“Wüste” ist ein Roman von J.M.G.Le Clezio, dem Nobelpreisträger von 2008, den ich damals im Oktober nicht gekannt habe, inzwischen habe ich das zweite Buch von ihm gelesen.
Seinen eher experimentellen Roman “Das Protokoll”, habe ich vor einem Jahr in einer freien Entnahmkiste gefunden, als das Wien-Souvenier Geschäft in der Kettenbrückengasse geschlossen wurde.
“Wüste” gab es zu Jahresende, bzw. Jahresanfang in der Thalia-Abverkaufskiste in der St. Pöltner Kremsergasse und es scheint ein etwas typischer Le Clezio-Roman zu sein und ist auf jeden Fall sehr poetisch. Zwei Handlungsstränge sind ineinander geflochten. Da zieht einmal im Winter 1909-1910 eine Karawane durch die Wüste. Wir begegnen dem jungen Nour, lesen schöne Landschaftsbeschreibungen, erfahren vom Hunger und dem Sterben und auch einigen kriegerischen Handlungen.
Die zweite Handlung spielt Jahrzehnte später. Wir lernen die junge Lalla kennen, die von einem berühmten Wüstenstamm abstammt, in der Cite bei einer Tante lebt, nachdem ihre Mutter gestorben ist, aber sehr naturverbunden ist. Sie geht ans Meer, läßt sich vom alten Fischer Naman und ihrer Tante Geschichten von ihrer Herkunft und von einem geheimnisvollen blauen Mann erzählen, geht auch zu dem Hirten Hartani, der zwar nicht taub ist, aber die Menschensprache nicht spricht und nach der Tante und deren Söhne kein guter Umgang für Lalla ist, der ihr aber das Licht in den Grotten und andere Naturschönheiten zeigt.
In der Cite ist man sehr arm, es gibt aber schöne Stunden im Badehaus und bei den Festen nach dem Fasten, wo ein Hammel geschlachtet wird und die Tante Mehlkrapfen bäckt und obwohl das Ganze weitab von jeder Zivilisation zu spielen scheint, gibt es doch Micky Mouse Hefte, die die Söhne der Tante, der Analphabetin Lalla manchmal zeigen, sie trinkt auch gelegentlich ein Fanta und der Fischer Naman, der einst in Marseille Koch war, nennt ihr die Namen fremder Städte: Sevilla, Algeciras, Granada, Madrid. Irgendwann soll Lalla auch zu einer bösen Frau in einer Teppichknüpferei arbeiten, sie verläßt sie aber, weil sie die anderen Kindern schlägt, ja Lalla ist sehr selbstbewußt und es kommt auch ein Mann in einem grau-grünen Anzug zu der Tante und bringt Geschenke, ein Radio und Konserven und will Lalla dafür heiraten, was sie nicht will, so daß sie, nachdem der alte Fischer Naman stirbt, ein Stück Brot in ihre Tasche steckt und die Cite verläßt. Sie eilt mit dem Hirten Hartani durch die Wüste und verbindet sich dabei mit ihm. Dann kommt wieder ein Einschub in die Vergangenheit und in das Leben der Karawane, bevor in dem Kapitel “Das Leben der Sklaven” Lalla in Marseille gelandet ist. Sie ist mit einem Schiff des roten Kreuz dorthin gekommen und seltsamerweise trifft sie ihre Tante dort, die in einem Krankenhaus arbeitet. Lalla, die von Hartani schwanger ist, hüllt sich in einen dunklen Mantel, streift durch die Straßen, lernt den Zigeunerjungen Radicz kennen, setzt sich ans Meer und beginnt in einem Hotel zu arbeiten, wo die Ärmsten der Armen, wohnen. Irgendwann läßt sich Lalla vom Hotelbesitzer auszahlen, nimmt das Geld und geht mit Radicz damit in ein Kaufhaus, wo sie sich einen Nagellack und einen Lippenstift, aber auch eine Jeans und ein T-Shirt kauft, damit mit Radicz in ein feines Restaurant essen geht und dort von einem Fotografen entdeckt wird, der eine Berühmtheit aus der Wüstenschönheit macht.
“Aber sie erkennt”, steht in dem Buchbeschreibungstext, “daß sie ein Kind der Wüste ist”, das heißt sie fährt dorthin zurück, um ihr Kind zur Welt zu bringen.
Ein sehr beeindruckendes, sehr poetisches Buch, das vielleicht nicht ganz realistisch ist, aber dennoch in sehr eindrucksvollen Worten vom Leben in der Natur Afrikas, in den Slums und dem starken Selbstbewußtsein einer Wüstentochter erzählt.
Uncategorized
Bachmannpreisverleihung
Endlich haben wir eine Frau als Bachmannpreisträgerin, eine Österreicherin und eine Kärtner Slowenin, die sich vielleicht noch ein wenig über die Ortstafeln ärgern muß und auch darüber, daß sie in der Bundeshymne immer noch nicht vorkommt, aber herzlichen Glückwunsch an Maja Haderlap!
Das hätte ich vor Donnerstag wirklich nicht gedacht, dann war alles klar und einfach und auch die Shortlist, die aus Nina Bußmann, Gunther Geltinger, Maja Haderlap, Thomas Klupp, Steffen Popp, Julya Rabinowich und Leif Randt bestand, bis vielleicht Linus Reichlin bin ich damit d`accord gegangen, hätte das vorausgesagt und auch dafür gestimmt.
Aber Linus Reichlin, das ist der mit der Sandale und dem Arzt in Afghanistan und seiner Traumatisierung, hat dank der automatischen Literaturkritik den Preis der Riesenmaschine bekommen und nur Julya Rabinovich und Gunther Geltinge sind leer ausgegangen.
Bei beiden tut es mir natürlich leid, hat mir der Geltinger Text ja sehr gut gefallen und bis mich Thomas Klupp überzeugte, hätte ich für Julya Rabinowich gestimmt, obwohl mir der Praßler-Text und der von Anne Richter auch sehr gut gefallen hat. Ich habe also gestern nach drei Fehlversuchen, obwohl ich diese Zahl ja brav abgeschrieben habe, für Thomas Klupp gestimmt, die Jury sah das anders, zuviel Pornographie wahrscheinlich, aber das Publikum ist ja für so was und angeblich hat auch ein Pussy-Club geschlossen für den “Paradiso”-Texter vom Görlitzer-Zoo gestimmt. Cornelia Travnicek bloggte und twitterte, daß sie beim Abstimmen diesselben Schwierigkeiten hatte, dann hats aber doch geklappt und ich habe mich in den Hauptstadtfesttrubel geworfen, während in Klagenfurt die Jury mit und ohne Badehose oder Anzug die Shortlist festlegte.
Wie geschrieben, für mich war es keine Überraschung, die twitternden Jungautoren haben, glaube ich, Antonia Baum ein wenig vermißt und die Bachmannpreiswahl war auch nicht so eindeutig, spukten Leif Randt und Steffen Popp ja eifrig dabei mit.
Dann gabs einen Kelag Preisträger namens Steffen Popp, den 3Sat-Preis hat Nina Bußmann gewonnen, der Name Julya Rabinowich tauchte dabei zwischendurch gelegentlich mal auf. Leif Randt, das ist der mit dem “Leuchtspielhaus” und “Cobycounty” gewann den Ernst-Willner-Preis, der den Namen von einem der Gründer hat. Der Name Thomas Klupp ist bei der Jury nur sehr beiläufig vorgekommen, wahrscheinlich war es doch zu viel Pornographie. Das Publikum sah es aber anders und der junge Mann mit den gelockten Haaren jubelte. Herzlichen Glückwunsch, zum zweiten Mal bin ich bei einer Wahl richtig gelegen und habe den Mehrheitsgeschmack getroffen, Julya Rabinowich tut mir natürlich ein wenig leid, wie auch alle anderen und jetzt geht es, da Ruth Aspöck und Robert Eglhofer schon gekommen sind, hinunter zum Grillen und noch einmal, ich freue mich als aufrechte Österreicherin diesmal wirklich sehr.
Zum besseren Verständnis und Nachverfolgen der letzten Tage hier den Eröffnungsartikel vom Mittwochabend und die Lesungen vom Donnerstag, Freitag und Samstag.
Klagenfurter-Samstaglesung
An diesem wunderschönen Sommersamstag ging es auf dem Harlander Balkon weiter mit dem fünfunddreißigsten Bachmannwettbewerb und dem letzten Lesetag. Vier Autoren, drei Männer und eine Frau waren noch an der Reihe und sinnigerweise habe ich mir ihre die Portraits schon gestern, als ich von der Hauptstadtfestsuche zurückgekommen bin, nochmals angeschaut und mich über die vielen Tiere darin gewundert, Thomas Klupp mag die Eseln im Görlitzerpark, Leif Randt Pelikane. Der in der Schweiz lebende Michel Bozikovic gibt sich dem Segeln und dem Kampfsport hin und außerdem im Herbst seinen Debutroman bei Klett-Kotta mit dem Namen “Drift” heraus. Da fehlte dann noch die 1973 in Jena geborene und in Heidelberg lebende Anne Richter, die viel mit dem Zug fährt, weil sie auch unterrichtet.
Begonnen hat es diesmal schon vor zehn mit dem 1983 geborenen Leif Randt und seinen Romanausschnitt “Schimmernder Dunst über Cobycounty” was eine Satire auf dem Kultur oder Literaturbetrieb zu sein scheint und von einem Jungen und seiner Mutter in Cobycounty, ist das in Amerika und einem Hotel, das dem Lebensgefährten der Mutter gehört,handelt. Es wird auch jährlich zum Valentinstag ein Film über den “Schimmernden Dunst über Cobycouty” gezeigt und der Held vögelt und küsst völlig asexuell seine Freundin Carla. Außerdem hat er noch eine Literaturagentur, die, wie ich den Twittertweeds entnahm mit Leipzig zu vergleichen ist. Leif Randt hat, wie ich seinem Lebenslauf entnehme, auch noch in Hildesheim studiert, das löste in der Jury natürlich Diskussionen aus. Dann folgte Anne Richters feiner leiser Text “Geschwister”, der wieder in einem ehemaligen DDR-Dorf spielt, wo Ruth zu dem Begräbnis ihres Onkels kommt, von dessen Krebs erzählt, den Konflikt des Vaters mit dem Onkel erwähnt, die verschwundene Mutter und den fürsorglichen Bruder andeutet, der ihr Brot bringt, als er sie beim Tischtennisspielen verletzt, der Onkel ist jetzt gestorben, die Glashütten und die Porzellanmanufakturen der Gegend schon länger und Ruth, die das Dorf verlassen hat, wird auch nicht zurückkommen, um den Vater zu pflegen. Der Jury war das natürlich zu leise und zu unspekulär.
“Das haben wir schon alles hundertmal gehört, schon wieder ein Text, der mit einem Begräbnis beginnt!”, u.s.w.u.s.f.
Dazwischen kam die Mittagspause, in Klagenfurt zeigte Cecile Schortmann im Garten einen Film, in dem die ebenfalls in der DDR geborene und in der Schweiz lebende Sybille Berg einen Tessiner Berg besteigt und über ihre Ansichten redet.
Alfred kochte Pute mit Kohlrabi und rief sowohl Doris Kloimstein, als auch Robert Eglhofer an, um sie zu fragen, ob sie morgen zum Grillen kommen wollen? Ruth und Robert werden das tun, mit Doris Kloimstein habe ich mich für den übernächsten Mittwoch am St. Pöltner Rathausplatz verabredet. Zum Hauptstadtfest wollen alle beide nicht und in Klagenfurt hat Michel Bozikovic zu lesen begonnen, der offenbar trotz seines Namens in der Schweiz geboren ist und in seinem Text “Wespe” wiedermal die Jury spaltete. Beziehungsweise kannte die sich nicht aus, wie sie ihn verstehen soll. Das habe ich durch die verschiedenen Telefonate auch nicht ganz getan, aber erklärt bekommen, daß da ein Kriegsteilnehmer oder Kriegsflüchtling mit einem gestohlenen Auto auf dem Weg zu seinem Selbstmord ist, von einer Wespe aber daran gehindert wird.
Vielleicht erzählt das Buch “Drift” mehr davon, aber das habe ich schon im Dezember 2009 gelesen. Ich glaube, kurz vor oder nach Thomas Klupps Debutroman “Paradiso” und, daß der als ein möglicher Favorit gehandelt wurde, war klar. Ein junger Mann, der seinen Text im Sinne der Riesenmaschine und der Schreibschulen konstruieren wird, habe ich gedacht und bin jetzt am Überlegen, ob ich demnächst nicht für ihn stimmen soll, obwohl ich das eigentlich für Julya Rabinowich wollte, deren Selbstbewußtsein mir ja sehr sympathisch ist und die mich auch immer freundlich grüßt und mit mir redet, wenn sie mich sieht, aber die ersten Sätze von “9to5 Hardcore”: “Ich kann nicht behaupten, in den letzen Monaten eine besondere Haltung der Onlinepornographie gegenüber entwickelt zu haben”, haben mich aufhorchen lassen. Natürlich ist der Text wahrscheinlich auf seine Wettbewerbstauglichkeit konstruiert, das aber meines Erachtens nach so genial, daß ich ihn für den besten halte, obwohl die Jury nicht einmal dieser Meinung war und mir nicht klar ist, ob er morgen gewinnen wird oder vielleicht doch Maya Haderlap, was mich für ihren leisen stillen Text nur freuen würde. Aber Thomas Klupp hat die Satire auf die Spitze getrieben und, daß ich für einen Text stimme, der von einem männlichen Prekariatsarbeiter, der sein Geld als wissenschaftliche Hilfskraft damit verdient, daß er sich bei Frau Professor Faulstich als Lustprobant zur Verfügung stellt und dabei seine Kollegin Uschi Seidel ausstechen muß, weil es bald statt zwei halber Stellen nur mehr eine geben wird, hätte ich als Feministin, die ja alles auf seine Frauenfeindlichkeit untersucht, nicht gedacht. Aber das ist es ja, der Text ist nicht frauenfeindlich, sondern spielt gekonnt mit allem, auch mit einer Literaturjury, obwohl der ja der Text gar nicht so gut gefallen hat und von Ermüdung sprach.
Mal sehen, wie es weitergeht, ich bin gespannt auf morgen, warte jetzt, daß ich abstimmen kann, werde dann mit dem Rad noch einmal nach St. Pölten und zum Landhaus fahren, denn da gibts den zweiten Tag das Fest zum fünfundzwanzigsten Hauptstadtjubiläum und man kann sich bis sechs das Landesmuseum, den ORF und das Festspielhaus anssehen und die Jazz Gitti singt irgendwann einmal auch.
Klagenfurter-Freitaglesung
Nach den Klagenfurter Bootsfahrten und Empfängen, die ja höchstwahrscheinlich den eigentlich Reiz dieser Veranstaltung ausmachen, ist es heute mit den Österreicherinnen weitergegangen. Aber halt, zuerst hat der in Berlin lebende, 1957 geborene, Linus Reichlin mit seinem Text “Ein Arzt im Krieg” die große Welt und die Konfliktherde nach Klagenfurt gebracht. Linus Reichlin, der in seinem Portrait mit einem Boot am Wasser fährt, ist ein Krimiautor und der Text, der wieder eine Traumatisierung schildert, spricht die Psychologin natürlich an. Das hatten wir zwar schon am Donnerstag, die Traumatisierungen im Kleinen und der Familie, die Frau, der der Geliebte wegstirbt und den Sohn, der die Mutter verliert, jetzt liegt da einer in Afghanistan auf der Straße, sieht eine Sandale, murmelt ständig “Ich bin Arzt”, erinnert sich an eine Bombe, die explodierte und an eine Frau, die er möglicherweise erschoßen hat.
“Ist das Kolportage oder nicht?”, fragte später die Jury “und darf solche sein?”
Ich fand es interessant von den Konflikten dieser Welt zu erfahren und konnte mir die Gehirnerschütterung bzw. das Entstehen oder auch die Verhinderung einer posttraumatischen Belastungsstörung gut vorstellen und es ging auch gleich weiter mit dem Krieg, entführte uns die Lyrikerin Maja Haderlap doch gleich weiter zu den Kärntner Partisanen und erzählte in sehr schönen Bildern und eindringlichen Worten von einem Wald, einem Vater, einer Tochter und, wie das damals war, wo die, die ihren Hof nicht gleich verlassen wollten, vor Ort erschoßen wurden und den Erinnerungen des Kindes, für das das Wort “Dachau” zunächst einmal etwas Normales war. Im Portrait hörte man, daß Maja Haderlap lange brauchte diese Erinnerungen, die jetzt in einem Roman erscheinen werden, aufzuschreiben. Die Jury lobte die schönen Bilder und das literaturcafe.de twitterte “wenn nichts besseres mehr kommt, war das definitiv die Preisträgerin”.
Ich habe nichts dagegen, bin ich ja für Österreicherinnen für den Bachmannpreis, ob es sich für die erste Reihe ausgeht, wird sich weisen, hat ja Thomas Klupp noch nicht gelesen und mit Julya Rabinowich wartete auch eine Anwärterin, obwohl die Jury mit ihrer ihrer aggressiven Frauengestalt nicht sehr viel anfangen konnte. Der Aufstieg der 1970, in Petersburg geborenen Autorin, den ich in den letzten Jahren hautnahm miterleben konnte, ist sehr interessant, begann er doch, wie auch bei einigen anderen, mit Christa Stippingers Exilpreis-Werkstatt, zumindestens kenne ich sie von dort her. 2008 ist das Buch “Spaltkopf” dort erschienen, das dann eine Verlagsprämie bekam und plötzlich überall gelobt wurde. In Rauris hat sie, glaube ich, damit gewonnen, bei der Margaretner-Art daraus gelesen und bei “Rund um die Burg” zog es ein Stadtrat plötzlich auch aus der Tasche und empfahl es zu lesen, jetzt ist noch ihre “Herznovelle” erschienen und kleines Detail am Rand, während des Bachmannpreises vor zwei Jahren, bin ich in die Hauptbücherei zu einer Lesung einer anderen Exilpreisteilnehmerin gegangen, habe dort Julya Rabinowich getroffen und über ihr Selbstbewußtsein sehr gestaunt und das hatte sie auch bei der letzten Buch-Wien, als sie Otto Brusatti in den Klassik Treffpunkt brachte und den sie, glaube ich, mit ihren Musikgeschmack verwirrte. Jetzt hat sie ihr Selbstbewußtsein auch durch ihre Analyse der Gruppendynamik der Jury, wie ich in einem Interview hörte, unter Berweis gestellt. Am Montag hörte ich in einem anderen Interview von einem globalisierten Roman, an dem sie gerade arbeitet und daraus war wahrscheinlich auch der Text “Erdfresserin”, der mit “In Leos Wohnung war es sehr heiß”, begann und eine auf dem ersten Blick vielleicht nicht sehr sympathische Frau schildert, die aber sehr offen ist und in dieser schonungslosen Offenheit von sich und diesen Leo, den sie pflegt, liebt oder betreut und von dem sie auch einiges, wie seine Briefe oder Familie fernhält, es geht auch um ihren Sohn und ihre Mutter und die Jury interpretierte, daß es sich dabei um eine osteuropäische Pflegerin handelt, die sich prostituieren muß. Nun ja, ein starker Ton und eine starke Sprache. Das literaturcafe mokierte sich über ihre Frisur und ob sie damit in die erste Reihe kommt, wird sich weisen. Dann gab es einen Film in dem Katja Gasser Peter Turrini interviewte und am Nachmittag noch zwei starke Stimmen von zwei jungen, mir bisher unbekannten Autoren. Die erste war die 1980 geborene, in Berlin lebende Autorin Nina Bußmann, die in ihrem Portrait einen Vortrag über Biber hielt und dann in “Große Ferien” sehr präzise und genau von einem alten Lehrer erzählte, der im Garten Unkraut jätet.
“Ist er auch zwangsneurotisch?”, wird die Jury später fragen, das wieder zurücknehmen und stattdessen wissen wollen, ob Herr Professor Schramm vielleicht schwul war und, wie sein Verhältnis zu dem Schüler Waidschmidt aussah, der mit ihm spielte, ein Pornoheft auftauchen ließ und gegen den er dann die Hand erhob oder auch nicht. Wird vieles ja nur angedeutet und bleibt im Vagen. Der Text und die genaue Sprache der jungen Autorin, der mir ebenfalls gefiel, wurde aber sehr gelobt und auch Steffen Popps “Spur einer Dorfgeschichte”, 1978 in Greifswald geboren, gab viele Rätsel auf. Drei Persoenen durchstreiften da ein Dorf in der ehemaligen DDR und “ließen den Leser” denken, wie die Jury postiv anmerkte. Das literaturcafe , dessen Tweeds ich zwischendurch verfolgte, verriet indessen, daß sich der Autor, das Tischtuch seines Hotels, um den Hals gebunden hat. Er verzichtete auch auf ein Video und verwies stattdessen auf ein Filmchen, wo ein Sessel hin- und hergestoßen wird, ein Gefühl, das ich bei meinem Schreiben ebenfalls gut kenne. Das wars vom zweiten Bachmannlesetag. Cecile Schortmann, die im Garten zu Mittag und am Schluß immer interviewt, sprach noch kurz mit dem slowenischen Übersetzer und Dichter Fabjan Hafner und wünschte einen schönen Nachmittag am Wörthersee, den kann ich mir nicht geben, dafür werde ich mit dem Rad nach St. Pölten fahren, mal sehen, vielleicht gibt es da das Hauptstadtfest.
Donnerstag in Harland und in Klagenfurt
Den heurigen “Tage der deutschsprachigen Literatur” in aller Ruhe und ungestört zu genießen, habe ich mir vorgenommen. Mitnichten, so einfach ist das offenbar nicht. Bin ich doch am Morgen sehr früh aufgewacht und wie geplant mit le Clezios “Wüste”, das ich ja besprechen will, in die Badewanne gegangen. Zu früh vielleicht, denn ich hatte mir aus Wien einen Leiner Gutschein für ein grünes T- Shirt mitgenommen und dachte, das löse ich jetzt nicht ein, weil ich erst am Abend Rad fahre. Dann habe ich mich doch darauf gesetzt und es war auch alles bestens. Die Morgenstimmung in St. Pölten, die Kinder und die Erwachsenen mit den Rühreiern vor dem Cafe Schubert, sehr beschaulich, gepflegte Frauen gingen mit Einkaufskörben zum Wochenmarkt und ich habe, glaube ich, auch Alfred Komarek gegrüßt, der Leiner war auch früher offen, als ich dachte, so daß ich pünktlich um zehn zurück war, das Kaffeehäferl auf die Terrasse stellte und nach dem livestream suchte. Den ich nicht fand, um halb elf war er noch nicht da, so habe ich Sara Wipauers lieben Kommentar gelesen und mir überlegt, wie ich mir den Medien Player installieren könnte, das hat mir aber schon der Alfred am Wochenende getan. Es wurde immer später, ich schaute mir stattdessen das Videoportrait von Gunther Geltinger, der als erster lesen sollte nochmals an, holte mir dann seinen Text, einen ungenannten Romanauszug und dachte “Gut, dann gebe ich mir das halt zeitversetzt!”
Habe den Text gelesen, der mir in seinen Metaphernreichtum sehr gefallen hat “Wenn der Schnee kommt, wird die Stille zur Bewegung”
Ein bißchen Friederike Mayröcker, für die Psychologin gab es auch etwas zu finden, beschrieb da doch ein ein Sonn die Tablettenabhängigkeit seiner Mutter und mußte miterleben, wie diese, Marga genannt, nach ihrem Selbstmord oder war es doch was anderes, von Sanitätern abtransportiert wurde. Es wird gekotzt und gespukt dabei, der Sohn kommt zu der Tante und das Ganze war in seiner Grausamkeit sehr schön erzählt. Inzwischen kam der livestream auf die Bachmannseite und ich hörte Gunther Geltinger lesen, was er ein wenig holprig tat und die Diskussion darüber, die eigentlich sehr lehrreich war. Die Metaphernvielfalt wurde analysiert und von den Körpersäften in Norddeutschland gesprochen. Man kam aber schon darauf, daß das eine sehr leise und sehr schön erzählte Mutter Sohn Geschichte war, die der Psychologin, die das weniger literarisch, öfter in ihrer Praxis hört, sehr gut gefiel. Danach kam der Jurist Maximilian Steinbeis, der sich mit dem Verfassungsrecht beschäftigte und mit “Pascolini” offenbar einen Bestseller und eine Provinzgroteske geschrieben hat, was für das Bachmannlesen schon mal ungewöhnlich ist. Das war dann auch der erste Satz von “Einen Schatz vergraben”, einen Text zur Ratgeberliteratur, wie, das später Daniela Strigl nannte, der “Willkommen. Bitte prägen Sie sich diese Informationen sehr sorgfältig ein!”, lautete und mich an die inzwischen abgesetzte “Welt Ahoi”-Satiresendung von Ö1 erinnerte. Denn da sprach ein Consoulter dessen Geschäft es ist, den Krisengebeutelten Anleitungen zu geben, wie sie ihr Geld vor der Wirtschaftskrise retten können und sehr viel dafür bezahlen, daß sie es von der Bank abheben, in Gold umsetzen und in einem neugekauften Grundstück vergraben. Das Ganze ist ein Monolog in einer sehr beklemmenden Sprache, die ich beim Bachmannpreis nicht erwartet hätte, aber hat nicht Stephan Eibl Erzberg, als ich ihm am Pfingstsonntag am Judenplatz traf, etwas sehr Ähnliches gesagt.
“Die Eisenerzer verstehen nicht, daß sie ihr Geld in Gold anlegen sollen, sie lassen es am Sparbuch liegen und werden es verlieren!”
Etwas also, was uns in Wirtschaftskrisenzeiten betrifft, also machte Maximilian Steinbeis eine beklemmende Satire, ein mephistopehlisches Märchen oder etwas anderes daraus? Die Juroren waren sich nicht einig und sprachen von der billigen Pointe, die mich nicht vom Sessel gerissen hat, denn auch mir war nicht klar, wieso ich einen zweiten Mann dazu brauche, wenn ich mein Gold im Garten vergrabe, was ich sicher nicht tue und unter den Kopfpolster lege ich es mir ebenfalls nicht. Maxmilian Steinbeis Pointe war, daß ich einen Helfer anheuern und den dann erschlagen muß, damit er mich nicht verrät oder das Gold klaut und dadurch schuldig werde oder dem Teufelskreis nicht entkomme. Für mich war schon der erste Satz beklemmend genug und ich dachte “Toll, mal sehen, was die Juroren dazu sagen, denn als sehr literarisch gilt das wahrscheinlich nicht!”
Danach kam Daniel Wisser, den ich vom Amerlinghaus und einer fröhlichen Wohnzimmerlesung kannte. Der hatte schon einmal ein experimentelles Videoportrait, da kochte ich mir mein Mittagessen und hörte seinem Text “Standby” zu, der in der Passivform von einem Mann zwischen zwei Frauen erzählt, vom Sterben spricht und seinen Vater im Altersheim besucht. Da ich früher auch die Passivform verwendet habe, war ich auf die Diskussion gespannt, die auch kam. Die Sprache und die falschen Konjunktive des Kleinbürgers wurden bemängelt. Wilhelm Genazino und Michel Houellebecq entdeckt und sogar der Satz “Thomas Bernhard ist es nicht!” zitiert, der am Nachmittag nochmals kam. Inzwischen ging auch Klagenfurt in die Mittagspause, das heißt, ein Film von Monika Maron “Rückkehr nach Bitterfeld” wurde gezeigt und noch kurz den Klagenfurter Stadtschreiber und Vorjahrsgewinner Peter Wawerzinek und Joseph Winkler interviewt. Joseph Winkler zitierte wieder, was er offenbar öfter tut, Peter Handke und erwähnte das Ringen des Schriftsteller um die Sprache. Dann war die Pause aus und es ging weiter mit Anna Maria Praßlers Text “Das Andere”, der ebenfalls bei der Jury durchgerasselt zu sein scheint.
Ja, ja, ein schöner leiser Text, der mit sanfter Sprachgewalt von einer Frau erzählt, die über den Tod eine ganze Disseration verfasst, aber erst zu weinen beginnt, als ihr Geliebter Björn an Krebs verstirbt und drei Wochen später mit dem Vorsatz nach Augsburg fliegt, dort nur das Barocktheater, aber nicht sein Grab zu besuchen. Da hat es die Psychologin offenbar leichter, was der Autorin höchstwahrscheinlich nicht viel hilft und am Schluß kam mit Antonia Baum, eine 1984 geborene junge Frau, die mit ihrer Sprachgewalt wieder an Thomas Bernhard erinnerte. Hat sie ihn jetzt imitiert oder parodiert? Sie erzählte jedenfalls in einem ebenfalls sehr großen Methaphernreichtum in Maximilian Steinbeis Manier vom Elend der jungen Frauen heute, die nicht wissen, was sie studieren sollen, weil die Lehrer beim Wort Theaterwissenschaft nur lachen, erwähnte das Drama der Scheidungskinder und was es bedeutet in einer Ikea Wohnung aufzuwachsen. Mir waren die “Dorfhaltestellenbriefkasten”, die “Psychologentochterweise”, das stickige Frauenwohnzimmer mit gehäckelten Lügen”, etc schon fast ein bißchen zu viel, dachte mir aber, daß die Juroren darauf sicher abfahren werden und habe mich getäuscht dabei.
Das wars für den Donnerstag. Es kam noch kurz Clemens J. Setz, der auf dem Weg in die Schweiz ist und erzählte, daß er sein Bachmannlesen vor drei Jahren, glaube ich, sehr lustig gefunden hat und denke mir, daß ich fünf interessante Texte mit viel Psychologie, Weltangst und Metaphernreichtum gehört habe. Die von Guünther Geltinger und Anna Maria Praßler haben mir bis jetzt am besten gefallen und jetzt werde ich wieder ein bißchen Radfahren und im Le Clezio weiterlesen.
Klagenfurt-Eröffnung 2011
Das Spektakel um den Bachmannpreis beziehungweise den schönsten Betriebsausflug der Welt werde ich heuer ebenfalls in einer schönen Umgebung genießen, hat Dank der Verschiebung in die erste Juli-Woche die Sommerfrische schon begonnen, so daß ich es mir diesmal wirklich geruhsam geben kann. Die letzen Jahren habe ich die Lesungen und die Diskussionen immer zwischen meinen Stunden, Fortbildungsveranstaltungen und klinischen Mittagen bzw. Dichtfesten, Lesungen und Literaturdiskussionen hineingequetscht, ja, ich bin ein bißchen literaturbesessen, ich weiß. Das Bachmannpreislesen habe ich mir aber immer gegeben, seit man den livestream im Internet verfolgen kann und seit man sich die Texte ausdrucken kann habe ich das auch getan.
Als ich mir 1996 das Spektakel einmal live leistete und auf eigene Kosten und eigene Faust hingefahren bin, gab es, weil ja keine Akkreditierung oder wie das heißt, keine Texte, dann wurde das aber einfacher und 2008 bin ich auch noch daraufgekommen, daß die Blogs in den Lesepausen schon darüber schreiben.
Christiane Zintzen, deren Berichterstattung ich unter anderen verfolgte, hat es Bachmannkolloquium genannt und die Idee zum Literaturgeflüster war geboren.
Ich betreibe das Bachmannpreismitverfolgen auch sehr intensiv, stimme seit drei Jahren am Samstag ab, ein literarischer Text ist 2009 im Anschluß auch entstanden, obwohl ich diesen Preis, bei dem ich selbst gern mitgelesen hätte, durchaus kritisch gegenüberstehe. Aber auch wohlwollend interessiert und so ist mein heutiger Sommerfrischetag, auch in seinem Zeichen gestanden. Zwei schöne Radfahrten an den schönsten Plätzen, die die Sommerfrische in Harland zu bieten hat. Am Morgen ich in Richtung Herzogenburg bis zu dem etwas verwilderten Naturlehrpfad, an dem ich gerne entlangspaziere, gefahren und habe mir dabei die Fahrt nach Klagenfurt vorgestellt. Das ich ja ganz gut kenne, habe ich ja zweimal dort gelesen, einmal im Rahmen “Der Freiheit des Wortes”, ich glaube das war 1995 und 1989 wurde ich zum Preis der Arbeit am 1. Mai, den es kurz als Gegenstück zum Max von der Grün Preis gegeben hat, eingeladen, damals hat Kerstin Hensel um den Bachmannpreis gelesen und Wolfgang Hilbig hat ihn gewonnen. Mit meiner Freundin Elfi, war ich in den Siebzigerjahren auch eine Woche dort, einmal auf einem BÖP-Kongreß und 2001 habe ich den Alfred auf einen Kongreß begleitet, also konnte ich mir das ORF-Theater vorstellen.
Am Nachmittag bin ich korrigierend auf der Terrasse gesessen und habe bedauert, die Literaturkurslesung, die um zwei im Musil-Literatur-Museum stattfand, zu versäumen, aber vielleicht gibts ein Video oder es schreibt Sara Wipauer was darüber. Dann bin ich nochmals Radgefahren, diesmal das andere Gustostückerl auf das Schloß in Ochsenburg. Dann wars schon Zeit für den livestream der Eröffnung und Dobrek Bistro spielte das Einleitungsstück. Danach gings launig zu im vollen ORF-Theater, die Leute wurden zum Platznehmen aufgefordert, damit das Gartenfest bald beginnen konnte, der Programmdirektor Willy Haslitzer überreichte seiner Zeitfrau Michi Monschein ein vierzig Jahre altes “Dracula Dracula” von H. C. Artmann. Er hat ja die schöne Angwohnheit seine Buchbestände auszuräumen und Jahr für Jahr der Organisatorin zu überreichen, die ihm dafür ein Küßchen gibt. Politikerreden gab es auch und eine Bachmannpreistrophäe, das die Preisträger statt oder mit den Blumen bekommen werden, ein Bachmanngesicht aus villi-Glas und der Direktor hielt dazu eine schöne Rede. Clarissa Stadler moderierte, Urs Widmer war der zwölfte Eröffnungsredner und erzählte ebenfalls brillant und launig etwas über gute und schlechte Literatur.
“Von der Norm, der Abweichung und den Fertigteilen.”
Damit habe ich ja ein Problem, beim Bachmannpreis muß man aber auswählen und Burkhard Spinnen tat das schon seit Februar, wie er später auf piefkinesisch, weil er aus dem Norden kommt, ausführte. Urs Widmer kommt aus der Schweiz und die gute Literatur liest man gern, die schlechte weniger. Ein zweites Kriterium ist, daß die Gute vom Mainstream abweicht und das Neue schafft, während die Schlechte wiederholt und beim alten bleibt. Ob das wirklich so einfach ist, weiß ich nicht, Urs Widmer kam aber am Schluß zu den Bestsellern, “von denen man nicht wissen würde, wie man sie schreibt!”
Wolfgang Lorenz, ein weiterer ORF-Direktor verwirrte vorher noch durch seine Rede und der Frage, woher Clarissa Stadlers Kleid käme und welche Klagenfurter Straßen man besser meidet, launig vom Mainstream abweichend.
Die Auslosung der Lesereihefolge folgte und darauf hat sich Burkhard Spinnen in seiner Rede auch bezogen und erwähnte die gruppendynamischen Effekte, daß meistens der Erste nicht, aber öfter der Letzte gewinnt, die ich auch beobachte, so daß ich schon flüstern kann, Gunther Geltinger wird um zehn beginnen und Thomas Klupp den Reigen schließen, Julya Rabinowich kommt am Freitagmittag dran und jetzt werde ich, während sich in Klagenfurt alles ums Buffet drängen, mein Archiv zusammenstellen, ja richtig Ingeborg Bachman als Gebrauchsautorin wurde auch erwähnt und Willy Haslitzer hat die Familie Floriani oder Radiofamilie schon gelesen.
2009 1 2 3 4 5 2010 1 2 3 4 5 und einen Klagenfurt-Tratschartikel mit allen Vorinformationen gibt es auch.
Saisonabschlußfest
Die Sommerfrische hat am vorigen Wochenende zwar schon mit der Auftaktveranstaltung in Krems am Freitag begonnen, trotzdem hat Ruth Aspöck erst am Montag zu ihrem Fest geladen und von ihr habe ich auch die Erkenntnis, daß die Damen früher, im vorvorigen Jahrhundert ihre Salons Ende Juni schloßen und mit Sack und Pack und Kind und Kegel in die Sommerfrische nach Alt Aussee, auf dem Semmering, etc gezogen bin. Das tue ich zwar nicht, den Sack lasse ich zu Haus und das Kind geht nicht mehr mit, habe ich im vorigen Jahr zu zwei Jahre Literaturgeflüster geschrieben, denn die Wohnung in dem Haus in Harland ist ja eingerichtet, aufs Land ziehe ich mich seit ein paar Jahren aber jeweils in den Sommermonaten nach meinen Praxistagen zurück und vorher das Fest, zum ersten hat mich Ruth Aspöck, die das offenbar regelmäßig macht, vor ca zehn Jahren eingeladen, ein spanischer Abend war das, glaube ich und es gab Tapas in kleinen Schälchen, Ruth Aspöck hat ja eine spanische Vergangenheit. Dann war ein paar Jahre nichts, denn wenn man hundert Freunde hat und nur zehn Stühle muß man auswählen, 2007 war es aber glaube ich wieder so weit und da gabs gleich zwei Feste, eines in ihrer Wiener Wohnung, das zweite ein paar Tage später in dem Haus in Oberösterreich, wo ihr Verlag seinen Verlagssitz hatte, als es die Edition die Donau hinunter noch gab.
2007 ist sie mit ihm ja mit der Donauradkarawane sozusagen in Pension gegangen, es gab damals aber ein kleines Fest mit einer Lesung, wo ein paar der Nachbarn kamen, einen Bücherflohmarkt gab es auch. Dann gab es ein paar andere Einladungen, die ich schon in meinen Archiv habe, mit schönen Fotos vom Alfred und jetzt wieder eine, wo der Alfred Montagmorgen, als wir von Harland in die Stadt fuhren, die am Abend gebackenen Kuchen vorbeibrachten. Dann gab es einen Praxistag und dazwischen klopfte schon ein bißchen die Herbstsaison an, schickte mir doch Franz Joseph Huainigg ein Mail in dem er mit die nächste Ohrenschmauspreisverleihung am 29. November bekanntgab und die Juroren aufforderte ihre Lieblingstexte für das Buch das zum fünften Jahrestag des Literaturpreises für Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Edition der Provinz erscheinen soll, auszusuchen. Das habe ich getan und bin dann auch kurz am Bücherschrank vorbeigegangen, nachdem meine sechs Uhr Klientin diesmal schon um fünf Uhr kam, die Ruth wohnt ja sozusagen um die Ecke, deshalb kann man die Reste ihrer Edition auch regelmäßig dortfinden.
Robert Eglhofer und Brigitte Schramm waren schon da, der Sekt wurde gleich ausgeschenkt, dann kam meine Psychologiekollegin Brigitte Werl-Nowotny, die mit Ruth im selben Chor singt und der Verleger des Löcker Verlags bei dem Ruths neues Buch erscheinen soll. Inge Reisner, Irene Wondratsch kam und noch einige Bekannte. Ruth stellte die Runde vor und eröffnete das Buffet. Einige Salate, ein Gemüsesulz und dann die Kuchen, Mandel und Nuß vom Alfred und noch eine Schokoladetorte. Ja, richtig, die Frau, die den Tagebuchtag gegründet hat, war auch noch da und einige Studien- und Arbeitskollegen von der Ruth. Ein bißchen Gespräche über Literatur, ein bißchen was vom Arbeitsalltag, der Hochschulpolitik und ob Studiengebühren gut und wichtig sind?
Ob die Sommerabschlußfeste bei der Alma Mahler Werfel und der Berta Zuckerkandl ähnlich gewesen sind, weiß ich nicht, war ich dort ja nie eingeladen und richtige literarische Salons habe ich auch nicht gekannt. Ich kenne nur mein literarisches Geburtstagsfest, aber bis das stattfinden wird, wird noch viel Wasser die Donau hinunterfließen und vorher gibts noch das Wettlesen um den Bachmannpreis und, daß die Gegenveranstaltung das Lesen um den schlechtesten Text, das vorige Woche in Villach stattfand, sehr interessant war, erzählte mir Irene Wondratsch, Dietmar Füssel hat es mir schon letzte Woche erzählt.
Drei Jahre Literaturgeflüster
Heute wird das Literaturgeflüster drei Jahre alt, habe ich doch am 3. Juli 2008, um halb neun am Morgen, schnell, schnell, bevor der Alfred in die WU mußte, die ersten Zeilen hingeschrieben. Inzwischen ist der 767 Artikel entstanden, in dem ich mein literarisches Leben, sehr beharrlich, konsequent und manchmal auch etwas frustriert, in die Öffentlichkeit schicke.
Obwohl ich keine Kategorien verwende, gibt es drei bis fünf Bereiche, die das Literaturgeflüster umspannen. Der Erste sind die Veranstaltungsberichte und da ich seit über dreißig Jahren zwei bis dreimal in der Woche vorwiegend zu Wiener Literaturveranstaltungen gehe, gibt es inzwischen ein sehr umfangreiches Archiv und einiges, das man wahrscheinlich nur bei mir finden kann.
Ich habe wieder einige Autoren persönlich kennengelernt, so hat mich im vorigen November E.A.Richter zu seiner Lesung eingeladen, Sara Wipauer, die jetzt wohl gerade nach Klagenfurt fährt, hat mich angesprochen und Reinhard Wegerth lädt mich auch immer zu seinen Veranstaltungen ein und erkundigt sich “Wär das nicht was für das Literaturgeflüster?”
Die Rezensionen haben zugenommen, da hat sich durch die Bücherblogs, die ich inzwischen regelmäßig lese, mein Leseverhalten eindeutig gesteigert. Vorher habe ich in etwa jede Woche ein Buch gelesen, 2010 waren es schon neunzig und heuer werden es sicher über hundert sein, führe ich inzwischen auch eine Leseliste. Dann kam der erste offene Bücherschrank, den ich, wie inzwischen seine Nachfolger, regelmäßig besuche und das spornt zumindest mich zum Lesen an. Seit ich für das Literaturgeflüster alles bespreche, lese ich auch konzentrierter, mein Schreibstil hat sicher ebenfalls profitiert.
Da bin ich schon bei den Schreibberichten, die es von Anfang gegeben hat, seit einer harschen Kritik, fasse ich sie zusammen und verlinke, damit sie für die Leser verständlicher sind und man den Schreibvorgang besser beobachten kann.
Ein lockeres Plaudern über Literatur, hat Ilse Kilic einmal das Literaturgeflüster genannt und mich auch eingeladen es im Vorjahr im Amerlinghaus vorzustellen. In diesem Jahr hat Consens, die mich regelmäßig zu lesen scheint, das Literaturgeflüster in einem Interview zitiert. Das mit der Textästhetik habe ich zwar nicht ganz verstanden, nehme aber an, daß sie es gerne wissenschaftlicher hätte, aber das ist, glaube ich, nicht mein Stil. Habe ich ja Psychologie und nicht Philosophie studiert und da denke ich, daß ich verständlich über die eigene Literatur und die der anderen schreiben will. Subjektiv und in der Ich-Form, aber, wie ich hoffe, ehrlich und ich denke auch, daß meine Begeisterung, die ich noch immer habe, durchschwingt und die will ich weitergeben. Ein bißchen pädagogisch bin ich sicher schon. Daß das, was ich schreibe, wertschätzend und nicht verletzend ist, ist mir als Psychologin ebenfalls sehr wichtig, so schreibe ich auch nie, das ist aber ein schlechtes Buch oder war eine fürchterliche Lesung. Vielleicht wirkt auch meine Einstellung mit möglichst wenig Geld durch die Runden zu kommen, ein wenig schrullig in der Konsumgesellschaft, ist aber der Versuch, trotz literarischer “Erfolglosigkeit”, so zu leben, wie ich es will.
Daß ich politisch eher auf der linken Seite stehe, ist, glaube ich, kein Geheimnis und, daß ich sozialkritisch-realistisch schreibe, wahrscheinlich ebenfalls nicht und es kann ja auch nicht wirklich schaden, sich für die Kreativität aller einzusetzen und einen freien Hochschulzugang zu fordern.
Da bin ich schon bei dem, was noch fehlt, gebe ich ja auch meine persönliche Meinung zum politischen Geschehen oder zu meinen Urlauben wieder und schreibe auch manchmal eine Reportage oder stelle einen literarischen Text ins Netz, aber das nur selten, weil ich meistens mit einem Roman beschäftigt bin.
Lust und Frust einer literaturbesessenen, manchmal frustrierten Autorin also und da kann ich gleich wieder jammern, daß die Zahl meiner Lesungen im Vergleich zum Vorjahr abgenommen hat und veröffentlicht habe ich außer meinen Digitaldruckbüchern und in der Volksstimmefestanthologie auch nicht viel. Eine Eintrittskarte in den Literaturbetrieb, wie ich mir das vielleicht wünsche, ist das Literaturgeflüster nicht geworden. Die Verleger und die Kritiker wurden auf mein Schreiben nicht wirklich aufmerksam. Vielleicht schreibe ich im Facebook- und im Twitterzeitalter auch zu lang, denn da habe ich mir sagen lassen, daß man im Internet flüchtiger liest und nicht die Geduld für meine genauen Artikel aufbringt, sondern nur mal schnell nachsieht, wer heuer den FM4-Preis gewonnen hat oder zu meinem Joseph Roth Artikel kommt, weil Ö1 mit “Sprache unterwegs” sendet. Ich würde mir auch einen lebendigeren literarischen Diskurs wünschen, habe meine eifrigsten Kommentierer aber verloren und manche Leute schreiben mir lieber Mails, so daß das Literaturgeflüster vielleicht ein wenig einseitig ist.
Meine Psychologiekollegin, Irmgard Gelter, hat einmal gefragt, ob ich mein Schreiben jetzt auf meinen Blog verlege? So ist es nicht, bin ich ja gerade am Fertigstellen von zwei Erzählungen, der “Absturzgefahr” und den “Zwillingswelten”.
Aber vielleicht ist das Literaturgeflüster meine Parallelwelt, in der ich meinen Frust auslebe, auch wenn es die anderen doch nicht so interessiert, daß da eine beharrlich vor sich hinschreibt und gelegentlich einen Rechtschreibfehler macht. So habe ich auch zum dritten Jahrestag eine Bestandsaufnahme verfaßt, obwohl ich das erst gar nicht wollte, um nicht zu Ich-bezogen zu sein.
Also auf ins vierte Jahr, in dem es vielleicht noch ein bißchen rauher wird und die Einsparbemühungen noch mehr spürbar werden und wenn es mir gelingen sollte, was ich immer hoffe, vielleicht doch den großen Roman zu schreiben, der ein bißchen beachtet wird, wäre das doch schön.
Für die Interessierten das Geburtstagsständchenarchiv 1 und 2 und die Statistik 71.641 Leser, 767 Artikel, 430 Kommentare, durchschnittlich täglich hundert Aufrufe, bestbesuchter Tag am 31.1. 2011 mit 250 Aufrufen.
Auf eigene Faust
Pünktlich zum Ferienbeginn und dem der Sommerfrische kam eine Einladung zum Thema Reisen in die “Kultur Mitte” in Krems. Das heißt Alfred hat in Harland die handgeschriebene Einladung zur Lesung von Ruth Aspöck und Robert Eglhofer bekommen und da wir das Wochenende ohnehin nach Harland wollten, hat es gepasst und wir sind nach fünf in die Stadt Krems losgefahren, was insoferne eine Abwechslung ist, weil wir sonst nur nach Krems-Stein zur Kulturmeile und zur Theodor Kramer Preisverleihung kommen. Ruth Aspöck ist zwar im Augenblick vielleicht ein wenig bös auf mich, bzw. gab es ja am Sonntag Differenzen und ich habe auch schon wieder anderen Literaturärger bekommen, so daß ich im Augenblick ein wenig niedergeschlagen bin. Wir kamen aber sehr rechtzeitig nach Krems und fanden die obere Landstraße auch gleich und auf dem Weg dorthin sahen wir hunderte Feuerwehrmänner mit ihren Helmen und Uniformen in Richtung Donau laufen und zig Feuerwehrautos standen herum, weil gerade hundertfünfzig Jahre Kremser-Feuerwehr, wie ich später erfahren habe, gefeiert wurde.
Die obere Landstraße, die Kärntnerstraße Krems war aber ziemlich leer und alle Geschäfte hatten um halb sieben auch schon geschlossen, dafür trafen wir gleich Ingeborg Reisner vor dem Lesungslokal, oben war es auch noch leer. Ein Raum mit weißgedeckten Tischen auf dem schon Brötchen standen, die Getränke mußte man sich holen. Bilder von Ingrid Loibl hingen an den Wänden. Ruth Aspöck kam auch gleich und nach und nach füllte sich der Raum mit Bekannten und Unbekannten. Doris Kloimstein, Brigitte Schramm, Robert Eglhofers Bruder und Schwägerin, Ruths Sohn Martin, die Gabi und dann noch die lokalen Künstler, der Hausherr und ein Herr Gemeinderat, der Robert Eglhofer und Ruth Aspöck fotografierte. Das Thema Reisen passt, wie bereits erwähnt zum Sommer, Ruth Aspöck und Robert Eglhofer reisen auch sehr viel herum. So hat die Ruth in Madrid studiert und zehn Jahre in Kuba gelebt und der Robert ist pensionierter Englischlehrer und hat ein Jahr an einer englischen Gesamtschule unterrichtet. Seit Ruth Aspöcks Tagebuchprojekt fertig ist und demnächst als Buch erscheinen wird, hat sie ein neues Projekt und reist Grillparzer an allen Orten nach, wo er gewesen ist und im letzten Sommer war sie mit Robert Eglhofer in der österreichischen Künstlerkolonie in Paliano und in Kuba waren sie 2008 auch. Das gibt Stoff für eine Lesung zum Thema Reisen und so lag auf den Tischen auch ein Programm mit sieben Lesungspunkten. Robert Eglhofer hat mit seinen Englanderfahrungen begonnen. Der erste Text hieß “Zuckerwein und Brot” und schildert seine Zeit als Lehrer dort und das muß 1986 gewesen sein, als die burgenländischen Winzer den Wein mit Frostschutzmittel pantschten und das dann noch von der Steuer abschreiben wollten und sich die englischen Kollegen über die Eßkultur der Österreicher amüsierten, dann bekam Robert Besuch von einem englischen Kollegen und wollte ihm als Ausgleich das Körberl mit allen Brot und Semmelsorten füllen, die die österreichischen Bäcker zu bieten hatten, nur leider war der Kollege ein Allergiker und beim Heurigen ist ihm nur aufgefallen, daß die Österreicher zuviel Schweinefleisch essen.
Ruth Aspöck folgte mit einem Kuba-Text “Kuba mein immerwährender Traum”, der in “zwei bisschen” einem fröhlichen Wohnzimmerbuch abedruckt ist und da man sich beim Büchertisch die Bücher gegen eine freie Spende nehmen konnte, habe ich mir das Buch genommen, um im Geflüster richtig zu zitieren, obwohl ich gar nicht sicher bin, ob ich es nicht vielleicht in Wien schon habe. Robert Eglhofer folgte mit seinem Kubatext, eine Hyme auf Che Guevara “Hasta la Victoria siempre” und setzte sich dabei ein schwarzes Baskenmützchen mit dem Revolutionsstern auf. Ja richtig, Erika Brunngraber, die Tochter von Rudolf Brunngraber der “Zucker aus Kuba” geschrieben hat, das Ruth Aspöck in ihrer Edition die Donau hinunter auch als eines ihrer ersten Bücher auflegte, war auch im Publikum und weiter ging es nach Italien. Da las Ruth Aspöck zuerst etwas von einem schönen Haus, Robert Eglhofer folgte mit seinen Paliano-Erlebnissen, wo es eine Frau namens Rafaela gab, die das literarische Quartier putzte und fließend Deutsch sprach, während die Fahrt von der Station Termini bis nach Paliano eine ziemliche Irrfahrt war, weil kein Mensch sie verstanden hat.
Nachher gab es eine Pause mit Gesprächen, dann trug Ruth Aspöck vor, wie sie einmal von Valencia nach Madrid gefahren ist, in Madrid hat sie während des Putsches ja studiert und darüber das Buch “Ausnahmezustand für Anna” geschrieben. Der Büchertisch auf dem auch die Volksstimmeanthologien und die “Donaugeschichten”, Bücher also in denen auch meine Texte enthalten sind, lagen, hat sich wegen den günstigen Verkaufsbedingungen übrigens schnell gelehrt, ich habe die meisten ihrer Bücher aber schon. Am Schluß kam wieder Robert Eglhofer mit einem England-Text und schilderte seine Reiseerfahrungen, die er mit Ruth wegen ihres Grillparzer Projekts machte. In Istambul, Venedig, Rom war er mit ihr schon, diesmal hat sie ihn auch nach England mitgenommen, weil dort der grantige Dichter und Wiener Hofrat 1836 war, er ist also viel mit der Postkutsche herumgereist. Ruth Aspöck reist in der Pension seinen Spuren nach und hat den ehemaligen Englischlehrer sozusagen als Assistenten mitgenommen und ist mit ihm überall gewesen, wo, wie sie seinen Tagebüchern entnahm, Grillparzer gewesen ist. Robert Eglhofer schilderte genial, daß sie die Grillparzerspuren nicht gefunden haben, denn das Hotel, wo er abstieg, gibt es nicht mehr, sie sind dann zwar ins Parlament gegangen, aber überall hieß es nur “Grillparzer who?” und nur die Dame vom Kulturinstitut schickte sie in eine Galerie, weil dort Anselm Kiefer eine Ausstellung mit dem Titel “Des Meeres und der Liebe Wellen” hatte.
Dann haben wir Ingeborg Reisner mit der ich noch ein bißchen über ihre literarischen Ansprüche diskutierte zum Bahnhof nach St. Pölten gebracht und sind nach Harland gefahren, wo die Sommerfrische trotz des naßkalten Wetters über das der Alfred kräftig schimpft, beginnt.
Die Rückkehr des Tanzlehrers
Wieder ein Sommerkrimi und wieder ein Fund aus dem offenen Bücherschrank, ein Henning Mankell aus dem Jahr zweitausend, erfolgreich verfilmt, so daß ich ihn vor einigen Jahren in Harland im Fernsehen gesehen habe, trotzdem war das Lesen fast ein Aha-Erlebnis und ich habe auch meine eigene Henning Mankell Geschichte, habe ich ihn doch durch die Libro Bestseller Aktion, die es 1998 oder 1999 so gab, entdeckt und mir da “Die fünfte Frau” und “Die falsche Fährte” geholt und war als eine, die Krimis ja ganz gern mag, von dem typischen Henning Mankell Stil begeistert. Denn er ist, würde ich sagen, einer, der ähnlich, wie Eva Rossmann sein eigenes Krimischema hat und natürlich den Kommissar Wallander, der da hoch oben in Schweden, wo ich vor zwanzig Jahren, das letzte Mal ein paar Tage war, ermittelt und es beginnt immer mit einer sehr fesselnden Beschreibung eines Einzeltäters, meist eines Traumatisierten, der sein Trauma durch eine grausliche Gewalttat loszuwerden versucht, die die Kommissare langsam und bedächtig aufklären und wir erfahren viel von den Ungerechtigkeiten des Lebens, haben ein spannendes Leseerlebnis und der 1948 geborene Schwede hatte damit großen Erfolg.
Alfred hat die Krimis, glaube ich, alle seiner Mutter zu Weihnachten und zum Geburtstag gekauft, so bin ich mit einem davon einmal während einer Sommerfrische nach Wilhelmsburg gefahren und habe auf fast jeder Bank angehalten und einen anderen habe ich in der Buchhandlung in Bruneck durchblättert oder schnell gelesen, während der Alfred mit der Anna schifahren war.
Henning Mankell hat sich dann von seinen Wallanders, glaube ich, auch distanziert, in Afrika ein Theater geleitet und ein paar andere sozialkritische Romane geschrieben, die nicht so ein Erfolg geworden sind. “Die rote Antilope” und “Tea-Bag” habe ich, glaube ich, zum Geburtstag bekommen und schnell gelesen, so daß ich nicht mehr sagen könnte, worum es darin ging und einmal war ich bei einer Mankell-Lesung im Jugendstiltheater am Steinhof. Der letzte Wallander ist, glaube ich, nach einer Pause vor einem Jahr erschienen, wo sich der Kommissar ein bißchen mit dem Scheitern und dem Älterwerden beschäftigt und das hat der Kritik nicht so gut gefallen.
Jetzt habe ich also “Die Rückkehr des Tanzlehrers” gelesen, der einmal nicht Kurt Wallander, sondern den siebenunddreißigjährigen an Krebs erkrankten Stefan Lindman zum Ermittler hat, trotzdem glaube ich dasselbe Schema, des sehr umfangreichen Buches, das mich zwei Vormittage in der Badewanne verbringen ließ, erkannt zu haben und es hat auch ein sehr wichtiges Thema, nämlich die Aufarbeitung des Holocausts in Schweden.
So beginnt es 1945 mit einem Prolog, wo ein Pilot einen schweigenden Mann mit einem Koffer von England nach Deutschland fliegt, es stellt sich heraus, das ist ein Henker und er hatte die Aufgabe einige Naziverbrecher hinzurichten, ein paar der größten hat er aber nicht erwischt. So geht es im ersten Teil wieder in die Abgeschiedenheit Schwedens. Da kann ein ehemaliger Polizist nicht schlafen, weil ihn die Alpträume verfolgen, Mankell beschreibt das großartig, so steht er auf, legt Puzzles, tanzt mit einer Puppe Tango, bis er bemerkt, daß sein Hund vergiftet, die Fenster zerschossen und Tränengas hineingeworfen wird, er muß hinaus, wird schließlich zu Tod gepeitscht und muß dann noch eine letzte Runde Tango tanzen, so daß die Polizisten über seine Blutspuren rätseln.
Inzwischen erfährt Stephan Lindman von seiner Krebsdiagnose, hat Todesangst und liest in der Zeitung von dem Mord an Herbert Molin, der einmal sein Vorgesetzter war. Er ist krankgeschrieben, so fährt er, während er auf die Behandlung wartet, nicht nach Mallorca, sondern nach Härjedalen, wo der Mord geschehen ist und rührt sich aus seiner Todesangst auch nicht bei seiner Freundin Elena. Er quartiert sich in einem Hotel ein und gerät ohne es zu wollen, immer tiefer in die Sache, Inspektor Guiseppe Larsson läßt ihn auch mitarbeiten und gibt ihn bereitwillig über den Fall Auskunft. Zweimal bricht er unerlaubterweise in fremde Wohnungen ein und findet da das erste Mal eine alte Naziuniform, das zweite Mal die Liste einer Nazivereinigung, die sich “Schwedens Wohl” nennt und entdeckt, daß da auch sein Vater Einzahler war. Inzwischen wird auch der Nachbar des EX-Polizisten, ein Musiker ermordet und wir erfahren, wieder typisch von Mankell auch gleich, wer der Mörder Molins war, nämlich Aaaron Silberstein, der Sohn des Tanzlehrers aus Berlin, von dem wir inzwischen wissen, daß Herbert Molin, der früher anders hieß, sich freiwillig zur Waffen SS meldete, obwohl er das als Schweden gar nicht mußte und seine Urlaube immer in Berlin verbrachte, um bei Papa Silberstein, der irgendwie von Göring geschützt wurde, Tanzunterricht zu nehmen, einmal hat er ihn aber ermordet und der Sohn hat sich Rache geschworen. So kommt er als alter Mann aus Argentinien, wo er inzwischen lebt, nach Schweden, um Molin bestialisch hinzurichten, er will dann nach Argentinien zu seiner Frau zurück, erfährt aber von dem Mord an den Nachbarn und da er den nicht begangen hat, kommt er wieder zurück. Inzwischen ermittelt Stefan Lindman immer tiefer, vermeidet Elena anzurufen und verliebt sich in Herbert Molins Tochter, die im Nebenzimmer wohnt, nur entdeckt er auf ihren Computer eines Tages auch ein Hakenkreuz und, daß es in Schweden eine gar nicht so kleine Gruppe ewig Gestriger oder junger Alte gibt, wissen wir inzwischen auch. Am Ende entkommt Aaron Silberstein, Stefan Lindmans Krebs wird geheilt, er fliegt mit Elena nach England, wo es noch ein weiteres Stück aufzuklären gibt und Veronica Molin wird von einem der Polizisten durch einen Querschläger irrtümlicherweise erschossen, was diesen eine Frühpension beschwert. So weit die Mankellsche Bearbeitung des Thema Holocaust. Das Thema Gewalt aber wird thematisiert und auch die Frage, ob man sie wirklich weitergeben muß? Aber wenn Aaron Silberstein um seinen Vater zu rächen nicht selber zum ziemlich bestialischen Mörder geworden wäre, hätten wir keinen Krimi zu lesen. Das hat mir nicht so ganz gefallen, allerdings lohnt es sich schon ein bißchen darüber nachzudenken, wie Gewalt aufhören kann und spannend geschrieben war die “Rückkehr des Tanzlehrers” allemal.












