Vorige Ostern habe ich mir in der Buchabverkaufskiste in Wilhelmsburg Peter Handkes “Wunschloses Unglück” um einen Euro gekauft, die 1972 erschienene berühmte Erzählung, in der er sich mit dem Selbstmord seiner Mutter auseinandersetzt.
1975 oder 1976 besuchte ich in Hamburg Rudolf Blazejewski, der mir das Buch als Reiselektüre mitgegeben wollte. Da mir Peter Handke damals zu experimentell erschien, ich hatte mir, glaube ich, schon vorher “Den Hausierer” gekauft und damit nicht viel anfangen können, habe ich es abgelehnt und die Erzählung jetzt erst gelesen. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob in der Donauland Linzenausgabe, die ich erwischte, der ganze Text abgedruckt ist, endet sie doch auf Seite zweiundneunzig und dann kommen noch eine ganze Reihe Prosatexte, in dem zweihundertvierzig Seiten Buch “Die Begrüßung des Aufsichtsrats”, der “Hausierer” und die “Hornissen” auf je neun Seiten, der Prozeß (für Franz K.) u. u. u.
Also höchstwahrscheinlich Ausschnitte von bekannten frühen Texten, ohne nähere Angabe, was mich beim Lesen zunehmend verwirrte.
“Wunschloses Unglück”, hat mich aber sehr erstaunt, bin ich da doch mit meiner experimentellen Einschätzung sehr weitab gelegen. Peter Handke hat aber, entnehme ich Wikipedia, diese autobiographische Erzählung gesondert von seinen übrigen Werken betrachtet. Ist sie ja auch erstaunlich realistisch und beginnt mit “Unter der Rubrik “Vermischtes” stand in der Sonntagsausgabe der Kärtner Volkszeitung folgendes…”, dann folgen einige Seiten in denen Peter Handke seine Gefühle beschreibt, bevor es mit der Biografie der Mutter, die Selbstmord mit Schlaftabletten begangen hat, beginnt.
Die Mutter Maria ist solwenischer Abstammung und der Großvater war ein sehr sparsamer Mann, der immer wieder sein ganzes Geld an den Inflationen verloren hat und immer wieder von vorne zu sparen begann. Man sparte auch für die Mitgift der Töchter, aber nicht für ihre Ausbildung, so mußte sich die Mutter, nachdem sie dem Großvater vergeblich anbettelte sie einen Beruf erlernen zu lassen, selber emanzipieren, in dem sie von zu Hause ausriß und im Hotel am See das Kochen erlernte, da ließ der Großvater sie gewähren, umsomehr da “am Kochen wenig zu erlernen war”.
Der Krieg kam dazwischen und Hitler in “thriumphaler Fahrt nach Klagenfurt”, die Mutter ging nach Deutschland zur Arbeit und als Vater für den kleinen Peter suchte sie sich einen schon verheirateten “deutschen Parteigenossen, der im Zivilberuf Sparkassenangestellter war” aus. Heiratete aber kurz vor der Entbindung einen “Unteroffizier der Deutschen Wehrmacht, der sie schon lange verehrte”. Mit dem lebte sie eine Zeitlang in Berlin und kehrte mit ihm und zwei Kindern später nach Griffen zurück, um weitere Kinder zu bekommen, bzw. diese abzutreiben. Der Mann trank, die Mutter lachte ihn aus, versuchte immer wieder ein eigenständiges Leben und scheitere immer wieder daran. Wurde depressiv und von einem Nervenarzt behandelt, um sich schließlich “hundert kleine Schlafabletten verschreiben zu lassen” und diese nach einem Abschiedsbrief einzunehmen.
“In dem Brief, der sonst nur Bestimmungen für ihre Bestattung enthielt, schrieb sie mir am Schluß, sie sei ganz ruhig und glücklich, endlich in Frieden einzuschlafen. Aber ich bin sicher, daß das nicht stimmt.”
Zwischendurch gibt es immer wieder erstaunliche Reflexionen über das Schreiben, die in die Autobiografie eingebettet sind.
“(Ab jetzt muß ich aufpassen, daß die Geschichte nicht zu sehr sich selbst erzählt.)
“Manchmal bin ich freilich während der Arbeit an der Geschichte all der Offenheit und Ehrlichkeit überdrüssig gewesen und habe mich danach gesehnt, bald wieder etwas zu schreiben, wobei ich auch ein bißchen lügen und mich verstellen könnte, zum Beispiel ein Theaterstück.”
Dann folgen in dem mir vorliegenden Text zwei Seiten Seiten “Anekdoten”, wie “Sie war menschenfreundlich” oder “Sie nahm ihr Geheimnis mit ins Grab” und am Schluß der Satz “Später werde ich über all das Genaueres schreiben” “geschrieben Jänner/Februar 1972” zu einer Zeit also, da Peter Handke schon berühmt war, entnehme ich doch Wikepedia, daß der “vierundzwanzigjährige Peter Handke innerhalb weniger Monate zu einer Art Popstar der deutschen Literatur geworden ist”.
Ich bin, wie ich schon in einem anderen Artikel erwähnte, kein unbedingter Handke-Fan, obwohl ich einiges, auch die späteren, sehr poetischen Werke, von ihm gelesen habe. Mit diesem Text kann ich aber sehr viel anfangen und es tut mir wirklich leid, daß ich das Buch in Hamburg nicht genommen habe. Aber höchstwahrscheinlich hätte ich es damals nicht verstanden, auch wenn ich da schon viel gelesen habe.
Mit den anderen Prosatexten, zumal es sich da um Ausschnitte handeln dürfte, habe ich mir schwerer getan, sie pflichtbewußt gelesen, werde mich aber, auch damit es nicht zulang wird, nicht sehr mit dem Besprechen beschäftigen.
Es sind Ausschnitte wichtiger Frühwerke, in Handkes Frühwerk entnehme ich Wikipedia, nimmt die Sprache und das Reflektieren der Innen und der Außenwelt eine wichtige Rolle ein. Das war den Ausschnitten zu entnehmen, ansonsten bin ich ihnen, weil ich mich nicht sehr einlassen wollte, eher ratlos gegenübergestanden und habe mich nur gefragt, ob er damit den Bachmannpreis gewonnen hätte?
Aber Handke hat sich dann ja anderen Themen zugewandt, ist poetischer und sprachlich stilisierter geworden, mit dem Bleistift durch das Land gewandert, hat die Nation mit seiner Jugoslawien-Verteidigung gespalten und sich unbeliebt gemacht. Allerdings war, glaube ich, auch die “Puplikumsbeschimpfung” eines der Werke, die in den Sechzigerjahren zu seinem Popstarstatus führten. Dann hat sich die Kritik ein wenig von ihm abgewandt. Peter Handke wird es aushalten und hat auch einige Preise abgelehnt und auf seine Nominierung zum deutschen Buchpreis für die “Morawische Nacht” zugunsten Jüngerer verzichtet. Hat eine große Publikationsliste, vor kurzem ein neues Buch herausgebracht und auch einen großen Fankreis, so hat mich, als ich vor zwei Jahren in der Wiener Vorlesung über Handke und Bernhard war, ein solcher gefunden, der mir die links zu seiner Sammlung schickte.
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Sommergespräche
Thomas Wollinger hat heute in seinem Blog ein tolles Video passend für die Sommerfrischenschreibwerkstatt hineingestellt, nämlich ein Portrait von sechs New Yorker Roman- Autoren, die über ihre Stadt, bzw. den elften September schreiben und von denen fünf seit 2000 zu Stars geworden sind. Jay Mc Inerney, Marisha Pessl, Jonathan Safran Foer, Jonathan Franzen, Nicole Krauss und Rick Moody. Jonathan Safran Foer und Jonathan Franzen habe ich davon gekannt und auch ihre Bücher gelesen. Das passt auch zu dem Profil Artikel über die jüngeren österreichischen Autoren über den ich gestern geschrieben habe.
Ansonsten bin ich immer auf der Suche nach einem Sommerfrischenprogramm und bemühe mich St. Pölten literarisch zu erleben. War die letzten zwei Jahre auf Besuch im Residenzverlag, habe mich im Vorjahr mit Doris Kloimstein im Cafe Schubert getroffen und mich dabei nicht ohne Schwierigkeiten an der Traisen durch die Frequency gekämpft und daß ich mich heuer wieder mit Doris Kloimstein treffen will habe ich mit ihr bei der Kremser-Lesung am ersten Juli ausgemacht. Eine Woche später habe ich mich mit ihr für heute am Rathausplatz zum Mittagessen verabredet und so bin ich heute, mit dem Rad in die Stadt gefahren.
Ich kenne die 1959 geborene, ehemalige LitGes-Obfrau und derzeitiges Ehrenmitglied schon sehr lang. Sie ist für mich eine der St. Pölter Literaten, mit denen ich Kontakt aufnehmen kann, Zdenka Becker sehe ich gelegentlich, zum Beispiel vor dem Cafe Schubert oder auf der Buch Wien, Alois Eder habe ich früher manchmal beim Thalia oder in der Kremsergasse getroffen, er hat sich aber, glaube ich, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Da würde noch Robert Eglhofer überbleiben, den ich 2007 bei Ruth Aspöck Radkarawane kennengelernt habe, aber der hat ein Haus in Altenmarkt und ist daher meist dann nicht in St. Pölten, wenn ich ihn dort treffen will.
Die Sommerfrische ein wenig literarisch zu gestalten, auch wenn die LitGes gerade Sommerpause macht und sonst nichts los ist, ist aber sicher eine gute Idee und so ist heute ein literarisches Mittagessen bzw. ein Sommergespräch mit Doris Kloimstein daraus geworden, die mir von ihrem Roma, an dem sie kontinuierlich schreibt und auch sonst einiges Interessantes erzählte.
St. Pölten ist ein Dorf, habe ich mir im vorigen Jahr gedacht, als wir vor dem Cafe Schubert saßen und alle fünf Minuten jemand auftauchte, der Doris Kloimstein grüßte. Diesmal war das Wetter war nicht so schön, daß man im Freien sitzen konnte, als wir aber den Rathausplatz hinaustraten, habe ich Brigitte Schramm, die auch aus St. Pölten stammt, bzw. öfter herkommt, um ihre Eltern zu besuchen, gesehen. So habe ich auf die Suflaki mit Reis und Salat, dem Gläschen Samos und dem Ouzo, einen Cafe Latte im Cinema Paradiso mit der Brigitte, nicht Ingrid Schramm, getrunken, denn die ist eine Malerin und die Autorin “Der Liebespriesterin”, die vor einigen Jahren bei “Rund um die Burg” in der Erotiknacht gelesen hat, während Brigitte Schramm nicht schreibt, aber als gute Freundin von Ruth Aspöck alle ihre Sachen gelesen hat und auch bei der Lesung in Krems war.
Also doch ein bißchen literarisch, zumindest das Gespräch über Clemens J. Setz Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädterkindes”, den sie zuletzt gelesen hat. Vor ein paar Jahren hat Robert Eglhofer eine St. Pölten Stadtführung für Ruths Freundinnen gemacht, da waren wir und Brigitte Schramm dabei und bei Ruths letzten Saisonsschlußfest habe ich sie auch getroffen.
Ansonsten ist gerade die Anna nach Harland gekommen und das Korrekturexemplar der “Absturzgefahr” ist auch eingetroffen. Der Beschreibungstext stimmt jetzt, ich werde es aber noch einmal durchsehen, damit alles passt. Seher Cakirs “Zitronenkuchen für die sechsundfünfzigste Frau” und Gerrit Wustmanns “Beyoglü Blues” habe ich mir als Einstimmungslektüre für den neuen Roman aus Wien mitgenommen und mir die vorhandenen einundzwanzig Seiten der “Frau auf der Bank” ausgedruckt. Daß ich mir für jede meiner Protagonistinnen ein eigenes Heft anlegen wollte, habe ich in der Arbeitshektik des Montags und des Dienstags vergessen. Charakterbögen waren aber in der grünen Mappe, so daß ich damit anfangen kann.
Unter Dreißig
Als ich Sonntag mit dem Zug von Krems nach St. Pölten gefahren bin, habe ich das Profil durchgeblättert, das sich Alfred am Bahnhof kaufte und bin im Kulturteil unter dem Titel “Etwas kommt ins Rollen”, auf einen der raren Berichte über Literatur und auf den Versuch eine allgemeine Tendenzen im Schreiben jüngerer Österreicher zu orten, gestoßen.
“Namhafte Verlage, renommierte Preise, enthusiastische Rezensionen: Österreichs Schriftstellerinnen und Schriftsteller drängen neuerdings verstärkt an die Öffentlichkeit.”
Dann folgten zehn Namen und zehn Kurzportraits unter Dreißigjähriger, die quer durch den Krautgarten auf jeweils einer halben Seite “über lästige Fragen, Schreibblockaden und das Glück im stillen Kämmerlein zu sitzen” ausgefragt wurden.
An sich mag ich solche Verallgemeinerungen nicht, da stellt man im hinteren Drittel der Wochenzeitschrift auf ein paar Seiten Clemens J. Setz, Nadja Spiegel, Gerhild Steinbuch, Reinhard Kaiser Mühlecker, Sonja Harter, Bernhard Strobel, Phillipp Weiss, Lukas Meschik, Barbara Aschenwald und Ann Cotten, die meisten acht- oder neunundzwanzig, nur Nadja Spiegel und Lukas Meschik stechen da mit neunzehn und zweiundzwanzig aus dem Reigen, schreibt ein paar Zeilen über die letzte Veröffentlichung, stellt Fragen wie “Müssen Autoren also intensiver leben?” oder “Wie gehen Sie mit Erfolgsdruck um?” und wirft in einem Vorwort auch noch ein paar Thesen, wie “Das Arbeitsverständnis dieser Autorinnen und Autoren ist zugleich von Pragmatismus und Professionalismus geprägt, vom Schreiben als Handwerk im besten Sinn” oder Behauptungen wie “Mit der zumal in Österreich traditionell gepflegten Ansicht vom Autor als Originalgenie hat die junge Generation wenig am Hut”, aufs Papier
Das Nachwort in diesem Literaturschnellkurs fehlte und natürlich auch andere Autoren unter Dreißig, wie Cornelia Travnicek, Sara Wipauer, Martin Fritz, Anna Weidenholzer, Robert Prosser, Magda Woitzuck, Yasmin Hafdeh, Cornelia Hülmbauer, Sophie Reyer, Valerie Fritsch, Emily Walton, um mal elf aufzuzählen und auch die, die meinem gestrigen Artikel zufolge ebenfalls schreiben, aber nicht den Fm4 Wettbewerb gewonnen haben, einen Blog zur Selbstdarstellung führen oder in den renommierten Verlagen aufgefallen sind, also die, die zwar auch schreiben, über die die renomomierten Literaturkritiker nichts wissen, bzw. es nicht der Mühe Wert erachten sie in einem Profil-Artikel vorzustellen und ihnen Fragen wie “Was ist schön daran im stillen Kämmerlein zu schreiben?”, “Muß man wie besessen lesen, um selbst Autor werden” oder “Sehen Sie sich in Konkurrenz zu anderen jungen Autoren?” stellen”
Ich mag wie erwähnt, diese Verallgemeinerungen und auch den Versuch aus zehn Kurzportraits eine Theorie über die österreichische Literaturlandschaft der unter Dreißigjährigen auszustellen nicht, fürchte aber fast, daß der Literaturbetrieb so abläuft, habe ich mich doch vor ein paar Jahren gewundert, als ich in der Gesellschaft der Literatur bei der Präsentation des neuen, noch nicht ganz auf Deutsch übersetzten Buches, einer jungen rumänischen Schriftstellerin war, daß es am Buffet mit, ich glaube, Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” verglichen wurde und war baff, wäre mir ein solcher Vergleich bei einem Roman, der von einem Kindertransport in ein rumänisches Ferienlager handelt, nicht eingefallen. Wie kommt der Zuhörer darauf?, habe ich mich gefragt. Inzwischen fürchte ich fast, daß das vielleicht eingefallen ist, weil man Robert Musil eben kennt oder kennen muß, aber damit wird schon wieder vieles ausgeschlossen und das störte mich bei diesem Vergleich und stört mich auch an diesem Artikel, obwohl es sicher gut gemeint ist, der Profil-Leserschaft, die vielleicht nicht so viel, wie ich in die Alte Schmiede geht, die österreichische Gegenwartsliteratur an ein paar Beispielen, in ein paar Zelen mit ein paar Verallgemeinerungen näherzubringen.
Zuerst habe ich “Wow!”, dann habe ich nachgedacht und bin darauf gekommen, daß in diesen Gemeinplätzen gar nicht so viel Erkenntnis steckt.
Gut, ein paar jungen Autoren haben in den letzten Jahren Preise gewonnen, Clemens J. Setz mit seinem Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes” den Leipziger Buchpreis 2010 und da waren, wie ich mich erinnern kann, alle überrascht, weil die meisten gedacht haben, Arno Geiger würde ihn bekommen. Valerie Fritsch, Martin Fritz und Cornelia Travnicek einen der fm4-Literaturpreise, Anno Cotten und Gerhild Steinbuch den Priessnitz-Preis und Reinhard Kaiser Mühlecker hat schon drei Romane bei Hoffmann und Campe verlegt und all das ist interessant und sicher wichtig für die österreichischen Leser und Leserinnen zu wissen, daß es mehr Autoren, als Elfriede Jelinek, Barbara Fritschmuth und Friederike Mayröcker gibt. Ich glaube ohnehin, daß sich die österreichischen Zeitungen und Zeitschriften viel zu wenig mit Literatur beschäftigen, so sollte ich über “Etwas kommt ins Rollen” eigentlich nicht Maulen, sondern mich darüber freuen, daß dem Profil die junge Literatur im Sommer sechs Seiten wert war.
Ich schreibe im Literaturgeflüster auch immer wieder darüber und habe, aufmerksame Leser werden es bemerken bei meiner Ergänzung sicher einige genauso wichtige Namen vergessen.
Die Teilnehmer am Hochschullehrgang für Sprachkunst habe ich dabei vollständig ausgelassen, die Autoren vom Ohrenschmaus und sicher auch ein paar Poetry-Slamer, also frage ich mein Publikum, wer fehlt noch?
Für Ergänzungen bin ich dankbar und kann, wenn es gewünscht wird, dem ersten dem was einfällt, sogar mein neues Buch zur Verfügung stellen, allerdings der teuren Posttarife wegen nur innerhalb Österreichs und wenn es geht, gegen Abholung.
Wieder einmal Schreibgedanken
Eigentlich wollte ich gestern etwas über meine Verwunderung, daß es mir nicht und nicht gelingt literarisch aufzufallen oder einen Verlag zu finden, was bei einer, die wahrscheinlich mehr und länger schreibt, als die meisten, die beim Bachmannpreislesen, schon ein wenig seltsam ist, schreiben, denn es sollte neben meinen Schreibberichten auch Bemühungen gebn, wie sich das verändern läßt.
Am Anfang meines Schreibens in den Siebzigerjahren war ich sehr unsicher und habe außer dem Arbeitskreis schreibender Frauen nicht viel literarisches Feedback gehabt. Da waren zwar Autorinnen, wie Marie Therese Kerschbaumer, Elfriede Haslehner, Christa Stippinger und Erika Danneberg dabei. Arthur West habe ich auch dort kennengelernt, in den Literaturbetrieb bin ich dadurch aber nicht gekommen. Zaghaft sind dann die ersten Informationen, welche Stipendien und Verlage es gibt, zu mir gedrungen, so daß ich ziemlich wahllos und sehr unsicher meine Texte an die mir vorhandenen Adressen schickte. Das war mir alles sehr unangenehm und ich wußte auch nicht recht, was und wie ich das hinschicken soll. Heute gibt es Seminare, wo man das Exposeschreiben beispielsweise lernen kann. Mir hat Elfriede Haslehner einmal gesagt, es wäre noch zu früh, mich für ein Stipendium zu bewerben, da war ich beleidigt, habe es trotzdem getan, keines bekommen und irgendwann aufgehört mich dafür zu bewerben. Ich kann mich noch erinnern, daß ich damals dachte, macht ja nichts, es braucht mich nur jemand für einen Preis vorschlagen, dann geht es weiter. Inzwischen beginne ich zu ahnen, daß das genau mein Problem ist, daß mich niemand vorschlägt und in den vierzig Jahren, die ich schreibe, dieses offenbar niemand aufgefallen ist.
Das verstehe ich ganz ehrlich eigentlich nicht und wenn ich mir meine fünfundzwanzig Bücher, die trotzdem entstanden sind, so anschaue, wird mir das auch nicht klarer. Zwar stimmt es sicher, ich habe in den Achtziger- und Neunzigerjahren zu schnell auch Unfertiges, Unkorrigiertes an den damaligen Residenzverlag und Droschl geschickt oder auch wahllos an den Gemüsegarten der Verlagslandschaft, deren Adressen, ich im Handbuch der IG Autoren gefunden habe, weil ich nicht wußte, wie das anders geht und ich auch niemanden hatte, der mich mit konstruktiver Kritik weiterbrachte, da ich die, die es im Arbeitskreis gab, als nicht als konstruktiv empfunden habe, sondern so empfand, als solle ich eigentlich zu schreiben aufhören und dagegen habe ich wahrscheinlich auch ein wenig stur angekämpft. Das Schwierigste war, glaube ich, meine Hemmung. Am Anfang hatte ich ziemliche Schreibblockaden, aber einen starken Willen und den Gedanken, ich muß schreiben, denn wenn ich es nicht tue, dann gibt es nichts von mir. Das ist besser geworden und das sehe ich als Lernprozeß. Wie ich auch glaube, daß man weiterkommt, wenn man nicht aufgibt, sondern es immer wieder versucht.
Die Schreibblockaden sind verschwunden und auch die quälenden Gedanken, mit denen ich mich zum Schreibtisch zwingen mußte. Jetzt weiß ich meistens über was ich schreibe und kann mit der Kritik, die kommt, auch etwas anfangen. Das heißt, ich glaube zu wissen, wo sie sie stimmt und wo nicht.
Da war ich am Anfang ziemlich überfordert und habe meistens “Wow!”, gedacht und nichts verstanden, obwohl ich sagen muß, daß mir der Herr Ammann, als ich 1989 die “Hierarchien” an seinen Verlag schickte, einen sehr lieben Brief geschrieben hat und auch Karl-Markus Gauß hat das beim “Lieben Gott” ein bißchen später getan und gemeint, ich sollte nicht so eins zu eins, sondern etwas erhöht und abgehoben schreiben, das würde ich mir jetzt so interpretieren und verstehe nun auch, wie er das meinte. Durch Erfahrung und Übung lernt man. Durch das Literaturgeflüster habe ich mir meine Hemmungen weggeschrieben und das regelmäßige Reflektieren, was ich hier praktiziere, ist auch sehr förderlich. Den ersten Erfolg habe ich noch in meinen Arbeitskreiszeiten gesehen, da saßen wir einmal im Wohnzimmer der Valerie in Grinzing bei Kaffee und Kuchen und sie sagte, “Mir fällt eigentlich immer was ein!”
“Wow!”, habe ich neiderfüllt gedacht”Mir nicht!”
Seit mehr als zehn Jahren tut es das bei mir aber auch. Ich würde sagen, als ich die “Hierarchien” fertig hatte, die dann in der Edition Wortbrücke bei Jack Unterweger erschienen sind, war bei mir einmal Pause, weil ich ja bis 1995 ziemlich intensiv meinen Vater betreut habe, danach hat es angefangen zu fließen, möglicherweise mit “Thea Leitners verrückten Traum” oder auch mit “Lore und Lena”, die schon etwas früher entstanden sind. Ich habe weiter herumgeschickt und war vor allem bei “Lore und Lena” sehr erstaunt, daß das niemand wollte, denn da hatte ich beim Schreiben einen ziemlichen Rausch und bin mit den Franks, dem Alfred und der Anna auch um den Neusiedlersee gefahren und habe die anderen dabei mehrmals verloren, weil ich ständig an “Lore und Lena” dachte. Es war auch die Zeit, wo mein “Verhaltenstherapie bei erwachsenen Stottern”, bei ORAC erschienen ist und da ging es auch.
Aber gut, im Literaturbereich ist es anders, ich habe also herumgeschickt, eine Zeitlang aufgehört mich um Stipendien zu bewerben, weil ich durch meine Praxis ja etwas verdiente und mir Waltraud Haas einmal sagte, daß man das dann nicht mehr machen soll, wieder angefangen und endgültig aufgehört.
2000 hielt ich mein erstes Digitaldruckbuch in Händen, dachte wieder “Wow, wie schön!” und begriff erst später in welch fürchterliches Fettnäpfchen ich mich damit gesetzt habe, denn damit war es offenbar total aus “Eigenverlag, das geht doch nicht!”, obwohl ich es ja gar nicht nenne und auch kein Verlag bin, aber andere kenne, die das offenbar ein bißchen geschickter sehr wohl so machen. Aber geschickt bin ich wohl nicht sehr, sondern gradlinig und offen. Also irgendwann auch mit der Verlagssuche aufgehört, aber weitergeschrieben, immer mehr und immer besser auf der einen Seite, auf der anderen habe ich die leeren Kilometer und Themenwiederholung sicher drin, würde da vielleicht schon einen Lektor brauchen, der mich auf das aufmerksam macht, das merke ich dann beim Lesen in der Badewanne.
Die Möglichkeit des Literaturgeflüsters war wieder ein Schritt nach vorn oder auch einer nach hinten, wie man es nimmt, denn, daß die Kritiker, die Literatur in Blogs vielleicht nicht so ernst nehmen und sich nicht die Zeit, in sie hineinzuschauen, kann ich mir schon denken und auch, daß vieles da im Argen liegt. So stoße ich immer wieder auf Drohungen, ich kann es nicht anders nennen, daß, wenn man einmal etwas bei BoD oder sonstwo selbst verlegt, man niemals mehr eine Chance auf einen Publikumsverlag hat, denn kein solcher würde dann noch etwas nehmen. Nele Neuhaus hat, glaube ich bewiesen, daß das nicht stimmt, ist aber wahrscheinlich ein Einzelfall.
Das irritert dann sehr, wie es auch die Leute tun, die meine Bücher mit spitzen Fingern anfassen und gedehnt “Sehr schön!”, sagen. Wenn sie sie nicht lesen, können sie das nicht wissen. Seit 2004 schicke ich nichts mehr herum, denke aber immer, daß ich mich damit vielleicht selbst ins Abseits setze, was ich nicht will, so habe ich die “Radiosonate” 2008 auf der Buch Wien dem Kitab Verlag angeboten und hingeschickt, aber leider keine Antwort bekommen. Ist kein so schlechter Roman, war sogar in Ö1, daß es aber gruppendynamische Effekte gibt, weiß ich natürlich und, daß der Literaturbetrieb sehr sehr hierarchisiert ist, auch, obwohl es bei literaturcafe.de ein Interview mit Daniela Strigl gibt, wo sie bedauert, daß man sowenig von den Produkten der Kleinverlage weiß und das sehe ich auch so, daß die meistens gar nicht wahrgenommen werden, wie auch das Beispiel von Judith Gruber-Rizys Buch Drift, das 2009 bei Edition Art Science erschienen ist zeigt, weil offenbar der Verleger von Michel Bozikovic gar nicht schaute, ob es nicht schon ein Buch dieses Namens gibt, obwohl ich bei dem Eigenverlagsseminar, das ich bei der Buch Wien machte, hörte, daß man, bevor man seinem Roman einen Titel gibt, das machen soll.
Es gibt offenbar eine oder zwei Handvoll Autoren, die von den Kritiker als anerkannt wahrgenommen werden, die sie auswählen und zitieren, das sind dann auch die, die ständig Preise bekommen und die überall lesen und die anderen interessieren offenbar nicht und das finde ich, wie Daniela Strigl schade, weil ich ebenfalls glaube, daß man dabei viel übersieht und fühle mich mit Recht oder Unrecht übersehen. Irgendwie werde ich da wohl in der Mitte liegen, bin froh, daß es das Literaturgeflüster gibt, wo ich mich präsentieren kann, habe dadurch, das hab ich schon geschrieben, viel gelernt und finde es auch schade, wenn es nur als Nachricht über den Literaturbetrieb, wo man Sachen findet, die es sonst nicht gibt, wahrgenommen wird, kann es aber nicht ändern, sondern nur selber besser machen, indem ich mich für die Literatur der anderen interessiere und es ist kein Schaden, denke ich, zu wissen, was in der Literatur außer bei Clemens J. Setz, Andrea Winkler etc noch passiert, denn die österreichische Literatur ist sehr vielfältig und es gibt ein paar tausend und nicht nur zehn Autoren und mindestens ein paar Hundert davon schreiben auch wirklich gut.
Unterwegs mit den drei S
Auf der Fahrt nach Wilhelmsburg am Donnerstag ist mir ziemlich schnell eingefallen, wie ich den neuen Roman, ich nehme einmal an, daß es einer wird, beginnen könnte. Wieder wenig originell mit einem Geburtstagsfest, allerdings feiern alle drei Heldinnen eines und jede auf höchst unterschiedliche Art. Daß die Selma im offenen Bücherschrank den “Granatapfelbaum” findet und ihn Sevim übergibt, wenn sie sie am Rathausplatz trifft und, daß sowohl Sevim, als auch Svetlana einen Tanzkurs zum Geburtstag bekommen, waren weitere Einfälle.
Am Freitag habe ich “Die Frau auf der Bank” begonnen und die drei Geburtstagsszenen hingeschrieben. Selma feiert um Mitternacht mit einem Fläschchen Hofer Sekt vor dem Springbrunnen im Rathausplatz allein, Sevim wartet auf Bülent, der nicht kommt, dafür kommt ihre Freundin Leila und bringt Rosen, Sekt und den Gutschein für den Tanzkurs mit und Svetlana kommt von ihrem Dienst nach Hause, ihre Familie hat eine Geburtstagsparty vorbereitet und einen Gutschein für einen Tanzkurs bekommt sie auch.
Soweit die Einführung in die drei S und so wirds wahrscheinlich auch heißen “Die Frau auf der Bank oder dreimal S”.
Am Freitag war ich noch mit dem Mailwechsel zwischen dem Alfred und dem digitaldruck.at beschäftigt. Das PDF von “Absturzgefahr” ist jetzt an die Druckerei gegangen, das Korrekturexemplar als PDF zurückgekommen. Ich war damit zufrieden, dem Alfred ist aber aufgefallen, daß die Buchbeschreibung Schlangenlinien wirft. Mal sehen, wie es weitergeht, ob das Buch kommende Woche kommt und ob auch der Umschlang in Ordnung ist.
Am Samstag bin ich wieder einmal auf den Klangturm hinaufgefahren, habe mir die Ausstellung angeschaut und meinen Roman im Kopf mitgenommen. Vor allem die Figur und die Geschichte der Sevim Erdogan habe ich schon ziemlich plastisch vor mir, die wird sich im Lauf der Handlung scheiden lassen und viel Material habe ich eigentlich auch schon. Bei der Svetlana ist das ähnlich, die wird von ihrer Patientin Selma, die eine Paranoia, keine Borderlinestörung hat, aufgefordert sich in OA Hardenberg zu verlieben, bzw. sich in die Beziehung einzulassen, wie das mit Selma wird, ist noch am unklarsten. Das sind die dunklen Flecken oder auch das Schwammige sozusagen.
Ich bin Donnerstag und Freitag wieder mit meinen Büchern in die Badewanne gegangen, um mich vor allem in die zu vertiefen, wo schon Selma Vorformen zu finden sind und da ist es mir ähnlich, wie beim letzten Mal gegangen, es gibt ein paar Sachen, die finde ich sehr gut und schade, daß das noch nicht aufgefallen ist und ansonsten habe ich natürlich Wiederholungen und Schwachstellen, habe ich ja schon wirklich viel geschrieben und höchstwahrscheinlich fehlt mir wirklich das Lektorat.
Gestern habe ich weitergeschrieben und da kamen schon die ersten Zweifel und Schwierigkeiten. Die vierte Szene war eine über Sevim, schließt an das Geburtsfest an und erzählt, wie es weitergeht, sie fährt mit dem Gutschein auf den Rathausplatz, um in weiterer Folge Selma dort zu treffen. Da kam dann schon die Frage, wie weit soll ich in die Vergangenheit zurück und was ist jetzt die Handlung? Vielleicht zurück zum Start und von vorne anfangen, also erzählen, wie es war, wie die Kinder im Kindergarten einen Ausflug machten, Sevim mitfahren wollte, den Bus versäumte und dann zum ersten Mal in ihrem Leben mit den Zug gefahren ist. Aber wie mache ich das? Zuviele Rückblenden gehen vielleicht nicht, jetzt ist Sevim ja fünfundreißig und Aysha und Aygül zehn und fünfzehn und was ist die Handlung? Daß sie sich scheiden läßt, wie kommt sie dorthin?
Also doch nicht so einfach. Ich habe noch eine Selma Szene geschrieben und mich dann entschloßen in die Vergangenheit der Sevim zurückzugehen.
Ich werde mir auch drei Hefte anlegen für jede S eines und die Biografie bzw. den Charakterbogen ausfüllen und Materila sammeln.
Viel mehr Handlung habe ich bis jetzt nicht, nur den Vorsatz, mir diesmal wirklich viel Zeit zu lassen, die drei Geschichten ineinander verknüpfen und wenn es geht so oft umschreiben bis es wirklich passt. Damit bin ich in den Sonntag, da habe ich noch kurz Thomas Wollinger einen Kommentar auf seine neue Erfolglos Schreiben Folge mit diesen Problemen geschrieben, dann bin ich mit dem Alfred mit dem Rad nach St. Pölten gefahren und von dort mit dem Zug nach Melk, wollte er er doch zum Glatt und Verkehrt Festival und da trat am Nachmittag in Rossatzbach bei einem Heurigen das Kollegium Kalksburg auf. In Schwallenbach haben wir die Gaby getroffen, die sich dort, nachdem sie auf Ruth Aspöcks Dichterradkarawane 2007 mitgefahren ist, ein Haus kaufte und die wir immer besuchen, wenn wir dort vorbeikommen. Mittagessen in Spitz mit der Fähre auf die andere Donauseite, dazwischen eifrig Marillensammeln, was ja auch ein Highlight der sommerlichen Radtouren durch die Wachau ist.
Um drei waren wir bei dem Heurigen, sind in der Hitze und dicht an der Bühne gesessen, haben Wienerlieder gehört und uns mit den Leuten am Tisch unterhalten, dann mit einer kleineren Fähre über die Donau und bis Krems gefahren. Von dort mit dem Zug nach St. Pölten. Inzwischen gab es einen Wetterwechsel, wurde es doch sehr windig und meine drei Frauengestalten sind mir inzwischen irgendwie auch entschwunden. Ich werde mir morgen aber die achtzehn Seiten ausdrucken. Morgen besucht mich auch meine Cousine Irmi und als ich ds letzte Mal bei ihr war, bin ich kurz darauf mit der “Absturzgefahr” fertiggeworden und zu den “Zwillingswelten” hat sie mich auch ein bißchen inspiriert. Mal sehen ob das diesmal auch so wird und, daß ich vielleicht versuchen sollte, mich besser zu verkaufen, ist vielleicht ein auch nicht unwichtiger Aspekt, denn möglicherweise krankt es schon ein bißchen, daß ich da nicht sehr erfolgreich bin, nur wie ich das machen soll, ist noch schwieriger, als aus dem vorhandenen Material einen Roman zu schreiben.
Ein Stück trockenes Brot
Auf meinem Harlander Bücherstapel liegt seit mehr als zwei Jahren ein kleines dünnes Büchlein “Ein Stück trockenes Brot”, ausgewählte Erzählungen von Josef Burg, das ich im Mai 2009 von Theodor Kramer Preis, der damals an den noch in Czernowitz lebenden, Jiddisch schreibenden Dichter vergeben wurde, mitbrachte. Alfred hat mir damals zwei der dünnen im Hans Boldt Verlag erschienenen Bändchen, in denen das Werk auf Deutsch erschienen ist, geschenkt. Da meine Leser wissen, daß ich nicht so gerne dünne Erzählungen lese, sondern lieber zu dicken Romanen greife, werden sie sich nicht wundern, wieso das Buch bis jetzt liegen geblieben ist. Aber jetzt habe ich meine Hundert-Bücher-Liste und lese alles auf und das zweite Bändchen “Begegnungen – Eine Karpatenreise”, habe ich auch im August 2009 gelesen, nachdem Josef Burg am 2. 8. 2009 gestorben ist. Dem Namen und dem Dichter bin ich aber im österreichischen Rundfunk und durch die Theodor Kramer Gesellschaft immer wieder begegnet und auch die Titelgeschichte habe ich schon zweimal gehört und habe auch noch ein drittes Bändchen aus dem Hans Boldt Verlag, nämlich “Über jiddische Dichter”, das mir einmal, der Verlag oder die Theodor Kramer Gesellschaft mit der Bitte vor Weihnachten zusandte, ich solle etwas spenden, damit Josef Burg in der Ukraine seine Krankenpflegerin zahlen kann. Es gab auch im Oktober 2008 eine Benefizveranstaltung im alten Rathaus, wo man auf das Wohl von Josef Burg ein Achterl trinken konnte und Felix Mitterer “Ein Stück trockenes Brot” las. Bei der Kramer Preis Verleihung in Krems Stein vor zwei Jahren hat er sie auch gelesen und jetzt war der Erzählband an der Reihe, was auch gut passt, naht sich bald der zweite Todestag, so daß ich an einen der oder dem letzten in jiddischer Sprache geschrieben habenden Dichter erinnern kann. Das hat er auch selber immer wieder getan, so handelt auch das Bändchen über “Jiddische Dichter”, das ich ebenfalls gelesen habe, davon und Josef Burg zu lesen ist auch höchst beeindruckend, zieht er doch gekonnt einen Bogen durch sein literarisches Schaffen und wechselt von der Erzählung zu seinen natürlich sehr reichhaltigen und höchst historischen Lebenserinnerungen.
So beginnen die ausgewählten Erzählungen mit der Geschichte “Einsamkeit”. Da sitzt eine vierzigjährige, aber trotzdem schon gealterte Wäscherin mit roten Händen am Abend einsam in ihrem leeren Haus und denkt über ihr Leben nach. Vor zwanzig Jahren war sie jung und das Haus hell erleuchtet, sie trug ein geborgtes Hochzeitskleid und der Tisch bog sich vor Hochzeitsspeisen von geborgten Geld, gab es doch ihre Hochzeit mit Sunje, dem Holzfäller zu feiern, der am Morgen in den Wald mußte und dort von einem Baum erschlagen wurde. Geblieben ist die Not und der Ring am Finger, da läutet jemand an der Tür des dunklen Hauses an und bittet für eine milde Gabe, weil er für eine Waise eine Hochzeit ausrichten muß. Sie schaut auf ihre Hand, nimmt den Ring herunter und beichtet das schuldbewußt am nächsten Tag, das am Grab dem Ehemann, der sie dafür segnet.
Dann geht es weiter in die Geschichte eines langen Lebens. Von dem jüdischen Forscher und Kritiker Schatz-Anin wird da erzählt, den Josef Burg, der ja, glaube ich, in Wien studierte, 1937 im Cafe Central kennenlernte und dessen Tochter er viel später in Riga trifft.
“Am Zugfenster” erzählt von einer Fahrt auf die weißrussische Grenze hin, ein Mann sitzt im Zug und zeigt wo “1941 schwere, erbitterte Kämpfe stattgefunden haben. Die Deutschen rückten auf Moskau vor.” und dann auf die Felder “wo der Horizont ist, dort liegen meine Eltern zusammen mit Hunderten anderen ermordeten Juden..”
Im Zug sitzt noch eine junge Krankenschwester, die ein jiddisches Buch liest, außerdem gibt es einen “kräftigen etwa sechzigjährigen Mann, sehr blond und hager”, von dem sich herausstellt, nachdem der den Erzähler auf Deutsch anspricht, daß er aus Memel ist und “offenbar zu den sogenannten “Volksdeutschen” gehörte, die 1940, verführt von der Nazi-Propaganda, ihre angestammte baltische Heimat verlassen hatten.”
Ganz am Schluß gibt es dann die Titelgeschichte “Ein Stück trockenes Brot”, die ebenfalls sehr beeindruckend ist.
Da geht es um das “Gedenken an Babi Jar, das sich zum fünfzigsten Mal jährte”. Ein alter Mann, der etwas, das in ein schmutziges Tuch eingewickelt ist, in Händen hält, steht neben dem Mädchen Miriam und erzählt ihr seine Geschichte. Vor fünfzig Jahre war er zwanzig, wie sie heute und “war in jenem schrecklichen September 1941 auch dabei, als die Nazis unser Volk erbarmungslos vernichteten.” Er sollte auch erschoßen werden und war schon in der Grube mit den Toten, konnte sich aber retten und flüchten, dabei hat er einen Bettler getroffen, der ihm ein Bündel mit einem Stück trockenen Brot gegeben hat, ihm aber sagte, daß er es nicht essen, sondern aufheben solle. So ist er damit durch die Wälder geirrt, bis er endlich zu den Partisanen kam, als er dann das Bündel öffnete, bemerkte er, es war ein Stück Holz darin.
Und weil es zum heutigen Tag passt, an dem Otto Habsburg in der Kapuzinergruft begraben wird, zitiere ich auch das Nachwort in dem steht, daß “Am 17. Juni 2007 der ungefähr gleichaltrige Otto von Habsburg mit Begleitung den “Österreicher Josef Burg” in Czernowitz besucht und ihm damit gezeigt hat, daß er nicht vergessen ist.”
Podium Portrait – Kurt Klinger
Ein bißchen Lyrik in der Badewanne, nämlich die sechsundzwanzig Gedichte, die im Podium-Portraitheftchen Nummer 12 erschienen sind, die ich mir im letzten Jahr aus dem niederösterreichischen Literaturhaus anläßlich der Kramer-Preis-Verleihung mitgebracht habe.
Der 1928 in Linz geborene, 2003 in Wien gestorbene Kurt Klinger, Literaturfunktionär, Redakteur und Journalist, der Vizepräsident der Gesellschaft der Literatur gewesen ist, Chefredakteur von “Literatur und Kritik” und Mitherausgeber der “Rampe” war, ist wahrscheinlich den literarisch Interessierten nicht so bekannt, obwohl er über eine große Veröffenlichungsliste verfügt und viele Preise und Auszeichnungen bekommen hat.
Zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag sollte das Podium-Portrait erscheinen, dessen Vorwort von dem 1955, ebenfalls in Linz geborenen Bernhard Widder stammt, leider ist er früher gestorben, so daß das Vorwort, wie Bernhard Widder ausführte, ein bißchen anders wurde und ein Widder-Gedicht zum Begräbnis gibt es auch:
der himmel über wien, von nordwesten her
war immer mehr dunkelgrau, fast schwarz,
kam langsam näher im verlauf einiger stunden.
schwarze gewitterwand im westen. später kam
regen wie aus wut. graue schräge wasserwand
vor dem dritten tor des Zentralfriedhofs.
Dann führt er in seinen Begegnungen mit Kurt Klinger “Im Getöse des Lebens” noch aus, daß Kurt Klinger in Rom eine Wohnung hatte, wo er nach seiner Pensionierung einige Jahre lebte, die er endlich auflösen wollte, weshalb er dorthin fuhr und eine Verabredung mit Bernhard Widder wegen der Podium-Gedichte auch verschieben mußte, weil er sich eine Erkältung zugezogen hat.
Am 23. April 2003 ist er gestorben und ich weiß nicht genau, ob ich Kurt Klinger jemals gesehen habe, der Name war mir aber bekannt, weshalb ich den Band auch mitgenommen habe und nach dem intensiven Prosa-Seminar der letzten Woche mir jetzt eine Stunde Lyrik in der Badewanne gönnte und von den sechsundzwanzig ausgewählten Gedichten, hier ein paar Proben wiedergeben will.
Da wäre einmal “Im Lesesaal”, das auch auf der Heftrückseite abgedruckt ist.
Heiße Köpfe
Innen brodelt
zartes Hirngewebe
Vorsichtig faßt die Pinzette
meiner Fragen hinein.
Die Weisheit fühlt sich verletzt.
Entgeisterter Dampf
entweicht betroffen
ins ungebildete All.
Und am Anfang gibt es ein “Selbstinterview”
Ich bin leider nicht Franzose
je suis Austrichien
làutre chien
Nennen Sie diesen Zustand
wie Sie wollen
dann noch ein Stückchen aus “Der Kuß?”
“Ich glaube” urteilt der Zahnarzt
“wir haben noch einmal Glück gehabt.
eine Infektion weiter nichts
unangenehm, aber belanglos
Spülen Sie in den nächsten Tagen
mit diesem sympathischen Antisepticum
aber – küssen Sie nicht”
Von den Podium-Heftchen habe ich ja einige, das Lebert-Portrait wurde im Geflüster schon besprochen und bei der Präsentation der letzten Hefte bin ich auch in der Alten Schmiede gewesen.
Zweimal fertig
Nun kommt hoffentlich Applaus von meiner Leserschaft, ich schließe mich mit innerer Zufriedenheit an, denn ziemlich unerwartet und überraschend, bin ich gestern mit dem Korrigieren meiner beiden works on progress fertiggeworden. “Die Absturzgefahr” geht jetzt an die Druckerei, es gibt keine Verlagssuche mehr, über das Literaturgeflüster können die sich aber gerne bei mir melden, wenn sie wissen wollen, was eine mit Leidenschaft und leiser Stimme so beharrlich seit fast vierzig Jahren schreibt, Zuschußverlage bitte nicht, aber die finden seltsamerweise ebenfalls nicht zu mir.
Im Netz ist die langversprochene Leseprobe jetzt zu finden und die Vorschau mit dem kleinen Ausblick und für die, die es interessiert mit den Schreibberichten, wie das Ganze seit ungefähr einem Jahr entstanden ist, gibts auch schon seit Ende April. Und auch die “Zwillingswelten” sind jetzt an den Alfred gegangen, damit er draus das Buch machen kann.
“Lisbeths Leseliste”, die es ja wirklich gibt, die ich mir im März zu Studienzwecken zusammengestellt habe und einen Linzführer habe ich für das Titelbild herausgesucht. Sizilienfotos passen ebenfalls und ich kann auch die Anna, wenn sie nächste Woche nach Harland kommt, fragen, ob sie mir die Titelseite graphisch gestalten will. Sie hat es für den “Stadtroman”, “Novembernebel”, “Mutter möchte zwanzig Kinder”, “Schreibweisen”,
und “Und trotzdem” getan. Ihre Entwürfe sind immer sehr schön geworden und haben gefallen und jetzt Zeit für das Nächste.
Davon habe ich ja schon ein paar Mal geschrieben und kann die entsprechenden Artikel auch heraussuchen, das Buch sechsundzwanzig oder so, das kann ich mir nie merken, es gibt ja schon so viele “Die Frau auf der Bank” heißen könnte und die Geschichte von drei Frauen, die den fünfunddreißigsten Geburtstag feiern oder ungefähr so alt sind, wird.
Selma, Sevim und Svetlana könnten meine Heldinnen heißen. Ich bin ja eine, die ihre innere Geschichte mit sich herumträgt, sie gerne schreiben will und bis jetzt immer irgendwie stecken geblieben ist. Versuche über eine gehemmte, vielleicht auch depressive Frau zu schreiben, die in Wien spazieren geht, ihre Bücher aus dem Bücherschrank zieht und dabei berühmte Männer trifft, gibt es schon viele. Die “Begrenzte Frau” ist so ein Versuch, die “Radiosonate”, die “Sophie Hungers”, aber auch die “Reise nach Odessa”. Seit der Felizitas Fee, die in einigen unervöffentlichten Versuchen, dann in der “Viertagebuchfrau” erscheint, geht mir diese Idee nicht aus dem Kopf. So könnte die Selma wieder eine Art Alter Ego von mir werden. Zu der Idee hat mich vor ein paar Monaten ein Klient gebracht, als er mir erzählte, daß er in Wien herumfahren und sich jeweils einen Bezirk gründlich anschauen könnte. Da habe ich an eine Art Stadtsheriffa gedacht, die viel auf Bänken sitzt, in Wien herumfährt oder geht und das, was ihr auffällt, dem Wiener Bürgermeister meldet, in Realita oder in der Fantasie könnte sie ihn im Rathaus besuchen, denn, daß die Selma eine Paranoia oder eine Borderlinestörung hat, ist mir auch eingefallen. Sie könnte stationär oder ambulant im AK behandelt werden, ihre Therapeutin ist die Psychiaterin in Ausbildung Svetlana, die aus einer Belgrader Barackensiedlung kommt und sich erst in Wien adaptieren muß, obwohl sie da ja ins Gymnasium ging und studierte und auf der Bank kann die Selma auch die Sevim treffen, eine ebenfalls fünfunddreißigjährige in Wien geborene Türkin, die Friseurin lernte, bis sie sich gegen eine Zwangsheirat wehrte, trotzdem den falschen Mann geheiratet hat und sich jetzt nach dem ihre beide Kinder mit der VS bzw. der neuen Mittelschule fertig sind, Tochter Gülsen aufs Gymnasium will, der Papa und die Schwiegermutter was dagegen haben, ein zweites Mal emanzipieren muß. Facebook und die neuen Medien könnten auch eine Rolle spielen oder eine Türkeireise der Familie.
Alles nicht sehr neu, im “Novembernebel” kommt eine Romaärztin vor, in der “Sophie Hungers” und der “Heimsuchung” zwei junge Türkinnen, die in Wien geboren sind und Sozialarbeiterinnen wurden. Die Selma gibts in unzähligen Varianten, trotzdem liegt mir das Thema am Herzen und die Verknüpfung dieser drei Frauenschicksale, könnte vielleicht wirklich der große Roman werden, mit dem ich bisher stecken geblieben bin.
Denn das stimmt ja wirklich, ich bin zu schnell und wenn ich an die Tiefen oder Grenzen stoße, zu rasch fertig, statt mich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Ich denke aber, daß man genauso lernt, wenn man neunmal etwas Neues schreibt, statt eines in neun Fassungen.
Jemand der mich, wenn ich flüchten will, an die Schulter nimmt und sagt “Bleib dabei!”, wäre trotzdem gut und, daß ich manchmal ausgelutschte Metaphern nochmals verwende, weils einfacher ist, habe ich bei den “Zwillingswelten” gemerkt, da sind sicher einige Klischeefiguren enthalten. Da hilft mir vielleicht Thomas Wollingers “Erfolglos schreiben-Serie” weiter, denn daß ich da aufpassen sollte, ist mir schon bewußt.
Daß man aus seiner Haut nicht kann und vielleicht auch nicht soll, weiß ich natürlich auch, nehme mir aber den Vorsatz des “Zeitlassen” mit, wenn ich demnächst mit meinem grünen Notizbuch, in dem schon einiges von der “Frau auf der Bank” steht, in Richtung Wilhelmsburg aufbreche. Die Istambulgedichte von Gerrit Wustman und Seher Cakirs “Zitronenkuchen für die fünfunddreißigste Frau”, werde ich mir am Dienstag aus Wien holen. Ob ich Yasar Kemals “Granatapfelbaum” brauche, weiß ich gar nicht, denn den wird eine fünfunddreißigjährige Wiener Unterschichttürkin, die sich gegen ihren Mann wehren will, vielleicht nicht lesen, die bringt ihre Töchter aufs Gymnasium, meldet sich für eine Pflege- oder Kindergartenhelferinausbildung an und läßt sich scheiden. Wenn sie trotzdem noch etwas Besonderes machen will, geht sie alleine oder mit einer Freundin ins Cafe Sperl oder in einen Tanzkurs und ist stolz darauf.
Also die Figuren reifen lassen und mich nicht gleich mit der ersten Idee in die Falle schreiben. In allen drei Frauen liegt Potential für etwas Neues und wenn ich die Männer den Frauen nicht immer gleich auf den Busen schauen lasse, nicht von “rinnenden Nasen” schreibe, sondern mir vielleicht ein wenig von der Klagenfurter Metaphernvielfalt mitnehme, kanns nur besser werden, denn ich glaube schon, daß in meinen Sachen viel zu finden ist, das habe ich auch öfter gehört.
Die Falle ist nur, den Schwierigkeiten nicht ausweichen und der Satz “Ich kann es nicht!”, wird wohl auch noch öfter auftauchen, wenn ich das dann im Literaturgeflüster schreibe, lerne ich daraus, vieleicht haben auch meine Leser ein paar nützliche Hinweise.
So gesehen wirds auch die Schreibberichte weiter geben und als ich 2005 von Erika Kronabitter in diese Textwerkstatt nach Vorarlberg eingeladen wurde und aus der “Fluchtbewegung” gelesen habe, habe ich mir die dortige Kritik auch zu Herzen genommen und sprachlich umgearbeitet.
Eine Wortakrobatin, die mit den Metaphern in wahren Worträuschen um sich schmeißt, a la Andrea Winkler oder Richard Obermayr, die beide den Priessnitz-Preis bekommen haben oder bekommen, will ich nicht werden, aber ein bißchen sorgfältiger und genauer sein, kann nicht schaden und natürlich auf die Fallen achten, damit wirklich was Neues entstehen kann und dann, das glaube ich ebenfalls “man schreibt immer denselben Roman ein Leben lang”, die Barbara Frischmuth, der Gerhard Roth und die Elfriede Jelinek tun das wahrscheinlich auch.
Ludwig muß sterben
Es ist ein seltsames Buch, der erste Roman des 1964 geborenen Thomas Hettche, “Ludwig muß sterben”, den er, da 1989 erschienen, offenbar sehr jung geschrieben hat. Sehr poetisch und schwer verständlich, bzw. auf vielerlei Weise zu deuten. So steht auch auf der Buchrückseite “In seiner bildkräftigen und suggestiven Prosa erkundet Thomas Hettche die Macht und Ohnmacht der Sprache und lotet die Grenzen des Erzählbaren aus.”
Es gibt einhundertvierundachtzig Seiten und fünfunddreißig Kapitel, die jeweils schöne Titel tragen, beginnen tut es im Nullkaptiel mit einem Wiederbelebungsversuch in Coney Island 1940 und endet “als flatterte das Buch noch dort, die Seite in der Hand, das Photo mit dem Titel:”
Dazwischen wird ein namensloser Ich-Erzähler, von dem man auch sonst nicht viel erfährt, für ein Wochenende, Freitag bis Dienstag aus der Psychiatrie entlassen, um die Zeit bei seinem Bruder Ludwig zu verbringen. Aber der offenbar herzkrank und nach einem Infarkt ist an die ligurische Küste gefahren. So kommt der Protagonist in die Wohnung und beginnt in Büchern und einem Anatomieatlas von Gefrierschnitten etc zu lesen. Plötzlich tauchen zwei Besucher, ein junges Mädchen, das offenbar aus dem Buch mit den Gefierschnitten entsprungen ist und ein alter Mann auf, die Bademäntel tragen und sich in der Wohnung einmieten. Der alte Mann erzählt ein Märchen vom Gevater Tod, der hatte ja ein Patenkind, das ein berühmter Arzt wurde, weil er immer wenn er an das Bett des Kranken trat, sah, ob der Tod am Fuß- oder Kopfteil stand.
Der Protagonist kennt sich mit seinen Gästen nicht aus, weiß nicht, ob sie wirklich oder Wahnvorstellungen sind, überlegt schon seinen Arzt Dr. Minks davon zu verständigen. Er scheint aber auch in Kontakt zu seinem Bruder zu treten und zu sehen, was der gerade an der ligurischen Küste macht. Er trifft ein Mädchen, eine Studentin aus Triest namens Lene und der Protagonist versucht vor seinen Gästen in ein Kino zu flüchten. Das Mädchen aus dem Buch ist aber ebenfalls dort und liegt auch in der Nacht neben ihm im Bett. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden und der alte Mann in der Küche, der schon die Hörnchen aus der Tiefkühltruhe holte und Kaffee gekocht hat, stellt sich als Dr. Tichtel aus Wien vor, der inzwischen auf der ganzen Welt praktiziert, sein Diplom aber im fünfzehnten Jahrhundert vom Kaiser oder König in der Stephanskirche erhalten hat und er erzählt von seinen Erfahrungen, die er mit dem Tod machte, als er ihn auszutricksen versuchte. Es gibt aber Zeitsprünge, deshalb ist das Mädchen auch dem Atlas entsprungen und jetzt mußte sie, Dr. Tichtel, nennt sie nur “unsere französische Freundin” plötzlich verreisen. Der Protagonist beginnt zu ahnen, daß sie zu Ludwig will und sendet ihm ein Telegramm, um ihm zu warnen. Dr. Tichtel schüttelt nur müde den Kopf und verläßt im Bademantel die Wohnung. Inzwischen erlebt der Protagonist Ludwigs Herzschmerzen und studiert auch Bücher in denen die chronische Karonarinsuffizienz beschrieben wird. Ludwig reist inzwischen mit Lene nach Triest oder Venedig, der Protagonist erlebt das alles mit und windet sich in Schmerzen bzw. im Sperma und sieht am Schluß, während Ludwig sterben muß oder schon gestorben ist, ihn in einem Hotelzimmer, wo er und Lene nur zwei Einzelzimmer bekommen konnten, weil das letzte Doppelzimmer gerade ein anderes Paar bezogen hat, ihn am Gang ein Mädchen mit weißen Bademantel treffen, das ihn auf Deutsch anspricht.
Ein äußerst seltsames Buch, eines sehr jungen Mannes, der Germanistik und Philosophie studierte, von 1995 bis 1999 Bachmannpreisjuror war und 2010 mit “Die Liebe der Väter”, auf der Longlist des deutschen Buchpreises stand, in einer sehr poetischen wunderschönen Sprache geschrieben, das verschiedene Deutungen zu läßt, der Psychotherapeutin fallen da natürlich die Wahnvorstellungen eines Schizoprenen ein, das mit dem “Ausloten der Grenzen der Sprache” habe ich nicht so gesehen oder auch nicht verstanden. Nach dem Intensiven Bachmannpreishören, das ich gerade hinter mir habe, fällt mir natürlich das Neue ein, das dort gefordert wurde und das scheint, sowohl 2011, wie auch 1989 in der Sprache zu liegen. Und ein Märchen ist es natürlich auch, beziehungsweise ist darin ja eines, wenn ich mich nicht täusche, der Brüder Grimm verborgen, neben den poetischen Sätzen, einer “Butter die vergilbt”, wird aus Fachbüchern zitiert und eigentlich ist es eine sehr schön erzählte Geschichte, obwohl einer, der wirklich eine Paranoia hat, sie wahrscheinlich ganz anders erlebt.
Sommerfrischen-Schreibwerkstatt
Nach zwei Wiener Praxistagen, wo ich den Montag wieder im Kino unter Sternen am Karlsplatz bei einem Film über eine iranische Familie “exile family movie”, war, wieder aufs Land zurückgekommen, wo nach dem intensiven Bachmannpreisschauen letzte Woche, das Sommerfrischeschreiben beginnt. Zwar hat der Bachmannpreis noch nicht richtig aufgehört, höre ich doch gerade die “Lange Nacht der Literatur im Radio” vom Studio Kärnten, wo gerade Maja Haderlap nochmals ihren Siegertext liest, den Peter Wawerzinek, der durch den Abend führt, kommentiert. Es sind aber schon wieder literarische Neuigkeiten eingetroffen, so zum Beispiel, daß Richard Obermayr, der heurige Priessnitz-Preisträger, der im Oktober im Literaturhaus vergeben wird, geworden ist und Neuigkeiten zum deutschen Buchpreis gibt es auch, beziehungsweise wird dort gerade die Liste mit den zwanzig Büchern, die im August bekanntgegeben wird, zusammengestellt und ich habe wieder ein paar Tage vor mir, wo ich hoffe mit meinen beiden Manuskripten, der “Absturzgefahr”, die vielleicht noch vor dem Urlaub an die Druckerei gehen soll und den “Zwillingswelten” für die es noch kein Umschlagbild gibt, fertig zu werden, um für das Neue offen zu werden und mit dem nächsten Romanprojekt zu beginnen. Da liegen ein paar Vorbereitungsbücher immer noch in Wien, das grüne Buch mit den Notizen habe ich mit und wie ich mit den Recherchen für das drei Frauenprojekt Selma, Svetlana und Sevim, beginne, weiß ich noch nicht so recht. Bin ich derzeit auch ein wenig unmotiviert, ist es ja nicht sehr aufregend in den Manuskripten nach Fehlern zu suchen und dann immer wieder zu denken, “Wozu tue ich mir das dann, es wird ja ohnehin sicher wieder nichts?”, obwohl ich mir das natürlich antuen werde, beziehungsweise ist es vielleicht wirklich eine gute Idee mir eine Sommerfrische Zeit zulassen und sozusagen mit einer Schreibwerkstatt zu beginnen.
Eine Schreibwerkstatt alleine zu veranstalten ist zwar vielleicht etwas seltsam. Ich kann mich aber erinnern, daß ich vor ein paar Jahren, bei einem Standard Gewinnspiel mitmachte, wo man einen Platz bei einer Schreibwerkstatt gewinnen konnte, ich habe mir dafür sogar frei genommen, aber natürlich nichts gewonnen, so bin ich stattdessen nach Harland gekommen und mir gedacht, mache ich mir die Schreibwerkstatt selber, nur nicht recht gewußt, wie ich das beginne. Einen Kurt Bracharz Krimi habe ich mir, kann ich mich erinnern, herausgesucht, weil man ja im Sommer Krimis lesen soll, bin damit Rad gefahren und mit alten Bachmannpreisbüchern in die Badewanne gestiegen. Jetzt weiß ich schon ein wenig mehr, wie man eine Schreibwerkstatt beginnt, beziehungsweise hat Thomas Wollinger in seinem tollen Blog gerade ein paar Videos darüber hineingestellt, die ich mir morgen anhören will. Dann meine Texte solange mehr oder weniger geduldig durchgehen bis sie passen, dazwischen Bücher lesen, Thomas Hettches “Ludwig muß sterben” ein gewesener Bachmannpreisjuror, der das, glaube ich, gewesen ist, als ich 1996 live dort war, ist gerade dran und dann das Neue beginne, mit dem ich hoffe, ein bißchen weiter zu kommen, mal sehen was daraus wird. Mir soviel Zeit dazu lassen, daß ich damit in den Nanowrimo hineinkomme, ist auch eine Idee, die nur gut sein kann, wenn sie mir gelingt. Zwei Wochen habe ich jetzt zum Fertigwerden, dann geht es mit den Reiseschreiblernbuch nach Polen und da habe ich ja vor einige Reisetexte entstehen zu lassen, damit kann ich meinen Blog im August füllen und dann langsam in meine drei Frauengestalten, die serbische Psychiaterin, die Wiener Türkin Sevim und die Schizoprenie oder Borderlinepatientin Selma hineinwachsen. Der Kopf ist, glaube ich, jetzt ein bißchen frei und das Selbstbewußtsein auch ein bißchen da.
So gesehen war die erste Sommerfrischewoche 2011, das Bachmannpreisverfolgen, auch sehr intensiv und ich habe wieder viel gelernt dabei. Vorige Woche bin ich ja nicht viel zum Korrigieren gekommen, die “Zwillingswelten” habe ich am Freitagvormittag aber doch durchgeschaut und da auch das zweite Kapitel “Friedhof der ungelesenen Bücher”, das ich auf seine Bachmannpreistauglichkeit überprüfen wollte. Ist es natürlich nicht, damit hätte wohl auch nur ein “Schon wieder eine Schilderung einer Depression, einer Midlifekrise und einer Pensionierung und schlecht geschrieben ist es auch!”, als Reaktion bekommen. Die Figur der Lisbeth ist mir aber trotzdem die liebste an dem Stück und das zweite Kapitel mag ich auch.

