In der “Bücherdiebin” verarbeitet der 1975, in Sydney geborene Markus Zusak, wie in Wikipedia steht, die Erzählungen seiner deutschen Mutter und seines österreichischen Vaters über die Bombenangriffe auf München und die Judenverfolgungen im zweiten Weltkrieg, aber eigentlich erzählt uns der Tod das Leben in einer deutschen Kleinstadt im dritten Reich und weil Markus Zusak vielleicht ein paar kreative Writingkurse besucht hat, erzählt er es sehr ausschweifend mit vielen dramaturgischen Über- und Untergriffen und weil sich die Geschichte offenbar an (australische) Kinder wendet, springt er in vielen sich wiederholenden Überschriften und Kapiteln von vorne nach hinten und zurück und weil das Buch 2005 geschrieben wurde, ist es auch die Geschichte einer Traumatisierung, bzw. wirft der Tod mit Metaphern aus dem DIPS effektvoll um sich.
So wird die kleine Liesel Meminger 1939 von ihrer Mutter mit ihrem Bruder nach München gebracht, um dort Pflegeeltern übergeben zu werden, nachdem der kommunistische Vater irgendwohin verschwunden ist. Der Bruder stirbt und die Schwester klaut auf dem Friedhof, wo er begraben wird, das “Handbuch der Totengräber” und nimmt es mit in das Haus von Hans und Rosa Hubermann, die sich gegenseitig liebevoll als “Saumenschen” und “Arschlöcher” titulieren und legt es unter die Matratze.
Liesel kommt, obwohl schon neun, in die erste Klasse, weil sie nicht schreiben und lesen kann und macht nachts so lang ins Bett, bis der gutmütige Hans Hubermann, ihr aus dem “Handbuch der Totengräber” vorliest und mit ihr in den Keller geht, um ihr dort das Lesen beizubringen, das sie später so gut beherrschen wird, daß sie allen im Luftschutzkeller aus ihren gestohlenen, gefundenen oder hinterlegten Büchern vorlesen wird, denn die Pflegefamilie ist so arm, daß sie Liesel nur eine kaputte Puppe und zwei Bücher schenken kann.
Liesel kommt in die Hitlerjugend und freundet sich dort mit Rudi Steiner an, der sie gern küssen will, aber sonst ganz andere Ideale hat und so kommt es an einem Führer Geburtstag, viel später als 1933, zu einer neuerlichen Bücherverbrennung, um diesen eine Freude zu machen und da verübt die “Bücherdiebin” ihren zweiten “Diebstahl”, in dem sie ein glosendes Buch aus den Flammen zieht und dabei von der Frau des Bürgermeisters beobachtet wird, die sie schon kennt, weil sich diese von Rosa Hubermann, die Wäsche waschen läßt und die, eine seltsame und wahrscheinlich ebenfalls traumatisierte Frau, die im ersten Krieg den Sohn verloren hat, führt Liesel in ihre Bibliothek.
Nur leider verliert Rosa Hubermann nach und nach ihre Kunden und zuletzt auch Bürgermeisters, weil die angesichts des Elends um sich herum ein heldenhaftes Opfer bringen müssen und beginnt stinksauer auf die Frau Bürgermeister, sie um Buch für Buch zu bestehlen.
Inzwischen hat Hans Hubermann, der von seinem nationalsozialistischen Sohn für einen Feigling gehalten wird, einen jungen Juden im Keller einquartiert, der dort fast verstirbt, von Liesels Vorlesekunst und den Geschenken, die sie ihm vom Boden aufklaubt, aber ins Leben zurückgeholt wird und ihr dafür zwei Bücher schreibt und zeichnet, die in dem Roman enthalten sind.
Die tausendjährigen Zeiten gehen weiter, Rudi Steiner soll zur Napola, Juden werden durch den Ort nach Dachau getrieben und Hans Hubermann kann sich nicht beherrschen, einem ein Stück Brot in die Hand zu strecken, so daß Max Vandenburg, den Keller in der Himmelstraße verlassen muß und Hans zwar endlich in die Partei aufgenommen wird, aber zum Luftschutzdienst kommt. Dort entgeht er dem Tod und kommt mit einem Gipsbein nach Molching zurück. Die Bombenangriffe hören aber nicht auf und erwischen die ganze Himmelstraße, nur Liesel nicht, da sich diese mit einem Notizbuch der Frau Bürgermeister in den Keller zurückgezogen hat, um die Geschichte der Bücherdiebin aufzuschreiben.
Vorher hat sie Max Vandenburg noch nach Dachau gehen sehen und als der Spuk vorüber und Hitler dem Tod in die Arme gefallen ist, wird sie mit ihm nach Australien gehen, um erst viel später, als alte Frau mit Enkelkindern, die genauso zitronenfarbige Haare wie Max haben, vom Erzähler abgeholt zu werden.
So weit die “charmanteste und nachhaltigste Beschreibung der jüngsten Zeit” vom Leben im dritten Reich und dem Widerstand der dort trotzallem möglich war.
Elisabeth Pratscher, die mir das Buch freundlicherweise zur Verfügung stellte, hat es nicht gefallen, weil sie keine Geschichten mag, wo der Tod poetisch mit den Seelen der Vergasten im Schornstein über Auschwitz sitzt und haarscharf am Kitsch ist es bestimmt ein paarmal oder auch viel öfter vorbeigeschrammt.
Dennoch habe ich selten eine so eindringliche Beschreibung des Lebens in dieser Zeit gelesen, auch wenn die Geschichte, das psychologische und schreibtechnische Vokabular von heute hat, hat mich der liebevolle Umgang der Menschen, die sich ständig mit “Saumensch” und “Arschloch” titulieren und doch das Herz am rechten Fleck haben, sehr beeindruckt. Ich weiß nun nicht, ob die Bayern wirklich so miteinander reden oder geredet haben, denke aber, wenn das die australische Sicht auf die deutsche Kleinbürgerseele ist, ist es hervorragend getroffen.
Den Tod als Erzähler würde ich nicht brauchen, das erscheint mir zu aufgesetzt, die sonstige Metaphernvielfalt ist wohl auch zu farbenreich. Es ist wahrscheinlich ein Jugendbuch, aber sehr beeindruckend und man kann sich nach dem Lesen sehr gut vorstellen, wie es damals gewesen sein mag, obwohl der Tod oder Markus Zusak, die Geschichte schon sehr dick auftragen und viel zu ausschweifend erzählen, was einer einzigen Familie gar nicht alles passiert sein kann.
Author: jancak
Erica und ihre Geschwister
“Erica und ihre Geschwister” von Elio Vittorini, ist eines von den Wagenbach Taschenbüchern mit denen ich meine Ein-Euro-Buchlandungskäufe vor drei Jahren begonnen habe und mit dem ich meinen kleinen Sizilienschwerpunkt fortsetzen will.
Ein interessantes Buch, des 1908 in Syrakus geborenen und 1966, in Mailand verstorbenen systemkritischen Schriftstellers, der, wie ich Wikipedia entnehme, zu den wichtigsten Vertretern des literarischen Neorealismus zählt.
1936 ist das Buch bei Guilio Einaudi editori in Turin erschienen, steht in der Wagenbach Taschenbuchausgabe von 2001, Wikipedia kann ich entnehmen, daß das Buch 1952- 1955 vervollständigt wurde, 1956 auf Italienisch und 1984 auf Deutsch erschien und ist eine Geschichte über die bittere Armut der italienischen Arbeiter nach dem Weltkrieg und der Wandlung eines Kindes in die Prostituion, um seine Geschwister zu ernähren, zu denen es eigentlich keine Beziehung hat.
Die kleine Erica ist jedenfalls nach dem Krieg in einem kalten Winter in die große Stadt gekommen und träumt ein Leben vom Glück im Winter und Vögeln im Schnee, während sie mit ihren Eltern, der Schwester und dem Brüderchen in zwei Zimmern eines Hauses im Erdgeschoß wohnt und es als schönste Zeit empfindet, wenn die Mutter, die Wäsche im Zimmer zum Trocknen aufhängt, weil sie dann Zeit zum Märchenerzählen hat.
Der Vater arbeitet als Monteur in einem Hüttenwerk, es folgt die Zeit der Lohnverkürzung und des Stellenabbaus, so daß die phantasiebegabte Erica in der Nacht ins Schlafzimmer der Eltern hineinzulauschen beginnt und sich davor fürchtet, daß die, die Kinder wie bei Hänsel und Gretel in einem Märchenwald aussetzen könnten. Sie beginnt sich dagegen zu wappnen, sammelt Steine, prägt sich die Wege ein und wird immer größer und kräftiger, so daß sie mit dem neuen roten Kleid, daß sie von der Mutter bekommt, keine Angst mehr zu haben braucht.
Der Vater verliert indessen seine Stelle und beginnt in die Fremde hinauszuziehen, die Mutter bleibt der Kinder wegen zurück und verdingt sich als Geschirrwäscherin, bei einer Familie im Vorderhaus, wird aber bald vom Vater gerufen, so daß sie der inzwischen Vierzehnjährigen, die Geschwister anvertraut, einen Sack Polentamehl, Kohle, Holz und Petroleum in das Abbruchhaus, auf dem zum Verkauf stehenden Baugrund, in dem die Familie inzwischen wohnt, einlagert, eine Henne kauft sie auch und bezahlt beim Fleischer und beim Bäcker, die Schulden, so daß Erica die nächste Zeit das Suppenfleisch und das Brot anschreiben lassen kann, dann drückt sie ihr eineinhalb Lire in die Hand und steigt in den Zug, die Erica für eine Tasse Milchkaffee ausgibt, von dem das Meiste der kleine Bruder trinkt.
Erica putzt und wäscht, versorgt die Geschwister, ist sicher die Mutter nicht mehr wiederzusehen und auch froh darüber und wird als nächstes von den Nachbarinnen, um die Henne, die Kohlen und die Polenta betrogen, während sie noch hoffnungsvolle Briefe an die Mutter schreibt.
Die Geschwister gehen in die Schule und spielen den Rest des Tages im Freien und das Essen wird knapp. Die Nachbarinnen machen Versuche, sie als Dienstmädchen auszunützen, das dicke Mädchen, das mit einem Kind in der Umgebung wohnt, versucht sie dagegen aufzuhetzen, es wird auch von irgendwelchen Hilfsorganisationen gesprochen, an die sich die von den Eltern Verlassene wenden kann. Die Scham hindert Erica aber daran, eine Tasse der gestohlenen Polenta zurückzunehmen, sie will auch keine Hilfsangebote, sondern bindet sich ein rotes Tüchlein in die Haare und stellt sich an das Fenster, um die Soldaten und Serganten drei Stunden am Tag hineinzulassen und tut das so diskret, daß die Nachbarinnen nichts daran aussetzen können, obwohl sie die Arbeit, die sie nun verrichtet, um sich und ihre Geschwister zu ernähren, als schrecklicher empfindet, als würde sie sich enthaupten lassen…
Die Geschichte eines Mädchens, dem es trotz aller Demütigungen gelingt, sich seinen kindlichen Mut und seine unerschütterliche Zuversicht zu bewahren, steht auf der Buchrückseite, ganz so habe ich das nicht empfunden.
Geschrieben ist diese Sozialkritik in einer sehr symbolhaften, fast märchenhaft anmutenden, distanzierten Sprache, in der die Systemanklage des Nach- und Zwischenkriegsitalien drastisch und fast unwirklich klingt, obwohl ich mir bei der Literatur im Herbst, vor eineinhalb Jahren sagen habe lassen, daß das in der Ukraine, wo die Eltern, in den reichen Westen arbeiten gehen und die Kinder bei irgendwelchen überforderten Großmüttern zurücklassen, so passieren soll.
Zweite Margaretner Kunst und Kulturmesse
Heute begann die zweite Margaretner Kunst und Kulturmesse, die Idee des Bezirksvorstehers die Künstler des Bezirks in einem Almanach zu vereinen, der an alle Margaretner Haushalte verschickt wird und sie im Festsaal des Amtshauses kostenlos dem Publikum zu präsentieren.
Im April gab es eine Vorbesprechung und weil die Veranstaltung im Vorjahr erfolgreich war, wurde sie auf zwei Tage anberaumt. Am Dienstag von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr mit einem Leseprogramm, fünf Lesungen im Halbstundentakt zu je fünfzehn Minuten, morgen wird es mit den Ausstellungstischen weitergehen, es haben sich hauptsächlich bildende Künstler angemeldet, die zum Teil zusätzlich gelesen haben, wie Elisabeth Chovancec und Susanne Praunegger.
Es waren weniger Leute da, zumindestens habe ich nicht viele bekannte Gesichter gesehen. Ich hatte meinen Tisch ganz hinten neben einer lieben Dame, die auf der Wiedner Hauptstraße ihr Art Trade Web Design hat und war auf dem vorbereiteten Schild ganz richtig mit Website, Blog, Adresse und Lebensdaten angekündigt. Es kam gleich zu einem Tauschgeschäft, zwei Bücher gegen eine Steinfigur. Die Tauschgegner werden aufheulen, aber der kleine Hunter mit dem Muschelhut passt gut aufs Kastel im Wartevorzimmer und ist eine liebe Erinnerung.
Ansonsten war vieles gleich und viel verschieden. Statt Gabi Rökl hat der Bezirksvorsteher moderiert. Um achtzehn Uhr ist es mit Elisabeth Chovanec losgegangen, die mir vorher ein paar ihrer Broschüren und eine CD gegeben hat.
Ein paar Leute haben meine Bücher angeschaut, eine Dame hat sich erkundigt, ob ich in einer Pfarre lesen würde und ist gleich wieder verschwunden.
Nach jedem Leseblock gab es eine Pause. Als nächste hat Susanne Praunegger über unerwünschte Geschenke gelesen, dann kam ich mit meinem Nanowrimobeginn.
Der Bezirksvorsteher hat mich als Lyrikerin angekündigt. Vielleicht besteht für ihn die Literatur aus Lyrik, ich war ihm auch zu lang, so hat er charmant und launig versucht seinen Unmut höflich hinüberzubringen. Ich habe mich aber genau an die vorgegebene Lesezeit gehalten und zur Lebensfreude gehört sicher etwas Geduld.
Dem Publikum hats auch, glaube ich, gefallen, jedenfalls wurde ich danach mit einem Dessert verwöhnt, denn es gab Brötchen, gefüllte Semmerln, Süßes und noch zwei Leseblöcke.
“Artgerechte Menschenhaltung” von Mathias Handwerk und Texte des Tatookünstlers Wolfgang Weninger. Danach Gespräche, ein längeres mit einem Herrn, der seine vierundneunzigjährige Mutter betreut, der ihr zur Aktivierung aus dem “Haus” vorlesen will und viel Info Material über die bildende Kunst Margaretens. Daß die Literatur in den Hintergrund geraten ist und gerade als schneller Lyrikblock geduldet war, finde ich sehr schade.
So hat Julya Rabinowitch nicht mehr gelesen, nur ihre Mutter, die in der oberen Amtshausstraße ihr Atelier oder ihre Wohnung hat, hat mir ihren Stand und ihre Werke gezeigt. Und eine alte Dame hat inzwischen angerufen und sich bei mir erkundigt, wie ich meine Bücher mache und wieviel man dabei verdienen kann.
Bagheria
In Erinnerung an unseren Sizilienurlaub vor einem Jahr hab ich jetzt Dacia Marainis “Bagheria-Eine Kindheit auf Sizilien” gelesen, eines der ein Euro Bücher, das ich mir im November, um Roman Gutschs Geburtstagsgutschein gekauft habe.
Die langjährige Lebensgefährtin Alberto Moravias wurde 1936 in Florenz geboren, ging dann mit ihrer Familie nach Japan, wo sie drei Jahre in japanischen Konzentrationslagern interniert war. 1947 ist sie mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern nach Bagheria, in die Villa Valguarnera, in der ihre Mutter, die einer italienischen Adelsfamilie entstammt, großgeworden ist, zurückgekommen, um dort ihre Kindheit, in einem umgebauten Stall zu verbringen.
Später ist sie mit ihrer Mutter nach Palermo und weil sie Sehnsucht nach ihren Vater hatte, zu diesem nach Rom gegangen, wurde Schriftstellerin, Feministin, Lebensgefährtin Alberto Moravias und ist erst später wieder nach Bagheria zurückgekommen, um über ihre Kindheit in Sizilien zu schreiben.
Und schreibt nicht viel davon, in dem 1993 erschienenen Buch, das in Italien mit zweihundertausend verkauften Exemplaren, ein Überraschungserfolg wurde, wie auf dem Buchrücken steht.
Das Buch beginnt mit der Rückkehr der Familie in die kleine Stadt, die Zeit in Japan, die Schrecken und der Hunger in den Konzentrationslagern wird kurz erwähnt und die amerikanischen Marinesoldaten, die die Elfjährige mit Schokoladeriegeln und rot-weiß gestreiften Zuckerstangen überhäufen. Dann geht es mit einem mageren Pferd von Palermo in die Villa, in der sie der sterbende Großvater, die Großmutter, eine Tante und ein Onkel erwarten.
Zwei Jahre lebt die Familie in dem umgebauten Hühnerstall, bis auf einmal der Vater, zu dem sie eine zärtliche und unverstandene Liebe verbindet, plötzlich verschwindet und die Mutter mit den drei Kindern und einem Schuldenberg überbleibt.
Danach wechselt Dacia Maraini das Thema und erzählt von Büchern, die die Geschichte der Stadt beschreiben, von der wunderschönen Kartause in der Villa Butera und der Enteignung seitens der Gemeinde, um die Mitte der Fünfzigerjahre, wo unter dem Vorwand ein neues Schulgebäude zu erbauen, die grünen Lungen Bagherias zerstört wurden.
Dacia Maraini prangert einen Ingenieur Giammanco an, spricht von der Mafia und erzählt von dem sexuellen Mißbräuchen, denen die Mädchen in Italien damals ausgesetzt waren und die sie erst Jahre später in ihren Frauengruppen erkannten.
Jahre später kommt sie aus Rom, an der Seite einer Freundin in die Villa Valguarnera zu Tante Saretta zurück, die wenig später stirbt und die Villa mit all ihren Schätzen den Jesuiten vermachte. Mit dieser geht sie durch die Räume und denkt an die Familiengeschichte, die sehr kompliziert ist.
Haben dort doch Königinnen übernachtet, die ihre Fensterläden mitbrachten, weil sie gerne in abgedunkelten Zimmern schliefen und das Stuckwappen an der Fassade abschagen ließen, weil sie unter keinem fremden Wappen wohnen wollten.
All das steht in dem Buch, daß Tante Felicita geschrieben hat und dann gibt es noch den Roman über die “Stumme Herzogin” ebenfalls eine Vorfahrin, deren Bild in der Villa hängt, mit dem Dacia Maraini berühmt geworden ist und die Geschichte von der chilenischen Großmutter, die Sängerin werden wollte und ihr Leben lang darunter litt, daß sie diesen Beruf, als Gattin eines Herzogs nicht ausüben durfte und den liberalen Vater, der Ethnologe und Schriftsteller war.
Dacia Maraini erzählt das, während die mit ihrer Freundin durch die Zimmer der Villa geht, um sich zuletzt mit der Tante im Salon zu treffen und sich von einer Frau mit Stöckelschuhen und roten Fingernägeln, die berühmten kleinen Eistörtchen in Blumenform servieren zu lassen.
Dazwischen wird noch die Geschichte der Unterdrückung der sizilianischen Frauen erzählt, die niemals mit einem Mann in einem Zimmer bleiben durften, weil das schon als Aufforderung zur Vergewaltigung verstanden wurde, kurz und flüchtig wird auch der Name Alberto Moravia und die eigene Kinderlosigkeit nach einer Fehlgeburt erwähnt.
Ein interessantes Buch über eine unbekannte, vergangene Welt und einen Teil Siziliens in dem wir nicht gewesen sind.
Dacia Maraini, die als die erste italienische Schriftstellerin gilt, die sich mit Gewalt, Prostitution, Inzest oder lesbische Liebe auf feministische Weise auseinandersetzte, hat, wie ich bei Google nachgesehen hat, sehr viele Bücher geschrieben.
Gelesen hatte ich noch nichts von ihr, ihren Namen aber in den literarischen Sizilienführer, den ich auf die Reise mitgenommen habe, entdeckt.
Stadtfestliteratur
Vom Alltag zu den Festveranstaltungen, die dieses Wochenende besonders reichlich stattgefunden haben. So war das Highlight das Stadtfest der Volkspartei in der Innenstadt und das ist heuer mit einer eigenen Literaturbühne im Schweizerhof abgelaufen.
Das Stadtfest, das im ersten Bezirk auf verschiedenen Bühnen stattfindet, besuche ich ja manchmal, wenn ich am Wochenende in Wien bin. Da gibts immer Musik, politische Diskussionen, Straßengaukler, Stelzengeher und auch immer etwas was verteilt wurde, wie ein Gemüsedrink und Gourmetzelte gibt es auch.
Das habe ich Samstag nur rudimentär mitbekommen, hatte ich ja das Programm der Literaturbühne eingesteckt und das hat für mich ja eine Anziehungskraft. Zwar habe ich vorgehabt, mir auch das andere anzusehen, beispielsweise, wenn Andreas Unterweger aus “Wie im Siebenten” liest, denn den habe ich ja schon im Amerlinghaus gehört und so bin an den Kindern mit den gelben Luftballons und den Windrädern vorbei in den Schweizerhof gegangen, hab mich zuerst auf den Boden gesetzt, bis einer der grauen Hocker frei wurde, mit dem man sich an einen der Tische anlehnen konnte. Thomas Glavinic hat gerade gelesen, bzw. wurde er von Klaus Zeyringer zu den Wienschauplätzen in seinen Büchern interviewt.
“Wien Schreiben” hieß sein Thema und das war interessant, habe ich da erfahren, daß nicht alle Romane des Grazers in Wien spielen. Der “Kameramörder” sowieso nicht, denn der spielt am Neudiedlersee, aber “Wie man leben soll”, in einer fiktiven Provinzstadt und erst die “Arbeit der Nacht” in Wien.
Da rennt der Held Jonas in seiner Panik der letzte Mann der Welt zu sein durch Wien und das kann oder konnte man im Internet nachgehen und “Das bin doch ich” auch. Da hatte ich ja eine Zeitlang den Verdacht, daß der Autor in der Krongasse leben könnte. Obs stimmt weiß ich noch immer nicht, hat Thomas Glavinic doch betont, daß er bei dem vordergründig so biografischen Inhalt bewußt seine Adresse nicht preis gibt und das “Leben der Wünsche” spielt wieder in einer ungenannten Stadt, obwohl der Held ja Jonas, wie der Wiener Stadtläufer heißt.
Danach kam Andreas Unterweger, ich hatte meinen Hocker gefunden und beschloßen das Stadtfest sein zu lassen und mich mit der Literatur im Schweizer Hof zu begnügen und das war ohnehin abwechslungsreich. Zogen doch ständig Reisegruppen mit ihren Führern durch oder betraten die Schatzkammer und in der Kapelle fand eine Taufe oder etwas Ähnliches statt.
Andreas Unterweger las bis auf ein Kapitel dasselbe, wie im Amerlinghaus und hat sein Baby mitgehabt, Friedrich Achleitner war schon zu sehen, Mieze Medusa und Markus Köhle, der als nächstes an die Reihe kam.
Der Moderator von Radio Wien betonte, daß Wien liest mehr mit Wienbüchern am 27. Stadtfest angesagt sei, fragte das Publikim, ob es wegen der Literatur gekommen sei und Markus Köhle stellte “Dorfdefektmutanten”, einen Heimatroman vor, der allerdings in Tirol spielt und von einem Hausmeister in einem Raststadl handelt. Dazwischen gab es einen Literaturquiz, wo man ein Erfrischungstüchlein der ÖBB gewinnen konnte und auch ein bißchen Poetryslam. Genau, wie bei Mieze Medusa, die gemeinsam mit Jan Kossdorff unter dem Titel “Donauweiber und Sunnyboys” als nächstes an die Reihe kam und das war ein bißchen seltsam. Stellte der Moderator doch beide als die Herausgeber des Erzählbandes “How I fucked Jamal” vor und Mieze Medusa, die das korrigierte, deutete ihre Freude an, sozusagen als halbe Alibifrau beim Stadtfest auserkoren zu sein. Warum sie ihr “Freischnorcheln” gemeinsam im Duett mit den Sunnyboys” präsentierte, ist nicht klar, wenn es ein Zeitproblem gewesen wäre, hätte ein Duett Poetry Slam mit Markus Köhle ja viel besser gepasst.
Beide Bücher habe ich schon von den erotischen Nächten bei “Rund um die Burg” gekannt. Dann wurde es immer voller und eine beherzte junge Frau schob den Tisch weg, um sich mit ihrer Familie draufzusetzen, so daß das Sitzen auf dem Hocker ein wenig schwierig wurde.
Ich blieb trotzdem, danach kam Friedrich Achleitner, der am Sonntag glaube ich seinen achtzigsten Geburtstag feierte und daher letzte Woche viel in Ö1 zu hören war und seine Texte sind sehr interessant. Hat das Mitglied der Wiener Gruppe eine sehr realistische konkrete Sprache mit einer feiner Ironie und das war in den vorgelesenen Wien Bildern gut zu spüren. Es ging immer wieder um Leberkäsesemmeln, obwohl die Spenderleber ja erst beim Star des Abends Wolf Haas angekündigt war. Da sollte es um Backhendl und um Klachlsuppe gehen. Wolf Haas las den Beginn von “Komm süßer Tod” in Verbindung mit der Spenderleber, danach den von “Silentium” da gings um Bier und Salzstangerln”, Wien ist auch nicht das große Thema und am Schluß “Der Brenner und der liebe Gott”. Wolf Haas erzählte zwischendurch sehr launig von den Fehlern in seinen Büchern und dem Songcontest, da hatte er ein Autogramm der Gewinnerin im Buch und zeigte es her.
Dann wurden Leberkäsesemmeln verteilt und es war ein intensives Detail des Wiener Stadtfestes, das interessanterweise von einer Grazer Agentur organisiert worden war, obwohl ich das Meiste außer Markus Köhles Roman schon gekannt habe und wieder merken konnte, welche Wirkung, die total stilisierte Sprache von Wolf Haas hat, die ja eigentlich blöd ist, denn ein Primar schaut nie wie ein Baby aus, die Leute lachen aber.
Danach traf ich den Alfred am Naschmarkt, wo im Rahmen der Wiener Festwochen eine lange Nacht im Paradiesgarten mit vielen Konzerten und einer anschließenden Reinigungsperformance mit gemeinsamen Frühstück stattfand.
Aber da brummte schon der Kopf von den vielen Veranstaltungen, so daß ich nur einen Gspritzten getrunken habe und länger die Gruppe “Ret Marut”, des ersten Punkbandgründers der DDR und etwas kürzer Ernst Molden auf der Bühne Fisch gehört habe, der am Vormittag im Klassik Treffpunkt angekündigt war.
Das alltägliche Leben
Am Freitag gabs im Amerlinghaus die erste öffentliche Vorstellung des Literaturgeflüsters bei dem von Ilse Kilic organisierten ersten Teil des “Alltäglichen Leben”.
Blogartikel hab ich ja schon öfter vorgelesen, bei den Osterspaziergängen beispielsweise und auch ein paar Mal den “Tintentraum”, aber der Blog als Thema war Premiere, noch dazu in einer Veranstaltung, die sich “Das alltägliche Leben” nennt. Denn ich würde ich ja behaupten, daß das Literaturgeflüster genausowenig mit Alltag zu tun, als meine Texte mit dem Untergrund oder der Subkultur oder doch vielleicht, weil ich ja viel über Randgruppen und Außenseiter schreibe und das Literaturgeflüster ist Alltag, weil ich es fast täglich betreibe und mir sehr wichtig ist.
“Das alltägliche Leben” ist eine Veranstaltung in zwei Teilen, im zweiten Teil im September, wird unter anderen Ruth Aspöck ihr Tagebuchprojekt vorstellen, die am Freitag mit wahrscheinlich vielen anderen Frauen bei der großen Festveranstaltung im Rathaus zu fünfunddreißig Jahre AUF war. Vielleicht ist Ruth Klüger deshalb nach Wien gekommen, die ich am Donnerstag mit Eva Geber bei den Wiener Vorlesungen im Rathaus gesehen habe?
Robert Eglhofer hat aber seine Besuche bei der langen Nacht der Kirchen unterbrochen und sich “Das alltägliche Leben” angehört, aber ich habe auch sehr viel von der Sommerfrische und dem literarischen Leben in St. Pölten gelesen. Es war recht gut besucht. Hat Ilse Kilic ja einen großen Freundeskreis und außerdem ihren zweiundfünfzigsten Geburtstag gefeiert.
So habe ich Günter Vallaster, Nikolaus Scheibner, Rudi Lasselsberger aber auch Thomas Havlik, Andreas Renoldner, Thomas Northoff und Susanne Schneider im Publikum gesehen und Rolf Schwendter hat seine Alltagsbetrachtung mit den Ritualen des Lebens wie “waschen, essen, pinkeln, Zähne putzen, Freunde besuchen…” und Zitaten aus dem Buch “Tag für Tag” verbunden. Dann ist schon mein Literaturalltag gekommen. Eine Seite Einleitung habe ich dazu geschrieben und mir Donnerstag die neuesten statistischen Daten herausgesucht.
426 Artikel, 293 Kommentare, über 30.000 Besucher und die “Sommerfrische”, die “Spurensuche” und ein paar der lustigsten Kommentare der “Poet Night” vorgelesen, geendet habe ich mit dem Mail von Konstantin Kaiser zum “Theodor Kramer Preis” und Ilse Kilic zum Geburtstag gratuliert. Weil das auch zum “Alltäglichen Leben” gehört und zum Schluß gabs noch ein Geburtstagsständchen von einer Babsi und einem Andi, die ein Lied von einem Sänger vortrugen, der wie Ilse Kilic erzählte, für sie am Besten das Unglück und den Widerstand dieser Welt vereint.
Vorher hat der experimentelle Autor Wolfgang Helmhart seine Alltagsrituale in einem Endlosmonolog von “sie sagt er sagte sie hätte gesagt” vorgetragen und Ilse Kilic ihren “Sieben Tage” – Bildtext, von dem es inzwischen auch ein Hörbuch gibt, in dem sie sich mit ihrer Atterseeüberschwimmung und ihrer Krebsdiagnose auseinandersetzt.
Interessant was das alltägliche Leben so anzubieten hat und eigentlich ist auch das experimentelle Schreiben Alltag.
Nachher sind wir noch lang im Hof des Amerlinghauses gesessen, haben getrunken, gegessen, geplaudert. Geraucht wurde auch sehr viel, was ebenfalls Alltag ist und Ilse Kilic hat schon viele interessante Literaturveranstaltungen im Amerlinghaus gemacht. Ein neues Büchlein hab ich auch bekommen, nämlich “das bin ich nicht. das bin nicht ich” von Ilse und Fritz, das mir Fritz Widhalm schenkte, in dem, wie ich gerade sah, auch viel Alltägliches abgebildet ist.
Literaturalltag
Gestern war ich mit Alfred im Odeon Theater in dem schönen alten Renaissancestilhaus in dem früher eine Getreidebörse war und jetzt die Literatur im Herbst Veranstaltungen stattfinden. Dreißig Jahre GAV wurde dort, glaube ich, auch gefeiert. Gestern gab es “School of Night” eine Tanzveranstaltung des Serapions Ensembles unter der Leitung von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits bei der sehr viele Kubaner und Südamerikaner mitwirkten.
Vorher habe ich an meinen Texten korrigiert. “Heimsuchung” ist druckereifertig. Bei “Mimis Bücher” gibts noch ein paar Fehler, bevor es der Alfred zur Satzgestaltung bekommt und die Namen, der zum Lesen in Klagenfurt Auserwählten, gibts unter www. bachmannpreis.at auch zu sehen.
Drei Österreicher sind darunter, von denen ich Verena Rossbacher, die am Leipziger Literaturinstiut studierte, bisher für eine Deutsche hielt. Die Männer sind Thomas Ballhausen, bei dem ich bezüglich Milena Verlag ein Vorurteil hab und der mir, als er 2006 den Priessnitz-Preis bekam, nicht so besonders aufgefallen ist und Josef Kleindienst, von dem es ein Bild im Schmiedemuseum gibt, man sonst aber, wenn man bei google sucht, hauptsächlich Infos über den ehemaligen F Polizei Gewerkschafter findet.
Von den anderen ist mir nur die deutsche ebenfalls in Leipzig studierende Judith Zander bekannt, weil sie Texte im Wespennest und Manuskripten hat und könnte nach dem Bekanntheitsgrad also nur auf Verena Rossbacher als Gewinnerin tippen. Hätte bekanntlich ganz andere Autoren vorgeschlagen und werde das Preisgeschehen sicher interessiert verfolgen.
Ob daraus wieder eine Parodie entsteht, wird sich zeigen, die bereits vorhandene, werde ich mit der “Heimsuchung” an Gustav Ernst schicken, vielleicht kann er sie für “Kolik” brauchen.
Ansonsten habe ich gestern Texte vom Zettelpoeten Helmut Seethaler bekommen, der mir gelegentlich etwas schickt und wegen einer seiner Aktionen im Museumsquartier eine bedingte Verurteilung bekommen hat. Bei facebook gibt es eine schöne Seite, wo man diesen Teil der Literaturgeschichte ausführlich nachlesen kann.
Die Coveridee für “Mimis Büchers” gibt es inzwischen auch. Da habe ich ja an eine Collage aus den Schokoladenschleifen gedacht, da steht aber “Ohrenschmaus” statt “Zungenkuß” darauf. Dann gedacht mir von der Anna ein schematisiertes Frauengesicht mit einem Buch vor der Nase zeichnen zu lassen, den Otto ersucht, ob er nicht jemanden aus seinen Malgruppen fragen kann, bis mir eingefallen ist, daß ich mir das “Ohrenschmaus”-Prospekt selber vor die Nase halten kann. Der Alfred fotografierts. Ich schreibe “Mimis Bücher” drauf, druck es aus, wickle es um ein Buch und knall es mir nochmals vor die Nase.
Heute morgen gabs im Rahmen der Bezirksfestwochen Mariahilf ein Frühstück mit kulinarischen Köstlichkeiten und dem Bericht der Bezirksvorsteherin über bevorstehende Bezirksaktivitäten. Da bin ich neben einer Mimi ohne Downsyndrom gesessen, die mir erzählte, welche Festwochenaktivitäten sie besuchen wird, während sie ihre Medikamente eingekommen hat. Ein Gespräch mit Elisabeth Zoumboulakis-Rottenberg gab es auch.
Nachher hatte ich Mails von Frans und Hannah zu beantworten, Frans den holländischen Freund, den ich kenne, seit ich mit zwanzig nach meiner Matura, mein erstes Work Camp im psychiatrischen Krankenhaus Westpark Hospital, Epsom, England, machte und der mich eigentlich zur Blogvorstellung im “Alltäglichen Leben” besuchen wollte und ein Verehrer des Literaturgeflüsters, nämlich Stephan Eibl-Erzberg hat sich auch gemeldet und mir ein aufbauendes Mail geschickt.
Heute gibts noch eine Diagnostik und am Abend eine Wiener Vorlesung zum Thema “Was Sie schon immer über Autismus wissen wollten: Von Asperger bis zukünftige Entwicklungen”, was ja meinen anderen Identitäsanteil betrifft.
Vielleicht wirds trotzdem literarisch, hat mir Ruth Aspöck, als sie mich vorigen Mittwoch besuchte, um gemeinsam nach St. Pölten zu fahren, ja erzählt, daß sie gerade von einem Emmigrantenstammtisch zurückgekommen ist, wo besprochen wurde, eine eventuelle NS-Vergangenheit zu outen.
Das Protokoll
Das Protokoll” ist der Debutroman des Nobelpreisträgers Jean Marie Gustave Le Clezio mit dem er 1963 den Prix Renaudot bekommen hat. Ich habe die 1987 erschienene DDR Ausgabe gelesen, dem ein Vorwort oder Brief des Verfassers vorangestellt ist, in dem der sehr ergebene J.M.G. Le Clezio berichtet, daß er zwei geheime Ambitionen hat. Erstens wollte er einen Roman schreiben, in dem er, nachdem der Held im letzten Kapitel stirbt oder wenigstens die Parkinsonsche Krankheit bekommt, eine Flut von anonymen Schmähbriefen erhält und dann einen in der großen Conan Doyle Nachfolge. Er entschuldigt sich für die Unrichtigkeiten und Tippfehler und die Geschichte des jungen Adam Pollo, der sich in ein verlassenes Haus am Meer einquartiert und nicht recht weiß, ob er vom Militär oder vom Irrenhaus kommt, sich später aber postlagernde Briefe von seiner Mutter holt, die davon schreibt, daß er das Elternhaus nach einem Streit mit dem Vater wegen einer zerbrochenen blauen Schüssel verlassen hat, beginnt.
Er hat die bügerliche Existenz jedenfalls verlassen, besetzt das Haus, geht am Strand spazieren, beschreibt ein gelbes Heft mit Briefen an eine Michele, mit der er sich auch trifft und die ihn mit Geld und Zeitungen versorgt.
Sonst hat er seltsame Erlebnisse mit Hunden und Ratten, die er erschlägt und kauft bei Zoobesuchen Bananen von einer zahnlosen alten Frau, die er selber ißt, statt sie, wie vorgesehen an die Affen zu verfüttern.
Er hält ihr und allen anderen, die er trifft Monologe und stellt philosophische Fragen nach dem Sinn der Welt, als wäre er ziemlich unversehens in sie hineingeworfen worden, andererseits vertritt er wieder relativ chauvinistische Ansichten und unterhält sich mit Michele darüber, ob er sie vergewaltigt hat oder nicht?
Er streunt herum, betrinkt sich, weil er keinen Rotwein verträgt, zerstreitet sich mit Michele und flieht vor der Polizei um dann, wie man in einer dem Buch eingefügten Zeitungsseite lesen kann, als Geistesgestörter aufgegiffen und in Irrenhaus gebracht zu werden.
Der Roman nouveau, wie man das, glaube ich, nennt, besteht überhaupt aus unterschiedlichen Textgattungen, so gibt es chemische Formeln, Tabellen, Unterstreichungen und Durchgestrichenes und am Ende blüht Adam, wie in der DDR Beschreibung steht, im Irrenhaus auf, das er als Ort der Gebogenheit und des friedlichen Einvernehmens erkennt.
In Wahrheit wird er von einer weißgekleideten Schwester angehalten, sein Bett zu machen und den Boden zu kehren und unterhält sich während der Visite mit den Studenten über den Sinn des Lebens, während er auf der letzten Seite, wie schon von Le Clezio angekündigt, dahindämmernd das Schlimmste zu erwarten hat.
So weit der Debutroman des späteren Nobelpreisträgers und damals Dreiundzwanzigjährigen, der Literatur studierte und Lektor war, mit dem Buch, wie beschrieben über die Grenzen Frankreichs berühmt wurde, obwohl ich den Namen vor 2008 nicht kannte und es damals auf Deutsch nur einen einzigen Roman gegeben hat.
Beim Lesen ist es mir ein bißchen seltsam gegangen. Gestern habe ich den Stil sehr deprimierend und distanziert gefunden, so ähnlich, wie “Warten auf Godot”, das Erzählen des dumpen Toren von der Unwirklichkeit der Welt. Später ist es verständlicher geworden und es ist natürlich toll, daß einem mit dem ersten Roman gleich der große Wurf gelingt und noch toller, wenn später der Nobelpreis kommt, obwohl ich nicht sehr sicher bin, ob sehr viel Leser den Namen kennen und gestern bei einem Gewinnspiel einer Bücherbloggerin mitgemacht habe, die drei Nicholas Sparks Romane verlost und verlangt, daß man seinen Lieblingsautor nennt. Hundertdreißig Kommentare hat sie inzwischen bekommen. Kerstin Gier, Joanne Rowling, Sebastian Fitzek, Nicholas Sparks, ect. waren die genannten Namen, Jean Marie Gustave Le Clezio war, glaube ich, nicht dabei.
Im Westen nichts Neues
Erich Maria Remarques 1929 erschienener Roman “Im Westen nichts Neues” soll, wie im Vorwort steht “weder Anklage noch Bekenntnis sein, sondern den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.”
Und ist die Geschichte einiger Neunzehnjähriger, die sich, weil ihnen der Klassenlehrer Kantorek in den Turnstunden so lange Vorträge hielt, geschlossen beim Bezirkskommando zum Kriegsdienst meldeten.
Da sitzen sie nun nach der Essensfassung auf ihrem Luxusklo, den aus Holz getischlerten Einzelkästen, die an den Seitenflächen Handgriffe haben, so daß man sie bequem zusammenstellen und auf dem Deckel eines Margarinefasses Skat spielen kann: der kleine Albert Kropp, der am klarsten denkt und deshalb erst Gefreiter ist, Müller V, der Schulbücher mit sich herumschleppt und vom Notexamen träumt, Leer mit dem Vollbart und der großen Vorliebe für Mädchen aus dem Offizierspuff und der Ich-Erzähler Paul Bäumer, in dessen Heimatschreibtischlade angefangene Dramen und Gedichte liegen, die es auch nicht immer so gut haben und ihren vollen Magen nur dem Umstand verdanken, daß statt der erwarteten hundertfünfzig Mann nur achtzig vom Angriff zurückkamen und einer von Lehrer Kantoreks eisernen Helden stirbt auch im Lazarett, während Müller seine Stiefel bekommt, die später auf Paul Bäumer übergehen, denn von den von Remarque beschriebenen Soldaten, kommt keiner zurück.
Es hätte sie auch, wie wir heute wissen, keine besonders rosige Zukunft erwartet, die jungen Männer, die fast noch Kinder waren oder auch nicht, wurden sie doch, bevor sie an die Front nach Frankreich kamen, vom ehemaligen Briefträger Himmelstoß schikaniert und gedrillt, so daß sie ihr Kindsein verlernten und alle kleinen Männer hassten, weil von denen die Gewalt und die Dummheit ausgeht und hanteln sich nun heldenhaft durch den Krieg, ohne aufzubegehren und zu desertieren, vorläufig jedenfalls.
Liegen im Schützengraben, kämpfen mit den Ratten, stehlen Gänse, braten Ferkeln, um sich zu überlegen, ob es besser oder schlechter ist, sich vor dem Angriff den Bauch vollzustopfen, weil man damit zwar satt, der Bauchschuß nachher aber fürchterlich ist. Träumen von weißgekleideten Mädchen auf vergessenen Theaterplakaten, schwimmen in der Nacht mit Brot im Gepäck zu französischen Frauen, die sie “pauvres garcons” nennen, gehen auf Heimaturlaub, werden verwundet und trauen sich im Lazarettzug mit ihren Läusen und den verschmutzen Uniformen nicht sich in die saubere weiße Bettwäsche zu legen.
Trotzdem ist das Lazarett kein Honiglecken, gerät man dort doch den Stabsärzten in die Hände, die sehr schnell amputieren und genauso schnell wieder tauglich schreiben, weil man auf der Front nicht viel laufen muß. Sie hanteln sich ahnungslos und doch unendlich weise durch die Schlachten, die jungen Männer, die nur sich und ihre Freundschaft haben, weil sie ja in einem Alter sind, wo die Beziehung zu den Müttern schwächer wird, die zu den Frauen noch nicht stark genug sind.
Kommt der Kaiser auf Besuch, bekommen sie schöne Uniformen, die ihnen später wieder weggenommen werden und im Gespräch kommen sie darauf, daß es den jungen Franzosen und den jungen Russen auch nicht anders geht und man ihnen in der Schule wahrscheinlich das Gleiche eingeredet hat.
So vergeht die Zeit und der Herbst 1918 kommt heran, in dem sich Paul, der inzwischen der letzte seiner Klasse ist, nach dem Waffenstillstand und etwas Ruhe sehnt. Der soll bald kommen, dann wird er zu seiner Mutter, wenn sie noch nicht am Krebs verstorben ist, seiner Schwester und seinem Vater nach Hause fahren und überlegt, was dann werden soll, weil er sich ja wurzellos fühlt und keine Ziele mehr hat?
Die Antwort auf diese Frage braucht er nicht mehr “fiel er doch im Oktober 1918 an einem Tag, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden…”
Ein Entwicklungsroman wie “Crazy” oder “Paradiso” und doch ganz anders.
Erich Maria Remarque wurde 1898 in Osnabrück geboren und ist 1970 in Locarno gestorben.
“Im Westen nichts Neues”, gilt als Antikriegsroman und eine der besten Beschreibungen des ersten Weltkrieges. Ich kann mich erinnern, daß der Dichter Wilhelm Szabo, den ich bei unseren Arbeitskreistreffen in den Siebzigerjahren öfter traf, mir das Buch aus diesem Grund empfohlen hat.
“Arc de Triomphe” und “Der Funke Leben”, die die Gräuel des zweiten Weltkriegs beschreiben, habe ich schon früher gelesen.
Pfingstbericht
Diese Woche habe ich einige Mails und Kommentare von Autorenkollegen bekommen. So hat O. P. Zier freundlicherweise die Verlagsvorschau des Residenzverlags zu meinem 31 Bücher Artikel gestellt. Rudi Lasselsberger wollte von mir wissen, wie ich zu Blog und Homepage gekommen bin und Stephan Eibel Erzberg hat mein Geflüster über seine Lyrikbände gelesen.
Es ist ja immer interessant Rückmeldung auf die Berichte zu bekommen, weil sie meine Sicht erweitern, so hat Ruth Aspöck ihre Eindrucke von der St. Pöltner Jubläumslesung gegeben und Konstantin Kaiser hat mich per Mail eine konsequente Diariumschreiberin genannt.
Das ist es, denke ich und davon werde ich am Freitag im Amerlinghaus beim “Alltäglichen Leben” berichten, um noch einmal alle Interessierten zur ersten öffentlichen Vorstellung des Literaturgeflüsters am 28. 5. um 20 Uhr in der Stiftgasse 8, 1070 Wien einzuladen.
Aber erst scheint mich ein verregnetes Pfingsten zu erwarten, das wir wieder in Harland verbringen. Da fahren wir ja meistens mit dem Rad nach Nussdorf an der Traisen, wo es im Schloßhof ein schönes Pfingstfest mit einer Weinverkostung gibt. Auch sonst habe ich einige schöne Pfingsterinnerungen, wenn sie auch nicht unbedingt literarisch waren. Die ersten Kindheitserinnerungen habe ich an einen Strauß Pfingstrosen aus dem Garten am Almweg Nummer fünf und als ich noch Studentin oder schon junge Psychologin war, bin ich einige Jahre mit Herrn Lembacher, Hansi Berger und dem Club logischer Denker zum Pfingsttreffen nach St. Gallen in die Steiermark gefahren, wo sich eine meiner ersten Lieben entwickelte.
Dann kam der Alfred und wir sind, als ich noch in der HNO-Klinik arbeitete, auf den Hochschwab gewandert, das war mein erster Hochschwab Besuch mit einer vier Tagestour mit Hütten und Wege, die wir seither nicht mehr besuchten und gegangen sind und über das alte Schiestlhaus habe ich mich schon damals gewundert.
Ein zweites Mal wollten wir zu Pfingsten auf den Hochschwab, als in Mürzzuschlag gerade das Fest für Friederike Mayröcker war. Da hat mich der Alfred von dort abgeholt. Ich kann mich erinnern, daß Gerald Bisinger mit seiner Frau auf der Mürzzuschlager Hauptstraße war, als er gekommen ist. Weil es sehr geregnet hat, haben wir auf den Göller umdisponiert und sind dann überhaupt gleich nach Harland gefahren.
2006 war der Alfred mit dem Karl unterwegs und in Wien das große Ingeborg Bachmannsymposium mit einem geführten Stadtspaziergang und der Ausstellung im Palais Palfy, wo zu ihrem achtzigsten Geburtstag, das jetzt erschienene Tagebuch “Schreiben gegen den Krieg” schon vorgestellt wurde. Daran habe ich auch sehr schöne Erinnerungen an schöne Gespräche, am Nachmittag bin ich ein bißchen im Wienerwald herumgewandert, mit dem Bus auf den Kahlenberg gefahren und den Leopoldsberg nach Nussdorf in Wien hinuntergewandert. Letztes Jahr waren wir in Sizilien und sind erst am Pfingstmontag zurückgekommen.
Jetzt sind wir wieder in Harland, ich habe mir als Lektüre etwas sehr Ates und Berühmtes, nämlich “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque vorgenommen und gestern einen Besuch von Elisabeth Pratscher von leselustfrust gehabt, die mir freundlicherweise “Die Bücherdiebin” vorbeibrachte, damit ich sie mir nicht aus dem Bücherschrank ergattern muß. Das ist ein sehr dickes Buch, an dem ich vermutlich ähnlich lang, wie an den “Wohlgesinnten” oder dem “Turm” kiefeln werde und am offenen Bücherschrank hängen jetzt zwei große Zetteln mit einer Mahnung an einen weißhaarigen älteren Herrn, der die Bücher gleich stapelweise entfernt haben soll.
Das hat bei mir, die ich Büchern auch nur schwer widerstehen kann, ein ungutes Gefühl ausgelöst, weil die weißhaarigen alten Herren, die sie stapelweise nach Hause schleppen, vielleicht eine verstopfte Wohnung haben, aber sicher zu den sozial Schwachen gehören und vielleicht sehr einsam sind. Wenn sie die Bücher lesen und sich darüber freuen, können sie, die von mir gebrachten gerne haben, denke ich und ansonsten wäre ein Zettel mit “Bitte nicht mehr als drei Bücher auf einmal und auch einmal etwas bringen!”, ein freundlicherer Hinweis auf klare Regeln, an die man sich halten soll.
Da ist “Die Bücherdiebin”, die laut Frau Pratscher gar keine ist, vielleicht ein passendes Buch zum Thema Bücherliebe, ich bin gespannt und habe am verlängerten Wochenende noch einiges zu korrigieren und zwei Bücher mit denen ich fertigwerden will.
Ansonsten habe ich mir gerade auf der Seite www.bachmannpreis.at die Namen der Stipenditaten des heurigen Literaturkurses angeschaut. Es sind wieder nur neun, darunter sieben Deutsche und zwei Schweizer, was ich schon ein bißchen seltsam finde, daß nur eine in Berlin lebende, in Lepzig studierende und als Deutsche geführte Österreicherin darunter ist, da ich auf Anhieb einige Namen unter Fünfunddreißigjähriger nennen könnte, man bräuchte da ja nur zu den von Angelika Reitzer organisierten Textvorstellungen gehen und schon hat man was man braucht. Beim Lehrgang für Sprachkunst studieren auch einige Talente. Vielleicht sollte man Ferdinand Schmatz empfehlen hinzugehen, bei der Akademie ist er, glaube ich, sowieso beschäftigt. Cornelia Travinicek hat schon vor zwei Wochen geschrieben, daß sie schon wieder nicht genommen wurde.




