Nach dem Rezensionsmarathon der letzten Tage folgt ein Veranstaltungsmarathon und zwar bin ich heute in die Gesellschaft für Literatur zu der Lesung von Renate Welshs Roman “Großmutters Schuhe” gegangen.
Allerdings bin ich zu spät gekommen, weil ich vorher wieder in den grünen Raum schauen wollte, um mir meine zwei Überbücher, die sich inzwischen wieder angesammelt haben, umzutauschen.
Diesmal war es offen und es standen auch ein paar Bücherschachteln herum, aber wirklich tolle Stücke waren nicht zu finden, nur eins von mir mit Saftflecken, das ich bei meinem ersten Besuch hinlegte, da mich die nette Bezirksrätin nicht ohne Tausch weglassen wollte, während das original verpackte Köhlmeier-Buch nicht mehr vorhanden war.
Ich hab lang gesucht und dann einen aus der städtischen Bücherei ausgeschiedenen Heinrich Böll und den jüdischen Almanach aus dem Jahr 1993 gefunden und dann hatte die Lesung schon begonnen. Ich habe gerade noch den letzten Platz bekommen und bin in das Buch gestoßen worden, das mir momentan sehr Vertrautes behandelt. Nämlich die Geschichte einer alten Frau, die gestorben ist und deren Persönlichkeit nach und nach von ihren Familienmitgliedern enthüllt wird. Geschrieben ist es offensichtlich in Kapitel, die mit Namen und Altersangaben überschrieben sind und so wird die Person der Verstorbenen nach und nach entwickelt.
Zwei Kapitel hat die Autorin gelesen und auch ein bißchen was über ihr Schreiben erzählt, nämlich daß sie gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, um Ideen aufzuschnappen, die sie sich ohne sie aufzuschreiben mit ihrem Elefantengedächtnis merkt.
Ich habe das “Liebe Schwester”, wo es um zwei alte Schwestern geht, vor ein paar Wochen gelesen. Da fällt mir auf, daß Frau Welsh, die um die siebzig ist, in der letzten Zeit über alte Frauen schreibt, während sie als Kinderbuchautorin bekannt geworden ist.
Und wen es interessiert. Ich hab es schon geahnt, obwohl mir Anni Bürkl noch einen zweiten lieben Artikel über das Szenenschreiben geschrieben und den Rat gegeben hat, dazu ins Cafehaus zu gehen, bleibe ich bei meiner Struktur und habe nur die einzelnen Szenen um ein paar Sätze erweitert, bzw. ein paar sich wiederholende Absätze weggestrichen, sonst wirds bei den achtundfünfzig Manuskriptseiten bleiben und ich werde meine Idee, endlich einmal den monumentalen Monsterroman zu schreiben, auf das nächste oder übernächste Mal verschieben und bin mit dem, was ich in den letzten Wochen geschrieben habe, eigentlich zufrieden. Es ist sehr flüssig geworden und in der Kürze soll ja auch die Würze liegen, wie man sagt.
In der Gesellschaft für Literatur gabs dann auch den neuen Literaturkompass und meine zwei März-Veranstaltungen sind drinnen.
Da leide ich ja immer Ängste, daß das einmal nicht geschieht. Obwohl mir das noch nicht passiert ist, nur einmal hat mich der Veranstalter der Szene Margareten wieder ausgeladen, weil ich ein Honorar haben wollte, obwohl das Programm schon gedruckt war.
Aber die neue Assistentin der alten Schmiede hat mir, bevor ich weggegangen bin, ohnehin ein Mail geschickt, in dem sie wissen wollte, ob ich meine Bücher für die Textvorstellungen selber mitbringe.
Ich werde morgen also die Stellen aussuchen, die ich lesen will und ein Einleitungsreferat für “Die Mittleren III” brauche ich auch noch. Da werde ich schon ein Stück aus dem “Haus” probelesen.
Den Prolog z.B oder auch das erste Klara Kapitel “Mini-Mental-Status”, aber das ist sehr lang und für die Textvorstellungen brauche ich zwanzig Minuten zum Thema “verwandt/unverwandt: familien und andere störfälle” aus “Und trotzdem” und jetzt höre ich zum zwanzigsten Todestag Thomas Bernhards, der übermorgen ist, im Hörspielstudio den “Bernhard”-Monolog von Peter Danzinger, den ich schon kenne, weil ich das Buch einmal im little stage mit dem Autor tauschte, der mir dann einen lieben Brief zu meiner “Globalisierungsnovelle” geschrieben hat.
Author: jancak
Der Kaiser von China
Nun habe ich in meinem derzeitigen Rezensionsmarathon auch Tilman Rammstedts “Der Kaiser von China” gelesen und will ein bißchen was darüber schreiben.
Tilman Rammstedt kenne ich seit dem letzten Bachmann-Wettbewerb, den ich mir mittels Internet ja intensiv gegeben habe.
Da hat der Autor ziemlich am Schluß gelesen und das sehr mitreißend und ist dann, obwohl es fast den Anschein hatte, als würde Patrick Findeis gewinnen, Bachmannpreisträger geworden, was ihn, wie ich hörte, so unter Streß gesetzt haben soll, daß das Buch erst ein paar Monate später als geplant erschienen ist und daher auch nicht in Frankfurt vorgestellt werden konnte.
Elke Heidenreich hat es in ihrer ersten neuen Lese-Sendung aber besprochen, es ein urkomisches Buch genannt und auch sehr empfohlen.
Also habe ich es mir vorgenommen und bin noch immer sehr verwirrt, ob der vielen Ebenen, unglaublichen Geschichten und Inhalte, die darin vorkommen.
Da gibt es also den Erzähler mit dem schönen Namen Keith Stapperpfennig, der mit seinen Geschwistern bei seinem Großvater aufwächst, der ein Wunderwuzzi und Widerling in einem ist, nur einen Arm besitzt, alles besser weiß und den Geschwistern immer jüngere Großmütter ins Haus schleppt, die dann regelmäßig kurz vor Weihnachten wieder verschwinden.
Die unglaublich schnelle Franziska tut das nicht, sondern tanzt solang um Keith herum, bis der bis dato so gesunde Großvater verfällt, ein Kammerflimmern bekommt und von Franziska und Keith auf der Intensivstation sozusagen von Angesicht zu Angesicht betrogen wird.
Nicht gerade nett und menschenfreundlich, aber vielleicht wird das von einem unglaublich komischen Roman erwartet, wenn er sich gut verkaufen soll?
Dann wünscht sich der Großvater zum achtzigsten Geburtstag die Reise nach China und Keith wird von den Geschwistern ausgelost mit dem alten Mann dorthin zu fahren, verspielt aber das Geld mit Franziska im Kasino und verabredet sich mit ihr am Standesamt.
So daß der sture Großvater mit dem Auto allein losfährt, aber nur den Westernwald erreicht und dort verstirbt.
Keith sitzt inzwischen unterm Schreibtisch in seinem Gartenhäuschen und geht nicht mehr ans Telefon.
Als ihn die Todesmeldung trotzdem erreicht und er des Großvaters Identität bestätigen soll, beginnt er den Geschwistern in Briefen die Reise vorzutäuschen, in dem er ein China erfindet, das sich gewaschen hat.
Eines mit huoguo Feuertopf und kalten Nudelspezialitäten, der Kaiserin Cixi und einer Privatklinik, wo man im Reisebus zum kostenlosen Gesundheitsservice gekarrt und von den Ärztedarstellern am Fließband untersucht und mit den passenden Medikamenten versehen wird, wie sich Lieschen Müller China eben vorstellt oder nicht und der erfahrene Rucksack- oder Massentourist darüber lächeln wird.
Es geht aber noch viel weiter mit den unglaublichen Geschichten um den unglaublichen Großvater und dessen nichtsnutzigen Enkelsohn.
Denn der erfindet nun noch die Geschichte von des Großvaters Jugendliebe zu der massigen Hantelstemmerin und Weltsensation Lian, die ununterbrochen mit Eiscreme gefüttert wird, vom Großvater aber geküßt werden will, was diesen zwar in Liebesrausch versetzt, aber vom Diener Hu gedolmetscht werden muß, der inzwischen bei Fenghuang ein Heim für arbeitsunfähige Akroaten leiten soll, in das der Großvater mit der jungen Dai verschwindet, während Keith im Westernwald die Identität des Toten bestreitet und dann zu spät zu seiner Hochzeit kommt.
So weit, so komisch der phantastische Roman eines erfundenden Chinas für alle überdrüssigen Weltreisenden und frustrierten Überleser, sicher wieder mit allen Spannungshöhepunkten und Schreiberegeln verfaßt und dem höchsten Kritikerlob versehen, weil etwas weniger Unwahrscheinliches und weniger Konstruiertes nicht mehr seine Leser findet, da es schon so viele Bücher gibt und das Authentischere längst geschrieben wurde?
Um Mißverständnisse zu vermeiden, mir mißfällt nicht die Reise im Kopf, da habe ich in “Taubenfüttern” Veronika Schätzmeister ja auch nach Italien geschickt, während sie am Balkon gesessen ist, sondern, daß die unglaubliche Komik eigentlich aus lauter Gemeinheiten und Nonsens besteht, so daß mich der Kaiser von China ein bißchen an des Kaisers neue Kleider erinnert hat.
Nachträge und Kleindetails
Von meiner Schreibklausur zurückgekommen, in der ich nicht nur Jaqueline Nagls tolle Textesammlung (www.schriftsteller-werden.de), das “Roman in einem Jahr” – Projekt des Autorenhausverlags und einige Blogs darunter das Literaturgeflüster, aber auch Andreas Eschbachs Schreibetips (www.andreaseschbach.com) und Anni Bürkls Texte und Tee durchstudiert, sondern auch wieder mal zwei ausführliche Rezensionen geschieben habe, melde ich mich wieder.
Das Rezensionenschreiben ist ja nach dem äußerst intensiven literarischen Herbst und Winter und dem Uwe Tellkamp Monsterprojekt etwas zu kurz gekommen.
Nachdem aber die meisten der obigen Schreibratgeber eindringlich, empfehlen viel zu lesen und den analytischen Blick auf die Texte der anderen loszulassen, habe ich das jetzt intensiver vor und mir als nächstes Tilman Rammstedts “Der Kaiser von China” vorgenommen.
Dann soll endlich Dietmar Füssels “Rindfleisch” folgen, der mir so getreulich seine Werke schickt, dann sind zwei Neuerwerbungen geplant, nämlich Marie-Therese Kerschbaumers “Ausfahrt” und “Hernach – Gottfried Benns Briefe an Ursula Zierbarth”, das ich mir am vorigen Montag in der Buchlandung kaufte, als ich in den Leserinnenzirkel in die Hauptbücherei gewandert bin.
Da habe ich mir dann gleich Sandra Hoffmanns “Schwimmen gegen blond” noch einmal gekauft.
Ja, ja, ich bin ein wenig schlampig bzw. ist das vielleicht schon das erste Anzeichen verlorener Übersicht in Richtung Büchermessimisus?
Zu Hause schaue ich dann immer in meinen Katalog und ärgere mich, jetzt muß ich es wieder tauschen bzw. der Ute Hundertmark mitbringen, wenn wir im März nach Leipzig fahren.
Am Donnerstag gab es ein großes Abendessen mit drei Gästen und einigen literarischen Gesprächen. Alfred hat aufgekocht und kann das prima, Hinweis für alle, die sich für das Thema Literatur und Essen interessieren.
Otto Lambauer, der einer der Gäste war, hat in seinen blog (fipsthinks.wordpress.com) schon darüber geschrieben und auch berichtet, daß er sich von der Literatur abwenden und mehr Nonsens schreiben will, was ich schade finde.
Aber vielleicht hat Otto Lambauer auch schon die Übersicht verloren, hat er doch das vierte Exemplar der neuen Volksstimmeanthologie, das ich ihm, weil sich dafür bei meinem Gewinnspiel kein Gewinner gefunden hat, für seine treue Berichterstattung versprochen und dafür eingeladen habe, vergessen mitzunehmen.
Der zweite Gast war Alfreds alter Freund Martin Potschka, für den ich 2007 die nicht mehr im Literaturhaus stattfinden könnende Veranstaltung “Arm-Reich-Grundeinkommen – prekäre und andere Arbeitsverhältnisse” organisiert habe, die er mir ein Monat vorher, als alles schon gedruckt und ausgeteilt war, kurz und bündig absagte und meinen Frust darüber auch am Donnerstag an seiner breiten Psyche abblitzen ließ.
Die Dritte war die Anna, die darüber klagte, daß sie manchmal im Literaturgeflüster erscheint.
Das Literaturgeflüster hat aber jetzt schon an die zwanzig regelmäßige Leser und Leserinnen, die mich zum Teil wissen ließen, daß sie den Blog deshalb lesen, weil sie da Nachrichten über den Literaturbetrieb erfahren, die sonst nicht zu hören sind.
Was ich schön und wichtig finde, weil ich mich ja sehr für das Kleine und Verborgene interessiere. Den Mainstreaminteressenten, die auch wissen wollen, was sich so in der experimentellen Szene tut, sei wiedermal Christiane Zintzens “in/ad/ae/quat” empfohlen, die das sehr ausführlich bespricht.
Und Anni Bürkl, deren Blog (texteundtee.blogspot.com) ich hier auch wieder sehr rühmen kann, hat den versprochenen Beitrag über das “Szenen schreiben” verfaßt, den ich mir ans Herz legen werde, wenn ich am “Haus” weitermache.
Da ist für das Wochenende die erste Textkorrektur mit Strichen und Erweiterungen geplant.
Vor allem das Johanna Buch kann Anni Bürkls Ratschläge sicher brauchen. Da gingen sich vielleicht auch ein paar neue Kapitel aus, zum Beispiel eines mit dem Titel “Die Analyse”, wo anhand der roten Schuh-Metapher, das Spiegelgrundthema noch mehr eingearbeitet wird.
Das das “Mehr zeigen statt beschreiben!”, das ja alle Ratgeberbücher predigen, was auch logisch klingt, aber zumindestens für mich nicht so einfach umzusetzen ist, immer noch mein Thema ist, darauf bin ich in der letzten Woche wieder mal gekommen und ich weiß jetzt auch, wie das vielleicht beim nächsten Mal besser werden kann.
In dem ich mir nämlich, bevor ich losschreibe, wirklich alle Szenen aufnotiere und vielleicht auch anschreibe, während mir das nachträgliche Erweitern, wie ich fast befürchte, immer noch nicht sehr möglich ist.
Im Scherbenpark
Sascha Naimann hat zwei Träume, nämlich Vadim zu töten und ein Buch über ihre Mutter zu schreiben.
Nach und nach erfährt man, was der superintelligenten und unschlagbar schlagfertigen siebzehnjährigen Russin geschehen ist.
Der Vater ihrer zwei Geschwister hat die Mutter und deren Freund ermordet, so daß sie nun von Cousine Maria, die aus Nowosibirsk extra in den Solitär, der Großfeldsiedlung für die schwachen Schichten eingeflogen wurde, versorgt wird, die immer nur bloß zwanzig deutsche Wörter kann und sich so von Saschas Erziehungsplänen gehörig dirigieren läßt, bis Sascha einmal Männerschuhe in der Wohnung findet, als sie früher als erwartet nach Hause kommt.
Da hat sie aber schon einen Besuch gemacht, nämlich in der Redaktion der Zeitung, in der die Volontärin Susanne Mahler ein Interview im Gefängnis machte und “Besuch beim Doppelmörder Vadim E. – Die Reue zerreißt mein Herz!” berichtete.
Der Ressortleiter Volker Trebur steckt ihr daraufhin seine Visitenkarte zu, was zur Folge hat, daß Sascha nach dem Männerschuhfund zu ihm und seinem sechzehnjährigen Sohn Felix in sein Landhaus flüchtet, Felix entjungfert und sich von Vater Volker beinahe vergewaltigen läßt, während der lungenkranke Felix im Krankenhaus wegen seiner Atemnotattacken beobachtet wird.
Also kehrt Sascha wieder in den Solitär zurück, lehnt die Einladung der beiden, mit ihren in den Urlaub zu fliegen ab, stattdessen gibt sie der strohdummen Angela, der Tochter Grigorijs, dessen Schuhe sich bei Maria befanden, Nachhilfeuntericht, während sich der Vater aus Gram zu Tode säuft.
Sascha wird im Scherbenpark von der Jugendgang wieder fast vergewaltigt und kann sich nur durch Schreie retten und erleidet einen weiteren Schock, als sie erfährt, daß Vadim sich selber umgebracht hat, statt auf sie zu warten, so daß sie ihre Rachepläne nicht mehr durchführen kann.
Aber vorher geht sie noch mit einem blonden bläuäugigen Neonazi, der ebenfalls Volker heißt, Inlineskaten und schleppt ihn in den Scherbenpark, wo er von der Russengang mit Schweine-Speed zwangsernährt wird, während Sascha die kleine Schwester Alissa auf dem Schoß des vierzigjährigen gelähmten Olegs findet, mit dem sie früher Schach spielte, während er den Jungs minutiös Pornos nacherzählte, die er sich aus der Videothek nach Hause liefern ließ.
Nun ist Sascha so aufgeladen, daß sie Steine sammelt, um damit dem Solitär ein Dutzend Augen auszuschlagen, nur leider wird sie in ihrer Vernichtungswut selbst von einem Stein getroffen, erleidet eine Gehirnerschütterung und einen Schädelbasisbruch und muß ins Krankenhaus, wo sie von Volker und Felix wieder in ihre Familie zurückgebracht wird, und wo dann alle glücklich miteinander spielen bzw. sich von Maria bekochen lassen, während Sascha die Familienfotos betrachtet, der toten Mutter verspricht in ihre Lieblingsstadt Prag zu gehen, ihren Rucksack packt und den Scherbenpark wieder verläßt.
Soweit die stark gekürzte Zusammenfassung von Alina Bronskys “Scherbenpark”, aus dem sie im vorigen Jahr um den Bachmannpreis gelesen hat und in Frankfurt sehr gepusht wurde, das mich ob der Beurteilung etwas ratlos macht.
Was ist das nun? Ein Schundroman, die realistische Schilderung einer sozialen Randsiedlung des Neoliberalismus mit allen seinen Scheußlichkeiten oder das perfekte Ergebnis eines verdammt guten Romanaufbaus mit Plot, Charakterführung und Handlungssteigerung, in der jede Szene gezielt geplant ist und nichts ausgelassen wird, so daß alles seine Action und Spannung bekommt, wie man das ja in den kreativen Schreibeschulen lernen soll?
Die Asche meiner Schwester
Es ist schon eine seltsame Reise, die die namenlose Ich-Erzählerin in Cornelia Travniceks hundertdreiundvierzig Seiten dickem Buch, Erzählung? Roman? mit dem vorübergehend arbeitslosen Psychologen Joshua, einem schmutzig weißen Pinscher namens Napoleon, der mittelgroßen blauen Urne und dreihundertdreizehn Euro zwanzig Cent nach Marokko unternimmt, um die Asche ihrer Schwester nach deren letzten Wunsch in den Rifbergen zu verstreuen.
Vorher und nachher gibt es je eine bis eineinhalb Seiten lange Reflexion über Austauschbarkeit und Erinnerung und dann drei Kapitel, die von Barbara Ebelings schönen Blumenbildern eingeleitet werden.
Im ersten Kapitel werden wir in die traumatischen Erinnerungen der Erzählerin und in ihre Beziehung zu der Schwester eingeführt, die zu wachsen aufhörte, als die Mutter den Vater verließ.
Die Schwester litt daran und klammerte sich an den Vater, bewunderte die starke Andere, die das mit der Mutter viel leichter nahm und dem Vater eine Stütze war, aber die hatte Probleme mit ihrem Freund, der ihr offenbar trotz schwanger werden weggenommen wurde und den sie schließlich mit einem Messer sticht, als er ihr zu nahe kommt, während der Vater schweigt…
Im zweiten Kapitel werden die Perspektiven gewechselt und von Joshua Meier erzählt, der kein Jude ist, aber auch nicht Michael oder Stefan heißt und der, um der Menschheit einen Gefallen zu tun, Psychologie studiert und einer neunzehnjährigen Rothaarigen zuliebe, Linguistik, um sich kurzentschlossen einem Trupp missionarischer Entwicklungshelfer anzuschließen, denen er in den indonesischen Urwald folgt, wo er sich in eine schöngeschminkte puppenhafte Zeichnerin verliebt, die ihn mit Eierkuchen füttert, aber beim Geschlechtsakt weint, weil sie die Schwester ist, die im dritten Kapitel, bei einem Autounfall ums Leben kam, so daß die seltsame Reise beginnt, da der Hund an Flugangst leidet.
Und es passiert auch viel auf dieser Reise durch Italien, Frankreich und Spanien.
Der Psychologe betreibt Zuckertourismus und ernährt sich unentwegt von Schokolade und Gummibärchen, während Napoleon die Nahrung verweigert, in Barcelona geht das Auto kaputt und es wird aus Geldmangel am Strand geschlafen.
Joshuas Handy wird geklaut und die Einreise nach Marokko scheitert fast an einem fehlenden Stempel, während die Ich-Erzählerin einen Sperling auf den Finger gesetzt bekommt, der sie dann beinahe nicht mehr verlassen will.
Trotzdem erreichen sie ihr Ziel, streuen singend die schwesterliche Asche aus, nur den inzwischen toten Hund lassen sie zurück, bevor ihr Nachhauseweg in eine vielleicht bessere Zukunft des skeptischen Miteinanders beginnt.
Es ist ein locker dahin erzähltes Buch mit schweren Themen, vielen Wortschöpfungen und originellen Wendungen und der Hoffnung auf eine neue Liebe der verhinderten Weltretter und Familiengestörten, das leicht und spannend zu Lesen war und wenn ich einen kritischen Einwand machen darf, ein Psychologe ist nicht unbedingt ein Analytiker, wenn er sich nicht dafür extra ausbilden läßt und er hat auch keinen anderen Zugang zu Drogen, als die Normalsterblichen, aber sonst haben mir die lockeren Wendungen und Beschreibungsbilder gefallen und sind mir auch stimmig vorgekommen.
Cornelia Travnicek, die für dieses Buch die Autorenprämie des Bundesministeriums bekommen hat, hat inzwischen, wie auf ihrem Blog nachzulesen ist, ein neues Buch herausgebracht und den ersten Entwurf ihres nächsten Romans fertiggestellt, den sie nun ein Monat in der Schublade liegen lassen will, während ich ja bald meinen Text korrigieren werde.
Und es war auch sehr interessant, den Text mit meinem Schreibprozess zu vergleichen um herauszufinden, wie es die viel Jüngeren machen.
Leserinnenzirkel – Textvorstellungen
Jetzt habe ich mich ein paar Tage mit der Schreibtheorie beschäftigt, obwohl ich von den gängigen Ratschlägen, den Rohentwurf ersteinmal eine Weile liegen zu lassen, nicht besonders viel halte.
Ich bin eben ein schneller Typ und werde das Ganze höchstwahrscheinlich auch in der Form belassen, also viel mit Rückblenden arbeiten, aber versuchen den Johanna und den Sarah-Teil um ein paar Kapitel zu erweitern. Da gibt es sicher noch viel Ungesagtes, bis jetzt nur Angedeutetes.
Mal sehen, ob und wie es mir gelingt. An sich bin ich in nachträglichen Texterweiterungen nicht besonders gut, weil zu ungeduldig, es könnte aber klappen.
Jaqueline Nagl von schriftsteller-werden.de hat auch gerade passend einen Trainingsplan für Romanschriftsteller erstellt, mal sehen, ob sich das verwenden läßt.
Ansonsten bin ich gestern in der Hauptbücherei bei der neuen Form des Lesezirkels gewesen.
Die haben jetzt immer ein Thema, diesmal hieß es “Erinnerung”. Dabei wurden Ruth Klügers “weiter leben” und “unterwegs verloren” vorgestellt.
Bücher mit denen ich mich im Herbst beschäftigt habe, deshalb habe ich auch eifrig mitdisuktiert. Erich Schirhuber und der Herr von readme.cc haben die Bücher nicht sehr literarisch gefunden. Dabei ist Ruth Klüger Germanistin und hat sich da einen Namen gemacht. Ich bin mit den Traumatisierungen und den psychischen Einflüssen dahergekommen und habe meine Ambivalenz, die ich beim Lesen hatte, ausgedrückt. Ich habe nur das Gratisbuch gelesen, aber da waren meine Empfindungen intensiv.
Es war also eine interessante Nachbereitung, allerdings denke ich, daß ein bzw. zwei Bücher pro Abend zu wenig sind. Denn da war bald alles gesagt, die meisten Zuhörer hatten die Bücher, glaube ich, auch nicht gelesen und so haben wir im Kreis diskutiert.
Zur Diskussion von Olga Flors “Kollateralschaden” werde ich wahrscheinlich nicht kommen, aber im April, wenn es um die Wende geht und “Adam und Evelyn” besprochen wird, das habe ich zwar nicht gelesen, aber das andere herum und heute habe ich mich spontan entschlossen in die alte Schmiede zu den Textvorstellungen zu gehen, denn da ging es um Krimiautorinnen und neue Täterinnen.
Bei Sabine Groschups “Teufels Küche” bin ich zwar zu spät gekommen, aber es ging, wenn ich es richtig verstanden habe, um eine Botschaft, die durch Tischerlrücken gefunden wurde, ein Kellerverließ und einen Jungen ohne Zunge.
Dann hat Lisa Lercher zwei starke Geschichten aus dem Milena Buch “Besser tot als nie” gelesen, wo es um die Rache unterdrückter Frauen ging.
Nun ja, ich habe ja mit Krimis Schwierigkeiten, obwohl ich sie gern lese. Mein Problem ist nur, daß ich das meiste, wo die anderen lachen, nicht lustig finde und ich weiß auch nicht, ob es eine Lösung ist, wenn eine Frau, die von ihrem Mann im Nachthemd aus dem Haus gesperrt wird, diesem im Semifinale, statt der gewünschten Chips ein Messer in den Rücken stößt und ihn dann einfrieren wird und daß eine ältere Dame ihren Asylwerber namens Noah aus lauter Liebe präpariert, damit er sie nicht verläßt, finde ich auch eher unappetitlich und politisch korrekt ist es auch nicht.
Ich kenne aber Lisa Lercher, habe mit ihr einmal einen der Stern Preise gewonnen und auch zwei ihrer Krimis gelesen.
Dann kam schon Mieze Medusa oder Doris Mitterbacher und deren Text habe ich schon in der Erotiknacht bei “Rund um die Burg” um vier Uhr früh gehört.
Da fesselt eine prekär Beschäftigte, die immer mit ihrem Karma spricht, einen älteren Verehrer mit Handschellen ans Bett und verschwindet mit seinem Geld, um ihre Probleme zu lösen. Nun ja, daß Mieze Medusa eine erfrischend starke Sprache hat, ist mir schon aufgefallen.
Und passend zu den Krimiautoren:
Anni Bürkl hat jetzt den versprochenen Wunschkrimi in drei Folgen vorgestellt und was ich sehr spannend finde, aus den sieben Wünschen eine spannende Mischung mit einer interessanten Wende gemacht. Es fängt mit meinem roten Bezirksvorsteher in den neoliberalen Zeiten an, der hat etwas mit einer russischen Altenpflegerin, die in Wahrheit die alten Männer mit Sex im Altersheim versorgt und dann spielt das Ganze plötzlich in Essen, wo zwei Autorinnen einen Theaterkrimi planen und darüber in Streit geraten, wie sich das Claus Finzi wünschte.
Eine originelle Idee aus dem Ganzen eine Mischung zu machen, so daß am Ende keiner böse ist.
Anni Bürkl gehört ja auch zu den mörderischen Schwestern von denen Lisa Lercher in der alten Schmiede berichtet hat und Klaudia Zotzmann, deren Blog ich regelmäßig lese, hat vor kurzem von einem solchen Treffen berichtet.
Nachrichten vom Land
Hurra wir haben jetzt in Harland Internet und Otto Lambauer braucht sich nicht mehr vor Entzugserscheinungen fürchten. Jetzt gibts nur mehr Urlaubssperre, denn in ein Internetcafe setze ich mich sicher nicht.
So sind wir also Freitag Abend nach der Abrechnung auf das Land gefahren und Alfred hat, da seine Eltern in Ungarn sind, bis weit nach Mitternacht den Schnee weggeschaufelt, damit er in die Garage fahren konnte.
Gestern hat er es dann installiert, vorher war er in St. Pölten einkaufen und hat berichtet, bei Thalia gibts viele Bücher um einen Euro.
Wir sind hingefahren, aber zu spät gekommen, was nichts macht, denn lesen kann ich die Bücherflut ohnehin nicht. Ich hab mir einmal ausgerechnet, wenn ich achtzig werde und ab jetzt nichts mehr mache, als essen, baden, lesen, schlafen und nichts dazu kaufe, schaffe ich es trotzdem nicht und das mache ich nicht, denn schreiben hat ja die oberste Priorität.
Und so habe ich auch den Rohentwurf fertig geschrieben. Es sind achtundfünzig Manuskriptseiten. “M M oder die Liebe zur Germanistik” und “Die Zusteigerin” haben auch nicht viel mehr und das wäre das knappe Kurze, nach den dreihundert Seiten Roman der “Radiosonate”.
Jetzt gehe ich in Klausur, lese mir einges durch, das “Roman in einem Jahr”- Projekt beispielsweise und die Schneeflocken Methode, die ich bei Jacqueline Nagel gefunden habe, wo erklärt wird, wie man seine Ideen in einzelne Szenen zerlegen kann.
Das weiß ich inzwischen aber schon, denn ich habe gestern in der Badewanne den vorigen Buchpreisroman Julia Franck “Die Mittagsfrau” zu lesen angefangen und da wird es vorgemacht.
Es beginnt mit dem Prolog, wo der Vater der Autorin von seiner Mutter nach Kriegsende auf einem Bahnhof verlassen wird und dann geht es weiter mit der Jugend Helenes, die erklärt, warum das passiert und dann hat es vierhundertdreißig Seiten.
Da habe ich bis jetzt die “falsche” Form gewählt, nämlich nach dem Prolog nicht mit der kleinen Klara angefangen, sondern in der Seniorenresidenz weitergemacht und die alte Frau in ihrer Bilderschachtel wühlen lassen und enden tut es vor dem Epilog, daß Sarah vom OWS in die Seniorenresidenz kommt, um ihre Mutter abzuholen.
Das das seine Reize hat, habe ich am Freitag festgestellt. Daß ich es auch anders kann, müßte ich beweisen, ich weiß aber nicht, ob ich wirklich will. Denn jetzt würde ich sagen, das ist mir zu fad und das merke ich auch beim Lesen der “Mittagsfrau”, es war doch gerade so spannend und jetzt gehts zurück in die Vergangenheit und ich denke, das interessiert mich nicht.
Mal sehen, die, die jetzt den Einwand von den Trauben bringen, haben natürlich recht, denn ich muß manchmal gestoßen werden.
So haben sich meine Cousinen beispielsweise vor ein paar Wochen über die verwelkten Blätter bei meinem Pflanzenurwald in der Krongasse mokiert, ich habe “Na und!” gesagt und am Montag begonnen alles auszurupfen. Jetzt schaut es besser aus!
Und es hat auch schon Arthur West vor Jahren zu mir gesagt, es ist schade, daß ich keinen Lektor habe.
Nun ja, habe ich nicht, ich weiß aber schon einiges und habe noch eine erfreuliche Mitteilung für meine Kritiker.
“Das Haus” handelt nur vom Steinhof und von einer Ärztefamilie und nicht vom Literaturbetrieb und dem erfolglosen Schreiben, womit ich die Leute ja manchmal nerve, was, wie ich denke, für mich aber wichtig ist.
Und daher wirds gleich wieder literarisch. Denn Alfred hat mir gestern auch “die Presse” gebracht und da gibts eine Rezension von Peter Roos “Geli Geil” über das Buch von Uwe Bolius “Hitler von innen” und das ist ein einziger Verriss:
“Nichts stimmt an diesem Buch, dem bramarbasierenden Bombast dieses durchgeknallten Pamphlets. Rührei aus Füllseln, Austriazismen, Namensdropping… “Hitler von innen” ist in Wirklichkeit die adolphobe Autobiografie eines rechthaberischen Autodidakten, taumelnd zwischen literarischer Einbildung und historischer Halbbildung…” und so weiter und so fort.
Da wird mir schlecht von der Überheblichkeit des Rezensenten und ich denke, das muß doch nicht sein!
Erlebe es aber immer wieder, daß Autoren, die, wie Bolius schon sehr früh beim Bachmannpreis gelesen haben und dann auch ein Buch bei Suhrkamp hatten, es aber aus irgendeinen Grund nicht weitergeschafft haben, von ihren Kollegen so abgeurteilt werden.
Bei Thomas Northoff habe ich das im Ex Libris erlebt und mir, die noch kein Buch bei Suhrkamp hat, ist es mit meinen “Hierarchien”, die in der Edition Wortbrücke erschienen sind, nicht anders gegangen.
Da habe ich das Manuskript an zweiundvierzig Verlage geschickt, darunter an die “Weilburg Autorenreihe” und einen sehr lieben Brief von einem Peter Zumpf bekommen, der das Buch zwar auch nicht bringen wollte, ich hatte aber den Eindruck, er wäre an sich interessiert.
Dann hat es Jack Unterweger gemacht und es ist in der Zeitschrift “Literatur aus Österreich” eine vernichtende Kritik von eben diesem Peter Zumpf erschienen, ungefähr so “Hier liegt wieder ein Buch vor, über das man sagen kann, absolut nichts versäumt zu haben, falls man es nicht gelesen hat…”
Das hat mich damals sehr verwirrt, weil ich es nicht verstanden habe. Jetzt verstehe ich die Zusammenhänge besser und füge zu meiner Ehrenrettung hinzu, in demselben Heft sind noch zwei weitere ebenso vernichtende Rezensionen erschienen, so daß sich die Leser im nächsten Heft darüber aufgeregt haben. Es half aber nichts, denn als ich mich um ein Stipendium beworben habe, hat mir das NÖ-Kulturamt genau diese Rezension geschickt. Und ich hatte auch Bessere, eine wurde mir z.B. von Johanna Rachinger übermittelt.
Nun ja, einer meiner Versuche aus diesem Frust herauszukommen, ist das Literaturgeflüster, denn da kann ich es anders machen und seit ich es betreibe, geht es mir auch besser mit dem Literaturbetrieb, das habe ich kürzlich Alfred Goubran geschrieben und das stimmt auch.
Neues von der Schreibfront
Bevor es nach Harland ins Wochenende geht noch einen Kurzbericht.
Mit dem Schreiben geht es aufwärts. Ich bin eigentlich immer sehr schnell und habe das 6. Sarah Kapitel “Pflegenotstand” abgeschlossen.
Jetzt fehlt noch der Epilog, bei dem die zehnjährige Naomi nach der Schule im Kaufhaus Gerngross herumspaziert, den werde ich wahrscheinlich in Harland schreiben.
Den Prolog, die Hundertjahrfeier habe ich vor einem knappen Monat Anfang Jänner, auch in Harland gemacht.
Das wäre dann der Rohentwurf, der so an die fünfundfünfzig Seiten haben wird.
Wenn ich wieder in Wien bin, kommt die Entscheidung, lasse ich es kurz oder gehe ich das Ganze nochmal durch und fange mit den Einzelszenen an?
Ein Teil in mir ist für das Laissez faire, denn ich denke das Konzept ist gut und die Idee es so zu machen, auch originell.
Die Sarah Albert Geschichte ließe sich aber natürlich auch noch ausarbeiten.
Eigentlich toll, daß ich in vier Wochen den Entwurf so hinbekommen habe, wenn ich es so lassen sollte, korrigiere ich dann aber wieder einige Monate herum.
Meistens ändert sich nach dem Rohentwurf bei mir nicht mehr sehr viel und wenn ich über die Wirkung nach außen reflektiere, so ist es natürlich die Frage, ist eine Erzählung über hundert Jahre Steinhof das Neue, was der Literaturbetrieb sucht und will?
Für mich war es aber eine interessante Idee und die Arbeit bis jetzt sehr spannend und das Schreiben darüber auch sehr lehrreich.
Und dann stellt sich die Frage, wie ich damit bemerkt und gelesen werde und mehr Feedback bekomme? Die Anerkennung also mit der Christa Nebenführ so Schwierigkeiten hat, die aber doch sehr wichtig ist und das ist auch mein Problem, daß ich da unzufrieden bin. Mit dem Schreiben bin ich das nicht mehr so sehr.
Früher habe ich das Ganze kopiert und an die Verlage geschickt, an die vierzig bis fünfzig Mal.
Leider war die Resonanz negativ, so daß Alfred auch schon vor fast zehn Jahren, die Idee des Selbermachens hatte und mir das erste Buch, die “Wiener Verhältnisse”, zum Geburtstag schenkte.
An sich ist das eine tolle Idee und die Möglichkeiten des Digitaldrucks sind eigentlich sehr gut. Schnell und billig, so daß ich damit zufrieden bin, nur läßt die Reaktion, die von außen kommt sehr zu wünschen übrig.
“Was ist das? Eigenverlag? Das wollen wir nicht!”
Ohne sich die Mühe zu machen hinein zu schauen. Und das ist dann sehr frustriend und ich habe das Gefühl über zu bleiben, was ich ja nicht will und ein sehr unangenehmes ist.
Leider leider, ich weiß auch nicht warum, scheint es bei mir mit den Verlagen nicht zu klappen, ich höre aber von den Kollegen, die es bei den Kleinverlagen versuchen, auch nur Klagen, was da alles schiefgeht, obwohl alle sehr fixiert darauf sind.
So tendiere ich es bei dem Gewohnten zu belassen, weil ich das schon kenne und eigentlich ein selbständiger Mensch bin und meine Bücher auch sehr schön finde, nur sagen dann die anderen, es fehlt der Vertrieb und es ist ja auch recht schwierig zu Lesungen zu kommen, siehe beispielsweise Literaturhaus oder “Rund um die Burg”.
Ein bißchen mehr würde ich also schon gern bemerkt werden, schon um zu zeigen, daß ich es kann.
Soll ich also wieder eine Initiative starten und versuchen einen Verlag zu finden, um mir die Chance nicht selber wegzunehmen, wie ich manchmal das Gefühl habe, daß ich das mit dem Selbermachen tue, was ich ja auch nicht will?
Interessante Fragen im Zwischenschreibprozeß, denen ich wieder etwas ratlos gegenüberstehe, vielleicht hat aber einer meiner Leser eine Antwort für mich.
Ansonsten habe ich gestern Bärbel Dannebergs “Alter Vogel, flieg”, gelesen, das mir sehr gefallen hat. Hier gibt es auch drei Aspekte, die Tagebuchpassagen aus dem Alltag einer pflegenden Tochter, daneben Briefe und Erinnerungen von Kindheit und Jugend der Mutter und dazwischen sind immer wieder gesellschaftspolitische Gedanken eingeblendet.
Ein ergreifendes Buch, das ich wirklich sehr empfehlen kann.
Alter Vogel, flieg
Die Recherchepläne heute auf den Steinhof zu gehen, habe ich auf der Mariahilferstraße aufgegeben, nachdem ich gesehen habe, bei Buchlandung gibt es wieder eine Ein-Euro-Kiste, also hinein und mit Marie-Therese-Kerschbaumers “Ausfahrt” aus dem Landvermessung Lesekoffer, Jan Koneffkes “Paul Schatz im Uhrenkasten” und Helena Janeczeks “Lektionen des Verborgenen” bin ich nicht hinaufmarschiert. Zumal ich eigentlich schreiben wollte und das Wetter nicht so war, daß ich das oben tun hätte können. Also bin ich trotz verschobener Klientenstunde bei dem ursprünglichen Plan, die Recherchearbeit in den “Thalia” zu verlegen geblieben und habe mir dort wieder die Jenny Erpenbeck und den Jonathan Coe geholt und vor allem den studiert und das war sehr aufbauend. Denn das Konstrukt ist nicht so kompliziert, das bringe ich auch zusammen.
Eine Rahmenhandlung und dann zwanzig Geschichten, die ganz einfach Bildbeschreibungen sind und ich habe eigentlich auch eine gute Konstruktion.
Nämlich die hundert Jahre, die mit der Hundertjahrfeier zu beginnen, in die die Nachricht vom Tod Klaras kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag kommt und dann die drei Geschichten bzw. Bücher Klara-Johanna-Sarah mit den jeweils wechselnden Perspektiven und das Ganze spielt an einem Tag bzw. an dem davor und dabei werden das ganze Frauenleben und das der Tochter, Enkel- und Urenkeltochter und noch einige andere Geheimnisse und Verwicklungen aufgerollt.
So wie es jetzt angelegt ist, wird es sicher nicht sehr lang, aber irgendwie gefällt mir auch das Kurze, die Andeutungen des Schreckens sozusagen und das Zeigen der Ereignisse in Bildern und Metaphern.
Das ist was ich jetzt habe, bzw. noch kommen soll, aber wie schon geschrieben, ich lasse es mir offen, das Ganze doch noch aufzurollen und das bis jetzt nur Angedeutete auszuschreiben, weil man das ja auch können muß, bzw. lernen soll.
Ich bin also zurückgegangen und habe das dritte Sarah Kapitel geschrieben, dazwischen ist ein sehr lieber Kommentar von Anni Bürkl gekommen, die die Schwierigkeit mit klarem Blick sofort erkannt hat.
Und am Abend gab es wieder eine Buchpräsentation im “Rotpunkt” in der Reinprechtsdorferstraße, nämlich Bärbel Dannebergs “Alter Vogel, flieg”, das Tagebuch einer pflegenden Tochter, die die Demenzkrankheit ihrer Mutter beschreibt, also auch zum Thema passt, obwohl meine Klara nicht an Demenz leidet, sondern noch mit achtzig mit der Enkeltochter für die Rigorosen lernt.
Es ist aber ein Thema, das mich interessiert und das ich auch schon hinter mir habe, die Pflege meines Vaters nämlich und ich schreibe ja auch oft über sehr alte Menschen und dann kenne ich Bärbel Danneberg schon lang. Nämlich seit 1979, als ich in den Arbeitskreis schreibender Frauen gekommen bin, der im “Rotpunkt” von ihr organisert wurde, die damals in der “Stimme der Frau” geschrieben hat (in der ich meine erste Veröffentlichung hatte). Seither sehe ich sie gelegentlich auf dem Volksstimmefest, vor zwei Jahren haben wir uns in Leipzig auf der Messe getroffen, da ist dann bald ihr Mann Julius Mende an einer Krebserkrankung gestorben und von dem Buch weiß ich, weil Vorabdrucke im Augustin erschienen sind. Jetzt habe ich es für den Alfred gekauft und werde es gleich in der Badewanne lesen.
Aber vorher gibt es noch ein paar Jubelmeldungen, nämlich erstens bin ich mit dem Uwe Tellkamp fertig und werde mir als nächstes Cornelia Travniceks “Die Asche meiner Schwester” vornehmen, um herauszufinden, wie die Leute schreiben, die geboren wurden, als ich meine ersten Romane schon hinter mir hatte.
Ob ich eine extra Rezension über das Tellkamp Buch schreiben will, weiß ich nicht. Ich habe es ja in den letzten Monaten immer wieder eingeflochten und diese Beiträge werden auf meinem Blog auch gut besucht. Er hat vor kurzem wieder einen Preis gewonnen und die Lektüre war lang und interessant. Im letzten Frühjahr hatte ich auch so eine Monsterlektüre, die alles andere für Monate lahmlegte, nämlich Jonathan Littells “Die Wohlgesinnten”, das mich Karl Stubenvoll aussuchen ließ, als ihn Alfred bekocht hat.
Beim Tellkamp Buch steht auf der Rückseite “Ein Meisterwerk, wenn in Zukunft einer wissen will, wie es in der späten DDR wirklich gewesen ist, sollte man ihm diesen Roman in die Hand drücken”.
Da bin ich mir nicht sicher, ich war zwar nur einmal zwei Wochen in der realexistierenden DDR, nämlich im Jahr 1985 und dabei einen Tag in Dresden, aber ich denke, dieses Luxusleben, das in dem Buch beschrieben wird, ist nicht die ganze Wirklichkeit. Es ist auch viel Sex und Crime dabei und natürlich langatmig und ich habe auch nicht alles mitbekommen, weil ich es in Etappen gelesen habe.
Vom Stil her ist es mir ein bißchen antiquiert bzw. sehr kunstfertig vorgekommen. Es ist aber natürlich eine Monsterarbeit und ich habe schon geschrieben, der Bachmanntext damals hat mich fasziniert, da habe ich gedacht, der kann besser schreiben, bei den neunhundert Seiten hat sich dieser Eindruck wieder verwischt.
Interessant war es aber trotzdem und die Schriftstellergeschichten habe ich, glaube ich, schon im Original gelesen, z.B. in dem Briefwechsel Fühmann-Wolf.
Und die zweite Jubelmeldung, ich habe wieder im Gewinnspiel von Dietmar Füssl einen Text von ihm gewonnen.
Ja und dann ist auch John Updike gestorben, von dem ich auch ein paar Bücher habe, die ich noch lesen muß.
Weiterschreiben
Inzwischen habe ich weitergeschrieben und bin bei dem Buch Sarah beim zweiten Kapitel angelangt, zwei weitere sind noch konzipiert, sowie der Epilog und dann damit in Klausur gehen, entweder das Ganze als kürzere Erzählung korrigieren oder mit dem gesammelten Material neu beginnen, um doch zum großen Roman zu kommen, den ich ja immer schreiben will, aber vielleicht doch nicht kann oder will.
Mal sehen, ich weiß es noch nicht, war aber wieder fleißig und habe das Programm für den 11. Mai an das Literaturhaus geschickt und von der Silvia Bartl die Rückmeldung bekommen, daß sie bei der Ankündigung mehr Hintergrundinformation hineinbringen will, was mir bitter aufstieß, daß sie da herumkorrigiert.
Das geht zwar auch schon so seit einigen Jahren und was habe ich für Alternativen? Entweder das Organisieren überhaupt lassen oder das nächste Jahr die Veranstaltung woanders machen? Kein sehr gutes Gefühl, wenn man sich bemüht und bemüht und immer über Steine stolpert, aber leider sehr bekannt.
Judith Gruber-Rizy hat dafür die Daten für die Lesung bei den nächsten Literaturtagen im November geschickt.
Kein Honorar, bescheidener Verkauf beim Büchertisch, Besuch nur mit viel Werbung, wollt ihr trotzdem lesen?
Das Thema heißt “Frauensicht auf Entwicklungen” passend zum Darwin Jahr und wird am 17. November um 19 Uhr sein, wer sich das schon merken will.
Da passt vielleicht mein Prolog, denn “Das Haus” beschreibt ja eine Entwicklung von hundert Jahren, beziehungsweise ein genauso langes Frauenleben, egal ob mir das jetzt lang oder kurz gelingt.
Am Abend bin ich in die Gesellschaft für Literatur gegangen, wo Max Blaeulich “Stackler oder die Maschinerie der Nacht” und Julya Rabinowich “Spaltkopf”, beides Buchprämienbücher vorgestellt wurden.
Der Besuch war ebenfalls bescheiden, ein paar Studenten waren da und Christa Stippinger von der Edition Exil, die das Rabinowich Buch herausgegeben hat und ich habe mich wieder isoliert gefühlt.
Vielleicht lag es auch an der Diskussion, denn da ist es um ausgestellte Totenköpfe bzw. um den Mohr des Fürsten Liechtensteins gegangen, dabei hat Julya Rabinowich von ihrer Emigration aus Russland in den Siebzigerjahren gelesen und von dem Kind das mit einer zerschmolzenen Mozartkugel in der Hand im Flugzeug sitzt und nicht glaubt, daß es in Wien statt in Litauen gelandet ist und bei Max Blaeulich ging es, um den niedergeschlagenen Februaraufstand von 1934 und von den Sozis, die nach Rußland gehen sollten, da sie es dort besser hätten.
Darüber hätte sich in Verbindung mit der Russland Emigration eine interessante Diskussion ergeben können, ich muß aber gestehen, daß ich mich so erschlagen fühlte, daß ich sie nicht versuchte.
Und da meine Klientin die Stunde verschoben hat, kann ich morgen doch einen Steinhofttag einlegen.