W.G. Sebald, der Name ist mir ein Begriff, auch wenn ich nicht genau weiß, woher.
Wirklich gelesen habe ich von dem 2001 verstorbenen Autor nicht viel.
Aber ich tippe mal auf Anthologien, vielleicht auf die, die man früher in Deutschland zum Welttag des Buches (der sich wieder jährt) bekommen hat oder auch von den Hörbuchproben, er könnte auch einmal bei einer “Literatur im März” Veranstaltung gewesen sein.
Ich habe mir jedenfalls im Literaturhausprogramm die Veranstaltung angestrichen.
“Film/Lesung/Gespräch” und es war eine Offenbarung.
Eine Begegnung mit dem Dichter des Todes, der von diesem Thema besessen war und gern Friedhöfe besucht hat. Wenn das nicht passt!
Thomas Honickel hat einen Film darüber gemacht “Sebald. Orte”, der zum ersten Mal in Österreich gezeigt wurde. Clemens J. Setz hat aus “Schwindel.Gefühle” gelesen und Bonmots eines jungen Dichters von sich gegeben, der sein zweites, sehr dickes Buch, vor ein paar Wochen im Literaturhaus vorgestellt hat. Dann gab es noch ein Podiumsgespräch mit den beiden und mit Marcel Atze von der Wien-Bibliothek, das Günther Eisenhuber vom Residenz-Verlag geleitet hat.
Ich habe viel erfahren. Denn eigentlich habe ich von dem 1944 in Allgäu geborenen Dichter, der fünfunddreißig Jahre in England gelebt hat, Literaturwissenschaftler war und in den letzten zehn Jahren vor seinem Tod literarisch sehr bekannt geworden ist, nicht viel gewußt.
Mit “Germanistenprosa” wurde er beschimpft, war umstritten, hat sich offenbar sein ganzes Leben mit dem Schuldgefühl, 1944 in Deutschland geboren, glücklich aufgewachsen und erst zwanzig Jahre später begriffen zu haben, daß der Vater Nazi war, herumgeschlagen. (Darüber habe ich auch im “Haus” geschrieben und heute wieder korrigiert.)
W.G. Sebald hat es intensiver getan. Am intensivsten wahrscheinlich mit dem Roman “Austerlitz”, der sich mit der Suche nach der Erinnerung beschäftigt, aber auch in den anderen Büchern. Da sucht einer nach dem Sinn des Lebens und kommt darauf, es gibt ihn nicht. Und eigentlich schreibt er von sich selbst.
In dem Stück das Clemens J. Setz aus “Schwindel.Gefühle” gelesen hat, geht es um zehn Tage in Wien, in denen der Autor oder Ich-Erzähler, Marcel Atze erklärte, in diesem Fall ist es dasselbe, den ganzen Tag spazieren geht, in der Leopold- Inneren- und Josefstadt und sich nur in Cafes aufhält aber nicht mit der Straßenbahn zu fahren traut und das so intensiv betreibt, bis ihm die Schuhe in Fetzen von den Füßen fallen und ihm der Hotelportier seltsam nachschaut, dann fährt er nach Klosterneuburg und geht mit Ernst Herbeck in Kritzendorf spazieren.
Es geht um Spiegelungen und Verschlüsselungen und permanente Begegnungen mit schon Toten, die wichtige Hinweise geben, die man nur erkennen kann, wenn man sich intensiv mit dem Werk beschäftigt.
So fährt der Erzähler von Austerlitz z.B. mit dem Bus nach Theresienstadt, um dort Hinweise über seine Mutter zu bekommen und sieht im Bus Casanova, der vor einer schwarzen Wand einen seiner Romane schreibt, was dann ein Hinweis auf Auschwitz ist.
Clemens J. Setz hat auch ein erlebtes oder gut erfundenes Spiegelerlebnis gebracht. Er fährt im Zug nach Wien ins Literaturhaus und hört eine Sebald CD, dann steigt er um in Bruck und sieht einen Mann, der genau wie der tote Dichter aussieht und als er sich umdreht, ist er verschwunden.
“Natürlich glaube ich nicht, daß das der Geist W.G. Sebalds war!”
Und ich beschäftige mich in meinem Wirtschaftsroman ja auch gerade mit solchen Spiegelungen. So könnte Franka Stein auch eine Friedhofsgeherin sein.
Es war also ein sehr interessanter Abend, der einem Dichter gewidmet war, der, wie Robert Huez in seiner Einleitung erwähnte, in Österreich noch nicht so rezipiert wird.
Nachher gab es Wein und ein interessantes Gespräch mit der Bibiane und Sascha Manowicz, den ich fragte, ob er nicht beim Begräbnis war oder ich ihn übersehen habe?
Er hat nichts davon gewußt, hat er mir geantwortet. Dabei war es im Standard und die GAV hat die Parten ausgemailt.
Author: jancak
Gerstl-Begräbnis
Obwohl ich jedem erzählt habe, daß ich nicht auf das Begäbnis gehe, weil ich Stunden habe und am Nachmittag auch die zweite Vorbesprechung für die Margaretner Kunst-und Kulturmesse “ART-Margareten” stattfindet, habe ich heute Vormittag kurzfristig umdisponiert, zwei Stunden verschoben, auf die Sitzung verzichtet und bin in Richtung Zentralfriedhof aufgebrochen.
Das heißt, vorher habe ich noch eine Szene meines Wirtschaftsromanes geschrieben, die 3. Felix Baum Szene ist es, glaube ich. Und ich weiß schon wieder etwas weiter.
Leider hatte ich nur ein Notizbuch aber keinen Kugelschreiber in der Tasche (weil die erst beim Taschner war und daher ausgeräumt), das heißt, ich muß mir jetzt noch was aufschreiben, damit es nicht verloren geht.
Denn ich will den ausrangierten Postbeamten mit Valerie auf eine Reise gehen lassen und Sophie Hunger findet am Donaukanal zwei Leidensgenossen nämlich Franka Stein und Karl Lackner, die sie fortan begleiten und für das ganze will ich mir diesmal wirklich viel Zeit lassen, damit etwas Neues entstehen kann.
Denn Ungeduld ist meine Schwäche und etwas woran ich noch arbeiten kann.
Das Thema Schreibblockaden scheint auf den Blogs ohnehin das große Thema, denn ich habe in den letzten Tagen zwei Artikel gefunden, einer von einer Siebzehnjährigen und deren Ratschläge zielen auch in die Natur und raten zum Spazierengehen.
Aber ich wollte über das Begräbnis schreiben. Ein langer Weg auf den Zentralfriedhof und dann noch lang in die Halle habe ich gedacht, weil das beim Pataki-Begräbnis und dem der Valerie auch so war, daß man vom zweiten Tor endlos zu der Halle gegangen ist.
Die Halle 2 war aber viel näher und so war ich früh daran, konnte mich ins Kondolenzbuch eintragen und habe auch einen Platz bekommen.
Viele Bekannte, die meisten schwarz gekleidet, ich bin bei dem hellen Leiberl geblieben, weil erstens nicht katholisch, zweitens nicht verwandt und so besonders befreundet waren wir auch nicht.
Rolf Schwendter hat für die GAV gesprochen, Elfriede Jelinek eine Rede geschickt, Renald Deppe hat die Musik gemacht, viele Gedichte und berührende Worte der Tochter, die erzählte, daß sie sich mit ihrer Mutter erst in der letzte Woche besonders verbunden und nahe gefühlt hat. Die Enkelkinder haben sich über die vielen Anwesenden gefreut, weil das die Oma gewollt hätte.
Franz Schuh wies auf die Armut der Fünfziger- und Sechzigerjahre hin, die auch ein Ehrenbegräbnis nicht wettmachen kann.
Es gibt da ja die Geschichte von der Wohnung die nicht heizbar war und dem Beamten, der meinte, daß kein Anspruch auf eine Gemeindewohnung besteht, weil man ja auch im Park oder im Cafehaus schreiben kann, worauf sie nach Berlin gegangen ist.
Kurt Neumann hat Gedichte gelesen und Herbert J. Wimmer, dann ging es mit Elfriede Haslehner und Mechthild Podzeit-Lütjen vorbei am Grab der Heidi Pataki zu der Beerdigung.
Ich glaube, das war ziemlich genau vor drei Jahren, daß dieses Begräbnis gewesen ist. Als ich alle Hände gedrückt hatte, bin ich wieder zum Grab der Valerie gegangen, denn die liegt ja im Ehrengrab ihres Mannes und das ist genau neben dem von Hermann Schürer. Ob das Wilhelm Szabo freuen würde?
Eine Frau fragte,”Wer wird denn hier begraben?”
“Aha, die Dichterin, das habe ich schon gehört.”
Als ich das letzte Mal da war, haben einige Reporter oder Amerikaner das Falco-Grab gefilmt.
Das war der Abschied von der kleinen leichten Dame, die wie ich hörte, am Schluß nichts mehr essen konnte und ein Baum werden will.
schöner tot sein
ein baum werden
vögel zu gast haben
das wär was
worauf man sich freuen könnte
aus “Mein papierener Garten”, Gedichte und Denkkrümel, das ich bei Judith Gruber-Rizys Frauentagslesung Mütter und Tochter vorigen Jahr wahrscheinlich gegen “Und Trotzdem” mit ihr getauscht habe, aber leider bisher noch nicht dazu gekommen bin, es zu lesen. Denn die ganzen Gedichte, die sich mit dem Tod beschäftigen sind darin enthalten. Das obige, das auch auf den Partenzettel abgedruckte, 2005 geschriebene, aber auch “schöner sterben”, und
“es wird licht, es wird Ostern”
…ich glaube fest daran
daß es auch april wird
auch wenn ich nicht mehr da bin….
2003 geschrieben, wenn ich das früher gewußt hätte, es hätte noch besser zum Osterspaziergang gepasst.
Scardanelli
“Mit Unterthänigkeit, Scardanelli!”, soll Friedrich Hölderlin seine letzten Briefe unterzeichnet haben. So steht es im Alte Schmiede-Programm und so hat es heute dort eine Frau einer anderen erklärt. Und Marcel Beyer hat sein Eröffnungsreferat immer wieder mit den Sätzen “Wenn ich Scardanelli lese, dann denke ich an …!” eingeleitet. Ich hatte um sechs Uhr eine Stunde. Um sieben stellte in der alten Schmiede Friederike Mayröcker ihren neuen Gedichtband vor. Und ich wußte, das heißt, daß ich, wenn ich die zwei Stationen mit einmal umsteigen mit der U-Bahn fahre und fünf oder zehn Minuten verspätet hinkomme, irgendwo eingepfercht unter Menschenmassen am Gang stehe und nichts sehen werde.
So war es bei der Saisoneröffnung 2007, würde ich einmal schätzen, da ist es mir ähnlich gegangen. Ich habe mich zentimeterweise nach vorn gedrängt und bin am Schluß noch lange geblieben, habe die Leute, die mich nicht oder schon grüßten, an mir vorbeigehen lassen und das Mayröckerische Stammpublikum beobachtet. Elfriede Gerstl war dabei, damals und hat ein paar Tage später gelesen, da war es dann nicht ganz so voll und eine Klientin von mir hat ihr eine Rose gebracht.
Elfriede Gerstl fehlte also und ich glaube auch Herbert J. Wimmer, die anderen waren da. Angelika Kaufmann, Elfriede Haslehner, Julian Schutting, Bodo Hell, neben letzterem bin ich gestanden, als es mir gelungen war, mich bis zum Saaleingang zu drängen, als die Mayröcker dann ein ihm gewidmetes Gedicht gelesen hat, habe ich ihn hautnah beobachten können.
“Scardanelli” ist ein Gedichtband mit Hölderlin Bezug, vierzig Gedichte, die imaginierte Begegnungen mit dem großen Dichter schildern, der sechsundreißig Jahre in einer Turmstube in Tübingen lebte, entnehme ich dem Programm.
Marcel Beyer sprach in seiner Einleitung von bella donna, der schwarzen Tollkirsche, der Kunst der Heilkräuter und der Apotheker. Ein Gedicht, das Frau Mayröcker las, handelte vom Sterben und davon, daß sie eine Rose und keine Kränze haben möchte und eigentlich noch nicht sterben will, weil das Leben zu kurz für alles ist, was noch zu machen ist.
Eines war natürlich wieder E. J. gewidmet. Ich stand neben einer Frau, an die sich zwei kleine Mädchen drückten, die mehr oder weniger geduldig zuhörten, während die Studentinnen teilweise am Boden saßen und als sich der alte Mann, der seine Tage im Wienerwald verbringt und dort offenbar auch Kräuter sammelt, mit diesen im Rucksack und seinen Wanderstock durch die Menge drängte, offenbar in dem Bestreben wegen seiner Gebrechlichkeit doch einen Sitzplatz zu bekommen, ist ihm das nicht geglückt, er wurde nur an das andere Ende geschickt. Aufgeregt hat sich aber niemand und ich denke, er, der Außenseiter, der zum literarischen Stammpublikum zählt, hat genau zu diesen Texten und in diese Stimmung gepasst.
Hölderlin war wahrscheinlich auch ein Außenseiter und ein literarisches Original, Frau Mayröcker ist eine große Dichterin und neben mir stand Anfangs eine Rucksackträgerin, die zwei Buttons stecken hatte, “Ich bin das Publikum” und “Ich kann lesen” ist darauf gestanden.
Soweit ein paar Gedankensplitter zu einem großen Abend, der sehr kurz war oder auch nicht, denn ich bin, während Friederike Mayröcker signierte, noch lang herumgestanden und habe mit einer Frau gesprochen, die ich vom Lesetheater kenne, die vom dramatischen Zentrum kommt, wo sie die Körperarbeit erlernte, die sie jetzt den Frauen zur Selbstverteidigung in Volkshochschulen beibringt.
Ich kann natürlich ein paar Friederike Mayröcker Bonmots beisteuern, die ja ganz in der Nähe, nämlich in der Zentagasse wohnt und deren Zettelwohnung inzwischen Legende und Ausstellungsstück ist.
Ich kenne sie von der GAV und von Lesungen, war bei ihrem Fest vor einigen Jahren in Mürzzuschlag bzw. Neuberg an der Mürz, das inzwischen schon Legende ist. Die Feste für Ernst Jandl, Gerhard Rühm und Friederike Mayröcker, die ich erleben durfte. Sie hat ihr Buch “brütt oder die seufzenden Gärten” vorgestellt, Wendelin Schmidt Dengler hat eingeleitet und es gibt ein paar schöne Fotos. Bei einem stehe ich unter einem Mayröcker-Bild in der Mayröcker Ausstellung im Kunsthaus Mürz, das hat der inzwischen verstorbene Johann Barth geknipst, der ein großer Fotograf war.
Ich habe ein paar Mayröcker-Bücher und einem meiner Bücher ein Motto von ihr vorangestellt: “Da hat man sich sein gesamtes Leben für die Literatur eingesetzt und es kommt noch immer nichts heraus dabei!”.
Das ist ein Satz, der passt, für mich jedenfalls. Für Frau Mayröcker nicht. Sie hat einen großen Fankreis und wenn man nicht rechtzeitig erscheint, bekommt man keinen Platz.
Das wußte ich, bin trotzdem gekommen und bereue es auch nicht.
Ezählperspektiven
Heute wieder mein aktueller Schreibbericht. Der ist in letzter Zeit etwas zu kurz gekommen.
Wie schaut es also aus, in der Schreibwerkstatt der Eva Jancak, einer, wie ich gerne sage, seit sechsunddreißig Jahren schreibenden Frau?
Bettina Balaka, hat mich an dieser Stelle einmal unterbrochen und gemeint, sie würde schon immer schreiben. Also gut, schreiben habe ich nicht in der Schule gelernt, sondern bei einem Herrn Aschenbrenner, zu dem mich meine Mutter vorher, weil ich einen Stigmatismus hatte und der mir die richtige S-Aussprache offenbar solange mit Büchern beibrachte, bis ich sie lesen konnte. Ab da hab ich auch geschrieben, literarisch aber erst ab dem Zeitpunkt meiner Matura. Da kann ich mich erinnern, daß ich das ein- zwei Jahre vorher festgelegt habe. Und seither nicht mehr aufgehört. Obwohl die Feedbacks eher negativ waren.
1978 habe ich mich getraut, die mir gut erscheinende Erzählung “Einladung zum Tee” zwei Freunden zu zeigen und habe in meiner Erinnerung, daß sie endlos darüber nörgelten und als Schlußsatz sagten, “Du schreibst schlecht, ich kann dir aber auch nicht sagen, wie es besser geht!”
Das verfolgt mich immer noch. Nach zwanzig Büchern und nicht zu wenigen Beiträgen in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Elfriede Haslehner war mir eine strenge Kritikerin, die letzte, die mir sagte, daß sie ihre Schwierigkeiten mit meinem Schreiben hat, war bekanntlich Christa Nebenführ.
Ich denke aber, nicht nur als Psychotherapeutin, daß jemand, der sechsunddreißig Jahre unaufhörlich schreibt, gar nicht schlecht sein kann. Vielleicht schreibt er nur anders und wenn man gleich schreit, “Das interessiert mich nicht!”, kann es sein, daß man es nicht bemerkt!
Am Anfang habe ich sicher schlecht geschrieben, wie auch Daniel Kehlmann für seinen ersten Text nicht gleich den Nobelpreis bekommen hat, aber vielleicht mehr Lob und Aufmunterung.
Ich hatte auch sicher sehr mit der Hemmung zu kämpfen und den Stimmen von außen und innen.
“Darfst du das überhaupt? Oder tue ich dem hehren Goethe nicht etwas an, wenn ich es selbst versuche?” – O-Ton Andre Heller aus einem Ex libris Interview oder, wie mir einige Leute sagten “Es müssen ja nicht alle schreiben!”
Alle nicht natürlich, nur die, die es wollen und ich will!
Bis es aus mir herausgeflossen ist, hat es Jahre gedauert. Am Anfang war ich sehr verkrampft und bin es vielleicht noch immer. Ich kann mich erinnern, daß wir einmal bei Valerie Szabo-Lorenz gesessen sind, die erzählte, daß die Ideen nur so aus ihr heraussprudeln und sie beim Schreiben einer Geschichte schon an die nächste denkt. Wow, habe ich gedacht, das würde ich auch gern tun.
In den letzten Jahren ist es so gewesen. Ich habe geschrieben und geschrieben, so daß seit 2000 fast zwanzig Bücher erschienen sind.
In den letzten Jahren habe ich meist einen Roman und eine kürzere Erzählung in einem Jahr herausgebracht. Diesmal habe ich für die “Radiosonate” länger gebraucht. Dafür ist das “Haus” fast geisterhaft schnell aus mir herausgeflossen. Beide Texte sind noch unveröffentlicht.
Bei der “Radiosonate” warte ich, weil ich es versprochen habe, eine Verlagsantwort bis Ende des Monats ab. Das “Haus” hat noch der Alfred in Bearbeitung und ich habe mich im Februar ausgebrannt gefühlt.
Dazu kamen noch einige Schwierigkeiten mit der Bezahlung meiner Honorare, die sich aber geklärt haben dürften und die Meldungen zur Wirtschaftskrise, die auch nicht besonders stimmungsaufhellend sind und auch meine Schwierigkeiten mit dem Literaturhaus, die eine Entscheidung nötig machen.
Da habe ich mich in den Literaturquiz geflüchtet und war mit Schuldgefühlen ein paar Wochen weg.
Wußte zwar, daß ich das wahrscheinlich brauche, aber auch, mich holt niemand heraus, wenn ich es nicht selber tue. Nachdem klar war, daß ich nicht wirklich weiter als 282.900 Punkte (aufgerundet) komme, habe ich sehr unkonzentriert mit dem Konzept des “Wirtschaftsromans” (Arbeitstitel) begonnen. Mit einem schlechten Gefühl, denn es ist dasselbe Muster.
Andererseits ist es die Eva Jancak, das, was ich kann und bin und vielleicht darf ich mir aus diesem Grund erlauben, daran zu bleiben.
Der Peter Clar schreibt auch nicht viel anders, er traut es sich aber und ist sehr selbstbewußt. Ich bin es nicht, war es schon gar nicht mit 29 Jahren. Wer weiß, wo ich heute wäre, wenn ich damals soviel Selbstbewußtsein gehabt hätte, habe ich vorgestern dem eifrigen Mailsender Stephan Eibel mitgeteilt und heute gibt es schon achtzehn Seiten und neun Szenen.
Es gibt die, in die neue Freiheit entlassene Lektorin Sophie Hunger und die Nebenstränge der Hertha Werner und des Felix Baum.
Peter Pessl hat bei seinem Himalaya-Roman Reisegefährten aus der Vergangenheit eingeführt, bei mir denke ich, könnte es eine Franka Stein sein, die Sophie Hunger am Donaukanal begegnet oder sich dort ausdenkt, die dann die entsprechenden Durchhalteparolen gibt.
Vampire sind ja derzeit in, man denke nur an die Stephenie Meyer Debatten, aber auch an einige Fragen im Literaturquiz, die mich zu dieser Idee brachten.
Zu Ostern habe ich damit begonnen und bis zur Karwoche eher lustlos vor mich hingedümpelt, die beiden Abende in der alten Schmiede haben mir aber etwas Aufwind verschafft und gestern habe ich, weil ich zu einem Supervisonsgespräch ins Donauspital mußte, in der U-Bahn und im Donauzentrum zwei Szenen verfaßt und bin nun wieder zuversichtlich.
Und um meinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, es gab natürlich auch ein paar Leute, denen meine Texte gefielen, einer davon war Gerald Bisinger, der mir 1987 oder 1988 geraten hat, mein “Zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt” doch an Jochen Jung zu schicken und auch meinen “Brief an die Herren der Akademie” in der “Rampe” und in einer seiner ORF-Sendungen brachte und das ist auch eine Vampirgeschichte.
Das ist der Übergang zu Elfriede Gerstl-Bisinger, an deren Ehrenbegräbnis am Dienstag, 14 Uhr, am Zentralfriedhof, Halle 2, ich nicht teilnehmen kann, weil ich Stunden habe und es auch die Besprechung für die Margaretner Kunst- und Kulturmesse gibt und was den “Wirtschaftsroman” betrifft, da haben natürlich schon andere längst darüber geschrieben.
Elfriede Jelineks “Kontrakte des Kaufmanns” wurde im Akademietheater gelesen und in Köln gerade uraufgeführt und Robert Menasses “Faust”-Version kommt nächsten Samstag im Staatstheater Darmstadt heraus.
Versteige dich nicht so, wird jetzt wahrscheinlich Elfriede Haslehner sagen. Ich bleibe aber trotzdem daran.
Erzählmuster I und II
Zwei Abende in der alten Schmiede mit vier interessanten Erzählern und zwei Erzählerinnen.
Am Mittwoch begann es im Schmiedemuseum mit Peter Pessl, der aus dem zweiten Teil seiner Himalaya-Aufzeichnungen “Das weiße Jahr”, eingeleitet von Christine Huber, gelesen hat. Und das ist ein interessanter Text, ein sprachphilosophischer Himalaya-Reiseführer oder einer in konkreter Poesie.
“Was kann man damit machen?”, hat Christine Huber gefragt.
“Man kann das Buch nehmen und damit zum Himalaya fahren!”, hat Peter Pessl geantwortet und alle haben gelacht.
Es ist aber noch komplizierter, denn in dem Text gibt es einige Reisegenossen, die alle sinnigerweise mit dem Buchstaben P. wie Pessl anfangen, aber römische Renaissancemaler oder etwas ähnliches sind und es gibt auch eine Art Tagebuch mit einer Beschreibung von Orten, von denen der Autor nicht verrät, ob er das Ganze nicht erfunden hat und an dem Tag nicht vielleicht ganz woanders war.
Peter Pessl war jedenfalls ein halbes Jahr in der Gegend und plant vier Bücher darüber zu schreiben, weil ihm die Sprache wichtig ist.
Mit Peter Pessl, der sich für mein Kommen extra bedankte, habe ich ein Buch getauscht, allerdings nicht die Himalaya-Aufzeichnungen, sondern einen im fröhlichen Wohnzimmer erschienenen und mit Ilse Kilics Zeichnungen versehenen Kriminalroman “Der Brief mit der Aufschrift”. Peter Pessl ist einer den ich schon lange kenne, aber eigentlich noch nichts von ihm gelesen habe, er ist aber Stammgast beim “Tag der Freiheit des Wortes” und seine Hörspiele kenne ich auch.
Dann gabs einen Ortwechsel, nämlich in das literarische Quartier und da las Peter Clar aus seiner Prosa “Nehmen Sie mich beim Wort”, erschienen im Sonderzahl Verlag und das war eine Überraschung. Zwar kenne ich Peter Clar schon von der letzten Volksstimmefestlesung und auch von einem Elfriede Jelinek Symposium, weil er Mitarbeiter beim Jelinek-Forschungszentrum ist.
Er hat aber einen neuen frischen Ton und ist ein sehr selbstbewußter junger Mann, der 1980 geborene, der offensichtlich ausgezogen ist, um die die Erzählung zu zertrümmern. Es geht um X und Y, eine Frau und einen Mann. Der Mann spaziert die Hütteldorferstraße hinunter und der Erzähler gibt sich selber ständig Anweisungen und glänzt in Sprach- und Wortkaskaden.
Einer, wie ich mir dachte, der sich das Buch “Wie schreibt man einen verdammt guten Roman” aufgeschlagen hat, um die Schreibschulen damit zu karikieren und wahrscheinlich auch, um mit seiner Gelehrsamkeit zu glänzen, die ihm offensichtlich Freude macht, es hat mich aber auch an Karen Wiborgs Blogroman “Sechzig Grad” erinnert. Und ist vielleicht auch eine Sprachmonatage, im Sinne der Jelinek, die, wie der Autor anmerkte, ihm sehr im Ohr liegt, ein Hund der am Jupiterweg wohnt oder dorthin in Pflege gegeben wird, kommt beispielsweise vor und dann meinte der Autor abschließend, daß es trotz gegenteiliger Bemühung viel zu erzählend geworden ist. Jetzt schreibt er einen Text, mit dem er den Kriminalroman zertrümmern will, der dann vielleicht doch einer werden wird.
“In zehn Jahren haben wir einen großen Erzähler!”, habe ich Stephan Eibel Erzberg gemailt und der war der dritte des ersten Abends mit seinem Roman “Sofort verhaften”, den ich schon sehr gut kenne. Im vorigen Mai gab eine Nonstopaufführung in Hubsi Kramars Kleintheater. Ich war nicht dort, weil es Eintritt kostete, führte darüber aber einen regen Briefwechsel mit Stephan Eibel und im Dezember war er diesbezüglich in “Von Tag zu Tag” und hat sich dabei eine Klage der F-Partei eingehandelt, die diese aber, wie ich hörte, wieder zurückgezogen hat.
Der Roman ist sehr interessant, einerseits politisch, andererseits tauchten bei seiner Lesung Leute auf, die ich von den Psychiatrie Fortbildungen des AKHs bzw. von den Supervisoren-Reflexionsrunden kenne.
Lydia Mischkulnig hat die Lesung eingeleitet, Stephan Eibel Erzberg brillant diskutiert und Lydia Mischkulnig war am zweiten Tag als erste dran.
Eingeleitet von Alexandra Millner, mit der ich mich länger unterhalten habe. Lydia Mischkulnig, deren ersten Roman “Halbes Leben” ich vor Jahren einmal bei einer “Rund um die Burg”-Veranstaltung gewonnen habe, ist eine Sprachkünstlerin der poetischen Art, die sehr eindrucksvoll beschrieben hat, wie bei ihr das Entstehen von Sprache entsteht und alles dreht sich um das Sterben. Das ist das große Thema in allen ihren Texten und die vorgelesene Geschichte “Untergang einer Hauptperson” war auch sehr beeindruckend und wieder ging es um Erzählperspektiven, war das ja das Generalthema der beiden Abende und so hat auch Eugenie Kain in ihrem “Schneckenkönig”, einem Erzählband mit einer gleichnahmigen Geschichte, die ich schon einmal bei einer “Linken Wort” – Lesung gehört habe, auch eine Erzählung, in der die Musen der Erzählerin Schreibanweisungen geben, die es dann aber doch nach ihrem Kopf macht. Sie war aber sicher die realistischste Schreiberin der beiden Abende.
Der letzte Erzähler war Clemens Berger mit seinen Erzählungen “Und hieb ihm das rechte Ohr ab”, der von dem ihm einleitenden Lektor auch sehr intensiv nach seinen Erzählperspektiven und Ich-Erzählern befragt wurde, wobei der Autor allerdings charmant lächelte und sich um die konkreten Antworten drückte.
Zwei interessante Abende also, bei denen viel zu lernen war und ich sicher einiges für die eigene Schreibarbeit mitnehmen kann, die es auch noch gibt.
Und bei Anni Bürkl gab es am Mittwoch ihren ersten “Schreibsalon”, wo, wie sie auf ihrem Blog beschreibt, das Thema “Wie verfolge ich ein größeres Schreibprojekt” behandelt wurde.
Die Haut retten
Für heute eine Kurzrezension des gerade zu Ende gelesenen Kurzromanes von Anja Tuckermann, Reclam 2002, einer 1961 geborenen, in Berlin lebenden Autorin, die für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schreibt und dafür schon viele Preise bekommen hat, in dem es um die Schwierigkeit mit dem Andersartigen zu leben, geht.
Zu Beginn hat Joschi, der einmal Karlas Untermieter war, sie verlassen, um zu seinen Eltern nach Amerika zurückzufahren und herauszufinden, wo er in Zukunft leben will.
Joschi, der jüdische Musiker, der nach Berlin gekommen ist, weil er hier mit seiner Musik noch immer Geld verdienen kann, es in diesem Deutschland aber, Anfang der Neunzigerjahre, wo die Mauer gefallen ist und das Reichsratgebäude auf einer einstmals schönen Wiese gebaut wird und der die deutschen Frauen nicht auszuhalten scheint.
Dabei hat er bald eine Beziehung mit der Journalistin Karla angefangen, die wegen ihrem Sohn Adem, der einen türkischen Vater hat, Deutschland nicht verlassen will.
So geht es hin und her, mit der Haßbeziehung, aber auch dem nicht Loslassen können, in einem Deutschland der Döner Kebab Stände und der Schulkinder, von denen sich die Lehrerin wundert, daß sie der Journalistin schließlich doch so viel zu erzählen haben.
Joschi fühlt sich in diesem Deutschland als Jude verfolgt und wirft der deutschen Frau das ständig vor, verbietet ihr in Holland Deutsch zu sprechen, tut es doch und will auch nicht, daß sie sich für die jüdische Kultur interessiert.
Man spürt die Schwierigkeiten, miteinander umzugehen und zu leben, nach all dem, was in der Geschichte an Kränkungen und Traumatisierungen geschehen ist.
Und dabei hat sich dieses Deutschland inzwischen sehr verändert. Die Mauer ist gefallen, es ist voll von Immigranten und die ehemaligen jüdischen Bewohner kommen nur noch als englisch sprechende Touristen zu Besuch.
Es beginnt, wie schon beschrieben, vier Tage nachdem Joschi Karla verlassen hat und geht weiter mit Rückblendungen und Träumen, aus denen man nach und nach die Liebesgeschichte, die Kränkungen und Verletzungen erfährt.
Karla wartet auf Joschis Anruf, der auch kommt und er kommt auch zu ihr zurück und erkundigt sich bei ihr, weil ihm das Loslassen offenbar nicht so einfach fällt, ob er sie heiraten soll, worauf sie keine andere Antwort hat, als ihm mitzuteilen, daß ihr Großvater Mitglied der NSDAP war, nachdem sie vorher ihre Ahnentafel erforschte, um jüdische Vorfahren zu finden.
Margaretner Osterspaziergang
Gerade sind wir vom Osterspaziergang des ersten Wiener Lesetheaters nach Hause gekommen. Es war schön und sehr intensiv. Von dreizehn Uhr bis kurz vor Mitternacht. Außerdem hat mich Rolf Schwendter an sehr vielen Stellen zu lesen eingeteilt, was mir sehr gut tat, da ich mich ohnehin sehr übergangen fühle.
Die Idee dazu ist mir im vorigen Jahr gekommen, als es durch den achten Bezirk ging. Da haben plötzlich alle ihre eigene Texte gelesen, ich hatte nichts mit und dachte nur, die Stelle mit den Hüten im “Novembernebel” hätte gut gepasst. Das Buch war damals aber noch nicht veröffentlicht. Ich habe es, nachdem es erschienen ist, mit der Erzählung “M. M. oder die Liebe zur Germanistik” Rolf Schwendter geschickt und Margareten als nächsten Bezirk vorgeschlagen bzw. meine Mithilfe angeboten. Rolf Schwendter hat es aufgegriffen. Werner Grüner und Susanne Schneider haben mitorganisiert. Dann wurde es ein sehr schöner Spaziergang, vor allem das Wetter war, im Gegensatz zum vorigen Jahr, sehr toll.
Wir sind um halb elf von Harland nach Wien gefahren und kurz nach eins in der Waldviertler Stuben auf der Wiedner Hauptstraße angekommen. Das ist ja immer interessant, wo die Grenze zwischen dem vierten und dem fünften Bezirk verläuft. Die Wiedner Hauptstraße 89 liegt im Fünften. Und schräg gegenüber das Haus, wo Friederike Mayröcker geboren wurde. Daniela Beuren hat mit einem schönen roten Strohhut die Lebensgeschichte eines Mannes vorgelesen, der emigrieren mußte und über den sie etwas schreiben will. Ruth Aspöck war da und Robert Egelhofer. Edith Brocza, die kommen wollte, war nicht da und auch die nicht, die ich eingeladen habe, aber viele andere.
Die zweite Station war der Reading-Room, den ich bisher nur vom Namen kannte. Anni Bürkl hat dort ja eine Margaretner Tour gemacht und die Volksstimme Anthologie wurde dort ein zweites Mal vorgestellt und sie machen auch bei dieser Margaretner Kunst- und Kulturmesse am 12. 5. im Amtshaus Margareten mit und die Gaby Röckl, die mit Thierry Elsen, den Reading Raum betreibt, ist dieselbe, die das literarische Programm am 12. 5. betreut.
Die Beiden haben Gedichte von Martin Amanshauser gelesen, der, was ich nicht wußte, ein Margaretner ist und aus einem Buch von Ernst Hinterberger. Dann ging es in den Kost-Nix-Laden und auf dem Weg dorthin ist Daniela Beuren ihr schöner Hut abhanden gekommen, der Wind hat ihn ihr vor einer Kreuzung vom Kopf gefegt und ein Auto hat ihn davongeschleift. Im Kost-Nix- Laden gab es Wein und andere Getränke und wieder Texte von Ernst Hinterberger, sowie von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker.

Rüdigerhof
Im Wirtschaftsmuseum habe dann ich gelesen. Die erste Szene aus der “Margarete”, dann ging es in die Dokumentationsstelle für Ost- und mitteleuropäische Literatur. Stephan Teichgräber, der dieses Institut in der Spengergasse betreibt, hat ja auch eine Zeitlang die Lesungen der Szene Margareten mitorganisiert und die beiden Literaturpreise der goldenen Margarete, die es dort einmal gegeben hat. Jetzt hat er sein Institut vorgestellt und wir haben ein bißchen über Rußland diskutiert. Dann gingen wir hinunter an die Wien zum Vorwärts Verlagshaus, wo einmal die Frau und Arbeiterzeitung gedruckt wurde. Und auch Jura Soyfer ein- und ausgegangen ist. Werner Grüner ist mit einem roten Fähnchen, mit dem früher die Gemeindebauten beflaggt wurden, vorangegangen und ich habe dann eine Jura Soyfer Szene gelesen. Die nächste Station war das Haus, das Herzmanofsky-Orlando in der Wehrgasse erbaut hat, weil er, was nur wenige wissen, Architekt gewesen ist. Im Rüdiger Hof sind wir dann an einem langen Tisch im Freien gesessen, ich hätte Paul Wimmer und Jeannie Ebner vorstellen sollen, was dann aber ins Cafe Standard in der Margareten Straße verschoben wurde, was gut war, denn da hätte ich sehr schreien müssen, sind ja hinter mir die U-Bahnen gefahren und vor mir hat der Kellner abkassiert.
Ich bin mit Dagmar Fischer ins Gespräch gekommen, die sich sehr lieb nach Anna erkundigte, die sie einmal unterrichtet hat und mich zu ihrer nächsten Lesung eingeladen hat.
Im Cafe Standard waren dann die Lesebedingungen angenehmer. Es gab einen Lesetisch im Extraraum und eine Tür, die man verschließen konnte, es waren auch nicht mehr so viele Leute da und ich habe sehr viel gelesen. Zuerst meinen Blog-Beitrag über das litererarische Margareten vom August, der ja auch über Paul Wimmer und Jeannie Ebner handelt und dann noch Maria Gornikiewiczs schönen Artikel aus der Wiener Zeitung zu Jeannie Ebners fünften Todestag und in der zweiten Runde das dritte Stück aus M.M., die Szene, wo es auch viel um Thomas Bernhard geht und dann das Stück aus “Novembernebel” mit den Hüten und der Lesetheateraufführung von “Glaube Liebe Hoffnung”, da habe ich dann meine Hut-Bonmots erzählt, jetzt habe ich ja ein neues und am Schluß noch ein Gedicht zum Gedenken einer anderen Hutträgerin, deren Tod am Gründonnerstag ja viele betroffen machte, obwohl er, wie ich hörte, zu erwarten war. In dem Buch “Alle Tage Gedichte”, das sie mir 1999 zum Geburtstag schenkte, gibt es ein Gedicht mit dem treffenden Titel “Osterspaziergang”, das ich gelesen habe und daran erinnerte, daß sie in der Kettenbrückengasse auf der Seite, die zum fünften Bezirk gehört, ein Kleiderlager hatte, in das ich ihr einmal einen Sack Schuhe tragen geholfen habe.
Es war also ein sehr besinnlicher Osterspaziergang, wo zwar nicht alles zur Sprache gekommen ist, was der fünfte Bezirk literarisch zu bieten hat. Vieles wurde ausgelassen, es war aber trotzdem intensiv. Und, daß ich einmal im Mittelpunkt gestanden bin und die Erfahrung machte, daß mich sehr viele kennen, tut mir auch sehr gut.
Die Mittagsfrau
Es ist eine fast klischeehafte Geschichte, der schön konstruierte Roman, mit dem die 1970 geborene Julia Franck, 2007 den deutschen Buchpreis bekommen hat, um eine, wie im Klappentext steht, faszinierende Frau, die vielleicht die Großmutter der Autorin ist.
Der kleine Peter wird nach Ende des Krieges von seiner Mutter Alice, die eigentlich Helene heißt, mit einem Koffer, in dem Geld, die Adresse eines Onkels und ein aus Horn geschnitzter komischer Fisch steckt, auf einem Bahnhof zurückgelassen.
Im Epilog trifft man ihn zehn Jahre als ausgenützte Arbeitskraft des Onkels wieder, die Mutter kommt auf Besuch und verschwindet, während der im Westen lebende Vater noch immer Geld schickt.
Dazwischen liegt der Mittelteil und das Leben Helenes, die mit ihrer Schwester Martha in Bautzen aufwächst.
Die jüdische Mutter lebt dort fremd und sonderlich, wird vom Hausmädchen Mariechen versorgt, vom Vater angeschwärmt, trägt aber komische Hüte, sammelt nutzlose Sachen und behandelt ihre Töchter sehr brutal.
Der Vater, der eine Druckerei betreibt, in der er die Gedichte seiner Freunde druckt, zieht in den ersten Weltkrieg, verliert dort Bein und Auge und sehnt sich nach seiner Frau, die seine Briefe nicht beantwortet.
Er kommt zum Sterben heim, die Töchter sind zwischen fast erwachsen, Helene fünfzehn, Martha einige Jahre älter.
Die Mutter liegt im Bett und weigert sich den Vater zu sehen. Helene führt die Druckerei und möchte in Berlin studieren.
Martha, die inzwischen Krankenschwester geworden ist, schmuggelt Morphium vom OP nach Hause und versorgt den Vater und sich selbst damit und nach des Vaters Tod, fahren beide Schwestern mit dem Auto des Professors zuerst nach Dresden, um weiter mit dem Zug, das wilde Berlin der Zwanzigerjahre bei ihrer Tante Fanny zu erobern.
Helene arbeitet dort in einer Apotheke, während Martha mit ihrer Freundin Leontine, die inzwischen Ärztin geworden ist, dem Kokain verfällt und Helene nicht recht weiß, ob sie den Studenten Carl Wertheimer heiraten soll, bis der dann stirbt und das dritte Reich, Helene, die keinen Ariernachweis erbringen kann, in die Arme des Wilhelm Sehmisch treibt, der sie Alice nennt, ihr Papiere besorgt und sie auch heiratet, aber tief erschrickt, als er erkennt, daß sie keine Jungfrau mehr ist, schließlich hat sie ja drei Jahre, während sie für ihr Abitur lernte, in Carls Zimmer mitgewohnt.
So daß ihr Wilhelm schließlich doch erlaubt, als Krankenschwester zu arbeiten, als sie schwanger wird, bzw. sie dazu zwingt und danach verschwindet und nur noch Geld für den kleinen Peter schickt, der von Schwester Alice sieben Jahre lang, allein und ziemlich mühsam groß aufgezogen wird.
Als der Krieg zu Ende ist, packt sie ihm den Koffer, um ihm zu dem unbekannten Onkel zu schicken, während sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester in ihr früheres Leben macht.
Es passiert sehr viel in dieser Geschichte einer starken oder auch schwachen Frau, die sowohl sympathisch als auch unsympathisch wirkt und wahrscheinlich mehr die ganze Epoche, als eine einzige Person beschreibt.
Für die, die es nicht erlebt haben, werden von einer Autorin, die auch erst viel später geboren wurde, in einer poetisch schönen Sprache, die von Veilchen und von Bücher handelt, in der es aber auch manchmal nach Urin stinkt, die ersten vierzig Jahre des vorigen Jahrhunderts beschrieben.
Das wilde Berlin der Zwanzigerjahre mit allen seinen Ausschweifungen, aber auch der Wunsch nach Frauenemanzipation und Frauenbildung, das Grauen des ersten Weltkriegs und ein wenig schwächer die Klischees der der NS-Zeit und Helene bzw. Alice wankt und schwankt in allem eifrig aber auch sehr passiv mit und wir, die wir das lesen, haben danach unsere Geschichte und die unserer Eltern vielleicht ein bißchen besser verstanden.
Osterferien und Gerstl-Nachruf
Eigentlich wollte ich heute über meine Osterferien in Harland berichten. Zwei sehr beschauliche Tage habe ich schon hinter mich gebracht. Das Wetter ist schön und sonnig, ich habe ein bißchen in den Blogs geblättert.
Lillyberry hat über Denis Schecks “Druckfrisch” berichtet und sich darüber mokiert, daß sich der mit den Bestsellerlisten vor ein Fließband stellt und das ihm schlecht erscheinende einfach in den Müll befördert. Sieben von den zehn Titeln auf der Spiegelliste ist das passiert. Interessant, daß er den Uwe Tellkamp und Daniel Kehlmanns “Ruhm”, dabei ausgenommen hat, den Daniel Glattauer aber nicht, was eine heftige Diskussion im Internet über die Rolle der Kritiker auslöste. Ich bin ja auch der Meinung, wie Lilly Berry, daß man Bücher nicht unbedingt auf diese Art und Weise verreißen muß, sondern man ihnen ruhig mit mehr Achtung, Interesse und Wertschätzung entgegentreten könnte, da Bücherschreiben ja nicht einfach ist.
Dann bin ich Rad gefahren, heute war ich beispielsweise in Herzogenburg und gestern beim Schloß in Ochsenburg, wo angeblich Schubert aufgetreten ist, es gibt jedenfalls eine Gedenktafel dazu.
Ich war ich auch viel in der Badewanne, habe in Julia Francks “Mittagsfrau” gelesen, mit der ich gerne in der Karwoche fertigwerden würde, um vielleicht übermorgen eine Rezension zu schreiben, um Otto Lambauer eine Osterfreude zu machen und die Wellnessprogramme habe ich mir auch herausgesucht.
Wir haben schließlich Fastenzeit und das auf sich schauen und gut mit sich umgehen, um zu mehr Ruhe zu kommen und die positiven Kräfte wirken zu lassen, kann in Zeiten wie diesen, wo ohnehin nicht viel gelingt und man nur Horrormeldungen über die Wirtschaftslage hört, nicht schaden.
Schließlich habe ich von meinen Radfahrten, nicht nur Fühlingsblumen, sondern auch Bärlauch, den ich sehr mag, mitgebracht und billige Erdbeeren gab es beim “Lidl “auch.
Ostergrüße sind gekommen, Frans Postma hat sich aus Holland gemeldet und an meinem Work on progress habe ich auch weitergeschrieben.
So weit so gut und als ich darüber einen schönen Blog schreiben wollte, habe ich noch bei Christiane Zintzen vorbeigeschaut und von ihr erfahren, daß Elfriede Gerstl heute gestorben ist. (Nachzulesen bei in/ad/ae/qu/at).
Was mich sehr betroffen hat, habe ich sie ja gut gekannt, da sie eine war, die auch mit mir geredet hat und mich immer freundlich grüßte.
So kann ich der kleinen alten Dame mit den roten Haaren und den schönen Hüten, die als Original durch die Wiener Innenstadt marschierte und oft bei den literarischen Veranstaltungen zu sehen war, ein paar Erinnerungen nachwerfen.
Einmal bin ich neben ihr in der alten Schmiede gesessen, da ist Kurt Neumann auf mich zugekommen und hat mir gesagt, daß er nicht die Einladungslisten des Wespennestes bestimmt. Da stand eine Veranstaltung im Programm, zu der man eingeladen werden mußte, aber als ich anrief, um eine Einladung zu dem Festakt ins Semper-Depot zu bekommen, hat mir Walter Famler mitgeteilt, daß ich leider nicht zu den auserwählten Autoren gehöre.
Ich hatte es schon verkraftet und wollte stattdessen zur Stern-Preisverleihung gehen, da hat mich die freundliche alte Dame einfach mitgenommen und mich auch Frederic Morton vorgestellt. Es war ein unvergeßlicher Abend mit einem tollen Buffet, vielen Wespennestheften und Alexandra Millner habe ich dort auch getroffen.
Bei meinem literarischen Geburtstagsfest hat Elfriede Gerstl einmal auch gelesen und wir haben mehrmals Bücher miteinander ausgetauscht.
Mich hat es sehr getroffen und ich war auch sehr überrascht, obwohl ich mich zu erinnern glaube, daß Rolf Schwendter bei der Volksstimme-Buchpräsentation schon angedeutet hat, daß es ihr nicht gut geht.
Ich verabschiede mich also von der Dichterin und wem es interessiert, auf meinen Artikel zum Volksstimmefest im September, gibt es ein schönes Bild von ihr, da wird nun auch ein Stammgast fehlen.
Und liebe Cornelia Travnicek, ich glaube nicht, daß Elfriede Gerstl eine coole Omi war, die auch schon mal Bullshit schrieb (frautravnicek.wordpress.com) und sie war sicher auch schon vor ihrem Tod eine gute Dichterin, auch wenn das in diesem Österreich erst sehr spät bemerkt wurde.
Ich glaube, erst so richtig, nach dem sie den Fried- und den Traklpreis mit einem Aufwaschen bekam.
Sie hat, wie sich in ihren Texten nachlesen läßt, sehr darunter gelitten und jetzt hat das literarische Wien wieder eine Dichterin weniger. Ob wir das wohl aufholen können?
Zum neunzigsten Geburtstag von Edith West
Nachdem ich jetzt zwei Tage in Wien war und meine Praxis machte, bin ich gerade wieder nach Harland angekommen, um hier Ostern zu verbringen.
Am Ostermontag fahren wir dann zum Margaretner Osterspaziergang zurück und vorhin war ich im Republikanischen Club bei einer Veranstaltung der Theodor Kramer Gesellschaft “Die Mühen der Gebirge und der Ebenen”- Edith und Arthur West zum neunzigsten Geburtstag von Edith West.
Das Zitat entstammt einem Gedicht von Brecht zur Emigration, das Gebirge ist dabei das Gastland da hinter einem liegt, die Ebenen bedeuten die Rückkehr in das Heimatland, hat Konstantin Kaiser erklärt, der mit Edith West ein Gespräch führt, vorher und nachher gab es Arthur West Gedichte und die Veranstaltung war sehr interessant, so daß es sich lohnte, dafür erst um zehn nach Harland zu fahren, da ich den Rest der Woche freihabe und mich dem Schreiben und der Osterwellness hingeben kann.
Dafür habe ich auch die Buchpräsentation des neuen Jaschke Buchs im Literaturhaus versäumt. Da mir Silvia Bartl aber gestern den Text mailte, mit dem sie den “Tag der Freiheit des Wortes” im Literaturhausprogramm ankündigen will und ich ihr zwar zurückschrieb, daß ich meinen eigenen Text haben will, aber fürchte, außer mich im nächsten Jahr für die “Mittleren IV”, als meine GAV-Veranstaltung, zu entscheiden, ich habe auch schon Ideen, wem ich dazu einladen kann, nichts wirklich dagegen tun kann, war das vielleicht eine gute Alternative, die Ärger erspart.
Ich zähle zwar nicht unbedingt zu Edith Wests Freundeskreis, kenne sie und Arthur West aber schon sehr lang.
Darüber habe ich schon mehrmals geschrieben.
Im Arbeitskreis schreibender Frauen in den späten Siebzigerjahren habe ich die Beiden im “Rotpunkt” in der Reinprechtsdorferstraße kennengelernt und da glaube ich mich zu erinnern, daß Edith West bei der Vorstellung sagte, sie würde nichts schreiben, außer Briefe an ihre Familie in England und Arthur West hat mich später zu den Lesungen beim Volksstimmefest eingeladen bzw. habe ich mich dazu angemeldet und als er 2000 gestorben ist, habe ich beim Volksstimmefest bzw. im Rahmen des Lesetheaters ein paar Mal seine Gedichte vorgelesen.
Jetzt gab es ein Gespräch über Edith Wests Emigration nach England, wohin sie mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern gegangen ist, dort Arthur West bzw. Rosenthal, wie er damals hieß, kennenlernte, bzw. hatte sie ihn schon gekannt, weil sie in Wien in der gleichen Straße gewohnt haben.
Dann kam die große Liebe, Erich Fried war Trauzeuge, Theodor Kramer ist mehrmals zum Essen gekommen, was die Familie sehr belastete, weil er ein starker Esser war und das Essen damals rationiert.
1946 oder 1948 ist das Ehepaar mit dem Sohn Hans nach Wien zurück, weil sich Edith West als Wienerin bezeichnete, die diese Stadt zum Leben brauchte und beispielsweise, nie in St. Pölten leben wollte, was im Publikum zu reger Diskussion führte.
Wie überhaupt sehr viel gefragt wurde. Über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder wie das mit dem Stalinismus war, zum Beispiel.
Edith West und ihr Geburtstag ist da bei der Rolle der Sozialdemokraten in den Dreißigerjahren fast ein wenig in den Hintergrund geraten und wie es nach 1950 war, ist überhaupt nicht mehr zur Sprache gekommen.
Aber ab Ende der Siebzigerjahren habe ich sie, Arthur West und Erika Danneberg ja gekannt und ihre Wege ein wenig mitverfolgt.
Nachher gab es noch Wein und Soletti und ich habe mich ein bißchen mit Judith Gruber-Rizy, Konstantin Kaiser und Werner Grüner unterhalten, bevor es nach Harland in den Osterurlaub ging.