gibt auch noch eine andere Buchvorlage, nämlich die 1974 erschienene Ezählung “Für einen wie dich”, gemeinsam mit Friedemann Bayer und dieser Friedemann Bayer scheint die Vorlage für Buch und Film zu sein. Nämlich der Paradeprolet, den sich die realistischen Schreiber der Siebzigerjahre für ihre Romanvorlagen wünschten und den sie auch gehörig ausnützten, um ihm aufs Maul zu schauen und natürlich umgekehrt. Geht es ja, glaube ich, auch in Peter Henischs “Der Mai ist vorbei”, um einen Proleten, der in die Dichter WG zieht und die Dichter mit seiner schwierigen Persönlichkeit überfordert. In dem Buch geht es auch um Psychiatrieerfahrungen und vorgetäuschte Selbstmordversuche. Im Film nicht, da schmeißt ein junger Mann seine Arbeit im Stadtgartenamt hin, wird daraufhin von seinen Eltern aus der Wohnung geworfen, gerät in eine Schlägerei, kommt zu einer Vorstrafe und geht zu seiner Freundin zurück, vor der er vorher flüchtete, die inzwischen von ihrem Chef schwanger ist, am Schluß heiraten sie und sitzen mit ihren beiden Trauzeugen allein am Standesamt.
Helmut Zenker und Gustav Ernst treten, wie erwähnt, als Polizisten auf und ein sehr schlanker Franz Schuh spielt den Dichter aus dem sozialistischen Gemeindebau, der dem Volk aufs Maul schauen will und den Helden zuerst auffordert, doch ruhig seine Freundin zu vögeln und das dann doch nicht will.
1978 habe ich studiert und sowohl meine ersten Steinhofbesuche, als auch Literaturerfahrungen gemacht, Gustav Ernst und Franz Schuh habe ich, glaube ich, noch nicht sehr gekannt, höchstens als Redakteure der Zeitschrift “Wespennest”. Den Roman “Einsame Klasse” habe ich aber gelesen und 1980 hatte ich, glaube ich, die Literaturecklesung in der alten Schmiede, da waren Gustav Ernst und Marie Therese Kerschbaumer eingeladen zu meinen Texten was zu sagen und ich habe aus einer inzwischen verschollenen Erzählung gelesen, die ich geschrieben habe, als ich wahrscheinlich 1979, mit meiner damaligen Freundin Elfi in ihre Klagenfuter Wohnung gefahren bin. Ein paar Jahre später bin ich mit meiner anderen Freundin Monika Jensen, die voriges Jahr gestorben ist, in ihre Salzburger Wohnung gefahren. Wir haben autogestoppt und am Rückweg hat uns Helmut Zenker mitgenommen. Ich habe ihn erkannt und er hat uns erzählt, daß jetzt Lukas Resetatits den Kottan spielen wird.
2003 ist Helmut Zenker überraschend gestorben. Vorher haben wir einmal gemeinsam am Volksstimmefest gelesen und am Karlsplatz waren, wie immer sehr viele junge Leute, die 1978 noch nicht geboren waren.
Heute ist der realistische Wespennest Redakteur der Siebzigerjahre Gustav Ernst Lehrer bei der Leondinger Akademie für Literatur und dem Hochschullehrgang für Sprachkunst und hat gemeinsam mit Robert Schindel die Sprachkünstlerin Andrea Winkler für den nächsten Priessnitzpreis vorgeschlagen.

Wochenendschreiben

Nchdem ich ab Mittwoch durch das Seminar für jüdische Geschichte vom Schreiben abgelenkt wurde, ich weiß, ich hätte nicht hingehen müßen, erstens war es aber interessant, zweitens bin ich eine konsequente Person, die sich gern an Strukturen hält und neugierig bin ich auch, bin ich erst am Wochenende mit dem Schreiben weitergekommen.
Ich habe mir auch vorgenommen, diesmal langsam zu schreiben, damit ich nicht schon wieder mit dem Jahrhundertroman in einem Monat fertig bin und dann denke, das ist nicht gut genug, weil zu schnell.
Mittwoch früh ist der Alfred weggefahren, heute um halb neun hat er mich aufgeweckt und mir mitgeteilt, daß er an einem Hafen von St. Nokolai oder so sitzt und auf ein Schiff wartet und der Wiener Sommerfilm am Karlsplatz hat es auch in sich. Zwar ist das Badewannenlesen dadurch ein bißchen eingeschränkt, aber wenn ich um halb acht hingehe, bleibt mir eine halbe Stunde Zeit für den Sommerkrimi und dann kommen die Filme, die in Wien spielen, mit einem Vorprogramm, wo junge Musiker spielen oder schon ältere Personen, über die Wien-Filme, die man dann sehen wird, erzählen. Wahrscheinlich damit die ausländischen Touristen auch was davon haben, sind sehr viele auf Englisch. So gab es am Montag “Bevore sunrise”, wo sich zwei junge Leute, eine Französin und ein Amerikaner im Zug treffen und dann eine Nacht lang durch Wien spazieren und sich ineinander verlieben. Am Freitag präsentierte Christoph Fuchs sein neues Buch “come & shoot in Austria” und erzählte was zu dem 1963 gedrehten Film “Das Rätsel der roten Quaste” mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach, der einzige Film bis jetzt, der nicht in Wien spielt, sondern irgendwo am Meer, ein Spionagefilm aus dem kalten Krieg und den gabs dann auch gestern, nämlich “Scorpio” aus dem Jahr 1973. Vorher erzählte der Direktor des Wien Museums was vom Karlsplatz bzw. vom U-Bahnbau in den Siebzigerjahren, denn der Film spielt zum Teil in den Baugruben und da rennen Burt Lancester und Alain Delon durch die Höfe des sechsten Bezirks und versuchen sich zu erschießen.
Ein paar Bekannte treffe ich meistens dort und die Atmosphäre ist sehr angenehm. Am Freitag hatte ich Manfred Hagels “Die eigene literarische Stimme finden” mit, werde das Buch aber nicht extra besprechen und die Übungen, wie ich, wie James Joyce oder Franz Kafka schreibe, werde ich auch nicht machen, denn ich schreibe realistisch, dabei bleibts und das geht eigentlich sehr gut.
Denn ich bin, auch wenn mans mir nicht glaubt, eine konsequente Person und so habe ich gestern früh dort weitergeschrieben, wo ich Dienstagabend aufgehört habe, nämlich mit der Szene drei, wo ein weißhaariger alter Mann zum offenen Bücherschrank geht und dort einen Zettel mit einer Warnung an einen weißhaarigen alten Mann findet, nicht so gierig zu sein und sich so unverschämt zu bedienen. Man sieht, woher ich das Material nehme, aber der Bernhard Listringer ist eine eigenständige Figur, obwohl ich schon viel von weißhaarigen alten Männern, ihrer Bücherliebe und ihren Demenzen geschrieben habe.
Danach ging es mit den Roman “Das Haus im Grünen” mit dem ersten Kapitel weiter, wo der kleine Benno geboren wird und seine Mutter Jennifer beschließt, mit ihm zu Patrick zu ziehen und nicht mehr in das Haus der Mutter, Groß- Ur- und Ururgroßmutter zurückzukehren. Für Interessierte, das Haus befindet sich in der Sanatoriumstraße Nummer achtzehn und die Ururgroßmutter, die mit zwanzig mit dem Töchterkriegen angefangen hat, war damals Medizinstudentin und ist jetzt pensionierte Ärztin. Dann gehts weiter mit Szene vier, das ich heute Vormittag geschrieben habe, das geht wieder zu Fritzi Jelinek zurück, die liest das Kapitel durch und bekommt ein Mail von Jan, den sie vor zwei Jahren in Warschau im Zuge eines Erasmusstipendiums kennenlente, damals ist sie vor ihm davongelaufen, jetzt schickt er ihr ein Mail mit der Mitteilung, daß er geheiratet hat und nach Wien zur Hochzeitsreise kommen will. So weit bin ich bis jetzt. Für Interessierte, es sind vierundzwanzig Seiten und dreizehntausendsiebenhundertdreiundachtzig Worte, vier Szenen und das Kapitel eins. Ein paar weitere Szenen habe ich im schon in meinem schwarzen Moleskine aufnotiert. Die nächste wird in Warschau spielen und von Olga Warszinska erzählt werden. Dann beginnt Bernd Jelinek mit den Worten “Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können!”, diesen Satz zu widerlegen und im zweiten Romankapitel wird Dora Prohaska für Johannas Schwester gehalten. Die Vorschau für Szene sieben habe ich auch schon, da geht sich Fritzi Jelinek bei der Caritas vorstellen und organisiert für Jan die Wohnung ihrer Freundin Barbara, die im Sommer leerstehen wird.
So weit so gut, eine Schneeflockenmethodenarbeiterin und Vorausplotterin, wo schon jede Szene feststeht, bevor ich zu schreiben beginne, bin ich nicht. Das will ich, glaube ich, auch nicht werden, will ich mich in meinem diesjährigen Sommerschreiben ja bewußt auf die Figurentwicklung einlassen und Spaß beim Schreiben haben und bin damit auch zufrieden. Egal, wie füchterlich meine Satzmelodie und meine Rechtschreibung wird und ich knüpfe natürlich auf die vorhandenen fünfundzwanzig Bücher und mein bisheriges Schreiben an.
Neu ist aber, daß ich Spaß daran habe und denke, das ist gut, auch wenn ich wieder keinen Verlag finden werde, aber den suche ich, glaube ich, auch nicht mehr sehr. Auch wenn ich schon überlegt habe, ob ich das Buch für den Rückseitentext nicht einen bekannten Schriftsteller geben soll, aber die lehnen das ja meistens ab und haben keine Zeit. Ich habs schon versucht. Die Idee fürs Titelbild habe ich auch schon im Kopf. Wolken könnten das sein, wird der Roman ja “Absturzgefahr” heißen. Alfred fotografiert in der hohen Tatra immer die Wolkenformationen am Himmel und dort fahren wir im August wieder hin.

Der verpasste Mann

“Der verpasste Mann” von Elfriede Hammerl ist wahrscheinlich chick lit einer Feministin bzw. das dritte Buch, der 1945 geborenen Journalistin, die sehr erfolgreiche Frauenkolumnen in Profil und Stern hat, das Frauenvolksbegehren mitinitiierte, für das liberale Forum kanditierte und gesellschaftskritische Frauenromane und Theaterstücke schreibt.
Marie ist Physiotherapeutin und über fünfzig, hat einen Sohn, der ein begabter Künstler werden kann und einen Ehemann, der, obwohl er als Journalist oder Wissenschaftler freiberuflich tätig ist, ihr den Haushalt überläßt und so hetzt sie am frühen Morgen aus dem Haus, um in ihr Gesundheitszentrum zurecht zu kommen und wirft dabei die Schuhschachtel mit alten nicht eingeordneten Fotos auf den Boden. Zwei fallen heraus, das von Paul, dem verpassten Mann, Maries einstiger großer Liebe, der sie heiraten wollte und deshalb seine damalige Verlobte verließ, was Marie, als nicht charaktervoll erschien, so daß sie sich aus Angst, ihr würde das auch einmal passieren, für Hans entschied, der lange nicht so erfolgreich ist.
Denn Paul ist inzwischen ein berühmter Kardiologe, zum dritten Mal verheiratet und dann gibt es noch Frau Dr. Gärtner im Bett, wenn er sich auf einem Kongreß befindet. Das zweite Foto ist von Onkel Gregor, dem Bruder der Großmutter, der 1930 wegen seines unseriösen Lebenswandels von der Familie nach Mexiko geschickt wurde. Mehr weiß man von ihm nicht. Es gibt zwei Freundinnen, die Jugendfreundin Christiane und die jüngere Sandra, die studierte Betriebswirtin und auf der Suche nach dem Traummann ist.
Mit ihnen geht Marie gelegentlich essen und lebt das Leben einer nicht ganz zufriedenen, emanzipierten Frau der Mittelschicht. Außerdem soll der Job in ihrem Gesundheitszentrum wegrationalisiert werden, ihr Chef Andreas schlägt ihr aber sowieso vor, sich selbstständig zu machen, was sie sich also überlegt.
So weit so gut und nicht gerade außergewöhnlich, im Leben der Generation fünfzig plus. Doch dann taucht Onkel Gregor auf und bietet Marie an, herauszufinden, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich für Paul entschieden hätte und plötzlich befindet sie sich in Berlin in der Praxis des praktischen Arztes, in der sie Physiotherapeutin ist, wenn sie nicht gerade die Sprechstundenhilfe vertritt, denn Paul verrät Onkel Gregor, ist nur durch Maries Abweisung so erfolgreich geworden, mit ihr wäre er praktischer Arzt mit einem Swimmingpool im Keller, die gleichen Mittelschichtfreunde gibt es aber und einen Sohn, der statt Sebastian, Martin heißt.
Mit dieser Erkenntnis soll sich entscheiden, die verpasste Chance zu korrigieren und am nächsten Donnerstag nach Berlin in ihr neues Leben als Frau Wegener zu fliegen, sie tut es fast, kommt aber trotz Ticket und neuen Pass zu Hans zurück, um ihm mitzuteilen, daß sie sich von ihm trennen wird, um irgendwann ein bißchen später zu einer Fortbildung nach Berlin zu fliegen und ein neues Leben beginnt…
Ein flott geschriebenes Buch, das ein bißchen ratlos macht, Widerspruch erregt, denn es sind natürlich viele Vorurteile drinnen, die emanzipierte Frauen gegen Machos haben und die Schicki Micki Mittelschicht ist mir zu einseitig beschrieben. Marie und ihre Freundinnen sind etwas unduldsam, haben es nicht leicht und viele Fehler gemacht und ob Marie mit ihrem Kardiologen und seinen vielen Frauenbekanntschaften glücklicher, als mit ihrem erfolglosen, boshaften Macholoser wird, glaube ich nicht ganz.
Ein Buch mit dem man über das Mittelschichtleben nachdenken kann und vieles wiederfindet, was man so kennt. So geht Christiane, als Ärztin ohne Grenzen nach Afrika und die frustrierten Freundinnen buchen einen alternativen Brotbackkurs, während sich die erfolgreichen Ehemänner für die moderne Kunst vielversprechender junger Künstler interessieren.
Elfriede Hammerl zeigt auf, was nicht so läuft in unserer moderen Schicki Mick Welt, so hat die von ihr beschriebene Fünfzigplus Generation ihre Kinder ziemlich verantwortungslos und egoistisch erzogen.
Lösungen bietet sie keine an und das Gedankenexeriment mit dem plötzlich auftauchenden Onkel Gregor bleibt ziemlich blaß bzw. löst es sich sehr bald wieder auf oder auch nicht, denn als Marie ihren Paul in Berlin trifft, ist er wieder da, hebt die Hand, kneift ein Auge zu, streckt den Daumen hoch und verläßt mit seiner Begleiterin das Lokal und Marie bleibt zurück, um es mit Paul trotz seiner Ehefrau vielleicht noch einmal zu probieren…
Das Bilanzziehen in der Nachmidlifekrise also und die berühmte “Was wäre wenn Frage?”, die nicht beantwortet wird, da es ja keine Geister gibt, obwohl wir sie uns manchmal stellen.

Sommer in Wien

Die letzten Tage habe ich mir den Wiener Sommer sehr intensiv gegeben und bin vom Petersplatz, dem Karlsplatz und dem Museumsquartier hin und hergehoppelt. Denn am Mittwoch, Alfred war noch gar nicht richtig weggefahren, hat die Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte begonnen, an der ich gar nicht teillnehmen wollte, ist das Thema “Zinsverbot und Judenschaden – Jüdisches Geldgeschäft im mittelalterlichen Aschkenas” zwar sicher interessant, für mich aber eigentlich nicht wichtig und auch nicht unbedingt literarisch. Jetzt war ich aber dort und heute im jüdischen Museum bei den “Türken in Wien”, da erlebe ich im Zuge der Sommerakademie ja immer schöne Führungen und weiß jetzt viel über die mittelalterlichen Geldgeschäfte. Vielleicht kann ichs einmal für einen Roman brauchen, der Bezug zur Gegenwart war auch immer da und da fällt mir ein, daß ich, als ich am Montag für den Alfred etwas Geld abheben wollte, auf meinen Kontoauszug, die Mitteilung hatte, daß ich für allfällige von der Bank zugelassenen Überschreitungen 10, 75% Zinsen zahlen muß und wenn ich noch mehr überziehe, kommen zusätzlich 5% Überziehungsprovision dazu. Nun habe ich noch nie im Leben mein Konto überzogen, habe aber viele Klienten, denen gar nichts anderes überbleibt, als ihr Konto zu überziehen.
Am Abend war ich viel am Karlsplatz beim “Kino unter Sternen” und das ist toller, als das Musikprogramm am Rathausplatz, denn da gibts um halb neun ein Vorprogramm. So haben gestern zwei junge Frauen gedudet bzw. Harfe gespielt und am Dienstag gab es eine Diskussion über die “Wienbilder im Film” und bei den Filmen, die anschließend gezeigt werden, geht es immer über Wien und im Wien Museum läuft auch gerade eine Ausstellung “Stadtbilder aus hundert Jahren”.
Am Montag wurde ein Film aus dem Jahr 1906 gezeigt, wo auf der Ringstraße ein paar Straßenbahnen mit je einem Wagen, ein paar Pferdewagen, Männer mit Melonen, Frauen mit langen Röcken und großen Hüten zu sehen waren, aber keine Autos, sonst sahs aber ziemlich gleich aus.
Die Atmosphäre am Karlsplatz ist sehr angenehm, die Sponsorfirmen legen Zeitschriften, Lollis oder phosphorisierende Sterne und Monde zum Aufkleben auf. Wenns kalt ist, kann man sich eine Decke ausborgen und da es am Dienstag und gestern Fußballspiele gab, war es auch nicht so voll.
Heute war ich bei der Eröffnung der O-Töne im Museumsquartier, obwohl ich Arno Geiger und “Alles über Sally” schon in der alten Schmiede hörte, auch das war toll. Nämlich “Die famosen Wienerlied-Erneuerer – Die Strottern” zum Konzertauftakt und der Haupthof war sehr voll. Da könnte man neidisch werden, wer aller zur Lesung geht, der Direktor hat in seiner Einleitung darauf hingewiesen, daß sie sich die Sponsorpartner sehr sorgfältig aussuchen würden, so wurde man mit dem Volltext mit den Bachmannpreislesern, dem Falter und den Standard, dazu einen Bleistift und einen Fächer, der bei mir schon weg war, verwöhnt.
Ich habe die Daniela Strigl gesehen, Elke N., den Doktor Koller und das Gespräch mit Felicitas von Lovenberg von der FAZ war sehr interessant, denn Arno Geiger hat wieder viel über das Schreiben erzählt, nämlich, daß er zwei Jahre über seine Sally nachgedacht hat, bevor er zu Schreiben angefangen hat und das kann ich gerade jetzt sehr brauchen, die gelesenen Stellen habe ich schon gekannt.
Ansonsten gab es heute noch ein paar andere literarische Begegnungen, so habe ich zu Mittag Elisabeth Chovanec und Eveline Haas von der Schreibwerkstatt der Gewerkschaft, die ich gar nicht mehr erkannt habe, getroffen und bevor ich ins Museumsqartier gegangen bin, habe ich mir vom Bücherschrank ein paar Sommerkrimis und eine Lautpoesie aus der Urs Engeler Edition geholt.

Sommerschreiben

Die sogenannten Profischreiber bekommen für ihre Schreibprojekte Stipendien oder Stadtschreiberposten, Josef Haslinger in Mainz, Anni Bürkl in Wiesbaden, Cornelia Travnicek zieht im August nach Italien und ich habe meine Sommerfrische um zwei Wochen verschoben, für die zwei kommenden Wien Wochen aber große Pläne und meine Praxistage nach wie vor nur Montag und Dienstag eingeteilt. Denn ein neues Projekt steht an, der neue große Roman und das läuft bis jetzt erstaunlich gut.
Am vorletzten Mittwoch habe ich nach einem Recherchetag, die ersten zweieinhalb Seiten geschrieben, am Freitag darauf korrigiert, bis letzten Samstag liegengelassen und ins Harlander Wochenende Louise Doughty “Ein Roman in einem Jahr” mitgenommen und da ist der Groschen gefallen.
Nach dem Verfassen des Jubiläumsartikel, wollte ich meine zweite Szene schreiben, habe die erste aber in zwei Anläufen auf neun Seiten erweitert, einen großen Teil des Plots vorausgeplant und am Montag zwischen ziemlich vielen Stunden, die zweite Szene verfaßt.
Vierzehn Seiten Rohkonzept habe ich bis jetzt, ich bin wirklich schnell, habe aber einen großen Handlungsrahmen, so daß ich meinen Vorsatz das nächste halbe Jahr daran zu schreiben, vielleicht wirklich ausführen kann und vom “Roman in einem Jahr” an den “Nanowrimo” anschließen. Wenn ich dann noch was zu schreiben habe, könnte ich den letzten Teil eingeben, ist zwar nicht regelkonform, aber da das ohnehin niemand kontrolliert.
Ich quäle mich trotz meiner Schreibbesessenheit ja meistens mit dem Schreiben, der innere Zensor “Das wird nicht gut, es ist ja schon alles gesagt!”, ist ständig da und setzt nie aus. Damit habe ich mich, glaube ich, schon beschäftigt, als ich noch in die Straßergasse gegangen bin.
Es ist schon alles hundertmal geschrieben und wenn man in die Buchhandlungen geht oder nach Frankfurt fährt, liegen die Bücher zu tausenden herum. Die nochmalige Lektüre von “Ein Roman in einem Jahr”, hat aber wahre Schleusen geöffnet, nämlich die Idee geboren, wirklich mit meinem Romanprojekt das nächste halbe Jahr lustvoll schwanger zu gehen und die Ideen wachsen zu lassen. Soviel Neues habe ich natürlich nicht, einen achtundachtzigjährigen Großvater, eine Mutter, eine Tochter, einen Flugzeugabsturz, Mails, einen polnischen Priester und dann noch den Roman “Das Haus im Grünen” zu dem Fritzi Jelinek das Textcoaching macht. Den muß ich auch schreiben und damit durch Wien gehen oder an der Traisen Radfahren und meine Personen mit dem, was ich dort sehe und höre beleben.
Dann gibt es noch ein paar Schreiblernbücher, deren nochmalige Lektüre, ich mir vorgenommen habe. Den James N. Frey habe ich schon sehr oft gelesen, komme aber nicht recht klar mit ihm, natürlich man braucht ein Stufenkonzept, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, wozu man eine Prämisse braucht, verstehe ich aber nicht. Er führt zwar sehr energisch Beispiele dafür an an, eines davon ist “Lolita”, was ich erst vor kurzem gelesen habe und da wäre die Prämisse, große Liebe führt zum Tod, das habe ich beim Lesen aber anders verstanden und eher die Traumatisierung Nabokovs durch den Krieg und die Emigration aus Rußland als Triebfeder gesehen.
Die Idee in die Welt meiner Figuren abzutauchen ist irgendwie neu für mich, meistens fehlt das spielerische Element und das, glaube ich, plötzlich zu haben, denn ich denke jetzt ständig, ich brauche nur das, was ich sehe, beschreiben und schon habe ich Material genug.
Also auf in einen wunderschönen Schreibesommer, das passt ja zufällig sehr gut. Als ich “Lore und Lena” geschrieben habe, war ich zwar auch in einem Rauschzustand, bin aber in der Personenentwicklung steckengeblieben, aber genau das Um- und Weiterschreiben, mit dem ich bisher Schwierigkeiten hatte, habe ich jetzt vor. Mal sehen, wie es mir gelingt.
Eigentlich wollte ich diesen Artikel “Schreibebücher” nennen, denn da habe ich noch was am Schlafzimmertisch liegen. “Das Nähkästchen erfolgreichen Schreibens” von dieser Cornelia Goethe Akademie beispielsweise, das ich einmal in Leipzig oder Frankfurt bekommen habe. Das ist aber auch nicht besonders erbauend, weil ich es schon ein paarmal durchgelesen habe und das, was drin steht, bereits weiß. Alfred hat mir zum letzten Geburtstag Manfred Hagels “Die eigene literarische Stimme finden mit kreativen Schreibideen von Dada bis zur amerikanischen Moderne” geschenkt, das ich weggelegt habe, weil ich dachte, das ist nichts für mich.
Will ich ja nicht, wie James Joyce zu schreiben üben, im Lehrgang für Sprachkunst habe ich aber von Robert Schindel gehört, tut man das auch und so denke ich, kann es nicht sehr schaden, in diesem Sommer das Buch zu lesen, ob ich dann übe oder nicht, ist egal, ich muß es ja nicht und die Übungen vom vorigen Schreibprojekt aus Bonni Goldbergs “Raum zum Schreiben” habe ich auch nicht gemacht. Die könnte ich mir also nach Harland oder in die Slowakei mitnehmen, wenn ich mit dem Schreiben nicht weiterkomme. Am Faszinierensten scheint mir aber in die eigenen Figuren abzutauchen und mit ihnen zu experimentieren.
An sich ist am schnellen Schreiben ja nichts falsch, darum werden mich schon manche beneiden und wenn ich nicht so schnell sein will, kann ich mit meinen Krimis und Sommerbüchern immer noch in die Badewanne abtauchen oder, wie in den nächsten zwei Wochen, am Abend auf den Karlsplatz ins Kino unter Sternen gehen. Davon komme ich gerade, deshalb erfolgt dieser Beitrag auch so früh und habe mir “Bevor Sunrise” angesehen, was auch sehr inspirierend ist. Wenn man auf www.kinountersternen.at geht, bzw. alles sechzehn Stationen des Filmes nachwandert, bekommt man ein T-Shirt geschenkt. Das weiß ich nicht, ob ich das tue, die drei freien Tage der nächsten Woche habe ich aber für Stadtspaziergänge eingeplant und vor mir ist ein junger Mann gesessen, der die letzten zwei Monate von Bregenz nach Wien gegangen ist und das, als sehr inspirierend empfunden hat.

Zwei Jahre Literaturgeflüster

Es ist der 3. Juli, ich sitze in der Harlander Küche vor dem Schreibtisch, ein paar Telefonbücher auf dem Ikeasessel, damit ich beim Tippen keine Kreuzschmerzen bekomme, denn nachdem mir Alfred letzten Sonntag ein neues Kabel brachte, ist mir das Schanier auf der Seite, wo es angesteckt wird, abgebrochen, so daß ich mich aus Angst, daß das Gerät auseinanderfallen könnte, nicht mehr traue, meinen Laptop auf den Knien im Bett und auf der Terrasse, was meine bevorzugten Schreibhaltungen sind, zu benützen.
Ansonsten sind in Wien, NÖ und dem Burgendland die Ferien herangekommen. Zeit mit Sack und Kegel, das Kind kommt nicht mehr mit, aufs Land gehen. Die berühmte Sommerfrische ist es aber nicht, denn Morgen geht es zurück nach Wien und da bleibe ich die nächsten zwei Wochen, da sich Alfred am Mittwoch zehn Tage mit dem Karli auf in Richtung Ostpolen macht und die Beschreibung eines Wiener Sommers kann ja auch interessant für das Literaturgeflüster sein, das habe ich bisher noch nicht.
Dafür gibt es den zweiten Jahrestag, bin ich doch am 3. Juli 2008 von der damaligen Bachmannpreisberichterstattung und darüber, daß man seine Eindrücke gleich mittels Blog ins Internet stellen kann, face book und twitter gab es zwar sicher schon, war mir aber nicht bekannt, nur die Bachmannpreisberichte von Christiane Zintzen und Hella Streicher, sehr beeindruckt worden.
“Kann ich das auch und kostet das was?”, habe ich den Alfred am 3. Juli also gefragt, ins Blaue zu schreiben begonnen und keine Ahnung, was daraus werden wird?
Sehr viel, wie meine Leser wissen.
33.212 Aufrufe, 455 Artikel, 310 Kommentare und Akismet hat mich vor 1302 Spams geschützt. Die tägliche Aufrufzahl hat sich seit den Anfangstagen verdoppelt bis verdreifacht und liegt momententan im Durchschnitt zwischen sechzig und achtzig. Die Hundertermarke wird immer öfter erreicht und der 30. Oktober 2009 war mit 169 Aufrufen der bis jetzt beste Tag, obwohl mir schon bewußt ist, daß das oft Zufallstreffer sind, wer bei mir landet und da die ersten persönlich bekannten Stammleser und Anfeuerer inzwischen schon verschwunden sind, zum Teil aus Suchdiensten bestehen.
Wenn ich z.B. beim Nachhausegehen vom Jour fixe in der Grünangergasse, in die Abschiedsvorstellung des scheidenden Operndirektors gerate, der zu diesen Zweck Placido Domingo auftreten läßt und mich mit einem seiner Fans darüber unterhalte, habe ich in den nächsten Tag den Pacido Domingo Fanclub auf meiner Seite und kann wahrscheinlich nicht davon ausgehen, daß sich der für den Jour fixe der Buch Wien interessiert.
Trotzdem ist das Literaturgeflüster für mich eine sehr faszinierende und bereichernde Alltagsbeschäftigung und ich habe viel gelernt dabei. Schreiben nicht, denn das konnte ich schon, bevor ich 1960 in die erste Klasse der VS Halirschgasse gekommen bin und literarisch schreiben, so wie ich es verstehe, auch, denn das praktiziere ich seit 1973, aber sehr viel anderes.
Ich glaube auch nicht, daß ich mich dadurch mehr mit Literatur beschäftige, denn das tue ich seit zwanzig, dreißig Jahren sehr intensiv, aber sehr wohl bewußter. Das heißt, daß ich, wenn ich die Wahl zwischen zwei Veranstaltungen habe, vielleicht schon darüber nachdenke, welche für das Literaturgeflüster interessanter ist. Und es ist ein Blog über das literarische Leben der Eva Jancak, mein Brotberuf hat aber sicher viel dazu beigetragen, daß es ein persönliches Tagebuch geworden ist, in dem viel über mich zu finden ist.
Wenn es “Parsifal” auf der Leinwand am Herbert von Karajan Platz zu sehen gibt, schreibe ich darüber, wenn es halbwegs literarisch passt. Die Frage, wie offen man im Internet sein darf, hat mich natürlich auch beschäftigt, denn da baumelt ja vor allem Amerika höchst ambivalent hin und her. Einerseits muß man, höre ich, bei face book, twitter ect. eingetragen sein, um nicht als langweilig zu gelten, wenn man aber ein Bild von sich von einer Faschingsparty mit einem Piratenhut und einem Plastikbecher in der Hand, wie das bei Parties eben ist, mit der Unterschrift “drunken sailer” ins Internet stellt, bekommt man als mangelnde moralische Instanz keinen Job als Lehrerin.
Nun ich bin fast siebenundfünfzig Jahre alt und habe, glaube ich, 1980 das erste Mal am Volksstimmefest gelesen und in der Volksstimme veröffentlicht und mich als realistische Schreiberin immer sehr für das Sozial- und Gesellschaftskritische interessiert und ehrlich bin ich auch, also werde ich über meine politischen Ansichten und über das linke Wort am Volksstimmefest berichten, aber auch über meine anderen Lesungen und über mein Schreiben.
Was ich in das Literaturgeflüster fast täglich stellen werde, habe ich am 3. Juli 2008 sicher nicht gewußt. Der Alfred hat mir auf meine Frage “Da kannst du auf die Bücher, die du liest und interessante Veranstaltungen hinweisen!”, geantwortet und, das ist es auch geworden.
Bin ich ja eine, die auch nach siebenunddreißig Jahren intensiver Beschäftigung mit der Literatur, die Faszination daran nicht verloren hat. Fan bin ich keiner und war das nie und so habe ich der alten Dame am Karajanplatz, als sie mir sagte “Alle wären wegen dem Domingo da!”, geantwortet, daß ich wegen dem “Parsifal” gekommen bin, das geht mir auch so mit der Literatur.
Kein Fan von Ken Follet, Nick Hornby, John Irving, Stehenie Meyer, Friederike Mayröcker…, aber ich gehe zu Andrea Winkler in die alte Schmiede, höre die Bachmannpreisberichterstattung und bin im November im Amerlinghaus, wenn die Exilliteraturpreise vergeben werden, falls es das noch gibt.
Und ich schreibe natürlich und da, das habe ich schon 2008 erwähnt, ist das Internet ein wahrer Segen und schade, daß ich nicht dreißig Jahre jünger bin. Sonst will ich das nicht, aber da wäre das ein Vorteil, denn als ich 1973 mit dem literarischen Schreiben begonnen habe, war ich sehr allein und als mir Monika Jensen und Gerhard Kette 1978, als ich ihnen “Die Einladung zum Tee” vorgelesen habe, sagten, daß ich schlecht schreibe, sie mir aber auch nicht sagen können, wie das besser geht, hat das nicht viel geholfen.
Ich habe es inzwischen gelernt, natürlich, aber, obwohl ich bald in den Arbeitskreis schreibender Frauen kam und dort Marie Therese Kerschbaumer kennenlernte und etwas später in die GAV, war, wie man richtig schreibt, für mich ein großes Geheimnis, das die heutigen Zwanzigjährigen, die schreiben wollen, nicht lange haben. Die schauen ins Internet, zum Autorenhausverlag, zu schriftsteller-werden.de, texte und tee, dem Blog von Thomas Wollinger oder geben sich das Bachmannpreislesen und wenn sie zum Literaturgeflüster kommen, erfahren sie auch einiges übers Schreiben, denn ich gebe immer aktuelle Schreibberichte, weil es das ist, was ich mir damals sehr gewünscht hätte.
Vier Bücher sind seit dem 3. Juli 2008 von mir erschienen. (“Radiosonate”, “Haus”, “Sophie Hungers”, “Heimsuchung”) und können im Literaturgeflüster und bei www. jancak.at angeschaut, bzw. die Schreibberichte mitverfolgt werden.
“Mimis Bücher” liegt beim Alfred zur Formatierung oder, wie man das nennt und jetzt soll es wieder losgehen mit dem großen Roman.
In meinen Regalen stehen inzwischen zweiundzwanzig Digitalbücher, wie ich sie gern nenne, die “Hierarchien” und zwei Fachbücher übers Stottern und, daß ich wahrscheinlich mehr geschrieben habe, als die meisten Autoren, die beim Bachmannpreis lesen, ist mir auch klar. Mit dem Selbstbewußtsein hapert es noch immer, aber da hat mir das Literaturgeflüster sehr geholfen und ich glaube auch beim präzisen Schreiben und in der Schärfe der Formulierung. Wenn man fast täglich einen Artikel schreibt, der nicht sehr lang sein soll, muß man präzis sein, das habe ich gelernt und auch mit An- und Untergriffen höflich umzugehen.
Ich finde es sehr schade, daß meine kritische Stimme, Frau Heidegger seit Weihnachten verschwunden ist, denke aber auch, es muß nicht sein, jemanden schlechtes Schreiben vorzuwerfen, wenn man merkt, daß es ihm wichtig ist. Denn was ist schon schlechtes Schreiben? Das von James Joyce, Joanne Rowling, Stephenie Meyer, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek?
Da gehen die Meinungen auseinander und beim Bachmannpreis wird inzwischen sehr beklagt, daß die, die dort lesen und zu siebzig Prozent vom Leipziger Literaturinstitut kommen, handwerklich gutes Mittelmaß haben, bzw. sich von der Riesenmaschine. de, ihre Chancen ausrechnen lassen und den Text so konstruieren, daß sie gewinnen, obwohl man später von der sachlichen Seelenlosigkeit spricht.
Das kann es auch nicht sein und ich habe diese Schwierigkeiten nicht, denn ich interessiere mich seltsamerweise immer noch sehr für das Schreiben der anderen und da hat sich im letzten Jahr durch den leselustfrust Blog und natürlich durch die offenen Bücherkästen mein Leseverhalten verdoppelt. Da ich mir, das, was mich interessiert, nehme, lese ich mehr und man findet ja Verschiedenes in den Kästen. Rose Ausländer, Alberto Moravia, Sebastian Fitzek, ect. und seit ich fast jedes Buch, das ich lese, bespreche, lese ich genauer, was, wie ich denke, von Vorteil ist.
Der Beitrag ist schon sehr lang und ich habe noch immer nicht mein neues Romanprojekt erwähnt, von dem ich, als ich vorige Woche einen Tag herumgefahren bin, gleich die erste Szene geschrieben habe.
“Der Absturz” kann es heißen und ich habe einiges aufnotiert, was sich an das Bisherige anschließt, die Fritzi Jelinek mit dem weißhaarigen dementen Großvater und einiges Aktuelle, wie den Flugzeugabsturz bei Smolensk. Habe eine Mappe mit sehr intensiven Mails, die sich verwenden lassen und habe, als mir Sonntagabend der Kopf rauchte und ich nicht so motiviert, wie Cornelia Travnicek nach all den Lesungen war, sondern eher niedergeschlagen, nochmals im James N. Frey geblättert und zunächst wieder einmal gedacht “Ich kann es nicht!”
Gestern habe ich mir noch einmal das Autorenhausprojekt von 2008 “Ein Roman in einem Jahr” herausgenommen und sehr viel Brauchbares darin gefunden, was vielleicht hilft, mir diesmal wirklich viel Zeit zu lassen.
“Mimis Bücher” habe ich fast manisch vor mich hingeschrieben. Das soll sein und war auch gut, aber ich habe natürlich meine Schwächen und da mir noch immer niemand mehr, als “Ist nicht gut!” oder gelangweilt “Sehr schön!” sagt, wenn ich ihm meine Bücher hinhalte, muß ich mich selbst am Schopf nehmen und “Stop!”, rufen, wenn ich mich zu schnell wiederholen will, was sicher eine Gefahr und eine Schwäche ist.
Also im nächsten halben Jahr wirklich viel Zeit lassen, einige Handlungsfäden habe ich ja aufnotiert, aber damit immer wieder durch die Stadt laufen, Schauplätze ansehen, Gespräche aufnotieren und wahllos Skizzen, Szenen, ect. zusammenschreiben und das Ganze erst später zusammenbasteln, kann vielleicht wirklich helfen weiter zu kommen. Und natürlich an der Sprache arbeiten, ein bißchen mehr Andrea Winkler Ton kann nicht schaden, das habe ich mir gestern Nacht im Bett gedacht und das habe ich auch vor zu verwirklichen.
Meine Leser können beobachten, wie mir das gelingt, sie können auch ruhig über meine Sprachmelodie schimpfen, sich aber auch für sich selber etwas mitnehmen und aus den Fehlern lernen. Über ein aufmunterndes Wort und eine konstruktive Kritik freue ich mich, wenn ich sie bekomme.
In diesem Sinne also wieder “Alles Gute zum Geburtstag, Literaturgeflüster!”, der Sekt, der noch vom Silvester übergeblieben ist, ist eingekühlt, bzw. steht er neben mir am Schreibtisch und so stoße ich mit mir selber an…
P.S. Und weil ich am Donnerstag bei einer psychologischen Fortbildung im Sigmund Freud Museum war, war ich nicht auf der Demonstration gegen Fremdenhaß und Asylpolitik, sondern bin nur kurz über den Ballhausplatz gegangen.

Amokspiel

Jetzt kommt das Kontrastprogramm zu Oswald Egger, nämlich Sebastian Fitzeks “Amokspiel”, der zweite Thriller des 1971 in Berlin geborenen Erfolgschriftstellers, dessen Romane offenbar die Spannung haben, die man sonst nur den US-Autoren nachsagt und der seine Bücher auch noch übers Internet und Gewinnspielen mit großem Charme bewirbt. Das Buch ist über den Bücherschrank zu mir gekommen und ist der erste Fitzek Thriller, den ich gelesen habe, dennoch ist es mir bekannt erschienen, habe ich die Stelle von dem Mann, der ein Telefongespräch von einer Frau bekommt, die schon eine halbe Stunde tot sein soll, im Literaturcafe auf der letzten Buchwoche 2007, die ich mir sehr intensiv gegeben habe, gehört und damals hatte ich von Sebastian Fitzek keine Ahnung und den Namen, obwohl mich der Vortragsstil sehr beeindruckt hat, auch vergessen und bin im vorigen Jahr durch den Blog von Lillyberry auf ihn gestoßen, denn damals ist “Splitter” erschienen und jetzt “Der Augensammler”.
Sebastian Fitzek verwendet immer spannende Themen und so habe ich mir gedacht, ich sollte das Buch lesen und wurde auch nicht enttäuscht. Spielt es doch in einem mir bekannten Milieu oder auch nicht. Denn die Psychologenszene, mit der ich zu tun habe, schaut ganz anders aus und auch das Berlin, das er beschreibt, wirkt eher, wie ein amerikanischer Tatort. Auch sonst ist höchste Spannung und Suspense angesagt. Maximale Figuren- und Handlungskapazität nennt das, glaube ich, James N. Frey.
Also die Hauptfiguren sind zwei Psychologen, erfolgreich, genial, intelligent, der eine in seiner Praxis, die andere, als Polizeiverhandlungsführerin in Geiselfragen und trotzdem sind beide am Ende.
Ist dem einen doch im Prolog, das mit seiner Geliebten passiert und dann hat ihm jemand noch Kokain im Kofferraum versteckt und eine seiner Klientinnen soll er auch geb…, nein belästigt haben, so daß er ein Jahr später auf die Idee kommt, einen Rundfunksender, bei dem der Star Markus Timber Platten auflegt und irgendwo anruft, um dem Glücklichen, der sich mit dem Satz “Ich höre 101 Punkt 5 und jetzt her mit dem Zaster” meldet, fünfzigtausend Euro verspricht, zu besetzen, Geiseln nimmt und im Rundfunk Amok mit der Drohung, beim falschen Satz jeweils eine Geisel zu erschießen, spielt, um seine Braut, die von ihm schwanger war, zurückzubekommen, an deren Tod er nicht glaubt.
Die Polizeipsychologin Ira Samin ist nach dem Selbstmord ihrer Tochter Sara auch am Ende, wurde Alkoholikerin, beschließt sich ebenfalls umzubringen und will sich nur noch ein Cola light Zirone besorgen, damit das besser geht.
Sie kommt indessen nicht dazu, wird sie doch von der Polizei gefesselt, entführt und zur Verhandlung mit Jan May gezwungen. Außerdem ist ihre zweite Tochter Kitty, die seit Saras Selbstmord nicht mehr mit ihr spricht, die Praktikantin, die die Clubmitglieder in das Studio führte und sich dann unter der Spüle versteckte.
Zwei hohe Polizisten, von denen einer einmal Ira Samins Geliebter war und ein anderer, der vielleicht mit falschen Karten spielt, sind an der Entführung beteiligt. Ira verhandelt, eine Geisel wird erschossen, ein Staatsanwalt haut ab und der etwas verrückt erscheinende Rundfunkdirektor, der gerne mit dem Feuer spielt, findet heraus, daß Leoni Gregor, die Tochter eines ukrainischen Mafia Bosses war und für ein Zeugenschutzprogramm entführt wurde.
Die Handlung wird aber noch spannendender und mehr emotional aufgeladen. So war die Geiselnahme nur figiert, Ira wird von der Polizei verhaftet und vom Mafiaboss eingesperrt, ihr Ex-Geliebter rettet sie und sie bekommt durch kluges Kombinieren heraus, daß sich Leoni Gregor, die inzwischen Jans Kind geboren hat, auf dem Flug nach Zürich bzw. Berlin befindet. Ira Samin läßt sich gegen ihre Tochter Kitty austauschen und Jan bekommt seine Leoni zu sehen und als wir soweit sind, stellt sich heraus, daß alles anders, als man dachte, der Gute der Böse war und so rast Ira mit ihrem Ex-Geliebten dem Tod entgegen, während Kitty in der Chariete von einem falschen Psychologen zu einem Abschiedsbrief gezwungen wird und Ira, die nichts als sich umbringen will, rettet nun auch Kittys Leben, in dem sie an ihre eigenen Pulsadern in dem Glauben, daß das Götz nicht aushält, geht. Schließlich wird dann das, was noch vorhanden ist, gut und aufgeklärt.
Das Motiv war, wie immer Schulden, Jan bekommt maximal drei Jahre und kommt danach mit einer elektronischen Fußfessel in den Hausarrest zu Frau und Kind, weil er niemanden erschossen hat und er war auch noch Saras Psychologe, die ihm einen Abschiedsbrief hinterließ, in dem sie von ihrem Hirntumor schreibt und die Mutter endgültig von jeder Schuld befreit. Der neue Liebhaber hat sich in der Person des leicht verrückten Rundfunkdirektors auch schon angekündigt, nur, ob er Ira von ihrer Trinksucht befreien kann, wissen wir noch nicht.

Vorausschau und Abschied

Am Mittwoch gabs in der Literaturzentrale den 2. Jour fixe zur Buch Wien 2010. Die Info mit einer Einladung an Autorinnen, Aussteller und Journalisten war auf der Seite des Hauptverbands und ich hab mir gedacht, schau ich einmal hin, denn Buch Wien News sind sicher interessant und ich war noch nie in dieser Literaturzentrale.
Es hat sich, obwohl ich um sechs mit dem Schreiben der Juni Honorarnoten noch nicht fertig war, gelohnt, denn die Grünangergasse Nummer vier, im ersten Bezirk, ist ein sehr schönes altes Haus. Ein wirklich imposantes Palais, man geht an Steinfiguren in den ersten Stock hinauf und am vorbereiteten Buffet vorbei in eine Bibliothek mit Holzverkleidung und uralten Büchern. Ich hab zwar niemanden persönlich bekannt, der Herr Schantin hat mir aber die Hand gegeben und Gabriele Madeja einen ersten Ausblick auf das Leseprogramm.
Das wird es in sich haben, denn für eine Buchmesse braucht man große Namen, also kommt Ken Follet nach Wien und Gabriele Madeja hat schon zwei Bücher von ihm gelesen und sie als sehr interessant empfunden, dafür kommt Henning Mankell leider schon im September, geht sich für einen Auftritt also nicht mehr aus und als ein paar Kleinverleger nach eigenen Lesungen fragten, erhielten sie die Antwort, daß man die großen Namen schon verstehen muß, denn für den Bachmannpreisträger bzw. Herrn Ballhausen interessiert sich das Publikum nicht.
Es wird aber schon dafür geworben und zwar soll es eine Pink Book Aktion geben, da setzen sich Leute mit einem rosa Buch auf einen Fußballplatz und sollen damit Aufmerksamkeit erregen und auf der Buch Wien lesen sie ihren Lieblingssatz daraus, außerdem soll es wie in Leipzig ein Literaturcafe geben, wo die noch nicht so bekannten Autoren lesen können.
Anschließend gab es Wein, Wasser und Brötchen und ich habe gewußt, daß ich, obwohl die Rechnungen warteten, am Parsifal nicht vorbeikommen werde, war das ja einmal meine Lieblingsoper und da habe ich noch nicht gewußt, daß das des scheidenden Direktors Ioan Holenders Abschiedsvorstellung ist. Ich kam zum zweiten Akt zurecht, saß zuerst eine Weile auf dem Boden, bis ich einen Platz fand. Das Thomas Hampson singt, habe ich dem Programm entnommen. Der Parsifal war ein großer starker Mann und in der Pause kam eine aufgeregte ältere Frau, die mir erzählte, daß sie sich schon auf den Domingo freue und herkam, obwohl sie gehbehindert ist.
Ich war ein wenig verwirrt und fragte, ob der dirigiere, worauf sie mich empört musterte und erklärte, sie wäre nur wegen dem Domingo da und ich dachte “Uje, jetzt bin ich in das Fettnäpfchen..”, habe aber ganz ehrlich nicht gewußt, daß der Domingo den Parsifal singt. Nach der Pause kam der Direktor auf die Bühne und erklärte, daß seine Direktion 1991 mit dem Parsifal mit Waltraud Meier und Placido Domingo begonnen hat und, daß es damit auch enden soll. Deshalb wird der Sänger im dritten Akt auftreten und den Speer hereinbringen, Herr Stephen Gould sei damit einverstanden und ich war wieder beruhigt, nur etwas verwirrt, daß am Schluß alle klatschten, denn als ich als Studentin wöchentlich in die Oper ging und mir in der Karwoche meistens Parsifal ansah, stand im Programm, daß Richard Wagner wünschte, daß das Bühnenweihspiel nicht durch Applaus entwürdigt wird und wenn es doch jemand versuchte, gab es ein empörtes Zischen.
Das fehlte diesmal nicht nur, es trat auch noch das gesamte Orchester mit dem Dirigenten und künftigen Direktor Franz Welser Möst auf und Placido Domingo holte noch die Frau Minister und den scheidenden Direktor, der eine Abschiedsrede hielt und den goldenen Schlüßel übergab.
Ich bin also in ein sehr festliches Ereignis hineingekommen, die Besetzung kam mit dem Direktor noch auf den Balkon, das Fanpublikum jubelte auf und ich ging nach Hause, um meine Abrechnung fertig zu schreiben und bezüglich Literatur habe ich noch zu flüstern, daß Andrea Winkler heuer den Priessnitz Preis bekommen wird.