Heute war wieder Jurysitzung des Ohrenschmauses, Literaturwettbewerb für Menschen von und mit Lern oder intellektueller Behinderung, den es seit 2007 gibt. Weil ich den Otto Lambauer von Alfreds Wandergruppre kenne, bin ich in der Jury und da mich Literatur in allen ihren Formen interessiert, habe ich auch sehr viel gelernt dabei und kenne mich jetzt mit dem, was Menschen, die beispielsweise ein Downsydrom schreiben, auch gut aus.
Franz Joseph Huainigg, der einmal Behindertensprecher der ÖVP war oder das noch ist, hat ihn gegründet. Wenn ich die Legende richtig verbreite, hat er sich zum vierzigsten Geburtstag einen solchen Literaturpreis gwünscht und Michael König, die das Vorbild für meine “Mimi” war, hat ihn dazu angeregt. Otto Lambauer, der das Literaturgeflüster anfangs sehr verstärkte und im Behindertenbereich der Caritas tätig ist, hat mir davon erzählt, bzw. wollte er wissen, wie man in das Literaturhaus für die Preisverleihung kommt. 2007 hat sie dort stattgefunden, weil der Rollstuhlzugang, glaube ich, doch nicht so ganz optimal war, wurde es in das Museumsquartier verlegt und ich bin mit Felix Mitterer, Barbara Rett, Heinz Janisch und Kurt Palm in der Jury. Am Anfang war noch die Kinderbuchautorin Friedl Hofbauer, die ich durch Vermittlung von Valerie Szabo, einmal, lang lang ists her, für meine Dissertation interviewte dabei. Im vorigen Jahr habe ich Ludwig Laher und Adrea Stift für die Jury vorgeschlagen und die Beschäftigung mit der Literatur von Lernbehinderten immer sehr genossen. Wurde da ja gleich im ersten Jahr Renate Gradwohl als großes Talent entdeckt und seither bin ich der Ansicht, daß Ernst Jandl, der sich, glaube ich, mit dem Haus der Künstler in Gugging sehr beschäftigt hat, von Leuten mit sogenannten Lernbehinderungen vom Schreiben inspirieren ließ. Renate Gradwohl schreibt jedenfalls so, wie es Ernst Jandl manchmal tat.
Im zweiten Jahr begann es ein bißchen problematisch zu werden, stellte sich doch heraus, daß das Preisträgergedicht von Astrid Lindgren war und damals gab es die Idee, die sich nicht durchgesetzt hat, daß die Jury jeweils drei Texte in den Kategorien Prosa, Lyrik und Lebensbericht auswählt und den Vorjahrspreisträgern nämlich Renate Gradwohl, Herbert Offenhuber, etc zur Verfügung stellt. Nur leider war das Gedicht, daß die Endjury auswählte, nicht vom Einreicher, von den zwei anderen Einreichungen stammte ein Gedicht von Anton Blitzstein, der vom Augustin, seinen Mondkälbern und seinen Katzen sehr bekannt ist, aber der ist kein Mensch mit Lernbehinderung, sondern einer mit Psychiatrieerfahrung und wir begannen die Kriterien für die Einreichung zu diskutieren.
2009 und 2010 gab es damit keine Schwierigkeiten. 2009 wurde mit dem Text von Sarah Lutschaunig, eine tolle Prosabegabung einer sehr jungen Frau, die sagte, daß erste Mal eingereicht und gleich gewonnen hat, entdeckt und in Josefine Bitschau Lebensbericht eine alte Dame, die davon schreibt, wie es damals war, als man sich verstecken mußte, damit einem Hitler nicht erwischt.
2010 gab es mit Reinhard Buchmann wieder einen Prosagewinner mit einem unheimlich starken Talent, das in seiner Sprachgewalt an Thomas Bernhard erinnert, obwohl der Einreicher, wie seine Betreuer meinen, nicht viel spricht.
2010 wurde die Jury durch meine Mithilfe eine wenig aufgefrischt und 2008 wurden Kriterien festgelegt, so daß sicher ist, daß nur mehr Menschen mit Lernbehinderungen einreichen und das ist ein Begriff, der leicht mißverstanden werden kann. Denn was ist eine Lernbehinderung? Eine Legasthenie und eine Aufmerksamkeitsstörung. Aber das ist eigentlich nicht damit gemeint, sondern die geistige Behinderung, die inzwischen intellektuelle Beeinträchtigung heißt. Die Betroffenenen nennen sich, ganz klar, lieber lernbehindert. Aber das kann zu Mißverständnissen führen, wie ich zum Beispiel vorige Woche im Literaturhaus merkte, als ich einem Herrn vom Ohrenschmaus erzählte und der sofort meinte, da reicht er ein, denn er ist Epileptiker und, daß sich depressive Akademiker oder Menschen mit Psychiatrieerfahrungen angesprochen fühlen, haben wir schon erlebt.
Franz Joseph Huainigg will aber, daß der Preis für Menschen mit Lernbehinderungen, wie beispielsweise einem Down Syndrom vorbehalten bleibt und so wird seit 2008 vorher geschaut, daß die Kriterien stimmen, was nicht immer gelingt, so waren heuer einige Texte dabei, die sich mit dem ADHS-Symptom beschäftigten, die eigentlich nicht teilnahmeberechtigt wären.
Trotzdem ist die Beschäftigung mit den über hundert Einreichungen eine sehr schöne Sache und wenn man es zum fünften Mal macht, weiß man, obwohl es offiziell eine anonyme Einreichung gibt, schon in etwa, von wem der Text stammt, denn der Ohrenschaus hat seine Stammeinreicher und ich weiß in etwa auch, ob der Text den Kriterien entspricht oder nicht und wenn jemand das ADHS-Symptom beschreibt, dann stimmt es wahrscheinlich nicht.
Aber mir ist das eigentlich egal und ich finde es noch immer schade, daß Anton Blitzsteins schöne Texte, der heuer vielleicht bei meinem Geburtstagsfest lesen wird, hier nicht aufgehoben sind.
So war es auch heuer, über hundert schöne Texte und wie Kurt Palm meinte, manche zu perfekt. Ich habe damit, wie gesagt, kein Problem, sondern einen offenen Literaturbegriff und so war die Jurysitzung heute Mittag im Parlament mit Felix Mitterer, Heinz Janisch und Ludwig Laher auch sehr interessant, besonders da wir uns bezüglich unserer Favoriten ziemlich einig waren.
So gab es einen sehr schönen Lebensbericht für den wir eigentlich alle stimmten, auch bei der Prosa waren wir uns ziemlich einig, über die Lyrik wurde ein bißchen diskutiert. Nach einer Stunde waren wir fertig und bereit uns auf die Preisverleihung am 29. 11. um 19 Uhr im Museumsquartier zu freuen.
Vorher muß ich noch das Vorwort für das Buch “Nicht schlafen können”, das inzwischen in der Edition der Provinz entsteht und das zur Preisverleihung anläßlich fünf Jahre Ohrenschmaus vorgestellt werden wird, fertig schreiben.
Einen kleinen Wermuthstropfen gab es noch mit dem Prosatext, von dem sich inzwischen herausstellte, daß er auch zu “perfekt” ist, da es aber eine sogenannte Ehrenliste gibt, auf die die vielen anderen schönen Texte Platz finden, werden wir noch einen Prosatext finden, der den Kriterien der intellektuellen Behinderung entspricht. Die Behindertenolympic macht dafür, glaube ich, IQ Tests und läßt nur Leute teilnehmen, die einen IQ unter 85 oder 75 aufweisen, aber das ist eine Selektion, die ich gar nicht will. So freue ich mich auf die Preisverleihung im November, in der das Siegergedicht auf einer Zotterschokolade aufgedruckt sein wird und auf das Buch mit den vielen schönen Siegertexten und denke, daß ich, seit ich mich so regelmäßig mit dem, was sogenannte behinderte Menschen schreiben, beschäftige, viel gelernt habe. Min Literaturbegriff hat sich seither auch erweitert.
Ohrenschmausarviv 2008 1 2, 2009 1 2, 2010 1 2
Dann gibts noch einen allgemeinen Bericht von 2008 und den über Otto Lambauers Ohrenschmaus-Stand bei “Rund um die Burg”, der sich dann von dort zurück gezogen hat.
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Nobelpreisraten und Islandschwerpunkt
Die Verleihung des Literaturnobelpreises ist ja eine Sache die mich sehr interessiert, am ersten oder zweiten Donnerstag im Oktober wird um dreizehn Uhr der Name des oder der Erwählten, meistens sind es ja Männer, bekanntgegeben und um halb eins wird dieser oder diese vom Vorsitzendenden des Kommitees angerufen und davon informiert. Das sind so die Informationen, die zu mir durchsickerten. Daß es eine Long und eine Shortliste gibt und daß man auf letzterer mindestens zweimal stehen muß, um gewählt zu werden, damit nicht eine Eintagsfliege, wie angeblich einmal Pearl S. Buck, den Preis bekommt und nicht jedermann oder jede Frau ihren oder seinen Vorschlag nach Stockholm schicken kann. Das dürfen nur Auserwählte, Universitätsinstitute und frühere Nobelpreisträger, die IG Autoren sind, glaube ich, auch dazu befugt und die schlagen Jahr für Jahr Friederike Mayröcker vor, diesmal stand auch Peter Handke als Österreicher auf der Liste. Die Amerikaner tun das wahrscheinlich für Philip Roth und der geht dann an diesen Donnerstagmittagen angelblich nicht aus dem Haus, damit er den Anruf nicht versäumt.
Diese Listen sind angeblich auch geheim, sickern aber immer wieder durch. So gibt es eigene Wettbüros und Ö1 verkündet die Namen, die hoch auf dieser Liste stehen. In den letzten Tagen steht meistens ein Name hoch im Kurs und der bekommt den Preis oder auch nicht. Vor zwei Jahren wurde so im Morgenjournal die Biografie Herta Müllers veröffentlicht und es hat gestimmt, während ich im vorigen Jahr verwirrt war, als ich am Morgen plötzlich von Haruki Murakami hörte. Mario Vargas Llosa ist es dann geworden und heute Morgen stand Bob Dylan sehr hoch auf dieser Liste, der libanesisch syrische Dichter Adonis, wieder Haruki Murakami und ein schwedischer Lyriker namens Tomas Tranströmer, von dem ich noch nie etwas hörte, der aber auch als ewiger Favorit zu gelten scheint.
Im Mittagsjournal interviewte Günter Kaindlsdorfer eines der Kommiteemitglieder und Kristina Pfoser erzählte, daß Bob Dylan in den letzten Minuten von diesem achtzigjährigen Lyriker, der schwer krank ist, seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann, verdrängt wurde. Für das Mittagsjournal ging sich die Namensnennung nicht mehr aus, diesmal wurde es aber in “Von Eins bis Zwei” von Mirjam Jesser bekanntgegeben. Wenn ich Donnerstag nicht in der Klinik bin, habe ich mir die Namen in den letzten Jahren ergooglet, diesmal war ich aber in der Küche, bin aber trotzdem noch vor der Radioverkündigung darauf gekommen, daß wir wieder einen Nobelpreisträger haben, den ich nicht kannte. Bei Jean Marie Gustave le Clezio vor drei Jahren war das ebenso, inzwischen habe ich von ihm zwei Bücher gelesen. Ob ich an Tomas Tranströmers Gedichte komme, weiß ich nicht. In der Biografie gibt es es Ähnlichkeiten, zwar schreibe ich keine Lyrik, der alte Mann, der, wie ich später hörte, zu den bekanntesten Lyrikern zählt, hat aber als Psychologe gearbeitet und einige Gedichtbände von ihm, habe ich inzwischen ergooglet, sind auf Deutsch erschienen.
Er soll sich, wie seine Frau erzählte, sehr über die Auszeichnung gefreut und nicht mehr damit gerechnet haben. Sie ist sicher verdient und kommt wahrscheinlich zu einem Zeitpunkt, wo er das Geld nicht mehr ausgeben kann und viele Leute werden jetzt wahrscheinlich wieder sagen “Tomas wer?”
So sorgt diese Nobelpreisnominierung für Spannung und es trifft immer den Falschen so richtig die Entscheidung auch ist, weil natürlich soviele andere überbleiben, die auch darauf warten und sich nicht spazierengehen trauen.
Für Interessierte hier mein Nobelpreisarchiv 2008, 2009, 2010
Ansonsten war der Donnerstag wieder ein Tag der Terminkollisionen, wo ich nicht wußte, ob ich in die Alte Schmiede oder in die Gesellschaft für Literatur gehen soll und schließlich im Literaturhaus gelandet bin. Das habe ich auch Ö1 zu verdanken und der Frankfurter Buchmesse, die nächste Woche beginnt und als Gastland Island hat. Ö1 hat diese und auch vorige Woche einen Island Schwerpunkt, berichtet vom Bankencrash, von der Edda und der isländischen Literatur und am Samstag gab es in den Hörbildern eine Sendung von Johann Kneihs, der ein halbes Jahr in Bildungskarenz in Island verbrachte und dort über seine Großeltern Victor und Melitta Urbanic forschte, das sind ein Komponist und eine Künstlerin, die 1938 von Graz nach Reykjavik emigrierten und das Kulturleben Islands nachhaltig prägten.
Er war dort Musikdirektor und hat Bach aufgeführt, sie hat gedichtet, Skulpturen gemacht, übersetzt und Bienen gezüchtet. Rudolf Habringer hat einen Roman darüber geschrieben und am Donnerstag wird im Literatur eine Ausstellung der Exilbibliothek eröffnet, sagten sie im Radio, als wir gerade in Richtung Hochschwab fuhren und da mich das interessiert, bin ich heute ins Literaturhaus gegangen.
Vorher habe ich die Brigitte in der Galerie im Park getroffen, von der ausstellenden Künstlerin ein Glas Wein offeriert bekommen und ihr die Einladung zu meinem Geburtstagsfest gegeben und als ich das Literaturhaus erreichte war es sehr voll.
Elfriede Haslehner habe ich getroffen, weil sie eine der Urbanic Töchter von ihren Chören kennt und die Familie gesehen. Ursula Seeber hat eingeleitet. Es gab Lieder von Victor Urbanic zum Teil mit Texten seiner Frau und die Tochter Sibyl erzählte, daß ihre Mutter den ganzen Tag gedichtet hat. Sie war auch mit Erika Mitterer befreundet und mit Friedrich Gundolf vom George Kreis. Es gab eine Diskussion mit der Tochter, Rudolf Habringer und einer Islandforscherin. Rudolf Habringer, mit dem ich, 2007 glaube ich, einmal in der Alten Schmiede gelesen habe und der bei Picus verlegt, las eine Stelle aus seiner “Island Passion”, wo er das Schicksal Victor Urbanics fiktiv erzählt und Originalaufnahmen mit der Stimme Melitta Urbanics. Am Schluß führte Ursula Seeber durch die Ausstellung und erklärte die Bilder und Schriften in den sieben Vitrinen. Es gab Wein und die Bücher und die Noten zu kaufen. In einem neuaufgelegten Lyrikband gibt es auch ein Gedicht Melitta Urbanics zu finden, von der sonst, wie Ursula Seeber betonte, noch viel zu entdecken ist.
Überbuch und Riesenroman
Präsentation des nun endlich gesetzten “Zettels Traum” in der Hauptbücherei. Ob ich ohne die kürzlich erfolgte Erstlektüre von “KAFF auch Mare Crisium” hingegangen wäre, weiß ich nicht. Wahrscheinlich aber schon, habe ich das Bücherschrankbuch ja auch gelesen und heute war auch irgendwie ein literarischer Tag. Habe ich nicht nur zwei Szenen meiner drei S weitergebracht, sondern bin, als ich die Zieglergasse um halb sieben hinaufgegangen bin, auch auf eine mit zwei Männern eifrig diskutierende Lisa Spalt getroffen, die ich natürlich fragte, was es im Literaturhaus gäbe?
Die “Idiome” – Hefte für neue Prosa wurden präsentiert, ob es sich bei den beiden Männern um Urs Jaeggi und Florian Neuner, die auch im Program stehen, handelte, habe ich gar nicht mitbekommen und Lisa Spalt auch nicht erklärt, daß ich stattdessen zur Präsentation des “Überbuches” gehe und natürlich habe ich vorher beim Bücherschrank Halt gemacht, der, wie meistens sehr bevölkert war und diesmal wieder normal gefüllt. Die gähnende Leere, die ich die letzten drei Male beobachten konnte, war verschwunden. Ist aber offenbar nicht nur mir aufgefallen, so sagte mir ein Benützer gleich, daß der Ausräumer heute offenbar nicht gekommen sei und erzählte mir von den Raritäten, die er gefunden hätte.
Ich war ein bißchen neugierig, wie voll oder leer die Hauptbücherei sein würde? Habe ich ja keine Ahnung, ob Wien eine Stadt der Arno Schmidt Spezialisten ist oder nicht. Christel Fallenstein, die mir mailte, daß sie gerne zu meinem Geburtstagsfest kommen würde, habe ich gefragt ob sie kommt. Sonst war das aber eine Überraschung und der Büchertisch war mit dem riesigen sechs Kilo schweren Überbuch und anderen Arno Schmidt Ausgaben auch gut gefüllt.
“KAFF auch Mare Crisium” befand sich nicht dabei. Es gab aber eine Art Probedruck oder Einführung zur Neuauflage, die verteilt wurde und bei der Präsentation hat es sich um eine regelrechte Performance gehandelt. Aber erst habe ich mich in dem halbgefüllten Saal umgesehen, Sascha Manowicz und Peter Henisch erkannt und weil neben dem Autor noch ein Platz frei war, mich neben ihm gesetzt und ihm erzählt, daß mir das Ende seines Buches nicht gefallen hätte.
“Von welchem?”, fragte mich sehr freundlich seine Begleiterin und es hat sich ein interessantes Gespräch entwickelt. Ein Highlight meines Literaturalltags, weswegen ich das Literaturgeflüster eigentlich führe, haben sich da ja einige Gespräche bei mir tief eingeprägt, die ich auf diesen Weg dokumentieren und weitergeben möchte.
Daß Peter Henisch manchmal zu Literaturveranstaltungen geht, weiß ich, daß er sich für Arno Schmidt interessiert, war eine Überraschung, hätte ich das ja gerade einem realistischen Autor nicht zugetraut. Ich bin das aber auch und so habe ich ihn auch danach gefragt und er sagte mir, daß er oft Klarheit in Arno Schmidts Werken gefunden hätte. Da habe ich ihm auch erzählt, daß ich “KAFF auch Mare Crisium” gelesen, aber nicht verstanden hätte.
“Vielleicht verstehe ich es heute”, sagte ich noch in den Probeseiten blätternd, die sehr groß, dreispaltig und von ähnlicher Orthografie, wie “KAFF” schienen, mit eingefügten Zeichnungen, Amerkungen, Satzzeichen, etc.
Susanne Fischer, die Editorin, führte in den Roman ein und erzählte, daß er zehn Jahre später als “KAFF” entstanden ist, daß der Titel auf den “Sommernachtstraum” anspielt und die Handlung an einem Tag ab vier Uhr früh in der Lüneburger Heide spielt. Und zwar bekommt da der Ich-Erzähler Daniel Pagenstecher, der an einer Edgar Allan Poe Ausgabe arbeitet, Besuch vom Übersetzerehepaar Paul und Wilma Jacobi und deren sechzehnjährige Tochter Fränzel und zieht mit diesen offenbar den Tag über die Heide, unterhält sich mit ihnen über Poe, entwickelt eine Etym-Theorie, verliebt sich in die Sechzehnjährige oder sie in ihn und einen Nato Soldaten, der ein geborgtes Fleischhauerbuch liest, treffen sie offenbar auch.
Das Ganze erinnert irgendwie an “KAFF” und dessen Handlung, die sowohl auf dem Mond, als auch in der Lüneburgerheide bei einem Tantenbesuch spielt, besteht aus fünfzehnhundert Seiten und ist bisher nie als Typoskript erschienen.
Danach folgte eine Lesung aus dem Buch vom Buchgestalter Friedrich Forssmann und Bernd Rauschenbach von der Arno Schmidt Stiftung und die beiden haben offenbar ein schauspielerisches Talent oder die Lesung sehr einstudiert. Danach erzählte Friedrich Forssmann, wie er dazu kam, das Buch zu setzen und das tat er auch sehr gekonnt.
Mit Siebzehn hat er von einem Freund “KAFF” empfohlen bekommen, brach danach die Schule ab und wurde Schmidt Leser, aber damals gab es einen Verlagsstreit und Schmidt offenbar kaum zu kaufen, dann brach er eine Setzerlehre ab, studierte Graphikdesign, begann die vier letzten Schmidt Romane Probe zu setzen und marschierte damit auf die Frankfurter Buchmesse. Kam zur Schmidt Stiftung, da war er dreiundzwanzig und hatte eine dreijährige Tochter. Jetzt ist seine Enkeltochter so alt und “Zettels Traum” fertig und Bernd Rauschenbach erläuterte darauf genauso komödiantisch, wie man “Zettels Traum” lesen soll.
Nicht spaltenweise und nicht gelegentlich ein paar Seiten, sondern in einem durch, für das Bett und die Badewanne eignet es sich wegen seiner Größe und Schwere nicht, also am Schreibtisch und dann braucht man ein deutsches und ein englisches Wörterbuch, eine Literaturgeschichte, den James Joyce, Sigmund Freud und noch eine Menge Sekundärliteratur. Dann ist man in einem Jahr fertig und ein Arno Schmidt Spezialist. Man kann es aber auch ohne die Begleitliteratur lesen, denn Schmidt hat schon das Wichtigste eingefügt und außerdem empfohlen mit dem Buch vier oder sieben anzufangen.
Ja richtig, der Roman besteht aus acht Büchern. Nachher wurden der Performancer sehr beklatscht, die auf den Büchertisch hinwiesen. Wieviele den sechs Kilo Band nach Hause schleppten, weiß ich nicht und auch nicht, ob ich mich an das Jahreswerk machen würde, wenn ich es im Bücherschrank fände? Glaube eher nicht, habe aber derzeit ein anderes, wenn auch viel verständlicheres “Monsterwerk” vor mir, nämlich Ruth Aspöcks “Nichts als eine langweilige Blindschleiche”, das aus fünfhundert Seiten und zwanzig Büchern im Kleindruck besteht und wieder viel gelernt.
Schreibfabrik
Im Writersstudio gibt es jeden ersten Montag im Monat eine Schreibfabrik, das sind drei Stunden für die konkrete Textarbeit, wo man sich treffen kann, um mit seinen Texten zu beginnen oder weiterzuarbeiten.
“Schreibseminare sind das eine”, steht auf dem Infoblatt, “da gibts Know-how und Übungen, doch was tun, wenn der Workshop vorbei ist? Auf den Bildschirm starren und auf die Muse warten?”
Dagegen gibts in der Pramergasse zwei regelmäßige Schreibtreffs.
Das Schreib-Cafe mit Yoga und die Schreibfabrik. Im Juni war ich bei dem Yoga-Vormittag, wenn ich mich nicht irre, ist das nur für Frauen, da gibt einen kleinen Schreibimpuls, eine Stunde Yoga, dann kann man bei Kaffee oder Tee seinen Laptop oder sein Notizbuch auspacken und an seinem Projekt schreiben.
Für mich war das eine Premiere, trainiere ich ja regelmäßig die progressive Muskelentspannung, von Yoga habe ich aber nicht viel Ahnung, dann bin ich mit meinen Zetteln dagesessen und habe mich geärgert, daß ich mein grünes Notizbuch mit den “Frau auf der Bank”- Notizen nicht mitgenommen habe. So habe ich das Thema der drei S nur umkreist und den Sommer intensiv zum Schreiben benützt. Der Rohentwurf ist fertig und seit ich wieder in Wien bin, korrigiere ich Szene für Szene, nur komme ich derzeit nicht sehr viel dazu, waren ja die Ohrenschmaus-Texte durchzusehen, das Geburtstagsfest vorzubereiten, die Poet Night und “Rund um die Burg” waren auch, so daß ich schon länger bei der Szene acht halte. Das ist vielleicht ganz gut, raten die Schreibseminare ja immer, man soll seinen Text eine Zeit liegen lassen. Ich halte davon eigentlich nicht sehr viel, es hat sich aber so ergeben und als die Einladung zum Ausprobieren der Schreibfabrik kam, habe ich mich darauf vorbereitet.
Zwar habe ich nichts neu zu schreiben, aber eine konkrete Frage bezüglich der Szene, wo Svetlana Mihic in den Tanzkurs geht. Daß sie sich den von ihren Eltern zum Geburtstag schenken läßt, hat sich aus der Handlung ergeben, um mit dem Oberarzt am Ärzteball Walzer zu tanzen. Dann wollte ich aber nicht damit anfangen, sondern bin, weil mir nichts anderes einfiel auf Tango gekommen. Aber ist das nicht zu schwer für den Anfang? Ich bin ja nicht so eine gute Recherchiererin, daß ich das aber bei der Feedbackrunde fragen könnte, ist mir eingefallen. So habe ich mein Manuskript, das grüne Notizbuch und auch die Zettel, die im Yoga-Schreibcafe entstanden sind, gepackt und bin am Nachmittag in die Pramergasse hinausmarschiert.
Vorher habe ich noch die Einladungsbriefe, die ich bezüglich meines Geburtstagsfestes schon fertig hatte, aufgegeben und mir zwei neue Briefmarkenrollen bei der der Post gekauft.
Das literarische Geburtstagsfest wird heuer am Samstag den fünften November stattfinden, weil am Freitag vorher der Alpha Literaturpreis vergeben wird, wo Angelika Reitzer, Mariana Gaponeko, Martin Mandler, Anna Elisabeth Mayer und Andreas Unterweger auf die Shortlist gekommen sind und die Woche darauf die Buch-Wien stattfindet, wo ich zu beiden gehen will. Diesmal wird es fast eine reine Männerlesung werden, habe ich durch das Literaturgeflüster und auch sonst im letzten Jahr interessante Autoren kennengelernt, so daß ich von meiner bisherigen Methode, meine schreibenden Freundinnen einzuladen, ein wenig abweiche und ein Programm mit Stefan Eibel Erzberg, Eva jancak, Rudolf Lasselsberger, Marinko Stefanovic und E.A.Richter anbieten kann.
Die Lounge in der Pramergasse war auch gut besucht, zu meinem Erstaunen habe ich Margit Heumann getroffen und einige andere bekannte Gesichter, die ich schon vom Tag der offenen Tür kannte. Gundi Haigner moderierte und bot den zwölf Interessenten, zehn Frauen und zwei Männer, glaube ich, ein dichtes Programm. Begann es doch mit einer kleinen Aufwärmübung “Die Neugikeit des Tages ist….”, da habe ich meinen Muskelkater von der Hochschwabwanderung, das Aussenden der Geburtstagsfesteinladungen und das schöne Wetter thematisiert. Weiter gings mit Bildgeschichten, ein Regenschirm, eine offene Sicherheitsnadel, eine Rose mit Dorn, ein Zebra, ein Segelboot und eine Nasenspitze und man sollte ein paar Sätze schreiben und dazwischen etwas Platz lassen, um später etwas einzufügen bzw. die Verbindung herzustellen.
Nach einer Pause ging es weiter mit den Erwartungen der Teilnehmer und die waren sehr konkret vom Sachbuchschreiben, Input finden, zum Verarbeiten der Informationen, die sich in verschiedenen Marathons angesammelt haben und Gundi Haigner hatte auch Vorschläge für alle.
Für die, die zu neuen Texten finden wollten, schlug sie längeres oder kürzere Freischreibrunden vor, es entschieden sich aber die meisten für das kreative Feedback. Blümchen oder Fragezeichen und der andere hört zu, sagt “Aha!” und läßt das Response dann wieder reifen.
Da war das Feedback auf meine Frage mit dem Tanzkurs auch sehr hilfreich, denn habe ich es doch geahnt, Tango ist für einen Anfängerkurs viel zu schwer und mit flachen Schuhen kann man auch nicht Tango tanzen. Also werde ich das auf Foxtrott ändern.
Wenn ich auch nicht regelmäßig jeden ersten Montag oder Donnerstag an einem Schreibtreff teilnehmen will, denke ich doch, daß ein regelmäßiger Fixpunkt, wo man über seine Fortschritte, ganz egal ob man jetzt an seiner Diplomarbeit, seinem Sachbuch oder einem Roman schreibt, berichten kann, eine gute Sache ist und soviel ich weiß, bietet das auch nur das Writerstudio an und da ich bis zur Jurysitzung die Ohrenschmaustexte weiter durchschauen muß und auch das Geburtstagsfest noch nicht fertig ausgesendet habe, wird “Die Frau an der Bank” wohl auch noch etwas liegen bleiben, bis ich mich an die Änderung meiner Tanzstundenszene machen kann, daß man beim Tango tanzen Stöckelschuhe braucht, habe ich übrigens schon am Freitag beim Patrick und seinem H & K Werk- Statt- Welt-Fest gesehen, wo Barbara Ruppnig und Martina Cizek Jazz-Tango-Klezmer spielten und einige Paare tanzten, während ich mich an dem karibisch-kreolischen Buffet und den polnischen Kartoffelpuffern überessen habe.
Figuren
Der 2011 in der Edition ch Textband “Figuren”, 32 Prosaskizzen von Manela Kurt beginnt mit einem Schachbrett als Inhaltsverzeichnis.
Auf zwei Feldern werden abwechselnd in schwarz-weißen Quadraten, die Textüberschriften mit der Seitenanzahl vermerkt.
Einige Texte scheinen dem Schachspiel entlehnt. So gibt es “Der Läufer”, “Springen”, “Der König”, “Ein weißes Feld”, andere Texte scheinen wieder nichts mit den Schachfiguren zu tun zu haben, sondern dem realen Leben zu enspringen, seine Gefühle, Wirrnisse, Freuden und Ängsten in kurzen Sätzen mehr oder weniger poetisch zu erzählen.
Fotografien spielen in dem Band auch eine große Rolle, nicht nur, daß Fotografien von Michael Kurt aus seinen Paris-Zyklen den Texten beigefügt sind. Die Texte sind auch sprachliche Fotografien und die Geschichten werden nicht nur in experimentellen Sprachstilen sondern oft sehr fotografisch erzählt.
Die 1982 in Karl-Marx Stadt, in der ehemaligen DDR, geborene Manuela Kurt, die in Wien vergleichende Literaturwissenschaft studiert, erzählt die Welt in kurzen Momentaufnahmen, geht dabei immer wieder von einer Ich-Erzählerin aus, wobei sie manchmal das, wovon der Text handeln soll, wie in dem Beispiel “Küssen”, gar nicht erzählt.
“Schau nicht nach unten, denn dort lauert ein Löwe. Zwei Steinfiguren. Ich werde zu dir gezogen. Weiße Stadt im Nebel. Ich kehre zurück. Im Morgengrauen durch die Gitterstäbe.”
Wer von wem geküßt wird, wird zum Leser ausgelagert, der sich seine eigene Geschichte zu dem scharf skizzierten Szenario ausdenken und seine Phantaise entscheiden lassen kann, wie das mit dem “Windhauch” und dem “Stillstand” zu verstehen ist.
Gefühle kommen in den Texten vor, Ängste, Freude, Verständnislosigkeit und Unverstandenwerden, wie das im Leben so ist, aber auch der sehr reale Alltag, wie das U-Bahnfahren wird immer wieder skizziert. So hat sich der “Läufer” im ersten Text “auf den Weg gemacht, klettert von den höchsten Türmen der Stadt hinunter, trägt einen Stab, den er kaum halten kann, zeigt uns durch die U-Bahn Scheibe sein Gesicht und fletscht die Zähne” und wir haben das Schachbrett längst verlassen und können uns unseren Reim zu machen versuchen, wie das mit den Läufern in der U-Bahn ist.
“Du fehlst mir”, heißt es in dem sehr poetischen Text. “Winter”
“Die Stadt wird immer kälter. Ich lehne mich gegen die Wand und du küsst mich.”
Während man in “Die Liebenden” in die Abgründe der menschlichen Beziehungen hineinschauen kann.
“Wie Süchtige greifen ihre Hände nacheinander. Er ist der Bach, der reißt. Sie fühlt sich wie vor einem Gewehrlauf. Sie kocht über vor Liebe. Die Weite zwischen ihnen wird eng. Sie kämpfen.”
Man kann sich über das alles viel längere Geschichtenausdenken, sogar Romane mit tausend Seiten schreiben, die ich gerne lese. Die Verdichtung und Vernknappung hat aber ihren Reiz, zwingt zum genau Hinschauen, um den Widersprüchlichkeiten, die es in den Texten hin und wieder gibt, nicht auf dem Leim zu gehen und dann wird nicht nur mit den Bildern und den Fotografien, sondern auch mit Sprache gespielt.
Im “Am Boden” “schleicht sich von hinten das flinke B an mich heran. Das U (sein heimlicher Komplize) läßt nicht locker, bis das C mich so richtig an die Nagel nimmt und das H einmal kräftig gegen mein Schienbein tritt”.
Eine schöne Visualisierung, die die Vorstellungskraft der realistischen Schreiberin schult und der Psychotherapeutin gefällt natürlich die Selbsterkennung in “Bin ich es?”, während der Text “Fliegen” wieder Rätsel aufzugeben weiß. Wer fliegt während des “Spaziergangs durch die Herbsblätter” wohin? Die Flügel hat die Ich-Erzählerin zwar bekommen, dann verwandelt sie sich aber im Einkaufszentrum in einen Teddybär und “fühlt Müdigkeit in allen Gliedern”.
Man muß schon sehr aufpassen, um Manuela Kurts Figuren zu erfassen, dann kann man dem banalen Alltagsleben poetische Wendungen abgewinnen, was das Lesen interessant und spannend macht.
“Die Tänzerin” ist ein längerer Prosatext, der in kurzen Sätzen sehr viel erzählt, wenn man sich in die sprachliche Verdichtung einlassen will, während der Text “Illusionen” nur aus drei Zeilen besteht.
Mein Lieblingstext ist zweifellos “Unterwegs”, in dem Manuela Kurt sehr poetisch mit dem Wort “schon” zu spielen weiß.
Man hat viel gelernt vom Leben, nach dem Lesen, was, wie schon beschrieben, wo anders in langen Romanen viel ausführlicher beschrieben wird, während man die “Figuren” der Manuela Kurt auf das Schachbrett stellen oder sie durch die Stadt schicken kann, aber auch Innehalten und die fotografischen Schnappschüße betrachten, dann kommt man den Figuren auf die Spur und kann sich ihr oder auch das eigene Leben erzählen.
Manuela Kurt, entnehme ich dem Buch hat in verschienenen Anthologien und Zeitschriften wie “DUM” und “Wortwerk” veröffentlicht.
Ich habe sie im Sommer 2009 bei einer Lesung im Readingroom gehört, da sind mir schöne Stellen in ihren Gedichten aufgefallen, im Internet ist nicht viel über sie zu finden, nur zwei Rezensionen über das Buch, das am 14. 9. in der Buchhandlung tiempo nievo vorgestellt wurde. Manuela Kurt ist jedenfalls auch eine unter Dreißigjährige. Mal sehen was ich noch von ihr hören oder lesen werde und ob ich sie in der Grazer Autorenversammlung treffen kann?
Eine der oben zitierten Widersprüchlichkeiten kann auch die Diskussion der Frage sein, ob es jetzt zweiunddreißig oder dreiundvierzig Prosaskizzen sind?
Zwei mal sechzehn Felder machen zweiunddreißg, das Buch hat aber dreiundvierzig Seiten, da muß der Rezensent schon aufpassen, daß er sich nicht verzählt.
Wie der Soldat das Grammofon repariert
Sasa Stanisics “Wie der Soldat das Grammofon repariert”, ist ein Buch aus dem Abverkauf von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin, hat mehrere Literaturpreise bekommen, wurde im Schauspielhaus Graz auf die Bühne gebracht und war 2006 bei den Finalisten für den dBp.
Sasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und kam als Vierzehnjähriger nach Heidelberg. 2004 begann er am Leipziger Literaturinstitut zu studieren, 2005 hat er mit einer Geschichte aus dem Buch “Was wir im Keller spielen”, beim Bachmannlesen gewonnen. Ich habe den Shootingstar lange mit Michael Stavaric verwechselt und 2006 oder 2007 in Leipzig aus dem Buch lesen hören, im Jänner sagte Josef Haslinger beim Symposium der Sprachkunst, daß er verstehen kann, daß Sasa Stanisic, sein Studium nachdem er berühmt geworden ist, nicht wieder aufnahm, als ich jetzt bei Wikipedia nachschaute, sah ich, daß die Werkliste von 2001 bis 2007 geht, obwohl die Seite im Juli 2011 das letzte Mal geändert wurde. Interessant also, was der Autor jetzt so macht, ob und was er schreibt, ich habe seit dem “Grammofon” jedenfalls nichts mehr von ihm gehört?
In dem Buch beschreibt er die Erlebnisse des kleinen oder auch größer gewordenen Aleksandar, der in dem kleinen Städtchen Visegrad an der Drina, wo der berühmte Roman des Nobelpreisträgers Ivo Andric spielt, dessen Denkmal während des Krieges in die Drina geworfen wurde und jetzt, wie ich hörte, wieder steht. Das Buch beginnt aber ganz am Anfang, wo der Großvater Slavco des Ich-Erzählers stirbt, der sich als Fähigkeitenzauerer bezeichnet, gerne an der Drina fischt und Fußball spielt. Er hat noch einen anderen Großvater namens Ravik, der war ein Eisenbahnner und begann zu trinken, nachdem die Bahnlinie eingestellt wurde und Aleksandar ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. So wird der Bosnienkrieg aus der Sicht eines Kindes aus Kinderaugen und mit Kindermund, in unzähligen kleinen oder auch großen Geschichten erzählt und das Buch ist in Kapitel gegliedert, die an E.T.A Hoffmann bzw. an die Romantiker erinnern, wie “Wie lange ein Herzstillstand für hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat.”
Aber Sasa Stanisic oder Aleksandar sind keine Romantiker, sondern in Visegrad zur Schule gegangen, als dort noch das Titobild im Klassenzimmer hing, obwohl der schon lang gestorben war und Opa Slavko war auch ein treuer Kommunist und Partisane.
Das drückt sich auch in dem Schelmen und Geschichtenerzähler Aleksandar aus, der mit den strengen Mathematiklehrern zu raufen hat, die sich “Genossen” oder “nicht mehr Genossen” nennen lassen, kommt zu spät mit der Pionieruniform zur Schule und erzählt im ironisch abgehobenen Ton von den vielen Toden des Genossen Tito.
Dann gibt es aber auch für den Vierzehnjährigen, die Mädchen, die zu erobern sind und die Geschichten, die die Freunde erleben, wenn sie mit ihren Vätern nach Hause kommen und die Mütter im Bett mit dem Trafikanten vorfinden.
Dann kommt der Krieg, für Kinder nicht leicht verständlich oder auch besser mit Ironie im leichten lockeren Plauderton zu erzählen, wo die Familien ganz schnell ihre Yugos packen, während Pferde in die Drina geschmissen werden und sich die kleine Asija mit dem falschen Namen auf dem Dachboden versteckt.
Nach ihr wird Aleksandar, als er mit seinen Eltern und der Oma schon nach Essen geflüchtet ist, suchen und sie nicht finden, weil er ihren Namen nicht mehr weiß und weil Traumatisierungen sich auch in Wiederholungen äußern, ist der Roman des jungen Mannens auch in diesem Muster gestrickt.
Es beginnt mit der Kindheit und der Schule, dem scheinbar glücklichen Leben und dem Festessen bei den Urgroßeltern während des Begräbnisses des Großvaters, dann ist Aleksandar schon in Essen,die Eltern sind in Amerika, die Großmutter ist zu dem toten Großvater nach Visegrad zurückgegangen, Aleksandar sucht nach Asija und schreibt in der Mitte des Romanes auch einen Roman, in dem sich die schon angeschnittenen Themen wiederholen und gegen Ende des Buches kommt er, zehn Jahre später nach Sarajevo, dorthin soll Asija gegangen sein, nach Visegrad und nach Veletovo, das ist das Dorf, wo die Urgroßeltern leben, zurück um nachzusehen, was von seiner Heimat und seinen Erinnerungen übergeblieben ist?
Das Buch lebt von seinen Geschichten, der, wie Aleksandar mit seinem Freund die Fische mit Spuke füttert, aber auch der von dem Fußballspiel in einer Kampfpause zwischen den verfeindeten Serben und Bosniern und der Musikprofessor ein Freund des Großvaters, hat sich, als ihn Aleksandar wieder besucht in seine Erinnerung zurückgeflüchtet, ist freundlich, erzählt vom Vergangenenen und fragt alle fünf Minuten, wer Aleksandar ist, worauf ihm der die Hand gibt und sich erneut vorstellt.
So kann man Alzheimer aber auch ein Trauma beschreiben, Sasa Stanisic tut das gekonnt und vielleicht auch ein bißchen intuitiv, so daß ihm die Großkritiker Kitsch vorwarfen und meinten, daß das Buch, trotz der vielen Preise, die es bekommen hat, nicht wirklich gut gelungen ist.
Mir hat es die Geschehnisse der frühen Neunzigerjahren, wo ich mich in einer persönlichen Krise befand, meine Mutter gestorben war und ich täglich von Harland nach Wien pendelte, um meine Praxis zu machen, meinen Vater zu betreuen und Anna in die freie Schule Hofmühlgasse zu bringen und die bosnischen Flüchtlinge vielleicht im Zug traf und damals nicht verstand, daß die beleidigt waren, wenn man seine Füße auf den leeren Sitz gegenüber legte, sehr deutlich visualisiert, so daß ich mir vorstellen kann, wie es den Kindern, die ihre Heimat verlassen mußten und in Flüchtlingslagern Deutsch lernten, gehen mußte. Ein sehr beeindruckender Roman des sehr jungen Mannes und interessant, daß er literarisch inzwischen verschwunden ist und zumindest ich und Wikipedia nicht wissen, ob und was er jetzt schreibt.
Literaturhausfeiern III – IV
Die Literaturhausfeiern gehen weiter, den gestrigen Sozialschwerpunkt bzw. Literaturhausführung habe ich versäumt, bzw habe ich ich mich in die Rathausfeste und in die Spurensuche begeben. Heute begann es um vier mit einem Exilschwerpunkt, die 1974 in Grosny geborene Tschetschenin Maynat Kurbanova , die seit sechs Jahren in Deutschland lebt und derzeit “Wien als Zufluchtsstadt”-Stipendiatin ist, erzählte über Leben und Schreiben im Exil.
Als ich kurz vor vier im Literaturhaus eintraf, war es in der Bibliothek noch ziemlich leer, die Autorin ist mit ihrer Tochter vor mir hineingegangen, Gerhard Ruis und Robert Huez standen im Eingangsbereich, ein paar Leute hatten auf den Sitzgelegenheiten Platz genommen.
Schade, daß das Nachmittagsprogramm so wenig Anklang findet, die Veranstaltung war nämlich äußerst interessant. Gerhard Ruis leitete ein und hatte mir schon vorher ein wenig über das Writers in exil Programm erzählt und, daß Maynat Kurbanova, die in Grosny Journalistin war, sich einen Ort wünschte, wo sie länger bleiben kann. Maynat Kurbanova, die kleine Tochter ist neben mir gesessen, erzählte dann über Tschetschenien und das ist sehr interessant, habe ich ja einige Jahre intensiv Asylwerberdiagnostik gemacht, ein bißchen was über die tschetschenischen Flüchtlinge gelernt und für die “Radiosonate” habe ich auch die Figur des tschetschenischen Musikehrers Boris Alkemirov erfunden.
Maynat Kurbanova ging weit in die Geschichte zurück und erzählte, daß die Tschetschenen schon seit Ivan dem Schrecklichen verfolgt würden, später wurden sie von Stalin nach Sibirien verbannt, dann haben die Russen die Stadt Grosny zerstört und wieder aufgebaut. Sie erzählte auch ein bißchen was von dem Leben, das es heute in Tschetschenien gibt. Die Tschetschenen waren immer Rebellen und wollten sich nicht versklaven lassen, sie hat von ihrer Mutter ein Kindermärchen eines Wolfs erzählt bekommen, hat in Grosny als Journalistin gearbeitet und inzwischen sehr gut Deutsch gelernt. Eine bildende Künstlerin fragte, wie patriachalisch die Tschetschenen sind? Jetzt wieder sehr, darf man als Frau ohne Kopftuch derzeit die Uni nicht betreten, während die Frauen unter den Russen sehr fortschrittlich waren und als sich die Männer vor Verfolgung verstecken mußten, die Familie ernährten. Interessant etwas über das Writers in Exil Programm und über die tschetschenische Literatur zu erfahren.
Dann gab es einen Themenwechsel nämlich eine Stunde über die Künstlerpensionsversicherung, die mich nicht sehr betrifft, bin ich zwar seit man das muß eine neue Selbständige, verdiene mir das Geld zum Leben aber durch meine psychologisch-psychotherapeutische Praxis, so daß ich den Zuschuß zur Pensionsversicherung nicht beantragen kann. Das tun aber ohnehin nur 2,6% der Autoren und da ist es noch schwierig seine Autorentätigkeit nachzuweisen, da das ja ein Beruf ist, den man bis vor kurzem nicht studieren konnte.
Die Runde der Zuhörer war auch recht klein, Nils Jensen und Gabriele Petricek und noch ein paar andere Künstler sind aber gekommen, darunter auch eine Dame, die ich, glaube ich, bei dem Sprachkunstsymposium im Jänner kennenlernte und die auch am Montag und am Dienstag bei den Veranstaltungen war.
Dann ging es in den Veranstaltungsraum hinunter und zu Literaturhaus online, wurden da ja die vier Künstler, die für die Auftritte ausgewählt wurden, präsentiert. Anna Weidenholzer, Bernhard Strobel, Robert Prosser und Lisa Spalt haben da ja im Juni an zwei Abenden gelesen und haben nun ihren Auftritt auf der Hompage mit einer Fotoleiste von Lukas Dostal, dem Literaturhausfotografen der auch die Ausstellung gestaltet hat, einem Text, einem Essay und einem Video von der Lesung.
Jetzt sollten die vier Autoren mit der Autorengruppe “8-Uhr”, das sind fünf junge Leute, die sich am Germanistischen Institut bei einem Schreibworkshop getroffen haben und sich jeden Mittwoch um acht treffen, um einander ihrer Texte vorzulesen, über Chancen und Gefahren für junge Schreibende diskutieren.
Anne Zauner hat das On line-Projekt vorgestellt und erzählt, wie sie zu diesen vier Autoren gekommen sind, sie haben die literaturinteressierten Mitarbeiterinnen gefragt. Robert Prosser, Lisa Spalt und Bernhard Strobel waren auch da, Anna Weidenholzer ist, glaube ich, noch in der Künstlerkolonie in Wiepersdorf, wo sie gemeinsam mit Cornelia Travnicek ein oder zwei Monate verbringt.
Die Diskussion mit den vier jungen Männern und Esther Topitz war auch sehr interessant, erstens sind das lauter unter Dreißigjährige, zweitens sind sie vielleicht die jungen Autoren von morgen und dritten stellten sie interessierte Fragen an die Auftrittsautoren, wie sie schreiben, was sie vom Lektorat halten und wie das ist, wenn man mit einem Kurzgeschichtenband zu einem Verlag kommt? Man merkte, die jungen Leute hatten ihr Handwerk studiert und stehen noch am Anfang. Das Publikum, das waren dann auch Ältere und Literaturhausmitarbeiter durfte ebenfalls Fragen stellen und Alexander Muth, das ist der Herr mit den ich mich am Diestag intensiv mit Elfriede Haslehner unterhalten habe, stellte auch die Frage, warum die jungen Autoren nicht politisch sind?
Das stimmt so nicht, zumindestens nicht ganz, habe ich mir gedacht, denn die Slam Szene ist ja zumindestens zum Teil sehr politisch aktiv, andererseits ist das ja genau die Generation Praktikum und auch die, die gelernt hat, daß, wenn man sich besipielsweise für ein Studium für Sprachkunst bewirbt, von hunderten zehn ausgewählt werden, klar, daß man dann seine Mappe und seinen Internetauftritt hat und schaut, daß seine Lyrik und Prosa schön glatt und stimmig ist, damit man damit vielleicht einmal in Klagenfurt lesen darf. Allerdings haben die Hochschulproteste vor zwei Jahren, glaube ich, auch engagierte Literatur hervorgebracht, würde Michaela Falkner in diese Schiene einreihen und Yasmin Hafdeh, die engagierte Slamerin sowieso und auch Robert Prosser, der ja, wenn ich mich nicht irre und nichts durcheinanderbringe, als er bei Rund um die Burg in der Erotiknacht gelesen hat, sagte, daß er gerade aus Armenien zurückgekommen ist und da hat er für seinen neuen Roman recherchiert, in dem es auch Personen und vielleicht eine Handlung geben wird und das wird dann vielleicht so politisch werden, wie Joseph Roths Sozialreportagen in den Dreißigerjahren, die Alexander Muth einforderte. Der wollte, daß sich die jungen Leute mit der Olah-Affaire und mit der Kronenzeitung beschäftigen, aber ich glaube, die prekären Verhältnisse und der nicht mehr vorhandene freie Hochschulzugang schaffen andere Probleme und wenn dann nicht nur die Uni, sondern vielleicht auch die Vorstädte brennen, weil die Jugend keine Perspektiven sieht, sind wir schon sehr politisch, obwohl es schon stimmt, daß sich die unter Dreißigjährigen, die beim Hochschullehrgang aufgenommen und in Klagenfurt lesen wollen, vordergründig vielleicht angepasst geben.
Lisa Spalt, die experimentelle Dichterin, die ich schon lange vom fröhlichen Wohnzimmerumkreis kenne und der es mit ihrem letzten Buch gelungen zu sein scheint, in den Literaturparnaß aufzusteigen, in Rauris hat sie, glaube ich, auch einmal gewonnen, sagte, daß sie keine Handlung hat und nicht realistisch schreibt und Bernhard Strobel, der das sehr wohl tut, erwähnte, daß er vorläufig bei seinen Erzählungen bleibt, daß es manchmal schwierig ist, weiterzuschreiben und er sich sehr lange mit seinen Texten quält und er gerne im Kaffeehaus schreibt.
Ich habe Sabine Schuster, die sich ja einmal sehr für meine “Sophie Hungers” eingesetzt hat und die einmal im Jahr eine Rezension von mir im Literaturhaus bringen will, kennengelernt und mir von Anne Zauner erklären kann, wie man auf die Auftritte-Homepage kommt, die gerade online gegangen ist.
Sehr interessant von der jungen Literaturgruppe zu erfahren, während sich Alexander Muth mehr für die Literatur der Arbeitswelt interessierte, die es ja noch immer gibt, es gibt das Volksstimmefest und das Linke Wort und dann den Poetry Slamer Christian Schreibmüller, der mich schon lange für den 17. Oktober mit der “Sophie Hungers” zu einer Lesung ins Cafe Amadeus eingeladen hat.
Es gibt also sehr viel und die Literatur ist eine sehr lebendige Sache. Morgen geht es weiter mit einem Übersetzertag, da werde ich in meiner Praxis sitzen und meine Abrechnung machen und am Samstag mit einem großen Fest. Da wollte ich eigentlich hin, durch “Rund um die Burg” und die “Poet Night” bin ich schon lange nicht mehr in Harland gewesen und da will ich ja eigentlich jedes zweite Wochenende hin, also habe ich mir gedacht, daß ich nicht auf jedes Fest gehen muß. Der Alfred will aber auf den Hochschwab, also werden wir vielleicht, da das Wetter ja sehr schön ist, uns auf das Schiestlhaus begeben, während im Literaturhaus die Literats rocken und Ilse Kilic, Hanno Millesi et al ihre Video und Austellungsinstallationen machen.
Lesespuren – Spurenlese
Von den Literaturhausfeiern nun zur Wien Biblithek, denn da bekomme ich, seit ich mich, als es das große Fest oder die Umsiedlung in die neuen Räume gegeben hat, in den Verteiler eingetragen habe, die Einladungen zu den Veranstaltungen und gelegentlich gehe ich auch hin, das letzte Mal war das, glaube ich, bei dem Joe Berger Symposium “Hirnhäusl“, ein Artikel der immer wieder gerne aufgerufen wird und jetzt gibt es etwas zu “Lesespuren – Spurensuche” oder “Wie kommt die Handschrift ins Buch?” und das ist ein Thema, das mich interessiert, denn ich bin ja eine, die in regen Austuausch zu ihren Büchern tritt. Zu ihren, aber ja, denn eine Bibliotheksleserin war ich nie, ich sammle ja und horte und gebe das, was ich habe, nicht gerne her. Seit es die Bücherschränke gibt, ist ein Großteil meiner neuen Bücher aber ein Zweit oder Drittbesitz und da ist und darüber habe ich noch nicht geschrieben, die psychologische Seite interessant. Kann man ja davon ausgehen, daß ein Teil der Bücher aus Nachläßen stammen und selbst, wenn der Vorleser sie nur so hergegeben hat, ist es interessant zu fragen, wer hat sie vorher besessen, welche Geschichte hat das Buch zu erzählen? Meistens erzählt es nichts. Manchmal ist ein Name oder ein Stempel darin zu finden, manches wurde auch aus Bibliotheken ausgeräumt, so hat die Nationalbank ihre ausrangierten Bücher in die Zieglergasse getragen und das ist interessant, denn der Bibliothekar von dort, wohnt bei mir im Haus. Manchmal schreiben die Leute auch Anmerkungen hinein, aber nicht sehr oft, ich zitiere das dann immer, beim “Wittgenstein-Programm” war das der Fall und bei “Kurz nach 4”. Meistens weiß man nichts vom Vorbesitzer und kann darüber phantasieren und ich bin eine, die die Bücher, die sie nicht mehr hergibt, gebraucht. Das heißt, ich schreibe hinein. Als Studentin habe ich regelrechte Anmerkungen gemacht, jetzt streiche ich mir meistens nur die markanten Sätze an, weil ich mir einbilde, daß ich das für das Besprechen brauche, aber meistens schaue ich dann gar nicht mehr soviel hinein, nur nach den Namen suche ich natürlich, um sie richtig zu schreiben und manchmal zitiere ich ja auch. Ich streiche mit Bleistift an, lasse es dann aber stehen, ich radiere nicht hinaus, daß man das tun kann oder soll, habe ich erst während der Veranstaltung von Clemens J. Setz erfahren.
Auf dem Weg zum Rathaus bin ich über ein paar Polizeiautos und Absperrungen gestolpert, die das Rathaus betroffen haben, denn dort hat im Hof gerade ein Fest der FPÖ stattgefunden. Viele Wächter am Eingang, die einen aber passieren ließen, als ich aber am Arkadenhof schon vorbei war, die Wien Bibliothek befindet sich bei der Stiege sechs hinten, stand ein solcher am Weg und wollte mich irgendwo herausleiten und irgendjemand sagte in der Wien-Bibliothek, daß das Tor geschlossen wurde.
Die Wien-Bibliothek hat aber ihr eigenes Publikum und ihr eigenes Programm. So eröffnete die Direktorin Sylvia Mattl-Wurm und erzählte, daß eigentlich ein der Band 12/13 der “Sichtungen”, der gemeinsam mit der Nationalbibliothek herausgeben wird, präsentiert wird. Sie erläuterte den Sinn dieses Periodikums ganz genau, es ist ein Projekt von Volker Kaukoreit, den ich von der Erich Fried Gesellschaft, bzw. einem Interview, das ich einmal mit ihm gemeinsam in Radio Orange machte, kenne, das er inzwischen mit Marcel Atze macht.
Herrn und Frau Lunzer habe ich im Publikum gesehen. Clemens J. Setz und Peter Rosei, die Beiträge in dem von Preasens herausgegeben Band haben, haben gelesen und Marcel Atze hat eine virtuelle Führung durch die Ausstellung, die es zusätzlich zum Buch im Ausstellungskabinett gibt, gemacht und da wurde offensichtlich eine breite Themenvielvalt angerissen.
Nämlich die Bibel ausgestellt, in die Jeannie Ebner ihre handschriftlichen Notizen machte, es gibt aber auch Bücher die für Anmerkungen von Schauspielern und Regisseure vorgesehen sind und Bücher in die leere Seiten hineingeschossen werden, damit man sich seine Anmerkungen machen kann. Hannah Arendt hat mit Günter Anders gemeinsam Kant gelesen, Peter Handke hat seine Bücher kommentiert, bzw. sich geärgert, als er einen Fehler darin entdeckte.
Zusätzlich wurden noch einige Autoren, wie z.B. Peter Rosei und Clemns J. Setz gefragt, einen Artikel dazu zu schreiben. Clemens Setzs Artikel heißt “Bitte verlassen Sie Ihre Bücher so, wie Sie sie vorgefunden haben!”, da heißt er hält sie gerne so sauber, wie ein Hotelzimmer und wenn er doch was hineinschreibt, radiert er es hinaus. Daß man das nicht soll, wurde in der Diskussionsrunde erläutert. Da erzählte der Literaturwissenschaftler Walter Hettche aus München, der offenbar gerne bei Antiquaren kauft, daß ein Kollege einmal etwas ausradieren wollte und sich dann ärgerte, daß er eine Handschrift Hoffmannsthal vernichtete und Volker Kaukoreit erzählte, daß ihm die Pfandbriefwerbung in den alten rororo Taschenbüchern so ärgerte, daß er sie gern hinausgerissen hätte. Seltsam, die habe ich interessant gefunden und die alten rororo Taschenbücher sind überhaupt wunderschöne Sammelstücke, aber ich bin eine Gebrauchsleserin, die gar nicht auf die Idee kommt ihre Anmerkungen auszuradieren.
Nachher gab es Brot und Wein, man konnte sich die Ausstellung ansehen und die Ausstellungsbesucher beobachten. Clemens J. Setz überreichte seinen Freunden die Taschenbuchausgabe von den “Frequenzen”. Claudia Erdheim war da und noch einige andere Bekannte.
Es gibt zu diesem Thema auch ein älteres Buch von Evelyne Polt-Heinzl “Bücher haben viele Seiten” aus dem Sonderzahlverlag, das weniger wisschenschaftlich ist, da geht es glaube ich auch um Eselsohren und Tintenflecken und man muß wahrscheinlich den gewöhnlichen Leser von den Anmerkungen Hofmannsthal, Anders etc unterscheiden.
Ich finde es aber spannend zu lesen, was der Vorleser vermerkte und gelegentlich erwischt man auch ein angeschriebenes Rezensionsexemplar, das ist dann besonders interessant.
Leselustfrust hat einmal ein Buch verliehen und sich über die Eselsohren mokiert, die es beim Zurückgeben hatte, aber ich denke Bücher sind Gebrauchsgegenstände und hinterlassen Spuren und das soll auch so sein, kann man ja ganze Bücher darüber schreiben und Ausstellungen veranstalten, die exquisit zelebriert werden, während unten im Arkadenhof die FPÖ ihre Feste feiert.
Verlagsvertrag, Verlag, Eigenverlag, Selbstzahlerverlag
Die Literaturhausfeiern gingen weiter mit einem Rechtsschwerpunkt am Nachmittag: Literaturhaus sozialrechtlich, steuerrechtlich, urheber- und vertragsrechtlich.
Da saß ich in meiner Praxis, machte meine Stunden und bin erst am Abend zur Literaturhausdiskussion “Ich zahl für mein Buch? – Verlagsvertrag, Verlag, Eigenverlag, Selbstzahlerverlag” mit Sandra Czillag von der Literar Mechana und Benedikt Föger vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels, moderiert von Gerhard Ruiss gegangen.
Ein wichtiges Thema, weil es viele Vorurteile trifft und da kann ich mich, um wieder aus dem Nähkästchen meines Gedächtnisses zu plaudern, an eine Veranstaltung in der Alte Schmiede vor dreißig oder so Jahren, als die noch im zweiten Stock in dem Hof stattfanden, der inzwischen wahrscheinlich eine Garage ist, erinnern, als ein Autor eine selbstgemachte Broschüre präsentierte und Kurt Neumann erklärte, daß so was keine Chance im Literaturbetrieb hat. Mein erster Kontakt mit diesem Thema, später las ich dann in Zeitschriften, daß man seine Sachen nicht selber machen darf, weil man dann weder in den Pen noch sonst wohin kann, weil solches als unseriös gilt. Damals hatte ich zaghaft meine Fühler nach der Verlagslandschaft ausgestreckt und 1989, die “Hierarchien” an zweiundvierzig Verlage geschickt und zweiundvierzig Absagen bekommen. Da habe ich schon damals, dem damaligen Chef der BUMUK-Literaturabteilung Ministerialrat Unger einen Brief geschickt und um fünfzehntausend Schilling Zuschuß gebeten, damit ich es selber machen kann und das am nächsten Tag Jack Unterweger geschrieben. Der mir daraufhin sofort ein Formular schickte, daß er es in der Edition Wortbrücke machen wird. Dann kam das Buch mit einer ISBN-Nummer in einer fünfhundert Stück Auflage, die Schachteln habe ich noch immer in Harland, weitere Jahre der vergeblichen Verlagssuche, irgendwann wollten Valerie Szabo, Elfriede Haslehner Hilde Langthaler und ich ein Vier-Frauenbuch machen. Elfriede Haslehner schrieb einen Kremser Kleinverleger an, der mehrere tausend Schilling von jeder haben und sich die Subvention als Lektoratshonorar verrechnen wollte. Das ist an meiner Absage gescheitert. Inzwischen kam langsam das Book on Demand auf. 2000 schenkte mir Alfred “Die Wiener Verhältnisse” in fünfzig Stück zum Geburtstag, die er bei Digibuch/Melzer drucken ließ.
Dann gab es eine von Gerhard Ruis veranstaltete Diskussion über Book on Demands im Literaturhaus und 2005 machte ich, als ich das noch durfte, dort eine Diskussion und Lesung “Selbstgemacht – Die Literatur neben dem Literaturbetrieb”, mit Uwe Bolius, der ein oder mehrere Bücher bei BoD herausgab, Margot Koller, die selbst verlegt, Ruth Aspöck mit ihrem Kleinverlag die Donau hinunter und mir, die ich die fünfzig Bücher, die ich mir jeweils drucken lasse, fünfundzwanzig gibt es, glaube ich jetzt schon, Digitaldruck nenne und mich weigere mich als Eigenverlegerin zu bezeichnen.
“Wow!”, habe ich beim ersten Buch gedacht.
“Wie schön, wie schnell, wie billig!”
Ist es auch, das Problem ist nur die Ignoranz des Literaturbetriebs und die Vorurteile, die es immer noch darüber gibt, daß man dann nicht in den PEN eintreten darf, was ich ohnehin nicht kann, weil ich aus der GAV nicht austrete oder nie mehr von einem Verlag genommen werden wird, etc.
Stimmt nicht, wie Beispiele, wie z.B. Nele Neuhaus und anderen beweisen, die ihre Bücher bei BoD machen und durch große Eigenwerbung, viel verkauften oder sogar irgendwann bei Ulstein landeten und die Sache mit den e-Books, die ja jeder selbst bei Amazon einstellen kann, macht das Ganze noch einmal anders. Vorurteile gibt es aber immer noch und wie meistens bei solchen Veranstaltungen ein volles Literaturhaus, denn es gibt ja sehr viele Leute die schreiben und nicht alle finden ein Verlag.
So hat mir gleich Elfriede Haslehner zugeflüstert, daß sie gerade über meine Bücher gesprochen hat, Margit Heumann hat mir zugewinkt und es waren glaube ich, mehrere Selbstverleger oder Verlagssucher im Publikum. Gerhard Ruis stellte das Podium vor und begann gleich mit einer Frage zu den Verlagsvertragen, auf was man achten muß und was einen seriösen Verlag ausmacht?
Das ist ganz einfach, ein seriöser Verlag verlangt kein Geld, hat ein Lektorat und einen Vertrieb und macht für das Buch auch Werbung. Das Problem ist nur, er ist nicht nur in Zeiten, wie diesen mit den täglich zwei bis drei unverlangten Zusendungen überfordert und nimmt einen nicht, wenn er einen nicht kennt und weil da einige überbleiben hat sich der Geschäftszweig der sogenannten Selbstzahler und Zuschußverlage herausgebildet, die auf die psychologische Schiene aufspringen und das Manuskript erst einmal loben. Sie machen es, wenn man so und so viele tausend Euro dafür zahlt. Da muß man dann einen Vertrag unterschreiben, wo man alle Rechte verkauft und sich vielleicht verpflichtet sein Leben lang dem Verlag alle Bücher anzubieten und von der Literaturwelt erntet man Spott und Hohn, kein Rezensent bespricht einen, man darf nicht im Literaturhaus lesen etc.
Eine miese Sache, die abgelehnten Autoren scheinen sich trotzdem darum zu reißen und fahren ein, was mir unverständlich ist, da man es mit BoD oder mit der nächsten Druckerei viel schneller und billiger machen kann.
Daß man damit auch ein bißchen Spott und Hohn ernten kann, erlebe ich gelegentlich im Literaturgeflüster. Förderung, Buchprämien und wahrscheinlich Preise lassen sich damit auch nicht bekommen. In der Autorensolidarität gibt es aber eine Portraitreihe, wo ich einmal präsentiert wurde, das Resultat war Streit mit der B., die ihren Ruf gefährdet sah, weil sie auf einem Foto mit mir abgelichtet war.
So schlimm ist es zum Glück nicht, habe ich mit der Sophie Hungers ja sogar eine Literaturhausrezension bekommen und auch in der Alten Schmiede gelesen.
Die Vorurteile halten aber lang und manche Autoren scheinen auch wirklich so unerfahren zu sein, daß sie bei einem der Zuschußverlage bezahlen. Ich denke mir, daß sich das ändern kann, wenn die Leute über die Bods aufgeklärt werden und habe das auch in die Diskussion eingebracht.
Benedikt Föger erzählte auch von einem Nachbarn Thomas Bernhards, der ein Buch über den großen Meister schrieb, es selbst veröffentlichte und daran so gut verdiente, daß er es gar nicht mehr bei einem Publikumsverlag machen wollte.
Das gibt es also auch, obwohl sich das Dilemma zeigte, in der die Sache steckt. Denn ein Zuschuß- und ein Publikumsverlag sind zwei verschiedene Dinge, der erstere ist ein Dienstleister und verkauft den Autoren Bücher, der andere kauft sie ihnen ab. Wenn das Erstere seriös geschieht ist nichts dagegen zu sagen, tut es derzeit offenbar nicht, obwohl der Novum Verlag, bei dem ich mir zwölf Bücher drucken ließ und lange damit zufrieden war, bis mir der Digitaldruck.at ein Gratisbuch in Aussicht stellte, einen Wirtschaftspreis bekommen hat, weil er Autoren fördert und Arbeitsplätze schafft.
Für Bücher zahlt man nicht, man bekommt für sie bezahlt, ist das Argument. Nur was tut man, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, keinen Verlag findet und trotzdem schreiben will?
Da sind die Bods und der Digitaldruck ein wahrer Segen, finde ich. Mit der Häme muß man umgehen lernen und die Fragen aus dem Publikum zeigten, daß ich nicht die einzige verlagslose Schreiberin bin. Soll man es nicht mit einer Agentur versuchen? Klar, nur die seriösen Agenturen suchen einen genau, wie die Verlage aus und nehmen nicht jeden, die schlechten veranstalten Preisausschreiben, wo ich einmal ein Stipendium mit “Tauben füttern” gerade nicht gewonnen habe. Weil mein Text aber so “gut” war, ihn um neunhundert statt um zweitausendfünfhundert Euro lektorieren lassen hätte können und weil ich das nicht wollte, einen kostenlosen Agenturvertrag bekam, nur im Erfolgsfall wären fünfzehn Prozent zu zahlen gewesen. Ich bekam auch ein Angebot eines Renaissance-Verlags. Ich glaube, ich hätte viertausend Euro für tausend oder so Bücher zahlen müßen. Im “Wilden Rosenwuchs” habe ich darüber geschrieben und das Buch bei der “Grundeinkommendiskussion”, die ich nicht mehr im Literaturhaus machen durfte, im Amerlinghaus vorgestellt.
So ist der Stand der Dinge ein wenig hatschert, denn es schreiben offenbar mehr Leute, als die Verlage Kapazitäten haben und die Zuschußverlage gelten nicht als Dienstleister, sondern als Verlage, sind also Mitglied beim Hauptverband und haben, weil sie an ihren Autoren viel verdienen, große Stände in Leipzig, Frankfurt und bei der Buch-Wien. Fangen die Autoren, die mit ihren Manuskripten dort herum gehen auch gleich ein oder verteilen große Plastiktaschen, von denen ich einge zu Hause habe.
Eine Lösung konnte die Diskussion nicht bringen. Irgendwie scheinen die erfolglosen Autoren überzubleiben, die Literarmechana kann sie nur beraten, die IG Autoren ihre Bücher nicht in ihren Katalog aufnehmen, allerdings wurde ein Ehrenkodex beschlossen, den Hauptverband, Literarmechana und IG-Autoren herausbringen wollen.
Nachher gab es Wein, Knabbergebäck und Small talk zum Thema. Ich habe mich mit Helga Schwaiger, Elfriede Haslehner und einem Lyriker unterhalten, der auch gestern bei der Bibliotheksführung war und die “Absturzgefahr” einige Male herumgezeigt. Am meisten ärgert mich da, wenn die Leute “schön” sagen, ohne in das Buch hineinzusehen. Denn wenn man das nicht tut, weiß man nicht was drinsteht. Wenn man es nicht kaufen will, heute habe ich gehört, daß Eigenverleger ihre Bücher verkaufen dürfen, während Gerhard Ruis früher sagte, daß das den Autoren eigentlich verboten und es eine Grauzone ist, wenn sie sie auf Lesungen mitnehmen, kann man auf meiner Homepage nachsehen und Probelesen. Im Literaturgeflüster gibts den Entstehungsbericht.
Literaturhaus feiert
Das Literaturhaus in der Seidengassee wird zwanzig Jahre alt und feiert das mit einer Veranstaltungswoche, außerdem gibts eine Kooperation mit dem Standard, so daß in diesem ein Artikel von Stefan Gmünder und Gedichte österreichischer Autoren erschienen sind. Im Literaturhaus gibt es verschiedene Institutionen, den Veranstaltungsbereich, die IG-Autoren, die Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, die Exilbibliothek und die Übersetzergemeinschaft. Ich kenne das Literaturhaus wahrscheinlich über und von Gerhard Ruis. Vor 1991 gab es eine Dependance in der Gumpendorferstraße, da habe ich mich bezüglich meiner diversen Bücher beraten lassen, irgendwann wurde ich Einzeldelegierte der IG Autoren, die sich damals, glaube ich, noch in der Annagasse trafen. Dann wurde das Literaturhaus gefunden, gebaut und eingeweiht. Ich kann mich an das sogenannte Gleichenfest erinnern, wo Hilde Hawlicek, die damalige Kultur oder Unterrichtsministerin mit Jack Unterweger, dem Verleger der “Hierarchien” tanzte. Ein Jahr später gab es dann die richtige Eröffnung. Seither habe ich einige Lesungen im Literaturhaus gehabt und bin zu unzähligen Veranstaltungen gegangen. Als ich mit Arthur West die Österreichnummer der belgischen Literaturzeitschrift “Krautgarten” herausgegeben habe, habe ich dort eine Lesung organisiert. Ernst Kostal hat einige Jahre sein Wahnsinnssymposium gemacht, wo ich gelesen habe und sieben Mal den “Tag der Freiheit des Wortes”, dort organisiert, eine Veranstaltung zu “Selbstgemacht- Die Literatur außerhalb des Literaurbetriebs”, eine Frauen lesen Frauen Lesetheaterlesung dort organisiert und den ersten Teil der “Mittleren”. Bezüglich der Frauen lesen Frauen Lesung gab es Schwierigkeiten, weil einigen Leuten nicht alle Lesenden gefallen haben, dann wurde im Literaturhaus umstrukturiert und Silvia Bartl ließ mich sowohl die Veranstaltung zum Grundeinkommen, als auch die “Mittleren” nicht mehr machen, so daß ich ins Amerlinghaus auswandern mußte.
Ich habe versucht die neue Programmlinie zu erforschen, war in zwei bummvollen Veranstaltungen, eine war mit Michael Stavaric, sonst hätte ich außer den Poetry Slams, die laut Ursula Seeber als höchst erfolgreiche Events boomen, keine großen Veränderungen entdeckt, außer, daß es die “Mittleren” dort nicht mehr gibt und Ernst Kostals “Wahnsinnssymposium” verschwand.
Heinz Lunzer ist in Pension gegangen, Robert Huez folgte ihm als Leiter, Silvia Bartl wurde, was ein Triumph sein könnte, aber nicht war, ebenfalls hinausstrukturiert und das Literaturhaus bekam mit dem neuen Leiter ein anderes optisches Design.
So gibt es jetzt ein offenes Buch, das wie ein Schmetterling aussieht, als Emblem und Bleistifte in neuen Farben, grün ist jetzt, glaube ich, die Literaturhausfarbe und zur zwanzig Jahrfeier ein eingenes Programm, das heute um fünf mit einer Bibliotheksführung begann, die Ursula Seeber, die Leiterin der Exilbibliothek machte.
Ich war nicht ganz sicher, ob ich hingehen sollte, weil ich bei diversen Veranstaltungen, wie zum Beispiel der Verleihung des Erich Fried Preises ja schon oft in der Bibliothek war, habe mich aber doch entschloßen und bin so um fünf an Franziska Scherz, die ich vom Arbeitskreis schreibender Frauen kenne und sie gelegentlich bei der Poet Night oder dem Volksstimmefest sehe, vorbeigegangen. Weil noch etwas Zeit war, bin ich ich zum offenen Bücherschrank hinauf, da war ich auch am Freitag und am Samstag und habe ihn beide Male ziemlich ausgeräumt vorgefunden und einen Mann mit zwei vollen Büchertaschen weggehen sehen. Es war nicht der weißhaarige alte Herr, der mich zum Bernhard Listringer in der “Absturzgefahr” inspirierte, aber heute war der Kasten wieder gut gefüllt und ich habe neben ein paar Krimis einen “Prosa Sprüche Lyrik” Band von Franziska Scherz gefunden, die ihn ebenfalls selbst herausgegeben hat. Das das “graue Literatur” heißt, sollte ich etwas später von Ursula Seeber erfahren, die den anwesenden zehn bis fünfzehn Personen, von denen ich einige kannte, etwas von der Bibliothek bzw. dem Literaturhaus erzählte, das seine Vergangenheit hat.
War es doch am Seidengrund einmal eine Seidenfabrik, in der NS-Zeit wurde eine Nazi-Zeitung darin hergestellt, später kam der Sender Rot-weiß-rot, der die Österreicher wieder umerziehen sollte, wo auch die junge Ingeborg Bachmann mitarbeitete und ein paar Drehbücher zur Radiofamilie schrieb.
Dann kamen die Siebzigerjahre und das dramatische Zentrum, danach wurde es zum Literaturhaus mit den oben erwähnten Abteilungen, einer Forschungsabteilung, die eigentlich keine ist und doch sehr viele forscht, einem Leiter und vielen teilzeitangestellte Frauen als Mitarbeiterinnen, eine Handbibliothek, einem Archiv und sogar einem gutausgebauten Luftschutzkeller in der jetzt die Schätze aufbewahrt werden.
Ursula Seeber wußte das alles mit Engagement zu erzählen und Werbung für die Sammlung der österreichischen Literatur ab 1890 zu machen, die Österreicher sammelt oder Leute, die irgendwann in Österreich gelebt haben.
Ludwig Fels z.B. Berthold Brecht nicht, den Unterschied habe ich nicht verstanden, aber vielleicht hängt das mit dem Brecht Boykott zusammen, den es in den Fünfzigerjahren unter Hans Weigl und Friedrich Torberg gab. Sie führte uns durch das Haus und erzählte uns von dem Museumsshop, der auch aufgebaut wird. Im Eingangsbereich gibt es so eine Vitrine mit Literaturhausregenschirmen, Literaturhausmappen, Literaturhausbleistiften etc, bzw. Folder mit Bilder der vier Autoren, die in den “Auftritten” eine Extrapräsentation bekommen. Außerdem lobte sie das Geschirr für hundert Personen, das es ermöglicht, bei Tagungen alles präsent zu haben. Ein Kaffeehaus für die Bibliotheksbenützer gibt es allerdings nicht, das ist der Unterschied zu den anderen Literaturhäusern meinte sie und erzählte, daß die Besucher auch erstaunt sind, was es im Wiener Literaturhaus alles gibt.
Um fünf gab es die nächste Veranstaltung, nämlich eine öffentliche Diskussion der Jury der jungen Leserinnen, die sich unter der Leitung von Mirjam Morad einmal im Monat treffen, um über Bücher zu diskutieren und einen Preis zu vergeben und um sieben ist die Eröffnung der Ausstellung, die ich schon ein bißchen gesehen habe, nämlich Fotos von Lukas Dostal, der das Literaturhaus in verschiedenen Blickwinkeln darstellte. Eine kleine Ausstellung bzw. eine Vitrine über Maja Haderlap gab es in der Bibliothek auch und jetzt eine Woche lang Programm, das am Samstag mit einem Fest endet, wovon ich sicher berichten werde.