Ein reizender Job für eine Frau

Platz hundert auf meiner Leseliste P.D. James “Ein reizender Job für eine Frau”, kam völlig unerwartet, hatte ich bei dem letzten Buch auf meiner Liste doch an ein eventuelles Rezensionsexemplar gedacht und den Platz für diesen Fall freigehalten, dann bin ich vor zwei Wochen in Tschenstochau auf das Klo gegangen, das Taschenbuch dort liegen sehen und nicht widerstehen können es mitzunehmen und auf meiner Polenreise zu lesen, obwohl es noch weniger mit den Masuren als der Erzählband von Grzegorz Kielawski zu tun hat oder doch ein bißchen, gibt es bei Ilona Lütkemeyer doch eine Seite “Gekauft, gefunden, geklaut”, wo sie genau das beschreibt. Da hatte ich das Buch schon und ein auf einem polnischen Klo gefundener englischer Krimi in deutscher Sprache ist jedenfalls eine Reiseerinnerung und um “Beutestücke” geht es in dem Schreiben unterwegs Buch auch.
P.D. James, von der ich noch nie etwas gehört habe, war auch, wie der deutsche Tagesanzeiger schreibt, ein “lockeres Lesevergnügen” oder ein “unterhaltsames Lesefutter”, Kölner-Stadt-Anzeiger.
Phyllis White, die unter ihrem Mädchennamen schreibt, wurde jedenfalls 1920 in Oxford geboren, war in der Krankenhausverwaltung tätig und mit einem britischen Arzt verheiratet.
“Ein reizender Job für eine Frau”, der in den Siebzigerjahren spielt ist ein sehr eigenwilliger Kriminalroman mit einer überraschenden Wende, die eigentlich gar nicht so unterhaltsam locker ist und so beginnt es auch nicht. Fängt es doch mit einem echten Selbstmord an und zwar hat sich der Ex-Polizist und Inhaber einer schlechtgehenden Detektivagentur umgebracht, weil er Krebs hatte “und sich da er gesehen hat, was Behandlung den Menschen antut, auf dem bequemen Weg davon macht.”
Er macht das aber nicht mit seiner Waffe sondern eher unbequem mit einem Schnitt durch die Pulsadern, weil er alles, sein Büro, seine Schulden und auch die unangemeldete Waffe, seiner Partnerin, der zweiundzwanzigjährigen Cordelia hinterläßt. Die hatte auch ein eher unbequemes Leben, ist doch ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben, so daß sie, obwohl sie einen anarchistischen Vater hat und literarisch sehr bewandert ist, bei Pflegefamilien aufwuchs und nach einer Büroausbildung in Bernie Prydes schäbigen Büro landete, der sie zu seiner Partnerin machte. Es gibt aber keine Fälle, nur eine für Stunden bezahlte konventionelle Bürokraft, die Werbebriefe an sämtliche Anwälte schreibt und Bernies eher illegale Deals, über die Cordelia nur spekulieren kann. Jetzt ist Bernie tot und seine Parnterin will weiter machen, obwohl ihr in ihrer Stammkneipe alle sagen, daß das kein Job für eine Frau ist.
Wie das in Krimis so ist, kommt nach dem Begräbnis die erste Klientin und entführt Cordelia nach Oxford, denn dort ist wieder ein Selbstmord geschehen und zwar hat sich der begabte Student Mark Callender, Sohn eines berühmten Naturschützers, mit einundzwanzig Jahren umgebracht, nachdem er seine Universitätslaufbahn plötzlich abbrach und in einem Landhaus als Gärtner zu arbeiten begann. Der Vater will wissen, ob er schuld daran ist. So beginnt Cordelia auf unkonventionelle Art zu recherchieren, das heißt sie quartiert sich in der Gärtnerwohnung ein und fotografiert dort den bereits vergammelten Eintopf, den Mark sich zubereitete, bevor er sich erhängte. Tut man das?, lautet ihre unkonventionelle Frage, sie findet noch ein pornographisches Foto und das Gebetbuch von Marks Mutter aus dem sie herausbekommt, daß Sir Ronald eine andere Blutgruppe hat. Es gibt auch eine Gemeinsamkeit zwischen Cordelia und Mark, auch seine Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben, vielleicht ist das der Grund für Cordelias unkonventionelles Handeln, er hätte aber von seinem Großvater an seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag ziemlich viel Geld geerbt. Das erfährt sie von der alten Nanny von Marks verstorbener Mutter, beziehungsweise von Marks Freunden, die mit der Nanny beim Begräbnis waren, von der Familie aber ziemlich geschnitten wurden. Cordelia bemerkt, daß ihr ein schwarzer Lieferwagen folgt und als sie einmal in das landhaus kommt, findet sie eine aufgehängte Attrappe an der Stelle, wo einmal Mark baumelte. Ein anderes Mal wird sie niedergeschlagen und in einem Brunnen gesperrt, die Schwester des Landgutbesitzer, die auch ihre unheimliche Beziehung zu dem Gartenhäuschen hat, findet sie und so kann sie Sir Ronalds Assistenten, als der zum Brunnen nachschauen kommt, beziehungssweise ihre Handtasche um einen Selbstmord vorzutäuschen, hineinwerfen will, entlarven, der daraufhin in eine solche Panik gerät, daß er bei einem Autounfall ums Leben kommt. Cordelia hat inzwischen herausgefunden, daß Marks Freundin, Marks Leiche stark geschminkt und in Unterwäsche bekleidet neben den pornographischen Darstellungen baumeln sah, als sie aber mit ihren Freunden zurückkam, um ihm die Unterwäsche auszuziehen, hatte er schon die Jeans an, in denen er später gefunden wurde. Cordelia fährt mitten in der Nacht zu Sir Ronald um ihm zu erzählen, daß Mark das Kind von seiner Freundin und Sekretärin Miss Leaming ist und er moralisch, wie man mit einundzwanzig Jahren eben ist, auf die Erbschaft verzichten wollte, was Sir Ronald nicht zulassen konnte. Der bestreitet das gar nicht, wieso er Cordelia überhaupt engagierte, ist nicht ganz klar, meint aber, daß er sie verleumden würde, wenn sie es der Polizei erzählt, worauf ihn Miss Leaming erschießt.
Der Fall ist gelöst, nun kommt aber das Unlogische, denn Cordelia lehnt es ab die Polizei zu holen, sondern täuscht mit Miss Leaming, obwohl ihr die unsympathisch ist, einen Selbstmord vor, dann will sie mit Marks Pullovern aus dem Gartenhaus verschwinden, der Polizeirat, der Schuld an Bernies Entlassung aus dem Polizeidienst war, holt sie aber zum Verhör, Cordelia schweigt verbissen, da sie von Bernie lernte, daß man das soll, da aber Miss Leaming zufälligerweise auch einen Autounfall hat und der Polizeirat ohnehin schon alles weiß, ist der Fall geklärt und Cordelia kann in ihr Detektivbüro zurückkehren, wo der nächste Klient schon wartet.

Ins Storchendorf

Camping Pirat in Olsztyn

Camping Pirat in Olsztyn

Von Elblag fuhren wir nach Olsztyn oder Allenstein, das heißt wir blieben ein paar Kilometer davor, bei der Pirat Taverna einem Hotel-Restaurant stehen, das auf einer Wiese auch einen kleinen Campingplatz hatte, direkt am See gelegen, stehen. Es war kurz vor Mittag, wir stellten das Zelt auf und fuhren los zum Mittagessen. In dem Hotel kann man das zwar auch, aber dafür war es noch etwas zu früh und der Alfred hatte auch besondere Pläne, hat er in seinen Führern doch das Schloß Hotel in Galiny gefunden, beziehungsweise vor einem Jahr mit dem Karl dort schon gegessen.
“Das ist cirka eine Stunde entfernt!”, erklärte er mir. Danach wollten wir ins Storchendorf, um zu fotografieren und die Störche zu bewundern, die es hier in großer Menge gibt und man sie in ihren Nestern auf den Dächern stehen sieht. Wir befinden uns dicht an der russischen Grenze, nahe bei Kaliningrad, das früher Königsberg geheißen hat.
Wir fuhren los, in die Richtung Bartenstein und schauten zwischendurch immer nach den Storchennestern. Dann kommt das Dorf Galiny, aber eher wir ein Schloß gefunden haben, ist es es auch schon vorbei, mir ist nur aufgefallen, daß das l einen dieser polnischen Striche hat, aber nichts dabei gefunden. Es ist schon zwei vorbei und ich bin hungrig, das Schloß finden wir nicht, erreichten aber das Storchendorf, parkten das Auto auf einem Parkplatz ab und gingen an einigen Bauernhäusern in das Dörfchen hinein, das eine kleine Kirche hat, eine Bank, einen Postkasten und einige Schautafeln, die auf die Störche hinweisen, sonst nicht viel und außer einigen Bauern sind keine Menschen zu sehen.
Auch Störche sehe ich nicht besonderns viele, zumindest keine auf der Straße, nur ein paar auf den Dächern, dafür ein Schild, das auf ein Museum hinweist, dann kommt schon ein älterer Mann, der ein bißchen Deutsch versteht, führt uns in einen Schuppen, in dem auf einigen Tischen Mappen liegen, in denen er die Anzahl der Störche verzeichnet hat, die es gegeben hat und uns auch Spiegelartikel zeigt, die über das Dorf berichten, beziehungsweise die Bilder der Prominenten, die Zykowo besucht haben. Der freundliche Mann, ich glaube, es war ein Russe oder Ukrainer, zumindest steht so etwas in dem Führer, will uns auch Kaffee kochen, ein Restaurant scheint es in dem Storchendorf aber nicht zu geben und der Alfred hat inzwischen herausgefunden, daß das Schloß in einem Galiny ohne Strich am l liegt, das vierzig Kilometer entfernt ist.

Also schnell dorthin fahren, inzwischen ist es schon fast drei, der Alfred will aber fotografieren, ich gehe zum Auto zurück, dort wartet eine Frau mit Handy, die die Parkgebphr von zwei Zloty kassiert und dafür sehr schöne kleine Zeteln mit einem Storch verteilt.
Wir fahren nach Galiny, das ein Palastkomplex mit Gutshof ist, in dem man auch reiten kann, so befinden sich in dem sehr schönen Restaurant mit einer Galerie, um halb vier noch einige Frauen mit Kindern, die Pommes frites und rote Rübensuppe essen. Der Kellner verzieht auch keine Miene, sondern bringt die Speisekarte und das Frikassee mit Champignons, das in einem Kartoffelpuffer serviert wird, schmeckt auch wirklich gut.
An der Rezeption gibt es eine Broschüre mit vielen Bildern des Schloßes, das auf die Geschichte hinweist, es hat einmal dem Grafen Eulenburg gehört, wurde im zweiten Weltkrieg zerstört, vom Staat übernommen und zu einem Erholungsheim gemacht. Der Palast und die Parkanlagen zerfielen bis 1995, bekam dann einen neuen Besitzer, der es restaurierte und einen Hotelkomplex daraus machte.
Wir sind dann noch ein bißchen in dem Areal spazierengegangen, bevor wir zurückfuhren und die Stadt Olsztyn besuchten, weil der Alfred wechseln wollte. Kantor heißen dort die Wechselstuben, sie waren aber schon geschloßen, dafür gab es in der Stadt aber jede Menge Restaurants, so daß es leicht gewesen wäre, früher zu essen, das Essen in dem Palastkomplex hat aber gut geschmeckt.

Sommer am Meer und anderswo

Wigry

Wigry

Das von der Literaturwissenschaftlerin Iris Grädler herausgegebene Club Taschenbuch “Sommer am Meer und anderswo” neue Geschichten aus aller Welt, das ich 2008 bei diesem Stattersdorfer Flohmarkt erstanden habe, habe ich mir schon vorige Woche an die hohe Tatra mitgenommen und ungefähr die Hälfte gelesen.
Sommergeschichten sind in der Bloggerszene sehr beliebt, so hat leselustfrust vor zwei Jahren, als ich ihren Blog kennenlernte, eine Aktion gestartet, wo sie in die Wiener Buchhandlungen ging und nach Sommerbüchern fragte, Lillyberry die gerne am Strand von Rostock unter einem Kugelzelt darin liest hat heuer eine Sommeraktion gestartet und auch die Klappentexterin, ein anderer interessanter Bücherblog, bespricht Sommerbücher. So bin ich wohl auf die Idee gekommen, mich auch für Sommerbücher zu interessieren, denn eigentlich habe ich ja nicht so gerne Kurzgeschichten. Kurt Tucholksys “Schloß Gripsholm” zu lesen, habe ich aber schon lange vor, vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr und setze es am besten gleich auf die nächste Leseliste. Weil ich bezüglich Bücherbloggen auf dem Campingplatz im vorigen Jahr unsicher war, habe ich den Geschichtenband mitgenommen, ihn angelesen und nicht besprochen, heuer wurde ich damit fertig und heuer passt es auch, hat dieser Sommer ja schon mit einem Reiseschwerpunkt begonnen, dann kam das Reiseschreibetagebuch der Ilonka Lütkemeyer und obwohl die Geschichten aus aller Welt weder in der Nähe der hohen Tatra noch in den Masuren spielen, machte das Lesen darin am schönen Campingplatz von Wigry großen Spaß und die Geschichten waren interessant. Wenn man genauer analysiert, ist auch die Zusammensetzung spannend, gibt es ja nicht nur bekannte Namen, sondern auch eine Themenvielfalt. Und zwar dominieren da einmal die Reisegeschichten, wo berühmte Autoren ans Meer oder anderswohin fahren und mehr oder weniger literarisch darüber schreiben.
“Migalu- der weiße Wal” von der 1929 in Melbourne geborenen Patricia Shaw ist so ein Beispiel. Da fährt die Autorin oder sonstwer mit den Enkelkindern “an einem Wintertag im Juli bei einer Temperatur von 24 Grad Celsius auf eine Wal-Beobachtungstour. Das Boot tuckert bei St. Helena vorbei, die Passagiere haben zuviel gegessen, die Enkelkinder erfreuen sich an den üppigen Farmersandwiches und kreischen auf, weil sie mit scharfen Senf gefüllt sind. Die Größe der Buckelwale wird erklärt und am Schluß hat man noch das Vergnügen, den berühmten Migalus zu sehen.”
Hans Ulrich Treichel ist bei seiner “Ägypitschen Reise”, bei der er beschreibt, wie die Busreisenden an hupenden Taxifahrern und schnorrenden Kindern vorbei in die Hotelhallen getrieben werden, wo die Schuputzer warten und ein Chor “happy birthday” singt, viel zynischer und wird dabei noch von Elke Heidenreich übertroffen, die bei ihrer “Kleinen Reise” aus der Sicht einer Journalistin schreibt, die alles kennt, vom ständigen Jetset angeödet ist, Berlin haßt, aber dennoch von Frankfurt dorthin fliegen muß, um über einen Aufstand von Nutten zu schreiben.
Es gibt eben solche und solche Reisende. In einem Sommerlesebuch werden naturgemäß die schönsten Orte ausgewählt und die bekanntesten Namen ausgewählt, um, wie ich denke, die Leute am Strand zum Lesen zu bringen. So berichtet Wolf Serno von der Südsee und Rani Manicka hat sogar die weißen Berge von Katmandu bereist, dabei wird ihr am Airportschalter die Designersonnenbrille gestohlen. So kann es gehen, wenn man eine weite Reise macht, die manche machen müßen, Asylgeschichten und solchen von Leuten, die mit ihrem, vom letzten Geld gekauften neuen Rucksäcken das Untergeschoß eines Lastwagen besteigen, kommen in dem Band nicht vor, obwohl der sensible Tankwart in Manuel Rivas “Die Tankstelle”, verdächtige Geräusche aus einem Lastwagen hört und dann kommt zu ihm auch noch regelmäßig der Wagen, der die Nutten in die Bordelle der Umgebung verteilt und Hussain Al-Mozany hat eine solche Schlepperfahrt möglicherweise schon hinter sich, jetzt macht er sich nach zwanzig Jahren in Deutschland auf, um seine Mutter in einem Cafe in Amman zu treffen und begegnet dabei einen anderern Iraker, der einen Sarg dorthin bringen muß, weil der Verstorbene in der Heimat begraben werden will.
Barbara Frischmuth erzählt in “Die Fischer von Bodrun” von Fanny und Franz, die während einer Türkeireise in Bodrun landen und berichtet dabei möglicherweise von eigenem Erlebten aus ihrer Studentenzeit, während Oleg Postnovs “Pferd”, die Reise in ein anderes Leben und eine Begegnung mit dem Tod schildert. Da sind wir schon weg von den gewöhnlichen Reiseberichten, die man vielleicht nach einem Reiseschreibratgeber schreiben kann, obwohl die Irinen Mary Ryan und Maeve Binchy bei ihren Italienreisen vom Ausbruch aus der katholische irischen Enge in die scheinbare italienische Freiheit der Fünfziger oder Sechzigerjahre berichten. Maeve Binchy macht in “Carissima” noch das Besondere daraus, das für ihre Geschichten so typisch ist, denn Nora, die einmal in Italien war, liebt meistens verheiratete Männer und wird von ihrer Familie dafür verachtet, die kluge Freundin Brenda weiß aber mit einer Oberin eines Hospital Rat und die Lösung, wie Nora den Schikanen ihrer Schwestern entkommen kann.
In einem ordentlichen Sommerlesebuch muß es auch Krimis geben, so hat Harlan Coben in “Giftige Krschen”, einen besonders verwickelten geschrieben und die deutsche Krimiautorin Brigitte Riebe, schickt ihre Serienheldin Sina Teufel in “Schwarze Iris” auch auf Ägyptenreise, wo sie in das “Mutti-Programm” gerät. Tanja Kinkel, die ich durch die Bücherblogger kennengelernt habe, fehlt noch, Andreas Eschbach, bei dem das ebenfalls zutrifft und einige andere, die ich jetzt auslasse und das selber lesen empfehle. Andreas Eschbach hat in “Garten Eden” natürlich eine Abenteuergeschichte, die in der Zukunft spielt, beigesteuert. Alles ist verplant und programmiert und die Wildnis gibt es nur mehr in alten Abenteuerbücher oder auf einer Landkarte, die Tonak im Haus seiner Tante im Amazonas findet. Obwohl es verboten ist, will er dorthin und kämpft auch mit einer Wildkatze, als er aber zusticht, um zu überleben, erkennt er auch sie ist inventarisert und gehört der Stadtverwaltung.
Eine spannende Reise in die Welt der Literatur, in die man am Strand und anderswo in einem Sommerlesebuch ein bißchen eintauchen kann und zum Weiterlesen animiert. Ich lese ja nicht so gerne Kurzgeschichten für einen Campingurlaub sind sie aber doch geeignet. Man auch darüber bloggen, sogar nach einem Jahr.

Das Schiff auf den Schienen

“In Nordostpolen zwischen den Tälern der unteren Weichsel und der Memel befinden sich drei verzweigte Schiffahrtswege, die die touristische Aktion der Gegend bilden, der Augustov Kanal, die Masurischen Seen und der oberländische Kanal, letzterer ein Baudenkmal der hydrograpischen Kunst, das es inzwischen nur mehr in Polen gibt”, lese ich im Reiseführer und der Alfred ist im Vorjahr schon auf dieser Strecke gefahren und hat die Fotos von dem Schiff, das auf Schienen durch den Kanal gezogen wird, gezeigt.
So sind wir auch nach Elblag gefahren. Direkt neben dem Kanal liegt der kleine Campingplatz, der hauptsächlich von älteren Deutschen mit ihren großen weißen Wohnmobils bevölkert ist, der Nachbar neben uns fährt mit seinem breiten Motorrad in der schwarzen Lederjacke ein, das er dann umständlich im eigenen Anhänger verstaut. Das Klo mit den Duschen ist geheizt, in den kleinen Vorgärten gibt es zwar keine Gartenzwerge, aber etwas Ähnliches auf polnische Art. Der Campingmeister fährt mit seinem Fahrrad seine Runden, um nachzuschaut, ob alles in Ordnung ist.
Wenn man den Kanal an den Anglern und den Liebespärchen vorbei, hinuntergeht, ist man bald an der Schiffsanlegestelle, am Abend stehen die kleinen schmalen Boote schon bereit, mit denen man an geraden Tagen, die halbe Strecke, an ungeraden die ganze fahren kann.

Wir entscheiden uns für die große Tour und warten einen Tag länger, was nichts macht, gibt es ja eine im Krieg zerstörte, wieder aufgebaute Altstadt zu entdecken und den kleinen Bäckerjungen, der mit seiner Schaufel vor dem Markttor steht, mit der hat er die Stadt im sechzehnten Jahrhundert vor den Angriffen der Kreuzritter gerettet, so kann man heute seine Nae angreifen, was angeblich Glück bringt, deshalb glänzt sie immer goldig und glatt. Auf den Markttorturm kann man hinaufsteigen und auf die Stadt hinuntersehen. Die Nikolauskirche kann man besichtigen und in einem der Lokale Piroggen essen, so geht der Tag herum, am Sonntag besichtigen wir die Marienburg, die ihre Gründung den Kreuzrittern verdankt und am Montag geht es um neun Uhr morgens los. Drei Schiffe stehen schon bereit, durch die man hindurchgehen kann, die Kapitäne haben ihre Listen, wo sie nachschauen können, wer sich angemeldet hat und auf wen man noch warten muß. Dann geht es los mit einem sehr vollbesetzten Schiff. Vor mir sitzt ein kleiner älterer Mann mit seinem Rucksack ganz allein, alle anderen Plätze sind besetzt, ein paar der mit dem Bus von Osterode hergebrachten, müssen unten Platz nehmen und kommen herauf, wenn das Schiff durch die Schleusen fährt oder den Berg hinaufgezogen wird. Dann springen alle auf, um zu fotografieren, seltene Wassertiere wie weiße Reiher und natürlich Biber gibt es auch. Im Führer steht, daß man sogar manchmal einen badenden Hirsch beobachten kann, den habe ich nicht gesehen, aber eine Landschaft, ähnlich wie der Neusiedlersee. Neben uns hat ein polnisches Ehepaar einen großen Sack mit Reiseproviant mitgebracht, Kaffee und Tee in einer Thormosflasche und beginnt ihn auszuteilen, ein kleines Mädchen mit einem dicken Zopf kommt herauf und wird fotografiert.
Die lange Strecke geht von Elblang bis nach Osterode achtzig Kilometer und dauert den ganzen Tag, so gibt es um zwei Uhr Mittagessen, das auf der Mittelstation eingeladen wird, drei Conainer und zwei Töpfe in denen der Krautsalat enthalten ist, werden hereingetragen und von der Frau, die die Getränke und die Würstel verkauft, ausgeteilt. Das Essen ist so gut isoliert, daß es noch sehr warm auf den Tisch kommt, es gibt Krautsuppe, Schnitzel mit Kartoffelpüree und Krautsalat. Wir essen es am Deck oben auf den Knie und zerteilen das Schnitzel mühsam mit den Plastikmessern.
Die meisten der Schleusen und der Schienenstrecken sind inzwischen vorbei, nun wird der See breiter, man kann die Landschaft sehen und natürlich auch die entgegenkommenden Boote, dann winken alle, fotografiert wird immer noch.

Dem alten Mann von mir, von dem ich schon gedacht habe, daß er Deutscher ist, ist sein Rucksack heruntergefallen, ich hebe ihn auf uns spreche ihn an, von diesen Moment an beginnt er zu reden und erzählt mir, daß er, seit er in Pension ist, er schon achtundsiebzig, viel herumreist und schon ganz Europa gesehen hat. Er wohnt auch auf dem Campingplatz und zwar in einem Dachzelt auf dem kleinen Auto, das dem Alfred schon vorher aufgefallen ist und nach Polen kommt er überhaupt sehr oft und hat hier auch viele Freunde. Nikoleiken mag er nicht so gern , erzählt er mir, weil ihm das zu protzig ist, da bevorzugt er die kleineren Orte und auch die Masuren, Neuland für mich, sind ihm schon bekannt. Er zeigt mir auch die Fotos von seinen Enkelkindern und erzählt mir von seiner sechundneunzigjährigen Mutter, die immer noch sehr rüstig, in einem Seniorenheim lebt und wir passieren die letzte Schleuse. Jetzt ist es nur noch eine Stunde oder zehn Kilometer bis Osterode. Wir haben schon Verspätung und sollten eigentlich schon angekommen sein, sind aber am Morgen später abgefahren. Osterode scheint auch ein emsiger Ausflugsort mit Strandcafes und einer Restaurantzeile zu sein, wir haben aber keine Zeit es anzusehen, wartet der Bus ja schon gegenüber dem Hauptpostamt, so daß wir gerade noch die Ansichtskarten, die wir in der Marienburg gekauft haben, einwerfen können. Dann wird eingestiegen und der Bus bringt uns nach Elblag zurück.

Mit 80 Seiten um die Welt

Ilona Lütkemeyers “Mit 80 Seiten um die Welt” – “schreiben unterwegs”, ist, wie im Untertitel steht, als “persönlicher Weg zum kreativen Reisetagebuch” gedacht, hat hundertdrei Seiten, achtzig Schreibaufgaben und vier Kapitel, ist mit Zeichnungen von Dorothea B. Nolting ausgestattet und 2007 im Schibri-Verlag erschienen.
Ich habe das Buch im März im offenen Bücherschrank gefunden und mich sehr gefreut es auf meiner Polenreise zu lesen und ausprobieren zu können.
Literarisches Reiseschreiben wird in einigen Schreibeschulen angeboten, so hat es Ana Znidar vom writers studio im Programm und beim Tag der offenen Tür im vorigen Jahr habe ich ein solches Seminar auch ausprobiert, ebenso, die Reisereportagen “mit Sprache unterwegs”, ein Reisetagebuch führe ich meistens auch, so habe ich das kleine dünne Buch mit dem schönen roten Notizbuch, das ich einmal zum Geburtstag bekommen habe, eingepackt und im Auto mit dem Lesen und Schreiben begonnen.
Ilona Lütkemeyer steht am Buchrücken, “ist Schriftstellerin, Dichterin und Dozentin, studierte Sprach- und Literaturwissenschaft in München, gibt Seminare und Workshops und war mit ihrem Reisetagebuch schreibenderweise in aller Herren und Frauenländer unterwegs.”
In einer Einleitung gibt es einige Anleitungen zum Lesen und zur Ausrüstung, Ilona Lütkemyer meint, daß es “für den Einsatz am Ort geschrieben ist” und empfielt, es schon vor der Abreise durchzublättern, die vier Kapitel sind in “Planung und Aufbruch”, “Unterwegs” “Zurück” und “Nach der Reise ist vor der Reise” eingeteilt, wobei Kapitel zwei wahrscheinlich naturgemäß das längste ist.
Auf jeder Seite gibt es unter einer Überschrift ein Zitat zum Thema Reisen, eine Einleitung bzw. einen Reisetext von der Autorin und darunter eine Schreibübung, die man machen kann.
Der Einleitung ist zu Entnehmen, daß das Buch als Anleitung zum persönlichen Reisetagebuch gedacht ist, so empfielt die Autorin auch sich schöne Tinte zu besorgen und die erste Seite offen zu lassen, um später Bilder oder Blumen hineinkleben zu können.
Die Übungen führen ein in die Welt der Haikus, erklären was ein Elfchen sind, eine Seite ist dem Sex auf Reisen, eine andere dem Träumen gewidmet, eine widmet sich dem Koffer packen, eine andere empfieht die Reise nach dem Alphabet zu beschreiben, wie man da zu einem Reisetagebuch kommen kann, wurde mir zwar nicht ganz klar. Ich habe mein rotes Buch aber inzwischen ziemlich voll geschrieben, mit einem ganz gewöhnlichen Kugelschreiber, nicht mit Tinte, meine Träume und Sexerlebnisse habe ich nicht in ein Kuvert hineingeklebt, es ist aber dadurch, daß ich die Übungen direkt in das kleine Büchlein und dieses damit zu einem one-way Instrument machte, sicherlich viel intensiver geworden und die Leute, denen ich begegnete habe ich auch viel aufmerksamer beobachtet, so daß ich “Schreiben unterwegs” für ein intensiveres Reiseerlebnis und einen ersten Eindruck in das kreative Schreiben sicherlich empfehlen kann.
Es enthält viele kleine Übungen, die meiner Meinung nach, nicht alle unbedingt in ein Reiseschreibebuch passen, man hat nachher aber ein bißchen über sich erfahren, einige kreative Übungen gemacht und vielleicht auch ein bißchen über das Schreiben und über Ilona Lütkemeyers Reisen erfahren, so daß ich es für eine gute Idee halte, ein solches Heftchen auf jede Reise mitzunehmen.

In der Marienburg

In der Marienburg

Man hat dann ein paar Worte Polnisch oder in einer anderen Sprache aufgeschrieben und “Ausländisch für Anfänger” war auch eine Übung, die ich gern gemacht habe, denn dann kann ich später nachschauen, was Frühstück, Möbel oder “Guten Tag” auf Polnisch heißt und auch die Idee, die Reise nach dem Alphabet zu beschreiben, führt vielleicht nicht zu einem Reisetagebuch, ist aber ein interessanter Einstieg sich mit dem Erlebten zu beschäftigen. Es gibt auch Anleitungen zum Zeichnen, fordert auf, sich mit den Zimmermädchen, Hotelportiers etc zu beschäftigen und Geschichten über sie zu schreiben. Da ist mir in Tschenstochau eine Schwester Agneta eingefallen, die mit dem Fahrrad von ihrem Kloster angeradelt kommt, dort vielleicht ihre Cousine trifft, die ihrem Onkel in einer der Imbißbuden hilft, etc und als besonders skurriles Erlebnis, Ilona Lütkemeyer nennt das Kapitel “Seemannsgarn und Jägerlatein” und erzählt in ihrem Text, “daß sie auf der Raststätte in Steigerswald eine Klofrau traf, die ein Diadem im Haar trug, sich als Gräfin von Greiferswalden vorstellte, ihr eine vollgefüllte Krokogeldbörse in die Hand drückte und dann verschwindet, während die Polizei auftaucht und, na schöne Frau, was haben wir denn da?, fragt”, ist mir eingefallen, daß die rothaarige Berlinerin, die mit uns die Führung in der Marienburg machte und die wir bei der Schiffsfahrt in Elblag wiedertrafen, die Autorin sein könnte, die mir beim Schreiben über die Schulter sieht und ebenfalls “Was schreiben Sie denn da?” fragt.
Noch ein “Haiku” von mir, der in Elblag entstanden ist, obwohl ich ja an sich keine Haikus schreibe.
“Trübes Wetter hier
die Wolken ziehen zu
Sonntag ist es auch”
Wie man sieht, hat mir das Lesen und das Schreiben in das kleine Büchlein Spaß gemacht. Einige Übungen habe ich nicht gemacht, so zum Beispiel keinen Dialog geschrieben, einige sind anders geworden und viele auch viel kürzer, da ich immer aufgehört habe, wenn die Seite fertig war und kaum etwas davon in meinem Reisetagebuch zu finden ist. Ich habe aber einige Idee für Literaturgeflüster-Reportagen bekommen, so daß sich meine Leser genauere Eindrücke von meiner Reise machen können. 1 2 3 4

Vorbereitungen

Die Bücher sind am Montag pünktlich eingetroffen, als ich gerade mit einer Exploration begonnen habe. Jetzt sind sie im neuen Bücherregal aufgestapelt, das inzwischen gar nicht mehr so leer und mikrig aussieht und bevor wir am Abend auf den Rathausplatz gegangen sind, um Diana Krall zu hören, habe ich noch fünf eingesackelt und an die Nationalbibliothek, den ORF, das Literaturhaus, die Gesellschaft für Literatur und an Helmut Schönauer geschickt. Ich weiß nicht, ob ich schon von meinen diesbezüglichen Gefühlen geschrieben habe, denn das ist ja eine irgendwie aussichtslose Sache. Kurt Neumann schreibt mir dann zurück, “daß ich schon im Vorjahr oder so gelesen habe und daher auch die anderen lesen lassen soll”, deshalb habe ich diesmal auch die Alte Schmiede ausgelassen und Marianne Gruber antwortet lieb, “Schon viel besser, aber Sie wissen ja…!”, trotzdem denke ich, ich sollte es tun und zumindestens die Nationalbibliothek verlangt auch ihr Pflichtexemplar. Es ist ja wieder ein sehr schönes Buch geworden und ich denke dann auch immer, daß ich besonders darauf hinweisen soll.
Den “Stadtroman” habe ich 2007 im Uhudla, als den noch El Awadalla betrieben hat, vorgestellt und 2009 das “Haus” und “Die Radiosonate” im “reading!!!room”. Da sitze ich dann stundenlang und mache Aussendungen, nur um zu hören, “daß die Großmutter Geburtstag hat und man daher nicht kommen kann!” und lese vor drei oder vier Bekannten, auch nicht gerade lustig.
Aber die “Sophie Hungers” wird am 17. 10. im Cafe Amadeus vorgestellt, wie ich mit Christian Schreibmüller vereinbarte und wieder alle herzlich dazu einlade.
Jetzt ist für Buchpräsentationen ohnehin ein schlechter Zeitpunkt, weil alle auf Urlaub sind und wir morgen losfahren.
Die Post war diesmal eine positive Überraschung, denn als ich die “Sophie Hungers” vor ein paar Wochen an die deutsche Bibliothek nach Leipzig schickte, habe ich sechs Euro achtig bezahlt, jetzt nur über sieben Euro für alle fünf Bücher. Es gibt oder gab aber eine Buchhandlung in Wien, die Bücher nach Deutschland sammelte und einmal in der Woche damit über die deutsche Grenze zum nächsten Postamt fuhr.
Jetzt gehts ans Vorbereiten und Packen. Die Bücher, die ich mitnehme, sind herausgesucht. Für die Reisereportagen habe ich ein schönes handgeschöpftes Buch mit Büttenpapier, roten Umschlag und Extrableistift, das mir einmal die Brigitte zu einem meiner Geburtstagsfeste brachte, gefunden und dann gibt es noch ein Musterbuch von BoD für die allgemeinen Schreibnotizen. Die 3 S und das grüne Notizbuch kommen natürlich mit und auch ein bißchen Papier, falls ich doch etwas mit der Hand schreiben will.
Das habe ich auf unserer Sizilienreise vor zwei Jahren mit der “Sophie Hungers” intensiv getan. Aber damals habe ich mich beim Schreiben ziemlich gequält und war ausgeschrieben, obwohl das Buch dann gut angenommen wurde.
Bei der “Frau auf der Bank” geht das Schreiben eigentlich gut, ich habe seit meinem letzten Eintrag auch weiter geschrieben und halte derzeit bei über achtundvierzig Seiten, einundzwanzigtausendachthundertdreiundsechzig Worten und fünfzehn Szenen. Wieviel ich heute noch schreibe weiß ich nicht, habe aber ein vages Konzept und bin mit den Gedanken in meinem Kopf und dem Leben meiner Protatgonisten eigentlich zufrieden. Thomas Wollinger hat da in seinen Blog wieder ein sehr schönes Video von seinen Erlebnissen nach einem Schreibtag hineingestellt und das ist sehr interessant, denn ich denke, solche Gefühle und Erlebnisse sollten sich mehr Menschen erlauben, statt nur zu den Romanen anderer zu greifen und zu sagen “Ich versuche es erst gar nicht, denn bei mir wird es sicher Mittelmaß!”. Ich weiß “Lesen ist Abenteuer im Kopf”, aber “Schreiben ist das sicher auch!”, so behaupte ich jedenfalls immer trotzig, wenn ich mein Schreiben mit “Zähnen und mit Klauen” verteidige.
Cornelia Travnicek hat übrigens eine Antwort auf weitere Schreiber unter Dreißig mit ihrem Hinweis auf die Zwanzignamenliste des heurigen FM4 Literaturwettbewerbs gegeben, die jetzt von der Vor- an die Hauptjury übergeben wird, um dann im Herbst das Buch und die zehn Preisträger zu haben. Da werden sicher einige unter Dreißigjährige dabei sein. Einen davon kenne ich durch die Anthologie des “Duftenden Doppelpunkts”, die ich im Frühling bei dem diesbezüglichen Literaturquiz gewonnen habe, nämlich Christoph Aistleitner, der dort den Würdigungspreis bekommen hat.
Kataloge und Prospekte über die Masuren liegen auch am Schreibtisch, da hat Alfred im Februar von den Ferienmessen bzw. von seiner Vorjahrsreise einiges mitgebracht. Ich glaube, er hat mir auch ein Buch darüber geschenkt, aber das läßt sich nicht mehr finden oder liegt auf Alfreds Bücherstoß und dann muß man natürlich seine Hosen, T-Shirts, ect. einpacken.
Wir fahren mit dem Campinganhänger und übernachten auf Campingplätzen. Daß es auf den Masuren schön ist, haben mir inzwischen einige Leute gesagt und es gibt auch viele, die dort hinreisen oder sonst in Polen Urlaub machen.
Dann gibts natürlich schon Hinweise, auf die Herbstneuerscheinungen, so hat Thomas Glavinic ein neues Buch, das im August erscheint, der war auf Pilgerfahrt im Balkan, auf seiner Verlagsfacebookseite läßt sich das Weitere nachlesen und Eva Rossmann hat natürlich auch einen neuen Krimi geschrieben, der “Unterm Messer” heißt, von Schönheitsoperationen handelt und am 7. September in der Buchhandlung Kuppitsch vorgestellt wird.

Weiter mit den drei S

Wie ist es mit der “Frau auf der Bank” weitergegangen, werden meine Leser wissen wollen? Gut und schlecht, wie meist, denn, daß die Schwankungen, zumindestens zu meinem Schreiben gehören, habe ich schon begriffen. Man startet mit einer Idee, bei mir ist es wieder eine Art Stadtstreicherin, die diesmal eine Psychiatriepatientin sein kann, durch Wien herumfahren lassen, die Geschichte der jungen Austro-Türkin Sevim, die sich emanzipieren will, ist bald dazugekommen, denn dazu gibt es viel Material und auch, daß die Selma mit einer Psychiaterin namens Svetlana, die, bzw. deren Eltern aus einer Belgrader Barackensiedlung kommen, ihre Therapiegespräche hält.
Bücher, wo die Heldinnen, ihre Geschichte einer Therapeutin erzählen und die Szenen mit “…Frau Doktor sagte xx und sah die Therapeutin lächelnd an”, habe ich zwar schon einige. Aber diesmal soll es auch, um die Geschichte der Svetana gehen und ich will sie mit denen der zwei anderen S verknüpfen.
Vorige Woche bin ich mit diesen Ideen nach Wilhelmsburg gefahren und damit zurückgekommen, daß es mit jeweils einem sehr verschienenen Geburtstagsfest beginnt, das habe ich am Freitag sehr euphorisch getan, beim Radausflug an die Donau am letzten Wochenende war es dann wieder weg und die Tage in Wien haben mich auch nicht sehr daran denken lassen. Ich habe mir die einundzwanzig und nicht achtzehn, vorhandenen Seiten zwar ausgedruckt, auf die Charakterbögen, die ich diesmal wieder führen will, aber vergessen. Zum Glück waren die in der grünen Mappe und die drei kleinen Heftchen für S S und S habe ich mir gestern selbst gebastelt.
Letzte Woche habe ich mir von meinen Büchern auch noch die herausgesucht, bei denen schon Vorformen zu finden sind und ein bißchen darin gelesen.
Die Figur der Selma ist noch am wenigsten klar, zwar weiß ich jetzt, sie hat Soziologie, Germanistik und Philosophie studiert, ein paar Jahre als Soziologin am Instiut für höhere Studien gearbeitet, lebt jetzt von der Grundsicherung oder so, in der von der Großmutter übernommenen kleinen Wohnung, hat irgendwo die Paranoia diagnostiziert bekommen und sucht am Rathausplatz als Stadtsheriffa den Bürgermeister.
So beginnt die erste Szene, wie weit ich damit komme weiß ich nicht, also wieder die Frage, wie bei den Zwillingswelten, bleibt es eine Randfigur, die zwischen der Sevim und der Svetlana vermittelt oder geht es tiefer, weil sie eigene Begegnungen hat oder der Svetlana die Geschichte ihrer Depression erzählt? Ich weiß es nicht, werde mir deshalb aber keine Sorgen machen oder ein Schreibseminar buchen, sondern weiterschreiben.
Am Mittwoch war ich in der Stadt bei meinen Sommergesprächen, wo ich von den “drei S” nicht sehr viel gesprochen habe und habe dann Peter Handke gelesen. Das soll Frau, wenn sie selber schreiben will, wahrscheinlich nicht, obwohl ich “Wunschloses Unglück” ohnehin sehr realistisch empfunden habe, es sind auch die entsprechenden Kommentare gekommen, aber natürlich, wie “Handke” schreibe ich nicht und da das auch nicht mein Vorsatz ist, habe ich mich nicht in die anderen Texte eingelassen, sondern zurück zum Eigenen gegangen, was nicht so einfach war, denn ich habe ja sehr viel Sevim Material und weiß auch, daß sie sich im Laufe der Handlung von ihrem Mann trennen, einen Beruf suchen etc wird, aber wie fange ich das an?
Begonnen habe ich es mit der verpatzten Geburtstagsfeier und, daß sie von ihrer Freundin Leila einen Tanzkurs zum Geschenk bekommt, war auch schon geschrieben, aber zu Beginn der Geschichte ist sie fünfunddreißig, wie die anderen Frauen auch und ihre Töchter zehn und fünfzehn und wollen beide ins Gymnasium, wie fange ich es da mit der Vergangenheit an, daß sie vor einer Zwangsheirat in diese Ehe geflüchtet ist, ihr der Mann nichts erlaubt und ständig schimpft, war auch schon geschrieben, aber wie mache ich das mit den Rückblenden? Flechte ich sie ein, oder fange ich das Ganze noch einmal mit einer achtzehnjährigen Sevim an, die gerade dabei ist ihre Ehe bei den Eltern durchzusetzen? So weit war ich Ende letzter Woche, bevor ich an die Donau gefahren bin.
Zögernd sind am Donnerstag die ersten Szenen gefloßen und das “Ich kann es nicht, ich kann es nicht”, ist auch mehrmals gekommen. Allerdings auch, daß es vielleicht der Reiz der Geschichte ist, das Ganze aus sich heraus entwickeln lassen, also Bülent kommt nicht nach Hause, schmeißt Leila dann hinaus, bricht die Rosen ab und sie geht mit dem Gutschein am nächsten Tag in die Tanzschule, trifft vorher Selma auf der Bank und in der Tanzschule Svetlana, die ja auch einen solchen Kurs zum Geburtstag bekommen hat, daß die im Laufe der Geschichte ihren Oberarzt heiratet bzw. ihn ihren Eltern vorstellt und in die Hietzinger Villa zu seinen geht, war auch schon klar.
Aber alles andere kann sich von Szene zu Szene entwickeln und das habe ich vom letzten Bachmannpreis mitgenommen, daß es immer etwas Neues werden soll, also aus dem Material das ich habe, etwas Eigenes entstehen lassen.
Wie das mit der Selma wird, wird sich zeigen, ich kann ja noch einmal mit den früheren Büchern in die Badewanne gehen oder was ich immer so gerne will, den Rohtext umschreiben, umändern etc, weil man das vielleicht auch können soll.
So gesehen fürchte ich mich auch nicht, wenn der Rohtext wieder in sechs Wochen manisch entsteht, das gehört vielleicht zu mir und die nächsten zwei Wochen fallen ohnehin flach, weil nach Polen nehme ich keinen Laptop mit und seit dem “Nanowrimo” schreibe ich nicht mehr mit der Hand.
Und wer es wissen will, es gibt inzwischen zehn Szenen und vierunddreißig Seiten oder vielleicht mehr, da es jetzt Samstagvormittag ist und ich den Artikel erst nach Montag losschicke, denn am Freitag habe ich meine Vorbereitungsliteratur gelesen und vorher noch in einem “Biber”, daß die Austro-Türkinnen sich ihre Männer aus der Türkei holen und, wie es ist mit dem Kopftuch einzukaufen und wieviel Schminke es sein darf, die Sevim ist aber nicht gläubig, hat kein Kopftuch und trägt kurze Röcke.
Die Seher Cakir Geschichten haben mein Sevim Material verfestigt, aber natürlich schreibe ich aus der Sicht der Österreicherin, die gerade “bir ekmek, anne!”, sagen kann.

Ja richtig, ein Türkisch Wörterbuch habe ich mir auch noch herausgelegt. Die “Beyoglu Blues”-Gedichte, die von einem jungen Deutschen stammen, waren auch sehr interessant, haben aber nur irgendwie dazugepasst, denn in Istanbul war die Sevim wahrscheinlich noch weniger als ich und wurde dort auch nicht geboren, sondern in Wien und die Eltern kommen aus dem anatolischen Dorf. Daher gibt es danach keine Sehnsucht und es stirbt auch kein Großvater dort, den sie beerdigen muß, das war schon in der “Heimsuchung”, aber die Ayten war Sozialarbeiterin und die Sevim meldet sich vielleicht beim Penny an der Kasse an oder läßt sich als Heim- oder Kindergartenhelferin ausbilden.
“Der Granatapfelbaum” liegt noch in Wien, den nehme ich mir nach Polen mit und außerdem noch Grzegorz Kielawskis Erzähband “So wie du kann jeder aussehen”, den ich auch noch nicht gelesen habe, das Reiseschreiblernbuch und den Band Sommergeschichten, die ich voriges Jahr auf der hohen Tatra nur halb gelesen habe.
Die letzte oder vorletzte Szene, die ich geschrieben habe, handelt davon, daß die Selma im offenen Bücherschrank den “Granatapfelbaum” findet, wieder sehr bekannt, aber ich war jetzt schon drei Wochen nicht dort und in der nächsten wird sie ihn mit den letzten Sachertortenstücken in den Rathauspark mitbringen und Sevim wird ihr die nach parfumstinkende Visitenkarte der Karin Leitner zeigen, die Bülent aus der Jacke gefallen ist.
So weit, so gut, ich hoffe mein Schreibbericht ist so einigermaßen verständlich, aber natürlich kann es ganz anders werden.
Und die Bücher sind gekommen, allerdings war keiner zu Haus, so hat der Zusteller, sie in der Tierhandlung gegenüber deponiert und die haben sie zurückgeschickt, weil sie Urlaub machen. Waren das noch Zeiten, als die Post die Pakete brachte und man sie sich am nächsten Werktag vom Postamt holen konnte! So kommen sie angeblich am Montag wieder, wenn das stimmt, kommt hier ein Bild herein.

Harry Rowohlt in St. Pölten

Auch in St. Pölten gibt es einen Rathausplatz in dem im Sommer in Verbindung mit dem Cinema Paradiso und Kulinarik ab sechzehn Uhr open Air Filme laufen. Als wir noch nach Wien gependelt sind, waren wir öfter dort, die Akustik war aber nicht so gut und es war auch etwas schwierig, da ich in der Nacht nicht gerne Rad fahre. Seit wir wieder in Wien wohnen, gehe ich dort auf dem Rathausplatz bzw. auf den Karlsplatz ins Kino unter Sternen, was ja einfacher ist, am Samstag gab es aber, wie im Cinema Paradiso Programmheft steht eine besondere Sensation, nämlich “Kult-Literat Harry Rowohlt tritt mit seiner legendären Bühnen-Show im Open Air Kino in St. Pölten auf.”
Harry Rowohlt, der 1945 in Hamburg geboren wurde, ist der Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt, hat Pu der Bär und Frank MC Courth übersetzt, eine Kolumne Pooh`s Corner in der “Zeit”, und tritt in der Fernsehserie “Lindenstraße” als Obdachloser Harry auf, letzteres war mir als Nichtfernseherin nicht bekannt, ebenso nichtso sehr der Schauspieler und Rezitator, habe ich von meinen Zeitungslektüren ja eher den Schriftsteller und Übersetzer mitbekommen.
Alfred hat mich schon länger auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht, zwölf Euro Eintritt im Vorverkauf, vierzehn an der Abendkassa, bei Schlechtwetter findet die Veranstaltung im Kino statt, die ersten hundertzwanzig Tickets können dort hinein, alle anderen werden umgetauscht. wir haben uns erst gestern dazu entschlossen, geregnet hat es auch, so war es unklar, wie es mit den Karten wird, bzw. wieviele Leute sich im Raum St. Pölten für Harry Rowohlt interessieren.
“Die live-Auftritte genießen einen nahezu legendären Ruf, ein Großteil dieser Veranstaltungen ist bereits lange im Voraus ausverkauft”, lese ich in Wikipedia. Es war auch sehr voll im Kino, die Dame an der Kasse hat etwas von Stufenplätzen gesagt, wir haben eine Weile gewartet, dann reguläre Tickets mit freier Platzwahl bekommen, allerdings waren, als wir in den Saal gekommen sind, nur mehr ganz hinten zwei Plätze frei.
“Harry Rowohlts exzessive Solo-Bühnenauftritte dauern lang”, steht weiter in Wikipedia, “selten weniger als vier manchmal auch sechs Stunden”, die einleitende Dame sprach von zweimal siebzig Minuten mit einer Pause, die man, wie Harry Rowohlt ausführte, zum Bücherkaufen, zwei lagen bei der Kasse auf, pinkeln und zum Trinken nutzen könne und er unterbricht die Lesungen steht weiter “häufig für Kommentare zu den Texten, abwscheifende Bemerkungen, Anekdoten, autobiographische Erzählungen, Dialoge mit dem Publikum und vieles mehr”.
So war es auch, Harry Rowohlt erzählte, daß er schon einmal in der ehemaligen Synagoge gelesen hätte und im Zug, die Ansage “St. Pölten” zweimal mit Chris Lohners schöner Stimme hörte. Er sprach auch von einer Aufwärmphase, in der man ihn fotografieren könne, was Alfred reichlich tat und begann mit Kindergedichten in Englisch und Deutsch. Den Namen des Autors habe ich leider nicht verstanden. Harry Rowohlt zeigte aber Illustrationen, die man, wie er meinte in den ersten drei Reihen erkennen könne, für die anderen erklärte er sie. Eines zeigte ein Kind, das auf einen Stapel Bücher saß, das Gedicht hieß dann auch “Bücher, Bücher, Bücher”, wobei Harry Rowohlt erwähnte, daß er für seine Freundin Greta (habe ich den Namen richtig zitiert?) die Werke von Proust, Ingeborg Bachmann und Sigfried Lenz gelesen hätte. Lenz würde er nochmals lesen, was er diesen bei einer Begegnung auch sagte, worauf dieser lakonisch einwarf, das ist, weil man seine Sachen schnell vergißt. Da würde ich zwar für die Bachmann plädieren, aber ich habe einen Heimvorteil, aber auch ein bißchen Lenz gelesen und erinnere mich an die “Deutschstunde”.

Weiter ging es mit “Pooh`s Corner” und einer Geschichte, die in England spielt, das Zuhören war zumindestens für mich wegen der deutschen Aussprache und den vielen Anspielungen, die man als nicht “Zeit”-Leserin vielleicht so versteht, nicht ganz leicht. Harry Rowohlt erwähnte aber, daß er, seit bei ihm eine Poly-Neuropathie diagnostiziert wurde, nicht mehr trinkt. In Wikipedia steht etwas von “Schausaufen mit Betonung”, das jetzt “Betonung ohne Schausaufen” heißen würde. Harry Rowohlt scheint viel auf der Frankfurter Buchmesse zu lesen, so kam die vor, Marcel Reich-Ranicky, Günter Grass und die Zeitschrift “Focus”, mit der seine Wickel zu haben schien und natürlich Anspielungen auf Österreich, das Wiener Hotelzimmer in dem er sich befand, als einer seiner Übersetzten verstorben ist, so daß er die Nachrufworte halten sollte und er erzählte auch, daß Gerhard Roth bevor in die Steiermark auf Urlaub fährt, mit verstellter Stimme alle Wiener Autoren anrufen würde, um ihnen etwas zu erzählen, über das sie, wenn er dann verschwunden ist, zu rätseln haben, das habe ich zwar von Helmut Qualtinger gehört, aber ich bin kein Insider des Wiener Literaturbetriebs.
Dann kam die Pause mit den Getränken, am Büchertisch lagen Plakate auf, die Harry Rowohlt geduldig mit den Büchern signierte und dazu noch Witze machte und nach Namen fragte. Ich traf ihn auch am Klo, bevor er ins Pissoir verschwand, nach der Pause kamen die Hymnen, die Witze und der Hammer, wie es Harry Rowohlt nannte. Er erwähnte auch, daß er mit dem Rowohlt Verlag nichts zu tun hat, obwohl das alle von ihm glauben und ihre Bücher bei ihm herausbringen wollen. Die Hymnen, Harry Rowohlt dürfte ein ähnliches Showtalent, wie Rolf Schwendter zu sein und hat mich stark an ihn erinnern, wenn auch etwas volkstümlicher, bezogen sich auf Amerika und Hamburg “Dann erwarte ich mir, daß Sie aufstehen” und “ich werde mir notieren, St. Pölten steht nicht auf”, die Witze auf Ostfriesland und das Burgenland, da beides, wie Harry Rowohlt meinte, zu vergleichen ist. Mit Witzen habe ich es ja nicht so, da ich die meisten nicht lustig finde, das traf auch für den Hammer, die Katzengeschichte zu, die den Literaturpreis für grostesken Humor, in deren Jury Harry Rowohlt sitzt, gewonnen haben dürfte. Sie war auch sehr lustig, Harry Rowohlt telefonierte mit einem Zigarettenpäckchen als Handy und es ging um Katzen und Blumen, die man zu füttern und zu gießen vergessen hat und jetzt kommen die Besitzer vom Urlaub heim und man will schnell in die Wohnung, um die Kadaver zu entfernen, geht aber nicht, weil man keinen Schlüßel hat oder den nicht findet und der, der das Schlamassel verursacht hat, ist ein Schauspieler, kurz vor seinem Auftrit und telefoniert sich in letzter Minute deppert und krumm.
Beim Abgehen, Zugaben gab es nicht, begrüßte Harry Rowohlt seine Bekannten und stand noch eine Weile im Gespräch vor dem Kino, soviel Volksnähe ist für so einen Star ungewöhnlich, umso mehr, da im Programmheft etwas von “…ich war schon vorher ein arrogantes Arschloch steht!”, zu regnen hatte es inzwischen auch aufgehört und ich habe Ingrid Reichel von der LitGes gesehen, sonst habe ich niemanden gekannt.

Beyoglu Blues

Weiter mit dem kleinen Türkei Schwerpunkt, nämlich dem Gedichtzyklus “Beyoglu Blues” von Gerrit Wustmann aus dem Fix Poetry Verlag, der sich in zehn Gedichten, wie Erika Glassen, die Herausgeberin der türkischen Bibliothek des Unionsverlags meint “gerade im Zusammenhang mit der Übersetzung von Miray Atli als eine nostalgische Liebeserklärung an Istanbul erweist.”
Beyoglu, so entnehme ich dem Buch ist ein Stadtteil auf der europäischen Seite Istanbuls, den Gerrit Wustmanns durch seine “präzische Wahrnehmung und subtile poetischer Sprache zum Rauschen” bringt.
Ob und wie lange er, der 1982 in Köln geboren wurde und in Kerpen als freier Journalist und Online-Redakteur lebt, dort war, weiß ich nicht, seine Gedichte wurden jedenfalls von der 1988 geborenen, in Köln studierenden Miray Atli ins Türkische übesetzt. Das kleine Bändchen, das ich vor ein paar Monaten bei einem der wöchentliche Gewinnspiele von Fix Poetry, bei dem ich gern mitmache, gewonnen habe, ist zweisprachig und wird von Erika Glasen sehr gelobt.
“Es ist nicht das lärmige Tamtam der Discos und Beatclubs, nicht das undurchdringliche Gewimmel der Jugendlichen, die in Scharen an den Wochenenden die Nebenstraßen und die Kinosäle bevölkern, sondern für den Poeten noch der beschauliche Ort, über dem die Möwen kreisen, an dem die Katzen im Müll streunen und altbekannten Typen ihre Waren anbieten und ihr Wesen treiben.”
Die zehn Gedichte beschreiben also den Stadtteil einer Stadt, in der ich vor vierundzwanzig Jahren ein paar Tage war und sich seither sicher sehr verändert hat, mit der ich mich vor zwei Jahren, als ich meine türkische Sozialarbeiterin Ayten Akmaz zum Begräbnis ihres Großvaters dorthin schickte, ein wenig übers Internet beschäftigte und die ich für meine “Drei S-Geschichte”, eigentlich gar nicht brauchte, da Sevims Eltern ja aus Anatolien kommen und sie sie daher höchstwahrscheinlich auch nicht mehr kennt, als ich, da ich aber auch ein wenig nostalgisch bin und die “Beyoglu Gedichte” zum Thema passen, habe ich sie nach Harland mitgenommen und mich vorhin in der Badewanne in ihren Reiz eintauchen lassen, ist ja schon das Titelbild des kleinen Heftchens sehr poetisch.

Zehn Gedichte also und mit den Katzen fängt es auch an.

“die katzen die im müll
streunen und die müllabfuhr
um mitternacht die müllsammler
und der schuhputzer der lächelt
wenn der muezzin ruft und
die tauben sich auf den
minaretten sammeln”

Weiter geht es mit “ornamenten im staubigen boden” zu den “minaretten” und den “haltestellen, wo jörg fauser aus der bahn steigt”

zu

“galata kulesi unten
nacht der akkorde der sitar
blick dieses lachens und
die nachtlichter der schiffe
auf dem bosporus”

Das “genuesische perspektiv” wird beschrieben, die “namenlosen seitengassen” und das

“heimatlose asien
zieht weiter
nach westen
kleine verwerfungen
rücken näher”

bis zu

“ich höre beyoglu
das flimmern:hintergrundrauschen
sanftes winden von blättern
und mülltüten in den gassen
der monotone ruf der erschöpften
ich höre beyoglu”

Ein bißchen läßt sich also der Sound der Stadt und die Stimmung vorstellen, auch wenn dieser “Beyoglu Blues”, die Gedichte eines jungen deutschen Lyrikers sind.

Zitronenkuchen für die sechsundfünfzigste Frau

“Seher Cakir schreibt Geschichten, in denen Frauen in der Türkei oder in Mitteleuropa mit und ohne Migrationshintergrund in einer Welt, die ihnen viel abverlangt, Stärke und Entschlossenheit, Spontanität und Sensibität zeigen”, steht auf der Buchrückseite und es sind starke Geschichte von starken und auch schwachen Frauen, von einer manchmal ganz gemeinen Bruatalität, Melancholie und Wehmut und noch vielem mehr. So beginnt es irgendwo in Anatolien oder anderswo, wo die schwarze Oma unterm Zwetschkenbaum vor der Schotterstraße sitzt und ihrer Urenkeltochter, die Geschichte ihres Lebens erzählt und immer wenn es besonders spannend wird, sie um Ayran schickt.
Fünfzehn oder sechzehn war sie, die alte Oma, als sie eines Morgens aufwachte und ihre Eltern und die elf Geschwister an der Pest verstorben in ihren Betten fand, so daß sie sich aufmachen mußte, um für das Begräbnis zu sorgen und als sie auf der Straße einschlief, wurde sie von einem Mann aufgelesen, der fünfundfünfzig oder fünfundvierzig andere Frauen hatte, der die Familie begrub und sie mitnahm in seinem Harem, wo sie dann den Großvater gebar, der nach dem Tod des Efendis von den drei übergebliebenen Frauen aufgezogen wurde.
Es geht gleich weiter mit Güllü, was “die mit Rosen” heißt, aber gar nicht so idyllisch ist, denn Güllü wurde in das Nachbardorf verheiratet, wo sie jeden Morgen früh aufstehen muß, obwohl sie doch so müde ist, aber der Mann und die Schwiegermutter treiben sie aus dem Haus und der ganze Körper tut ihr weh von dem Mann, der in sie eingedrungen ist und der sie schlägt, obwohl sie sich doch nur nach einem Leben in der Stadt und der Liebe ihrer Freundin, die ebenfalls verheiratet wurde und nun die Arbeit machen muß, sehnt. Dann geht es in den Migrationshintergrund und da ist eine Frau aus Istanbul weggegangen, wo sie ihren Mann verließ und in Wien eine Tochter auf die Welt brachte, die nun von einem Ticket nach Paris träumt, während sie mit dem Taxi in ein Altersheim voller Schuldgefühle fährt, weil sie doch ihrer Mutter einmal versprochen hat, sie nie in ein Altersheim zu geben, nun fährt sie hin, um mit ihr dort spazierenzugehen, aber auch, um ihr zu sagen, daß sie weggehen wird.
In “Frühstück mit einem Unbekannten”, fährt eine Frau in einem Zug nach Prag um dort ihren Freund zu treffen, während “Sevim und Savas” die Geschichte mit dem Romeo und Julia Motiv wieder besonders tragisch ist. Die Autorin bekommt sie in einem Cafe erzählt, die Geschichte der sunnitischen Sevim und deren alevitischen Freund Savas, die nicht heiraten dürfen, sich das aber trotzdem schwören und auch, wenn es nicht gelingt, sich im Stadtpark gemeinsam aufzuhängen, nur dann muß Sevim mit dem Eltern in das Heimatdorf, wo sie verheiratet werden soll. Sie läßt sich nicht, sondern geht solange in den Hungerstreik, bis der Arzt mit den Eltern im Krankenhaus schimpft. So fahren sie wieder zurück und Sevim wundert sich keine Antwort von Savas auf ihre SMS zu bekommen, ist er vielleicht doch untreu gewordenß, denkt sie wütend, aber er hat sich ohne sie im Stadtpark aufgehängt, als der Anruf ihres Vater kam, daß er sie vergessen soll…
“In Donnerstag bis Freitag” muß eine Frau ihrer Freundin, einer Ärztin, deren Haushalt sie offenbar versorgt, sagen, daß sie als Köchin in ein Hotel nach Ägypten geht. Das homosexuelle Motiv und die Frauenliebe dringt öfter durch in den Texten, auch, daß die Frauen bevor sie ins Flugzeug steigen, sich betrinken, ob das wohl die Flugangst der Autorin oder etwas anderes ist?
Schöne, starke Geschichten und ein bißchen fremd, die von Helen beispielsweise, die eigentlich Hülya heißt und von der Mutter zum vierzehnten Geburtstag den rötesten Nagellack und Lippenstift geschenkt bekam, obwohl der Vater schimpfte. Helen ist eine moderne Frau mit einem leider schwulen besten Freund, die keinen Mann findet, weil sie Jungfrau bis zur Ehe bleiben will und er Türke sein soll. Das geht solange, bis sie durch eine Zyste erfährt, daß sie ohne Jungfrauhäutchen geboren wurde, worauf sie spontan beschließt ihr Leben zu verändern.
Im “Der Nußbaum” schaut Selma teilnahmslos zu, wie ihre Mutter ihr neugeborenes Kind vergräbt und darüber einen Nußbaum pflanzt, während die starke Zehra, die eigentlich Forscherin werden wollte, von ihrem Mann in Dorf verschleppt wird, weil er sie für eine Hure hält und sie dort im Kuhstall mit einem Gewehr erschießt. Nach all dem Elend und der Unterdrückung gibt es aber auch in der Türkei geborene und in Wien aufgewachsene Frauen, die “nur” an der Melancholie leiden, deshalb ihren Freund und ihren Job verlassen und “Ein Mal nach Lissabon und kein Zurück” fliegen, weil es dort den Fado und das richtige Wort für ihre Traurigkeit gibt.
Seher Cakir wurde 1971 in Istanbul geboren, kam 1983 nach Wien und hat das Schreiben wahrscheinlich auch in der Schreibwerkstatt von Christa Stippinger gelernt. Jedenfalls wurde sie 2005 Preisträgerin des Literaturwettbewerbs “Schreiben zwischen den Kulturen”. Es gibt die “Mittwochgedichte”, ein Portrait in den “Tonspuren”, wo sie über ihre austro-türkische Identität erzählt, ein Wiener-Wortstätten-Stipedium, wo das Theaterstück “Sevim und Savas” entstand und 2008/2009 ein Staatsstipendium für Literatur.
Der Kurzgeschichtenband ist 2009 in der Edition Exil herausgekommen, wer wissen will, wie es jungen austro-türkischen Frauen gehen kann, sollte ihn unbedingt lesen und es ist wiederum sehr schade, daß ich zwei Jahre zum Besprechen brauchte, aber ich lese ja nicht so gerne Kurzgeschichten und Sehr Cakir hat bei der Präsentation vor zwei Jahren ohnehin die meisten Geschichten zumindestens angelesen.