Carlotta steigt ein

Nun wieder ein Krimi, denn ich lese ja, obwohl ich eigentlich gewaltlos bin, ganz gerne solche, Linda Barnes “Carlotta steigt ein”, lagert schon lang in meinem Badezimmer und weil das Buch Teil einer Serie ist und ich Serien mag, hatte ich mir sogar dasselbe Buch in einer anderen Ausgabe ein zweites Mal genommen und wieder zurückgebracht.
“Schnappschluß für Carlotta”, habe ich mir vor Jahren bei Libro in der Kremsergasse um zehn Schilling oder sogar zum Normalpreis gekauft und gelesen. Den Inhalt habe ich vergessen, der Titel hat sich mir eingeprägt und ich habe mich auf das Lesen schon gefreut, obwohl der Plot gar nicht so ungewöhnlich scheint, die Protagonistin Carlotta Carlyle, die Ex-Polizistin, ehemalige Taxifahrerin und nunmehrige Privatdetektivin, die in Cambrigde bei Boston wohnt, rote Haare hat, ein Meter achtzig ist und Schuhe Größe 43 trägt, mit der jüdischen Mamme, einem Kater namens T.C und einem Vogel namens Fluffy, ist das aber schon.
Eine sehr emanzipierte Detektivin mit der großen Schnauze und gesunden Ansichten über Gott und die Welt, sie wohnt in einem großen von ihrer Tante geerbten Haus, hat eine Untermieterin namens Roz, die bei ihr putzt und eine kleine Patenschwester Paolina und sie bekommt eines Tages, wie viele Krimis beginnen, als sie kein Geld hat und keine Klienten hat, Besuch von einer alten Dame, mit weißen Löckchen, die ihr den neuen Auftrag verschafft.
Sie soll ihr den vermißten Bruder suchen und der war zufälligerweise Taxifahrer in dem Betrieb, in dem Carlotta während ihres Soziologie-Studiums jobbte. So beginnt sie wieder Taxi zu fahren und besucht die dicke Gloria, die im Rollstuhl sitzt und die Taxizentrale schupft. So weit schon hundertmal gelesen, originell ist dagegen, daß es auch mit einem Preisausschreiben beginnt. Carlotta hat ein solches gewonnen, obwohl sie nie bei einem mitspielte und soll nun, wenn sie nur mit ihren Gatten Thomas C. Carlyle eine Immobilie besichtigt, eine Reise nach Italien oder zwanzigtausend Dollar bekommen, das kommt mir, da ich ja selber manchamal solche Briefe bekomme, bekannt vor und wow, eine Werbefahrt in einem Krimi ist spannend. Es hat nur einen Haken, Thomas C. ist ein Kater und so hält Carlotta, den Anwalt, der den Brief verschickte hin, wird abgehört und von verschiedenen Männern gesucht.
Sie sucht inzwischen Miss Devens Bruder, bekommt heraus, daß er Mitglied einer iriischen Vereinigung war, die für die IRA Gelder sammelte und Miss Devens wird auch noch zusammengeschlagen und verrät Carlotta im Krankenhaus, daß sie am Dachboden eine Kiste Geldscheine hat. Carlotta beginnt wieder Taxi zufahren, um Eugenes irische Kumpeln zu beobachten und sie beobachtet auch einen Dealer, der vor dem Haus bzw. der Schule ihrer kleinen Schwester steht.
Dann gibt es noch einen Polizisten namens Mooney, der in die Geschichte verwickelt ist und der verrät Carlotta, daß Thomas C. Boyle ein gesuchter Gangster ist, den sich das FBI schnappen will, so daß es schließlich zu einem drei Klappen auf einmal Schlag kommt, die irischen Kumpeln haben nämlich statt Geld zu sammeln, Rauschgift vertrieben und Carlotta taucht mit ihrer Katze am Busbahnhof auf, wo der FBI nicht nur den Dealer verhaften will und Mooney lacht sich ins Fäustchen. Am Ende wird noch Eugens Leiche gefunden und Carlotta behält das Geld in der Kiste, das sie zwischendurch im Katzenklo versteckte, das heißt, sie spendet einen Teil für ein Tierheim und verwendet einen anderen für Paolinas Ausbildung und alles wird gut.
“Carlotta steigt ein, hat ein wunderschönes Plot und einen eleganten Stil, aufregend, mitreißend und voller Witz”, schreibt Robert. B. Parker auf der Buchrückseite. Ich habe es dagegen ein wenig konventionell, langatmig und die Handlung etwas unglaubwürdig gefunden, denn ich denke, daß keine Privatdetektivin so einfach auf eine Polizeistation gehen und von den ehemaligen Kollegen Einsicht in die Akten und dann noch Aufträge bekommen kann.
Linda Barnes ist Jahrgang 1949, in Detroit georen, war Lehrerin für dramatische Künste, bevor sie sich der Schriftstellerei widmete und hat einige Krimiserien geschrieben.
“Carlotta steigt ein” ist 1987 erschienen, “Schnappschuß für Carlotta”, das mich sehr beeindruckt hat, 1993, einen anderen Teil der Serie habe ich noch nicht gefunden, ein paar der zwölf Bände sind auch noch nicht auf Deutsch erschienen.

Russische Literaturdebuts

Während wir gespannt auf Klagenfurt warten, präsentierte die Hauptbücherei, die Gewinner des russischen Debutpreises, die in der von Christiane Körner übersetzt und herausgegebenen, bei Suhrkamp erschienenen Anthologie “Das schönste Proletariat der Welt”, erschienen ist, und mit drei Autoren Alisa Ganieva, Denis Osokin und Aleksej Lukjanov derzeit auf Lesereise ist, vorige Woche fünf deutsche Städte, heute Wien, morgen Graz, ein sehr spannendes Unterfangen, wie Christian Jahl von der Hauptbücherei betonte und die Übersetzerin Christiane Körner erzählte in der Einleitung etwas über die Literatur der jungen Russen. Der Debutpreis ist eine russische Einrichtung, die sich an Autoren unter fünfundzwanzig wendet, sie war zuerst erstaunt, daß so junge Leute schon so gut schreiben, hat sich aber von ihrer Qualität überzeugt. Es ist die Generation nach der SU, die also weder dafür noch dagegen ist, sondern die Vergangenheit von außen betrachtet und in deren Werken das Reisen eine Rolle spielt, das Fhren mit dem Zug, das Erkunden der Welt, das Surfen durch das Internet. Stimmen, die nicht mehr aus Moskau oder Petersburg kommen, sondern aus Perm, Ufa, Kazan etc.
Dann stellte sie die drei Autoren vor und begann mit Aleksej Lukjanov, der 1976 in der Nähe von Solikamsk im Ural geboren wurde, von Beruf Schmid ist, mehrere Kurzromane und viele Kurzgeschichten geschrieben hat, zweimal Debut-Preis-Finalist war und auch den neuen Puschkin Preis gewonnen hat. Er hat in der Anthologie einen Text, der von sieben Leuten einer Brigade handelt, einer ist Schmid, also das Alter Ego des Autors und die, Aleksej Lukanov verwendet surrealistische Elemente in seinen Texten, verlernen plötzlich das Fluchen, danach bricht die Infrastruktur zusammen, die sieben wollen nach Paris auswandern, das das plötzlich aber alle tun, bleiben sie in Moskau hängen oder kehren in ihre Heimat zurück und fluchen können sie dann wieder auch. Eine Anspielung auf die Entvölkerung durch die Intellektuellen, die alle ins Ausland gehen, meinte Christiane Körner.
Robert Reinagl las wieder die deutsche Übersetzung und Christiane Körner, die in Frankfurt am Main lebt, hat sehr deutsch übersetzt, da wird geguckt und mit Aprikosen geworfen, etc, sehr hart für österreichische Ohren, seltsamerweise sprach das eine russisch sprechende Dame an und Christiane Körner, war darauf vielleicht ein bißchen befremdet, hats den jungen Russen aber übersetzt.
Na klar, auf Österreichisch hätte es anders geklungen und Robert Reinagl meinte auch, daß er kurz überlegt hatte, ob er aus den Aprikosen nicht Marillen machen soll. Dann ging weiter mit Alisa Ganieva, die zwar in Moskau geboren wurde, aber in Dagistan aufwuchs, am Gorki Institut Literatur studierte, dann schon eine bekannte Kritikerin war, sie ist 1985 geboren, so daß sie ihren Roman “Salam Dalgat!” mit dem sie gewonnen hat unter einem männlichen Pseudonym einreichte. Dann wurde sie dafür gelobt, daß sich eine Frau so gut in einen männlichen Protagonisten einleben kann und der besucht eine Stadt im Kaukasus und schildert das dortige Leben, wofür Alisa Ganieva wieder getadelt wurde, daß sie ihr Nest beschmutzte und es ging in den gehörten Ausschnitten auch sehr orientalisch zu.
Denis Osokin wurde 1977 in Kasan geboren, studierte in Warschau Psychologie, in Kasan Literaturwissenschaft, gewann 2001 den Debutpreis und ist ein arrivierter Drehbuchautor, der vor kurzem in Venedig mehrere Preise gewonnen hat. Seine Texte, eine Art Kalendergeschichten, waren auch Titelgebend, hat er sich doch an die Zwanzigerjahre orientiert und Texte über das Proletariat geschrieben, in denen es von Teufel und Engeln nur so wimmelte.
Nachher gab es eine lebhafte Diskussion, was der Debut-Preis für die jungen Literaten bedeutet? Alisa Ganieva meinte, daß viele Autoren, die vorher ihre Texte einem Verlag anboten, erst nachher einen fanden. Die drei sind nur auf Deutsch und Englisch in einer Anthologie vereint, im Russischen haben sie Einzelveröffentlichungen, weil die Russen nicht so gerne Anthologien lesen und die Verlage das nicht drucken.
Sie wurden nach ihren Vorbildern gefragt und man erfuhr, daß es in Moskau eine lebhafte Lyrikszene gibt, was Christian Jahl etwas wunderte, was macht man da? Höchstwahrscheinlich Poetry-Slam würde ich meinen, darauf entspann sich eine Diskussion, daß die Clubs sehr klein wären, die Lyriker sich selber ihre Werke vorlesen oder vorhüpfen würden, was mich daran denken ließ, daß ich sowas bei den vorvorletzten Literatur im Herbst Verstaltungen gesehen habe, da gab es auch Performances von russischen bzw. ukrainischen Lyrikern, die irgendwo ihren eigenen Club haben, die mich sehr beeindruckten. Erich Klein, der das mitkuratiert hatte, war im Publikum und Alexander Nitzberg, der russische Dichter, den mir Christel Fallenstein einmal vorstellte und der auch seine Literaturperformanceprogramme hat. Sonst war die Veranstaltung nicht sehr gut besucht. Der Sascha hat aber wieder fotografiert und die Autogrammsammlerin Autogramme gesammelt.

Der Windfisch

Die 1994 erschienene Erzählung, des 1953 geborenen Ralf Rothmanns, stammt aus der Thalia Abverkaufskiste vom Sommer 2008, in einem meiner ersten Literaturgeflüsterartikeln habe ich darüber geschrieben, der Titel bezieht sich sowohl auf ein Lied, das buntgkleidete Mulattinnen mit Muschelschmuck beim Kokusnüße verladen in Südamerika singen, als auch auf einen Privatdruck übel zusammengeschusteter Sonette und Lieder eines SS Mannes namens Karl Markus Streeler und ist, wie ich dem Klappentext entnehme, “eine stilistisch brillante, unterhaltsame, psychologisch wie politisch brisante und damit auf angenehme Weise un-deutsche Geschichte, die die spannende Erzählweise von B. Travens Mexiko – Romanen mit Albert Camus Philosophie und der vitalen Resignation Malcolm Lowrys Geoffrey Firmins verbindet.”
Die Geschichte beginnt in einem Flugzeug das über Mexico-City aufsteigt. Guntram Lohser, ein Fotograf, der keiner mehr ist, wurde ihm doch seine Ausrüstung gestohlen, hat drei Monate lang für eine Bildbandreihe eines Zigarettenkonzerns, das wilde rauhe Mexico fotografiert, jetzt will er um den Berliner Winter zu umgehen noch ein paar Wochen Ferien in Ecuardor anhängen. Er schreibt Abschiedsbriefe an seine Freundin Lydia, erkundigt sich telefonisch bei seinem Freund Benno nach dem Zustand seiner Wohnung und läßt sein Zimmer kündigen, dann beobachtet er, wie eine rotblonde Frau bestohlen wird, fährt mit einem Bus durch die Gegend, schläft mit einer Indianerin und will nach einem Ort namens Muisne, wo alle Männer, die er in den Kneipen trifft, Brüder haben, die dort Polizisten sind.
Er landet in einem Sumpf am Meer, wo es kein Hotel gibt, aber Don Armando kleine Hütten mit Duschen vermietet. Dort lernt er einen seltsamen alten Mann kennen, der einen tätowierten Arm und viele Ziegen hat, die ihm seine Uhren fressen und die er mit Namen nennt. Es gibt auch ein Spital mit einem versoffenen Arzt, dessen einziger Patient Don Armando ist, einen weißen und einen schwarzen Polizisten und die rotblonde Frau, die vorgibt Journalistin zu sein, taucht auch wieder auf und erzählt Lohser, daß sie, Französin und Tochter eines deutschstämmigen Juden ist, der mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde und dort seine erste Frau und den dreizehn Monate alten Sohn verlor. In Bolivien fand seine 1955 geborene Tochter Jovita eine kleine deutsche Bibliothek, die in einem verstaubten Keller untergebracht war. “Ein Kinderstahlhelm, ein signiertes Foto von Marlene Dietrich und ein schmales spinnenwebverhangenes Bücherregal”, wo neben Weinheber und Löns sich auch der “Windfisch” von Karl Markus Streeler befand, jenem SS Mann, der verantwortlich für den Tod vieler tausender Menschen aus Toulouse und Umgebung war, in Abwesenheit zum Tode verurteil wurde, aber in die große weite Welt untertauchte. Dort spürt ihm nun Jovita auf, bzw. werden auf diesen Namen lautetende Papiere gefunden bzw. gestohlen.
Am nächsten Tag fährt Jovita ab, während Lohser Don Amando besucht, um ihm nach den Papieren zu fragen, der winkt ab, erzählt etwas von Pflicht und mangelnde Verantwortung,” weil man tun muß, was Gesetz ist, um seine Familie zu retten” und führt ihn in einen Schweinestall, dann bietet er Lohser an, dort Aufseher zu werden, aber will wieder abreisen, vorher geht er aber am Meer spazieren, trifft dort Elvira, die Frau eines der beiden Polizisten und als er nachher in der Wirtschaft essen will, setzt sich der andere Polizist zu ihm und gibt ihm das Messer mit dem Perlmuttgriff, das Lohser mit fünzig Dollar gestohlen wurde. Weil damit aber zufälligerweise gerade Don Armando ermordet wurde, gerät Lohser in Bedrängnis, wird aber von der schönen Elvira gerettet und man erfährt auch, daß nicht Don Armando der SS-Mann war, sondern seltsamerweise der verrückte Ziegenhirt, denn den SS-Männern wurden, wie Lohser von seinem Vater, der ein harmloser SS-Lastwagenfahrer war, die Arme tätowiert und Don Armando lief immer mit freien Armen herum und Lohser wird die Gegend, da die Straße wieder frei ist, bald verlassen können.
Ralf Rottmann, den ich 2001 oder 2002 bei einer Literatur im März Veranstaltung noch im unfertigen Museumsquartier lesen und diskutieren hörte, erzählt diese Geschichte in einer sehr schönen Sprache und kommt vom Roadmovie wirklich excellent zu dem beschriebenen Politthriller. Immer wieder fallen schöne Wortwendungen, wie “die Schuhspitzen, die sich wie Hundeschnauzen durch den Sand schoben” oder “Kopfschmerz in Flaschenform” auf.
Das Ganze wird auch sehr geheimnisvoll und meiner Meinung nach mehr lyrisch als philosophisch existentiell in drei Kapitel “Platz der Schweine” “Tangohammer” und “Altes Jahr” aufgebaut und von Ralf Rothmann habe ich schon “Flieh, mein Freund” gelesen, das ich wahrscheinlich in Wien aus einer Ein-Euro-Kiste gezogen haben. 2009 wurde sein Roman “Feuer brennt nicht” intensiv besprochen, woran ich mich noch erinnern kann und am Donnerstag habe ich bei der Buchlandung in der Mariahilferstraße wieder zwei Rothmann – Werke aus den Regalen bzw. aus der Kiste gezogen, nämlich die erste Erzählung “Messers Schneide” und “Kratzer und andere Gedichte.”
Man sieht, der in Schleswig geborene, der schon die verschiendensten Literaturpreise bekommen hat, ist nicht nur ein vielseitiger Dichter, der nur Travens Mexiko Romane nachzeichnet, sich mit dem Leben von Bergarbeiterfamilien und Jugendcliquen auseinandersetzt, sondern seine bei Suhrkamp erschienenen Taschenbücher, landen auch sehr schnell und oft in den Abverkaufskisten und dann bei mir, wo ich sie langsam auflese und so das Werk eines Gleichaltigen kennenlerne, der sicher eine bessere Sprache als ich hat, aber auch nicht sehr verkäuflich zu sein scheint.

Heimito von Doderer und Ruth Klüger

“Am 18. Dezember 1961 las Heimito von Doderer zur Erföffnung der Österreichischen Gesellschaft für Literatur aus einem Roman der noch keinen Titel hatte!, steht unter der Ankündigung des Doderer Gesprächss – Übersetzer Colleqium im Programm. Um welchen Doderer Roman es sich handelte, ist nicht angegeben, die Gesellschaft für Literatur bzw. die Übersetzergemeinschaft nimmt das aber, glaube ich, zum Anlaß, jedes Jahr eine Doderer Veranstaltung zu machen. Zumindest gab es im vorigen Jahr eine solche, die habe ich zwar versäumt, aber leselustfrust hat zu diesem Zeitpunkt die “Strudlhofstiege” gelesen und ich war auch im Hotel Strudlhof, das einmal die Akademie der Gewerkschaft war und ich eine Zeitlang die Schreibwerkstatt dort besuchte, bei einer Pysychotherapieveranstaltung und bin auch ehrfüchtig mit Anna Lindners Wien Buch zu der berühmten Stiege gepilgert. Dieses Jahr hatte ich mir die Doderer-Veranstaltung, die von Donnerstag bis Freitag stattfand, zwar dick angestrichen, dann war der Donnerstag ein totaler Fortbildungstag und ich bin ein gewisserhafter Typ, der die dreißig Stunden, die ich pro Jahr nachweisen muß, wenn sie das Bundesministerium sehen will, auch getreulich sammelt und so bin ich von neun bis siebzehn Uhr im Festsaal des Stadtschulrats gesessen und habe ein Werkshop einer sehr empathischen Canaderin besucht, die mich über die neuesten Erkenntnisse der Eßstörungen unterrichtete, bin anschließend über die Mariahilferstraße, an der Gesellschaft für Literatur, die mit ihrem Symposium gerade begonnen hat, vorbei, ins Hotel Mercure gewandert, wo das Psychologenforum zuerst ein Vertragspsychologentreffen veranstaltete und dann über das neue Psychologengesetz informierte. Da bin ich natürlich bei der Buchlandung vorbeigekommen und wem es interessiert, da gibt es einen ein Euro Abverkauf, der sich gewaschen hat, ich bin mit fünfzehn Neuerwerbungen im Seminarzentrum angekommen und habe mir in einigen schlaflosen Stunden vorgenommen, meine Büchereinkäufe bzw. die Bücherschranktouren, wenn es geht, auf ein Buch pro Woche zu beschränken, bzw. die Bücherliste für 2012 mit fünfzig Altlasten, von denen ich schon fünfundreißig festgelegt habe, zu beginnen, dann jede Woche ein Buch aus dem Bücherschrank und zehn Rezensionsexemplare will ich mir auch noch gestatten. Keine Ahnung, ob ich das schaffe, so streng muß es auch sein, da ich meine Bücher aber auch lesen will, wird es nicht viel anders gehen.
Den Donnerstag also versäumt, am Freitag ging es weiter in der Gesellschaft für Literatur und die Fragen des Übersetzens sind auch wirklich interessant. Ein älterer Herr, den ich fragte, was ich versäuft hätte, antwortete mir zwar, daß er das als Leser ohnehin schon alles wisse, ich bin erst seit kurzem darauf gekommen, daß ich, wenn ich eine Übesetzung lese, mir unter Umständen viele Probleme einhandle und manchmal wie bei bei John Irvings “Laßt die Bären los”, den Inhalt nicht verstehe. Aber Heimito von Doderer habe ich ohnehin auf Deutsch gelesen und das vor langer Zeit sehr viel. Im Jahre 1977, als ich von zu Hause auszog “Die Dämonen”, die “Strudelhofstiege” nicht.
“Das sollten Sie aber!”, mahnte mich der alte Herr, der mich ansonsten ziemlich ignorierte, ich habe mir aber vor dreißig Jahren, als ich mir noch Bücher kaufte, ziemlich viel von Doderer besorgt.
“Die Merowinger” glaube ich und “Die Wasserfälle von Slunij” und genau darum ging es auch am Vormittag. Um einen Übersetzer aus Estland, namens Mati Sirkel, der zwar ein Referat namens “Kafka und der Frühling” hielt, aber die “Strudelhofstiege” übersetzt hatte und mit einem estischen Freund Doderers befreundet war.
Es gab eine dreisprachige Lesung, dann kam die ungarische Germanistin Edit Kiraly, die “Die Wasserfälle von Slunij” übersetzt hatte, ein bißchen was darüber erzählte, einen Zettel mit Übersetzerproblemen austeilte und eine Seite auf Ungarisch vortrug. Die deutsche Version las ein älterer Herr, der Hermito von Doderer noch gekannt hatte und ich denke, daß ich es bei meiner Bücherflut höchstwahrscheinlich nicht schaffen werde, die “Strudelhofstiege” zu lesen, die “Dämonen” haben mich aber im Sommer 1977, als ich mit dem Willi am Freitag immer in den Volksgarten tanzen ging, sehr beeindruckt. Heimito von Doderer war ein großartiger Dichter, ein etwas konservativer Mensch und eine Nazi Vergangenheit hatte er, glaube ich, auch und als er gestorben ist, soll sich, habe ich einmal hörte, Thomas Bernhard sehr gefreut haben, weil er keinen Konkurrenten mehr hatte, dabei haben Peter Handke und Elfriede Jelinek zu dieser Zeit, glaube ich, schon geschrieben.

Ruth Klüger

Ruth Klüger

Quadrophonie

Quadrophonie

Werner Grüner habe ich getroffen, der mir sagte, daß er am Abend nicht nach Krems fahren wird und Herrn Auinger von der Kunstsektion, den ich am Abend dort traf, ich bin aber schnell nach Hause, habe eine ADHD-Diagnostik begonnen, dann kam der Alfred und wir sind nach Krems gefahren, weil da der Theodor Kramer Preis an Ruth Klüger vergeben wurde, diesmal im Niederösterreichischen Literaturhaus und nicht in der Minoritenkirche, weil die, wie mir schon am Vormittag Werner Grüner sagte, eine Schweinegeld dafür verlangen, aber das Literaturhaus in Krems ist ja auch ein sehr schöner Ort. Wir hatten Plätze in der zweiten Reihe, gleich hinter Ruth Klüger und Konstantin Kaiser, neben Ute Bock, der Ruth Klüger, das Preisgeld spendete.

Sylvia Treudl

Sylvia Treudl

Karl Müller

Karl Müller

Von der 1931 in Wien geborenenen Ruth Klüger habe ich, glaube ich, in diesem Blog schon öfter geschrieben. 2008 war “Weiterleben” die “Eine Stadt-ein Buch” Aktion, in dieser Zeit erschien auch “Unterwegs verloren” was ich nicht gelesen habe. Im vorigen November war ich im Literaturhaus, als sie ihren Rezensionsband “Frauen schreiben anders” vorstellte. Eva Geber hielt die Laudatio, Sylvia Treudl eröffnete und der Salzburger Germanist , Karl Müller, der ebenfalls einleitende Worte hielt, spielte im Rahmen der musikalischen Begleitung in der “Quadrophonie”.
Ruth Klüger spendete, wie schon erwähnt, den Scheck Ute Bocks Flüchtlingsintiative und las Theodor Kramers Gedichte vor, die Juden als Protagonisten hatten, das heißt eigentlich hielt sie einen germanistischen Vortrag darüber und wieder interessant, sie trug ihren Vortrag von einem Kindle vor, irgendwo hatte ich schon gehört, daß sie keine Berührungsängste hat, sondern ihre Bücher elektronisch liest und begeistert davon ist.

Eva Geber

Eva Geber

“Wow”, eine achtzigjährige alte Dame, während wir anderen immer noch “Igitt, igitt!” schreien. Es gab noch einen zweiten Teil, da las sie ihre eigene Lyrik und die hatte sie zum größten Teil auf Papier vorbereitet. Nachher gab es Brötchen und Wein und ich fand den Rahmen im Literaturhaus schöner, als in der Minoritenkirche und habe mich auch gut unterhalten, zuerst mit einer Theodor Kramer Verehrerin, dann mit der Gabi, mit der wir 2007 die Donau hinauf geradelt sind und die so begeistert davon war, daß sie sich in Schwallenbach ein Häuschen kaufte, dann gratulierte ich Ruth Klüger zu dem Preis und zeigte Konstantin Kaiser meine Bücher, der mich zu mehr Tempo mahnte, am Ende kam noch Eva Geber zu unserem Stehtisch, denn Christel Fallenstein hatte ihr von meinen Blog erzählt, es war also ein interessanter Abend mit interessanten Gesprächen und ein Tag mit sehr viel Literatur, der in Harland endete, wo ich hoffentlich wieder zum Korrekturen komme, denn dazu ist in dieser intensiven Woche nicht viel Zeit gewesen. Ein Theodor Kramer Preis Archiv gibt es inzwischen auch.

Klagenfurt-Tratsch und mehr

Eigentlich habe ich ja Dienstag in die Gesellschaft für Literatur gehen und mir die Text.Begegnungen “Die Poesie, das Leben, der Humor – eine Verdichtung” – Anton G. Leitner und Gerhard Ruiss lesen aus ausgewählten Arbeiten, anhören wollen, weil ich Anton G. Leitner aus dem Internet kenne, dann stand plötzlich während der zwei Uhr Diagnostik ein Mann mit einem Überweisungsschein vor der Tür und weil ich eine bin, die ihre Befunde gleich schreibt und nur ungern etwas liegen läßt, bin ich zu Hause geblieben und habe mir beim Befundschreiben, das YouTube Video angehört, das es heuer über die Pressekonferenz zum Klagenfurter Literaturkurs gibt. Ist es schon wieder soweit? Ja richtig, obwohl Klagenfurt, ich glaube, Fußballbedingt, igitt, wie kann man nur, heuer eine Woche später beginnt, las ich schon bei Cornelia Travniceks Blog, daß sie gleich verrät, daß sie heuer knapp daneben war und Sarah Wipauer schrieb dazu einen Kommentar und die hat mir ja gerade auch auf meine “Mondscheintarif”-Besprechung was geschickt. Die Bachmannpreisleser sind noch ein Geheimnis schrieb Cornelia Travnicek und, daß man derzeit bei denen, die nichts sagen, vermuten würde, sie wären vielleicht auserwählt, Sarah Wipauer meinte darauf, jetzt weiß mans aber schon und meinte den Literaturkurs und durch Sarah Wipauers sehr schönen China-Blog bin ich auch auf dieses Pressekonferenz Video gestoßen und darauf gekommen, daß Sarah Wipauer beim Literaturkurs lesen wird, Martin Fritz und noch sieben andere, aber diese beiden sind die einzigen, die ich kenne. Sind die zum Literaturkurs Auserwählten, meist sehr junge Leute. Dürfen sie ja nicht über Fünfunddreißig sein, so sagten mir die meisten Namen der früheren Auserwählten meistens zum Kurszeitpunkt nichts. Inzwischen weiß ich, Marlen Schachinger war einmal dabei, Thomas Klupp, Sandra Gugic und Dorothee Elmiger. Weil sich Klagenfurt aber heuer etwas einfallen läßt, gibt es inzwischen eine Pressekonferenz mit einer Skype Schaltung zu einigen der Teilnehmer und die stellen sich dann vor und sagen, was ich besonders interessant finde, ein paar Worte zu dem Text, den sie einreichen und lesen auch daraus vor. So kommt auch das in mein Wohnzimmer und ich bin ja eine, die die junge Literatur, das sind ja jetzt inzwischen Leute, die jünger als die Anna sind, sehr fasziniert und, daß Sarah Wipauer Ildiko von Kurthy liest, finde ich besonders interessant.
Es gibt also schon neun junge Frauen und junge Männer aus der Schweiz, Österreich und Deutschland, die Anfang Juli nach Klagenfurt fahren dürfen und in ein zwei Wochen werden wir die Namen derer wissen, die im ORF Theater lesen dürfen. Das Cornelia Travnicek wieder nicht dabei ist, finde ich sehr schade, ihr hätte ich das ja schon viel früher gewünscht und gedacht, sie schafft es schon vor zwei Jahren, aber das Leben ist ungerecht und der Literaturbetrieb sehr sehr hierarchisiert, worunter ich ja auch nicht wenig leide oder auch schöne Texte schreibe, wie den “Wundeschönen Tintentraum” und die “Heimsuchung” ist auch ein bißchen davon inspiriert. Ich bin ja eine die nicht gut im Prognosenstellen ist und sich leicht verschätzt, aber ich habe schon ein bißchen darüber nachgedacht, welche Namen wir in ein zwei Wochen oder so lesen werden? Und weil ich auch nichts verheimlichen muß, werde ich jetzt flüstern, von wem ich mir vorstellen könnte, daß er vielleicht dabei ist. Wer gehört zur jungen Szene und hat noch nicht glesen? Andrea Stift, Andreas Unterweger, Bernhard Strobel, Valerie Fritsch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Judith Pfeifer, Sophie Reyer, Robert Prosser, Peter Clar, Sandra Gugic, Michaela Falkner, Stefan Schmitzer, Lale Rodgarkia-Dara, Anna Weidenholzer, Emily Walton, Regina Hilber, Nina Lucia Groß u. u. u.
Mir fallen da schon einige Österreicher ein, die jungen Deutschen und die Schweizer kenne ich ja vorher nicht, Mieze Medusa und Julyia Rabinowich haben, glaube ich, auch noch nicht gelesen, obwohl es den Österreichern ohnehin nicht sehr gut dort geht und außer Gert Jonke und Franzobel hat den Hauptpreis noch keiner gewonnen. Ich finde es ja spannend und habe schon darüber geschrieben, wie sehr sich der Bachmannpreis im Lauf der Jahre verändert hat. Jetzt ist er anerkannt und die jungen Autoren, reißen sich, glaube ich, dort lesen zu dürfen, als er 1977 gegründet wurde, sind die GAV und die IG-Autoren dagegen Sturm gelaufen. Die Initiatoren haben bei den damals Berühmten angefragt und alle haben “Nein!”, geschrieeen, jetzt kann man die Karriere fast wirklich schon daran ablesen. Anna Kim, Andrea Grill, Linda Stift, Clemens J. Setz,Thomas Stangl, etc, sie alle haben da gelesen und höchstens einen der kleineren Preise gewonnen oder sind überhaupt in der zweiten Reihe gestanden.
Ich orientiere mich aber am Bachmannpreis, höre ihn mir seit ein paar Jahren genau an und beziehe mein literarisches Wissen daraus her, der immer professioneller wird, jetzt schon eine Pressekonferenz zum Literaturkurs anbietet und ihn als Vorstufe für die Teilnahme propagiert. Bei Dorothee Elimiger war es ja auch so, vor zwei Jahren war sie dort, im vorigen Jahr hat sie gewonnen, dann Rauris und Schweizer Buchpreis Nominierung.
So ganz eindeutig ist das auch nicht, die meisten unter Fünfunddreißigjährigen werden sich wohl bei beiden bewerben und Martin Fritz ist auch schon Rauris Preisträger. Ja, richtig der FM4 Preis, der auch an mir vorbeigegangen ist, ist so ein Indikator, zuerst gewinnt man dort oder kommt in die Anthologie, dann kommt man zum Kurs und irgendwann in die zweite Reihe beim Bachmannpreislesens…
Man kann es auch ganz zynisch betrachten, aber ich habe mir jetzt auch vorgenommen, endlich die FM4-Anthologie “Ausgehen” zu lesen. Wozu lasse ich die mir immer schenken, wenn ich dann die Texte nicht lese? Nur zum Kennenlernen der Biografien oder zum Veto Einlegen bei der GAV ist vielleicht zu wenig und bezüglich Anthologien, kommt jetzt eine Jubelmeldung, um zu meinen bescheidenen Erfolgen zurückzukommen. Die neue Volkstimmeanthologie ist schon da, zumindest hat mir Christoph Kepplinger das gemailt, die Belegexemplare sind dagegen noch nicht eingetroffen.

Das Leben der Wünsche

“Das Leben der Wünsche” Thomas Glavinics 2009 erschienener siebenter Roman, ist, würde ich mal sagen, ebenso leicht und flott dahin geschrieben, wie man meinen Texten manchmal unterstellt. Er ist aber 2009 auf der dBP-Liste gestanden und war ein Beststeller, die Geschichte jenes Jonas, den die “Arbeit der Nacht”-Leser schon als Protagonisten kennen, des Mittdreißigers, der als Werbetexter arbeitet, ein Frau, eine Geliebte, eine Ex-Geliebte und zwei Kinder hat, die er vom Kindergarten abholt und sich von ihnen terrorisieren läßt und der eines Tages von einem Mann im Park angeboten bekommt, daß er ihm alle Wünsche erfüllen will.
“Wow!”
Ein Mann, wie Jonas fällt auf sowas nicht herein und blödelt dementsprechend herum “Ich könnte mir wünschen, mein Verhältnis zu Menschen richtig zu verstehen, Größe, Dramatik, Besonderheit, ein anderer zu werden, einen sinnvollen Tod, u u u.”
Sie einigen sich dann darauf, daß sich Jonas Wünsche alle fortan erfüllen, der Mann im weißen Anzug, rät noch die Sache ernster zu nehmen und verschwindet. Jonas bleibt noch etwas im Park, um zu fotografieren, was sein Hobby zu sein scheint, fertigt er doch schon seit Jahren jeden Tag ein Foto von sich an, dann geht er heim zu Frau und Kindern und beginnt sein joung urban Leben weiterzuleben, was nicht so einfach ist, will er sich doch von seiner Frau Helen nicht trennen und ist dennoch unsterblich in Marie verliebt, die Stewardesse, die Sohn und Mann und nur wenig Zeit für ihn hat und eine Ex-Geliebte mit Leberkrebs hat er auch und sein kleiner Sohn leidet an Wachstumsstörungen.
Was Jonas sich fortan wünscht, geht aus dem Buch nicht so richtig hervor, nur daß der kleine Sohn plötzlich anfängt zu wachsen, sowie Jonas Bankkonto, dann passieren auch Unglücksfälle, wie ein Gondelabsturz, ein Tankstellenüberfall u u u
Sachen, die auch wir Nichtwünscher kennen und täglich erleben. Jonas hetzt also vom Kindergarten zu seinem Arbeitsplatz, versucht zwischendurch Marie zu treffen, bzw. einen Babysitter zu engagieren, da sich Helen ein paar Tage auf Wellnessurlaub befindet. Das erweist sich als schwierig, Helen kommt wieder zurück und Jonas findet sie tot in der Badewanne. Hat er sich das gewünscht? Naheliegend, ist aber dem Text nicht wirklich zu entnehmen, dagegen findet Jonas beim Begräbnis heraus, daß nicht nur er Helen, sondern auch sie ihn mit einem Kim betrogen hatte, überflüßig zu erwähnen, daß so der Mann heißt, der ein paar Tage später von Eichhörnchen totgefressen im Wald aufgefunden wird.
Es gibt auch surreale Tendenzen, Wasser die übergehen und Überschwemmungen anrichten, geheimnisvolle Inschriften, also vielleicht doch der philosophische Untergrund, den Robert Eglhofer, in meinem Stadtroman vermißte. Jonas geht mit seinen Buben Ballonfahren, trennt sich von Marie, macht mit einem Arbeitskollegen und seiner Frau einen flotten Dreier, führt ernsthafte Gespräche mit Anne und besucht die Wohnung seines Vaters, der sich seit einem Jahr bereits in einem Pensionistenheim befindet.
Wo die Geschichte spielt, kommt auch nicht klar heraus, der Wien Bezug, der, wie ich vor einem Jahr hörte, in der “Arbeit der Nacht” eine große Rolle spielt, scheint zu fehlen, jedenfalls habe ich keine Andeutungen gefunden und habe die Slums, wo Jonas und Marie ihre Kinderwohnungen finden, wieder etwas surreal empfunden, ebenso die Schluchten, wo Jonas zuerst allein später mit Marie herumklettert. Später fahren sie ans Meer und es steht nicht genau beschrieben, wie lange sie dort hinbrauchen. Dort scheint Jonas zu schnallen, daß die seltsamen Veränderungen, vielleicht mit seinen geheimen Wünschen zu tun haben, aber er gehört ja einer Generation an, die im Büro ständig die Joints vor sich liegen hat und Marie schickt ihm auch zu einem Arzt, als er von seinen Visionen spricht. Stattdessen fahren sie mit einem schnellen Boot auf eine Insel und dort verschwindet plötzlich das Wasser, stattdessen machen sich die Eidechsen und Vögel breit, “die Wellen rollen, die Sonne verdunkelt sich, es wird Nacht und Jonas nickt.”
So weit die sachliche Beschreibung meines Leseeindrucks, die Rezensenten haben schon viele Theorien und Deutungen in das Ganze hineingelegt und erklärt, daß man sich nicht so viel wünschen soll, weil das nur Verderben bringt.
Das ist nicht unbedingt das, was ich mir von der Lektüre mitnehme, ich bleibe schon bei meinen drei bis fünf Wünschen, die ich den guten Feen und den weißen Männern jederzeit entgegenschmettern könnte.
“Ich wünsche mir den Nobelpreis, den großen Roman, das Charisma, eine heile Welt und einen schönen Tod!”, also auch ganz schön umfassend und kenne den 1972 in Graz geborenenen Schriftsteller schon sehr lang. Durch “Herr Susi” bin ich, glaube ich, auf ihn aufmerksam geworden oder war das schon beim “Carl Haffner”?
Über den “Kameramörder” habe ich jedenfalls einmal im Literaturhaus mit ihm diskutiert und sosehr darauf bestanden, daß mir das zu negativ ist, daß die Anwesenden mir eine Angst davor unterstellten. Aus “Wie man leben soll”, habe ich ihn bei “Rund um die Burg” lesen gehört. “Die Arbeit der Nacht” ist ziemlich an mir vorbeigegangen. Dann kam “Das bin doch Ich” und damit hatte ich ein Aha-Erlebnis, weil ich den Eindruck hatte, daß der Autor ganz in meiner Nähe leben müsse und wenn der sich vielleicht meine weggeworfenen Manuskriptseiten aus dem Mistkübel fischt?
Darüber habe ich schon vor zwei Jahren geschrieben, als “Das Leben der Wünsche” erschienen ist. Spätestens seit da ist der Autor so berühmt geworden, daß seine Lesungen Eintritt kosten, ich habe ihn aber vor einem Jahr beim Stadt Fest Wien gehört und auch beim ersten Lesefest der Buch Wien. Jetzt ist “Lisa” erschienen, da war ich bei der literarischen Soiree und habe mir im Literaturcafe einen Podcast darüber angehört, wo Wolfgang Tischer den Autor fragt, was er lesen würde und der sehr selbstbewußt antwortete, daß er dafür keine Zeit hätte und daß er natürlich seine Texte nicht als kostenloses E-Book ins Netz stellen wird, weil er ja verdienen will. Es gibt aber eine facebook Seite des Verlags, bei der er sich manchmal meldet und die ist sehr interessant.

Monika Gillers Erzählungen

Elisabeth Krön, Erika Parovsky, Hilde Schmölzer, Judith Gruber-Rizy, Hilde Langthaler, Elfriede Haslehner, Heidi Hagl, Angelika Raubek, Gabriela Schmoll

Elisabeth Krön, Erika Parovsky, Hilde Schmölzer, Judith Gruber-Rizy, Hilde Langthaler, Elfriede Haslehner, Heidi Hagl, Angelika Raubek, Gabriela Schmoll

Elisabeth Krön, Erika Parovsky, Hilde Schmölzer, Judith Gruber-Rizy, Hilde Langthaler, Elfriede Haslehner, Heidi Hagl, Angelika Raubek, Gabriela Schmoll

Elisabeth Krön, Erika Parovsky, Hilde Schmölzer, Judith Gruber-Rizy, Hilde Langthaler, Elfriede Haslehner, Heidi Hagl, Angelika Raubek, Gabriela Schmoll

Im Amerlinghaus gab es diesmal einen besonderen Leseabend, nämlich die Präsentation von Monika Gillers neuem Erzählband “Schwarzlicht”, von der Frauen lesen Frauen Gruppe des Lesetheaters und “fast alle Mitgliederinnen werden daraus wenigstens einen kurzen Text gelesen”, so hörte ich die Verantwortliche Judith Gruber-Rizy sagen, als ich kurz nach sieben in den Saal huschte. Oder eigentlich bin gerade zum letzten Satz zurecht gekommen und habe einen Platz neben Hans Jörg-Liebscher Monika Gillers Lebenspartner bekommen. Das Galeriezimmer war sehr voll, Ilse Kilic, Fritz Widhalm, Ruth Aspöck, Rolf Schwendter, Helga Eichler, Anita C. Schaub, Margit Heumann, Werner Grüner etc habe ich gesehen.
Alfred hat mit seiner neuen Kamera fotografiert, Judith Gruber-Rizy, Heidi Hagl, Elfriede Haslehner, Elisabeth Krön, Hilde Langthaler, Erika Parovsky, Angelika Raubek, Gabriela Schmoll und Hilde Schmölzer haben gelesen.
Ich kenne die 1941 in Wien Geborene schon sehr lang vom ersten Wiener Lesetheater. Bei den Poet Nächten ist sie mir durch ihre Texte aufgefallen, sehr beeindruckend der, wo sie ihr Totenbett beschreibt, habe auch ein bißchen dazu beitragen können, daß sie 2008 in die GAV aufgenommen wurde und habe bei der Frauenlesung in der Galerie Heinrich im November ein paarmal mit ihr gelesen.
Der soeben erschienene Erzählband “Schwarzlicht” enthält, wie ich dem Programm entnehme, siebenundzwanzig Erzählungen, die von gebrochenen Individuen in einer immer mehr zerfallenden Welt handeln und die meist Frauen als Protagonistinnen haben. Circa elf wurden vorgetragen und haben mich sehr beeindruckt, denn Monika Giller, die Philosophie und Germanistik studierte und mehrere Jahre Schauspielerin, sowie Journalistin war, ist eine die mit der Sprache umzugehen weiß. So gibt es die Texte “Abwesenheit” und “Wortvöllerei”, die sehr mit ihr spielen und jonglieren, von Wortschöpfung zu Wortschöpfung hetzen und es von “Wortdemenzen” bis zu den “Alzheimersätzen” gerade zu sprachregnet.

Hilde Schmölzer, Franz Kratzer, Elfriede Haslehner

Hilde Schmölzer, Franz Kratzer, Elfriede Haslehner

Erika Parovsky, Hilde Langthaler, Elisabeth Krön

Erika Parovsky, Hilde Langthaler, Elisabeth Krön

Nicht alle Metaphern stimmen, würde ich als Nichtgermanistin einmal vorlaut sagen und die realistische Schreiberin vermißt auch den Plot, die Handlung und die Sozialkritik oder aber wieder nicht, denn einige Texte haben sehr wohl etwas zu kritisieren, obwohl es um die Liebe geht.
Werden da ja die gebrochenen Frauen geschildert, die alles für ihre Liebe tun. Stufe um Stufe emporsteigen und wenn sie endlich oben sind, die Leiter fallen lassen und sich gar nicht darum kümmern, daß sie nun die Freiheit verloren hat, weil der Umklammerer schon auf sie wartet. “Denn wer braucht denn Freiheit, wenn er die Liebe hat?”
In der anschließenden Diskussion hat sich die Feministin Ruth Aspöck am konventionellen Frauenbild gestoßen, mir sind eher haben die beklemmenden Schilderungen aufgefallen, das zerstörte Frauen-Ich, das sich nach Liebe sehnt und immer blutend am Boden liegt, während der Mann über es hinwegsteigt. Aber die märchenhafte Geschichte von den drei Freundinnen oder Schwestern, die nur einen Mann haben, ist sehr beeindruckend. Zuerst warten sie ab, bis er eine nach der anderen ausprobiert und von ihrer Leidenschaft Zärtlichkeit und Liebe gelangweilt wird, bis sie endlich beschließen, ihn zu teilen, so daß sie fortan lange leben und viele wunderschöne Kinder bekommen, an denen sich die anderen stören.
“Das Glück der Kleeblätter” heißt die Geschichte. “Die Musik hämmert der Frau das Hirn entzwei” heißt es dageben in “Lärmleiden”. Eine starke Sprache, ein beeindruckender Ton, eine spannende Lesung. Nachher gab es was zu Trinken und zu Essen und eine intensive Diskussion.
Ruth Aspöck erzählte mir, daß ihre “Tagebücher” im Herbst bei Löcker erscheinen werden und von ihren Reisen, die sie auf den Spuren Grillparzers noch nach London und Paris unternehmen wird.
Das Buch gab es zu kaufen, Judith Gruber-Rizy hat mir für das Literaturgeflüster freundlicherweise das Vorwort von Petra Ganglbauer zur Verfügung gestellt, die von “dicht gestrickten, emotional aufgeladenen Stücken Wirklichkeit spricht” und auch den Satz “Der Staub liegt wie ein Sandstrand in den Zimmern” zitiert, mit dem die Erzählung “Abwesenheit” beginnt.

Mondscheintarif

Das nächste Chick Lit aus dem Schrank, Ildiko von Kürthys “Mondscheintarif”, das mir einen verlängerten Sonntagvormittag in der Badewanne bescherte, erfüllt sein Klischee schon auf den ersten Blicken.
Das Titelbild halb rosa und blau, Meer mit rosa Himmel und einem halben Sonnen- bzw Mondscheibe in der Mitte. Im Buch gibt es, wahrscheinlich für die Analphabeten, viele rosa-graue Bilder, der Epilator ist zu sehen, auf einer Seite bin ich richtig erschrocken, da schminkt in der Buchmitte, die Protagonistin auf zwei kleinen Bildchen ihre Lippen rosa vor dem Spiegel. Das Buch entnahm ich dem Impresso, ist eine eine einmalige Sonderausgabe vom Juli 2005 und möglicherweise ein Preisausschreiben, sind doch immer ein paar Worte rosa angestrichen. Nur so eine Idee von mir, weil ich sonst keine Erklärung für die rosa Strichchen hätte, die angestrichenen Worte haben mir aber keinen Sinn ergaben.
“Happy birthday, Tante Hilde”, steht noch vor der ersten Seite rosa, was ebenfalls nicht erklärt wird, dann beginnts auf Seite sieben mit zwei Füßen.
“Der Fuß ist eine weitgehend unerschlossene weibliche Problemzone… So könnte ein Artikel in einer Frauenzeitschrift anfangen. … Ich heiße Cora Hübsch!”
Los gehts an einem Samstagnachmittag um 17.17 und schließt um 00.01. Dazwischen erzählt die dreiunddreißigjährige Cora, eine Fotografin, die Möbel für einen Katalog fotografiert, ihre Geschichte, bzw. weiß sie nicht, wie sie sich verhalten soll.
Samstagnachmittag und sie hat noch kein Date. Interessant herauszubekommen, wie sie es schafft auf ihrem Balkon bis 00.01 angerufen zu werden. Sie erwartet aber etwas Bestimmtes, nämlich den Anruf von Dr. med Daniel Hofmann und den lernte sie vor drei Wochen und drei Tagen vor der Türe einer Damentoilette kennen, als sie mit ihrer schönen und erfolgreichen Freundin Jo als Beiwerk bei einem Filmempfang war und sich während die Preisträger vorgestellt wurden, langweilte. So ist sie zwischendurch an dem schon vorbereiteten Buffet vorbei, aufs Klo gegangen und wollte, als sie von der Klofrau erfuhr, daß sie nicht mitessen darf, einen Teller mit Hummern und Austern für sie holen. Nur landete sie mit dem vollen Teller sinnigerweise auf Dr. Hofmanns Brust, wurde von seiner schönen Begleiterin, einer Schauspielschülerin namens Ute oder Carmen, angeschrieen und mit Klage bedroht. Als sie sich am nächsten Morgen beschämt krankschreiben lassen will und deshalb zu ihrem Allgemeinmediziner geht, ist Dr. Hofmann sein Vertreter, der ihr Einlagen verordnet. Sie schreibt ihm ihre Telefonnummer auf den Rezeptblock “Rufen Sie mich an, wenn Sie auch meine guten Seiten kennenlernen wollen!”, blöderweise hat sie aber Jos Telefonnummer erwischt, Handies hat es, als der Roman geschrieben wurde, offenbar noch nicht gegeben, nur Anrufbeantworter, so sitzt Cora wartend vor dem ihren, bis Jo anruft und erzählt, “Stell dir vor, da ist mir etwas Seltsames passiert!”
Cora schafft es auch Dr. Hofmann mit der richtigen Verzögerung zurückzurufen. Sie hat da einen Hausfreund, der sie berät, wie lange man einen Mann warten lassen muß, geht mit epilierten Beinen und dem richtigen Minikleid mit ihm essen. Dafür hat sie beim Italiener ein Katzentischchen bekommen, wie gut, daß Dr. Hofmann dort Stammgast ist, für den der schöne Tisch, den sie eigentlich wollte, bereitsteht. Sie hat auch Karteikärtchen mit den richtigen Gesprächsthemen in der Handtasche, dann fahren sie mit getrennten Taxis nach Hause. Dr. Hofmann hat sie aber ein paar Tage später in seine Wohnung eingeladen. Mit Schluckauf kommt sie dort an, der erst vergeht, als er meint, daß er ohnehin zu einem Patienten muß, das nennt sich nach Viktor Frankl paradoxe Intention und wirkt so gut, daß Cora, wenn sie wollte, in seinem Schlafzimmer landen hätte können, aber eine gute Frau macht sich rar und trifft sich erst ein paar Tage später, bei einem Fest eines Schönheitschirurgen, mit ihm, der selbst nicht so schön, aber reich und erfolgreich ist, so daß sich auch in seinem Nobelschuppen das Buffet biegt. Die Beiden fahren aber in Dr. Hofmanns Wohnung und haben schönen Sex und nun die Frage an Big Jim, den harmlosen Freund Coras, wie lange soll sie warten, darf sie oder muß er anrufen, damit sie sich nichts vergibt? So vergehen die Stunden an diesem Samstagabend. Cora macht sich schön, spricht mit der Nachbarin, die zum zweiten Mal schwanger wird und in Coras Wohnung, die schöne Vase aus China zerbricht, weil ihr Rüdiger nicht begeistert darauf reagierte. Die Traumfrau Jo kocht Spaghetti und bringt eine Flasche Champus mit und als Cora doch anruft, ist Dr. Hofmann nicht zu Hause. Was tut man in diesen Fällen? Den Christbaum, der noch von Weihnachten am Balkon liegt, ohne Schuhe im Park entsorgen, blöd nur, daß Cora dort ihren Daniel mit Ute Koszlowski oder Carmen Händchen haltend trifft.
Ach du liebe Scheiße, vorher hat sie Jo oder Jim noch gestanden, daß sie von Daniel gern “Meine Liebste!”, genannt werden will, nur die Männer sind so einfallslos, aber jetzt ist ohnehin alles aus und Cora Hübsch die “dämmlichste, unattraktivste, dümmste Nuß und Kuh!”, die sich nur noch in den klassischen Trennungsphasen üben kann. Oder nicht, denn auf dem Heimweg muß sie beim Italiener vorbei, wo alle Pärchen Händchen halten und Weißwein trinken. Da trifft sie Ute, trinkt mit ihr ein Mineralwasser, um von ihr zu erfahren, daß sie lesbisch ist und nur mit Daniel ausgeht, damit ihre Karriere als Schauspielerin nicht gefährdet ist.
In Wahrheit ist Daniel schwer in Cora verliebt, das hat er Ute gerade im Park erzählt und auch, wie sehr es ihm imponierte, daß Cora, am letzten Montag oder war es Mittwoch, nicht mit ihm ins Bett gegangen ist.
“Wow!” und nun nichts als zum Telefon! Wem wunderts, daß sich um 00.01 Dr. Hofmann meldet und “Na endlich, Cora, meine Liebste!”, sagt.
Ildiko von Kürthy wurde 1968 in Aachen geboren, lebt in Hamburg, ist oder war Redakteurin beim Stern und alle ihre Bücher wurden Bestseller.

Gold

“Gold” sammelt Sybille Bergs Reiseberichte, Portraits und Artikel, die von ihr Ende der Neunzigerjahre in verschiedenen Zeitschriften erschienen oder nicht erschieden sind. Der Umschlag des KiWi Taschenbuchs, ein Fund aus dem Bücherschrank, trägt diese Farbe, deshalb heißt das Buch wahrscheinlich so. Einen anderen Grund wüßte ich nicht, es gibt aber ein Vorwort der Autorin, die schreibt “Das ist ein schönes Buch. Das Äußere ist dezent und wertig, und der Inhalt kann sich sehen lassen. ….Ein Buch, das Ihnen und Ihren Freunden bestimmt viel Freude schenken wird.”
Die 1962 in Weimar Geborene und in Zürich Lebende ist also sehr selbstbewußt. Ich kenne ihren Namen, seit ich, ich glaube, das war in Leipzig, “Das Nähkästchen des erfolgreichen Schreibens”, ein Schreiblernbuch der Cornelia Goethe Akademie von Claus Vainstain bekommen habe, denn der führt Sybille Bergs 1997 erschienenen Roman “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot”, als positives Beispiel für das erfolgreiche Schreiben an.
2009 stand sie mit ihrem Roman “Der Mann schläft” auf der Longlist des dBps. Da habe ich von ihr ein Interview in einer Talkshow gesehen, das mir sehr trivial vorgekommen ist und jetzt hatte ich einen Reportagenband in der Hand, obwohl ich Kurzgeschichten ja eigentlich nicht so mag und bin sehr beeindruckt, das war Lesen sehr interessant und der Eindruck, daß Sybille Berg eine sehr ambivalente Autorin sein muß, hat sich bestätigt.
In dem Buch geht es, könnte man sagen, um Gott und die Welt, um die Liebe, um Städte, um Mode, um Gefühle, Tiere etc, um alles was Platz in Kolumnen des Zeitmagazins, Stern, Annabelle und anderer Zeitschriften hat und es sind zwischendurch immer wieder Leserbriefe abgedruckt, die als Fanpost bezeichnet werden.Hier zeigt sich wiedermal Sybille Bergs Ambivalenz, die Leserbriefe sind nämlich durchaus negativ, beschimpfen die Autorin, meinen sie wäre trivial, hätte die Sachen nicht verstanden, ein zu einfaches Weltbild, etc und fühlen sich durch den flapsigen Ton verarscht. Da gibt es beispielsweise einen “Tanz den Goethe” genannten Artikel über Weimar, mit entsprechenden Leserbrief, in dem sie die Goethe Verehrung der kleinen Stadt schildert, die an jedem Haus eine Tafel hat “Hier hat der Meister gepinkelt oder einen Schuldfreund” etc und den Bussen mit den mittelalten Damen, die dort hingefahren wurden, die die Ossis mit “Wissen Sie, wie ich Sie beneide, daß Sie in dieser Stadt leben dürften!”, ansprachen, die sich nur dachten, wie gerne sie mit den Bildungstouristen tauschen würden. Da ist mir erst klar geworden, daß Sybille Berg aus Weimar stammt, ich hatte sie eigentlich für eine Schweizerin gehalten und diesen Artikel, wie sehr viele anderen excellent und gut beschrieben gefunden, ein bißchen flapsig ja, aber ich habe verstanden, was sie meint und worum es geht. Dann kommt ein Artikel über Wien, der mich natürlich interessierte und hier lese ich, daß die Autorin an einem Bahnhof ankommt, mit einem Taxi fährt, alle Leute “Heil Hitler” sagen und sie ein esoterisches Geschäft betritt, sonst kommt nichts vor, keine Mozartkugeln, kein Stefansdom, etc, nun bin ich in Wien schon sehr oft in Geschäfte gegangen, mit “Heil Hitler!”, hat mich noch niemand begrüßt, mit “Grüß Gott!”, sehr wohl und das sage ich immer noch oft genug, obwohl ich es mir eigentlich abgewöhnen will, das mag einen Deutschen, wenn er nicht aus Bayern stammt, vielleicht ungewöhnlich vorkommen, ansonsten würde ich aus dem Artikel Wien nicht erkennen, das könnte irgendeine Stadtbeschreibung sein und Sybille Berg muß nicht hiergewesen sein.
Es gibt einen Artikel über Gunilla von Bismark und die Reichen und die Schönen in Marbella, treffend beschrieben, obwohl ich noch nicht dort war, denke ich mir, das wird so sein, einen über Kambodscha, der auch Widerspruch erregte. Ein Glücksforscher hat behauptet, die Menschen in Bangladesch seien am glücklichsten, Sybille Berg beschreibt, die Armut dort und macht sich über den Glücksforscher lustig, brillant, brillant. Die Sinnlosigkeit des Lebens wird meiner Meinung nach auch sehr großartig und beeindruckend geschildert. Ein Artikel macht sich über den Jugendwahn lustig, einer über blasierte Verkäuferinnen in Nobelboutiquen, die nichts tun, als ihre Kundinnen verscheuchen, Sybille Berg wirds erlebt haben.
Ein paar Artikel habe ich nicht ganz verstanden, bzw. erschienen sie mir eher nichtssagend, wie zum Beispiel den über Wien. Wieso so hat sie sich nicht über die Morbidität und die Mozartkugeln etc lustig gemacht?
Einige Artikel sind Erstdrucke, weil sie vom Stern oder auch vom Suhrkamp abgelehnt wurden.
“Quietschende Städte” beispielsweise, weil er als nicht modern genug empfunden wurde. Suhrkamp wollte “Hundert Worte des Jahrhunderts” von ihr haben, lehnte den erhaltenen Artikel “Faschismus” ab “weil er in keinster Weise den Leser und Höerererwartungen entsprechen würde”, bezahlt aber, da es eine Auftragsarbeit war, fünfhundert Mark dafür. Der Artikel beschreibt wieder etwas flapsig einen Kleinbürger, der das Haus seines Nachbars, der ihm störte, abbrannte und dabei sein triviales Leben schildert. Zahm würde ich sagen und schon hundertmal gehört, aber treffend im Bergschen Ton beschrieben und die muß über viel Humor verfügen, weil sie sich mit ihrer Fanpost und ihrem Vorwort über sich selber lustig macht. Und das findet man nicht sehr oft, diese Ehrlichkeit und hat mich sehr beeindruckt, so daß ich die schon etwas “antiquierten” Reise- und Lebensbeschreibungen der Neunzigerjahre sehr genossen habe, reist Sybille Berg ja beispielsweise mit Kanzler Schröder auf Werbetour, wer war das noch? Mit Mark oder Schillingen bezahlen wir auch nicht mehr. Es gibt auch ein paar Rezensionen, beziehungsweise Autorenbeschreibungen, die über Amelie Frieds antifaschistischen Schutzwall im “Mann von nebenan”, das der Stern seltsamerweise auch nicht abdruckte und eine beinahe Liebeserklärung an Haruki Murakami, beispielsweise, den sie nach Tokio folgte.
Köstlich würde ich sagen, viel gelernt und Sybille Berg muß eine sehr intelligente Person sein, die mich irgendwie an Else Buschheuer erinnerte, die ja auch aus Ostdeutschland stammt und sehr selbstbewußt sein dürfte.

Von Pennern und den Festwochen

Am Freitag den 13. ging es los, der duftende Doppelpunkt hatte es schon angekündet, Säcke gebastelt, Bücherpäckchen geschnürrt und den sechsten Teil der literarischen Wanderung so intensiv gemacht, daß ich gepasst habe und in den Texten der Anthologie nicht nachgezählt habe, wo überall die Worte “Aufruf” “Fleischwolf” etc vorkommen. Habe ich ja ohnehin schon den ersten Teil der Anthologie gewonnen. Der zweite “Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfe und arbeitsscheues Gesindel!”, wurde um 18 Uhr im Lesesaal der AK Bibliothek für Sozialwissenschaften vorgestellt, dort war ich schon vor einem Jahr, bei der Bibliothek der ungelesenen Bücher mit Julius Deutschbauer und Ilse Kilic und habe auch gleich eine literarisch interessierte Krankenschwester getroffen, bei der ich einmal Supervision machte. Das zum Wechsel meiner Rollen und Austausch meiner zwei Identitäten, das passiert mir ja manchmal, daß ich bei literarischen Veranstaltungen Leute treffe, die von Supervisionen etc kenne und manchmal sprechen mich auch Psychotherapeuten an und diesmal hat es auch gepasst, ist es ja um die Arbeitswelt gegangen.
Gerald Grassl hat die Zeitschrift “Tarantel” verteilt, nach der in einem von Petra Öllingers Gewinnspielen gefragt wurde, Werner J. Grüner hat sich neben mich gesetzt und ein Herr vom ORF hat eröffnet und den duftenden Doppelpunkt und seine Atthologie vorgestellt. Und das ist ja ein bißchen kompliziert, den Blog gibt es seit 1. Mai 2005, also schon sehr lange und zum ersten Geburtstag ist Petra Öllinger und Georg Schober, der Literaturpreis zum Thema “Arbeitswelt” eingefallen, was, das habe ich schon geschrieben, eine sehr wichtige Intitiative ist, geht meiner Meinung ja das realistische Schreiben im Literaturbetrieb unter und die beiden Standbeine, die es gab, den Max von der Grün Preis der OÖ Arbeiterkammer und den Luitpold Stern Preis gibt es schon lange nicht mehr.
Bei Beiden habe ich regelmäßig mitgemacht, beim Max von der Grün Preis wurde ich zweimal zu einer Schreibwerkstatt eingeladen, im Jahr 1887, ich bin gerade von der HNO-KLinik weggegangen, habe ich teilgenommen und einer der Juroren hat mir geflüstert, daß ich mit meinem “Slavica”-Text fast gewonnen hätte. Sehr tröstlich, das habe ich nur dreimal beim Luitpold Stern Preis in Wien, 2000, 2003 und 2005, wenn ich mich nicht irre, dann kam der BAWAG-Skandal, in deren Folge die Gewerkschaft den Preis einstellte, bevor sie das aber tat, hat sie mich 2000 in ihre Schreibwerkstatt eingeladen, die vierzehntägig im Palais Strudlhof, das jetzt ein Hotel ist, unter der Leitung von Eveline Haas stattfand, zu der ich sehr gerngegangen bin und dort auch Petra Öllinger kennenlernte. Auf deren duftenden Doppelpunkt, bin ich schon früher gestoßen, habe aber länger nicht mehr hineingeschaut und bin erst durch das sechsteilige Gewinnspiel wieder hingekommen und finde diese Inititative sehr löblich. Georg Schober hat die AK Bibbliothek vorgestellt, die 1922 gegründete wurde, einige bedeutende sozialistische Bibliotheken, darunter die Viktor Adlers aufkaufte, im Faschismus einen Teil ihrer Bücher verlor, 1960 in ein neues Haus zog, das 2006 renoviert wurde und seit 2008 AK-Bibliothek für Sozialwissenschaften heißt und mir schon deshalb bekannt ist, weil der Karli, Alfreds bester Freund, dort Bibliothekar ist. Zu dem Wettbewerb ist zu sagen, daß es diesmal ein bestimmtes Thema gab, daß die Teinahme niederschwellig ausgerufen wurde, also alle die noch keine eigenständige Publikation hatten, teilnehmen konnten, da wäre ich schon ausgeschlossen gewesen, zweihundert haben sich beteiligt, offenbar auch viele aus Deutschland, zehn Texte wurden in einer ersten Stufe ausgewählt, die bekamen einen Tutor und erarbeiteten mit ihm einen Text, die vier Preisträger mit ihren vier Tutoren wurden vorgestellt.
Interessante Texte und interessante Leute, wie Dr. Klaus Unterberger vom ORF launig erklärte, einen der zwei dritten Preise hat zum Beispiel eine sehr selbstbewußte Bankerin gewonnen, sie hat eine sehr beeindruckende Entlassung im Finanzjargon beschrieben. Ihr Tutor war ein ehemaliger Lehrer, dessen Text “Fristlos” nach einer wahren Geschichte schildert, wie eine Kassierin vom Kaufhausdetektiv beim Stehlen erwischt wird, fristlos entlassen werden soll, aber sie ist bei der Gewerkschaft und ihr Freund, ebenfalls ein Kaufhausdetektiv, beseitigt das Beweismaterial. Alfred Ciperas “Zwischentöne” schildert im Dialekt die Mulitkultigesellschaft der Arbeitswelt und die Tutorin Barbara Finke-Heinrich “Auszüge aus ihrem Pflegetagebuch”. Dann kam eine Clownin und Feuerschluckerin mit einem Text namens “zerschnipselt,” wo aus Ersatzstücken und Werbetexte eine Zugfahrt geschildert wird. Ja richtig, das habe ich vergessen, das Thema war “Arbeitswelt und Sprache”, so ist vieles sehr kunstvoll gewesen, wie beispielsweise der Tutorentext “Marketing”, der von einer Steuerberaterin kam. Da hat eine Frau ein Date mit einem Mitarbeiter und sie geht es bilanztechnisch an, als Risikofaktor und high bzw. flate rate, wie gut, daß der letzte Satz der beratenden Freundin “Muß Liebe schön sein!” laute.
Der erste Preisträger war ein Mann namens Sven Köther. Sein Text hieß “Die Frechheit” und schloß thematisch an, da wird eine Verkaufsabteilung neu übernommen, der neue Chef will alles besser machen und verwendet dabei lauter englische Floskeln, so daß der Protagonist ihn mit einer Pistole besucht und als letzten Satz “Reden Sie Deutsch!”, zu ihm sagt.
Nachher gabs die Preisverleihung, die Preisträger bekamen die gebastelten Säcke, Bücherpakete und eine Ukunde. Ein Buffet der technisch gewerblichen Abendschule, Brötchen und in Schokolade getunktes Obst, ein bißchen Smalltalk mit Petra Öllinger und weil es so früh begonnen hat, war nicht nur Zeit für die Festwocheneröffnung am Rathausplatz, es ist sich sogar noch ausgegangen ins Museumsquartier zu schauen, wo gerade ein Bücherflohmarkt zugunsten Japans stattfindet. Eine diese seltsamen Aktionen, die Verlage spenden Bücher, die man um einen bis drei Euro kaufen kann und der Erlös soll den Erdbebenopfern helfen. Nun gut, zum Normalpreis würde ich sie nicht kaufen und neue Bücher um drei Euro sind sehr günstig, obwohl die Buchhandlung Kuppitsch dem offenen Bücherschränken eine Kollektion gespendet hat und da bin ich gestern offenbar richtig gewesen und habe einen der Wien Krmins von Gerhard Loibelsberger und “Drei starke Frauen” von Marie NDiaye, 2010 bei Suhrkamp erscheinen, erwischt.
Leselustfrust hat den Flohmarkt auf ihren Blog sehr enthusiastisch angekündigt, dann war es halb so schlimm, ein paar Restposten auf langen Tischen, die Autoren an der Kasse schon weg, aber Helmut Schneider von Wien live, die das Ganze offenbar veranstaltet, hat mir die Bücher verkauft. Dan Lungu “Das Hühnerparadies”, der ersten Teil einer Trilogie, wo ich bei der Vorstellung von Teil II vor zwei Jahren ich in der Hauptbücherei gewesen bin und mich Herwig Bitsche noch nicht nach dem Buch fragen traute, habe ich aber bekommen und eine sehr zerfledderte “Pastetenlust” von Pierre Emme, das Leselustfrust glaube ich, einmal sehr begeistert besprochen hat und dann noch Xaver Bayers 2008 erschienenen Geschichtenband, den ich für die Buchpreisjury durchgesehen habe und einen Ludweig Fels, ebenfals bei Jung und Jung erschienen. Vier Bücher um sieben Euro , wann ich die wohl lesen werde? Aber es war ja für eine gute Sache, kann ich mir einbilden und den Peter Handke habe ich ohnehin liegenlassen. Danach mit der U-Bahn, ab siebzehn Uhr gab es Freifahrt, zum Rathausplatz und da gab es auch ein Jubiläum, nämlich “Sechzig Jahre Wiener Festwochen” Zu den Eröffnungskonzerten am Rathausplatz gehe ich ja gerne, jetzt war ich zwar schon länger nicht, weil voriges Jahr wahrscheinlich gleichzeitig der Theodor Kramer Preis, vor zwei Jahren habe ich, aber glaube ich, berichtet und es war interessant, nämlich eine große Chorvereinigung, mit diesmal drei Außenbühnen, die übertragen wurden, in Melk, Tirol und am Wörtersee. Dirk Stirmann hat moderiert, am Schluß haben alle Beethovens “Ode an die Freude gesungen.